Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
GA 211
15 April 1922, Dornach
10. Erkenntnis des Christus durch Anthroposophie
[ 1 ] Gestern erlaubte ich mir über den Weg zu sprechen, der aus der physisch-sinnlichen Welt heraus in die übersinnliche hineinführt, über den Weg, der von der heutigen Anthroposophie als derjenige charakterisiert werden muß, der zu einem gewissen exakten Hellsehertum, zu einer exakten Clairvoyance führt. Ich sprach von einer exakten Clairvoyance, weil in der Tat unsere Zeit eine solche exakte Clairvoyance fordern muß. Alle Zeiten haben Clairvoyance, die Grundlage der Initiationswissenschaft, gehabt, aber sie haben diese Clairvoyance wie etwas auf elementarische Weise aus dem Menschen Herauskommendes, oder wenigstens auf eine elementare Weise aus dem Menschen heraus Erzeugtes, hingenommen, und diejenigen Persönlichkeiten, welche zu solcher Geisteswissenschaft gekommen sind, waren ja dann zumeist auch angewiesen auf die Autorität derjenigen, die ihnen vorangegangen waren in dem Besitz solcher Initiationswissenschaft. Wir würden innerhalb der heutigen Entwickelungsepoche der Menschheit auf solches Autoritätsprinzip nicht mehr bauen dürfen, denn das würde widersprechen demjenigen, was heute der Mensch nach seiner Seelenverfassung fordern muß. Wir haben seit drei, vier, fünf Jahrhunderten eine exakte Wissenschaft. Selbstverständlich ist diese exakte Wissenschaft noch nicht Initiationswissenschaft. Aber diese exakte Wissenschaft übt eine gewisse Kontrolle aus über die Forschungsmethode, über die Denkmethode. Sie übt eine Kontrolle aus der vollständigen Bewußtheit der menschlichen Persönlichkeit heraus, und eine solche Kontrolle muß heute derjenige fortwährend üben, welcher als ein Geistesforscher zur exakten Clairvoyance im anthroposophischen Sinne kommen will.
[ 2 ] Wenn wir dasjenige, was erreicht werden kann an Einsicht über den Kosmos, an Einsichten über die menschliche Wesenheit aus einer solchen Clairvoyance heraus auf uns wirken lassen, so wirkt es nicht bloß so, wie eine theoretische Weltanschauung wirken kann, nicht bloß als eine Summe von Ideen, die man weiß über die geistigen, über die übersinnlichen Welten, sondern es wirkt diese moderne Initiationswissenschaft zugleich als eine Kraft, eine geistig-lebendige Kraft, die den ganzen Menschen in allen seinen Fähigkeiten durchdringen und befruchten kann. Das haben wir in einer gewissen Weise schon zeigen dürfen, indem wir in künstlerischer Arbeit wirksam gemacht haben dasjenige, was sonst nur in der Form von Ideen über die geistige Welt auftritt. Das Goetheanum in Dornach, diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, sie wurde durch die Opferfreudigkeit einer Anzahl von Freunden der anthroposophischen Sache begründet, sie ist im Bau, sie ist so weit, daß in ihr schon heute, ja sogar schon seit längerer Zeit, Arbeiten geleistet werden können, obwohl sie noch nicht fertig ist. Hätte eine andere geistige Bewegung Veranlassung gehabt, einen solchen Bau aufzuführen, dann wäre es selbstverständlich gewesen, daß diese Bewegung sich gewandt hätte an einen bekannten Baumeister, der im antiken, im Renaissance- oder gotischen Stil oder aus irgendeiner anderen Stilform heraus einen Bau aufgeführt hätte, wie man eben heute einen Bau aufführen will. Das konnte beim Goetheanum in der Schweiz nicht so gemacht werden. Das hätte widersprochen der anthroposophischen Weltanschauung, die nicht bloß in Ideen sich einführen will, die Leben sein will auf dem Gebiet des menschlichen Wirkens. Es ist kaum notwendig zu sagen, daß es unvollkommen ist. Ich bin selbst in dieser Beziehung mein strengster Kritiker. So unvollkommen das Goetheanum aber heute ist als Bauwerk, als Kunstwerk, als ein Ganzes, so ist es dennoch notwendig gewesen, dieses Goetheanum, weil die Anthroposophie es als ein Vorbild in die moderne Menschheit hineintragen will, in einem neuen Baustil, einem neuen Kunststil zu errichten. So trifft man denn in Dornach im Goetheanum architektonische Formen an, die herausgeschöpft sind aus demselben Leben, aus dem die Ideen über das Übersinnliche geschöpft sind, wie sie durch das Wort verkündet werden. So ist alles, was man in Dornach finden kann an Bildhauerei, an Malerei, von einem neuen Stil getragen, aus dem im modernen Leben die Anthroposophie herausgeboren sein soll. Wer diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft besucht, der wird finden, daß auf der einen Seite von ihrem Podium herunter in Worten die anthroposophische Weltanschauung verkündet wird, daß aber die Bauformen, die malerischen Kunstwerke, dasselbe ausdrücken auf künstlerische Weise, was ausgedrückt wird durch das Wort. Das, was von der Bühne herunter wirken kann, soll nur eine andere Form der Offenbarung sein als dasjenige, was durch das Wort geschehen kann. Anthroposophie soll nicht nur im Worte sich ausdrücken, sondern aus tiefer menschlicher Wurzel hervorkommen, von der die theoretische Anthroposophie nur ein Zweig ist, von der das Künstlerische, das Erzieherische, andere Zweige sind. So ist anthroposophisches Leben ein Faktor auf den verschiedensten Gebieten des menschlichen Daseins.
