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The Rudolf Steiner Archive

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Nordic and Central European Spiritual Influences
The Feast of the Epiphany
GA 209

7 December 1921, Berlin

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Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse, tr. SOL
  1. Nordische und mitteleuropäische Geistimpulse

Vater-Bewusstsein und Christus-Bewusstsein

Father Consciousness and Christ Consciousness

[ 1 ] Was ich heute werde zu sagen haben, wird in einemgewissen Zusammenhang stehen mit den Ausführungen, die ich das letzte Mal hier vorbringen durfte, und wird daher auch an manches aus diesen Ausführungen Bekannte anzuknüpfen haben. Ich möchte heute von dem Materialismus der religiösen Bekenntnisse der Gegenwart sprechen, aber ich möchte dies tun im Zusammenhang mit einer gewissen Seite des Christus-Problems. Gerade beim Christus-Problem setzt eine ganze Reihe von Mißverständnissen gegenüber der anthroposophischen Forschungsarbeit ein, und von der Zerstreuung dieser Mißverständnisse, wenn sie auch bei denen, die sie mit einem gewissen Interesse offenbaren, nicht zu erwarten ist, dürfte aber bei anderen doch einiges abhängen.

[ 1 ] What I have to say today will be related in a certain way to the remarks I was able to present here last time, and will therefore also build upon some of the familiar points from those remarks. Today I would like to speak about the materialism inherent in contemporary religious beliefs, but I would like to do so in connection with a certain aspect of the Christ problem. It is precisely with regard to the Christ problem that a whole series of misunderstandings regarding anthroposophical research arises; and while we cannot expect these misunderstandings to be dispelled—even among those who express a certain interest in them—much may nevertheless depend on others.

[ 2 ] In den neuesten Phasen der abendländischen Zivilisationsentwickelung haben wir allerlei Hinneigung zu ausgesprochen atheistischen Auffassungen der Welt erlebt. Es kann heute nicht meine Aufgabe sein, auf die verschiedenen Nuancen des Atheismus, wie er aufgetreten ist, hinzuweisen; allein auf etwas möchte ich doch aufmerksam machen, was eine gemeinsame Grundlage einer jeglichen atheistischen Weltauffassung ist. Es ist dies ein Nichthinschauen auf das, woraus eigentlich der Inhalt des Gottesbewußtseins kommt. Das Gottesbewußtsein kann nicht allein aus der Betrachtung der äußeren Natur kommen, sondern aus dem ganzen Zusammenleben des Menschen mit der äußeren Natur, mit der Sinneswelt. Es wird vielleicht paradox erscheinen, daß ich sage, das Gottesbewußtsein müsse aus dem Zusammensein des Menschen mit der Sinneswelt kommen. Dieses Gottesbewußtsein muß man aber nicht nehmen sozusagen als die Erfüllung eines Augenblickes, sondern als den Inhalt des Erdenlebens von der Geburt bis zum Tode. Wir fühlen uns in diesem Erdenleben zunächst als zusammengehörig mit der Natur durch die Vererbung. Auf dem Wege rein natürlicher Vorgänge sind wir als physische Menschen in dieses Erdendasein getreten. Wir gewahren, indem wir dieses Erdendasein durchlaufen, eine gewisse Entwickelung dessen, was uns durch unsere Geburt in dieses Dasein herein zugekommen ist. Nun handelt es sich darum, ob wir sorgfältig genug — natürlich meine ich das nicht verstandesmäßig allein, sondern auch empfindungsgemäß und aus den Willensimpulsen heraus, die wir da auch haben und erleben müssen —, ob wir eine gewisse Erfüllung unseres Bewußtseins gewinnen für das Zusammenleben mit der äußeren Sinneswelt im Verlaufe unseres Erdendaseins. Wenn wir rein durch die populäre Erfahrung zusammenfassen, was uns die Sinneswelt alles geben kann, werden wir allerdings niemals dahin kommen, unser volles Menschenwesen zu erfühlen, wenn wir die Sinneswelt und das, was sie mit uns zusammen sein kann, nicht durchgeistigt denken. Wir könnten, auch wenn wir noch so sorgfältig alle Geheimnisse prüfen, die uns die äußere Sinneswelt auf dem Wege der sinnlichen Anschauung geben kann, doch niemals zu einem Verständnisse dafür kommen, daß in diese Sinneswelt auch der Mensch hineingestellt ist. Da wir aber als physische Erdenwesen dennoch aus dieser Sinneswelt hervorgegangen sind, aber aus ihren Ingredienzien niemals uns als Mensch begreiflich finden können, so folgt daraus für ein gesundes Bewußtsein einfach die Erfüllung dieses Bewußtseins mit dem Gotteswesen beziehungsweise mit der Anschauung des Gotteswesens.

[ 2 ] In the most recent phases of the development of Western civilization, we have witnessed all manner of tendencies toward distinctly atheistic worldviews. It is not my task today to point out the various nuances of atheism as it has manifested itself; but I would like to draw attention to one thing that serves as a common foundation for any atheistic worldview. This is a failure to consider the very source from which the content of the consciousness of God actually arises. The consciousness of God cannot arise solely from the observation of external nature, but rather from the entirety of human coexistence with external nature, with the sensory world. It may seem paradoxical that I say the consciousness of God must arise from the human being’s coexistence with the sensory world. However, this consciousness of God must not be understood, so to speak, as the fulfillment of a single moment, but rather as the content of earthly life from birth to death. In this earthly life, we initially feel a sense of belonging to nature through heredity. Through purely natural processes, we have entered this earthly existence as physical human beings. As we pass through this earthly existence, we perceive a certain development of what has come into this existence through our birth. The question now is whether we are careful enough—and of course I do not mean this in an intellectual sense alone, but also in terms of feeling and the impulses of the will that we also possess and must experience—to attain a certain fulfillment of our consciousness in our coexistence with the external sensory world in the course of our earthly existence. If we summarize, purely on the basis of common experience, all that the sensory world can offer us, we will certainly never come to fully sense our human nature unless we think about the sensory world—and what it can be to us—in a spiritualized way. Even if we were to examine with the utmost care all the mysteries that the external sensory world can reveal to us through sensory perception, we could never come to understand that human beings are also placed within this sensory world. But since we, as physical beings on Earth, have nevertheless emerged from this sensory world, yet can never comprehend ourselves as human beings from its constituent elements alone, it follows for a healthy consciousness that this consciousness must simply be filled with the divine being—or rather, with the vision of the divine being.

[ 3 ] Das hat ja gerade die neuere Naturwissenschaft, trotz ihrer großen, umfassenden Erfolge, der Menschheit gebracht: daß sie, weil sie ein Geistiges als solches innerhalb der Sinneswelt nicht anerkennen will, den Menschen aus dem Gesamtdasein, das sie umfassen will, gewissermaßen herausstellt. Ich habe das auch schon vor Ihnen ausgesprochen dadurch, daß ich sagte: Betrachten wir zum Beispiel die in vieler Beziehung gewaltige Entwickelungslehre der neueren Zeit, so finden wir darin eigentlich nicht vom Menschen als «Menschen» gehandelt, sondern als Abschluß, gewissermaßen als Krönung der Tierwelt. Wenn wir die Naturwissenschaft, wie sie heute beschaffen ist, um das Wesen des Menschen befragen, so antwortet sie uns, wenn wir sie recht verstehen, eigentlich nicht. Sie antwortet uns nur auf die Frage: Welches ist das höchste der Tiere? Das heißt, sie betrachtet den Menschen nur in bezug auf sein Tiersein. Mit dem, was sie darüber vorzubringen hat, hat sie in vieler Beziehung recht, aber sie stellt dadurch den Menschen sozusagen außerhalb der Sphäre ihrer Betrachtung. Sie kann mit ihren Mitteln auf die Frage nach dem Wesen des Menschen gar nicht antworten, ja sie kann sich sogar nur richtig verstehen, wenn sie diese Frage nach dem Wesen des Menschen als außerhalb ihres Reiches erklärt.

[ 3 ] This is precisely what modern science, despite its great and far-reaching achievements, has brought to humanity: because it refuses to recognize the spiritual as such within the sensory world, it effectively excludes human beings from the totality of existence that it seeks to encompass. I have already expressed this to you by saying: If we consider, for example, the theory of evolution of modern times—which is formidable in many respects—we find that it does not actually treat human beings as “human beings,” but rather as the culmination, so to speak, the crowning achievement of the animal kingdom. When we ask natural science, as it stands today, about the nature of the human being, it does not actually answer us—if we understand it correctly. It answers only the question: Which is the highest of the animals? That is to say, it considers the human being solely in relation to his or her animal nature. In many respects, it is correct in what it has to say on the matter, but in doing so, it places human beings, so to speak, outside the sphere of its consideration. With its current methods, it cannot answer the question of the nature of human beings at all; indeed, it can only truly understand itself if it declares this question to be outside its realm.

[ 4 ] Das soll natürlich nur ein Hinweis sein auf das Empfinden, das aus der Ganzheit eines gesunden Menschen folgt, daß gerade, insofern er sich im Zusammenhange mit der ganzen Natur betrachtet, er doch eigentlich zu dem Gottesbewußtsein kommen müsse, aber eben zunächst nur zu dem Gottesbewußtsein, nicht zu dem Christus-Bewußtsein.

[ 4 ] This is, of course, merely a reference to the feeling that arises from the wholeness of a healthy human being—namely, that precisely because he views himself in connection with all of nature, he must ultimately arrive at an awareness of God, but initially only at an awareness of God, not at an awareness of Christ.

[ 5 ] Nun kann also der Mensch, indem er seinen gesunden Verstand, sein gesundes Empfinden anwendet, durchaus nicht Atheist sein. Ich habe dies auch hier schon dadurch ausgesprochen, daß ich sagte: Wenn auch selbstverständlich nicht jede leise Erkrankung mitgewöhnlichen Mitteln diagnostiziert werden kann, so ist doch klar für jeden, der den gesunden Menschen von dem kranken unterscheiden kann, daß zunächst der Atheismus nur in einer krankhaften Veranlagung der menschlichen Gesamtnatur seinen Platz finden kann. Daher wird man sagen können: Gott ableugnen, ist eigentlich die Folge eines Krankseins. — Aber nun handelt es sich um folgendes: Wir kommen zu diesem Gottesbewußtsein in der heutigen Epoche der Menschheitsentwickelung, ich möchte sagen, nur in einer schwankenden, zweifelnden Weise, wenn wir alles übersehen; denn hier muß aufmerksam gemacht werden auf einen bedeutsamen Mangel unserer gegenwärtigen Pädagogik, jenen Mangel, auf den zum Beispiel gerade die Waldorfschulrichtung korrigierend wirken will. Wenn man von dem Verfall der heutigen Zivilisation spricht, so kann man eigentlich nicht vorübergehen an der heutigen Jugendbewegung. Diese Jugendbewegung bedeutet viel mehr, als man gewöhnlich meint, und ich betrachte es als etwas außerordentlich Bedeutsames eigentlich, daß gerade bei einer Anzahl von Veranstaltungen unserer anthroposophischen Bewegung in der letzten Zeit, auch beim letzten Stuttgarter Kongreß, sich immerhin eine stattliche Anzahl von Angehörigen der Jugendbewegung eingefunden hatte und damals eigentlich den ganz positiven Entschluß gefaßt hat, auch von dem Gesichtspunkt der Jugendbewegung aus, sich zusammenzuschließen mit dem, was durch die anthroposophische Geistesströmung gewollt wird. Man mag über die Einzelheiten dieser Jugendbewegung denken, wie man will, aber man muß doch einsehen, daß in einem großen Teil unserer Jugend verblaßt ist die Autorität gegenüber der älteren Generation, die der Jugend Führer sein soll. Auch wenn man viel Kritisches über diese heutige Jugend sagen mag, so kann man doch nicht an der Einsicht vorbeikommen: Wenn die Jugend erst sagt, daß sie keine Autorität mehr anerkennen kann, so wie sie es eben findet, so kann nicht etwa nur der Jugend die Schuld daran zugeschrieben werden, sondern es muß dem Alter, das der Jugend Führer sein sollte, die Schuld zugeschrieben werden. Es ist neulich einmal gelegentlich eines Vortrages, den ich in Aarau in der Schweiz hielt, gerade diese Frage der Autoritätslosigkeit der heutigen Jugend besprochen worden. Da ist nach dem Vortrage zunächst ein Religionsvertreter aufgetreten, der weidlich über die gegenwärtige Jugend schimpfte. Aber gerade mit diesem Schimpfen erreicht man gegenüber etwas, was so elementar hervortritt, eigentlich nicht viel. Man muß die Dinge verstehen. Es war interessant, als dann danach ein ganz junger Bursche der Kantonsschule selber — die Kantonsschule dort ist durchaus eine Realschule — aufgestanden ist, der eigentlich meiner Empfindung nach die beste Diskussionsrede gehalten hat. Mit einem großen Feuer trat er auf und sagte: Wir möchten ja Autorität, wir lechzen eigentlich nach Autorität, aber wenn wir hinschauen nach den Alten, sehen wir denn etwas anderes, als daß von diesen Alten gar keine Autorität herkommen kann? Wir sehen, wie sie sich bei jeder Gelegenheit befehden, sich in den Haaren liegen. — Und dann zählte er allerlei auf, was so die Jugend heute an den Alten bemerkt, und zum Schluß sagte er dann: Wir lechzen ja nach Autorität, aber wir können sie nicht haben!

