The Mystery of the Sun
and
The Mystery of Death and Resurrection
Exoteric and Esoteric Christianity
GA 211
14 April 1922, London
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The Mystery of the Sun and The Mystery of Death and Resurrection, tr. SOL
9. Erkenntnis und Initiation
9. Insight and Initiation
[ 1 ] Anthroposophie, so wie sie von mir vertreten werden soll, beruht für unsere gegenwärtige Zeit auf denselben Grundlagen, wie jede Initiationswissenschaft irgendeines der vergangenen Zeitalter. Aber die Menschheit hat im Laufe ihrer Entwickelung in bezug auf ihre Seelenverfassung die mannigfaltigsten Metamorphosen durchgemacht. Jedes Zeitalter bietet innerhalb der Zivilisationsentwickelung der Menschheit eine besondere, hauptsächlichste Seelenverfassung dar, und nach dieser Seelenverfassung muß sich auch die Initiationswissenschaft richten, welche bestrebt ist, das Ewige des menschlichen Wesens und das Ewige der Welt zu erforschen. Für unsere Zeit ist eine andere Initiationswissenschaft notwendig als sie zum Beispiel notwendig war für das Mittelalter, für das griechische Altertum, oder gar noch für weiter zurückliegende menschliche Zivilisationszeitalter. Eine Initiationswissenschaft, wie sie entsprechen muß den Bedürfnissen und Sehnsuchten der gegenwärtigen Menschenseele, will Anthroposophie sein. Sie muß im Sinne unseres Zeitalters davon ausgehen, daß der Mensch mit der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Weltanschauung weder sein eigenes Ewiges, noch das Ewige der Welt selbst erkennen kann. Sie muß auch davon ausgehen, daß, wenn nun der Mensch von der äußeren Wissenschaft in sich selbst zurückkehrt, und sich in sich mystisch zu versenken sucht, er auch auf diesem Wege zu keinem befriedigenden Ergebnis kommen kann. Denn die äußere Wissenschaft schreitet nicht bis zu dem Ewigen, und inneres Versenken liefert zwar mystischen Glauben, aber keine Erkenntnis, wie sie der Mensch der Gegenwart braucht.
[ 1 ] Anthroposophy, as I intend to present it, is based in our present time on the same foundations as any initiatory science of any past age. But in the course of its development, humanity has undergone the most manifold metamorphoses with regard to its spiritual constitution. Each age, within the development of human civilization, presents a particular, predominant spiritual constitution, and the science of initiation—which strives to explore the eternal aspects of the human being and the world—must also be guided by this spiritual constitution. Our time requires a different initiatory science than was necessary, for example, in the Middle Ages, in ancient Greece, or even in earlier eras of human civilization. Anthroposophy aims to be a science of initiation that corresponds to the needs and longings of the contemporary human soul. In keeping with the spirit of our age, it must proceed from the premise that, with the current scientific worldview, human beings cannot recognize either their own eternal nature or the eternal nature of the world itself. It must also assume that when human beings turn inward from external science and seek to immerse themselves mystically within themselves, they cannot arrive at a satisfactory result by this path either. For external science does not extend to the eternal, and inner immersion, while it may provide mystical faith, does not yield the kind of knowledge that people of the present need.
[ 2 ] Dasjenige, was ich nun einleitend mit ein paar Sätzen angedeutet habe, ließe sich ausführlich beweisen. Allein ich setze voraus, daß heute nur solche verehrte Zuhörer hier anwesend sind, welche aus ihrem eigenen Seelenleben heraus erfahren haben, daß ihnen die äußere Naturwissenschaft keine befriedigenden Aufschlüsse über ihr eigenes Ewiges und das Ewige der Welt gibt, wenn sie wirkliche Erkenntnis erlangen wollen und nicht bloß eine innere mystische Illusion. Daher will ich vorziehen, ausführlich darüber zu sprechen, in welchem Verhältnis die hier gemeinte Anthroposophie zur Naturwissenschaft auf der einen Seite, und zur Mystik, wo man sie oftmals sucht, auf der anderen Seite steht. Ich will nur sagen, daß aus dem Geiste und der Seelenverfassung des zivilisierten Menschen heraus diese Anthroposophie etwas erstrebt, was ich nennen möchte exakte Clairvoyance, exaktes Hellsehen. Weil sie dieses anstrebt, deshalb findet sie heute so außerordentlich viele Gegner. Und sie wird so schwer verstanden, trotzdem im Grunde genommen alle Seelenkräfte der Gegenwart nach ihr Verlangen tragen. Warum wird sie mißverstanden? Sie wird mißverstanden, weil man eben aus den Urteilen, Empfindungen und so weiter, die man in der Gegenwart bewußt hat, noch nicht vordringt zu den unbewußten Sehnsuchten, die schließlich doch heute schon in jeder denkenden Menschenseele sind.
[ 2 ] What I have now briefly touched upon in my introduction could be proven in detail. However, I assume that the esteemed audience present here today consists solely of those who have experienced from within their own inner lives that external natural science does not provide them with satisfactory insights into their own eternity and the eternity of the world, if they wish to attain true knowledge and not merely an inner mystical illusion. Therefore, I would prefer to speak at length about the relationship between the anthroposophy referred to here and natural science on the one hand, and mysticism—where it is often sought—on the other. I will simply say that, arising from the spirit and the state of the soul of civilized human beings, this anthroposophy strives for something I would like to call “exact clairvoyance.” Because it strives for this, it encounters so many opponents today. And it is so difficult to understand, even though, deep down, all the soul forces of the present day yearn for it. Why is it misunderstood? It is misunderstood because people have not yet progressed from the judgments, feelings, and so on that they are conscious of in the present, to the unconscious longings that are, after all, already present today in every thinking human soul.
[ 3 ] Diese unbestimmten Sehnsuchten, diese unbewußten Ziele, sie fordern, daß ein tieferes Wissen, eine höhere Erkenntnis des Ewigen heute angestrebt werde, und zwar auch durch ganz besondere Übungen, durch eine ganz besondere Entwickelung der menschlichen Seele und des Erkenntnisvermögens, daß aber diese Übungen oder diese Entwickelungen so gestaltet werden können, wie man heute gewohnt ist, Erkenntnis überhaupt im exakten Sinne zu gestalten. Diese Anthroposophie, sie möchte so, nach dem Muster der exakten Naturwissenschaft und mit naturwissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit, vor die Zeitgenossen hintreten. Und zugleich möchte sie eine Erkenntnis sein für jedes, auch das allereinfachste, das naivste Menschengemüt, so daß keinem Gemüte die Erkenntnis desjenigen, was das Ewige, das Unvergängliche im Menscheninnern betrifft, verschlossen bleiben braucht. Und so möchte ich, nachdem ich dies einfach vorbereitend gesagt habe, ohne weiteres heute zunächst schlicht hinstellen, wie diese Anthroposophie, die moderne Initiationswissenschaft, zu ihrem Erkenntniswege kommt.
[ 3 ] These vague longings, these unconscious goals, demand that we strive today for a deeper knowledge, a higher understanding of the eternal—and indeed, through very specific exercises, through a very specific development of the human soul and the faculty of cognition—but that these exercises or developments can be structured in the same way that we are accustomed today to structuring knowledge in the exact sense. This anthroposophy wishes to present itself to its contemporaries in this way—following the model of exact natural science and with the scrupulousness of natural science. And at the same time, it wishes to be a form of knowledge accessible to every human mind, even the simplest and most naive, so that no mind need remain shut off from the knowledge of that which concerns the eternal and the imperishable within the human being. And so, having said this simply by way of introduction, I would like to begin today by simply setting forth how this anthroposophy—this modern science of initiation—arrives at its path of knowledge.
[ 4 ] Sie beruht zunächst darauf, daß man sich klar werde darüber, in welchem Verhältnis die drei Grundkräfte des Seelenlebens, das Denken, Fühlen und Wollen, im menschlichen Innern zueinander stehen. Wir reden im gewöhnlichen Leben, indem wir in unser Seelisches hineinblicken, vom Denken, Fühlen und Wollen. Wenn wir vom Denken, vom Vorstellen reden, sind wir uns auch klar darüber, daß wir dann auf etwas in uns reflektieren, das uns als Menschen eigentlich wach macht. Dieses Vorstellungsleben schweigt während des Schlafzustandes, es schweigt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Des Menschen ganzes Bewußtsein ist dann in einem dumpfen Zustande. Wir erblikken die Welt gewissermaßen in einem klaren Lichte, soweit wir ein solches klares Licht in uns aufnehmen können mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, wenn dieses Bewußtsein durchsetzt wird von den wachen Vorstellungen.
[ 4 ] It is based, first of all, on gaining a clear understanding of the relationship among the three fundamental forces of the soul—thinking, feeling, and willing—within the human being. In everyday life, when we look into our inner being, we speak of thinking, feeling, and willing. When we speak of thinking or imagining, we are also clear that we are then reflecting on something within us that actually awakens us as human beings. This life of imagination is silent during sleep; it remains silent from the moment we fall asleep until we wake up. A person’s entire consciousness is then in a dull state. We perceive the world, so to speak, in a clear light—to the extent that we can take in such a clear light within ourselves with ordinary consciousness—when this consciousness is permeated by waking images.