[ 3 ] Sie finden heute in Stuttgart die sogenannte Waldorfschule, in welcher nicht etwa Anthroposophie, so wie sie gewöhnlich gelehrt wird, von Erwachsenen den Kindern beigebracht werden soll, denn sie ist keine Weltanschauungsschule. Es wird dort der Religionsunterricht katholisch von katholischen Priestern, evangelisch von evangelischen Pastoren gemäß ihren religiösen Anschauungen unterrichtet. Diejenigen, die keine besondere religiöse Erziehung verlangen, von denen so viele in Deutschland sind, die werden von uns in bezug auf das Religiöse mit einer besonders für sie bereiteten religiösen Übersetzung des Anthroposophischen versorgt. Das aber, was erreicht werden soll durch die Waldorfschule, tritt dann ein, wenn das Anthroposophische ins Leben übergeht, in die wirklich praktische Erziehungskunst, in die Pädagogik und die Didaktik, in alles Erzieherische und Unterrichtliche überhaupt. Das, was der Lehrer tut, wie er erzieht, wie er unterrichtet, das ist es, was lebendig ist in seiner ganzen Persönlichkeit. Entzündet wird es durch die Anthroposophie. Ich hebe dieses zweite Gebiet heraus, um zu zeigen, wie Anthroposophie auf die verschiedensten Gebiete des menschlichen Daseins lebensvoll wirken will.
[ 4 ] Besonders lebensvoll aber kann sie wirken, und hat ja bereits in vieler Beziehung gewirkt auf dasjenige, was religiöse Bedürfnisse der Menschheit sind. Darüber, wie sie auf diese religiösen Bedürfnisse wirkt insofern die zivilisierte Menschheit sich anschließt an ein Auffassen des Mysteriums von Golgatha, möchte ich gerade durch die heutige Betrachtung zu Ihnen sprechen. Ich werde anzuknüpfen haben an dasjenige, was ich gestern als den anthroposophischen Weg in die übersinnliche Welt hinauf charakterisiert habe.
[ 5 ] Ich habe gezeigt, daß man durch gewisse Übungen der Seele dazu kommen kann, sich zuerst imaginative Erkenntnis zu erwerben. Diese imaginative Erkenntnis, sie lebt so in der menschlichen Seele, daß der Mensch in die Lage kommt, durch seine bloße Denkkraft, die ihm sonst nur schattenhafte, abstrakte Gedanken liefert, Bilder zu erhalten, die ebenso energisch in der Seele leben, ebenso intensiv sind, wie die Bilder, die bei der Sinneswahrnehmung an den Menschen herantreten. Wie wir sonst in Farben denken, wenn wir uns den Eindrücken unserer Augen hingeben, wie wir sonst in Tönen denken, wenn wir uns den Eindrücken unserer Ohren hingeben, so erleben wir unsere Gedanken in der imaginativen Erkenntnis. Wenn wir unsere Gedanken innerlich erleben können, wenn sie nicht bloß in abstrakten Konturen auftreten, sondern als inhaltsvolle Bilder, dann sind wir in imaginativer Erkenntnis. Ich habe gestern angedeutet, daß man den Zeitorganismus, den Bildekräfteleib des Menschen durch die imaginative Erkenntnis anschauen könne. Aber wir müssen uns bewußt sein, daß wir, wenn wir zu dieser imaginativen Erkenntnis aufsteigen, etwas Imaginatives in uns haben. Dadurch unterscheidet sich der anthroposophische Forscher von dem Halluzinierenden oder von dem Medium, daß er zur exakten Clairvoyance kommt, daß er imstande ist zu erkennen, zu durchschauen, daß da erst Bilder sind, die zunächst nur im Menschen selber leben. Auch wenn wir den Bildekräfteleib haben, durch den wir erkennen, wie eine plastische Bildekraft seit unserer Geburt an unserem Erdenorganismus gearbeitet hat, kennen wir damit nur etwas Subjektives. Dann habe ich aber angedeutet, wie man gewissermaßen sich absuggerieren, auslöschen kann das, was man an Bildern hat, wie man das kann zum Beispiel beim leeren Bewußtsein. Dann hat man aber nicht mehr diese subjektiven Bilder, die man zuerst gehabt hat. Dieses leere Bewußtsein enthält aber die Kraft, solche Bilder von außen zu empfangen.
[ 6 ] Es ist wichtig, daß wir uns als anthroposophische Forscher bewußt sind, daß man die erste Form der Imaginationen austilgen muß; daß man dann ein leeres Bewußtsein hat, das aber in sich so wach ist, daß es die energische Kraft hat, nur solche Bilder, rein geistige Bilder, nun von der Außenwelt zu empfangen. Wir haben so zunächst das Bild unseres eigenen seelisch-geistigen Lebens, bevor wir heruntergestiegen sind aus geistigen Welten, um unseren physischen Körper zu bewohnen. Wir können dann aber auch bemerken objektive Bilder von demjenigen, was Geistig-Seelisches in unserer Umgebung ist. Ein solches objektives Bild wird man dann hineinfügen, wenn man inspirierte Erkenntnis hat. Dem anthroposophischen Forscher fließen da Offenbarungen der geistigen Welt in sein leeres Bewußtsein, von objektiven Bildern jetzt, wie er sie früher subjektiv in sich durch Erkraftung seines Denkens durch exakte Übungen erzeugt hat.
[ 7 ] Was erfahren wir über uns selbst, wenn wir in solcher Weise das leere Bewußtsein angefüllt erhalten mit objektiven Imaginationen durch die inspirierte Erkenntnis? Wir erfahren, was uns bekannt war, bevor wir heruntergestiegen sind aus der geistigen Welt in eine physische Welt. Aber wir erfahren auch noch etwas anderes. Wir erfahren, was wir hereingetragen haben aus der geistigen Welt in unser physisches Dasein: Für unser Bewußtsein ist das zunächst nur die Kraft des Denkens. Es ist eine bedeutsame Entdeckung, die wir da machen. Die Philosophen denken viel darüber nach, wie dieses Denken zustande gekommen ist, der Anthroposoph weiß, daß dieses Denken niemals aus dem physischen Leib herauskommen könnte, sondern daß es die Kraft ist, die er hereingetragen hat aus der geistigen Welt, bevor er zur Erde heruntergestiegen ist. Dort war dieses Denken etwas ganz anderes als es im gewöhnlichen Erdenbewußtsein ist. Hier sind unsere Gedanken abstrakt, eben geeignet, das Tote zu denken. Hier muß derjenige, der es ernst meint mit der Initiationswissenschaft der modernen Zeit, etwas vor die Menschheit hinstellen, was vielleicht heute nicht gern gehört wird. Ich will das, was ich hingestellt habe, durch einen Vergleich verdeutlichen.
