Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung
Exoterisches und esoterisches Christentum
GA 211
11 Juni 1922, Wien
12. Anthroposophie als ein Streben nach Durchchristung der Welt
[ 1 ] Einige einleitende Worte muß ich der heutigen Betrachtung zuerst vorausschicken. Es wird ja für viele unserer älteren Mitglieder zum Teil eine schmerzliche Empfindung sein, daß sich innerhalb der anthroposophischen Bewegung in den letzten Jahren manches verändert hat, gewandelt hat. Ich möchte nur kurz darauf hinweisen, worinnen sich diese Verwandlung vom Gesichtspunkt eben vieler unserer älteren Mitglieder darstellt.
[ 2 ] Vor Jahren war es so, daß wir ja in ähnlich gearteten Kreisen, die dazumal nur kleiner waren als heute, zusammengekommen sind, und daß dann gewissermaßen so gesprochen werden konnte, wie dies möglich ist, wenn vorausgesetzt werden darf, daß mit dem Grundelemente anthroposophischen Denkens und namentlich anthroposophischen Empfindens die Mitgliederzuhörerschaft vertraut ist. Ich meine damit nicht, daß dieses Vertrautsein gerade bestehen muß in bestimmten Vorstellungen oder dogmatischen Ideen, sondern dieses Vertrautsein bestand ja und besteht darinnen, daß Menschen sich hier innerhalb der anthroposophischen Bewegung zu engerem Kreise zusammenschließen, die aus ihrem Herzen heraus die Sehnsucht nach einem Hineinleben in die geistige Welt haben. Und das ist das Wesen des esoterischen Sprechens, daß man immer die Voraussetzung hat, Menschen mit solchen Sehnsuchten als Zuhörer vor sich zu haben. Auch wenn sogenannte öffentliche Vorträge in früheren Jahren gehalten worden sind, so waren sie so geordnet, daß dieser esoterische Charakter wenigstens in einem gewissen Sinne durchaus gewahrt wurde. Gewiß, öffentlich mußte man in den Denk- und Sprachformen sprechen, die nun einmal diejenigen des heutigen Zeitalters sind, so wie sich dieses Zeitalter von außen darstellt, aber unsere älteren Mitglieder werden doch empfunden haben, daß auch bei den größeren Veranstaltungen es sich immer handelte um eine Fortsetzung des in esoterischen Kreisen Gepflogenen. Heute werden aber diese älteren Mitglieder, wenn sie zu unseren größeren Veranstaltungen kommen, eben mit einem gewissen Schmerz erfahren, daß, scheinbar wenigstens, eine andere Sprache gesprochen wird, als dies früher der Fall war. Was früher unmittelbar aus dem, ich möchte sagen, Esoterisch-Elementarischen heraus gesprochen worden ist, das hört man gegossen in die Formen des heutigen wissenschaftlichen Lebens. Und ich weiß es ganz gut, daß es viele unter unseren älteren Mitgliedern gibt, die sagen: Ja, wir sind ja früher auf einem viel schnelleren Weg zu den Erkenntnissen und zu den Impulsen der geistigen Welt, viel schneller und auf eine innerlich wahrere Weise in das Erleben dieser geistigen Welt hineingekommen, und uns interessiert es im Grunde genommen gar nicht, ob das, was so Herzensgut werden kann, sich nach allen Seiten in strengen Gedankengängen rechtfertigen läßt. — Viele dieser älteren Mitglieder sagen: Das ist im Grunde genommen etwas, was uns weniger interessiert. Und sie empfinden es gewissermaßen als einen Verlust, daß die anthroposophische Bewegung nicht stehengeblieben ist bei der älteren Form.
[ 3 ] Aber das hing ja nicht von der anthroposophischen Bewegung ab. Man darf schon sagen: Diese anthroposophische Bewegung, die hat, wenigstens was mich anbetrifft, niemals darauf gesehen, dasjenige, was zu sagen ist, in einer solchen Weise zu sagen, daß gewissermaßen jeder das hört, was er ohnedies schon weiß, und darin eine gewisse Popularität zu suchen. Die anthroposophische Bewegung hat dieses Ziel nie verfolgt. Sie hat immer so gesprochen, wie sie sprechen mußte aus dem innersten Charakter ihres Wesens heraus. Und besonders befriedigt hat es mich immer, wenn die Leute sagten, man könne ganz gewiß der Anthroposophie nicht vorwerfen, daß sie versuche, auf die vorgefaßten Empfindungen der Menschen zu rechnen, irgendwie eine unlautere Begeisterung durch Vorurteile, auf die sie spekuliert, hervorzurufen. Denn es wird eigentlich in einer viel entlegeneren Weise gesprochen, als eben in denjenigen Bewegungen gesprochen wird, die danach streben, sich irgendwie bewußt populär zu machen.
