Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
GA 211
26 März 1922, Dornach
4. Die Veränderungen im Erleben des Atmungsprozesses in der Geschichte
[ 1 ] Es wird in unserer Zeit viel gesprochen von dem Unterschiede zwischen Glauben und Wissen, und es wird insbesondere auch oftmals behauptet, daß Anthroposophie nach dem, was sie zu sagen hat, sich nicht als Wissenschaft, sondern als Glaubensinhalt bezeichnen müsse, als Glaubensüberzeugung. Im Grunde genommen rühren aber alle Unterschiede, die in diesem Stile gemacht werden, davon her, daß die Menschen sehr wenig Einsicht haben in das, was sich als Glaube im Laufe der Menschheitsentwickelung ergeben hat, und daß sie eigentlich auch nicht sehr viel Einsicht in das haben, was Wissen ist.
[ 2 ] Aller Glauben, alles, was mit dem Worte Glauben zusammenhängt, geht eigentlich in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurück. Es geht zurück in diejenigen Zeiten, in welchen der Atmungsprozeß eine viel größere Rolle im Leben des Menschen selbst spielte, als das jetzt der Fall ist. Der Mensch mit seiner gegenwärtigen Seelenverfassung achtet eigentlich nicht auf seinen Atmungsprozeß. Er atmet ein und atmet aus, aber er nimmt dabei nicht irgendein besonderes Erlebnis wahr.
[ 3 ] Die Glaubensinhalte älterer Zeiten haben immer auf die Bedeutung des Atmens hingewiesen. Man braucht sich nur zu erinnern — ich habe schon in diesen Tagen darauf aufmerksam gemacht —, daß im Alten Testament geradezu des Menschen Schöpfung in Zusammenhang gebracht wird mit dem Einhauchen des Atems, und man braucht sich nur zu erinnern an das, was ich ausgeführt habe über jenes Streben, das im alten Indien zum Beispiel vorhanden war, höhere Erkenntnis dadurch zu erringen, daß in einer bestimmten Weise der Atmungsprozeß geregelt wurde. Dieses Streben hatte einen Sinn in derjenigen Zeit, in der der Mensch überhaupt mehr auf seinen Atem achtete. Ich habe gesagt, dieses Streben fand statt in der Zeit, da der Mensch um sich herum nicht nur jene tote Natur wahrnahm, die wir heute wahrnehmen, sondern in der der Mensch in allen Naturdingen und Naturtatsachen geistig-seelische Wirksamkeiten sah, in der er in jeder Quelle, in jeder Wolke, im Flusse und im Winde geistig-seelische Tätigkeit wahrnahm. In dieser Zeit wurde angestrebt, den Atem bewußter und bewußter zu machen: das Einatmen, das Atemhalten, das Ausatmen zu regeln. Und durch diese Regelung des Atmungsprozesses wurde das erzeugt, was man das Selbstbewußtsein nennen kann, das Erlebnis des Ich, des «Ich bin». Aber es war das eine Zeit, in welcher überhaupt die Wahrnehmung, das Erlebnis des Atmens eine gewisse Rolle spielte im menschlichen Leben. Der Mensch der Gegenwart kann sich aus seinem gewöhnlichen Bewußtsein heraus nicht viel Vorstellungen machen, wie das war. Ich möchte Ihnen eine solche Vorstellung einmal geben.
[ 4 ] Nicht wahr, der Atmungsprozeß zerfällt ja in das Einatmen, in das Atemhalten und in das Wiederausatmen. Dieser Atmungsprozeß ist zunächst durch die Natur des Menschen geregelt. Die Joga-Gelehrten, von denen ich gesprochen habe, die regelten ihn anders. Wie heute derjenige, der studiert, ein Denken entwickelt, das nicht das Denken des Alltags ist, so entwickelte man in den Zeiten, in denen das Atmen eine besondere Lebensrolle spielte, auch ein anderes Atmen als im gewöhnlichen Leben. Aber wir wollen jetzt einmal nicht das Joga-Atmen, das entwickelte Atmen, sondern das gewöhnliche betrachten. Ich kann Ihnen das am besten schematisch darstellen.