[ 5 ] Wir sprechen sodann von unseren Gefühlen. Obwohl sie innerlich für uns das menschlich Wichtigste vielleicht sind, sind sie weniger klar als die Vorstellungen. Sie wogen schon herauf aus unbekannten Tiefen des Seelenlebens, werden gewissermaßen von unseren Vorstellungen, von unseren Gedanken beleuchtet, aber sie werden nicht durchsetzt von derselben Klarheit, wie die Vorstellungen selbst. Und wie unklar wir werden später noch davon zu sprechen haben —, wie dunkel ist alles dasjenige, was mit den menschlichen Willensimpulsen verknüpft ist! Die dringen, möchte ich sagen, aus unbekannten Tiefen herauf, durchdringen uns und veranlassen uns zum menschlichen Handeln. Und nur in den seltensten Fällen wissen wir eigentlich klar anzugeben, was in uns vorgeht, wenn ein Willensimpuls da ist.
[ 5 ] We then speak of our feelings. Although they may be the most important thing to us as human beings on an inner level, they are less clear than our ideas. They well up from the unknown depths of our inner life, illuminated, as it were, by our ideas and thoughts, but they are not imbued with the same clarity as the ideas themselves. And as we will have to discuss later—how obscure is everything connected with human impulses of the will! They surge, I might say, from unknown depths, penetrate us, and prompt us to act as human beings. And only in the rarest of cases can we actually state clearly what is going on within us when an impulse of the will is present.
[ 6 ] Es können schon durch ihre verschiedene Klarheit und durch noch manch anderes unterschieden werden diese drei Grundkräfte des menschlichen Seelenlebens. Aber sie bilden doch eine Einheit innerhalb dieses gesamten menschlichen Seelenlebens. Wir können sagen, das Vorstellungsleben ist der eine Pol. Aber wir wissen auch, daß wir etwas wollen, wenn wir Vorstellung an Vorstellung reihen, wenn wir eine Vorstellung aus der anderen hervorgehen lassen. Unser Wille spielt hinein in das Vorstellungsleben. Und wiederum der andere Pol — das Fühlen steht zwischen diesen beiden mitten drinnen — ist das Willenshafte, sind die Willensimpulse. Wir würden nicht Menschen sein, wenn wir nicht unsere wichtigsten Lebenshandlungen wissend gestalten würden, wenn wir nicht von Vorstellungen uns impulsieren ließen. Und so können wir sagen: Es ist nach der anderen Seite wiederum der Wille durchsetzt von dem Vorstellungsleben. Die Ausbildung, die Entwickelung des Vorstellungslebens auf der einen Seite, des Willenslebens auf der anderen Seite, obliegt demjenigen, der im Sinne der Anthroposophie zur modernen Initiationswissenschaft, zu dem, was ich exakte Clairvoyance genannt habe, kommen will.
[ 6 ] These three fundamental forces of human soul life can be distinguished from one another simply by their varying degrees of clarity and by many other factors. Yet they form a unity within the entirety of human soul life. We can say that the life of imagination is one pole. But we also know that we want something when we string one image after another, when we allow one image to emerge from another. Our will plays a role in the life of imagination. And in turn, the other pole—feeling, which lies right in the middle between these two—is the volitional aspect, the impulses of the will. We would not be human beings if we did not consciously shape our most important life actions, if we did not allow ourselves to be impelled by ideas. And so we can say: On the other hand, the will is in turn permeated by the life of imagination. The training and development of the life of imagination on the one hand, and the life of will on the other, is the responsibility of those who, in the spirit of anthroposophy, wish to arrive at modern initiatory science—at what I have called exact clairvoyance.
[ 7 ] Denkübungen auf der einen Seite, Willensübungen auf der anderen Seite muß man machen, wenn sich das Tor öffnen soll zur übersinnlichen Welt, in die wir eintreten müssen, wenn wir uns unsererseits, als Menschen, nach unserem Ewigen erkennen wollen, und wenn wir die Welt nach dem Ewigen erkennen wollen. Die Denkübungen, sie werden gerade dadurch vollzogen, daß wir uns darauf besinnen, wie immer Willensartiges in das Denken hineinspielt; die Willensübungen, indem wir das Hineinspielen des Denkens in den Willen beachten. Nur im gewöhnlichen Leben beachten wir dieses Willensartige nicht. Um zur modernen Initiation zu kommen, müssen wir gerade den leisen Willen, der in dem Vorstellungsleben darinnen ist, beachten. Das müssen wir nach und nach erreichen durch die Übungen, die ich beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist es gerade, was ich hier andeuten will: Wir müssen das, was für gewöhnlich gerade das Wichtigste ist, den Gedankeninhalt zurücktreten lassen und den Willen im Denken bewußt gebrauchen lernen. Das wird in der folgenden Weise gemacht. Aber wie gesagt, ich kann nur das Prinzipielle hier andeuten, alles Weitere finden die verehrten Zuhörer in der «Geheimwissenschaft im Umriß» und in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», und in anderen Büchern.
[ 7 ] One must engage in exercises of thought on the one hand and exercises of the will on the other if the gate is to open to the supersensible world—a world we must enter if we, as human beings, wish to recognize our Eternal Self and if we wish to recognize the world in terms of the Eternal. The exercises of thought are carried out precisely by reflecting on how elements of the will always interplay with thought; the exercises of the will, by observing how thought interplays with the will. It is only in ordinary life that we do not pay attention to these elements of the will. To attain modern initiation, we must pay attention precisely to the subtle will that is present within the life of the imagination. We must achieve this step by step through the exercises I have described in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. This is precisely what I wish to suggest here: We must set aside what is usually considered the most important—the content of thought—and learn to consciously use the will in thinking. This is done in the following way. But as I said, I can only outline the principles here; my esteemed listeners will find all further details in An Outline of Esoteric Science and in How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?, as well as in other books.
[ 8 ] Man denke an eine Vorstellung, die man leicht überschaut, die einem vollständig klar ist, wie, ich möchte sagen, ein mathematisches Dreieck. Das stellt man in die Mitte eines Vorstellungskomplexes. Es kommt gar nicht darauf an, was diese Vorstellung für einen Inhalt hat, sondern daß man in dieser Weise das ganze Seelenleben auf diesen einen Vorstellungskomplex konzentriert, in einer Denk-Meditation. Wir müssen uns in die Lage bringen, daß wir absehen können von der ganzen übrigen Welt, so daß nichts anderes da ist für unser Bewußtsein als nur die eine Vorstellung, als der eine Vorstellungskomplex. Es erfordert eine energische Seelenanstrengung, wenn man das durchführen will. Aber gerade so, wie der einzelne Muskel, wenn wir ihn immer wieder und wiederum gebrauchen, erstarkt, erkraftet, so erkraftet unsere Seelenkraft, wenn wir sie immer wieder und wiederum gebrauchen. Der eine braucht monate-, der andere jahrelang. Wenn wir diese gesamte Seelenkraft immer wieder und wiederum, energisch konzentriert, auf einen Vorstellungskomplex, auf eine Vorstellung konzentrieren, erstarkt sie nach einiger Zeit. Nach einiger Zeit kann man ein zunächst innerliches, ein erschütterndes Erlebnis haben. Dieses erschütternde Erlebnis wird darinnen bestehen, daß man nunmehr sich innerlich erkraftet, energisiert hat zu einem ganz neuen Denken, zu einem Denken, das man früher nicht gehabt hat. Was man da erlangt hat, wird sich am leichtesten in der folgenden Weise beschreiben lassen.
[ 8 ] Consider a mental image that is easy to grasp, one that is completely clear to you—like, I might say, a mathematical triangle. Place this in the center of a complex of ideas. It does not matter at all what the content of this idea is, but rather that one concentrates one’s entire inner life in this way on this single complex of ideas, in a meditative act of thinking. We must put ourselves in a position where we can set aside the entire rest of the world, so that nothing else remains in our consciousness but that one idea, that one complex of ideas. It requires a vigorous effort of the soul to accomplish this. But just as an individual muscle grows stronger and more powerful when we use it again and again, so too does our spiritual power grow stronger when we use it again and again. For some, this takes months; for others, years. When we repeatedly and vigorously concentrate all of this spiritual power on a single conceptual complex, on a single idea, it grows stronger after some time. After some time, one may have an experience that is initially internal and deeply moving. This deeply moving experience will consist in the fact that one has now inwardly strengthened and energized oneself for a completely new way of thinking—a way of thinking that one did not have before. What one has attained there can most easily be described in the following way:
[ 9 ] Wenn wir der gewöhnlichen Welt gegenüberstehen, so sind die Sinneseindrücke, die wir bekommen, sehr lebhaft. Wir leben energisch in diesen Sinneseindrücken, energisch leben wir in der farbigen Welt, der Tonwelt, der Wärme- und Kältewelt, oder den übrigen Sinnesanregungen. Dagegen sind die Gedanken des gewöhnlichen Bewußtseins schwach. Es braucht sich jeder nur zu erinnern daran, wie viel schwächer sein Gedankenleben ist als sein Leben in Sinneswahrnehmungen. Endlich kommen wir dahin, das Gedankenleben so lebhaft, so energisch zu haben, wie sonst nur das Sinnesleben ist. Das ist ein wichtiger Übergang auf der Bahn menschlicher Erkenntnis, denn dann tritt auch dieses Gedankenleben nicht mehr linienhaft auf, wie man es gewöhnlich, im gewöhnlichen Bewußtsein hat, sondern es tritt so bildhaft, so innerlich intensiv, so innerlich gesättigt auf, wie die äußeren Sinneswahrnehmungen selber. Man ist vorgeschritten zu demjenigen, was man, gegenüber dem gewöhnlichen abstrakten oder gegenständlichen Denken, das imaginative Denken nennen kann, nicht weil man dabei sich ergehen kann in dem, was man sich einbildet, oder in dem, was man sehen kann, wenn man sich der Phantasie hingibt, sondern weil man Welten schauen kann, von denen man weiß, daß sie so leicht in der Seele leben wie die Traumbilder. Aber sie sind nicht Traumbilder, sondern sie sind von innerlicher Realität erfüllt.