[ 5 ] Thus, by using their common sense and sound judgment, people cannot possibly be atheists. I have already expressed this here by saying: Even though, of course, not every minor illness can be diagnosed by ordinary means, it is nevertheless clear to anyone who can distinguish a healthy person from a sick one that, first of all, atheism can find its place only in a pathological predisposition of human nature as a whole. Therefore, one can say: Denying God is actually the result of being sick. — But now the point is this: In the present epoch of human development, we arrive at this awareness of God—I would say, only in a wavering, doubtful way—if we take everything into account; for here attention must be drawn to a significant shortcoming in our current educational system, the very shortcoming that the Waldorf school movement, for example, seeks to correct. When one speaks of the decline of today’s civilization, one cannot really overlook the current youth movement. This youth movement means much more than is usually thought, and I actually regard it as something extraordinarily significant that, particularly at a number of recent events of our anthroposophical movement, including the most recent Stuttgart Congress, a considerable number of members of the youth movement have gathered and actually made the very positive decision to unite—from the perspective of the youth movement as well—with what is intended by the anthroposophical spiritual current. One may think what one will about the details of this youth movement, but one must nevertheless recognize that, for a large portion of our youth, authority has faded in relation to the older generation, which is supposed to be their guide. Even if one may have many critical things to say about today’s youth, one cannot ignore this insight: If young people say that they can no longer recognize authority as it currently exists, the blame cannot be placed solely on the youth; rather, it must be attributed to the older generation, which is supposed to guide them. Recently, during a lecture I gave in Aarau, Switzerland, this very issue of the lack of authority among today’s youth was discussed. After the lecture, a religious leader took the floor and railed at length against today’s youth. But such ranting actually accomplishes very little in the face of something so fundamentally evident. One must understand the issues. It was interesting when, afterward, a very young student from the cantonal school itself—the cantonal school there is definitely a secondary school—stood up and, in my opinion, delivered the best speech in the discussion. He spoke with great passion and said: “We do want authority—we actually crave authority—but when we look at the older generation, do we see anything other than the fact that no authority can come from them at all?” We see how they quarrel at every opportunity, how they’re at each other’s throats.” — And then he listed all sorts of things that young people today notice about the older generation, and in conclusion he said: “We do crave authority, but we can’t have it!”

[ 6 ] Durchschaut man aber, um was es sich dabei handelt, so findet man, daß die heutige Zivilisation im hohen Grade intellektualistisch geworden ist, daß eigentlich alles, was sich heute für tonangebend und autoritativ hält, intellektualistisch, rein verstandesmäßig geworden ist. Im Grunde genommen gehören Naturwissenschaft und Verstandeskultur zusammen. Die Naturwissenschaft ist das Objektive, die Verstandeskultur das Subjektive. Aber die Verstandeskultur, der Intellektualismus, tritt auf eine naturgemäße Weise nur in einem bestimmten Lebensalter auf. Als Kind kann man gar nicht intellektualistisch sein. Kinder sind nicht Intellektualisten. Der Intellektualismus kann eigentlich erst nach der Geschlechtsreife auftreten. Und da die Menschheit nun einmal ganz in den Intellektualismus hineingewachsen ist, so ist heute alles von ihm beherrscht. Diejenigen Bestrebungen, die den Intellektualismus heute oftmals zurückweisen und über ihn schimpfen, tun dies erst recht aus einem andern Intellektualismus heraus. Abstraktlinge sind heute alle, die auf Intellektualismus Anspruch machen. Aber man wächst eigentlich erst in einem späteren Lebensalter in den Intellektualismus hinein, und weil wir davon übermannt werden, verstehen uns die Kinder nicht mehr und können gar nichts mehr übrig haben für diejenigen Gedankenformen, die wir annehmen unter dem Einfluß des Intellektualismus, und wir selbst fühlen gar nicht mehr, was wir aufgenommen haben, als wir Kinder waren. Das kindliche Alter ist gar nicht mehr in voller Lebendigkeit in uns. Wir sind so schrecklich intellektualistisch gescheit geworden, daß das Kind gar keine Rolle mehr in uns spielt. Wir können aber keine Pädagogen, keine Erzieher sein, wenn wir durch und durch verlassen worden sind von dem, was wir selbst als Kinder erlebt haben. So wissen wir den Kindern nichts mehr zu sagen, und sie wachsen ohne eine besondere Pflege ihrer Wesenheit auf. Wir deklamieren, wir müßten anschaulich sein, aber das Anschauliche ist ja nur die objektive Seite des Intellektualismus. Dadurch errichten wir einen Abgrund zwischen uns und der Jugend, und dies tritt uns in der Jugendbewegung entgegen. Aber wieder ist nichts getan, wenn man nur auf den Intellektualismus schimpft. Denn er ist nun einmal als eine notwendige Erscheinung seit den letzten drei bis fünf Jahrhunderten, eigentlich seit dem 13.bis 15. Jahrhundert in die abendländische Zivilisation eingetreten. Er mußte heraufkommen, damit sich die Menschheit so richtig hineinlebt in den Impuls der Freiheit. So daß es sich gar nicht darum handeln kann, den intellektualistischen Impuls bloß zu kritisieren, sondern darum muß es sich handeln, ihn in der richtigen Weise zu verstehen, um gerade durch das Verstehen eine Weiterentwickelung nach einer andern als der intellektualistischen Seite dann anstreben zu können.

[ 6 ] But if one looks closely at what this is all about, one finds that today’s civilization has become highly intellectualistic, that virtually everything that considers itself influential and authoritative today has become intellectualistic, purely rational. Fundamentally, the natural sciences and intellectual culture belong together. Natural science is the objective, intellectual culture the subjective. But intellectual culture—intellectualism—naturally emerges only at a certain age. As a child, one cannot be intellectualistic at all. Children are not intellectualists. Intellectualism can actually only emerge after sexual maturity. And since humanity has now fully grown into intellectualism, everything today is dominated by it. Those who today often reject intellectualism and rail against it do so all the more from the perspective of yet another form of intellectualism. Today, everyone who lays claim to intellectualism is an abstract thinker. But one actually only grows into intellectualism at a later age, and because we are overwhelmed by it, children no longer understand us and can no longer relate to the forms of thought we adopt under the influence of intellectualism; and we ourselves no longer feel at all what we absorbed when we were children. Childhood is no longer fully alive within us. We have become so terribly intellectually clever that the child no longer plays any role in us at all. Yet we cannot be teachers or educators if we have been thoroughly abandoned by what we ourselves experienced as children. Thus, we no longer know what to say to children, and they grow up without any special care for their very being. We proclaim that we must be concrete, but concreteness is, after all, merely the objective side of intellectualism. In this way, we create a chasm between ourselves and young people, and this comes back to haunt us in the youth movement. But again, nothing is accomplished by merely railing against intellectualism. For it has, after all, entered Western civilization as a necessary phenomenon over the last three to five centuries—actually, from the 13th to the 15th century. It had to emerge so that humanity could truly immerse itself in the impulse of freedom. Thus, the point cannot be merely to criticize the intellectualist impulse; rather, the point must be to understand it in the right way, so that, precisely through this understanding, we can then strive for further development toward a direction other than the intellectualist one.

[ 7 ] Und nun müssen wir sagen: Worin liegt das Wesentliche dieses Intellektualismus? Es ist eigentlich schon dadurch angedeutet, daß man hinweist auf den Zusammenhang dieses Intellektualismus mit dem Freiheitsgefühl. Und das Freiheitsgefühl ist wiederum nicht denkbar ohne die volle Entwickelung des menschlichen Ich. Die Ich-Entwickelung ist es eigentlich, die in einer gewissen Weise in der neueren Zeit in der Menschheit heraufgekommen ist und das Ich von der Bewußtseinsseele her ergreift. Das ist das Wesentliche, was den Impuls der neueren abendländischen Zivilisation abgibt. Dieses Ich aber, dessen sich der Mensch seit drei, vier, fünf Jahrhunderten voll bewußt geworden ist, kann zunächst nur kommen aus der menschlichen Leiblichkeit heraus. Das Erleben des Ich zwischen Geburt und Tod kann nur aus der menschlichen Leiblichkeit kommen; das kann geprüft werden insbesondere auch durch anthroposophische Geistesforschung.

[ 7 ] And now we must ask: What is the essence of this intellectualism? It is, in fact, already implied by the fact that one points to the connection between this intellectualism and the sense of freedom. And the sense of freedom, in turn, is inconceivable without the full development of the human “I.” It is actually the development of the “I” that has emerged in a certain way among humanity in recent times and that seizes the “I” from the perspective of the conscious soul. This is the essential element that provides the impetus for modern Western civilization. But this “I,” of which human beings have become fully conscious over the past three, four, or five centuries, can initially arise only from human physicality. The experience of the “I” between birth and death can come only from human physicality; this can be verified, in particular, through anthroposophical spiritual research.