[ 8 ] Auf der der Geburt entgegengesetzten Seite des begrenzten menschlichen Erdendaseins, da steht ja das Tote. Durch den Tod lassen wir den Leichnam zurück. Der irdische Leichnam ist dasjenige, was nach dem Tode von unserem physischen Leib bleibt, aber der Leichnam wird durch die Bestattung, sei es durch Feuer, sei es durch Erde in sein Element, die Erde, übergehen. Er hört auf, nachdem er durch den Tod gegangen ist, denjenigen Gesetzen zu folgen, die ihm vom menschlichen Seelendasein seit der Geburt aufgeprägt worden sind. Der Leichnam folgt nunmehr den irdischen Gesetzen. Er trägt nichts Seelisches, nichts Geistiges mehr, im Sinne des Menschen, des Menschlichen in sich, er folgt denselben Naturgesetzen, denen draußen die Mineralien folgen, indem sie im Reiche der Natur ihr Dasein haben. Das ist, wenn unser Tod eintritt, das physische Schicksal des menschlichen physischen Leibes. Solch ein Tod — das muß erkannt werden — tritt auch ein, wenn die Seele aus dem geistig-seelischen Dasein heruntersteigt, um sich durch die Geburt einem physischen Körper einzuverleiben. Die Seele dringt in diesen physischen Körper des Menschen so ein, wie eindringt der physische Leib des Menschen nach dem Tode in die Erdenelemente. Dasjenige aber, was wir zunächst bemerken aus der geistigen Welt für unser Bewußtsein, es sind unsere Gedanken, es ist unsere Gedankenkraft. Und unsere Gedankenkraft, sie ist der Leichnam des Seelisch-Geistigen. Während dieses Seelisch-Geistige vor dem Erdendasein des Menschen sein eigenes Leben in der seelisch-geistigen Welt hatte, nimmt der Mensch von seiner Denkkraft, die er vorher gehabt, nur den Leichnam auf. Wir tragen mit uns in unserem physischen Leib — so wie die Erde nach unserm physischen Tode den physischen Leichnam — unsere Gedanken, den seelischen Leichnam aus dem seelischen Dasein. Weil das so ist, deshalb ist die heutige Erkenntnis so unbefriedigend, denn der Mensch, während er den Leichnam seiner Seele in sich trägt, faßt in gewissem Sinne nur die leblose Natur, und es ist eine Illusion, wenn er glaubt, daß er durch Experimente heute etwas anderes erreichen wird als nur die leblose Natur. Gewiß, man wird weiter kommen, als bloß Lebloses darzustellen, man wird organische Körperhaftigkeiten darstellen. Aber man wird sie mit dem nicht entwickelten Denken, mit dem Denken des persönlichen Bewußtseins nicht verstehen, selbst wenn man sie im Laboratorium selber erzeugt hätte. Mit diesem Denken, das der Leichnam der Seele ist, das geistig tot ist, wird nur das Tote begriffen.
[ 9 ] Das ist eine Wahrheit, die man mit voller Unbefangenheit annehmen muß, denn man muß sich klar darüber sein, daß es einmal eine Entwickelungsepoche der Menschheit gab, in der die Menschen dieses tote Denken, dieses abstrakte Denken in sich aufnahmen. Aber nur durch dieses abstrakte Denken, das keine innere Lebendigkeit hat, das keinen Zwang auf den inneren Menschen ausübt, kann der Mensch zur Freiheit kommen. Daher entwickelt sich die Freiheit, seitdem der Tod da ist. Wir werden es im späteren ersehen, was wir nun durch das Denken erreichen von Imagination, Inspiration und Intuition, wie ich es gestern angedeutet habe. Das ist die wirkliche Verlebendigung des toten Denkens. Wenn wir es durch Übungen so weit bringen, daß die Imagination vor uns steht, dann lebt das Denken wieder in uns so, daß wir uns sagen können: Vorher gab uns die Denkkraft keine Vorstellung darüber, was wir waren, bevor wir aus dem Geistigen in das Irdische herabgestiegen sind; jetzt, da unser Denken wieder lebt, schauen wir zurück durch imaginiertes und inspiriertes Denken in unser vorgeburtliches Dasein in der geistigen Welt, jetzt erkennen wir, daß wir, bevor wir auf der Erde bei der Empfängnis, bei der Konzeption irgendwie aufgenommen worden sind in das Physisch-Leibliche, gelebt haben in einem geistigen Dasein. Darin ist das Dasein lebendig. So wie wir es denken im einmaligen Bewußtsein im physischen Leibe, so ist es tot. Durch Imagination wird es wieder lebend. Wir beleben dasjenige, was die ungeborene Seele ist. Und so ist dasjenige, was durch Imagination und Inspiration errungen wird, diese geistige Welt, in der wir nun leben, diese höhere wahrhafte Fähigkeit des Denkens, diese Wahrnehmung von geistigen Gestalten, geistigen Wesenheiten, geistigen Geschehnissen, sie ist nichts anderes als eine Belebung desjenigen, was für das gewöhnliche Bewußtsein tot ist. Aber nun tritt innerhalb dieses Belebens des gewöhnlichen Denkens zur Imagination und Inspiration für den heutigen Menschen etwas ein, was für den alten Griechen, namentlich für den alten Ägypter oder alten Perser, was für alle diejenigen Menschen in die Initiationswissenschaft noch nicht eingetreten wäre, die diese Initiationswissenschaft vor dem Mysterium von Golgatha aufgenommen haben. Ganz anders ist das Beleben in der Initiationswissenschaft, bevor der Christus aus geistigen Höhen auf die Erde heruntergestiegen ist, als nachher bei unserer heutigen Menschheit. Die Geschichte wird heute nach den äußeren Taten betrachtet. Wie aber die menschlichen Seelenzustände im Verlaufe der Geschichte sich geändert haben, wird heute nicht beachtet. Das kann aber nur durch Initiationswissenschaft, durch Clairvoyance im exakten Sinne bekannt werden. Nachdem der Mensch Imagination und Inspiration erlangt hat, muß er sich sagen: In mir ist etwas eingetreten, was mich beunruhigt. — Ich erwähne das als eine ungewöhnliche Tatsache, denn es tritt das Erschütternde ein, daß der Mensch heute, wenn er sich aufschwingt zur Imagination und Inspiration, eine wirkliche Beunruhigung hat. Dies kommt daher, weil heute der Mensch, wenn er zum clairvoyanten Menschen wird, sich sagen muß: Ich bin durch meine Entwickelung zu stark egoistisch geworden, mein Ich ist zu intensiv geworden, mein Ich ist zu stark geworden.