[ 9 ] When we face the ordinary world, the sensory impressions we receive are very vivid. We live vigorously within these sensory impressions; we live vigorously in the world of colors, the world of sounds, the world of warmth and cold, and the rest of our sensory stimuli. In contrast, the thoughts of ordinary consciousness are weak. Everyone need only recall how much weaker their life of thought is than their life of sensory perceptions. Eventually, we reach a point where our life of thought becomes as vivid and as energetic as sensory life otherwise is. This is an important transition on the path of human knowledge, for then this life of thought no longer appears in a linear fashion, as it usually does in ordinary consciousness, but rather appears as vividly, as intensely, and as richly as the external sensory perceptions themselves. One has advanced to what, in contrast to ordinary abstract or concrete thinking, can be called imaginative thinking—not because one can indulge in what one imagines, or in what one can see when one surrenders to the imagination, but because one can behold worlds of which one knows that they live in the soul as easily as dream images. But they are not dream images; rather, they are filled with inner reality.
[ 10 ] Wenn man nun einige Zeit exakt gelernt hat, im imaginativen Denken zu leben, innerlich seinen ganzen Menschen zu engagieren innerhalb dieses imaginativen Denkens, dann wird man finden, daß man mit diesem imaginativen Denken in eine Realität eintaucht, sich hineinversenkt in eine Realität, die man bisher nicht gekannt hat. Denn jetzt ist mit diesem imaginativen Denken die erste Stufe der übersinnlichen Welt zu erlangen. Man findet allmählich, daß man jetzt in sich, durch dieses imaginative Denken, einen zweiten Menschen erlebt, einen Menschen, der so real ist, wie sonst nur der äußere physische Raumesmensch. Und so, wie dieser äußere physische Raumesmensch ein Organismus ist, dessen einzelne Glieder in wechselweiser Beziehung zueinander stehen, wie der Kopf abhängig ist von der Hand, und wiederum die Hand abhängig ist vom Kopfe, wie die rechte Hand abhängig ist von der linken, wie alle Glieder des menschlichen Raumesorganismus voneinander abhängig sind, so entdeckt man einen zweiten Menschen in sich, den ich nun einen Zeitorganismus nennen muß. Das ist ein Zeitorganismus, das ist nichts Räumliches. Dieser steht aber wie ein gewaltiges Tableau vor unserem Seelenblicke. Sind wir in der imaginativen Erkenntnis weit genug gelangt, dann blicken wir nicht mehr aus der Erinnerung an einzelne Reminiszenzen zurück, sondern dann blicken wir zurück auf unser bisheriges Erdenleben, seit den ersten Jahren unserer Kindheit zunächst. Wir blicken zurück, indem wir alles auf einmal, wie in einem einzelnen Bilde überschauen, aber in einem Bilde, von dem wir wissen, es ist kein Raumesbild. Wenn wir es hinmalen würden, würden wir etwas malen wie den Blitz, wie etwas, was nur in einem Augenblicke festgehalten werden kann. Es ist das, was ich den Bildekräfteleib, den Ätherleib genannt habe. So kann es aber nicht einfach hingemalt werden, sondern wir müssen uns bewußt sein: wir malen einen Querschnitt eines Zeitorganismus hin. Und wir sehen nun, wie wir in unserer Kindheit ausgerüstet waren mit übersinnlichen Kräften, die uns eingeboren waren, die in unserem Gehirn gearbeitet haben wie ein Bildhauer, die den Übergang gefunden haben vom Gehirn aus in den Atmungsorganismus und Zirkulationsorganismus, um immer mehr und mehr in den ganzen Raumesorganismus hineinzuarbeiten, bis sie ihn beherrschen. Das Kind nimmt immer mehr und mehr in Besitz durch dasjenige, was wir hier als Zeitorganismus in der imaginativen Erkenntnis erfahren lernen, den gesamten Raumesorganismus. Dieser Ätherleib erfüllt uns seinen Kraftentfaltungen nach. Wir werden uns im gewöhnlichen Bewußtsein seiner Wirkungen, nicht seiner selbst, bewußt. Aber durch imaginative Erkenntnis werden wir uns dieses Zeitorganismus bewußt. Wir lernen erkennen, warum wir gerade ein Mensch mit einem bestimmten Charakter geworden sind, warum wir, um nur einzelnes zu erwähnen, gewissermaßen mehr veranlagt sind, der eine zum Maler, der andere zum Mathematiker, wie da etwas Übersinnliches an uns arbeitet, an unserem Erdendasein. Wir lernen das erste Übersinnliche in uns auf diese Weise erforschen. Man kann ganz exakt durch systematische Übung des Denkvermögens die exakte Clairvoyance ausbilden. Das ist die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis: die imaginative Erkenntnis. Man gelangt zu der ersten übersinnlichen Wesenheit, zu der der Mensch gelangen kann, zu seinem übersinnlichen Leib, den er im Erdenleib hier in diesem physischen Raumesleib darinnen trägt.
[ 10 ] Once you have spent some time learning precisely how to live in imaginative thinking—to engage your whole being inwardly within this imaginative thinking—you will find that, through this imaginative thinking, you immerse yourself in a reality, sinking into a reality you have not known until now. For it is through this imaginative thinking that one attains the first level of the supersensible world. One gradually discovers that, through this imaginative thinking, one now experiences within oneself a second human being—a human being who is as real as the outer, physical, spatial human being. And just as this outer, physical, spatial human being is an organism whose individual members are in reciprocal relationship to one another—just as the head depends on the hand, and in turn the hand is dependent on the head, just as the right hand is dependent on the left, and just as all the members of the human spatial organism are interdependent, so one discovers a second human being within oneself, whom I must now call a “time organism.” This is a time organism; it is not something spatial. Yet it stands before our soul’s gaze like a vast tableau. Once we have progressed far enough in imaginative insight, we no longer look back from the memory of individual recollections, but rather we look back on our earthly life thus far, beginning with the earliest years of our childhood. We look back by surveying everything at once, as in a single image—but an image of which we know it is not a spatial image. If we were to paint it, we would paint something like a flash of lightning—something that can be captured only in an instant. This is what I have called the “body of formative forces,” the “etheric body.” But it cannot simply be painted; rather, we must be aware that we are depicting a cross-section of a temporal organism. And we now see how, in our childhood, we were endowed with supersensible powers that were innate to us, that worked in our brain like a sculptor, that found their way from the brain into the respiratory and circulatory organisms, in order to work their way more and more deeply into the entire spatial organism until they mastered it. Through what we come to experience here as the time organism in imaginative insight, the child increasingly takes possession of the entire spatial organism. This etheric body fills us through the unfolding of its forces. In ordinary consciousness, we become aware of its effects, not of the organism itself. But through imaginative insight, we become aware of this time organism. We learn to recognize why we have become precisely the kind of human being with a certain character; why, to mention just a few examples, we are, so to speak, more predisposed—one to be a painter, another to be a mathematician—and how something supersensible is at work within us, in our earthly existence. We learn to explore the first supersensible aspect within us in this way. Through systematic training of the thinking faculty, one can develop precise clairvoyance. This is the first stage of supersensible knowledge: imaginative knowledge. One reaches the first supersensible entity that a human being can attain—one’s supersensible body, which one carries within one’s earthly body, here in this physical, spatial body.
[ 11 ] Bisher habe ich versucht darzustellen, wie der Mensch zu dem ersten Übersinnlichen durch imaginative Erkenntnis gelangt. Es ist ein Übersinnliches, das zunächst im Sinnlichen darinnensteht. Wir sind noch nicht hinausgekommen aus dem Erdenleib. Aber schon in diesem Erdenleib findet sich ein übersinnliches Glied, das ich hier wenigstens seinem Prinzip nach beschrieben habe. Wir lernen es durch imaginative Erkenntnis kennen. So haben wir die erste Stufe übersinnlicher Erkenntnis beschrieben. Nun müssen wir weitergehen. Wir finden nun, daß wir hinauskommen können in gewissem Sinne zu der höheren menschlichen Natur, zu dem, was jenseits der Geburt, jenseits des Todes steht: zu der ewigen Menschennatur.
[ 11 ] So far, I have tried to describe how human beings arrive at the first supersensible realm through imaginative knowledge. It is a supersensible realm that is initially contained within the sensible realm. We have not yet emerged from the earthly body. But even within this earthly body there is a supersensible element, which I have described here, at least in principle. We come to know it through imaginative cognition. Thus we have described the first stage of supersensible cognition. Now we must go further. We now find that we can, in a certain sense, step out into the higher human nature, into that which lies beyond birth and beyond death: into eternal human nature.