[ 5 ] Nehmen wir an, das wäre der menschliche Brustorganismus, so können wir sagen: Wir unterscheiden den Einatmungsprozeß, den Atemhalteprozeß — den werde ich nicht besonders zeichnen — und den Ausatmungsprozeß. Indem der Mensch in älteren Zeiten einatmete, erlebte er etwa so, als ob mit dem Einatmen, also mit der eingeatmeten Luft aus der Außenwelt dasjenige hereinkäme, was Geistiges in den Wesen und Tatsachen der Außenwelt war. Also in dem, was ich hier rötlich als die Einatmungsströmung bezeichnet habe, erlebte der Mensch, sagen wir, Gnomen, Nymphen, alles das, was Geistig-Seelisches in der umgebenden Natur war. Und indem er ausatmete (blau), indem er also die Atemluft nach außen schickte, wurden im Ausatmen diese Wesenheiten wiederum unsichtbar. Sie verloren sich gewissermaßen in der umgebenden Natur. Man atmete ein und wußte: da in der Natur draußen ist Geistig-Seelisches, denn man spürte in dem Einatmen die Wirkung dieses Geistig-Seelischen. Man fühlte dabei sich verbunden mit dem Geistig-Seelischen der äußeren Natur. Das wirkte auf den Menschen in diesen alten Zeiten — aber es ist nur vergleichsweise gesprochen — in einer gewissen Weise berauschend. Er berauschte sich mit dem Geistig-Seelischen der Umwelt. Und indem er wiederum ausatmete, ernüchterte er sich. So daß er in einem Berauschenden und einem Ernüchternden lebte. Und in diesem Berauschen und Ernüchtern war eine Wechselwirkung mit dem Geistig-Seelischen der Außenwelt. Aber es war noch etwas anderes da. Der Mensch fühlte, indem er einatmete, indem er gewissermaßen sich berauschte mit dem GeistigSeelischen, aus der Atemströmung in seinen Kopf leise heraufziehen, wie ihn die geistig-seelischen Wesen innerlich ausfüllten, wie sie sich mit seinem eigenen Leibeswesen vereinigten. So daß das, was da der Mensch verspürte, etwa so ausgedrückt werden kann: Ich atme das Geistig-Seelische der Umwelt ein. Es erfüllt mein Haupt. Ich spüre es, ich empfinde es. Dann wird der Atem gehalten. Und im Ausatmen würde der Mensch sagen: Ich gebe wieder zurück meine Empfindung von dem Geistig-Seelischen.
[ 6 ] Aber das hatte einen innigen Zusammenhang mit dem Leben. Nehmen Sie einmal nur eine ganz einfache Sache: Hier liegt Kreide. Wenn man diese Kreide heute ergreift, schaut man sie an, man greift hin, nimmt sie auf. So hat das der Mensch der alten Zeitepoche nicht gemacht. Wir haben den Gedanken, indem wir die Kreide anschauen, und heben sie dann auf. Das war bei dem alten Menschen nicht der Fall, sondern der schaute hin, atmete das, was von der Kreide geistig ausströmt, ein, atmete aus, und erst im Ausatmen ergriff er die Kreide, so daß für ihn Einatmen gleich Beobachten, Ausatmen gleich Tätigsein war. Es war das in einer Zeit, in der eigentlich der Mensch mit der Umwelt immer in einer Art von rhythmischer Wechselwirkung lebte. Diese rhythmische Wechselwirkung hat sich ja erhalten für spätere Zeiten, aber ohne das lebendige, anschauende Bewußtsein der alten Zeiten. Nehmen Sie einmal an, wie noch in unserer Jugendzeit auf dem Lande handgedroschen wurde: anschauen, schlagen, anschauen, schlagen, in rhythmischer Tätigkeit. Diese rhythmische Tätigkeit entsprach einem gewissen Atmungsprozeß.
[ 7 ] Einatmen = Beobachten
[ 8 ] Ausatmen = Tun
[ 9 ] Für eine spätere Entwickelung der Menschheit können wir sagen: Es erlosch im menschlichen Wahrnehmen dieses Erleben des Einatmens, und der Mensch nahm oder nimmt nur dasjenige wahr, was vom Atmen in sein Haupt hinaufgeht. In alten Zeiten also, da nahm der Mensch wahr, wie sich das Eingeatmete, das für ihn ein Berauschen war, ins Haupt fortsetzte und sich dort verband mit den Sinneseindrücken. Das war später nicht mehr der Fall. Später verliert der Mensch das, was in seinem Brustorganismus vorgeht, aus seinem Bewußtsein. Er nimmt nicht mehr dieses Heraufströmen des Atmens wahr, weil die Sinneseindrücke stärker werden. Sie löschen aus, was im Atem heraufkommt. Wenn Sie heute sehen oder hören, dann ist in dem Vorgang des Sehens und auch in dem Vorgang des Hörens der Atmungsvorgang drinnen. Beim alten Menschen lebte das Atmen stark im Hören und Sehen, bei dem heutigen Menschen lebt das Sehen und Hören so stark, daß der Atem ganz abgedämpft wird. So daß wir sagen können, jetzt lebt nicht mehr das, was da berauschend, den Kopf durchströmend, von dem Alten im Atmungsprozeß in seinem Innern wahrgenommen worden ist, so daß er sagte: Ah, die Nymphen! Ah, die Gnomen! Nymphen, die wurlen im Kopfe so, Gnomen, die hämmern im Kopfe so, Undinen, die wellen im Kopfe so! — Heute wird dieses Hämmern, Wellen, Wurlen übertönt von dem, was vom Sehen, vom Hören herkommt und was heute den Kopf erfüllt.