[ 8 ] Einer der bedeutendsten Momente für das ganze Leben nach dem Tode ist der Moment des Sterbens selber. Dieser Moment des Sterbens ist natürlich dem Erdenmenschen nur seiner Außenseite nach bekannt. Seiner Innenseite nach muß er erkannt werden aus jenem Bewußtsein heraus, das der Tote selber hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Ob das nun mehr oder weniger später nach dem Tode auftritt, soll uns jetzt nicht beschäftigen. Wir wollen heute das Bewußtsein, das der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt hat, im allgemeinen vor uns hinstellen. Dieses Bewußtsein ist durchaus davon abhängig, daß der Mensch im Augenblicke des Sterbens einen außerordentlich bedeutsamen Eindruck hat. Bedenken Sie doch nur, daß während des ganzen Lebens zwischen Geburt und Tod der Mensch nur mit seinem Ich und seinem astralischen Leib aus seinem physischen und ätherischen Leib herauskommt, und zwar im Schlafzustand; so daß also während des Lebens zwischen Geburt und Tod ein ständiger, durch nichts unterbrochener Zusammenhang da ist zwischen dem physischen Leibe und dem ätherischen Leibe. Im Tode geht der Mensch mit seinem ätherischen Leibe aus dem physischen Leibe heraus — Sie wissen, er bleibt mit seinem ätherischen Leibe noch tagelang zusammen —, so daß er dieses Erlebnis seines vollen physischen Leibes nur im Moment des Sterbens hat. Man kann nicht, wenn man von etwas eine Erkenntnis haben will, diese anders haben als dadurch, daß man das zu Erkennende außer sich hat. Was sie im Auge haben, sehen Sie nicht, Sie sehen nur das, was außer dem Auge ist. So sehen Sie auch geistig-seelisch nichts, was Sie in sich haben. Sie müssen mit dem Geistig-Seelischen Ihres Wesens erst aus sich herausgehen, dann sehen Sie auf das Äußere Ihres Leibes. Das geschieht in dem Moment des Sterbens in bezug auf die Trennung von ätherischem Leib und physischem Leib. Im Einschlafen hat der Mensch eigentlich nie eine bewußte vollständige Anschauung seines physischen Leibes und Ätherleibes. Diese beiden bleiben beim Einschlafen zurück. Das macht es, daß man, wenn man das schauende Bewußtsein imSchlafe erlangt, nur das menschliche Haupt und den Teil des Rumpfes sehen kann, und daß man eigentlich den Gliedmaßenmenschen im gewöhnlichen Schlafe nicht sehen kann. Erst im Tode, im Sterben, ist der Moment da, wo sich der Mensch in bezug auf seinen physischen Leib vollständig als Objekt vor sich hat, und die ganze Zeit vom Tode bis zur neuen Geburt bleibt dieser Eindruck, ich möchte sagen, als das Ende der Perspektive zurück, auf die man nach dem Tode zurückschaut. Man sieht diesen Moment des Sterbens, denn man würde kein Ich erkennen für sich, würde ich los sein, wenn man das Ich nicht dadurch als Objekt hätte, daß man das, was man sich hier in der physischen Welt zum Bewußtsein bringt, nämlich den vollen physischen Leib, als Gegenstand der Erkenntnis im Moment des Sterbens vor sich hat. Dieser ungeheure Eindruck, daß man sich sagen kann: Was dir dein IchBewußtsein gegeben hat, dein ganzer, dein totaler physischer Leib, das hast du geschaut im Moment des Sterbens! —, das bleibt und bildet den Inhalt des Ich-Bewußtseins zwischen dem Tode und der neuen Geburt, wo ja alles zeitlich wird, wo das Räumliche in einer gewissen Beziehung nicht mehr da ist. Man sieht von jenem Punkte nach dem Tode zurück und sieht als einen wichtigen Punkt, als das Ende der Perspektive — die Richtung geht dann weiter, aber die Strahlen kreuzen sich im Moment des letzten Todes —, jenen Moment des Sterbens. Der ist das, was als «Zeitglied», möchte ich sagen, ebenso wirkt nach dem Tode, wie der räumliche physische Organismus das Ich-Bewußtsein gibt zwischen Geburt und Tod. So daß wir sagen können: Das Ich-Bewußtsein hier im Erdenleben kommt eigentlich aus dem physischen Leibe.

[ 8 ] One of the most significant moments for the entire life after death is the moment of dying itself. This moment of dying is, of course, known to the earthly human being only in its outward aspect. Its inner aspect must be understood from the perspective of the consciousness that the deceased person himself possesses between death and a new birth. Whether this occurs more or less immediately after death is not our concern here. Today we wish to consider, in general terms, the consciousness that a person possesses between death and a new birth. This consciousness is entirely dependent on the person having an extraordinarily significant experience at the moment of death. Just consider that throughout the entire life between birth and death, a person emerges from their physical and etheric bodies only with their I and their astral body—and only during sleep; thus, during the life between birth and death, there is a constant, uninterrupted connection between the physical body and the etheric body. At death, a person emerges from the physical body with their etheric body—as you know, they remain connected to their etheric body for days afterward—so that they experience their full physical body only at the moment of death. If one wishes to gain knowledge of something, one cannot do so except by having the object of knowledge outside oneself. You do not see what is inside your eye; you see only what is outside the eye. In the same way, you do not see anything spiritually or soul-wise that you have within yourself. You must first step outside yourself with the spiritual and soul aspects of your being; only then do you see the outer aspect of your body. This occurs at the moment of death in connection with the separation of the etheric body from the physical body. When falling asleep, a person never actually has a conscious, complete perception of their physical body and etheric body. These two remain behind when one falls asleep. This is why, when one attains a perceptive consciousness during sleep, one can see only the human head and part of the torso, and why one cannot actually see the human being as a collection of limbs during ordinary sleep. It is only at death, in the process of dying, that the moment arrives when a person has their physical body completely before them as an object, and throughout the entire period from death to the new birth, this impression remains—I would say—as the end of the perspective upon which one looks back after death. One sees this moment of dying, for one would not recognize an “I” for oneself—one would be lost—if one did not have the “I” as an object through the fact that what one brings to consciousness here in the physical world, namely the full physical body, is present before one as an object of cognition at the moment of dying. This immense impression—that one can say to oneself: “What your ‘I’ consciousness has given you—your entire, your total physical body—that is what you beheld at the moment of death!”—remains and forms the content of ‘I’ consciousness between death and the new birth, where everything becomes temporal, where spatiality, in a certain sense, is no longer present. From that point after death, one looks back and sees that moment of dying as a significant point, as the end of the perspective—the direction then continues, but the rays intersect at the moment of the final death. This is what I would call the “time-link,” which continues to function after death just as the physical, spatial organism provides the sense of self between birth and death. So that we can say: The sense of self here in earthly life actually comes from the physical body.

[ 9 ] Nun liegt folgendes vor. Sie sehen hinaus durch Ihre Sinne in die äußere Natur. Sie sehen die drei Reiche der äußeren Natur, das mineralische, das pflanzliche, das tierische, dazu das physische Menschenreich. Sie sehen Wolken, Flüsse, Berge, Sterne und so weiter. Alles, was Sie da überschauen, können Sie als «Natur» betrachten, und was Sie da übersehen, das liefert fortwährend auch die Elemente, die auch in den menschlichen Organismus, sowohl in den physischen wie in den ätherischen, eindringen. Sie nehmen mit den Nahrungsmitteln die Stoffe der physisch-sinnlichen Welt auf. Diese Stoffe entfalten ihre physischchemischen Kräfte und Betätigungen, auch wenn sie im menschlichen Organismus sind. Der .Mensch ist sozusagen seinem physischen Organismus nach dasjenige, was er aus der äußeren Natur hereinnimmt. Den Mineralien, Pflanzen, Tieren ist es, wenn ich mich so ausdrücken darf, gestattet, «Natur» zu sein. Sie haben ein Recht darauf, Natur zu sein. Wenn aber das, was in ihnen vorhanden ist, mit Nahrung, Atmung und so weiter in den menschlichen Organismus hereindringt, wird es etwas anderes als Natur. Dann wird es in dem menschlichen Organismus so, daß man sagen kann: Was in der Natur lebt, das darf sich eigentlich, wenn der Mensch «Mensch» bleiben soll, nicht gestatten, Natur zu bleiben. Die Naturwesen haben nur das Recht, Natur zu sein außerhalb des Menschen; innerhalb des Menschen wird die Natur ein zerstörendes Element. Da wird sie das, was diesen fortwährend auflösen will, und was dem Menschen auch seelisch Kräfte beibringt, die nach der Zerstörung hin wirken.

[ 9 ] Now, the situation is as follows. You look out through your senses into the external natural world. You see the three kingdoms of the external natural world—the mineral, the plant, and the animal kingdoms—as well as the physical human kingdom. You see clouds, rivers, mountains, stars, and so on. Everything you can take in with your senses can be regarded as “nature,” and what you overlook there also continually supplies the elements that penetrate the human organism—both the physical and the etheric. Through food, you take in the substances of the physical-sensory world. These substances unfold their physical-chemical forces and activities even when they are within the human organism. Human beings are, so to speak, in their physical organism, what they take in from external nature. Minerals, plants, and animals are, if I may put it that way, permitted to be “nature.” They have a right to be nature. But when what is present in them enters the human organism through food, respiration, and so on, it becomes something other than nature. Then, within the human organism, the situation is such that one can say: What lives in nature must not, if the human being is to remain a “human being,” actually allow itself to remain nature. Natural beings have the right to be nature only outside of human beings; within human beings, nature becomes a destructive element. There it becomes that which constantly seeks to dissolve the human being, and which also instills in the human being spiritual forces that work toward destruction.

[ 10 ] Die älteren instinktiven Bewußtseine der Menschen haben in dieser Beziehung viel richtiger geschaut als der heutige Intellektualismus. Der heutige Intellektualismus geht von Begriffen aus, nicht von den Tatsachen, und wenn die Tatsachen mit den Begriffen nicht stimmen, so deutet er die Erscheinungen nach seinen Begriffen um. Man spricht heute nicht davon, daß Pflanzen, Tiere und Menschen ein Ende finden, sondern man sagt, man solle den Tod untersuchen. Daß das Ende von Pflanzen, das Ende von Tieren, das Ende von Menschen etwas ganz anderes sein könnte, das man nicht unter dem gemeinsamen Begriff des «Toten» fassen kann, das bedenkt heute kein Mensch. Man wird für die heutige Welt grotesk, man wird paradox, wenn man auf solche Dinge aufmerksam macht. Aber es ist in dieser Beziehung durchaus so. Heute sagt einer: Ein Messer ist ein Messer —, und dann bekommt er ein Rasiermesser und will sich damit sein Fleisch tranchieren, denn — Messer ist eben Messer! Heute, wo man glaubt, mit beiden Füßen in der Wirklichkeit zu stehen, handelt es sich darum, einzusehen, daß mit abstrakten Begriffen nicht die Wirklichkeit erreicht wird. Das berücksichtigt der Intellektualismus nicht, der statt von Tatsachen nur von Begriffen ausgeht. Er weiß daher auch nicht, wie berechtigt es von älteren Bewußtseinsstufen aus gewesen ist, davon zu sprechen, daß die Natur in ihren Wirkungen und Prozessen, indem sie ihr Dasein im Menschen fortsetzt, kein Recht mehr hat, Natur zu bleiben, sondern daß sie umgestaltet werden müßte, und daß sie im Menschen, wenn sie als Natur ihre Geltung beibehalten will, zur «Sünde» wird. Den Begriff der Sünde im Zusammenhange mit den Naturerscheinungen, hat man gar nicht mehr. Man schaut nicht die Brücke zwischen dem Naturhaften und dem, was als Geistig-Seelisches im Menschen wurzelt. Die Tiere, Pflanzen, Mineralien haben das Recht, draußen Natur zu sein; das, was von ihnen in den Menschen einzieht, muß vom Menschen umgewandelt werden, denn wenn es Natur bliebe, so würde es in Zerstörendes umgewandelt. Das heißt, wenn es bloße Natur ist und der Mensch nicht die Kraft hat, es umzuwandeln, so wird es Krankheit, und indem es sich der Seele mitteilt, Sünde.