[ 4 ] Dasjenige, was heute gekommen ist, ist eben wirklich nicht gesucht worden. Denn trotzdem ich oftmals antworten mußte, wenn Menschen gekommen sind und gesagt haben: Man könnte Ihre Theorie popularisieren, sie so umschreiben, daß sie jeder versteht und sich die Leute nicht erst große Mühe geben müßten —: Das ist etwas, was ich als verderblich betrachte, denn es gehört dazu, daß man Mühe haben muß, hinter das zu kommen, was hier vertreten wird-, und es ist eigentlich niemals mit meinem Willen eine solche Bewegung angestrebt worden, wie sie oftmals da angestrebt wird, wo gesucht wird, das zu sagen, was die Menschen schon wissen und wozu sie daher sehr leicht mit ihrem Herzen und ganzen Menschen hinneigen. Trotzdem aber ist die anthroposophische Bewegung in der letzten Zeit ihrer Entwickelung so gewesen, daß sie sich eigentlich rascher verbreitet hat als eine solche Bewegung sonst. Die Literatur wurde einfach aufgenommen, und man kann so schwer geschriebene Bücher, wie die anthroposophischen es sind, sonst durchaus nicht finden, die eine so rasche Verbreitung gefunden haben wie diese. Das aber bewirkte, daß, indem die Menschen unsere Literatur in die Hand bekamen, sie von ihrem Gesichtspunkte aus sie beurteilten. Wissenschafter verglichen das, was da in die Welt gekommen war, mit dem, was sie gewohnt sind, als ihre strenge Wissenschaft anzusehen. Kein Wunder also, daß auch die Notwendigkeit auftrat, sich mit der Wissenschaft auseinanderzusetzen. Und weiter kein Wunder, daß eine größere Anzahl von Freunden, die, wissenschaftlich geschult, sich es als eine besondere Aufgabe setzten, zu zeigen, daß wirklich mit jedem Grad von Wissenschaftlichkeit heute die Anthroposophie auf allen Gebieten vor die Welt hintreten kann und als gerechtfertigt erscheinen kann. Es ist also die Wirklichkeit, die das gefordert hat. Und wenn Sie heute in wissenschaftlichen Klängen dasjenige verkünden hören, was früher in anderer Form verkündet worden ist, so ist das nicht die Schuld der anthroposophischen Bewegung, sondern ihr Schicksal. Es wurde von der Welt dieses gefordert. Wir mußten gewissermaßen die Anthroposophie vor das größere Publikum hinstellen, und das konnte nur dadurch geschehen, daß wirklich mit den führenden Persönlichkeiten die Auseinandersetzung erfolgt. Es handelt sich nicht darum, die Anthroposophie der Wissenschaft anzunähern, sondern die Wissenschaft mit Anthroposophie zu durchdringen. Und so haben wir es auf der anderen Seite zu unserer tiefsten Befriedigung zu erleben, daß fachlich geschulte Freunde gekommen sind, die nach allen Seiten hin in der Lage sind, dasjenige, was durchaus dem Keime nach schon in der Anthroposophie liegt, wissenschaftlich zu vertreten. Aber gerade dadurch hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Kluft ergeben, die noch nicht überbrückt ist. Man kann aber nicht sagen, daß dann, wenn wir nun doch in solch engeren Kreisen zusammenkommen, das Esoterische nicht weiterlebte. Derjenige, der teilgenommen hat an unseren kleineren Versammlungen, der wird sich schon sagen: Das, was früher gelebt hat innerhalb unserer esoterischen Strömung, das lebt weiter. Namentlich derjenige, der nach Dornach kommt, wird sehen, wieviel von neuem Geistesgut zu dem alten auch in Esoterik durchaus hinzugetragen worden ist. Dennoch aber ist ein Abgrund zwischen demjenigen, was man heute draußen in der Öffentlichkeit hört, und demjenigen, was mehr im esoterischen engeren Kreis gepflegt wird. Und diese Kluft, die waren wir noch nicht imstande auszufüllen, weil uns dazu die Arbeitszeit und die Arbeitskräfte fehlen. Auf der einen Seite muß man sich widmen der Fortbildung des Esoterischen, auf der anderen Seite haben namentlich unsere jüngeren Mitarbeiter ungeheuer viel damit zu tun, auf allen Gebieten des sozialen Wissens und Lebens die anthroposophische Weltanschauung auszubauen. Doch kann dasjenige durchaus auch geleistet werden, was möglich macht, daß man die Kluft überbrückt, die da besteht zwischen dem, was innerhalb des Esoterischen gegeben werden muß, und dem, was dann ganz exoterisch einem entgegentritt in äußeren Veranstaltungen. Es ist aber notwendig, diese Kluft auszufüllen. Sie muß ausgefüllt werden, und es muß jeder empfinden können, daß zwischen dem, was rein aus der geistigen Welt heraus gesprochen ist, und dem, was im Einklang mit der äußeren Wissenschaft gelehrt wird, die Brücke gebaut werden kann, wenn nur dazu die nötige Arbeitszeit und die nötigen Arbeitskräfte innerhalb unserer Bewegung da sein werden.