[ 10 ] Es gab also einstmals eine Zeit, in der der Mensch stärker wahrnahm dieses Heraufströmen des Atmens in sein Haupt. Das ging über in die Zeit, in der der Mensch noch durcheinander wahrnahm, in der er noch etwas von den Nachwirkungen des gnomigen Hämmerns, des undinenhaften Wellens, des nymphenhaften Wurlens, indem er noch etwas wahrnahm von dem Zusammenhang dieser Nachwirkungen mit den Ton-, Licht- und Farbenwahrnehmungen. Dann aber verlor sich alles das, was er vom Atmungsprozeß noch wahrnahm. Und von denjenigen Menschen, die noch eine Spur von Bewußtsein hatten, daß einmal das Atmen das Geistig-Seelische der Welt in den Menschen hereinführte, wurde das, was da nun blieb, was sich festsetzte aus der Sinneswahrnehmung im Zusammenhang mit dem Atmen, «Sophia» genannt. Aber das Atmen nahm man nicht mehr wahr. Also der geistige Atmensinhalt wurde abgetötet, besser gesagt, abgelähmt durch die Sinneswahrnehmung.
[ 11 ] Dieses wurde insbesondere von den Griechen empfunden. Die Griechen hatten gar nicht die Idee von einer solchen Wissenschaft, wie wir heute. Wenn man den Griechen erzählt hätte von einer Wissenschaft, wie sie heute an unseren Hochschulen gelehrt wird, es wäre ihnen das so vorgekommen, wie wenn ihnen jemand mit kleinen Stecknadeln das Gehirn fortwährend durchstochen hätte. Sie hätten gar nicht begriffen, daß das einem Menschen eine Befriedigung geben kann. Wenn sie solche Wissenschaft, wie wir sie heute haben, hätten aufnehmen sollen, dann hätten sie gesagt: Das macht das Gehirn wund, das verwundet das Gehirn, das sticht. — Denn sie wollten noch etwas wahrnehmen von jenem wohligen Ausbreiten des berauschenden Atems, in den sich, hineinströmend, das Gehörte, das Gesehene ergießt. Es war also bei den Griechen ein Wahrnehmen eines inneren Lebens im Haupte vorhanden, solch eines inneren Lebens, wie ich es Ihnen jetzt schildere. Und dieses innere Leben, das nannten sie Sophia. Und diejenigen, die es liebten, diese Sophia in sich zu entwickeln, die eine besondere Neigung hatten, sich hinzugeben an diese Sophia, die nannten sich Philosophen. Das Wort Philosophie deutet durchaus auf ein inneres Erleben. Jene greulich pedantische Aufnahme von Philosophie, wobei man Philosophie eben «ochst» — wie man es im Studentenleben nennt —, jenes Sich-bekannt-Machen mit dieser Wissenschaft, das kannte man in Griechenland nicht. Aber das innere Erlebnis des «Ich liebe Sophia», das ist es, was sich in dem Worte Philosophie zum Ausdrucke bringt.
[ 12 ] Aber ebenso, wie im Haupte von den Sinneswahrnehmungen aufgenommen wird der in den Leib einlaufende Atmungsprozeß, so wird von dem übrigen Leib das aufgenommen, was ausströmt als ausgeatmete Luft. Im Gliedmaßen-Stoffwechsel-Organismus strömen ebenso, wie sonst die Sinneswahrnehmungen durch das Gehörte, wie das Gesehene in das Berauschende der eingeatmeten Luft in das Haupt hineinströmt, die körperlichen Gefühle, die Erlebnisse mit der ausgeatmeten Luft zusammen. Das Ernüchternde der ausgeatmeten Luft, das Auslöschende für die Wahrnehmung, das floß zusammen mit den körperlichen Gefühlen, die im Gehen, im Arbeiten erregt wurden. Das Tätigsein, das Tun war mit dem Ausatmen verknüpft. Und indem der Mensch sich betätigte, indem er etwas tat, fühlte er gewissermaßen, wie von ihm fortging das Geistig-Seelische. So daß er fühlte, wenn er irgend etwas tat, irgend etwas arbeitete, wie wenn er das GeistigSeelische einströmen ließe in die Dinge hinein. Ich nehme auf das Geistig-Seelische: es berauscht mein Haupt, es verbindet sich mit dem Gesehenen, mit dem Gehörten. Ich tue etwas, ich atme aus. Das GeistigSeelische geht fort. Es geht hinein in das, was ich hämmere, es geht hinein in das, was ich ergreife, es geht hinein in alles das, was ich arbeite. Ich entlasse das Geistig-Seelische aus mir. Ich übertrage es, indem ich zum Beispiel die Milch sprudele, indem ich irgend etwas äußerlich mache, ich lasse einströmen das Geistig-Seelische in die Dinge. — Das war das Gefühl, das war die Empfindung. So war es also in den alten Zeiten.