[ 12 ] Im gewöhnlichen Leben ist das Hineinarbeiten des Willens in das Denkvermögen, in die Denkkraft damit verbunden, daß man es zu dieser imaginativen Erkenntnis gebracht hat. Weiter auf den Wegen in die übersinnliche Welt hinein kann man gehen, wenn man in einem gewissen Sinne nun die Übungen nach der entgegengesetzten Seite macht. Wir wissen ja aus dem gewöhnlichen Leben, daß wir uns nicht nur die notwendige Aufmerksamkeit aneignen müssen, um uns konzentrieren zu können auf eine Vorstellung oder auf einen Gegenstand, sondern daß wir es auch wiederum in unserer Gewalt haben müssen, die Seele abzuziehen von demjenigen, worauf wir sie zunächst einmal gelenkt haben. Das ist nun dasjenige, was zur nächsten Übung führen muß. Wenn man innere Seelenkraft angewendet hat zum systematischen Konzentrieren, die einen zur imaginativen Erkenntnis geführt hat, dann hat man auch darauf eine größere Kraft anzuwenden, um gewissermaßen nicht festgehalten zu werden bei der betreffenden Vorstellung oder dem betreffenden Vorstellungskomplex. Man muß diese größere Kraft anwenden, wenn man weiterkommen will auf dem Pfade der Erkenntnis. Diese größere Kraft ist notwendig, wenn man solche lebhafte Gedanken errungen hat, daß man diese Gedanken ganz willkürlich, mit vollem Bewußtsein, aus dem bewußten Leben herausschiebt, daß man sie wiederum herausfegt. Dadurch kommt man immer weiter und weiter, und man kommt dazu, nunmehr imstande zu sein, alles, was man auch so an verstärkten Vorstellungen durch Konzentration, durch Meditation in das Bewußtsein hereingebracht hat, wiederum aus dem Bewußtsein herauszusetzen und zuletzt zu leben in vollstem wachen Zustand, aber mit leerem Bewußtsein.
[ 12 ] In everyday life, the integration of the will into the faculty of thought—into the power of thought—is connected with having attained this imaginative insight. One can proceed further along the paths into the supersensible world by, in a certain sense, performing the exercises in the opposite direction. We know from everyday life that we must not only acquire the necessary attention to be able to concentrate on an idea or an object, but that we must also have the power to withdraw the soul from whatever we have initially directed it toward. This is precisely what must lead to the next exercise. Once one has applied inner spiritual strength to systematic concentration—which has led to imaginative insight—one must then apply even greater strength to ensure, so to speak, that one is not held captive by the particular image or complex of images in question. One must apply this greater power if one wishes to progress further along the path of knowledge. This greater power is necessary once one has attained such vivid thoughts that one can push these thoughts out of one’s conscious life entirely at will and with full awareness—that is, sweep them out again. In this way, one progresses farther and farther, and one eventually becomes capable of removing from consciousness everything that one has brought into it through concentration and meditation—all those intensified mental images—and ultimately of living in a state of complete wakefulness, yet with an empty consciousness.
[ 13 ] Man mache sich nun einmal klar, was es heißt: mit leerem Bewußtsein leben. Man weiß es, wenn wir im gewöhnlichen Leben keine Sinneseindrücke haben, wenn unsere Erinnerungen nicht aus unserem Innern kommen, dann schläft man ein, man geht in bewußtlosen Zustand über. Davor behütet man sich durch Verstärken des Vorstellungslebens und dadurch, daß man dieses verstärkte Vorstellungsleben wieder auslöscht. Man bleibt wach und lebt zu gleicher Zeit mit leerem Bewußtsein für alles dasjenige, was uns entgegentritt. Es kann uns jetzt zunächst nicht entgegentreten äußere Sinneswahrnehmung. Die ist ausgelöscht mit dem verstärkten Denken. Auch die Erinnerungen treten nicht entgegen dem verstärkten Denken. Ich habe schon gesagt, wir kommen im imaginativen Denken dazu, das Bisherige dann nicht als Erinnerung zu haben, sondern als Tableau. Mit gleichzeitigem Blick können wir es übersehen als eine Einheit. Dasjenige, was jetzt in unser Bewußtsein tritt, es ist etwas ganz Neues, was der Mensch in seiner Umgebung nicht vermutet hat. Jetzt tritt für dieses leere Bewußtsein die Anschauung auf einer übersinnlichen Umgebung, in der der Mensch darinsteht, wie er sonst in Farben, in Tönen der Welt darinnensteht. Jetzt sprießen gewissermaßen aus allem wahrhaft geistige Wesenhaftigkeiten heraus. Jetzt stehen wir nicht mehr vor den Wolken, wie sie dahinziehen, wenn wir sie mit unseren Augen sehen; jetzt nehmen wir in allem solchen Sinnlichen ein Übersinnliches wahr. Nicht eine jenseitige Welt haben wir vor uns, aber eine Welt, die ebenso vor uns liegt, wie die unserige, wie die sinnliche Welt vor uns liegt, die aber eine durch die Initiation zu erringende, wahre übersinnliche ist. Jetzt lernt man, indem man mit seinem Bewußtsein eintaucht in eine übersinnliche Welt, ein neues Denken, ein neues Vorstellen kennen. Jetzt lernt man ein Vorstellen, ein Denken kennen, das nicht abhängig ist vom gewöhnlichen Denken, vom Nervensystem. Man weiß: Du mußtest dich deines Nervensystems bedienen, aber jetzt denkst du die Gedanken, zu denen du kein Gehirn brauchst; jetzt denkst du die Gedanken, die nur durch seelische Kraft in deinem Bewußtsein rege gemacht werden.
[ 13 ] Let us now consider what it means to live with an empty consciousness. We know that in ordinary life, when we have no sensory impressions and our memories do not arise from within us, we fall asleep—we slip into a state of unconsciousness. We protect ourselves from this by intensifying our imaginative life and by subsequently extinguishing this intensified imaginative life. We remain awake and, at the same time, experience everything that comes before us with an empty consciousness. For the time being, external sensory perception cannot come before us. It is extinguished by the intensified thinking. Memories, too, do not stand in the way of this intensified thinking. I have already said that in imaginative thinking we come to experience what has happened so far not as a memory, but as a tableau. With a single glance, we can take it all in as a single unit. What now enters our consciousness is something entirely new, something the person did not expect to find in their surroundings. Now, for this empty consciousness, a vision of a supersensible environment emerges, in which the human being stands just as he otherwise stands within the colors and sounds of the world. Now, in a sense, truly spiritual essences spring forth from everything. Now we no longer stand before the clouds as they drift by when we see them with our eyes; now we perceive a supersensible aspect in all such sensory phenomena. We do not have a world beyond this one before us, but a world that lies before us just as our own does—just as the sensory world lies before us—yet one that is a true supersensible world to be attained through initiation. Now, by immersing one’s consciousness in a supersensible world, one comes to know a new way of thinking, a new way of imagining. Now one comes to know a way of imagining and thinking that is independent of ordinary thinking and of the nervous system. One knows: You had to make use of your nervous system, but now you think thoughts for which you do not need a brain; now you think thoughts that are brought to life in your consciousness solely through the power of the soul.
[ 14 ] Können wir das, dann machen wir allerdings noch manche Entdekkung, die uns klarmachen kann, wie wir ein neues Denken aus dem alten herausgeleitet haben mit neuen Erlebnissen. Jetzt wird klar, daß dieses neue Denken außerhalb des Gehirns sich nicht vergleichen läßt mit dem alten Denken, das an das Gehirn gebunden ist, weil dieses neue Denken im gewöhnlichen Sinne keine Erinnerung, kein Gedächtnis hat, während das Denken des gewöhnlichen Lebens nur gesund ist, wenn es Erinnerung und Gedächtnis nach sich zieht. So sonderbar und paradox es erscheint, so wahr ist es, daß zunächst keine Erinnerung von dem neuen Erlebnis hervorgerufen wird. Das ist manchmal die Überraschung der Schüler der Initiationswissenschaft: Sie kommen zu einer gewissen Clairvoyance, sie glauben, sie können dasjenige, was sie in dieser Weise erfahren haben, in der Erinnerung, im Gedächtnis bewahren und es wie andere Gedanken aus dem Gedächtnis heraufholen; sie sind dann unglücklich, weil sie das nicht können. Sie wissen nur: Ich habe darin gestanden, aber jetzt kann ich mich nicht daran erinnern, innerhalb meines physischen Organismus. — Das ist gerade das Charakteristische für das Erleben einer Realität, nicht bloß eines Gedankens. Wenn ich ein Sinneserlebnis habe, dann kann ich mich erinnern an die Gedanken, die mit diesem meinem Sinneserlebnis in Verbindung stehen. Im Gedächtnis bewahren kann ich die Gedanken an eine Rose. Will ich aber die Rose in aller Röte vor mir haben, dann muß ich zur Rose wieder zurückkehren. Habe ich es aus meinem gewöhnlichen Bewußtsein durch Anstrengung in der Initiation dahin gebracht, daß ich zu einem neuen Sehen gekommen bin, so muß ich, um das geistige Erlebnis selber vor mir zu haben, diejenigen Schritte wieder gehen, die ich früher gegangen bin, so daß, wie eine Rose wiederum als Sinneswahrnehmung vor mich hintritt, dieses geistige Erlebnis wiederum an mich hintreten muß. Jemand, der aus der geistigen Welt heraus spricht, der nicht bloß spricht, was er darüber gelernt hat, sondern was er aus eigenem Schauen heraus kennt, der weiß, selbst wenn er über die elementarsten Dinge spricht, daß durch exakte Clairvoyance jedesmal etwas Neues in der Seele geschaffen werden muß. Derjenige, der aus gewöhnlicher Wissenschaft arbeitet, kann aus dem Gedächtnis heraus arbeiten. Der Geistesforscher aber hat wiederum dieselben Schritte zu machen, welche ihn einmal zu dem Erlebnis geführt haben. Dann muß der Vorgang wiederum wie ein ursprüngliches Erlebnis hervorkommen. Also auch die Bedingungen des geistigen Erlebnisses sind andere wie im gewöhnlichen Bewußtsein des gewöhnlichen Lebens.