[ 10 ] Kein Mensch, der von diesen Dingen in richtiger Weise unterrichtet ist, wird etwas anderes sagen, wenn er nicht Illusionen erzählt, denn er weiß, daß diese Beunruhigung über das Gemüt des Menschen kommt, daß der Mensch sich sagt: Mein Ich wirkt zu stark. — Bei den Menschen, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind, war dieses Erlebnis das Entgegengesetzte. Sie mußten sich sagen: Ich bin durch die Initiationswissenschaft schwächer geworden in meinem Ich. Ich bin unbewußt geworden in einem gewissen Sinne, ich bin weniger darin in mir, ich habe mich als Mensch weniger, aber als Ich stärke ich mich, wenn ich keine Initiationswissenschaft habe. — Es ist das ein naturgemäßer gesunder Egoismus, der da sein muß im gewöhnlichen Leben, und der in gewissem Sinne durch die Initiation ausgelöscht wurde beim Menschen, der vor dem Mysterium von Golgatha gelebt hat. Er fühlte sich durch sie wie ausgegossen in der Welt; die Höhe, die Stärke seines Bewußtseins war herabgedämpft.
[ 11 ] Der heutige Mensch wird durch die Einweihung bewußter: das Ich wird bewußter, wird stärker. Derjenige Mensch, der zuerst gefühlt hat, daß, wenn man initiiert wird, das Ich etwas braucht, damit es nicht in gefahrvoller Weise zu stark werde, war Paulus. Paulus hat dies gewußt seit demjenigen Ereignis, das im Neuen Testament von ihm erzählt wird als das Erlebnis von Damaskus. Ich brauche das nicht zu erzählen, da es bekannt ist. Dasjenige aber, was Paulus gewußt hat durch seine Erkenntnis, durch das Mysterium von Golgatha, das ist, daß er Einsicht bekommen hat in die geistige Welt. Damit er diese Einsicht ohne Gefahr ertragen konnte, mußte er sein Ich schwächer machen. Und eine universelle Formel hat Paulus vor die Welt hingestellt, die aussagen kann, was der neue Initiierte sagen muß. Sie lautet: Nicht ich, sondern der Christus in mir.
[ 12 ] So wirkt man im Sinne dieser Kraft des Christus: wenn man erkennt, daß man den Christus in sich aufnimmt in das zu stark gewordene Ich, so durchdringt man sich mit der Christus-Kraft, die durch das Mysterium von Golgatha in die Erde gekommen ist. Dann wird das Ich wieder in der richtigen Weise in den Menschen eingeschaltet. Es ist ein universell bedeutsames Wort, dieses Paulus-Wort: Nicht ich, der Christus in mir — es ist richtunggebend, orientierend für denjenigen, der die Kraft des Christus durch die moderne Initiation erlebt.
[ 13 ] Was ich darstellte in bezug auf das heutige abstrakte Denken: daß es gegenüber seiner Wesenheit im vorgeburtlichen Dasein ein in unserem physischen Leibe wohnender Leichnam ist — das ist, wie ich ja schon angedeutet habe, nur der Fall bei dem Menschen der gegenwärtigen Zeit. Allerdings muß man sich vorstellen unter diesem Menschen der gegenwärtigen Zeit den Menschen, der sich nach und nach in der heutigen Seelenverfassung vorbereitet hat seit dem Mysterium von Golgatha. Leise fing das Denken an, den Charakter zu bekommen, den es heute hat, eigentlich erst ein paar Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha, etwa im dritten, im vierten Jahrhundert. Vorher, bei allen alten Völkern, hatte das Denken nämlich noch Leben, noch innere Lebendigkeit sich mitgebracht in das irdische Dasein herunter. Es hatte sich mitgebracht eine Lebendigkeit, die es vorher im geistig-seelischen Dasein gehabt hat. Wer wirklich mit vollem inneren Sinn studiert die Entwickelung der Menschheit in bezug auf die innere Seelenverfassung, der kann leicht darauf kommen, daß das so ist. Man sehe sich alle alten Weltanschauungen an, diejenigen, die von Initiationswissenschaft ausgegangen sind, und auch diejenigen, die keine Initiationswissenschaft gehabt haben: Alles, was da an Weltanschauung gelebt hat, es ist noch so, daß der Mensch, wenn er hinausschaute in die Mineralwelt, zu den Flüssen, Quellen, zu den Wolken, dem Blitz und dem Donner, den Pflanzen und Tieren, daß der Mensch darauf hinschaute wie auf etwas Geistiges. Es ist nur eine triviale Vorstellung, wenn man heute meint, aus der bloßen dichterischen Phantasie wäre die Vergeistigung der Natur hervorgegangen, das was man so gewöhnlich Animismus nennt. Dieser Animismus hat niemals existiert, wohl aber existierte in den menschlichen Seelen ein Denken, das, indem es die Pflanzen angeschaut hat, zu gleicher Zeit ein Geistiges walten sah. So wie der Mensch heute aus dem gewöhnlichen Bewußtsein auf die grüne Blattfarbe oder rote Blumenfarbe sieht, so sah der Mensch in alten Zeiten ein Geistig-Seelisches walten; er sah es in Wolken, in Flüssen, in Berg und Tal. Er sah alles dasjenige, was heute nurmehr ungeistig gesehen wird, innerlich durchgeistigt. Warum sah er es innerlich durchgeistigt? Weil er in sich eine lebende Kraft hatte, die in ihn eingezogen war. Dieses Denken streckte sich geistig so hinaus auf die Dinge, wie wenn wir heute unsere Hände ausstrecken, wenn wir Dinge berühren. So erfaßt man, ich möchte sagen, von lebendigen Denkorganen ausgehend zu geistigen Tastorganen das GeistigSeelische der Dinge. Aber immer weniger und weniger wurde das Lebendige des Denkens, das ganz intensiv war in uralten Zeiten menschlicher Vergangenheit, auf das ja einzig die Initiationswissenschaft hinweist. Immer mehr und mehr wurde dieses Lebendige des Denkens abgedämpft, und seit dem vierten nachchristlichen Jahrhundert ergibt sich allmählich dasjenige, daß unser Denken innerlich in sich tot ist, daß, wenn man hinausschaut, man durch das leblose Denken auch nur Totes schauen kann in dem Lebendigen, im pflanzlichen, im tierischen Dasein, ja im äußerlich-menschlichen Dasein. Und so erfuhr der Mensch alter Zeiten, indem er sich selber beobachtete, daß in ihm etwas lebte, was lebendiges Denken war, was nur die Fortsetzung war desjenigen, was sein Wesen ausmachte in der geistigen Welt vor seiner Geburt, so daß er bewußt sich sagen konnte: Ich lebe in demselben lebendigen Element, in dem ich gelebt habe, bevor ich auf der Erde Leben gehabt habe. Er fühlte das in sich, was mit ihm geboren ist und nur in den physischen Leib eingezogen ist. Das ist anders beim Menschen seit dem dritten, vierten nachchristlichen Jahrhundert. Wenn dieser in sich hineinschaut, so fühlt er das tote Denken. Es ist das ein allerwichtigstes, ein allerbedeutsamstes historisches Ereignis, dieses allmähliche innere Ersterben des Denkens.