[ 5 ] Nun, das wird Ihnen ein Bild davon geben, wie ich selber die Situation innerhalb des gegenwärtigen Wirkens in der anthroposophischen Bewegung ansehen muß. Ich möchte sagen: die anthroposophische Bewegung ist uns in einer gewissen Weise über den Kopf gewachsen; aber das ist doch wiederum äußerlich, scheinbar der Fall, und es steht zu hoffen, daß aus den Kreisen unserer Freunde heraus immer mehr und mehr auch diejenigen kommen, welche die angedeutete Brücke bauen können.
[ 6 ] Ich mußte das vorausschicken, weil Ton und Sprache innerhalb des Esoterischen doch ganz verschieden sein müssen, wenigstens in den Formen, von dem, was vor die große Öffentlichkeit so hintreten muß, daß eben in diesen Formen der Zeitkultur gesprochen wird. Denn das unmittelbar Esoterische würde durchaus nicht zu den Herzen der Zeitgenossen kommen können, die doch immer wieder und wiederum als vollständige Neulinge an die Bewegung herankommen. Uns aber muß es darum zu tun sein, allen, die seit Jahrzehnten teilnehmen an dieser Bewegung, und allen denjenigen, die etwas hören wollen über das Anthroposophische, dieses auch, so gut es eben möglich ist — ohne Popularität zu suchen — zugänglich zu machen. Das ist etwas, was wir uns alle mehr oder weniger in unsere Herzen schreiben sollen, denn ein jeder kann im allgemeinen auch ein solcher Mitarbeiter werden.
[ 7 ] Wenn wir jetzt, ich möchte sagen, aus dem Exoterischen in das Esoterische eintreten, so möchte ich gerade heute etwas besprechen, was unseren übrigen Veranstaltungen außerordentlich naheliegt. Wir sind ja genötigt, heute zu sprechen davon, was äußere Wissenschaft, äußere Physik, äußere Chemie, äußere Biologie, auch äußere Seelenkunde werden können, wenn sie anthroposophisch durchdrungen werden. Dadurch allein wird die Brücke geschlagen zwischen dem, was Erkenntnis ist und dem religiösen Leben der Menschheit. Aber indem wir in dieser Weise untertauchen in das gegenwärtige Wissenschaftsleben, verlieren wir auf der anderen Seite in einem gewissen Sinn den Zusammenhang mit demjenigen, was doch geistig die Welt durchflutet und durchwallt und durchwebt. Wir müssen auch hinschauen auf die materiellen Gestaltungen des Lebens; aber in allen materiellen Gestaltungen ist zu gleicher Zeit Geistiges. Und der Mensch kann nicht ohne die Teilnahme an diesem Geistigen in den verschiedensten Gestaltungen des Lebens bestehen. Heute müssen wir begreifen, daß dieses Geistige nicht bloß aus den menschlichen Sehnsuchten heraus zur Welt sprechen will, sondern daß es etwas ist, was aus einer anderen Welt in unsere irdische Welt hereinfluten will. Begreifen müssen wir, daß überall gewissermaßen nicht von uns Menschen allein, sondern von einer sie umgebenden geistigen Welt die Fenster aufgemacht worden sind, durch welche diese andere Welt zu uns hereinfluten will. Das war noch anders im neunzehnten Jahrhundert. Es hat eine Anzahl von geistigen Mächten, die im Außerirdischen sind, den übermenschlichen Entschluß gefaßt, eine Welle geistigen Lebens auf die Erde hereinfließen zu lassen. Wir müssen unsere Zeitgeschichte auch so betrachten können, daß die Menschen, wenn sie nur empfangen wollen die geistige Welt, sie heute empfangen können. So daß die Aufgabe, Geistiges zu pflegen, heute eine überirdische Aufgabe ist, eine Aufgabe, die durchaus dem geistigen Leben selber angehört. Gerade so, wie in den Menschen dunkel die Sehnsucht erwacht, hinzukommen irgendwie zum Geistigen, so kommt — was auch noch im letzten Drittel des verflossenen Jahrhunderts oft nicht der Fall war — dieser Sehnsucht der Menschheit, wenn sie ein wirkliches Wollen äußert, eine Offenbarung aus geistigen Welten entgegen. Wenn wir dieses Gefühl bekommen können, dann haben wir die richtige Grundstimmung gegenüber dem anthroposophischen Leben.