[ 10 ] The older, instinctive forms of human consciousness had a much more accurate understanding of this matter than today’s intellectualism. Today’s intellectualism proceeds from concepts, not from facts, and when the facts do not align with the concepts, it reinterprets the phenomena to fit its concepts. Today, people do not speak of plants, animals, and humans coming to an end; instead, they say that death should be investigated. No one today considers that the end of plants, the end of animals, and the end of humans might be something entirely different—something that cannot be subsumed under the common concept of “the dead.” In today’s world, one is regarded as grotesque, even paradoxical, when one draws attention to such things. But in this regard, it is certainly true. Today, someone says: “A knife is a knife”—and then he takes a razor and wants to carve up his own flesh with it, because—well, a knife is just a knife! Today, when people believe they have both feet firmly planted in reality, the point is to realize that reality cannot be grasped through abstract concepts. Intellectualism, which proceeds solely from concepts rather than facts, fails to take this into account. It therefore does not realize how justified it was, from earlier stages of consciousness, to speak of nature—in its effects and processes, as it continues its existence within the human being—no longer having the right to remain nature, but rather that it must be transformed, and that within the human being, if it wishes to retain its validity as nature, it becomes “sin.” The concept of sin in connection with natural phenomena no longer exists at all. One no longer sees the bridge between the natural and that which is rooted in the human being as spiritual and soul-related. Animals, plants, and minerals have the right to be nature in the external world; that which enters into human beings from them must be transformed by human beings, for if it were to remain nature, it would be transformed into something destructive. That is to say, if it is mere nature and human beings lack the power to transform it, it becomes illness, and as it communicates itself to the soul, it becomes sin.

[ 11 ] Wenn nun der Mensch, der unbefangen sein Verhältnis zur Sinnenwelt betrachtet, mit sich selbst zu Rate geht und alles berücksichtigt, was dabei berücksichtigt werden kann, so muß er sich das Folgende sagen: Wenn ich in die Natur hinausblicke und zunächst mein Hervorgehen aus ihr betrachte, so kann ich nicht Atheist sein. Aber auf der andern Seite kann ich gerade als ein Mensch der Gegenwart, als Mensch der neueren Epoche nicht anders, als wiederum mein Ich-Bewußtsein dem bloßen physischen Leib, dem Naturdasein in mir, zuzuschreiben. Was ich hier in Gedanken ausspreche, das ist durchaus bei jedem gesunden Menschen, der sich heute nicht davor fürchtet, zur Selbsterkenntnis zu kommen, empfindungs- und gefühlsmäßig vorhanden. Er kommt, wenn er es nur nicht aus Furcht oder aus Bequemlichkeit vermeidet, in das eigene Innere hineinzusehen, in diesen Zwiespalt, daß er sich sagt: Wenn ich mich als ein Naturwesen, hervorgehend aus der Natur, betrachte, dann muß ein Gotteswesen zugrunde liegen der gesamten Welt, die mich auch enthält. — Aber eigentlich widerspricht diesem gesunden Empfinden die moderne Ich-Entwickelung, denn diese kann nur aus dem Naturdasein des physischen Leibes kommen und — wie ich Ihnen sogar gezeigt habe — durch den Eindruck, den das Sterben auf den Menschen macht. So folgt nichts Geringeres daraus, als daß ganz instinktiv der moderne Mensch eigentlich doch über das Gottesbewußtsein in Zweifel kommen muß, aber nicht aus dem Grunde, weil irgend etwas in der Naturbetrachtung vom Gottesbewußtsein wegführte, sondern weil der Mensch in der gegenwärtigen Epoche im Grunde genommen, wenn man seine Gesamtwesenheit nach Leib, Seele und Geist betrachtet, wegen seines Ich-Bewußtseins gar nicht völlig gesund sein kann. Denn: Natur im Menschen, wenn es so bleibt, wie es ist und auf die Seele Einfluß hat, bedeutet etwas Krankmachendes, und auf die Seele hat es den Einfluß des Abirrens, des Sündigens.

[ 11 ] If a person who objectively examines his relationship to the sensory world reflects on the matter and takes into account everything that can be considered, he must conclude the following: When I look out into nature and first consider my origin from it, I cannot be an atheist. But on the other hand, precisely as a person of the present, as a person of the modern era, I cannot help but attribute my sense of self to the mere physical body, to the natural existence within me. What I am expressing here in thought is certainly present, in terms of sensation and feeling, in every healthy person who is not afraid today to arrive at self-knowledge. If they do not avoid looking into their own inner being out of fear or convenience, they come to this conflict, saying to themselves: If I regard myself as a natural being, emerging from nature, then a divine being must underlie the entire world, which also contains me. — But in fact, modern ego development contradicts this healthy intuition, for it can only arise from the natural existence of the physical body and—as I have even shown you—through the impression that dying makes on a person. Thus, nothing less follows from this than that modern human beings must, quite instinctively, actually come to doubt the awareness of God—not because anything in the observation of nature has led them away from this awareness, but because, in the present epoch, when one considers their entire being—body, soul, and spirit—human beings, due to their sense of self, cannot be completely healthy. For: nature within the human being, if it remains as it is and exerts an influence on the soul, is a source of illness, and it leads the soul astray and into sin.

[ 12 ] Das darf man natürlich nicht philiströs anschauen, sondern man muß durchaus die Tatsachen, wie sie aus dem Dasein sprechen, sich vor Augen halten. Mit andern Worten: Wenn wir in alte Zeiten zurückgehen, wo das Ich-Bewußtsein noch nicht da war, hat man sich das Gotteswesen — gleichgültig, ob man es nach der einen oder andern Seite hin modifiziert vorgestellt hat — immer unter dem Vater-Begriff vorgestellt. Man konnte sich das Gotteswesen nicht anders vorstellen als ein einheitliches Gotteswesen, welches mehr oder weniger von der Welt umfaßt hat, das man zu erfassen suchte aus dem Vater-Begriff; und da das Ich-Bewußtsein noch nicht da war, da es nur aus dem Natürlichen hervorgehen kann, so störte nichts dieses Vater-Bewußtsein. Der moderne Mensch kann eigentlich dieses Vater-Bewußtsein nur haben, wenn er vielleicht durch moralische Erkräftigung, aber dennoch sein Ich dämpft und sich etwas entzieht, was aber durch die Freiheitsentwickelung, mit der Entwickelung der modernen Menschheit, heraufkommen muß. Deshalb kann sich eigentlich der Mensch, wie er heute lebt, bei dem einen Bewußtsein, beim Vater-Bewußtsein, nicht befriedigen. Er muß sagen: Ich würde dieses Vater-Bewußtsein haben, wenn ich noch instinktiv sein könnte wie jene Menschheit, die da war, bevor sich das gesteigerte Ich-Gefühl entwickelt hat. Aber als Mensch der Gegenwart hält mich dieses Ich-Bewußtsein davon ab, in Abhängigkeit vom VaterBewußtsein diesem mich voll gegenüberzustellen.

[ 12 ] Of course, one must not view this in a philistine way, but must keep in mind the facts as they are revealed by existence itself. In other words: If we go back to ancient times, when self-consciousness did not yet exist, people always conceived of the divine being—regardless of whether they imagined it with one modification or another—in terms of the concept of the Father. One could not conceive of the divine being other than as a unified divine being that more or less encompassed the world, which one sought to grasp through the concept of the Father; and since self-consciousness did not yet exist—for it can arise only from the natural realm—nothing disturbed this sense of the Father. Modern human beings can actually possess this “Father-consciousness” only if they—perhaps through moral fortification—nevertheless subdue their “I” and withdraw somewhat from it; yet this must arise through the development of freedom, alongside the development of modern humanity. Therefore, human beings, as they live today, cannot truly find satisfaction in this single consciousness—the “Father-consciousness.” They must say: I would have this father-consciousness if I could still be instinctive like the humanity that existed before the heightened sense of self developed. But as a person of the present, this sense of self prevents me from fully confronting this father-consciousness.

[ 13 ] Da tritt das ein, was der moderne Mensch sehr wohl erleben kann, indem er über sein Ich nachdenkt, wenn er sich klar ist, daß das Ich, wenn es den Leib nicht hat, auslöscht. Im Einschlafen löscht es aus, im Tode hält es sich nur dadurch aufrecht, daß es die Anschauung des Leibes im Sterben hat. Der Mensch weiß, daß er gerade durch sein IchBewußtsein von dem göttlichen Vater-Bewußtsein abgebracht wird. Das muß er aber doch als ein Krankhaftes empfinden, und wenn er dies in der richtigen Weise als krankhaft empfindet, ergibt sich für ihn der Impuls, der ihn führt zu dem heute gegenwärtigen Christus. Es wird zu dem Vater-Bewußtsein das Sohnes-Bewußtsein aus dem innerlichen seelischen Erleben heraus kommen müssen. Dieses Sohnes-Bewußtsein kann nur durch eine 'Tat der Freiheit in uns hereinkommen. Und das müssen wir uns durchaus vorhalten: Ist der Atheismus eigentlich eine Krankheitserscheinung, so ist das, was man nennen kann Agnostizismus gegenüber dem Mysterium von Golgatha, Agnostizismus vor allem gegenüber dem gegenwärtigen Christus, ein Unglück, ein Schicksalsschlag! Man muß nicht vollkommen gesund sein, wenn man vom VaterBewußtsein verlassen ist — aber in dieser Beziehung ist eben die moderne Menschheit nicht vollständig gesund —; aber man braucht eine Tat des freien Findens des Christus-Geistwesens, wenn man zu dem Christus kommen will.

[ 13 ] This is what modern human beings can very well experience by reflecting on their “I,” when they realize that the “I,” if it does not have a body, ceases to exist. It ceases to exist when one falls asleep; in death, it sustains itself only through the perception of the dying body. Human beings know that it is precisely through their “I”-consciousness that they are led away from the divine Father-consciousness. Yet they must perceive this as a pathological condition, and if they perceive it correctly as such, the impulse arises within them that leads them to the Christ who is present today. The consciousness of the Son must emerge from inner spiritual experience as a complement to the Father-consciousness. This consciousness of the Son can enter us only through an “act of freedom.” And we must bear this firmly in mind: If atheism is in fact a symptom of illness, then what might be called agnosticism toward the Mystery of Golgotha—agnosticism above all toward the present Christ—is a misfortune, a stroke of fate! One need not be perfectly healthy to be deprived of the Father-consciousness—though in this regard, modern humanity is indeed not entirely healthy—but one does need an act of freely discovering the Christ Spirit if one wishes to come to Christ.

[ 14 ] Es sind durchaus zwei Erlebnisse notwendig: Einmal das Bewußtsein gegenüber dem Vater, aber ich möchte sagen, in der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung ist ein getrübtes Bewußtsein vom Vater. Wenn ich mir nicht im Laufe der Menschheitsentwickelung das Ich-Bewußtsein erworben hätte, so wäre das göttliche Vater-Bewußtsein da; weil aber das Ich-Bewußtsein eigentlich aus demjenigen heraufquillt und heraufquellen muß, was, sich selbst überlassen, krank ist in der menschlichen Wesenheit, deshalb ist das göttliche Vater-Bewußtsein für die Gegenwart getrübt, und man muß durch eine freie Tat, die verschieden ist von dem Auffinden des Vaters, zu dem Bewußtsein des Christus kommen.

[ 14 ] Two experiences are indeed necessary: first, an awareness of the Father; but I would say that, in the current stage of human development, this awareness of the Father is clouded. If I had not acquired self-consciousness in the course of human development, the divine Father-consciousness would be present; but since self-consciousness actually springs—and must spring—from that which, left to itself, is diseased in the human being, therefore the divine Father-consciousness is clouded at present, and one must come to the consciousness of Christ through a free act that is distinct from the discovery of the Father.

