Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
GA 211

14 April 1922, Dornach

9. Erkenntnis und Initiation

[ 1 ] Anthroposophie, so wie sie von mir vertreten werden soll, beruht für unsere gegenwärtige Zeit auf denselben Grundlagen, wie jede Initiationswissenschaft irgendeines der vergangenen Zeitalter. Aber die Menschheit hat im Laufe ihrer Entwickelung in bezug auf ihre Seelenverfassung die mannigfaltigsten Metamorphosen durchgemacht. Jedes Zeitalter bietet innerhalb der Zivilisationsentwickelung der Menschheit eine besondere, hauptsächlichste Seelenverfassung dar, und nach dieser Seelenverfassung muß sich auch die Initiationswissenschaft richten, welche bestrebt ist, das Ewige des menschlichen Wesens und das Ewige der Welt zu erforschen. Für unsere Zeit ist eine andere Initiationswissenschaft notwendig als sie zum Beispiel notwendig war für das Mittelalter, für das griechische Altertum, oder gar noch für weiter zurückliegende menschliche Zivilisationszeitalter. Eine Initiationswissenschaft, wie sie entsprechen muß den Bedürfnissen und Sehnsuchten der gegenwärtigen Menschenseele, will Anthroposophie sein. Sie muß im Sinne unseres Zeitalters davon ausgehen, daß der Mensch mit der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung weder sein eigenes Ewiges, noch das Ewige der Welt selbst erkennen kann. Sie muß auch davon ausgehen, daß, wenn nun der Mensch von der äußeren Wissenschaft in sich selbst zurückkehrt, und sich in sich mystisch zu versenken sucht, er auch auf diesem Wege zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen kann. Denn die äußere Wissenschaft schreitet nicht bis zu dem Ewigen, und inneres Versenken liefert zwar mystischen Glauben, aber keine Erkenntnis, wie sie der Mensch der Gegenwart braucht.

[ 2 ] Dasjenige, was ich nun einleitend mit ein paar Sätzen angedeutet habe, ließe sich ausführlich beweisen. Allein ich setze voraus, daß heute nur solche verehrte Zuhörer hier anwesend sind, welche aus ihrem eigenen Seelenleben heraus erfahren haben, daß ihnen die äußere Naturwissenschaft keine befriedigenden Aufschlüsse über ihr eigenes Ewiges und das Ewige der Welt gibt, wenn sie wirkliche Erkenntnis erlangen wollen und nicht bloß eine innere mystische Illusion. Daher will ich vorziehen, ausführlich darüber zu sprechen, in welchem Verhältnis die hier gemeinte Anthroposophie zur Naturwissenschaft auf der einen Seite, und zur Mystik, wo man sie oftmals sucht, auf der anderen Seite steht. Ich will nur sagen, daß aus dem Geiste und der Seelenverfassung des zivilisierten Menschen heraus diese Anthroposophie etwas erstrebt, was ich nennen möchte exakte Clairvoyance, exaktes Hellsehen. Weil sie dieses anstrebt, deshalb findet sie heute so außerordentlich viele Gegner. Und sie wird so schwer verstanden, trotzdem im Grunde genommen alle Seelenkräfte der Gegenwart nach ihr Verlangen tragen. Warum wird sie mißverstanden? Sie wird mißverstanden, weil man eben aus den Urteilen, Empfindungen und so weiter, die man in der Gegenwart bewußt hat, noch nicht vordringt zu den unbewußten Sehnsuchten, die schließlich doch heute schon in jeder denkenden Menschenseele sind.

[ 3 ] Diese unbestimmten Sehnsuchten, diese unbewußten Ziele, sie fordern, daß ein tieferes Wissen, eine höhere Erkenntnis des Ewigen heute angestrebt werde, und zwar auch durch ganz besondere Übungen, durch eine ganz besondere Entwickelung der menschlichen Seele und des Erkenntnisvermögens, daß aber diese Übungen oder diese Entwickelungen so gestaltet werden können, wie man heute gewohnt ist, Erkenntnis überhaupt im exakten Sinne zu gestalten. Diese Anthroposophie, sie möchte so, nach dem Muster der exakten Naturwissenschaft und mit naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, vor die Zeitgenossen hintreten. Und zugleich möchte sie eine Erkenntnis sein für jedes, auch das allereinfachste, das naivste Menschengemüt, so daß keinem Gemüte die Erkenntnis desjenigen, was das Ewige, das Unvergängliche im Menscheninnern betrifft, verschlossen bleiben braucht. Und so möchte ich, nachdem ich dies einfach vorbereitend gesagt habe, ohne weiteres heute zunächst schlicht hinstellen, wie diese Anthroposophie, die moderne Initiationswissenschaft, zu ihrem Erkenntniswege kommt.

[ 4 ] Sie beruht zunächst darauf, daß man sich klar werde darüber, in welchem Verhältnis die drei Grundkräfte des Seelenlebens, das Denken, Fühlen und Wollen, im menschlichen Innern zueinander stehen. Wir reden im gewöhnlichen Leben, indem wir in unser Seelisches hineinblicken, vom Denken, Fühlen und Wollen. Wenn wir vom Denken, vom Vorstellen reden, sind wir uns auch klar darüber, daß wir dann auf etwas in uns reflektieren, das uns als Menschen eigentlich wach macht. Dieses Vorstellungsleben schweigt während des Schlafzustandes, es schweigt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Des Menschen ganzes Bewußtsein ist dann in einem dumpfen Zustande. Wir erblikken die Welt gewissermaßen in einem klaren Lichte, soweit wir ein solches klares Licht in uns aufnehmen können mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, wenn dieses Bewußtsein durchsetzt wird von den wachen Vorstellungen.