[ 8 ] Aber gerade dadurch ist die Menschheit heute vor eine bedeutungsvolle Entscheidung gestellt, vor die Entscheidung, die an das Herz jedes einzelnen Menschen herandringt. Die Menschheit hat durch Jahrhunderte hindurch ihr intellektuelles Leben entwickelt. Dieses intellektuelle Leben hat sie allmählich herausgeführt aus der Geistigkeit. Der Intellekt ist Geist, ist sogar der allerreinste Geist, hat aber nicht mehr einen geistigen Inhalt, sondern sucht zu seinem Inhalt die äußere Natur, das äußere Naturdasein. So ist der Intellekt Geist, füllt sich aber mit etwas aus, was ihm nicht als Geist erscheinen kann. Das ist die große Tragik, das heutige Welttrauerspiel, daß der Mensch in sich hineinblicken kann und sich sagen muß: Indem ich intellektuell tätig bin, bin ich geistig tätig, aber zugleich ohnmächtig, das Geistige unmittelbar in diesen Geist hereinzunehmen. Ich fülle diesen Geist mit dem Naturdasein aus. — Das zersplittert und verödet die menschliche Seele heute. Und wenn man diese Zersplitterung und Verödung auch nicht zugeben will, sie ist doch in den geistigen Regionen der menschlichen Seele vorhanden, und sie bildet das Grundübel und die Grundtragik unseres Zeitalters. Und wenn wir in einer uns gebräuchlichen Form zum Ausdruck bringen dasjenige, was ich eben jetzt gesagt habe, so muß das so getan werden, daß wir hinweisen auf alle diejenigen geistigen Mächte, die nun doch walten in allem Naturdasein, die in uns dadurch hereinkommen, daß wir unseren Geist erfüllen mit diesem Naturdasein. Diese Mächte können wir ahrimanische Mächte nennen. Und so ist der Intellekt der großen Gefahr ausgesetzt, den ahrimanischen Mächten zu verfallen. Diese ahrimanischen Mächte, sie haben, als der Intellekt sich entwickelt hat in den letzten Jahrhunderten, als er noch die Erbschaft des alten Geistigen hatte, noch nicht jene große Gewalt über den Menschen gehabt, wie sie sie heute haben. Scheinbar breitet sich das Naturdasein um uns herum aus. Aber dieses ist nur scheinbar: in dieser Natur lebt Ahriman. Und indem wir die Natur aufnehmen, glauben, sie sei bloß von neutralen Naturgesetzen beherrscht, nehmen wir in der Tat, ohne daß wir es wissen, geistige Mächte auf, ahrimanisch-geistige Mächte, jene ahrimanischen Mächte, welche sich eine bestimmte Aufgabe gesetzt haben innerhalb des Weltendaseins, der ganzen Weltenentwickelung.
[ 9 ] Nun aber, wenn man von einer solchen Aufgabe geistiger Mächte spricht, kommt der Mensch leicht dazu, zu sagen: Ja, warum läßt die göttliche Weltregierung solche Mächte zu? Und man muß erwidern: Dasjenige, was innerhalb des Irdischen ist, kann mit dem gewöhnlichen Verstand begriffen werden, wenn es sich aber geisteswissenschaftlich darum handelt, das, was über die Erde hinausgeht, zu erfassen, so muß das durch Anschauung geschehen. — Wir müssen also erwidern: Diese Mächte sind da, aber wie sie zusammenhängen mit dem, was wir die zu uns gehörigen göttlich-geistigen Mächte nennen, das ist etwas, was der Mensch erst im Laufe langer Zeiten begreifen wird, was vielleicht sich überhaupt dem Begreifen des Menschlichen entzieht, was begriffen werden muß eben von denjenigen Kräften, die dem Übermenschlichen angehören. — So daß wir nur sagen können: Diese Mächte sind eben da, zeigen sich der Geist-Erkenntnis.