[ 13 ] Aber dieses Wahrnehmen des Ausatmungsprozesses, dieses Wahrnehmen der Ernüchterung hörte eben auf, und es war nur noch eine Spur vorhanden in der Griechenzeit. In der Griechenzeit fühlten die Menschen noch etwas, wie wenn sie, indem sie sich betätigten, noch etwas Geistiges den Dingen übergaben. Aber dann wurde doch alles das, was da im Atmungsprozeß war, abgelähmt von dem Körpergefühl, von dem Gefühl der Anstrengung, der Ermüdung im Arbeiten. Ebenso wie der Einatmungsprozeß nach dem Haupte abgelähmt wurde, so wurde der Ausatmungsprozeß nach dem übrigen Organismus abgelähmt. Dieser geistige Ausatmungsprozeß war abgelähmt durch das Körpergefühl, also durch das Gefühl der Anstrengung, des Erhitztwerdens und so weiter, durch das, was im Menschen lebte, so daß er seine eigene Stärke fühlte, die er anwendete, indem er sich betätigte, indem er etwas tat. Er fühlte in sich jetzt nicht den Ausatmungsprozeß als Ermüdung, er fühlte in sich eine Kraftwirkung, er fühlte den Körper durchdrungen mit Energie, mit Kraft.
[ 14 ] Diese Kraft, die da im Innern des Menschen lebte, das war Pistis, der Glaube, das Fühlen des Göttlichen, der göttlichen Kraft, die einen arbeiten läßt: Pistis, der Glaube.
[ 15 ] Sophia = der geistige Atmungsinhalt, abgelähmt durch die Sinneswahrnehmung
[ 16 ] Pistis (Glaube) = der geistige Ausatmungsprozeß, abgelähmt durch das Körpergefühl
[ 17 ] So floß im Menschen zusammen die Weisheit und der Glaube. Die Weisheit strömte nach dem Haupte, der Glaube lebte im ganzen Menschen. Es war die Weisheit nur eben der Ideeninhalt. Und es war der Glaube dieKraft dieses Ideeninhaltes. Beide gehörten zusammen. Daher auch diese einzige gnostische Schrift, die erhalten ist aus dem Altertum, die Pistis-Sophia-Schrift. So daß man in der Sophia eine Verdünnung der Einatmung, in dem Glauben eine Verdichtung der Ausatmung hatte. Dann verdünnte sich die Weisheit weiter. Und in der weiteren Verdünnung ist die Weisheit die Wissenschaft geworden. Und dann verdichtete sich die innere Kraft weiter. Der Mensch fühlte nur noch seinen Leib: es entschwand ihm das Bewußtsein, was Glaube, Pistis eigentlich ist. Und es kam dann eben dazu, daß die Menschen, weil sie den Zusammenhang nicht mehr erfühlen konnten, das trennten, was als bloßer Glaubensinhalt gewissermaßen subjektiv vom Innern aufsteigen sollte, und dasjenige, was sich mit der äußeren Sinneswahrnehmung verbindet. Erst war Sophia, dann Scientia, die gewöhnliche Wissenschaft, die eine verdünnte Sophia ist. Man könnte auch sagen: Ursprünglich war die Sophia ein wirkliches Geisteswesen, das der Mensch als einen Bewohner seines Kopfes fühlte. Heute hat er von diesem geistigen Wesen nur noch das Gespenst. Denn die Wissenschaft ist das Gespenst der Weisheit. Das ist etwas, was eigentlich dem heutigen Menschen wie eine Art Meditation durch die Seele ziehen sollte, daß die Wissenschaft das Gespenst der Weisheit ist. Und ebenso nach der anderen Seite der Glaube — den man heute gewöhnlich so nennt; hier hat man nicht eigentlich einen besonderen Unterschied erfaßt in den Worten —, der Glaube, der heute lebt, ist nicht der innerlich erlebte Glaube des Altertums, Pistis, sondern er ist das mit dem Egoismus eng verbundene Subjektive. Er ist der verdichtete Glaube der alten Zeiten. In dem noch nicht verdichteten Glauben hat man noch das objektive Göttliche im Menschen erfühlt. Heute findet man den Glauben nur noch subjektiv gewissermaßen heraufsteigend als Rauch aus dem Körper. So daß man sagen könnte, so wie die Wissenschaft das Gespenst der Weisheit ist, so ist der heutige Glaube das Schwergewordene des ehemaligen Glaubens, der Kloß des ehemaligen Glaubens.