[ 5 ] Wir sprechen sodann von unseren Gefühlen. Obwohl sie innerlich für uns das menschlich Wichtigste vielleicht sind, sind sie weniger klar als die Vorstellungen. Sie wogen schon herauf aus unbekannten Tiefen des Seelenlebens, werden gewissermaßen von unseren Vorstellungen, von unseren Gedanken beleuchtet, aber sie werden nicht durchsetzt von derselben Klarheit, wie die Vorstellungen selbst. Und wie unklar wir werden später noch davon zu sprechen haben —, wie dunkel ist alles dasjenige, was mit den menschlichen Willensimpulsen verknüpft ist! Die dringen, möchte ich sagen, aus unbekannten Tiefen herauf, durchdringen uns und veranlassen uns zum menschlichen Handeln. Und nur in den seltensten Fällen wissen wir eigentlich klar anzugeben, was in uns vorgeht, wenn ein Willensimpuls da ist.

[ 6 ] Es können schon durch ihre verschiedene Klarheit und durch noch manch anderes unterschieden werden diese drei Grundkräfte des menschlichen Seelenlebens. Aber sie bilden doch eine Einheit innerhalb dieses gesamten menschlichen Seelenlebens. Wir können sagen, das Vorstellungsleben ist der eine Pol. Aber wir wissen auch, daß wir etwas wollen, wenn wir Vorstellung an Vorstellung reihen, wenn wir eine Vorstellung aus der anderen hervorgehen lassen. Unser Wille spielt hinein in das Vorstellungsleben. Und wiederum der andere Pol — das Fühlen steht zwischen diesen beiden mitten drinnen — ist das Willenshafte, sind die Willensimpulse. Wir würden nicht Menschen sein, wenn wir nicht unsere wichtigsten Lebenshandlungen wissend gestalten würden, wenn wir nicht von Vorstellungen uns impulsieren ließen. Und so können wir sagen: Es ist nach der anderen Seite wiederum der Wille durchsetzt von dem Vorstellungsleben. Die Ausbildung, die Entwickelung des Vorstellungslebens auf der einen Seite, des Willenslebens auf der anderen Seite, obliegt demjenigen, der im Sinne der Anthroposophie zur modernen Initiationswissenschaft, zu dem, was ich exakte Clairvoyance genannt habe, kommen will.

[ 7 ] Denkübungen auf der einen Seite, Willensübungen auf der anderen Seite muß man machen, wenn sich das Tor öffnen soll zur übersinnlichen Welt, in die wir eintreten müssen, wenn wir uns unsererseits, als Menschen, nach unserem Ewigen erkennen wollen, und wenn wir die Welt nach dem Ewigen erkennen wollen. Die Denkübungen, sie werden gerade dadurch vollzogen, daß wir uns darauf besinnen, wie immer Willensartiges in das Denken hineinspielt; die Willensübungen, indem wir das Hineinspielen des Denkens in den Willen beachten. Nur im gewöhnlichen Leben beachten wir dieses Willensartige nicht. Um zur modernen Initiation zu kommen, müssen wir gerade den leisen Willen, der in dem Vorstellungsleben darinnen ist, beachten. Das müssen wir nach und nach erreichen durch die Übungen, die ich beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist es gerade, was ich hier andeuten will: Wir müssen das, was für gewöhnlich gerade das Wichtigste ist, den Gedankeninhalt zurücktreten lassen und den Willen im Denken bewußt gebrauchen lernen. Das wird in der folgenden Weise gemacht. Aber wie gesagt, ich kann nur das Prinzipielle hier andeuten, alles Weitere finden die verehrten Zuhörer in der «Geheimwissenschaft im Umriß» und in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», und in anderen Büchern.

[ 8 ] Man denke an eine Vorstellung, die man leicht überschaut, die einem vollständig klar ist, wie, ich möchte sagen, ein mathematisches Dreieck. Das stellt man in die Mitte eines Vorstellungskomplexes. Es kommt gar nicht darauf an, was diese Vorstellung für einen Inhalt hat, sondern daß man in dieser Weise das ganze Seelenleben auf diesen einen Vorstellungskomplex konzentriert, in einer Denk-Meditation. Wir müssen uns in die Lage bringen, daß wir absehen können von der ganzen übrigen Welt, so daß nichts anderes da ist für unser Bewußtsein als nur die eine Vorstellung, als der eine Vorstellungskomplex. Es erfordert eine energische Seelenanstrengung, wenn man das durchführen will. Aber gerade so, wie der einzelne Muskel, wenn wir ihn immer wieder und wiederum gebrauchen, erstarkt, erkraftet, so erkraftet unsere Seelenkraft, wenn wir sie immer wieder und wiederum gebrauchen. Der eine braucht monate-, der andere jahrelang. Wenn wir diese gesamte Seelenkraft immer wieder und wiederum, energisch konzentriert, auf einen Vorstellungskomplex, auf eine Vorstellung konzentrieren, erstarkt sie nach einiger Zeit. Nach einiger Zeit kann man ein zunächst innerliches, ein erschütterndes Erlebnis haben. Dieses erschütternde Erlebnis wird darinnen bestehen, daß man nunmehr sich innerlich erkraftet, energisiert hat zu einem ganz neuen Denken, zu einem Denken, das man früher nicht gehabt hat. Was man da erlangt hat, wird sich am leichtesten in der folgenden Weise beschreiben lassen.