[ 10 ] Diese ahrimanischen Mächte aber haben zu ihrer Aufgabe diese: die Erde sich nicht weiter so entwickeln zu lassen — wie ich das in meiner «Geheimwissenschaft» dargestellt habe — wie die Erde sich entwickeln muß im Sinne der göttlich-geistigen Mächte, mit denen wir von Anfang an als Menschenseelen verbunden sind. Ich habe die künftige Entwickelung unserer Erde als die Jupiter- und Venus-Entwickelung angedeutet in meiner «Geheimwissenschaft». Diese Entwickelung zu verhindern, das setzten sich die ahrimanischen Mächte zur Aufgabe. Sie wollen die Erde in sich verhärten, in sich verfrieren lassen, die Erde so gestalten, daß mit dieser Erde zugleich auch der Mensch ein bloßer Erdenmensch bleibe, daß er gewissermaßen in der irdischen Materialität verhärtet und weiterlebt in die Zukunft der Welt hinein wie eine Art Bildsäule seiner Vergangenheit. Gewisse Weltenziele haben diese Mächte, welche das durchaus als ein Glied ihrer eigenen Bestrebungen erscheinen lassen. So also würde die Erde nicht an ihr Ziel kommen, wenn den ahrimanischen Mächten der Sieg zufallen würde, und der Mensch würde entfremdet werden von seinen Anfängen, von denjenigen Mächten, die gerade seine Entwickelung im Anfang bedingt haben. Der Mensch würde gewissermaßen äußerlich eine Gestaltung erfahren, die dem Irdischen noch voll angemessen ist, die aber seine Keimanlage unterdrücken würde, welche über das Irdische hinausgehen muß. Solange unser Intellekt, wie in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, noch im Geistigen wurzelte durch eine alte Erbschaft, so lange konnten an den Menschen diese ahrimanischen Mächte nicht heran. Das ist aber gerade seit dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts anders geworden. Schon die altindische Weisheit hat das geahnt und hat den Ablauf des finsteren Zeitalters, des Kali Yuga, angesetzt mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts, hat also ein neues Zeitalter geahnt. Mit diesem neuen Zeitalter sollte aber nichts anderes angedeutet werden, als daß es vom Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts an in die Herzen der Menschen gelegt ist, nicht an der alten Erbschaft festzuhalten, sondern das neue Licht, das reine Licht in unser irdisches Leben wirklich aufzunehmen.
[ 11 ] Wodurch aber kann dem Menschen dieses geistige Licht verlorengehen? Dadurch, daß er seinen Willen nicht hinlenkt nach dem Empfangen dieses Lichtes, Solange im Intellekt noch das alte Erbgut herrschte, konnte ihm das nicht so schädlich werden wie heute. In diesem Zeitalter hat er ausgebildet seine Anschauung über das Feste, das Flüssige, Luftförmige, auch über das Ätherische. Er hat diese Ansicht ausgebildet so, daß er hinschaut auf das Irdische und seine Elemente, wie wenn diese gar nicht von Geist durchdrungen wären. Aber indem wir hinschauen auf Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff und so weiter, auf die uns überlieferten physikalischen Gesetze, bekommt gerade das Ahrimanische den richtigen Angriffspunkt innerhalb der Weltenentwickelung. Wir achten nicht darauf, daß in unserer ganzen Umgebung Geist ist; dadurch kann sich ohne unser Wissen das Ahrimanische in uns einschleichen und sich gerade desjenigen Geistigen bemächtigen, von dem wir nichts wissen wollen in unserer Umgebung. Daher müssen wir wissen lernen von dem Geistigen in unserer Umgebung. Wir dürfen nicht bloß reden von den festen Elementen, Natrium, Kalzium und so weiter, sondern von dem, was mit allem Festen, Irdischen als Geistiges verbunden ist. Da müssen wir sagen: Dasjenige, was uns in der Außenwelt als Festes, Irdisches entgegentritt, ist durchaus so geartet, daß Geist damit verbunden ist, und zwar ein Geist, welcher eine besondere Neigung zur Vielheit hat, so zur Vielheit sie hat, daß wir diese Vielheit gar nicht ermessen können. Überall, wo wir hinschauen auf das Feste, da finden wir auch, wenn wir es in der richtigen Weise anschauen, Geistiges, und zwar viele und mannigfaltige geistige Wesenheiten.