[ 18 ] Diese Dinge muß man eben so zusammenhalten, dann wird man nicht mehr so oberflächlich urteilen, wie es heute viele Menschen tun, die da sagen: Anthroposophie sei nur ein Glaubensinhalt. Solche Menschen wissen nicht, wovon sie reden, weil sie den ganzen Zusammenhang des Glaubens mit der Weisheit, dieses innerliche Eins-Erleben von Glaube und Weisheit sich eben niemals aus der wirklichen Geschichte der Menschheit heraus zum Bewußtsein gebracht haben. Wo redet man denn heute von Geschichte so, wie wir es hier darstellen müssen? Wo redet man denn heute davon, was der Atmungsprozeß für den Menschen einmal war, wie er ein ganz anderes Erleben darstellte, als es das heutige ist? Wo wird man sich denn bewußt, wie abstrakt auf der einen Seite und robust materiell auf der anderen Seite dasjenige geworden ist, was einmal ein wirkliches Geist-Seelisches nach der einen Seite und ein wirkliches Seelisch-Leibliches nach der anderen Seite war?
[ 19 ] Als die Glaubensentwickelung an einem bestimmten Punkte angelangt war, da wurde es eben für die Menschheit notwendig, in diesen Glaubensinhalt etwas ganz Bestimmtes aufzunehmen. In alten Zeiten hatte ja der Mensch das Göttliche in dem Glaubensinhalte drinnen. Er erlebte das Göttliche im Ausatmungsprozeß. Aber der Ausatmungsprozeß ging ihm für sein Bewußtsein verloren. Er hatte nicht mehr das Bewußtsein, daß da das Göttliche in die Dinge hinaus übergeht. Der Mensch brauchte für sein Bewußtsein eine Wiederbelebung des Göttlichen, und er bekam diese Wiederbelebung dadurch, daß er nun eine Vorstellung in sich herein bekam, die auf der Erde keine äußere Wirklichkeit hat. Auf der Erde hat es keine äußere Wirklichkeit, daß die Toten aus den Gräbern aufstehen. Aber das Mysterium von Golgatha hat für den Menschen nicht einen wirklichen Inhalt, wenn er den Lebensgang des Jesus schildert, bis Jesus stirbt. Das ist schließlich nichts Besonderes. Daher ist der Jesus auch für die moderne Theologie nichts Besonderes mehr. Denn daß ein Mensch irgendwelche Erlebnisse durchmacht und dann stirbt, wie die moderne Theologie das Leben Jesu darstellt, das ist ja nichts Besonderes. Das Mysterium beginnt erst mit der Auferstehung, mit dem lebendigen Leben des Christus-Wesens, nachdem der physische Leib durch den Tod gegangen ist. Und — das ist ja auch entsprechend dem Paulusworte — wer diese Vorstellung der Auferstehung nicht aufnimmt in sein Bewußtsein, der hat gar nichts vom Christentum aufgenommen, daher die moderne Theologie ja eigentlich nur eine Jesulogie, eigentlich gar kein Christentum ist. Das Christentum braucht eine solche Vorstellung, die sich auf eine Wirklichkeit bezieht, die nicht auf dieser Erde sich abspielt als unmittelbare Anschauung der Sinne, sondern die als Vorstellung schon den Menschen hinaufhebt ins Übersinnliche.