[ 14 ] Nun können wir uns vorstellen, es wäre nichts im Erdendasein geschehen, als daß dieses Denken allmählich in der menschlichen Seelenverfassung als ein Ersterbendes erschiene. Denken wir uns für einen kurzen Augenblick, daß die Erdenentwickelung so fortbestanden hätte, wie sie begonnen hat, daß die Erdenentwickelung so über das dritte, vierte nachchristliche Jahrhundert fortgegangen wäre, wie sie fortgegangen wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht auf der Erde eingetreten wäre. Was wäre dann geschehen für die menschliche Seele, wenn kein Kreuz auf Golgatha erhöht worden wäre? Dann wäre geschehen, daß die Menschen sich tot gefühlt hätten im Erdenleib, daß sie sich hätten sagen müssen beim Hinschauen auf den Tod des physischen Leibes: Mit der Erdengeburt beginnt mein Seelisches zu sterben, es nimmt teil an dem Tod des physischen Leibes. — Wenn kein Mysterium von Golgatha dagewesen wäre, dann wäre für die Erdenmenschheit das eingetreten, daß mit dem Tod der physischen Leiber das Seelische mitgestorben wäre, anfangs in weniger intensivem Sinne, aber dann wäre es weitergegangen über die ganze Erde. Wir können immer mehr erkennen, wie tragisch es wäre, wenn wir uns sagen müßten: Wir Menschen sind mit der Erde so verbunden, daß wir dem Leibe nachsterben. Das Lebendige, das wir gehabt haben bis zum dritten, vierten Jahrhundert, jetzt können wir es nicht mehr haben. Jetzt können wir unser Seelisches nur an dem Schicksal unseres Leiblichen teilhaftig werden lassen, es wird sterben. Höchstens würden sich die Menschen sagen können: Es wird auf der Erde noch eine Weile fortgehen, weil der Tod noch nicht alle ergriffen hat; aber das Absterben wird für alle eintreten. — Nun ist es aber nicht so. Das Mysterium von Golgatha hat sich vollzogen, und es wird nicht im alten Stil fortgeschritten.
[ 15 ] Derjenige, der durch die Initiationswissenschaft gegangen ist, sieht aber noch in anderer Weise hin auf das Mysterium von Golgatha, als das gewöhnliche Gemüt hinschauen kann durch das Evangelium, womit nichts gesagt werden soll gegen diese Art des Hinschauens durch die Evangelien. Es ist dies die Art, die man zunächst gehen muß, wenn man im Christentum Wurzel faßt. Aber was dem einfachsten Gemüt durch das Evangelium vermittelt wird, wird weiter ausgebildet, wenn die Menschen an die Initiationswissenschaft herankommen. Für diejenigen, die nicht festhalten an dem bloßen Glauben, erhebt sich, wenn die Menschen aufsteigen von der Inspiration zur Intuition, eine geistige Welt, die nun das Mysterium von Golgatha gerade für den Initiierten wie den großen Trost im Weltendasein hat. Der Initiierte hat vorher gefühlt, wenn er in richtiger Weise fortgeschritten ist durch Imagination und Inspiration, daß sein Ich zu stark geworden ist, zwar nicht insofern, als es die Anlage zur menschlichen Freiheit bildet, aber indem dieses zu starke Ich sich in die Entwickelung drängen kann, die den Menschen retten muß vor demjenigen, was durch das tote Denken eintreten würde. Man sieht von dem Gesichtspunkt der Initiationswissenschaft erst recht die Tragik des ersterbenden Denkens. Aber es erhebt sich im Hintergrunde die Wahrheit von dem Mysterium von Golgatha. Ich möchte sagen, während auf der einen Seite dasteht im menschlichen Gemüt der Pol, der uns sagt: Dein Ich ist zu stark geworden, da stehst du gefestigt als geistige Wesenheit da, erscheint auf der andern Seite, und zwar im richtigen geschichtlichen Zeitpunkt als historisches Ereignis, aber übersinnlich geschaut, der Durchgang des Gotteswesens Christus zuerst durch den Leib des Jesus von Nazareth, dann durch den Tod auf Golgatha.