[ 15 ] Diese zwei Erlebnisse werden, wie ich auch hier schon angedeutet habe, in der westlichen Zivilisation nicht von einander unterschieden. Man findet gerade bei Solowjow, wie er, aus einer andern Artung des Bewußtseins heraus, streng unterscheidet das Vater-Bewußtsein von dem Sohnes-Bewußtsein. Im Westen werden die beiden so wenig unterschieden, daß eine für viele maßgebende Darstellung des Wesens des Christentums sogar sagen konnte: In die Evangelien gehört nicht der Sohn, sondern allein der Vater hinein, der Sohn eigentlich allein nur als der Lehrende vom Vater. — Es ist also nicht das Bewußtsein vorhanden, daß man zwei Akte des Erlebens haben kann: einen gegenüber dem Erleben des Vaters, der aber heute getrübt ist, und den anderen gegenüber dem Sohne. Nun würde man, wenn man dieses Erlebnis gegenüber dem Sohne hat, zunächst nur zu einer gegenwärtigen Begegnung mit dem Christus kommen, und zu dieser gegenwärtigen Begegnung mit dem Christus, sozusagen zu dem ewigen Christus, kann jeder aus dem subjektiven Verhältnis der Gegenwart kommen. Wer aber die gegenwärtige Begegnung mit dem Christus zurückweist und dumpf so lebt, wie in der früheren Zeit der Menschheit, der wird nicht jene innere Konstitution sich erringen, die ihn zu der Begegnung mit dem Christus führt. Aber wer so recht fühlt, was ihm die neuere Zeit geben kann, der kommt zu dieser inneren Tat der Begegnung mit dem Christus und beweist dann dadurch, daß der Christus da ist.

[ 15 ] As I have already indicated here, these two experiences are not distinguished from one another in Western civilization. It is precisely in Soloviev that one finds him—drawing from a different mode of consciousness—strictly distinguishing the consciousness of the Father from that of the Son. In the West, the two are so little distinguished that a description of the essence of Christianity—one that is authoritative for many—could even state: It is not the Son who belongs in the Gospels, but the Father alone; the Son, in fact, appears there solely as the Father’s teacher. — Thus, there is no awareness that one can have two distinct acts of experience: one in relation to the experience of the Father—which, however, is clouded today—and the other in relation to the Son. Now, if one has this experience in relation to the Son, one would initially arrive only at a present encounter with Christ, and anyone can arrive at this present encounter with Christ—the eternal Christ, so to speak—through the subjective relationship of the present. But whoever rejects the present encounter with Christ and lives in a dull manner, as in the earlier days of humanity, will not attain that inner constitution that leads him to the encounter with Christ. Yet whoever truly feels what the modern age can offer him will arrive at this inner act of encountering Christ and thereby prove that Christ is present.

[ 16 ] Es bleibt aber noch zu erforschen der historische Christus. Da muß man auch die Möglichkeit haben, die Geschichte nun von einem anderen Gesichtspunkte aus zu betrachten, als das heute im Zeitalter des Materialismus für das äußere Bewußtsein möglich ist. Da muß ich Sie auf etwas aufmerksam machen, was streng beachtet werden sollte. Dieses Hinaufleuchten in höhere Welten wird gewöhnlich doch zu äußerlich genommen. Die Menschen hören noch zu wenig darauf hin, wie derjenige, der von den höheren Welten spricht, eigentlich auch in einem anderen Stile sprechen muß, als man von der physischen Welt spricht, und zwar nicht nur in einem andern äußeren Stile, sondern in einem andern inneren Stile. Wenn wir hier in der physischen Welt leben und diese Welt auf uns wirken lassen, so unterscheiden wir für das heutige Bewußtsein, logisch, möchte ich sagen, richtig und unrichtig; wir nennen es auch wahr und falsch. Und wir prüfen nach logischen oder äußeren Wirklichkeitsgründen, ob etwas richtig oder unrichtig, wahr oder falsch ist. Dadurch kommen wir aber eben gerade in die Abstraktion, in das intellektualistische Leben hinein. Denn alles logische Unterscheiden, ob etwas wahr oder falsch ist, bewegt sich eben in abstrakten Begriffen, wenn man nur äußere Sinnesanschauung, in der Beobachtung oder im Experiment, zugrunde legt. Mit seinem Erkennen bewegt man sich trotzdem eben in abstrakten Begriffen. Dieselbe Abstraktheit der Begriffe können wir nicht beibehalten, wenn wir in die höheren Welten hinaufgehen. Da wird alles viel lebendiger, und es nimmt sich ähnlich dem Lebendigen aus, nicht bloß dem Gedachten. Daher muß, wer die höheren Welten erschaut, nicht bloß von wahr oder falsch, richtig oder unrichtig sprechen — das muß man natürlich auch! —, sondern man muß zum Beispiel von etwas, was hier in seinem Abglanz in der physischen Welt richtig ist, sprechen als von einem Gesunden, und von etwas, was hier in seinem Abglanz falsch ist, muß man sprechen als von etwas Krankem. Man hat schon für die nächsthöhere Welt gar nicht recht, wenn man von wahr und falsch spricht, man hat es da überall zu tun mit gesund und krank, heilsam oder unheilsam. Wer daher von den höheren Welten mit Rücksicht auf abstrakte Logik wie von der physischen Welt spricht, der zeigt dadurch, daß er eine wirkliche Anschauung von den höheren Welten nicht hat.

[ 16 ] However, the historical Christ still remains to be explored. To do so, one must also be able to view history from a different perspective than is possible for the outer consciousness today, in this age of materialism. I must draw your attention to something that should be strictly observed. This “shining upward” into higher worlds is usually taken too superficially. People still pay too little attention to the fact that someone who speaks of the higher worlds must actually speak in a different style than one used when speaking of the physical world—and not only in a different outward style, but in a different inner style as well. When we live here in the physical world and allow this world to influence us, we distinguish—for the consciousness of today—logically, I would say, between right and wrong; we also call it true and false. And we examine, based on logical or external criteria of reality, whether something is right or wrong, true or false. But this is precisely how we enter into abstraction, into intellectualistic life. For all logical distinctions regarding whether something is true or false operate within abstract concepts if one relies solely on external sensory perception—whether through observation or experiment. Nevertheless, our cognition still operates within abstract concepts. We cannot retain this same abstractness of concepts when we ascend into the higher worlds. There, everything becomes much more alive, and it appears similar to the living, not merely to the thought. Therefore, anyone who perceives the higher worlds must not merely speak of true or false, right or wrong—though of course one must do that as well!—but must, for example, speak of something that is right here in its reflection in the physical world as something healthy, and of something that is false here in its reflection as something unhealthy. Even for the next higher world, it is not entirely accurate to speak of true and false; there, one is dealing everywhere with healthy and sick, wholesome or unwholesome. Therefore, anyone who speaks of the higher worlds in terms of abstract logic, just as they do of the physical world, thereby demonstrates that they do not have a true insight into the higher worlds.

[ 17 ] Nun tritt aber etwas sehr Eigentümliches gegenüber der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit ein. Wenn man sie unbefangen betrachtet, zeigt sie uns ja alte weisheitserfüllte Epochen, und hat man ein gesundes Gefühl, so wird man vor der Urweisheit dieser älteren Epochen tiefe Ehrfurcht empfinden. Wenn man das, was zum Beispiel dann einen Abglanz in den Veden, in der Vedantaphilosophie gefunden hat, seinem Ursprunge nach betrachtet, so wird man finden: Es ist. aus so tiefen Weisheitsgründen herausgeholt, geoffenbart, daß man tiefste Ehrfurcht davor haben muß. Man nähert sich eben dieser Urweisheit der Menschheit doch anders, als dies die abstrakte Gelehrsamkeit der heutigen Zeit vermag. Aber diese Urweisheit wird gewissermaßen immer mehr und mehr abgelähmt, je weiter die Menschheit in ihrer Entwickelung vorrückt, und wir sehen, daß die stärkste Ablähmung dieses ursprünglichsten, dieses urweisheitsvollen Menschheitsbewußtseins in jenem Zeitalter da ist, in welches das Mysterium von Golgatha fällt. Man braucht gar nichts von den äußeren Urkunden zu berücksichtigen, insofern diese Urkunden, wie etwa die Evangelien, wörtlich von dem Mysterium von Golgatha sprechen. Man braucht nur unbefangen, aber jetzt mit einem höheren Blick, die historische Entwickelung der Menschheit zu betrachten, so findet man, je weiter man zurückblickt, diese Urweisheit immer dunkler und dunkler im menschlichen Gemüt werdend. Was dann im 15. Jahrhundert vollends zum Ausdruck gekommen ist, das findet sich schon angedeutet in der griechischen, in der lateinischrömischen Epoche. Die Menschheit hat im Grunde genommen nur noch Traditionen von der Urweisheit,; sie erlebt sie nicht mehr, und es kündigt sich langsam dasjenige an, was dann als volles Ich-Bewußtsein heraufkommt. In dieser Beziehung ist unsere äußere Wissenschaft eigentlich wenig auf das gekommen, was gerade an dieser Epoche zu studieren ist, in die auf der andern Seite das Mysterium von Golgatha hineinfällt. Ungeheuere Probleme liegen vor, wenn man heute zum Beispiel das griechische Alphabet vor sich hat, wo die Buchstaben noch Namen haben, Alpha, Beta, Gamma, und den Weg verfolgt zum späteren lateinischen Alphabet, wo sie keine Namen mehr haben. Diese Übergänge, die tief hinweisen auf historische Entwickelungszustände, werden gar nicht beachtet. Es wird zum Beispiel nicht beachtet, was unser Wort «Alphabet», das noch aus dem Griechischen genommen ist, eigentlich bedeutet. Geht man dem nach, und eine wirkliche Sprachwissenschaft wird diesen Dingen nachgehen können, so wird sich herausstellen, daß mit dem griechischen Alpha im Grunde genommen dasselbe ausgedrückt ist, was im Alten Testament ausgesprochen ist mit den Worten: Dem Menschen wurde der lebendige Odem eingebildet —, so daß man in dem Odem, in dem Atem, dasjenige sehen wird, was zunächst den Menschen macht. Wenn man einmal gehörig untersuchen wird das Wort Alpha, das eben ein Wort ist, so wird man finden: Das ist der Mensch! Der erste Buchstabe des Alphabets ist nichts anderes als der Ausdruck für den Menschen. Und das Beta ist das «Haus», und der Anfang des Alphabets heißt: Der Mensch in seinem Haus. — Diese Anschauung des Alphabets ist in der späteren Zeit, als sich der Intellektualismus immer mehr und mehr ausbildete, vollständig verlorengegangen. Da wurden die Buchstaben nur zur Unterscheidung für die äußeren Dinge verwendet. Was in der Offenbarung der Urweisheit lag, löste sich los, das «Wort» der Uroffenbarung wurde veräußerlicht, und man versteht gar nicht mehr, was in den Buchstaben — und zwar in den Worten — der Menschheit geoffenbart worden ist. In den heute traditionellen Logen und Orden wird zwar überall von dem «verborgenen Wort» geredet; wenig aber weiß die Menschheit davon, was dieses verborgene Wort als eine Realität hatte, wie das Alphabet selber von dem verborgenen Worte sprach, und wie es atomisiert, zerteilt worden ist.