[ 12 ] Eine alte instinktive Weisheit hat hier von Gnomen und dergleichen gesprochen. Wir brauchen, um nicht gar zu sehr zu schockieren, gar nicht diese alten Ausdrücke beizubehalten, wir können durchaus in einer Sprache reden, die uns geläufig ist, müssen aber dennoch hinschauen auf das, was uns in gewissen Gegenden der Erde ganz besonders aus jedem Klumpen der Materialität als Geistiges entgegenleuchter. Und wenn wir also, wie heute, etwas mehr esoterisch beisammen sind, dann darf es in dieser schnelleren Form ausgesprochen werden: Derjenige, der heutigen Tages mit geistiger Anschauung ausgerüstet ist, der tritt dann diesem Klumpen Erde so entgegen, daß geistige Wesenheiten herausspringen, die nicht im Physischen verkörpert sind, so daß wir sie mit äußeren Augen nicht sehen, die aber geistig wahrgenommen werden können. Und man kann sagen, sie sind so sehr auf die Vielheit hin angelegt, daß aus dem kleinsten Klumpen unermeßlich viele solcher Wesenheiten herausspringen können. Sie sind so geartet, daß sie fast ganz bestehen aus dem, was im menschlichen Verstand wirkt, sind listige, kluge, überverständige Wesen. So daß um uns herum waltet, ich möchte sagen, geistig-lebendige Klugheit, Listigkeit, schnelleres geistiges Erfassen als in intellektueller, verständiger Form, denn dieses wie zur Substanz gewordene Intellektuelle lebt in allem festen irdischen Element. Und ehe man nicht wissen wird, wie zusammenarbeiten diese geistigen Wesenheiten, die in dem festen irdischen Element sind, wird es auch keine wahre Chemie geben. Was wir heute als Chemie haben, dem kann Anthroposophie begreifend gegenüberstehen, aber die Wahrheit wird erst erfaßt werden, wenn das, was für übersinnliches Schauen faßbar ist, wenn Geistiges in all dem Irdischen gefunden werden kann. Da müssen wir dann den Willen haben, selbst die festesten Grundsäulen der Intellektualität bei menschlicher Besonnenheit zu verlassen. Wenn wir dem Irdischen gegenüberstehen, sei es was auch immer zu zählen haben: 1, 2, 3, 4..., so sind wir gewohnt, wenn wir bis vier gezählt haben, zu sehen, daß eben die Summe von vier vor uns liegt. Dasjenige, was wir aus Festem an geistigen Wesenheiten herauslösen, was uns in seiner Erpichtheit auf die Mannigfaltigkeit entgegentritt, das können wir beginnen zu zählen, aber dann stellt sich heraus, daß das gar nicht mehr drei oder vier ist, sondern schon sieben geworden ist: All unser Zählen verläßt uns bei dieser Gelegenheit. Innerhalb dessen, was die Menschheit als atomistische Welt kennt, kann man abzählen; innerhalb der wirklichen Welt ist alles auf eine viel größere Mannigfaltigkeit gestellt, da ist alles lebendig, da müssen wir gewahr werden, daß selbst unserem Zählen von der höheren Intelligenz Hohn gesprochen wird. Da müssen wir mit unserem Intellekt, trotzdem er bei Besonnenheit bleibt, nicht in die Gedankenflüchtigkeit hineinkommen, da müssen wir mit dem Intellekt voll gegenüberstehen demjenigen, was uns die Wirklichkeit bietet. Viele werden sagen: Wenn einem so etwas in der Wirklichkeit entgegentritt, da kann man ja wahnsinnig werden! — Deshalb wird eben die große Bedeutung darauf zu legen sein, daß, bevor der Mensch eintritt in diese Welt, er zur vollen Besonnenheit gekommen ist und die irdischen Verhältnisse mit aller Trockenheit zu beurteilen in der Lage ist.