[ 16 ] Wenn man in der richtigen Weise durch die Initiation durchgeht, erlebt man auf der einen Seite eine Verstärkung des Ich auf dem einen Pol, auf der andern Seite die Wahrheit des Mysteriums von Golgatha. Es erhebt sich hinter den Evangelien, hinter dem, was man durch gewöhnliches Lesen dem Inhalte nach erkennen kann, ein intuitives Schauen und Blicken, aus dem ja schließlich die Evangelien selber hervorgegangen sind. Der Initiierte ist nicht angewiesen auf dasjenige, was ihm die Evangelien sagen. Durch dieselbe Kraft, durch die er das geschilderte Bewußtsein von seinem eigenen Dasein nach dem Tode erhält, durch Inspiration und Intuition, erhält er die Imagination und die Wahrheit von der Außenwelt objektiv gegeben, so daß er das Evangelium selbst schreiben könnte, wenn es nicht geschrieben wäre. Er erhält sogar über die Evangelienschreiber das richtige Bewußtsein. Er sagt sich: Es war in den ersten drei bis vier christlichen Jahrhunderten noch so viel Lebendiges aus der alten Zeit vorhanden, daß einzelne Menschen, dazumal noch ohne daß sie in der Initiationswissenschaft selbst gestanden hatten, auf das Mysterium von Golgatha hinschauen und es in der richtigen Weise interpretieren konnten. Hätten nicht die alten Initiierten in den ersten vier christlichen Jahrhunderten in der damaligen Gnosis, die nicht identisch, sondern nur ähnlich ist der heutigen Anthroposophie, das Mysterium von Golgatha interpretiert, es würde auch keine Evangelien geben, denn heraus aus solcher Initiationswissenschaft im alten Stil sind die Evangelien geschrieben. Man lernt erkennen das Mysterium von Golgatha und zu gleicher Zeit den Ursprung der Evangelien, indem man geistig die Ereignisse vor sich hat, die die ersten Evangelienschreiber in die Evangelien hineingeschrieben haben. So lernt man das Mysterium von Golgatha erkennen, man lernt erkennen, wie Paulus wirklich sagen konnte: Wäre der Christus nicht auferstanden, so bliebe eitel unser Glaube und damit unsere Seele tot. — Ja, man lernt jetzt erkennen, was geschehen wäre, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eingetreten wäre, wenn nicht ein Gott herabgestiegen wäre, um durch einen Menschenleib zu gehen, im Menschenleibe den Tod zu erleiden und dann sich mit den Kräften der Erde zu verbinden. Denn er hat sich seither mit den Kräften der Erde verbunden, und es leben die Christus-Kräfte seit dem Mysterium von Golgatha mit der Erde, namentlich mit der irdischen Menschheitsentwickelung, in welcher sie früher nicht darinnen waren. Was Paulus meinte mit dem auferstandenen Christus, war, daß der Christus den Tod zu erleben hatte und erlebt hat, daß er aber über den Tod siegte, daß er als Geistig-Lebendiges siegreich mit der Auferstehung aus dem Tode hervorgegangen ist und seither mit der Menschheit weiterlebt für diese Menschheit, die ohne den Christus nur das tote Denken hätte. Er kann daher sich erinnern, daß ein Gott, der Christus, auf die Erde heruntergestiegen ist und auf der Erde lebt. Während früher das Denken in alten Zeiten selber noch seinen lebendigen Charakter auf das Erdenleben heruntergetragen hat, kann sich die Erdenseele seit dem dritten, vierten Jahrhundert — vorher war es leichter — im unmittelbaren Anblick des Mysteriums von Golgatha das Denken auferwecken lassen. Es ist durch den Tod und die Auferstehung des Christus diese Seele in ihrem Denken so verlebendigt worden, daß die Menschen nun nicht mehr mit ihren Leibern zu sterben haben, wie sie sterben müßten, wenn das Mysterium von Golgatha nicht eingetreten wäre. Der Initiierte kann dadurch, daß er aufschaut von seinem zu stark gewordenen Ich und die Bilder des Mysteriums von Golgatha schaut, gewissermaßen aus der geistigen Welt herauslesen die Entwickelung der Menschenseele. Er weiß durch seine Einsicht in dieses spezielle Kapitel der Initiationswissenschaft, daß der Christus durch seine Auferstehung die Seelen der Menschen wieder lebendig gemacht hat. So führt die moderne Initiationswissenschaft im anthroposophischen Sinne zu einer innerlich lebendigen Erfassung des Mysteriums von Golgatha. So ist sie nicht ein Weg hinweg von dem Christus, sondern ein Weg zu dem Christus. Der Christus wird durch sie auf eine geistige Weise gefunden.
[ 17 ] Nun, gestatten Sie mir am Schluß, daß ich in einer kurzen, flüchtigen Skizze hinstelle eine Entwickelung der Menschheit, wie sie sich aus der modernen Initiationswissenschaft ergibt unter dem Einfluß des Mysteriums von Golgatha.
[ 18 ] Wenn wir zurückschauen in sehr alte Zeiten menschlicher geschichtlicher Entwickelung, so finden wir, daß sich das gewöhnliche Bewußtsein durchaus in dem Sinne gestaltet, wie ich es eben charakterisiert habe. Das Denken ist lebendig; der Mensch findet um sich herum in allen Wesen der Natur neben dem Physischen ein Geistiges. Allerdings ist sein Bewußtsein ein traumhaftes, wenn er dieses Geistige wahrnimmt. Aber in diesem traumhaften Bewußtsein, ich möchte sagen, in diesem instinktiven Hellsehen, ist eben durchaus noch ein ursprünglicher Zusammenhang mit der geistigen Welt durch das lebendige Denken gegeben. Aus der Menge der Menschen hoben sich aber dazumal in der Urzeit, wie heute gelehrte Wissenschafter, diejenigen heraus, die eben eine gewisse Initiationswissenschaft im alten Sinne hatten, und man kann alles Wissen für die ältere Zeit Initiationswissenschaft nennen, weil schon der gewöhnliche Mensch eine Art Clairvoyance hatte. Sie hatten nicht das, was ich geschildert habe, erworben, aber sie hatten es gebracht zu einer gewissen Imagination, Inspiration und Intuition. In der Intuition aber jeglicher Art erlebte der Mensch nicht nur die Bilder der geistigen Welt, er erlebte auch dasjenige, was die geistigen Wesen selber sind. Er strömte gewissermaßen mit seinem Ich-Wesen in das Geistige hinüber. Dieses erlebte man durch die Initiationswissenschaft in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung, so daß man gerade diejenigen Wesen erlebte, die da herunterstiegen aus geistigen Welten zu den Menschen. Es waren keine physischen Wesen, es waren auch keine Wesen, die mit physischen Sinnen hätten wahrgenommen werden können, die etwa Worte gebraucht hätten, die mit physischen Ohren gehört werden können. Es waren Wesen, mit denen man nur durch Geistesschauen in Verkehr treten konnte. Aber in solchem mächtigen Geistesschauen waren eben die Initiierten der Urzeit mit Wesenheiten in Berührung, die zu ihnen herunterstiegen im geistigen Leibe — nicht im physischen Leibe —, die sie in gewisser Weise unterrichteten über das, was sie durch physisches Denken von sich aus nicht erreichen konnten, über ein geistig-seelisches Dasein. Das aber ist das Wesentlichste dieser alten Erkenntnis. Wenn wir es ausdrücken wollen in einem übersichtlichen Satze, so müssen wir sagen: Die ersten großen Lehrer der Menschheit waren geistige Wesenheiten, die auf geistige Art mit den ersten Initiierten in Verkehr traten, die ihnen beibrachten die Geheimnisse der Geburt des Menschen, die Geheimnisse der lebenden Seele, die ungeboren heruntergestiegen ist aus den übersinnlich-geistigen Welten.