[ 17 ] Now, however, something very peculiar occurs in relation to the historical development of humanity. If one views it impartially, it indeed reveals to us ancient epochs filled with wisdom, and if one possesses sound judgment, one will feel deep reverence for the primordial wisdom of these earlier epochs. If one traces the origins of what, for example, has found an echo in the Vedas and in Vedanta philosophy, one will find that it has been drawn forth and revealed from such profound sources of wisdom that one cannot help but feel the deepest reverence for it. One approaches this very primordial wisdom of humanity differently than the abstract scholarship of our time is capable of doing. But this primordial wisdom is, so to speak, becoming increasingly dulled the further humanity advances in its development, and we see that the greatest dulling of this most original, this primordial-wisdom-filled human consciousness occurs in the very age in which the Mystery of Golgotha takes place. One need not take any account of the external sources, insofar as these sources—such as the Gospels—speak literally of the Mystery of Golgotha. One need only observe the historical development of humanity with an open mind—but now from a higher perspective—to find that, the further back one looks, the darker and darker this primordial wisdom becomes in the human soul. What then found full expression in the fifteenth century was already hinted at in the Greek and Latin-Roman eras. Humanity, in essence, now possesses only traditions of this primordial wisdom; it no longer experiences it, and what is slowly emerging is what will later arise as full ego-consciousness. In this regard, our external science has actually made little headway in studying precisely this epoch, into which, on the other hand, the Mystery of Golgotha falls. Enormous problems arise, for example, when we consider the Greek alphabet today—where the letters still have names, such as Alpha, Beta, and Gamma—and trace the path to the later Latin alphabet, where they no longer have names. These transitions, which point deeply to historical stages of development, are completely overlooked. For example, no attention is paid to what our word “alphabet”—which is still derived from Greek—actually means. If one investigates this—and a true linguistics will be able to investigate these matters—it will become clear that the Greek “alpha” essentially expresses the same thing that is stated in the Old Testament with the words: “The living breath was breathed into man”—so that in the breath, in the breath itself, one will see that which first and foremost constitutes the human being. Once the word “alpha”—which is, after all, just a word—is properly examined, one will find: This is the human being! The first letter of the alphabet is nothing other than the expression of the human being. And Beta is the “house,” and the beginning of the alphabet means: the human being in his house. — This view of the alphabet was completely lost in later times, as intellectualism developed more and more. The letters came to be used solely to distinguish external things. What lay in the revelation of primordial wisdom was severed; the “Word” of primordial revelation was externalized, and people no longer understand at all what was revealed to humanity in the letters—and specifically in the words. In today’s traditional lodges and orders, people speak everywhere of the “hidden Word”; yet humanity knows very little about what this hidden Word represented as a reality, how the alphabet itself spoke of the hidden Word, and how it has been atomized and fragmented.

[ 18 ] Ich könnte natürlich auch von etwas anderem ausgehen, um zu zeigen, was für ein tief einschneidender Entwickelungsimpuls zur Zeit der griechischen, der lateinischen Kultur dagewesen ist. Wie die griechische Kultur durch eine besondere Kunst sich hinüberzuhelfen suchte über dieses, ich möchte sagen Kranksein, das da in der Menschheit auftrat, das ist mit Händen zu greifen für den, der sehen will, Ich möchte da nur auf eines aufmerksam machen.

[ 18 ] Of course, I could also start from a different point to show what a profoundly transformative impulse for development existed during the era of Greek and Latin culture. How Greek culture sought, through a unique art, to help itself overcome this—I would say—illness that had arisen in humanity is plain to see for anyone willing to look; I would just like to draw attention to one thing here.

[ 19 ] Heute denken die Menschen, wenn zum Beispiel vom Drama gesprochen wird: das ist etwas zum Anschauen, was zum Lebensluxus gehört. Man schaut es an und nennt es dann etwa schön. Die Griechen aber hatten für das Wichtigste, was im Drama spielt, die Idee der Katharsis, der Reinigung, der Läuterung. Das war etwas, was nicht nur einen äußeren, phantastischen Vorgang bedeutet, sondern was deutlich hinweist auf seinen medizinischen Ursprung. Die Katharsis ist die Krisis, über die man hinwegkommt, und durch die Tragödie der Griechen wurde die Seele in die Krisis gebracht, so daß sie im Erleben von Furcht und Mitleid eine Reinigung durchmachte, indem sie durch den Ablauf des Dramas den Wirkungen dieser entgegengesetzten Kräfte hingegeben war. Der Grieche dachte sich seine Kunst durchaus nicht in einem banausischen Sinne, sondern durchaus als ein Heilendes. Denn er nahm darin noch wahr das Walten einer Urweisheit. Es war für ihn noch eine gesunde Urweisheit da, die aber abgelähmt worden ist im Laufe der Zeit, und es trat dann eine Art Krankheitsprozeß auf. Der Grieche wollte mit seiner Kunst — Nietzsche hat das geahnt, man lese es nach in seinem Buche «Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik» etwa das Folgende ausdrücken: Es ist etwas zu heilen an der Menschheit. — Und die Therapeuten, die Essäer, gingen überall davon aus, daß etwas zu heilen sei an der Menschheit. Und wäre das Mysterium von Golgatha nicht in der Menschheit eingetreten, lebten wir heute so, daß ich sprechen müßte, ohne daß das Mysterium von Golgatha dagewesen wäre, so könnten wir nur hinweisen auf einen Erkrankungsprozeß in der Menschheit. So daß uns im Hinblick auf das Mysterium von Golgatha etwas aufgeht, wenn wir die Begriffe gesund und krank in bezug auf die Geschichte der Menschen anwenden. Das ist das Bedeutsame: Sie können alle Begriffe anwenden in bezug auf richtig und falsch, aber Sie kommen an einen Punkt im Verlaufe der Entwickelung, wo Sie die Dinge anders werden ansehen müssen. Denn kommen Sie in die griechische Epoche hinein, so kommen Sie damit in eine Zeit,wo ein Krankwerden in der Menschheit eingetreten ist, und von dem Mysterium von Golgatha die Gesundheit ausgeht. Die Therapeuten haben darauf hingewiesen und gesagt: Da entsteht der große Therapeut, der Heiland, der im wörtlichen Sinne an der Menschheit zu heilen hat. — Es handelt sich nur darum, daß man tief genug in den Gang der Menschheitsentwickelung hineinschürft und nicht bei den gewöhnlichen abstrakten Begriffen stehenbleibt, sondern das geschichtliche Leben ergreift mit den medizinischen Begriffen, nach den Kategorien von gesund und krank. Dann wird man die Notwendigkeit eines Heilungsprozesses verstehen und wird auch verstehen, wie der «Heiland» — es ist kein anderes Wort als der «Therapeut» — in die Menschheit eingreift. Man wird dann verstehen, wie in die Erdenmenschheitsentwickelung etwas eingreifen muß, was durch die Kräfte, die früher in der Menschheit da waren, nicht eingreifen konnte. Ein neuer Impuls aus Außerirdischem mußte zur Heilung der Menschheit kommen.

[ 19 ] Today, when people talk about drama, for example, they think of it as something to watch—a luxury of life. You watch it and then call it, say, beautiful. The Greeks, however, saw the most important aspect of drama as the idea of catharsis—purification, cleansing. This was not merely an external, fantastical process, but one that clearly points to its medical origins. Catharsis is the crisis that one overcomes, and through Greek tragedy, the soul was brought into this crisis so that, in experiencing fear and pity, it underwent a purification by being surrendered to the effects of these opposing forces as the drama unfolded. The Greeks did not conceive of their art in a vulgar sense at all, but rather as something healing. For they still perceived in it the workings of a primal wisdom. For them, a healthy primal wisdom still existed, though it had been dulled over time, and a kind of pathological process then set in. The Greeks wanted to express the following through their art—Nietzsche sensed this; one can read about it in his book The Birth of Tragedy from the Spirit of Music: There is something in humanity that needs to be healed. — And the therapists, the Essenes, everywhere assumed that there was something in humanity that needed to be healed. And if the Mystery of Golgotha had not taken place within humanity, we would be living today in such a way that I would have to say: had the Mystery of Golgotha not occurred, we could only point to a process of disease within humanity. So, with regard to the Mystery of Golgotha, something becomes clear to us when we apply the concepts of “healthy” and “sick” to human history. This is what is significant: You can apply all concepts related to “right” and “wrong,” but you reach a point in the course of evolution where you must begin to view things differently. For when you enter the Greek epoch, you enter a time when a state of illness has set in within humanity, and from the Mystery of Golgotha health emanates. The therapists have pointed this out and said: This is where the great Therapist, the Savior, arises—one who, in the literal sense, is tasked with healing humanity. — It is simply a matter of delving deeply enough into the course of human development and not stopping at the usual abstract concepts, but rather grasping historical life through medical concepts, according to the categories of health and illness. Then one will understand the necessity of a healing process and will also understand how the “Savior” — which is nothing other than the “therapist” — intervenes in humanity. One will then understand how something must intervene in the development of earthly humanity that could not intervene through the forces that previously existed within humanity. A new impulse from beyond Earth had to come to heal humanity.

[ 20 ] So kann man die geschichtliche Entwickelung betrachten und so muß man sie betrachten, wenn man, ohne sich auf den Inhalt der historischen Urkunden einzulassen, nur auf die Konfiguration hinschaut, wie sich die Menschheit entwickelt hat. Dann kommt man eben zu dem Begriff des außerirdischen Christus, der sich aus außerirdischen Regionen durch das Mysterium von Golgatha mit der Erdentwickelung verbunden hat. Das Schauen muß eintreten, wenn man die Geschichte verstehen will. Wer dieses Schauen nach den Begriffen von gesund und krank nicht auf die Geschichtsentwickelung anwenden will, der sollte sich nur gestehen, daß ihm die Geschichte unverständlich bleibt. Er kann nicht verstehen, wie dasjenige, was einmal im Orient gelebt hat, nach Afrika hinübergekommen ist und dann zu dem GriechischRömischen geworden ist. Wir sehen die griechische Entwickelung, mit Recht, als eine außerordentlich gesunde an. Und warum? Weil der Grieche das Gefühl hatte, daß man die Krankheiten zu bekämpfen hat und daß er dementsprechend das Leben gestalten wollte. Und darüber besteht ein besonders merkwürdiger Einklang zwischen den einzelnen griechischen Persönlichkeiten, daß sie fühlten: hier ist etwas zu bekämpfen. Und dieses Nicht-mehr-Fühlen und das immer mehr und mehr Hineinsegeln in das Abstrakte, das selbst die Götter zur Abstraktion macht, das ist das Eigentümliche des Romanismus und bleibt sein Eigentümliches. Europa wird durch den Romanismus erzogen bis zum 15. Jahrhundert, bis es dann dazu kommt, in das Bewußtsein den kosmischen Christus aufzunehmen; vorher wird der Christus durch den Romanismus in das Abendland getragen.

[ 20 ] This is how one can view historical development—and this is how one must view it—if, without delving into the content of historical documents, one looks only at the overall pattern of how humanity has developed. This leads one to the concept of the extraterrestrial Christ, who, through the Mystery of Golgotha, connected himself to Earth’s evolution from extraterrestrial regions. This insight must take hold if one wishes to understand history. Anyone who refuses to apply this insight—based on the concepts of “healthy” and “sick”—to historical development should simply admit that history remains incomprehensible to them. They cannot understand how what once lived in the East made its way to Africa and then became the Greco-Roman civilization. We rightly regard Greek development as an extraordinarily healthy one. And why? Because the Greeks felt that illnesses must be fought, and they wanted to shape their lives accordingly. And there is a particularly remarkable consensus among the individual Greek figures in this regard: they felt that there was something here to be fought against. And this loss of feeling, and the ever-increasing drift into the abstract—which turns even the gods into abstractions—is the distinctive feature of Romanism and remains its defining characteristic. Europe was shaped by Romanism until the 15th century, when it finally came to incorporate the cosmic Christ into its consciousness; prior to that, Christ was brought to the West through Romanism.