[ 9 ] Wenn wir der gewöhnlichen Welt gegenüberstehen, so sind die Sinneseindrücke, die wir bekommen, sehr lebhaft. Wir leben energisch in diesen Sinneseindrücken, energisch leben wir in der farbigen Welt, der Tonwelt, der Wärme- und Kältewelt, oder den übrigen Sinnesanregungen. Dagegen sind die Gedanken des gewöhnlichen Bewußtseins schwach. Es braucht sich jeder nur zu erinnern daran, wie viel schwächer sein Gedankenleben ist als sein Leben in Sinneswahrnehmungen. Endlich kommen wir dahin, das Gedankenleben so lebhaft, so energisch zu haben, wie sonst nur das Sinnesleben ist. Das ist ein wichtiger Übergang auf der Bahn menschlicher Erkenntnis, denn dann tritt auch dieses Gedankenleben nicht mehr linienhaft auf, wie man es gewöhnlich, im gewöhnlichen Bewußtsein hat, sondern es tritt so bildhaft, so innerlich intensiv, so innerlich gesättigt auf, wie die äußeren Sinneswahrnehmungen selber. Man ist vorgeschritten zu demjenigen, was man, gegenüber dem gewöhnlichen abstrakten oder gegenständlichen Denken, das imaginative Denken nennen kann, nicht weil man dabei sich ergehen kann in dem, was man sich einbildet, oder in dem, was man sehen kann, wenn man sich der Phantasie hingibt, sondern weil man Welten schauen kann, von denen man weiß, daß sie so leicht in der Seele leben wie die Traumbilder. Aber sie sind nicht Traumbilder, sondern sie sind von innerlicher Realität erfüllt.

[ 10 ] Wenn man nun einige Zeit exakt gelernt hat, im imaginativen Denken zu leben, innerlich seinen ganzen Menschen zu engagieren innerhalb dieses imaginativen Denkens, dann wird man finden, daß man mit diesem imaginativen Denken in eine Realität eintaucht, sich hineinversenkt in eine Realität, die man bisher nicht gekannt hat. Denn jetzt ist mit diesem imaginativen Denken die erste Stufe der übersinnlichen Welt zu erlangen. Man findet allmählich, daß man jetzt in sich, durch dieses imaginative Denken, einen zweiten Menschen erlebt, einen Menschen, der so real ist, wie sonst nur der äußere physische Raumesmensch. Und so, wie dieser äußere physische Raumesmensch ein Organismus ist, dessen einzelne Glieder in wechselweiser Beziehung zueinander stehen, wie der Kopf abhängig ist von der Hand, und wiederum die Hand abhängig ist vom Kopfe, wie die rechte Hand abhängig ist von der linken, wie alle Glieder des menschlichen Raumesorganismus voneinander abhängig sind, so entdeckt man einen zweiten Menschen in sich, den ich nun einen Zeitorganismus nennen muß. Das ist ein Zeitorganismus, das ist nichts Räumliches. Dieser steht aber wie ein gewaltiges Tableau vor unserem Seelenblicke. Sind wir in der imaginativen Erkenntnis weit genug gelangt, dann blicken wir nicht mehr aus der Erinnerung an einzelne Reminiszenzen zurück, sondern dann blicken wir zurück auf unser bisheriges Erdenleben, seit den ersten Jahren unserer Kindheit zunächst. Wir blicken zurück, indem wir alles auf einmal, wie in einem einzelnen Bilde überschauen, aber in einem Bilde, von dem wir wissen, es ist kein Raumesbild. Wenn wir es hinmalen würden, würden wir etwas malen wie den Blitz, wie etwas, was nur in einem Augenblicke festgehalten werden kann. Es ist das, was ich den Bildekräfteleib, den Ätherleib genannt habe. So kann es aber nicht einfach hingemalt werden, sondern wir müssen uns bewußt sein: wir malen einen Querschnitt eines Zeitorganismus hin. Und wir sehen nun, wie wir in unserer Kindheit ausgerüstet waren mit übersinnlichen Kräften, die uns eingeboren waren, die in unserem Gehirn gearbeitet haben wie ein Bildhauer, die den Übergang gefunden haben vom Gehirn aus in den Atmungsorganismus und Zirkulationsorganismus, um immer mehr und mehr in den ganzen Raumesorganismus hineinzuarbeiten, bis sie ihn beherrschen. Das Kind nimmt immer mehr und mehr in Besitz durch dasjenige, was wir hier als Zeitorganismus in der imaginativen Erkenntnis erfahren lernen, den gesamten Raumesorganismus. Dieser Ätherleib erfüllt uns seinen Kraftentfaltungen nach. Wir werden uns im gewöhnlichen Bewußtsein seiner Wirkungen, nicht seiner selbst, bewußt. Aber durch imaginative Erkenntnis werden wir uns dieses Zeitorganismus bewußt. Wir lernen erkennen, warum wir gerade ein Mensch mit einem bestimmten Charakter geworden sind, warum wir, um nur einzelnes zu erwähnen, gewissermaßen mehr veranlagt sind, der eine zum Maler, der andere zum Mathematiker, wie da etwas Übersinnliches an uns arbeitet, an unserem Erdendasein. Wir lernen das erste Übersinnliche in uns auf diese Weise erforschen. Man kann ganz exakt durch systematische Übung des Denkvermögens die exakte Clairvoyance ausbilden. Das ist die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis: die imaginative Erkenntnis. Man gelangt zu der ersten übersinnlichen Wesenheit, zu der der Mensch gelangen kann, zu seinem übersinnlichen Leib, den er im Erdenleib hier in diesem physischen Raumesleib darinnen trägt.

[ 11 ] Bisher habe ich versucht darzustellen, wie der Mensch zu dem ersten Übersinnlichen durch imaginative Erkenntnis gelangt. Es ist ein Übersinnliches, das zunächst im Sinnlichen darinnensteht. Wir sind noch nicht hinausgekommen aus dem Erdenleib. Aber schon in diesem Erdenleib findet sich ein übersinnliches Glied, das ich hier wenigstens seinem Prinzip nach beschrieben habe. Wir lernen es durch imaginative Erkenntnis kennen. So haben wir die erste Stufe übersinnlicher Erkenntnis beschrieben. Nun müssen wir weitergehen. Wir finden nun, daß wir hinauskommen können in gewissem Sinne zu der höheren menschlichen Natur, zu dem, was jenseits der Geburt, jenseits des Todes steht: zu der ewigen Menschennatur.