[ 19 ] Dasjenige, was man unmittelbar wußte in jenen alten Zeiten durch Offenbarungen der geistigen Welt selber, das waren die Mysterien der Geburt. Der Mensch lernte, was er schon ahnte durch sein instinktives Hellsehen, in voller alter hellseherischer Erkenntnis einsehen: daß er ungeboren ist. Er lernte zurückschauen durch die alte Initiationswissenschaft in seine Schicksale in seiner geistigen Seele, bevor er ins Physische heruntergestiegen ist. Es waren die Mysterien der Geburt des Menschen, die in alten Zeiten gelehrt worden sind. Wenn das auch in den Mysterien äußerlich behandelt wurde durch gewisse Kulte, durch Kultushandlungen, dasjenige, was gewissermaßen prophetisch durch das Mysterium von Golgatha geschehen sollte, es war da noch nicht so, wie es später dann für den Menschen wurde nach dem Mysterium von Golgatha. Vor dem Mysterium von Golgatha sah der Mensch auf das Sterben noch nicht so hin wie später. Er wußte, er ist ungeboren, er ist mit einer lebendigen Seele begabt, wie er es war, bevor er in das physische Leben heruntergestiegen war. Er rechnete damit, daß diese lebendige Seele durch den Tod ging. Der Tod stand noch nicht mit der vollen Tragik vor seiner Seele. Er sagte sich noch nicht: Mit dem Tode könnte meine Seele sterben. — Er wußte, daß seine Seele lebendig ist. Aber, indem die Zeit heranrückte, in der das Denken immer unlebendiger und unlebendiger wurde, in der das abstrakte Denken als der Leichnam herunterstieg aus der geistigen Welt, indem der Mensch dann erfuhr, was innerlich immer bedeutsamer wurde, daß der äußerliche Mensch stirbt: durch die Kulte, die gepflogen wurden und die auf das Mysterium von Golgatha hindeuteten, tröstete man sich darüber hinweg. Man sagte sich: Die Götter, und daher auch die göttlichen Menschenseelen, die können nicht sterben, sie müssen wieder auferstehen. — Das war ein nur durch den Kultus herbeigeführter Trost, das war noch nicht Wissen. Wissen trat erst ein, über den Tod hinaus, durch das Mysterium von Golgatha. Da schauten wir hin auf diese alten geistigen Lehrer, die heruntergestiegen waren aus geistigen Welten. So paradox das für den Menschen der Gegenwart klingt, aus der Initiationswissenschaft heraus muß gesagt werden: Diese geistigen Lehrer, die als geistige Wesen in der übersinnlichen Welt lebten, sind nur dann heruntergestiegen, wenn die Menschen ihre Seelen ihnen öffneten. Diese geistigen Lehrer der Menschheit waren solche, die in der göttlichen Welt lebten und nur zu den Menschen herunterstiegen als Lehrer, aber nicht teilnahmen an menschlichen Schicksalen, und die selber das Mysterium des Todes nicht kannten.
[ 20 ] Das ist selber ein wichtiges Mysterium, daß im wesentlichen die Menschen in ganz alten Zeiten Lehren empfangen haben aus höheren Welten, die handelten von dem Mysterium der Geburt, aber nicht von dem Mysterium des Todes. Von Seelen, die selber nur durch die Geburt gegangen waren, erfuhren die Menschen das Mysterium des Lebens. Und indem die ersten christlichen Eingeweihten hinschauen konnten auf das Mysterium von Golgatha, vernahmen sie etwas, was man durch keine alte Mysterienweisheit hat vernehmen können: Sie vernahmen, daß es in denjenigen Welten, aus denen heraus ihnen jene Weisheiten kundgemacht wurden, selber kein Wissen über den Tod gab, weil noch keines dieser Wesen menschliche Schicksale durchgemacht hatte, nämlich selber durch den Tod gegangen war. Von der Geburt wußten diese geistig-göttlichen Lehrer der Menschheit, nicht aber von dem Tode. Durch ein außer-göttliches Schicksal ist das Denken so geworden, daß die Menschen mit der Furcht leben mußten, mit dem Tod des Leibes zugleich den Tod ihrer Seele zu erleben. Und es wurde beschlossen im Reiche der Götter, einen Gott herunterzuschicken auf die Erde, damit er als Gott durch den Tod ginge und in Götterweisheit das Erlebnis von dem Tode aufnehme. Das ist dasjenige, was sich enthüllt durch das intuitive Anschauen des Mysteriums von Golgatha, durch das nicht nur etwas geschehen ist für die Menschen, durch das etwas geschehen ist für die Götter. Die Götter sahen gewissermaßen, während sie früher nur sprechen konnten von dem Mysterium der Geburt zu den Erdenmenschen, wie die Erde allmählich entwuchs denjenigen Kräften, die sie selber hineingelegt hatten, und wie der Tod die Seele ergreifen würde. Und so schickten sie den Christus auf die Erde, damit ein Gott den Menschentod kennenlerne und mit seiner Götterkraft den Menschentod besiege. Das ist das göttliche Ereignis: Die Götter haben um ihrer eigenen Schicksale willen das Mysterium von Golgatha als ein göttliches Ereignis eingeleitet in die Evolution des Kosmos, die Götter haben auch um der Götter willen dieses Mysterium von Golgatha geschehen lassen. Während früher alle Ereignisse in geistig-göttlichen Welten geschehen sind, stieg jetzt ein Gott herunter und es wurde auf der Erde vollzogen ein überirdisches Ereignis in einer irdischen Gestalt selber. Dasjenige, was sich auf Golgatha vollzog, war also ein auf die Erde versetztes geistiges Ereignis. Das ist das Wichtige, was man durch die moderne anthroposophische Geisteswissenschaft über das Christentum erfährt.