[ 20 ] Durch ein innerliches Erleben wurde der alte Mensch hinaufgehoben in das Übersinnliche. Ich habe Ihnen in diesen Tagen dargestellt, wie der Joga-Schüler hingeführt wurde zu dem innerlichen Erleben des Babyseins. Man erlebte die ersten Eindrücke des Babyseins, dasjenige, was plastisch an dem Menschen gestaltet. Das, wovon man sonst nichts weiß, das wurde durch die Joga-Übungen, von denen ich Ihnen gesprochen habe, bewußt, damit aber gleichzeitig das ganze Vorgeburtliche, beziehungsweise das Leben, das vor der Empfängnis liegt, wo die Seele des Menschen in der geistigen Welt oben war, bevor sie herunterstieg und einen physischen Leib annahm. Davon blieb nur eine Vorstellung zurück. Diese Vorstellung ist auch in den Evangelien enthalten: So ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnet ihr nicht eindringen in die Reiche der Himmel. — Dieses Wort bezieht sich darauf, nur hatte es in jener Zeit kein unmittelbares Leben mehr. Es war dieses Wort gewissermaßen eine Erinnerung, daß man einstmals sich zurückversetzen konnte in die Kindleinszeit und da die Reiche der Himmel erleben konnte, aus denen man heruntergestiegen ist durch die Geburt ins physische Dasein. Es ist wohl kaum so, daß der Mensch heute, wenn er aus den Evangelien oder aus einer sonstigen alten Sprache von den Reichen der Himmel hört, sich etwas Bedeutsames darunter vorstellt. Er denkt dann wohl: Nun ja, das habe ich hier auf Erden gesehen — Frankreich, England und so weiter, das ist in Reiche gespalten. Was da auf Erden an Reichen vorhanden ist, das ist auch da oben, da sind auch die Reiche der Himmel. — Sonst kann ja der Mensch nicht recht eine konkrete Vorstellung von den Reichen der Himmel bekommen, wenn er nicht das, was da unten ist, auch oben vorstellen kann. Ich glaube, man sagt im Englischen sogar, wenn ich nicht irre: die Königreiche der Himmel. Ja, da bekommt man keine Vorstellung von dem, was in dem heute modernisierten Ausdruck «die Reiche der Himmel» liegt. Das Evangelium sagt sogar gewöhnlich so, daß man es noch weniger irgendwie sehen kann, was es eigentlich bedeutet, es sagt sogar: das Gottesreich. Dabei denkt sich der Mensch wohl schon kaum noch irgend etwas, sondern er läßt eben ein Wort erklingen. Aber die Himmel waren in alten Zeiten ganz genau dasjenige, was sich — wenn etwa hier die Erde ist (Mitte) — ausbreitete als Sphäre der Welt (weiß, blau). Und «Reich» — was war denn das? Wir wollen von aller Philologie absehen und hier die Beobachtung zu Hilfe nehmen, welche durch anthroposophische Methode selbst gegeben werden kann. «Reich» = dasjenige, was hinreicht, was umreicht, was umringt, das ist das Reichende, das Tönende, das Sprechende, so daß man sich zur Vorstellung aufschwingen muß: Durch diese Himmel tönt hindurch für den, der es wahrnehmen lernt, das Geistig-Seelische. Er nimmt nicht nur wahr die Himmel, sondern das die Himmel durchklingende, durchreichende Weltenwort.
[ 21 ] Wer nicht werden kann wie die Kindlein, kann nicht wahrnehmen das Wort der Himmel, das Wort, das überall aus den Himmeln spricht. Wenn man irdische Reiche «Reiche» nennt, und die irdischen Herrscher «Herrscher dieser Reiche», so müßte man ja die geheime Vorstellung haben, daß diese Herrscher so laut sprechen oder singen könnten, daß ihre Stimme durch ihr ganzes Reich erklingt. In älteren, legendenhaften Vorstellungen gibt es auch so etwas wie ein Ertönen des Reiches. Und symbolisch kam das dadurch zum Ausdrucke, daß Gesetze gegeben wurden, die nach den Himmelsgegenden hin mit Posaunen verkündet wurden, wodurch das Reich eine Wirklichkeit wurde. Das Reich war nicht die Fläche, auf der die Menschen wohnten, sondern das Reich war das, was die Posaunenengel als den Inhalt der Gesetzmäßigkeiten hinaustrugen in die Weiten.
[ 22 ] Aber es war eine Erinnerung. Es mußte eine andere Vorstellung kommen, die sich mehr auf den Willen bezog — das Vorherige bezog sich auf die Idee, auf den Gedanken —, auf dasjenige, was mit dem Menschen geht, wenn er durch das Tor des Todes geht. Da bleibt ja als seine Energieentwickelung der Wille. Der geht mit ihm durch die Pforte des Todes mit dem Weltgedankeninhalt. Der menschliche Wille, erfüllt mit Weltengedanken, geht mit ihm in die geistigen Welten ein, wenn der Mensch stirbt. Und an diesen Willen wandte sich nun die neue Vorstellung von dem auferstandenen Christus, von dem, der lebt, auch wenn er irdisch gestorben ist. Das war die kräftige, gewaltige Vorstellung, die nicht bloß zurückerinnerte an die Kindheit, die hinwies auf den Tod, und die im Menschen an das appellierte, was mit ihm durch die Pforte des Todes hindurchgeht. So finden wir durchaus begründet in der Menschheitsentwickelung selbst das Hereinbrechen der ChristusVorstellung, des ganzen Christus-Impulses.