[ 14 ] If we can do that, then we will certainly make many more discoveries that can help us understand how we have derived a new way of thinking from the old one through new experiences. It now becomes clear that this new way of thinking, which exists outside the brain, cannot be compared to the old way of thinking, which is bound to the brain, because this new way of thinking, in the ordinary sense, has no recollection and no memory, whereas the thinking of ordinary life is only sound when it entails recollection and memory. As strange and paradoxical as it may seem, it is true that, at first, no recollection is evoked by the new experience. This is sometimes a surprise to students of the science of initiation: they attain a certain degree of clairvoyance; they believe they can preserve what they have experienced in this way in their memory and recall it from memory just like other thoughts; they are then unhappy because they cannot do so. All they know is: “I was standing there, but now I cannot recall it within my physical body.” — That is precisely what characterizes the experience of a reality, not merely a thought. When I have a sensory experience, I can recall the thoughts associated with that experience. I can retain in my memory the thoughts of a rose. But if I want to have the rose, in all its redness, before me, then I must return to the rose. If, through effort during initiation, I have progressed from my ordinary consciousness to a new way of seeing, then in order to have the spiritual experience itself before me, I must retrace the steps I took earlier, so that just as a rose once again appears before me as a sensory perception, this spiritual experience must also come to me once more. Someone who speaks from the spiritual world—who does not merely speak of what he has learned about it, but of what he knows from his own observation—knows, even when speaking of the most elementary things, that through precise clairvoyance something new must be created in the soul each time. The one who works from ordinary science can work from memory. The spiritual researcher, however, must take the same steps that once led him to the experience. Then the process must emerge once again as an original experience. Thus, the conditions of the spiritual experience are also different from those in the ordinary consciousness of everyday life.
[ 15 ] Um uns in geistigen Welten orientieren zu können, um nun wirklich in der geistig-übersinnlichen Welt wahrzunehmen, dazu brauchen wir aber noch eine besondere innere Charaktereigenschaft. Wir brauchen dasjenige, was ich Geistesgegenwart nennen möchte. Das ist im gewöhnlichen Leben das, was man braucht, um in einer bestimmten Situation ohne Zögern eine bestimmte Entscheidung treffen zu können. Man muß viele Übungen in solcher Geistesgegenwart machen, damit man in der übersinnlichen Welt beobachten lernt. Denn ohne diese Geistesgegenwart hätte man nicht Zeit, das Erlebnis zu erfassen, man würde bei dem geistigen Erlebnis erst so spät ankommen, daß es vorbei wäre. Die ungeheure Schnelligkeit, diese schnelle Besonnenheit, sie muß eintreten in dem Augenblick, wenn man zum gehirnfreien Denken vorgeschritten ist.
[ 15 ] However, in order to find our bearings in spiritual realms—to truly perceive the spiritual-supernatural world—we still need a special inner quality. We need what I would like to call presence of mind. In everyday life, this is what one needs to be able to make a specific decision without hesitation in a given situation. One must practice this presence of mind extensively in order to learn to observe in the supersensible world. For without this presence of mind, one would not have time to grasp the experience; one would arrive at the spiritual experience so late that it would already be over. This tremendous speed, this swift composure, must occur at the very moment one has progressed to thinking without the brain.
[ 16 ] Dann aber, wenn man in dieser Weise durch das leere Bewußtsein hindurch in vollem Wachzustand zu den übersinnlichen Wesenhaftigkeiten kommt in unserer Umgebung, dann kann man noch etwas anderes — man braucht nur diese Kraft etwas zu entwickeln. Übt man diese Kraft weiter, dann kann man diesen Bilderleib, den Ätherleib, auslöschen. Man löscht nicht nur einzelne Vorstellungen aus, man löscht den ganzen Ätherleib aus. Dann tritt im höheren Sinne ein leeres Bewußtsein ein, und vor diesem leeren Bewußtsein tritt unser seelisch- geistiges Leben auf, wie es war in einer seelisch-geistigen Welt, bevor wir als Seele heruntergestiegen sind aus übersinnlichen Welten in diesen Erdenleib. Wir lernen das vorgeburtliche Leben kennen durch inspirierte Erkenntnis, die ich Inspirations-Erkenntnis nennen möchte. So wie die äußere Luft durch Inspiration in die Lunge einzieht, so zieht die geistige Welt durch das leer gewordene Bewußtsein ein. Dann atmen wir, jetzt geistig gemeint, gewissermaßen die geistigen Welten ein, wie wir sie kannten, bevor wir heruntergestiegen sind aus geistigen Höhen in das physische Erdendasein.
[ 16 ] But then, when one reaches the supersensible essences in our surroundings in this way—through empty consciousness while fully awake—one can do something else as well; one need only develop this power a little. If one continues to practice this power, one can extinguish this image body, the etheric body. One does not merely erase individual images; one erases the entire etheric body. Then, in a higher sense, a state of empty consciousness sets in, and before this empty consciousness our soul-spiritual life appears, just as it was in a soul-spiritual world before we, as souls, descended from the supersensible worlds into this earthly body. We come to know prenatal life through inspired insight, which I would like to call “insight through inspiration.” Just as the external air enters the lungs through inhalation, so does the spiritual world enter through the consciousness that has become empty. Then we breathe in—in a spiritual sense—the spiritual worlds, as it were, just as we knew them before we descended from spiritual heights into physical earthly existence.
[ 17 ] Wir lernten kennen die eine Seite unserer Wesenheit, die andere Seite ist die geistige Unsterblichkeit, worüber wir im dritten Teil unseres Vortrages reden werden. Die Unsterblichkeit negiert den Tod. Von Ungeborenheit redet man nicht; wir müßten von ihr sagen, daß sie die andere Seite der Menschenseele ist. Wir sind als Mensch ungeboren, wie wir unsterblich sind. Anthroposophie als moderne Initiationswissenschaft geht nicht wie eine Philosophie vor, indem sie Schlüsse zieht, und indem sie von dem, was man schon weiß, weiteres wissen will, vielmehr will sie die Seele bereit machen dazu, daß sie sich zu einem höheren Erkenntnisstandpunkt hinaufübt. Wenn die Seele höher entwickelt ist als im gewöhnlichen Leben, dann gelangt sie durch Anschauung zu der Erkenntnis ihres ewigen Wesens. Das ist zunächst die eine Seite der inspirierten Erkenntnis, welche sich auf unsere eigene Menschlichkeit bezieht. Die andere Seite möchte ich auf die folgende Art darstellen. Wir lernen durch inspirierte Erkenntnis auch die Außenwelt erkennen. Nur skizzenhaft kann ich das darstellen. Wenn wir die äußere sinnliche Welt, zum Beispiel die Sonne, vor uns haben, dann haben wir die Sonne in der gewöhnlichen Wissenschaft als abgeschlossenen Körper im Raume vor uns. Das ist aber nur ein Glied des gesamten Sonnenwesens, wie der physische Leib nur ein Glied des gesamten Menschenwesens ist. Beim Menschen sprechen wir davon, daß das Geistig-Seelische hier innerhalb des Körpers wohnt. Wir müssen bei der Sonne davon sprechen, daß das Übersinnliche, das Geistige der Sonne außerhalb der Sonne ist, und den ganzen Weltenraum als Sonnenhaftes erfüllt. Was überall ist, in Mineral, in Pflanze und Tier, was in uns selbst als Mensch ist als Sonnenhaftes, das erblicken wir physisch konzentriert, wenn wir sinnlich zur Sonne hinaufschauen. Nun lernt man auf diese Weise in inspirierter Erkenntnis dieses Sonnenhafte in Pflanze, Tier und Mensch erkennen. Man lernt es erkennen in jedem einzelnen im Menschen, in Lunge, Herz, Leber, Gehirn und so weiter. Man lernt aber nicht nur dieses Sonnenhafte kennen, sondern man lernt in bezug auf alle äußeren Wesen das Geistige kennen. Wie die Sonne nicht nur scharfe Konturen hat, so ist es auch beim Mond. Der äußere physische Mond ist nur die physische Konzentration, während das Mondenhafte den ganzen Raum durchströmt. Heute sieht man diese Dinge als Aberglaube an. Sie sind ebenso exakte Wissenschaft wie anderes, aber man muß sie durchschauen. Die Pflanzen, Tiere und Menschen, insofern sie physischer Organisation sind, erblicken wir als etwas im äußeren physischen Kosmos; aber durch inspirierte Erkenntnis lernen wir ihr inneres Wesen kennen. Ebenso erkennt man auch jede einzelne Hand, Lunge, Leber und so weiter. In ihnen lebt das Sonnenhafte und das Mondenhafte weiter: Das Sonnenhafte im Sprießen, im Wachsen, im Gedeihen; das Mondenhafte aber auch in dem, was wir haben müssen im Degenerieren, im Abnehmen. Wir würden ohne das Sonnen- und Mondenhafte nicht leben können. So lange wir erkennen eine aufsteigende Sonnenentwickelung, ein absteigendes Mondenhaftes, lernen wir in der Außenwelt das Sonnen- und Mondenhafte erkennen. Aber wir lernen auch das Kranke in der Außenwelt erkennen. Wir lernen erkennen, wie im krankhaften Organ das Sonnenhafte oder Mondenhafte überwiegt, wir lernen erkennen, wie aus dem Kosmos heraus der Mensch seine Gesundheit verlieren kann. Und wir lernen auch erkennen, wie in Pflanze, Tier und Mineral Sonnenhaftes und Mondenhaftes lebt, wie Gegenkräfte, ebenso wie einzelne äußere Naturkräfte zu finden sind, die uns die Heilmittel andeuten für bestimmte innere Erkrankungen. Hier greift die Anthroposophie in das äußere praktische Leben ein, wie eine äußere Medizin. Sie kann ausgebildet werden dadurch, daß wir hineinschauen in den Geist des Kosmos und so den Menschen in seinem kranken, in seinem gesunden Zustand aus dem Kosmos heraus erkennen. Was ich hier Ihnen andeute, das sind nur ein paar Worte über das, was heute schon besteht als anthroposophische Medizin, anthroposophische Heilkunde. Es gibt keine Medizin, keine Psychologie, keine Therapie, die etwas anderes ist als das Ergebnis des Probierens, wenn man nicht vorwärtsschreitet zu einer geistigen Erkenntnis des Weltenalls.