[ 12 ] Im gewöhnlichen Leben ist das Hineinarbeiten des Willens in das Denkvermögen, in die Denkkraft damit verbunden, daß man es zu dieser imaginativen Erkenntnis gebracht hat. Weiter auf den Wegen in die übersinnliche Welt hinein kann man gehen, wenn man in einem gewissen Sinne nun die Übungen nach der entgegengesetzten Seite macht. Wir wissen ja aus dem gewöhnlichen Leben, daß wir uns nicht nur die notwendige Aufmerksamkeit aneignen müssen, um uns konzentrieren zu können auf eine Vorstellung oder auf einen Gegenstand, sondern daß wir es auch wiederum in unserer Gewalt haben müssen, die Seele abzuziehen von demjenigen, worauf wir sie zunächst einmal gelenkt haben. Das ist nun dasjenige, was zur nächsten Übung führen muß. Wenn man innere Seelenkraft angewendet hat zum systematischen Konzentrieren, die einen zur imaginativen Erkenntnis geführt hat, dann hat man auch darauf eine größere Kraft anzuwenden, um gewissermaßen nicht festgehalten zu werden bei der betreffenden Vorstellung oder dem betreffenden Vorstellungskomplex. Man muß diese größere Kraft anwenden, wenn man weiterkommen will auf dem Pfade der Erkenntnis. Diese größere Kraft ist notwendig, wenn man solche lebhafte Gedanken errungen hat, daß man diese Gedanken ganz willkürlich, mit vollem Bewußtsein, aus dem bewußten Leben herausschiebt, daß man sie wiederum herausfegt. Dadurch kommt man immer weiter und weiter, und man kommt dazu, nunmehr imstande zu sein, alles, was man auch so an verstärkten Vorstellungen durch Konzentration, durch Meditation in das Bewußtsein hereingebracht hat, wiederum aus dem Bewußtsein herauszusetzen und zuletzt zu leben in vollstem wachen Zustand, aber mit leerem Bewußtsein.

[ 13 ] Man mache sich nun einmal klar, was es heißt: mit leerem Bewußtsein leben. Man weiß es, wenn wir im gewöhnlichen Leben keine Sinneseindrücke haben, wenn unsere Erinnerungen nicht aus unserem Innern kommen, dann schläft man ein, man geht in bewußtlosen Zustand über. Davor behütet man sich durch Verstärken des Vorstellungslebens und dadurch, daß man dieses verstärkte Vorstellungsleben wieder auslöscht. Man bleibt wach und lebt zu gleicher Zeit mit leerem Bewußtsein für alles dasjenige, was uns entgegentritt. Es kann uns jetzt zunächst nicht entgegentreten äußere Sinneswahrnehmung. Die ist ausgelöscht mit dem verstärkten Denken. Auch die Erinnerungen treten nicht entgegen dem verstärkten Denken. Ich habe schon gesagt, wir kommen im imaginativen Denken dazu, das Bisherige dann nicht als Erinnerung zu haben, sondern als Tableau. Mit gleichzeitigem Blick können wir es übersehen als eine Einheit. Dasjenige, was jetzt in unser Bewußtsein tritt, es ist etwas ganz Neues, was der Mensch in seiner Umgebung nicht vermutet hat. Jetzt tritt für dieses leere Bewußtsein die Anschauung auf einer übersinnlichen Umgebung, in der der Mensch darinsteht, wie er sonst in Farben, in Tönen der Welt darinnensteht. Jetzt sprießen gewissermaßen aus allem wahrhaft geistige Wesenhaftigkeiten heraus. Jetzt stehen wir nicht mehr vor den Wolken, wie sie dahinziehen, wenn wir sie mit unseren Augen sehen; jetzt nehmen wir in allem solchen Sinnlichen ein Übersinnliches wahr. Nicht eine jenseitige Welt haben wir vor uns, aber eine Welt, die ebenso vor uns liegt, wie die unserige, wie die sinnliche Welt vor uns liegt, die aber eine durch die Initiation zu erringende, wahre übersinnliche ist. Jetzt lernt man, indem man mit seinem Bewußtsein eintaucht in eine übersinnliche Welt, ein neues Denken, ein neues Vorstellen kennen. Jetzt lernt man ein Vorstellen, ein Denken kennen, das nicht abhängig ist vom gewöhnlichen Denken, vom Nervensystem. Man weiß: Du mußtest dich deines Nervensystems bedienen, aber jetzt denkst du die Gedanken, zu denen du kein Gehirn brauchst; jetzt denkst du die Gedanken, die nur durch seelische Kraft in deinem Bewußtsein rege gemacht werden.

[ 14 ] Können wir das, dann machen wir allerdings noch manche Entdekkung, die uns klarmachen kann, wie wir ein neues Denken aus dem alten herausgeleitet haben mit neuen Erlebnissen. Jetzt wird klar, daß dieses neue Denken außerhalb des Gehirns sich nicht vergleichen läßt mit dem alten Denken, das an das Gehirn gebunden ist, weil dieses neue Denken im gewöhnlichen Sinne keine Erinnerung, kein Gedächtnis hat, während das Denken des gewöhnlichen Lebens nur gesund ist, wenn es Erinnerung und Gedächtnis nach sich zieht. So sonderbar und paradox es erscheint, so wahr ist es, daß zunächst keine Erinnerung von dem neuen Erlebnis hervorgerufen wird. Das ist manchmal die Überraschung der Schüler der Initiationswissenschaft: Sie kommen zu einer gewissen Clairvoyance, sie glauben, sie können dasjenige, was sie in dieser Weise erfahren haben, in der Erinnerung, im Gedächtnis bewahren und es wie andere Gedanken aus dem Gedächtnis heraufholen; sie sind dann unglücklich, weil sie das nicht können. Sie wissen nur: Ich habe darin gestanden, aber jetzt kann ich mich nicht daran erinnern, innerhalb meines physischen Organismus. — Das ist gerade das Charakteristische für das Erleben einer Realität, nicht bloß eines Gedankens. Wenn ich ein Sinneserlebnis habe, dann kann ich mich erinnern an die Gedanken, die mit diesem meinem Sinneserlebnis in Verbindung stehen. Im Gedächtnis bewahren kann ich die Gedanken an eine Rose. Will ich aber die Rose in aller Röte vor mir haben, dann muß ich zur Rose wieder zurückkehren. Habe ich es aus meinem gewöhnlichen Bewußtsein durch Anstrengung in der Initiation dahin gebracht, daß ich zu einem neuen Sehen gekommen bin, so muß ich, um das geistige Erlebnis selber vor mir zu haben, diejenigen Schritte wieder gehen, die ich früher gegangen bin, so daß, wie eine Rose wiederum als Sinneswahrnehmung vor mich hintritt, dieses geistige Erlebnis wiederum an mich hintreten muß. Jemand, der aus der geistigen Welt heraus spricht, der nicht bloß spricht, was er darüber gelernt hat, sondern was er aus eigenem Schauen heraus kennt, der weiß, selbst wenn er über die elementarsten Dinge spricht, daß durch exakte Clairvoyance jedesmal etwas Neues in der Seele geschaffen werden muß. Derjenige, der aus gewöhnlicher Wissenschaft arbeitet, kann aus dem Gedächtnis heraus arbeiten. Der Geistesforscher aber hat wiederum dieselben Schritte zu machen, welche ihn einmal zu dem Erlebnis geführt haben. Dann muß der Vorgang wiederum wie ein ursprüngliches Erlebnis hervorkommen. Also auch die Bedingungen des geistigen Erlebnisses sind andere wie im gewöhnlichen Bewußtsein des gewöhnlichen Lebens.