[ 21 ] Wenn der Mensch dann seinen Blick hinrichtet zu dem Mysterium von Golgatha, so daß er sehen kann, wie teilnimmt das Göttliche an der Entwickelung der Erde, was es für die Erde, für das Erdenschicksal vollzogen hat, dann wird er hinschauen auf etwas, was die Götter angeht. Solange er mit seinem Wirken nur hier im Erdenleben lebt, lernt er das ausbilden, was die Erde und den Menschen angeht. Solange hat man nur geringe Kräfte, die nicht ausreichen, das stärkere Ich zu überwinden. Wenn man aber hinausgehen muß zu einem Verstehen und Begreifen des Mysteriums von Golgatha, dann kommt man zu dem, was überirdisch ist und was mit dem Erdenverstand nicht mehr begriffen werden kann, wozu man einen Verstand braucht, der über das Irdische hinausgeht. Also bloß auf Anregung der Initiationswissenschaft können wir zu dem innerhalb des Erdendaseins vollzogenen Ereignis von Golgatha hinschauen als zu etwas, was zugleich als ein Kosmisches und als ein Irdisches in die Erde hereingestellt worden ist. Dadurch bringt man in sich selber hinein die starke Kraft der Erkenntnis, die nun wirklich dahin führen kann, daß man sich sagt: Durch gewöhnliche irdisch-menschliche Kräfte nehme ich von der Erde alles dasjenige, was die Erde mir als Mensch für mein Ich gibt. Schaue ich zu dem Mysterium von Golgatha hin, so nehme ich etwas auf, was mich hinweghebt von dieser Erde, was in mir ein Leben entzündet, das sonst nicht entzündet werden könnte: ich nehme auf ein Übersinnliches durch meine Hinneigung zu diesem Mysterium von Golgatha. Ich erkenne, daß die Menschheit auf eine neue Art ein übersinnliches inneres Fühlen und Erkennen haben muß, gegenüber der alten Art, wo die Menschen noch das lebendige Denken fühlten; daß der Mensch noch eine solche Erkenntnis durch das Mysterium von Golgatha erhalten kann, wodurch er erlebt sein totes Denken, das er bewußt einführt in übersinnliches Dasein, so daß er sagen kann: Nicht ich, sondern der Christus in mir macht mich in Wirklichkeit jetzt lebendig nach dem Mysterium von Golgatha.
[ 22 ] Daß der Mensch so etwas sagen kann, dazu will gerade die moderne Initiationswissenschaft, die moderne Anthroposophie, lebendige Anregung geben. Weil wir diese Anregung selber erhalten durch die moderne Initiationswissenschaft, werden wir aus ihr hervorgehen sehen nicht ein anti-religiöses, irreligiöses Leben, sondern ein vertieftes religiöses Leben der Menschen, indem wir bewußt abkommen von dem, was aus alten Zeiten herübergekommen ist. Aber der Mensch wird durch die geisteswissenschaftliche Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha hinweggeführt über alle Zweifel, die heute so kräftig enthalten sind im religiösen Leben, beim Unterricht in der äußeren Wissenschaft, die uns allerdings zu freien Menschen gemacht hat, die auf der einen Seite große äußere Triumphe erlangt hat, die auf der andern Seite aber in das Herz des Menschen begreifliche Zweifel setzt in bezug auf seinen religiösen Sinn und auf die Erkenntnis seiner übersinnlichen Wesenheit. Anthroposophie setzt sich zur Aufgabe, die stärksten Zweifel, die nur durch äußere Wissenschaft in die menschliche Seele gesetzt werden können, hinwegzufegen aus dieser menschlichen Seele und Wesenheit, weil die anthroposophische Wissenschaft gerade aus dem Geist der Wissenschaft heraus dasjenige zu überwinden hat, was die äußere Wissenschaft nicht überwinden kann. Diese anthroposophische Wissenschaft wird in die menschliche Seele wiederum wahrhaft religiöses Leben pflanzen können. Sie wird nämlich nicht beitragen können zur Ertötung des religiösen Sinnes, sondern sie kann zu der Menschheitsentwickelung das hinzufügen, daß der Mensch wiederum einen religiösen Sinn für alles erhält, daß der Mensch ein neues Verständnis des Christentums erhält durch seine Hinneigung zu dem Mysterium von Golgatha, das von allen Menschen eigentlich erst durch sie richtig verstanden und angenommen werden kann.
[ 23 ] Dadurch, daß der Mensch nicht nur eine Belebung des alten religiösen Sinnes, sondern daß er einen neuen religiösen Sinn durch Erkenntnis auf diesem Wege erhält, kann man daher sagen, daß Anthroposophie durchaus nicht etwas Sektiererisches anstrebt. Das will sie nicht, ebensowenig wie eine andere Wissenschaft. Nicht Sekten bildend will Anthroposophie auftreten; eine Dienerin will sie sein der Religionen, die schon da sind, eine Wiederbeleberin des Christentums will sie sein in diesem Sinne. Damit will sie nicht nur alten religiösen Sinn bewahren, nicht nur dazu berufen sein, das alte fortstrebende religiöse Leben weiter fortzubringen; nicht nur zur Belebung, sondern zur Auferstehung des religiösen Lebens will sie beitragen, weil dieses religiöse Leben durch das moderne Dasein, durch die moderne Zivilisation gar zu sehr gelitten hat. Darum möchte die Anthroposophie ein Liebesbote sein, nicht nur eine Wiederbeleberin des alten religiösen Sinnes, sondern eine Erweckerin zur Auferstehung des inneren religiösen Sinnes der Menschheit.