[ 17 ] We have come to know one aspect of our being; the other aspect is spiritual immortality, which we will discuss in the third part of our lecture. Immortality negates death. One does not speak of “unbornness”; we would have to say that it is the other aspect of the human soul. As human beings, we are unborn, just as we are immortal. Anthroposophy, as a modern science of initiation, does not proceed like a philosophy by drawing conclusions and seeking further knowledge based on what is already known; rather, it seeks to prepare the soul to elevate itself to a higher level of understanding. When the soul is more highly developed than in ordinary life, it attains, through intuition, knowledge of its eternal being. This is, first of all, one aspect of inspired knowledge, which relates to our own humanity. I would like to describe the other aspect in the following way. Through inspired knowledge, we also come to know the external world. I can only sketch this out briefly. When we have the external sensory world—for example, the sun—before us, ordinary science presents the sun as a self-contained body in space. But this is only one part of the entire solar being, just as the physical body is only one part of the entire human being. In the case of human beings, we speak of the spiritual and soul aspects dwelling within the body. In the case of the sun, we must speak of the supersensible, the spiritual aspect of the sun, as being outside the sun and filling the entire universe with its solar nature. What is present everywhere—in minerals, plants, and animals—and what is within us as human beings as a solar quality—we perceive in physically concentrated form when we look up at the sun with our senses. In this way, through inspired insight, one learns to recognize this solar quality in plants, animals, and human beings. One learns to recognize it in every individual part of the human being—in the lungs, heart, liver, brain, and so on. But one does not merely come to know this solar quality; one also comes to know the spiritual aspect in relation to all external beings. Just as the sun does not have only sharp contours, so it is with the moon. The outer physical moon is merely the physical concentration, whereas the lunar aspect flows through the entire universe. Today, these things are regarded as superstition. They are just as much exact science as anything else, but one must see through them. We perceive plants, animals, and human beings—insofar as they are physical organisms—as something in the outer physical cosmos; but through inspired insight, we come to know their inner nature. In the same way, one also recognizes every individual hand, lung, liver, and so on. Within them, the solar and lunar principles continue to live: the solar principle in sprouting, growing, and flourishing; the lunar principle, however, also in what we must experience—degeneration and decline. We could not live without the solar and lunar aspects. As long as we recognize an ascending solar development and a descending lunar aspect, we learn to recognize the solar and lunar aspects in the external world. But we also learn to recognize what is diseased in the external world. We learn to recognize how the solar or lunar qualities predominate in a diseased organ; we learn to recognize how a human being can lose their health as a result of cosmic influences. And we also learn to recognize how the solar and lunar qualities live in plants, animals, and minerals—how opposing forces, as well as individual external natural forces, can be found that point us toward remedies for certain internal illnesses. Here, anthroposophy intervenes in external practical life, like an external medicine. It can be developed by looking into the spirit of the cosmos and thus recognizing the human being—in both their sick and healthy states—from within the cosmos. What I am hinting at here are just a few words about what already exists today as anthroposophic medicine, anthroposophic healing. There is no medicine, no psychology, no therapy that is anything other than the result of trial and error unless one advances toward a spiritual understanding of the universe.
[ 18 ] Ich habe gezeigt, wie wir zur wahren menschlichen Selbsterkenntnis kommen durch inspirierte Erkenntnis, wie uns diese inspirierte Erkenntnis aber auch im praktischen Leben, für ein praktisches Gebiet behilflich sein kann. Ich habe dies für ein Gebiet gezeigt, für andere ist es auch möglich, dies zu zeigen. So daß wir sagen können: Initiationswissenschaft liefert auf der einen Seite die Grundlage für die tiefste Sehnsucht des menschlichen Seelenwesens, liefert das, was wir brauchen, um in einem tieferen Sinne als es durch äußere Sinneswissenschaft geschehen kann, in das Weltenall praktisch arbeitend einzugreifen. Dies müssen wir sagen über den zweiten Teil der menschlichen Erkenntnis, die inspirierte Erkenntnis, die hineinführt in den Geist des Kosmos. Weiter hinaus führt das, was uns führt zu der Erkenntnis des Menschen, wenn er durch die Todespforte geht.
[ 18 ] I have shown how we arrive at true human self-knowledge through inspired insight, and how this inspired insight can also be of help to us in practical life, in a practical field. I have demonstrated this in one area; it is also possible to demonstrate it in others. So we can say: On the one hand, the science of initiation provides the foundation for the deepest longing of the human soul; it provides what we need to intervene practically in the universe in a deeper sense than is possible through external sensory science. This is what we must say about the second part of human knowledge—inspired knowledge—which leads into the spirit of the cosmos. This leads even further—to the knowledge of the human being as he passes through the gate of death.
[ 19 ] Durch die eben geschilderte inspirierte Erkenntnis lernt man ja eigentlich erst das wirklich Seelische des Menschen kennen, jene seelische Wesenhaftigkeit, welche vom Menschen auch dann besteht, wenn er außerhalb seines Leibes ist, ja bevor er aus geistig-seelischen Welten heruntergestiegen ist und den physischen Erdenleib angenommen hat. Einseitig aber bleibt zunächst die Erkenntnis dieser seelisch-geistigen Wesenheit des Menschen, wenn man nur bis zur inspirierten Erkenntnis vorschreitet. Man erkennt nur dasjenige vom seelisch-geistigen Wesen des Menschen, was vor der Geburt liegt. Hat man aber dasjenige kennenzulernen, was nach dem Tode liegt, dann müssen die Übungen zur Entwickelung menschlicher übersinnlicher Erkenntniskräfte weiter fortgesetzt werden. Das geschieht dadurch, daß man nun nach der anderen Seite hin das Gedankenhafte in den Willen hineinträgt, wie man vorher den Willen in den Konzentrationsübungen in die Gedanken hineingetragen hat. Ich will nun schlicht wiederum schildern, wie es einem gelingen wird, die Gedankenkraft in den Willen allmählich hineinzutragen, wie ich das bei den Konzentrationsübungen gesagt habe. Gehen wir von einem einfachen Beispiel aus. Jeder einzelne Mensch kann es jeden Tag vollziehen. Wir setzen uns zur Ruhe hin und wir denken dann nach über etwas, was wir während des Tages erlebten, aber nicht so, daß wir am Morgen beginnen und die Ereignisse an uns vorüberziehen lassen, wie sie aufeinander gefolgt sind im äußeren Zeitverlauf, sondern so vollziehen wir die Rückschau auf unser Tagesleben, indem wir bei den letzten Erlebnissen, am Abend beginnen, vorschreitend zu den früheren bis zum Morgen, in möglichst kleinen Partien zurückschreiten. Es ist anfangs durchaus möglich, daß wir nur eine Episode aus dem Tage nehmen, später ordnet sich das Erinnerungstableau von selbst an. Worauf es ankommt, das ist dies: Wir sind gewohnt, unser Denken ganz passiv hinzugeben an die äußere Folge der Ereignisse; wir denken immer das Spätere im Anschluß an das Frühere. Dadurch bilden wir nur schwache Willenskraft durch das Denken aus. Einen stärkeren Willen bilden wir aus dadurch, daß wir entgegengesetzt gehen, daß wir losreißen das Denken von der Folge des äußeren Naturverlaufs durch ein von rückwärts nach vorne Gehen. Wir üben unseren Willen dadurch, daß wir die Ereignisse von rückwärts nach vorne empfinden. Ebenso kann man eine Melodie von rückwärts nach vorne denken, ein Drama kann man vor sich vorübergleiten lassen vom fünften bis zum ersten Akt, von rückwärts nach vorne. Darauf kommt es an, daß wir uns durch starken Willen losreißen von der äußeren Aufeinanderfolge der Ereignisse. Dadurch verstärken wir den Willen und entwickeln in uns die Kraft, das Denken in den Willen hineinzutreiben, wie wir bei Konzentrationsund Meditationsübungen den Willen in das Denken hineingetrieben haben. Das habe ich weiter in den schon genannten Büchern beschrieben.