[ 15 ] Um uns in geistigen Welten orientieren zu können, um nun wirklich in der geistig-übersinnlichen Welt wahrzunehmen, dazu brauchen wir aber noch eine besondere innere Charaktereigenschaft. Wir brauchen dasjenige, was ich Geistesgegenwart nennen möchte. Das ist im gewöhnlichen Leben das, was man braucht, um in einer bestimmten Situation ohne Zögern eine bestimmte Entscheidung treffen zu können. Man muß viele Übungen in solcher Geistesgegenwart machen, damit man in der übersinnlichen Welt beobachten lernt. Denn ohne diese Geistesgegenwart hätte man nicht Zeit, das Erlebnis zu erfassen, man würde bei dem geistigen Erlebnis erst so spät ankommen, daß es vorbei wäre. Die ungeheure Schnelligkeit, diese schnelle Besonnenheit, sie muß eintreten in dem Augenblick, wenn man zum gehirnfreien Denken vorgeschritten ist.

[ 16 ] Dann aber, wenn man in dieser Weise durch das leere Bewußtsein hindurch in vollem Wachzustand zu den übersinnlichen Wesenhaftigkeiten kommt in unserer Umgebung, dann kann man noch etwas anderes — man braucht nur diese Kraft etwas zu entwickeln. Übt man diese Kraft weiter, dann kann man diesen Bilderleib, den Ätherleib, auslöschen. Man löscht nicht nur einzelne Vorstellungen aus, man löscht den ganzen Ätherleib aus. Dann tritt im höheren Sinne ein leeres Bewußtsein ein, und vor diesem leeren Bewußtsein tritt unser seelisch- geistiges Leben auf, wie es war in einer seelisch-geistigen Welt, bevor wir als Seele heruntergestiegen sind aus übersinnlichen Welten in diesen Erdenleib. Wir lernen das vorgeburtliche Leben kennen durch inspirierte Erkenntnis, die ich Inspirations-Erkenntnis nennen möchte. So wie die äußere Luft durch Inspiration in die Lunge einzieht, so zieht die geistige Welt durch das leer gewordene Bewußtsein ein. Dann atmen wir, jetzt geistig gemeint, gewissermaßen die geistigen Welten ein, wie wir sie kannten, bevor wir heruntergestiegen sind aus geistigen Höhen in das physische Erdendasein.