[ 21 ] Ich wollte heute nur einiges beitragen, damit man allmählich zum Verstehen dessen kommt, was im Mysterium von Golgatha dasteht: wie man tatsächlich nicht bei etwas stehenbleiben kann, was sich aus alten Zeiten bis zum Mysterium von Golgatha hin entwickelt hat. Man findet dann, daß eigentlich, wenn man so vorgeht, kein Unterschied mehr besteht zwischen dem, was gewisse Theologen in ihrer Jesulogie haben, und zwischen dem, was ein weltlicher Historiker, wie zum Beispiel Ranke, hat. Man kann das, was gewisse Theologen haben in bezug auf die Jesus-Geschichte, nicht mehr unterscheiden von dem, was zum Beispiel ein Mann wie Ranke darüber vorbringt. Aber alles beruht darauf, daß man durchschaut, wie sich der Christus als ein außerirdisches Wesen vereinigte mit dem Jesus von Nazareth, der als einer der Menschen im Laufe der Zeit geboren worden ist. Gerade da nun tritt etwas ein, was zu den stärksten Mißverständnissen geführt hat in bezug auf diesen notwendigen Weg der Anthroposophie zum Mysterium von Golgatha hin. Es war der ganzen alten instinktiven Weisheit eigen, daß sie das Geistige und das Physische nicht getrennt hatte. Denn, trennt man beides, so kommt man im Physischen zu einem unmöglichen Materiebegriff und im Geistigen, das heißt im geistigen Erleben des Menschen, eben zu der Abstraktion, zu dem leblosen Begriffssystem. Es ist erst der neueren Menschheit eigen geworden, in dieser Weise Materielles und Geistiges voneinander zu trennen. Und so führt uns Anthroposophie wieder dazu hin, zu verstehen, wie wir dieganze Natur anzuschauen haben, ich möchte sagen, wie wir eine Physiognomie betrachten. Eine Physiognomie betrachten wir so, daß wir sie durchseelt denken. Wir lesen aus ihr die Durchseeltheit ab. So war das einst in der Urweisheit, und so führt uns heute die lichtdurchdrungene neuere Weisheit auch wieder zu einem physiognomischen Anschauen der Sternenwelt zum Beispiel. Das führt zu etwas, was uns den Christus ansprechen läßt als das Sonnenwesen, wobei aber ebensowenig gemeint ist, daß der Christus das physische Sonnenwesen ist, wie der Mensch das physische Körperwesen ist. Aber nur dadurch kann erkannt werden, wie in dem Jesus von Nazareth, der in Palästina gelebt hat, etwas Außerirdisches hat leben können. Das aber wird gerade bei den Theologen in das äußerste Mißverständnis eingehüllt. Man findet es sogar «beleidigend», daß die Anthroposophie den Christus zusammenbringt mit der Sonne und mit der äußeren kosmischen Welt überhaupt. Warum findet man das? Das ist außerordentlich charakteristisch. Die Anthroposophie sagt, sie führe von dem Christus wieder zur Sonne hin. Aber die Sonne ist für diese Menschen doch nur der brennende Nebelball da draußen; daher ist es beleidigend, diesen brennenden Sonnennebelball mit dem Christus in Zusammenhang zu bringen. Aber wir wissen: Die Theologie ist materialistisch geworden, und sie kann daher in dem Kosmos auch nur die materielle Welt sehen. Doch die Anthroposophie zeigt, wie diese materielle Welt überall durchgeistigt ist. Die Theologie jedoch vermag sich nicht von dem Materiellen loszulösen, und daher fühlt sie sich beleidigt, wenn die Anthroposophie von dem Christus als Sonnenwesen spricht. Aus Materialismus, aus tiefstem Materialismus über das Weltgebäude wird gerade dieser Punkt über die Christologie beleidigend gefunden. Hier sehen Sie, wie der Materialismus sich überall hineinfrißt. Er hat eben gerade die Theologie ergriffen, und weil die Theologie materialistisch geworden ist, deshalb führt sie so zu Mißverständnissen über die Anthroposophie. Aus der gewöhnlichen Welt heraus können wir doch nur Materialisten sein, und wenn einer aus dieser Welt den Christusherunterkommen läßt, dann kann man dies doch nur materialistisch auffassen, und — das ist beleidigend. Man muß eben schon an diesen Stellen auf das Materialistischwerden der ganzen Kultur hinweisen, die nur Furcht davor:hat, sich ihre Untergründe zu gestehen. Aber wir kommen nicht aus dem Niedergange zu einem neuen Aufstieg, wenn wir nicht diese Untergründe ganz unbefangen, furchtlos, unängstlich ins Auge fassen. Wir müssen heraus aus dem, was die europäische und die abendländische Menschheit überhaupt in diese Niedergangsbewegung hineingebracht hat, was zu diesen furchtbaren Katastrophen geführt hat. Dazu ist nur tauglich furchtlose Erkenntnis alles dessen, was der Mensch von der Welt erfahren kann. Dazu ist auch notwendig, daß man in unbefangener Weise auf dasjenige eingeht, was wirklich nicht brauchbar ist aus der Sphäre des Intellektualismus, wenn man in die höheren Welten hineingeht.

[ 21 ] Today I just wanted to contribute a few thoughts so that we might gradually come to understand what is contained in the Mystery of Golgotha: how one cannot, in fact, stop at something that has developed from ancient times up to the Mystery of Golgotha. One then finds that, if one proceeds in this way, there is actually no longer any difference between what certain theologians present in their Jesus-ology and what a secular historian, such as Ranke, presents. One can no longer distinguish what certain theologians present regarding the story of Jesus from what, for example, a man like Ranke puts forward on the subject. But everything hinges on understanding how the Christ, as a supermundane being, united with Jesus of Nazareth, who was born as a human being in the course of time. It is precisely here that something occurs which has led to the greatest misunderstandings regarding this necessary path of anthroposophy toward the Mystery of Golgotha. It was characteristic of all ancient, instinctive wisdom that it did not separate the spiritual from the physical. For if one separates the two, one arrives at an impossible concept of matter in the physical realm and, in the spiritual realm—that is, in human spiritual experience—at abstraction, at a lifeless system of concepts. It is only in recent times that humanity has come to separate the material and the spiritual in this way. And so anthroposophy leads us back to understanding how we are to view all of nature—I would say, how we are to view a physiognomy. We view a physiognomy by thinking of it as imbued with spirit. We read the imbued-with-spirit nature from it. This is how it once was in primordial wisdom, and this is how the light-filled, newer wisdom of today also leads us back to a physiognomic contemplation of the world of the stars, for example. This leads to something that allows us to perceive the Christ as the solar being—though this does not mean that the Christ is the physical solar being any more than the human being is the physical bodily being. But only in this way can we recognize how something extraterrestrial could have lived within Jesus of Nazareth, who lived in Palestine. Yet this is shrouded in the most extreme misunderstanding, particularly among theologians. They even find it “offensive” that anthroposophy connects Christ with the sun and with the outer cosmic world in general. Why is this the case? It is extraordinarily characteristic. Anthroposophy says it leads from Christ back to the Sun. But for these people, the Sun is nothing more than that burning ball of nebula out there; therefore, it is offensive to associate this burning ball of solar nebula with Christ. But we know: Theology has become materialistic, and therefore it can see only the material world in the cosmos. Yet anthroposophy shows how this material world is permeated by the spiritual everywhere. Theology, however, is unable to detach itself from the material, and therefore it feels offended when anthroposophy speaks of Christ as a solar being. Out of materialism—out of the deepest materialism regarding the structure of the world—it is precisely this point concerning Christology that is found offensive. Here you can see how materialism is eating its way into everything. It has now taken hold of theology, and because theology has become materialistic, it leads to such misunderstandings about anthroposophy. From the ordinary world, we can only be materialists, and when someone from this world brings Christ down to earth, this can only be interpreted materialistically—and that is offensive. One must point out at these very points the growing materialism of the entire culture, which is simply afraid to acknowledge its own foundations. But we will not emerge from this decline to a new ascent unless we face these underlying foundations completely impartially, fearlessly, and without apprehension. We must break free from what has led European and Western humanity as a whole into this downward spiral—what has led to these terrible catastrophes. The only way to do this is through fearless insight into everything that human beings can experience in the world. It is also necessary to approach, in an unbiased manner, that which is truly of no use from the sphere of intellectualism when one enters the higher worlds.

[ 22 ] Viele Menschen sagen heute noch: Ja, was da mitgeteilt wird aus den höheren Welten, das ist fremdartig; man muß selber in diese Welten hineingehen, sonst kann man es nicht verstehen. — Aber so ist es nicht. Die Menschen glauben nur deshalb, daß es so ist, weil sie sich durchaus jenen Begriffen überlassen wollen, die nur für die physische Welt gelten, die wir zwischen Geburt und Tod haben. Es herrscht zum Beispiel heute der Glaube, gerade weil man überall aus den Begriffen heraus alles entwickelt, trotzdem man glaubt, induktiv und empirisch zu sein, daß man meint, sich überhaupt absolut ausdrücken zu können. Man muß natürlich sich sagen: wenn der Mensch einschläft, treten dasIch und der astralische Leib aus dem physischen und Ätherleib heraus, und er bleibt so lange unbewußt, bis das Aufwachen wieder zustande kommt. Das ist für die gegenwärtige Menschheit durchaus gesund gesprochen, aber es gilt nicht für die gesamte Menschheitsentwickelung. Wenn wir zum Beispiel gerade in jene Zeiten zurückschauen, aus denen die indische und die urpersische Kultur hervorgegangen sind, so finden wir, daß überall eine andere Vorstellung zugrunde lag, nämlich die, daß der Mensch mit seinem Ich und astralischen Leib beim Einschlafen tiefer in seinen physischen und seinen Ätherleib hineinsteigt, als es beim Tagwachen der Fall ist. Der alte Inder sagte nicht: Der Mensch geht mit dem Einschlafen mit seinem Ich und astralischen Leib aus physischem Leib und Atherleib heraus. — Das machen nur die Theosophen den Leuten weis, daß der Inder so gesprochen hätte. Er sagte vielmehr: Mit dem Einschlafen gehen die Menschen tiefer in den physischen Leib und Ätherleib hinein. — Und das ist im Grunde genommen ganz richtig, denn die Sache verhält sich tatsächlich so, wie wenn man im absoluten Sinne sagen wollte: für die Erde geht die Sonne im Osten auf und im Westen unter. Das ist aber nicht der Fall, denn für die andere Erdenhälfte spielt sich der Vorgang umgekehrt ab. Man kann es zwar auch Osten und Westen nennen, aber es sind die Richtungsverhältnisse andere. Daher ist es durchaus so, daß eine gewisse Zeit hindurch das Ich und der astralische Leib tiefer in den physischen Leib und Ätherleib hineintauchten, und daß daher auch der Eindruck ein ganz anderer war. Deshalb spricht auch der Inder ganz anders, weil der Mensch in einer andern Bewußtseinsart steckte, nämlich in dem, wovon der heutige Mensch ja auch nicht ein volles Bewußtsein hat, in seinen rhythmischen und Stoffwechselfunktionen. Von diesen hat er kein Bewußtsein, denn es ist für den heutigen Menschen bewußtseinsmäßig durchaus so, daß er seine rhythmischen Funktionen verträumt, seine Stoffwechselfunktionen dagegen verschläft.