[ 19 ] It is only through the inspired insight just described that one truly comes to know the real soul of the human being—that essential soul nature which continues to exist even when the human being is outside of his body, indeed even before he descended from the spiritual-soul worlds and took on his physical earthly body. However, this understanding of the human being’s spiritual-soul nature remains one-sided at first if one proceeds only as far as inspired insight. One perceives only that aspect of the human being’s spiritual-soul nature that lies before birth. But if one is to come to know what lies beyond death, then the exercises for developing human supersensible powers of perception must be continued further. This is achieved by now carrying the thought-content into the will—just as one previously carried the will into the thoughts during the concentration exercises. I will now simply describe once more how one can succeed in gradually carrying the power of thought into the will, as I explained in the concentration exercises. Let us take a simple example. Every single person can do this every day. We sit down to rest and then reflect on something we experienced during the day—but not by starting in the morning and letting the events pass before us as they followed one another in the external flow of time. Instead, we review our daily life by beginning with the most recent experiences, in the evening, moving backward in as small segments as possible toward the morning. At first, it is entirely possible that we’ll focus on just one episode from the day; later, the tableau of memories will organize itself. What matters is this: We are accustomed to surrendering our thinking entirely passively to the external sequence of events; we always think of what came later in connection with what came before. As a result, we develop only weak willpower through our thinking. We develop a stronger will by proceeding in the opposite direction—by breaking our thinking free from the sequence of external natural events through a movement from back to front. We exercise our will by perceiving events from back to front. Similarly, one can think of a melody from back to front; one can let a drama unfold before one’s eyes from the fifth act to the first, from back to front. What matters is that, through strong will, we detach ourselves from the external sequence of events. In this way, we strengthen the will and develop within ourselves the power to drive thought into the will, just as we have driven the will into thought during concentration and meditation exercises. I have described this in more detail in the books already mentioned.
[ 20 ] Ich will noch einiges anführen, um es mehr verständlich zu machen. Wenn man so starke Selbsterziehung des Willens treibt, wenn man sich nicht nur hingeben kann an das, was äußeres Leben ist, was die Erziehung und Umgebung aus einem gemacht haben, sondern wenn man gewissermaßen seine Selbsterziehung ausbildet in reifer Erkenntnis, wenn man sich so ganz selbst in die Hand nimmt bis zu dem Grade, daß man sich etwas abgewöhnt und sich dafür etwas anderes angewöhnt durch solche Übungen, die über Jahre hingehen. Wenn man sich sagt: Rein durch die Kraft deines Denkens, durch die Kraft deines Willens, der in deinem Vorstellungsleben ist, versuchst du eine bestimmte Eigenschaft, die du gar nicht hast, zu einer bleibenden Eigenschaft zu erarbeiten — wozu vielleicht sieben Jahre gebraucht werden. Wenn wir dieses immer wieder machen, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, wenn wir es immer wiederholen, dann verstärken wir den Willen. Und noch manch andere Willensübungen gibt es, wodurch wir im gleichen Maße von anderer Seite in die übersinnliche Welt hineinkommen. Wie steht es nun aber für unser Bewußtsein mit diesen Willensimpulsen? Darüber können wir uns in der folgenden Art verständigen. Ich habe einen Willensimpuls, wenn ich meine Hand oder meinen Arm emporhebe. Dann geht dieser Willensimpuls in die Untergründe meiner Wesenheit. Dies entzieht sich dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein, so wie es gewöhnlich im Schlafe dem Bewußtsein sich entzieht. Auch wenn wir in unseren Gefühlen träumen, so schlafen wir doch in bezug auf unsere Willensimpulse. Wir können also sagen: Wir sind im gewissen Sinne seelisch undurchsichtig. Denn wie wir für das physische Licht diesen oder jenen Gegenstand undurchsichtig finden, so finden wir unseren Körper undurchsichtig, wenn wir auf den Willen hinschauen. Wir können in den Willen nicht hineinschauen, während wir mit dem ‚Auge, dem physischen Sinne, dadurch sehen, daß das Auge durchsichtig ist. Wenn wir an Star krank sind, können wir nicht mehr sehen. Ich will durchaus nicht behaupten, daß wir in bezug auf unseren physischen Organismus für das gewöhnliche Leben krank seien, eine falsche Askese will Anthroposophie nicht treiben — aber wenn wir dazu gelangen würden, natürlich nicht physisch, aber seelisch, den Körper durchsichtig zu machen, würden wir wirklich dazu gelangen, aus den Gedanken hineinströmen zu schauen in den physischen Organismus die Willensimpulse. Wir würden dazu gelangen, die Willensimpulse zu durchschauen, weil unser physischer Organismus durchsichtig wäre. So schauen wir uns als Willensmenschen und schauen zugleich hinein in die geistige Willenswelt, der wir angehören, in jene Außerlichkeit, welche wir durch Willensübungen durchsichtig machen. Dann aber verschwindet für denjenigen, der eine Erkenntnisstufe erlangt, für die der physische Leib seelisch durchsichtig ist, da der Wille durchschaut wird, angeschaut wird, für den verschwindet zunächst in der Anschauung dieser physische Leib, und er gelangt dadurch, wenn er immer weiter und weiter blicken will, auf die geschilderte Weise erkraftet, dazu, den Moment des Todes vor sich zu haben im Bilde, jenen Moment, wo wir den physischen Leib der Erde übergeben und mit dem GeistigSeelischen durch die Pforte des Todes schreiten. Dieses Bild des Überschreitens der Todespforte haben wir vor uns, wenn wir dazu gelangen, unseren physischen Leib durchsichtig zu machen, um ins Geistige hineinzuschauen. Dann begreifen wir, was dieser physische Leib nicht mehr hat, und daß wir nicht nur hineinschauen in die geistige Welt, sondern uns wirklich hineinleben, indem wir in die geistige Welt hineingehen. Diese Stufe ist die intuitive Erkenntnis, die wahre intuitive Erkenntnis. Diese Stufe gibt uns die Anschauung der Unsterblichkeit. Wir wissen, indem wir uns diese Stufe erwerben, durch das Imaginative und Inspirierte hindurch, daß wir dem Weltenall als ewiges Geisteswesen angehören, daß wir schauen das Geistige des Weltenalls mit der ewig geistigen Seele in uns selber. Dazu steigt die Initiationswissenschaft auf, auch wenn sie sich ganz anpaßt dem modernen Bewußtsein, wie sie in alten Zeiten aufgestiegen ist tief atavistisch träumend, heute aber vollbewußt, vom Vergänglichen zum Ewigen. So kann sie auch herausgehoben werden und aus der modernen Seelenverfassung heute heraufsteigen. Aber das Gesagte wird dann nicht nur derjenige erkennen in dieser Anthroposophie, der alle Übungen durchmacht, um sich gewissermaßen durch eigene Anschauung von dieser Welt und ihrem Wesensleben im Ewigen zu überzeugen. Nein, um zu erforschen, dazu sind Imagination, Inspiration und Intuition notwendig. Der Geistesforscher hat dasjenige, was er erforschen kann, hervorgeholt. Er hat es eingekleidet in die gewöhnliche Logik und Sprache, und so hingestellt vor seine Mitmenschen, in eine neuere Zeit. So wird sein Ergebnis verständlich, wenn der Mensch nur gesunde Empfindung hat. Wie man kein Maler zu sein braucht, um ein Kunstwerk zu verstehen, wie man dafür nur gesunde Empfindung zu haben braucht, so kann man mit dem allgemeinen Menschensinn alle Ergebnisse verstehen, wenn sie nur in der richtigen Weise vor die Welt hingestellt und wenn sie unbefangen aufgenommen werden. Nur muß nicht von uns selbst Mißverständnis über Mißverständnis geschaffen werden, wie es überall so vielfach geschieht. Dann verwechselt man vielfach dasjenige, was als imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis heute geschildert worden ist, mit dem halluzinatorischen Leben, wie es heraufkommt aus pathologischen Zuständen. Und man kann sagen: Es könnte ja vielleicht auch dasjenige, was hier als Imaginationen angestrebt wird, nichts anderes sein, als Imaginiertes, Illusioniertes, als Vision, Halluzination und so weiter, oder auch als mediumistischer Zustand. Es ist aber gerade das Gegenteil dieser Zustände, was hier von Meditation, Konzentration und so weiter geschildert wird. Der halluzinierende Mensch lebt sich ganz in jene Zustände hinein. Wer aber durch geistige Übungen hinaufsteigt, durch Imagination, Inspiration und Intuition, er geht nicht halluziniert hinauf, sondern bleibt auf der einen Seite stehen, eben durch seinen gesunden Menschenverstand und entwickelt sich höher. Denn der, welcher mit gesundem Menschenverstand vorgeht, steht als derjenige da, der immer im Leben kontrolliert und kritisiert, so daß er sich nicht verlieren kann in wesenlose Phantastik, in wesenlosem Halluzinieren. Es ist das Entgegengesetzte der krankhaften Zustände, was eintritt bei der Imagination, Inspiration und Intuition, so daß dasjenige eintritt, durch das man hindurchgeht, wenn man aus dem modernen Bewußtsein heraus zu einer Überzeugung von dem übersinnlichen Leben kommt, auf die Art, wie sie sich zeigt als eine Fortsetzung des modernen Bewußtseins. So gewinnt man in anthroposophischer Initiationswissenschaft eine übersinnliche Erkenntnis, die dem modernen Leben angepaßt ist.