[ 13 ] Wenn Sie bedenken, daß unser waches Leben nicht in der Ordnung sein kann, wenn wir nicht in der richtigen Weise schlafen, wenn Sie sich überlegen, daß dasjenige, was wir hier auf der Erde erleben, wie ein Schlaf ist gegenüber dem, was das Reale ist beim Eintreten in die geistige Welt, so müssen Sie sagen: Derjenige, der hier auf der Erde nicht voll feststeht, der trägt, wenn er hier phantastisch, spiritistisch und so weiter ist, krankhafte Elemente in das Geistige hinein. Und es ist so, wenn er sich in der geistigen Welt bewegt, wie wenn sich ein Mensch im wachen Zustand mit der Nervosität bewegt, die er aus einem kranken Schlafe bekommt. Das ist jedoch, was durch einheitliches harmonisches Streben durch alle anthroposophische Bewegung geht: Die anthroposophische Bewegung kann zu größerer Gesundung des Menschen führen, nicht aber zu einem Nicht-darinnenstehen im vollen Menschenleben zwischen Geburt und Tod.
[ 14 ] Aber wenn wir heraufdringen zu dem Flüssigen, so finden wir wiederum eine andere Art von geistigen Wesenheiten. Während mit unserem Verstande ähnlich sind die Elementarwesen des Festen, sind mehr unserem Gefühl ähnlich die Elementarwesen, die im Flüssigen leben. Wir stehen ja mit unseren Empfindungen außerhalb der Dinge. Der schöne Baum ist draußen, ich stehe hier, ich bin von ihm getrennt; ich lasse das, was er ist, in mich einfließen. Das, was an Elementarwesen im Flüssigen ist, durchströmt den Baum in seinem Safte selber. Es strömt hinein mit seiner Empfindung in jedes Blatt. Es empfindet nicht nur von außen das Rot, das Blau, es erlebt innerlich diese Farbe, es trägt seine Empfindungen in alles Innerliche hinein. Dadurch ist wiederum das Empfindungsleben viel intensiver bei diesen geistigen Wesenheiten, als das sehr intensive Verstandesweben bei den Elementarwesen des Festen.
[ 15 ] Und ebenso ist im Luftförmigen eine Summe von Elementarwesen enthalten. Alle diese Wesenheiten verlieren, je mehr sie sich dem Luftförmigen nähern, immer mehr und mehr ihre Sehnsucht nach Mannigfaltigkeit. Wir haben das Gefühl, daß selbst die Zahl uns nichts mehr hilft, indem wir zu dem Luftförmigen heraufdringen. Einheit wird erstrebt immer mehr und mehr. Dennoch leben in einer großen Mannigfaltigkeit — und verwandt mit dem menschlichen Willen — die Elementarwesen der Luft. Mit dem menschlichen Verstand sind verwandt, innerlich verwandt, die Elementarwesen des Festen, mit dem menschlichen Gefühl die Elementarwesen des Flüssigen, mit dem menschlichen Willen die Elementarwesen des luftförmigen Elementes.
[ 16 ] Aber dieser ganze Chor von Wesenheiten, der ebenso um uns herum ist wie Steine, Pflanzen, Tiere und physische Menschen, dieser ganze Chor, der kann entweder offenbarend an uns herandringen, indem wir das Geistige heute willig aufnehmen, oder aber er kann sich unserem Bewußtsein verschließen. Wollen wir nichts wissen von der geistigen Welt, dann ist dieser ganze Chor verfallen den ahrimanischen Mächten, dann kommt das Bündnis zwischen Ahriman und den Naturgeistern zustande. Das ist heute das, was in der geistigen Welt schwebt als überragender Entschluß: das Bündnis zustande zu bringen zwischen den ahrimanischen Mächten und den Naturkräften. Es ist sozusagen der Kompromiß im Werke zwischen den ahrimanischen Mächten und den Naturgeistern, und es gibt keine andere Möglichkeit, dies zu verhindern, als dadurch, daß sich die Menschen in ihrer Erkenntnis an die geistige Welt wenden und dadurch bekannt werden mit den Naturgeistern, ebenso wie sie bekannt wurden mit Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Kalzium, Natrium und so weiter. Es muß also hingesetzt werden neben eine Wissenschaft des Sinnlichen, des Physischen, eine Wissenschaft des Geistes. Und zwar müssen wir mit dieser Wissenschaft des Geistigen absolut Ernst machen. Indem wir bloß in pantheistischer Weise herumreden vom Geist, kommen wir ihm