[ 23 ] Nun kann man aber allerdings sagen: Auch heute sind doch noch viele Menschen auf der Erde, die nichts wissen vom Christus. Diejenigen Menschen, die heute von ihm wissen, wissen es ja meistens schlecht, aber sie lernen etwas vom Christus, wenn sie auch nach dem Sinn des heutigen Materialismus die Vorstellung vom Christus, die Empfindung vom Christus, die sie in sich haben, nicht richtig haben. Aber es gibt doch auf der Erde viele Menschen, die eben in anderen, älteren Religionsformen leben. Und da entsteht die große Frage, die ich schon gestern andeutete. Ich sagte, das Mysterium von Golgatha ist eine Tatsache. Der Christus ist für alle Menschen gestorben. Der ChristusImpuls ist eine Kraft der ganzen Erde geworden. In diesem objektiven Sinne, abgesondert vom Bewußtsein, ist der Christus da für Juden, Heiden, Christen, Hindumenschen, Buddhisten und so weiter. Er ist da. Er lebt seit dem Mysterium von Golgatha in den Kräften der Erden-Menschheitsentwickelung. Aber es macht doch einen Unterschied, ob die Menschen innerhalb eines christlichen Bereiches oder eines nichtchristlichen Bereiches leben. Welcher Unterschied da besteht, das kann man nur studieren, wenn man den Zusammenhang erblickt zwischen dem Leben, das der Mensch entfaltet zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und dem Erdenleben. Wenn der Mensch durch den Tod gegangen ist und im Leben, sagen wir, Buddhist oder Hinduist war, wenn er also gar keine Vorstellung, keine Empfindung von dem Christus aufgenommen hat, so nimmt er für das Weltenall hinter den Tod dasjenige mit, was der Mensch eben hier auf der Erde erfahren kann von der äußeren Umgebung, von der Natur. Man würde in den Himmeln nichts von der Natur wissen, wenn der Mensch dorthin nicht — wenn er durch den Tod in die Reiche der Himmel eintritt — die Kunde von der Erde bringen würde. Der Mensch trägt, was er hier auf der Erde aufnimmt, hinüber in das Reich des Übersinnlichen, indem er durch den Tod geht, denn dadurch haben die übersinnlichen Welten überhaupt erst eine Kenntnis von dem Mineralischen, von dem Pflanzlichen, von dem Tierischen auf der Erde. Derjenige aber, der von Christus etwas weiß, der namentlich die Vorstellung haben kann, daß Christus in ihm lebt, der das Paulinische Wort erlebt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir» —, der trägt nun nicht bloß die Kunde von der Erde in die übersinnlichen Welten hinein, sondern die Kunde von dem irdischen Menschen. So wird beides hineingetragen auch noch von dem heutigen Menschen. Die Christen tragen in die übersinnliche Welt die Kunde von dem Erdenmenschen hinein, von der leiblichen Erdengestaltung des Menschen. Die Hindumenschen, die Buddhisten und so weiter tragen in die Himmel hinein die Kunde von dem, was um den Menschen herum ist. Es ergänzen sich schon heute die Menschen in dem, was sie als Beitrag liefern für die übersinnlichen Welten, indem sie durch den Tod gehen. Es wird natürlich immer mehr und mehr notwendig, daß alle Geheimnisse, die der Mensch in sich selber, durch sich selber erleben kann, hineingetragen werden in die Himmel, daß der Mensch also immer mehr und mehr durchchristet werde. Aber vor allen Dingen ist es wichtig, daß das, was der Mensch nur als Mensch mit Menschen hier auf der Erde erlebt, mittelst des Christentums durch den Tod getragen wird.
[ 24 ] Bedenken Sie, daß das eigentlich eine außerordentlich wichtige Wahrheit ist, eine ganz wesentliche Wahrheit. Nehmen Sie zum Beispiel den Hinduisten, den Buddhisten. Was er erlebt im Anschauen der Welt, im Empfinden der Welt, im Erfühlen der Welt, was er erlebt an Gedanken über Mineralien, an Empfindungen über Pflanzen, an Gefühlen über Tiere, er trägt das alles durch die Pforte des Todes und bereichert das Götterwissen in der übersinnlichen Welt mit dem, was er also erlebt. Das, was der Christ erlebt, indem er mit seinen Mitmenschen in ein soziales Verhältnis tritt, indem er soziale Zusammenhänge entwickelt, also das, was man nur als Mensch unter Menschen erleben kann, was in menschlicher Bruderschaft auf Erden erlebt wird, das trägt seinerseits der Christ durch die Pforte des Todes. Man möchte sagen: Der Buddhist trägt die Schönheit der Welt durch die Pforte des Todes, der Christ trägt die Güte durch die Pforte des Todes. Sie ergänzen einander schon. Aber der Fortschritt des Christentums besteht darin, daß gerade die sozialen irdischen Verhältnisse eine Bedeutung für die himmlischen Welten bekommen.