[ 17 ] Wir lernten kennen die eine Seite unserer Wesenheit, die andere Seite ist die geistige Unsterblichkeit, worüber wir im dritten Teil unseres Vortrages reden werden. Die Unsterblichkeit negiert den Tod. Von Ungeborenheit redet man nicht; wir müßten von ihr sagen, daß sie die andere Seite der Menschenseele ist. Wir sind als Mensch ungeboren, wie wir unsterblich sind. Anthroposophie als moderne Initiationswissenschaft geht nicht wie eine Philosophie vor, indem sie Schlüsse zieht, und indem sie von dem, was man schon weiß, weiteres wissen will, vielmehr will sie die Seele bereit machen dazu, daß sie sich zu einem höheren Erkenntnisstandpunkt hinaufübt. Wenn die Seele höher entwickelt ist als im gewöhnlichen Leben, dann gelangt sie durch Anschauung zu der Erkenntnis ihres ewigen Wesens. Das ist zunächst die eine Seite der inspirierten Erkenntnis, welche sich auf unsere eigene Menschlichkeit bezieht. Die andere Seite möchte ich auf die folgende Art darstellen. Wir lernen durch inspirierte Erkenntnis auch die Außenwelt erkennen. Nur skizzenhaft kann ich das darstellen. Wenn wir die äußere sinnliche Welt, zum Beispiel die Sonne, vor uns haben, dann haben wir die Sonne in der gewöhnlichen Wissenschaft als abgeschlossenen Körper im Raume vor uns. Das ist aber nur ein Glied des gesamten Sonnenwesens, wie der physische Leib nur ein Glied des gesamten Menschenwesens ist. Beim Menschen sprechen wir davon, daß das Geistig-Seelische hier innerhalb des Körpers wohnt. Wir müssen bei der Sonne davon sprechen, daß das Übersinnliche, das Geistige der Sonne außerhalb der Sonne ist, und den ganzen Weltenraum als Sonnenhaftes erfüllt. Was überall ist, in Mineral, in Pflanze und Tier, was in uns selbst als Mensch ist als Sonnenhaftes, das erblicken wir physisch konzentriert, wenn wir sinnlich zur Sonne hinaufschauen. Nun lernt man auf diese Weise in inspirierter Erkenntnis dieses Sonnenhafte in Pflanze, Tier und Mensch erkennen. Man lernt es erkennen in jedem einzelnen im Menschen, in Lunge, Herz, Leber, Gehirn und so weiter. Man lernt aber nicht nur dieses Sonnenhafte kennen, sondern man lernt in bezug auf alle äußeren Wesen das Geistige kennen. Wie die Sonne nicht nur scharfe Konturen hat, so ist es auch beim Mond. Der äußere physische Mond ist nur die physische Konzentration, während das Mondenhafte den ganzen Raum durchströmt. Heute sieht man diese Dinge als Aberglaube an. Sie sind ebenso exakte Wissenschaft wie anderes, aber man muß sie durchschauen. Die Pflanzen, Tiere und Menschen, insofern sie physischer Organisation sind, erblicken wir als etwas im äußeren physischen Kosmos; aber durch inspirierte Erkenntnis lernen wir ihr inneres Wesen kennen. Ebenso erkennt man auch jede einzelne Hand, Lunge, Leber und so weiter. In ihnen lebt das Sonnenhafte und das Mondenhafte weiter: Das Sonnenhafte im Sprießen, im Wachsen, im Gedeihen; das Mondenhafte aber auch in dem, was wir haben müssen im Degenerieren, im Abnehmen. Wir würden ohne das Sonnen- und Mondenhafte nicht leben können. So lange wir erkennen eine aufsteigende Sonnenentwickelung, ein absteigendes Mondenhaftes, lernen wir in der Außenwelt das Sonnen- und Mondenhafte erkennen. Aber wir lernen auch das Kranke in der Außenwelt erkennen. Wir lernen erkennen, wie im krankhaften Organ das Sonnenhafte oder Mondenhafte überwiegt, wir lernen erkennen, wie aus dem Kosmos heraus der Mensch seine Gesundheit verlieren kann. Und wir lernen auch erkennen, wie in Pflanze, Tier und Mineral Sonnenhaftes und Mondenhaftes lebt, wie Gegenkräfte, ebenso wie einzelne äußere Naturkräfte zu finden sind, die uns die Heilmittel andeuten für bestimmte innere Erkrankungen. Hier greift die Anthroposophie in das äußere praktische Leben ein, wie eine äußere Medizin. Sie kann ausgebildet werden dadurch, daß wir hineinschauen in den Geist des Kosmos und so den Menschen in seinem kranken, in seinem gesunden Zustand aus dem Kosmos heraus erkennen. Was ich hier Ihnen andeute, das sind nur ein paar Worte über das, was heute schon besteht als anthroposophische Medizin, anthroposophische Heilkunde. Es gibt keine Medizin, keine Psychologie, keine Therapie, die etwas anderes ist als das Ergebnis des Probierens, wenn man nicht vorwärtsschreitet zu einer geistigen Erkenntnis des Weltenalls.

[ 18 ] Ich habe gezeigt, wie wir zur wahren menschlichen Selbsterkenntnis kommen durch inspirierte Erkenntnis, wie uns diese inspirierte Erkenntnis aber auch im praktischen Leben, für ein praktisches Gebiet behilflich sein kann. Ich habe dies für ein Gebiet gezeigt, für andere ist es auch möglich, dies zu zeigen. So daß wir sagen können: Initiationswissenschaft liefert auf der einen Seite die Grundlage für die tiefste Sehnsucht des menschlichen Seelenwesens, liefert das, was wir brauchen, um in einem tieferen Sinne als es durch äußere Sinneswissenschaft geschehen kann, in das Weltenall praktisch arbeitend einzugreifen. Dies müssen wir sagen über den zweiten Teil der menschlichen Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis, die hineinführt in den Geist des Kosmos. Weiter hinaus führt das, was uns führt zu der Erkenntnis des Menschen, wenn er durch die Todespforte geht.

[ 19 ] Durch die eben geschilderte inspirierte Erkenntnis lernt man ja eigentlich erst das wirklich Seelische des Menschen kennen, jene seelische Wesenhaftigkeit, welche vom Menschen auch dann besteht, wenn er außerhalb seines Leibes ist, ja bevor er aus geistig-seelischen Welten heruntergestiegen ist und den physischen Erdenleib angenommen hat. Einseitig aber bleibt zunächst die Erkenntnis dieser seelisch-geistigen Wesenheit des Menschen, wenn man nur bis zur inspirierten Erkenntnis vorschreitet. Man erkennt nur dasjenige vom seelisch-geistigen Wesen des Menschen, was vor der Geburt liegt. Hat man aber dasjenige kennenzulernen, was nach dem Tode liegt, dann müssen die Übungen zur Entwickelung menschlicher übersinnlicher Erkenntniskräfte weiter fortgesetzt werden. Das geschieht dadurch, daß man nun nach der anderen Seite hin das Gedankenhafte in den Willen hineinträgt, wie man vorher den Willen in den Konzentrationsübungen in die Gedanken hineingetragen hat. Ich will nun schlicht wiederum schildern, wie es einem gelingen wird, die Gedankenkraft in den Willen allmählich hineinzutragen, wie ich das bei den Konzentrationsübungen gesagt habe. Gehen wir von einem einfachen Beispiel aus. Jeder einzelne Mensch kann es jeden Tag vollziehen. Wir setzen uns zur Ruhe hin und wir denken dann nach über etwas, was wir während des Tages erlebten, aber nicht so, daß wir am Morgen beginnen und die Ereignisse an uns vorüberziehen lassen, wie sie aufeinander gefolgt sind im äußeren Zeitverlauf, sondern so vollziehen wir die Rückschau auf unser Tagesleben, indem wir bei den letzten Erlebnissen, am Abend beginnen, vorschreitend zu den früheren bis zum Morgen, in möglichst kleinen Partien zurückschreiten. Es ist anfangs durchaus möglich, daß wir nur eine Episode aus dem Tage nehmen, später ordnet sich das Erinnerungstableau von selbst an. Worauf es ankommt, das ist dies: Wir sind gewohnt, unser Denken ganz passiv hinzugeben an die äußere Folge der Ereignisse; wir denken immer das Spätere im Anschluß an das Frühere. Dadurch bilden wir nur schwache Willenskraft durch das Denken aus. Einen stärkeren Willen bilden wir aus dadurch, daß wir entgegengesetzt gehen, daß wir losreißen das Denken von der Folge des äußeren Naturverlaufs durch ein von rückwärts nach vorne Gehen. Wir üben unseren Willen dadurch, daß wir die Ereignisse von rückwärts nach vorne empfinden. Ebenso kann man eine Melodie von rückwärts nach vorne denken, ein Drama kann man vor sich vorübergleiten lassen vom fünften bis zum ersten Akt, von rückwärts nach vorne. Darauf kommt es an, daß wir uns durch starken Willen losreißen von der äußeren Aufeinanderfolge der Ereignisse. Dadurch verstärken wir den Willen und entwickeln in uns die Kraft, das Denken in den Willen hineinzutreiben, wie wir bei Konzentrationsund Meditationsübungen den Willen in das Denken hineingetrieben haben. Das habe ich weiter in den schon genannten Büchern beschrieben.