[ 22 ] Many people still say today: “Yes, what is communicated from the higher worlds is strange; one must enter these worlds oneself, otherwise one cannot understand it.” — But that is not the case. People believe this to be the case only because they want to limit themselves entirely to the concepts that apply only to the physical world we inhabit between birth and death. For example, the prevailing belief today—precisely because everything is derived from these concepts, even though people believe themselves to be inductive and empirical—is that one can express oneself absolutely. Of course, one must say to oneself: when a person falls asleep, the “I” and the astral body step out of the physical and etheric bodies, and the person remains unconscious until awakening occurs again. This is certainly a sound statement for present-day humanity, but it does not apply to the entire development of humanity. If, for example, we look back to the very times from which Indian and ancient Persian cultures emerged, we find that a different conception lay at the foundation everywhere—namely, that when a person falls asleep, their “I” and astral body descend deeper into their physical and etheric bodies than is the case during waking hours. The ancient Indian did not say: “When a person falls asleep, their ego and astral body leave the physical and etheric bodies.” — Only the Theosophists lead people to believe that the Indian would have spoken this way. Rather, he said: “When people fall asleep, they sink deeper into the physical and etheric bodies.” — And that is, in essence, quite correct, for the situation is actually like saying, in an absolute sense: for the Earth, the sun rises in the east and sets in the west. But that is not the case, for on the other half of the Earth, the process occurs in reverse. One can certainly still call them east and west, but the directions are different. Therefore, it is certainly true that for a certain period of time, the “I” and the astral body plunged deeper into the physical body and the etheric body, and that the impression was therefore quite different. This is also why the Indian speaks quite differently, because human beings were in a different state of consciousness—namely, in that of which modern humans, too, have no full awareness: their rhythmic and metabolic functions. They have no awareness of these, for in terms of consciousness, it is certainly the case for people today that they daydream through their rhythmic functions, while they sleep through their metabolic functions.

[ 23 ] Deshalb kann man sagen: Es muß schon verständlich sein, daß über so etwas, worüber man heute glaubt absolut sprechen zu können, die Menschen zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes erfahren mußten;und nur dann versteht man die Geschichtsentwickelung, wenn man über diese Dinge auch die Tatsachen sprechen läßt, nicht die Begriffe, die man sich auskonstruiert hat. Heute, wo sich der Westen und der Osten, Okzident und Orient, in einer so brennenden Weise gegenüberstehen, daß ein Ausgleich gefunden werden muß, heute muß die Menschheit bis zu diesen Hintergründen zurückgehen können; sonst können Sie noch so viele Washingtoner Konferenzen erleben, sie werden alle ausgehen wie das Hornberger Schießen, wenn nicht auf dieGrundimpulse der Menschheitsentwickelung eingegangen wird. Das glauben die Menschen heute noch nicht, aber es ist eine Wahrheit, daß eingegangen werden muß auf dasjenige, was die Menschheit aus dem Innersten bewegt, wenn man aus den Niedergangserscheinungen wieder zu Aufgangserscheinungen kommen will. Es erscheint heute das, was hier gefordert wird, als unpraktisch. Aber von dem wirklich Unpraktischen, das sich als solches erwiesen hat, das sich in seinem Extrem heraufentwickelt hat, unpraktisch geworden ist von 1914 bis 1918 und weiterhin unpraktisch wirkt, von dem merken die Leute nicht, wie unpraktisch das ist. Aber neben alledem muß man sich einleben in das, wie auch das religiöse Bewußtsein durchleuchtet und vertieft werden kann durch das, was anthroposophische Anschauung ist.

[ 23 ] That is why one can say: It must be understandable that, regarding something about which we believe we can speak with absolute certainty today, people at different times had to experience different things; and one can only understand the course of history if one allows the facts to speak for themselves regarding these matters, rather than the concepts one has constructed. Today, when the West and the East—the Occident and the Orient—are pitted against one another so fiercely that a balance must be found, humanity must be able to go back to these underlying contexts; otherwise, no matter how many Washington conferences you attend, they will all end in failure if the fundamental impulses of human development are not addressed. People still do not believe this today, but it is a truth that we must address what moves humanity from its very core if we wish to move from signs of decline back to signs of renewal. What is called for here seems impractical today. But people do not realize just how impractical that which is truly impractical—which has proven itself to be so, which developed to its extreme, became impractical from 1914 to 1918, and continues to have an impractical effect—actually is. But alongside all this, one must become familiar with how religious consciousness, too, can be illuminated and deepened through the anthroposophical perspective.

[ 24 ] Ich konnte heute nur einen der Wege zeichnen, wie zu dem kosmischen, außerirdischen Christus gekommen werden kann. Aber Sie werden sehen, wie sich daraus dann später eine vertiefte Geschichtsauffassung entwickeln kann, aber eine solche, welche die Menschheit als ein Lebewesen betrachtet. Und wie man sonst bei einem Lebewesen von gesund und krank spricht, so muß man auch bei der Menschheit von gesund und krank sprechen, wenn man nicht bei dem Materialismus stehenbleiben will. Man kann nicht sagen, daß es schwierig ist, zu dem Christus zu kommen, wenn man sieht, wie die entsprechenden Wege nicht beschritten worden sind. Eine konkrete, wirklichkeitsgemäße Geschichtsbetrachtung wird.den Weg zu dem Mysterium von Golgatha von den verschiedensten Seiten her zu gehen versuchen. Heute ist es allerdings so, daß man, da man nicht mit Gründen gegen die Geisteswissenschaft aufkommen kann, alles mögliche anwendet, um Träger der Geisteswissenschaft zu verunglimpfen: man wird persönlich. Und es ist ja — ich sage es wirklich ohne Groll — ein furchtbares Armutszeugnis derer, die sich heute gegen die anthroposophische Geisteswissenschaft aufspielen, daß sie eigentlich darauf verzichten, auf die Geisteswissenschaft einzugehen, daß sie immer nur von außen um sie herumgehen, zum Beispiel das Christus-Ereignis und das Christus-Erlebnis so hinstellen, als ob die Anthroposophie das Mysterienhafte rationalisiere, als ob sie das, dem man sich in scheuer Ehrfurcht nähern sollte, in die Sphäre der gewöhnlichen rationalistischen Erkenntnis herunterziehe. Aber bedenken Sie nur: Wenn man einem Menschen gegenübersteht und ihn anschaut, so muß das Geheimnisvolle, das jeder Mensch uns gegenüber ist, nicht dadurch verlorengehen, daß man nicht bloß von ihm erzählen hört, sondern ihn auch anzuschauen vermag. Nicht mit rationalistischen Begriffen ist der einzelneMensch auszumessen, wieviel weniger also das, was als der höchste Sinn der Erdenentwickelung uns entgegentritt: das Mysterium von Golgatha! Aber das Geheimnisvolle geht nicht dadurch verloren, daß zur Anschauung geführt wird; und Anthroposophie will eben von dem, was nur mitgeteilt oder geglaubt wird, zu dem hinführen, was sich in der Anschauung verständlich macht. Nichts wird hinweggetan von dem, was das Mysterium ausmacht. Das Mysterium bleibt bestehen, aber es soll von ihm nicht bloß «gesprochen» werden, sondern es soll vor die betrachtende Menschheit hingestellt werden.

[ 24 ] Today I was able to outline only one of the paths leading to the cosmic, extraterrestrial Christ. But you will see how this can later develop into a deeper understanding of history—one that views humanity as a living being. And just as one speaks of a living being as being healthy or sick, so too must one speak of humanity as being healthy or sick if one does not wish to remain stuck in materialism. One cannot say that it is difficult to come to Christ when one sees how the corresponding paths have not been taken. A concrete, realistic view of history will attempt to approach the Mystery of Golgotha from a wide variety of angles. Today, however, since people cannot come up with valid arguments against spiritual science, they resort to every possible means to denigrate its proponents: they resort to personal attacks. And it is indeed—I say this truly without resentment—a terrible indictment of those who today oppose anthroposophical spiritual science that they actually refrain from engaging with it, that they always merely skirt around it from the outside, for example, by presenting the Christ event and the Christ experience as if anthroposophy were rationalizing the mysterious, as if it were dragging down into the sphere of ordinary rationalistic knowledge that which one ought to approach with shy reverence. But just consider this: When one stands before a person and looks at them, the mystery that every human being represents to us need not be lost simply because one not only hears about them but is also able to look at them. The individual human being cannot be measured by rationalistic concepts, much less that which stands before us as the highest meaning of Earth’s evolution: the Mystery of Golgotha! But the mystery is not lost through being brought into direct perception; and anthroposophy seeks precisely to lead from what is merely communicated or believed to what becomes comprehensible through direct perception. Nothing is taken away from what constitutes the mystery. The mystery remains, but it is not to be merely “spoken of”; rather, it is to be set before humanity for contemplation.

[ 25 ] So wird in der Kritik heute herumgeredet, statt auf das einzugehen, was so wörtlich in der anthroposophischen Literatur selbst enthalten ist. Es ist nicht notwendig, daß man sich auf jede Sache einläßt, die von solcher Seite kommt, aber innerhalb der anthroposophischen Kreise sollte doch ein starkes Bewußtsein dafür vorhanden sein, daß der Haß gegen die anthroposophische Bewegung sich um so mehr steigern wird, je mehr sie sich geltend machen wird. Was man sich bisher geleistet hat, sind schon starke Stücke in bezug auf Gegnerschaft; doch Sie können versichert sein, das wird noch überboten werden. Und selbst wenn so geschimpft wird wie in den letzten Tagen wieder einmal über die Eurythmie, dann scheint mir nur das nötig zu sein, sich zu sagen: Bedenklich wäre es nur, wenn von dieser Seite her gelobt würde. Ich würde dann anfangen, mich zu fragen: Was muß nun anders gemacht werden? — Das sollte derjenige als ein gesundes Gefühl durchaus sich aneignen, der in der richtigen Weise in der anthroposophischen Bewegung drinnenstehen will.

[ 25 ] This is how critics today beat around the bush instead of addressing what is stated so explicitly in anthroposophical literature itself. It is not necessary to engage with every argument coming from that side, but within anthroposophical circles there should be a strong awareness that hatred toward the anthroposophical movement will intensify the more it asserts itself. What has been done so far is already quite significant in terms of opposition; but you can be assured that this will be surpassed. And even when there is such railing—as has been the case once again in recent days regarding eurythmy—it seems to me that all one needs to do is say to oneself: It would only be cause for concern if praise were coming from that quarter. I would then begin to ask myself: What needs to be done differently now? — Anyone who wishes to be truly involved in the anthroposophical movement in the right way should definitely adopt this as a healthy attitude.

[ 26 ] Damit wollte ich heute etwas darstellen, was sich in einer gewissen Beziehung als eine Ergänzung dessen ausnimmt, was ich bei meinem letzten Hiersein sprechen durfte. Das ist dadurch natürlich nicht an einen Abschluß gebracht. Was ich heute angedeutet habe, wird Sie auch in der Christologie wieder etwas weiterbringen.

[ 26 ] My intention today was to present something that, in a certain sense, serves as a supplement to what I was able to speak about during my last visit here. Of course, this does not bring the matter to a conclusion. What I have touched upon today will also help you make further progress in Christology.