[ 25 ] Die morgenländischen Tyrannen mochten noch so viele Menschen enthaupten, das rührte gewissermaßen die jenseitigen Welten wenig. Es rührte sie nur insofern, als der Mensch dadurch äußere Eindrücke empfing: die äußeren Eindrücke des Abscheus und so weiter, die wurden durch die Pforte des Todes getragen. Das, was heute durch jämmerliche soziale Verhältnisse an Unliebe zwischen Menschen entfaltet wird, was durch Verkennung der sozialen Zusammenhänge auf der Erde als falscher Sozialismus sich ausbreitet, das hat eine große Bedeutung auch für die übersinnlichen Welten, in die der Mensch durch die Pforte des Todes eintritt. Und wenn heute unter der Flagge der Verwirklichung des Sozialismus im Osten von Europa eine furchtbare, zerstörerische Gewalt entwickelt wird, so wird auch das, was da erlebt wird, hineingetragen als furchtbares Ergebnis in die jenseitigen Welten. Und wenn entwickelt werden lieblose Verhältnisse unter den Menschen in der Zeit des Materialismus, so wurde das hineingetragen zum Abscheu der göttlich-geistigen Welten durch die Pforte des Todes in die übersinnlichen Welten.
[ 26 ] Durch das Christentum soll der Mensch gerade dazu kommen, Ergebnisse der Erdenentwickelung, die durch ihn entstehen, auch in die übersinnlichen Welten hineinzutragen. Das, was der Mensch auf der Erde selber ausbildet, das wird er durch den Gedanken an den auferstandenen Christus, an ein lebendes Wesen, das durch den Tod gegangen ist und doch lebt, fähig, in die geistigen Welten hineinzutragen.
[ 27 ] Daher haben auch diejenigen Menschen, die nicht möchten, daß ihre sozialen Taten durch den Tod getragen werden, heute einen solchen Horror davor, den auferstandenen Christus anzuerkennen. Es hängt eben durchaus die sinnlich-physische Welt mit der übersinnlichen Welt zusammen, und man versteht die eine nicht, wenn man sie nicht im Zusammenhang mit der anderen versteht. Wir müssen wiederum dazu kommen, das, was auf der Erde vorgeht, dadurch zu verstehen, daß wir die geistigen Ereignisse des Weltenalls verstehen. Wir müssen lernen, nicht abstrakt zu reden von Geist und Materie, sondern wir müssen lernen, hinzuschauen auf den Menschen, wie er einmal im Atmungsprozeß einen Zusammenhang erfühlte mit dem Göttlich-Geistig-Seelischen der Welt, und müssen dadurch dazu kommen, selber wiederum das Geistig-Seelische der Welt nun auf die Art zu erleben, wie wir es eben in unserer Zeit erleben können. Auf eine andere Weise kann auch keine Gesundung der sozialen Zustände der Erde erfolgen. Man wird nach sozialer Verbesserung schreien, wird aber nichts erreichen, sondern im Gegenteil: Es wird alles immer mehr dem Niedergange zugehen, wenn nicht diese Durchchristetheit unter den Menschen Platz greift, die aber auf das Reale gehen muß, nicht auf das bloße Aussprechen von inhaltlosen Worten, an denen man sich berauscht.
[ 28 ] Am Atem durften sich die Alten berauschen. An Worten dürfen sich die Neueren nicht berauschen. Worte dürfen für sie kein Berauschendes sein, sondern ein im Sinne der Sophia gehaltenes, den Menschen weisheitsvoll Durchdringendes.
[ 29 ] Das sind die Dinge, durch die Anthroposophie auch auf das hinweist, was in sozialer Beziehung heute wichtig ist. Und sie möchte schon in ihrem Namen etwas davon ausdrücken, diese Anthroposophie, Anthroposophia, die ja auch eine Weisheit ist. Während der Griechenzeit war der Mensch etwas Selbstverständliches. Sophia war schon eine Menschen-Weisheit, weil der Mensch noch licht-weisheitsvoll war. Heute, wenn man sagt: Sophia, da denken die Menschen bloß an das Gespenst der Sophia, an die Wissenschaft. Man muß deshalb schon appellieren an den Menschen, den man heranruft, an den Anthropos: Anthroposophia. Man muß aufmerksam machen, daß das etwas ist, was aus dem Menschen heraus kommt, was aus dem Menschen heraus leuchtet, was aus den besten Kräften des Menschen heraus blüht. Darauf muß man schon hinweisen. Aber dadurch wird auch Anthroposophie etwas, was das menschliche Erdendasein belebt. Denn sie ist etwas, was nur in einer geistigeren, aber nicht minder konkreten Weise vom Menschen erlebt wird, als die alte Sophia erlebt wurde, und was zu gleicher Zeit eben mitbewirken soll dasjenige, was dann im ganzen Menschen war, der Inhalt des Glaubens, Pistis. Es ist Anthroposophie durchaus nicht etwa ein Glaubensinhalt, sondern ein wirklicher Wissensinhalt, aber ein solcher, der den Menschen eine Kraft gibt, wie sie in älteren Zeiten nur der Glaube enthalten hat.