[ 20 ] Ich will noch einiges anführen, um es mehr verständlich zu machen. Wenn man so starke Selbsterziehung des Willens treibt, wenn man sich nicht nur hingeben kann an das, was äußeres Leben ist, was die Erziehung und Umgebung aus einem gemacht haben, sondern wenn man gewissermaßen seine Selbsterziehung ausbildet in reifer Erkenntnis, wenn man sich so ganz selbst in die Hand nimmt bis zu dem Grade, daß man sich etwas abgewöhnt und sich dafür etwas anderes angewöhnt durch solche Übungen, die über Jahre hingehen. Wenn man sich sagt: Rein durch die Kraft deines Denkens, durch die Kraft deines Willens, der in deinem Vorstellungsleben ist, versuchst du eine bestimmte Eigenschaft, die du gar nicht hast, zu einer bleibenden Eigenschaft zu erarbeiten — wozu vielleicht sieben Jahre gebraucht werden. Wenn wir dieses immer wieder machen, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, wenn wir es immer wiederholen, dann verstärken wir den Willen. Und noch manch andere Willensübungen gibt es, wodurch wir im gleichen Maße von anderer Seite in die übersinnliche Welt hineinkommen. Wie steht es nun aber für unser Bewußtsein mit diesen Willensimpulsen? Darüber können wir uns in der folgenden Art verständigen. Ich habe einen Willensimpuls, wenn ich meine Hand oder meinen Arm emporhebe. Dann geht dieser Willensimpuls in die Untergründe meiner Wesenheit. Dies entzieht sich dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein, so wie es gewöhnlich im Schlafe dem Bewußtsein sich entzieht. Auch wenn wir in unseren Gefühlen träumen, so schlafen wir doch in bezug auf unsere Willensimpulse. Wir können also sagen: Wir sind im gewissen Sinne seelisch undurchsichtig. Denn wie wir für das physische Licht diesen oder jenen Gegenstand undurchsichtig finden, so finden wir unseren Körper undurchsichtig, wenn wir auf den Willen hinschauen. Wir können in den Willen nicht hineinschauen, während wir mit dem ‚Auge, dem physischen Sinne, dadurch sehen, daß das Auge durchsichtig ist. Wenn wir an Star krank sind, können wir nicht mehr sehen. Ich will durchaus nicht behaupten, daß wir in bezug auf unseren physischen Organismus für das gewöhnliche Leben krank seien, eine falsche Askese will Anthroposophie nicht treiben — aber wenn wir dazu gelangen würden, natürlich nicht physisch, aber seelisch, den Körper durchsichtig zu machen, würden wir wirklich dazu gelangen, aus den Gedanken hineinströmen zu schauen in den physischen Organismus die Willensimpulse. Wir würden dazu gelangen, die Willensimpulse zu durchschauen, weil unser physischer Organismus durchsichtig wäre. So schauen wir uns als Willensmenschen und schauen zugleich hinein in die geistige Willenswelt, der wir angehören, in jene Außerlichkeit, welche wir durch Willensübungen durchsichtig machen. Dann aber verschwindet für denjenigen, der eine Erkenntnisstufe erlangt, für die der physische Leib seelisch durchsichtig ist, da der Wille durchschaut wird, angeschaut wird, für den verschwindet zunächst in der Anschauung dieser physische Leib, und er gelangt dadurch, wenn er immer weiter und weiter blicken will, auf die geschilderte Weise erkraftet, dazu, den Moment des Todes vor sich zu haben im Bilde, jenen Moment, wo wir den physischen Leib der Erde übergeben und mit dem GeistigSeelischen durch die Pforte des Todes schreiten. Dieses Bild des Überschreitens der Todespforte haben wir vor uns, wenn wir dazu gelangen, unseren physischen Leib durchsichtig zu machen, um ins Geistige hineinzuschauen. Dann begreifen wir, was dieser physische Leib nicht mehr hat, und daß wir nicht nur hineinschauen in die geistige Welt, sondern uns wirklich hineinleben, indem wir in die geistige Welt hineingehen. Diese Stufe ist die intuitive Erkenntnis, die wahre intuitive Erkenntnis. Diese Stufe gibt uns die Anschauung der Unsterblichkeit. Wir wissen, indem wir uns diese Stufe erwerben, durch das Imaginative und Inspirierte hindurch, daß wir dem Weltenall als ewiges Geisteswesen angehören, daß wir schauen das Geistige des Weltenalls mit der ewig geistigen Seele in uns selber. Dazu steigt die Initiationswissenschaft auf, auch wenn sie sich ganz anpaßt dem modernen Bewußtsein, wie sie in alten Zeiten aufgestiegen ist tief atavistisch träumend, heute aber vollbewußt, vom Vergänglichen zum Ewigen. So kann sie auch herausgehoben werden und aus der modernen Seelenverfassung heute heraufsteigen. Aber das Gesagte wird dann nicht nur derjenige erkennen in dieser Anthroposophie, der alle Übungen durchmacht, um sich gewissermaßen durch eigene Anschauung von dieser Welt und ihrem Wesensleben im Ewigen zu überzeugen. Nein, um zu erforschen, dazu sind Imagination, Inspiration und Intuition notwendig. Der Geistesforscher hat dasjenige, was er erforschen kann, hervorgeholt. Er hat es eingekleidet in die gewöhnliche Logik und Sprache, und so hingestellt vor seine Mitmenschen, in eine neuere Zeit. So wird sein Ergebnis verständlich, wenn der Mensch nur gesunde Empfindung hat. Wie man kein Maler zu sein braucht, um ein Kunstwerk zu verstehen, wie man dafür nur gesunde Empfindung zu haben braucht, so kann man mit dem allgemeinen Menschensinn alle Ergebnisse verstehen, wenn sie nur in der richtigen Weise vor die Welt hingestellt und wenn sie unbefangen aufgenommen werden. Nur muß nicht von uns selbst Mißverständnis über Mißverständnis geschaffen werden, wie es überall so vielfach geschieht. Dann verwechselt man vielfach dasjenige, was als imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis heute geschildert worden ist, mit dem halluzinatorischen Leben, wie es heraufkommt aus pathologischen Zuständen. Und man kann sagen: Es könnte ja vielleicht auch dasjenige, was hier als Imaginationen angestrebt wird, nichts anderes sein, als Imaginiertes, Illusioniertes, als Vision, Halluzination und so weiter, oder auch als mediumistischer Zustand. Es ist aber gerade das Gegenteil dieser Zustände, was hier von Meditation, Konzentration und so weiter geschildert wird. Der halluzinierende Mensch lebt sich ganz in jene Zustände hinein. Wer aber durch geistige Übungen hinaufsteigt, durch Imagination, Inspiration und Intuition, er geht nicht halluziniert hinauf, sondern bleibt auf der einen Seite stehen, eben durch seinen gesunden Menschenverstand und entwickelt sich höher. Denn der, welcher mit gesundem Menschenverstand vorgeht, steht als derjenige da, der immer im Leben kontrolliert und kritisiert, so daß er sich nicht verlieren kann in wesenlose Phantastik, in wesenlosem Halluzinieren. Es ist das Entgegengesetzte der krankhaften Zustände, was eintritt bei der Imagination, Inspiration und Intuition, so daß dasjenige eintritt, durch das man hindurchgeht, wenn man aus dem modernen Bewußtsein heraus zu einer Überzeugung von dem übersinnlichen Leben kommt, auf die Art, wie sie sich zeigt als eine Fortsetzung des modernen Bewußtseins. So gewinnt man in anthroposophischer Initiationswissenschaft eine übersinnliche Erkenntnis, die dem modernen Leben angepaßt ist.