[ 20 ] I would like to add a few more points to make this clearer. When one engages in such intensive self-discipline of the will—when one is not merely able to surrender to external life, to what one’s upbringing and environment have made of one, but rather, when one, so to speak, cultivates this self-discipline through mature insight, if one takes complete control of oneself to the point of breaking a habit and replacing it with another through exercises that span years. When one says to oneself: “Purely through the power of your thinking, through the power of your will that is present in your life of imagination, you are trying to develop a certain quality—one you do not yet possess—into a lasting quality”—which may take as long as seven years. If we do this again and again, decade after decade, if we repeat it over and over, then we strengthen the will. And there are many other exercises of the will through which we enter the supersensible world to the same extent from another direction. But how do these impulses of the will relate to our consciousness? We can understand this in the following way. I have an impulse of the will when I raise my hand or my arm. Then this impulse of will penetrates into the depths of my being. This eludes ordinary waking consciousness, just as it usually eludes consciousness during sleep. Even when we dream in our feelings, we are still asleep with regard to our impulses of will. We can therefore say: In a certain sense, we are spiritually opaque. For just as we find this or that object opaque to physical light, so we find our body opaque when we look at the will. We cannot see into the will, whereas we see through the “eye”—the physical sense—because the eye is transparent. When we suffer from cataracts, we can no longer see. I certainly do not mean to claim that, in relation to our physical organism, we are sick in ordinary life; anthroposophy does not seek to practice false asceticism—but if we were to succeed—not physically, of course, but spiritually—in making the body transparent, we would truly be able to look from our thoughts into the physical organism and perceive the impulses of the will. We would come to see through the impulses of the will because our physical organism would be transparent. In this way, we see ourselves as beings of will and at the same time look into the spiritual world of the will to which we belong—into that external reality which we make transparent through exercises of the will. But then, for the one who has attained a level of insight in which the physical body is spiritually transparent—since the will is seen through and beheld—for that person, the physical body initially disappears from view, and thereby, if they wish to look farther and farther, empowered in the manner described, they come to have before them the image of the moment of death—that moment when we surrender the physical body to the earth and pass through the gate of death with the spiritual-soul aspect. We have this image of crossing the gate of death before us when we succeed in making our physical body transparent in order to look into the spiritual world. Then we understand what this physical body no longer possesses, and that we are not merely looking into the spiritual world, but are truly living within it by entering the spiritual world. This stage is intuitive knowledge—true intuitive knowledge. This stage gives us a vision of immortality. By attaining this stage through the imaginative and the inspired, we know that we belong to the universe as eternal spiritual beings, that we perceive the spiritual realm of the universe with the eternally spiritual soul within ourselves. This is the path of initiatory science, even as it fully adapts to modern consciousness—just as it arose in ancient times through deep, atavistic dreaming, but today with full consciousness, moving from the transitory to the eternal. Thus it can also be brought to the fore and rise from the modern state of the soul today. But what has been said will not be recognized in this Anthroposophy only by those who undergo all the exercises in order, so to speak, to convince themselves through their own observation of this world and its essential life within the Eternal. No; to explore this, imagination, inspiration, and intuition are necessary. The spiritual researcher has brought forth what he can explore. He has clothed it in ordinary logic and language, and thus presented it to his fellow human beings in a more recent age. Thus, his findings become understandable if a person possesses only a healthy sensibility. Just as one need not be a painter to understand a work of art—one need only have a healthy sensibility—so too can one understand all these findings with ordinary human understanding, provided they are presented to the world in the right way and received with an open mind. We must simply avoid creating misunderstanding upon misunderstanding ourselves, as so often happens everywhere. Then people frequently confuse what has been described here today as imaginative, inspired, and intuitive insight with the hallucinatory state that arises from pathological conditions. And one might say: Perhaps what is sought here as imagination is nothing other than the imagined, the illusory—such as a vision, a hallucination, and so on—or even a mediumistic state. But what is described here in terms of meditation, concentration, and so on is precisely the opposite of these states. The person who hallucinates immerses themselves completely in those states. But whoever ascends through spiritual exercises—through imagination, inspiration, and intuition—does not ascend in a hallucinatory state; rather, they remain grounded, precisely through their common sense, and develop to a higher level. For the one who proceeds with common sense stands as the one who always exercises control and judgment in life, so that he cannot lose himself in meaningless fantasy or in meaningless hallucinations. It is the opposite of the pathological states that arise in imagination, inspiration, and intuition, so that what occurs is the process one goes through when, moving from modern consciousness, one arrives at a conviction of the supersensible life—in the way it manifests as a continuation of modern consciousness. Thus, in anthroposophical initiation science, one gains a supersensible knowledge that is adapted to modern life.
[ 21 ] So müssen wir durchgehen durch das moderne Bewußtsein, denn wir müssen die vollen Triumphe der Erkenntnis der äußeren Welt durchgemacht haben. Wir brauchen eine Erkenntnis der übersinnlichen Welt, im Dienste der Zivilisation der Gegenwart und besonders der Zukunft. Laut kündigt es sich bereits an bei zahlreichen Menschen, daß sie die übersinnliche Erkenntnis auch erlangen möchten — und man könnte sie erlangen — in bezug auf das Religiöse, durch die Anthroposophie. Dienen möchte die Anthroposophie diesem neuen Rufe. Über ein solches Gebiet werde ich mir dann morgen erlauben zu sprechen, indem ich über die Wege der anthroposophischen Initiationswissenschaft zu dem Mysterium von Golgatha, zu einer richtigen Erfassung des Christentums spreche. Heute aber wollte ich nur hindeuten auf das, was im allgemeinen die Aufgabe der anthroposophischen Initiationswissenschaft ist. — Wenn wir einen Menschen vor uns haben und ihn anschauen mit den sinnlichen Augen, so bekommen wir einen Eindruck seiner äußeren Physiognomie. Es ist kein vollständiger Eindruck von dem Menschen. Erst wenn wir mit Herz und Seele hineinblicken können in das Geistig-Seelische, haben wir den totalen Menschen vor uns. So wie der Mensch mit dem sinnlichen Auge nicht vollständig vor uns steht, so stehen die Welt und die Menschheit im allgemeinen nicht vollständig vor uns, wenn wir sie nur mit der äußeren Erkenntnis anschauen. Denn wir brauchen ein Bewußtsein, das die äußere Erkenntnis nicht geben kann; wir brauchen eine Erkenntnis, eine Initiationserkenntnis, für das Seelisch-Geistige des Weltalls. Das muß uns zur Überzeugung werden. Und erst mit dieser Überzeugung können wir die tiefsten Bedürfnisse der Menschenseele wirklich befriedigen. Dann aber erst werden wir in solcher Weise hinstreben zu der Befriedigung der Menschenseele, wenn wir etwas hinzufügen zu der äußeren so großartig fortgeschrittenen Naturwissenschaft — die Anthroposophie erkennt diese Fortschritte voll an —, wenn wir hinzufügen das, was wir hinzufügen müssen: Eine Erkenntnis des inneren Seelenhaften und Geistigen des Kosmos und des Menschentums. Das aber möchte die hier gemeinte Anthroposophie erkenntnisvoll der äußeren Erkenntnis an die Seite stellen, sie möchte wahrhaft hinzufügen zu dieser äußeren Erkenntnis die innere geistige, zu dieser sinnlichen die übersinnliche. So wie die vollständige Anschauung des Menschen zum äußeren Leben auch die innerliche Seele hinzufügen muß, so möchte Anthroposophie die Seele, der Geist, das Innere moderner Erkenntnis überhaupt sein.
[ 21 ] Thus we must pass through modern consciousness, for we must have experienced the full triumphs of knowledge of the external world. We need an understanding of the supersensible world, in the service of present-day civilization and especially that of the future. It is already becoming evident among many people that they, too, wish to attain supersensible knowledge—and it is possible to attain it—in relation to religion, through anthroposophy. Anthroposophy wishes to serve this new call. Tomorrow I shall take the liberty of speaking about such a field by discussing the paths of anthroposophical initiatory science leading to the Mystery of Golgotha and to a true understanding of Christianity. Today, however, I simply wanted to point out what, in general, is the task of anthroposophical initiatory science. — When we have a person before us and look at them with our physical eyes, we gain an impression of their outward appearance. This is not a complete impression of the person. Only when we can look into the spiritual-soul aspect with our heart and soul do we have the whole person before us. Just as a person does not stand fully before us through the physical eye, so too do the world and humanity in general not stand fully before us when we view them solely through external knowledge. For we need a consciousness that external knowledge cannot provide; we need a form of knowledge—initiatory knowledge—concerning the spiritual and soul aspects of the universe. This must become our conviction. And only with this conviction can we truly satisfy the deepest needs of the human soul. But only then will we strive in this way toward the fulfillment of the human soul—when we add something to the external natural science, which has made such magnificent progress—anthroposophy fully acknowledges these advances—when we add what we must add: an understanding of the inner soul-life and spiritual aspects of the cosmos and of humanity. But the anthroposophy referred to here seeks to place this inner knowledge alongside external knowledge in a meaningful way; it seeks to truly add the inner spiritual to this external knowledge, and the supersensible to the sensible. Just as a complete view of the human being must add the inner soul to external life, so anthroposophy seeks to be the soul, the spirit, and the inner essence of modern knowledge in general.