[ 21 ] So müssen wir durchgehen durch das moderne Bewußtsein, denn wir müssen die vollen Triumphe der Erkenntnis der äußeren Welt durchgemacht haben. Wir brauchen eine Erkenntnis der übersinnlichen Welt, im Dienste der Zivilisation der Gegenwart und besonders der Zukunft. Laut kündigt es sich bereits an bei zahlreichen Menschen, daß sie die übersinnliche Erkenntnis auch erlangen möchten — und man könnte sie erlangen — in bezug auf das Religiöse, durch die Anthroposophie. Dienen möchte die Anthroposophie diesem neuen Rufe. Über ein solches Gebiet werde ich mir dann morgen erlauben zu sprechen, indem ich über die Wege der anthroposophischen Initiationswissenschaft zu dem Mysterium von Golgatha, zu einer richtigen Erfassung des Christentums spreche. Heute aber wollte ich nur hindeuten auf das, was im allgemeinen die Aufgabe der anthroposophischen Initiationswissenschaft ist. — Wenn wir einen Menschen vor uns haben und ihn anschauen mit den sinnlichen Augen, so bekommen wir einen Eindruck seiner äußeren Physiognomie. Es ist kein vollständiger Eindruck von dem Menschen. Erst wenn wir mit Herz und Seele hineinblicken können in das Geistig-Seelische, haben wir den totalen Menschen vor uns. So wie der Mensch mit dem sinnlichen Auge nicht vollständig vor uns steht, so stehen die Welt und die Menschheit im allgemeinen nicht vollständig vor uns, wenn wir sie nur mit der äußeren Erkenntnis anschauen. Denn wir brauchen ein Bewußtsein, das die äußere Erkenntnis nicht geben kann; wir brauchen eine Erkenntnis, eine Initiationserkenntnis, für das Seelisch-Geistige des Weltalls. Das muß uns zur Überzeugung werden. Und erst mit dieser Überzeugung können wir die tiefsten Bedürfnisse der Menschenseele wirklich befriedigen. Dann aber erst werden wir in solcher Weise hinstreben zu der Befriedigung der Menschenseele, wenn wir etwas hinzufügen zu der äußeren so großartig fortgeschrittenen Naturwissenschaft — die Anthroposophie erkennt diese Fortschritte voll an —, wenn wir hinzufügen das, was wir hinzufügen müssen: Eine Erkenntnis des inneren Seelenhaften und Geistigen des Kosmos und des Menschentums. Das aber möchte die hier gemeinte Anthroposophie erkenntnisvoll der äußeren Erkenntnis an die Seite stellen, sie möchte wahrhaft hinzufügen zu dieser äußeren Erkenntnis die innere geistige, zu dieser sinnlichen die übersinnliche. So wie die vollständige Anschauung des Menschen zum äußeren Leben auch die innerliche Seele hinzufügen muß, so möchte Anthroposophie die Seele, der Geist, das Innere moderner Erkenntnis überhaupt sein.