nicht nahe. Wir dürfen nicht jene Mutlosigkeit haben, die sich davor zurückhält, von konkreten geistigen Wesenheiten zu reden. Wohin wäre die Menschenentwickelung gekommen, wenn zum Beispiel das Volk des Alten Testaments und andere Völker so mutlos gewesen wären, nicht zu sprechen von einzelnen geistigen Wesenheiten, sondern von einer verschwommenen allgemeinen geistigen Wesenheit in pantheistischer Weise? Für die Menschheit wurde der Übergang geschaffen in der Entwickelung, indem die katholische Kirche zu den Heiligen gegriffen hat, gewissermaßen dasjenige zum Ausgangspunkt ihrer Verehrung genommen hat, was als Geistig-Seelisches geblieben ist von den Menschen selber in der geistigen Welt. Sie legt das nach ihrer Art aus, ein tiefer Impuls liegt dem aber zugrunde. Wir müssen uns jedoch in die Lage versetzen, nicht nur im Menschen das zu finden, was wir so in die geistige Welt versetzen können, sondern den Mut haben, in der ganzen Umgebung den Geist zu suchen, wie wir das Natürliche durch die Sinne suchen. Wenn wir das tun, dann kommen wir zu dem hinauf, was uns als Licht entgegentritt, als das die Welt durchpulsende Leben, da kommen wir hinauf zu den Wesen, die nach der Einheit streben, die eben gerade den Menschen dazu verführen, ein bloß Einheitliches in der Welt zu empfinden. Der Monotheismus ist entsprungen der Offenbarung der ätherischen Welt an die Erdenmenschheit. Aber indem wir zu diesen Lichtwesen hinaufgehen, zu den elementarischen Wesen des Äthers, kommen wir zu einer anderen äußeren Welt. Diese Welt ist jedoch nicht nur im physischen Licht enthalten, sondern auch in demjenigen, was als Geistiges zu uns herniederströmt mit jedem Sonnenstrahl: Da finden wir solche Wesenheiten, wie wir sie in den irdischen Elementen finden. Aber in jenen ätherischen Elementen finden wir Wesenheiten, die nun wiederum die Menschheit nicht so mit der Erde verbinden wollen, wie es in der Absicht der ahrimanischen Mächte liegt, welche die Erde in ihrer Entwickelung aufhalten, sondern sie wollen den Menschen nicht zur vollen Erkenntnis des Irdischen kommen lassen, sie möchten dessen Entwickelung aufhalten, bevor die Erde an ihr Ziel gelangt. Die ahrimanischen Wesenheiten möchten die Erde so weit bringen als es ihren Zwecken dienlich ist; die anderen Wesenheiten sind darauf aus, das, was in der Menschheitsentwickelung vom Anbeginn veranlagt ist, nicht bis zur vollen Entfaltung kommen zu lassen, es in früheren Stadien festzuhalten. Da aber konnten sie den Entschluß fassen — und das ist der andere Entschluß, der uns entgegentritt, wenn wir hinaufschauen in die höheren Sphären — eines Bündnisses nun zwischen Luzifer und den Elementarmächten des Ätherischen. Während Ahriman mit seinen Mächten einziehen kann in die menschliche Wesenheit, wenn sich der Mensch der Erkenntnis des Geistigen verschließt, kann Luzifer mit den Mächten, die im Ätherischen sind, in den Menschen einziehen, wenn der Mensch die rechte Vertiefung in sein Inneres versäumt. Und so stehen heute die feindlichen Mächte von oben und unten da vor dem Menschen.
[ 17 ] Und die Mächte, die in der Wärme leben, die im Wechsel von Sommer und Winter fluten, diese in der flutenden Wärme lebenden Feuergeister, die aber auch in unserem Blute leben, das uns mit Wärme durchpulst, die bilden die Vermittler zwischen dem luziferischen und ahrimanischen Element. Aber gerade so kreist in der äußeren Welt nur nicht so unregelmäßig, wie es die Meteorologie darstellt, sondern so, wie unser Blutkreislauf ist —, so kreist in der Welt das Wärmeelement auf und ab, die Vermittlung bildend zwischen ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten. Und wir stehen darinnen in der Objektivität des Blutkreislaufes, in seinem Wärmewallen und Weben, wir stehen darinnen in dem Wogenden nicht nur dieser Elementargeister, sondern der ganzen elementarischen Welt. Wir kommen nur heraus, wenn wir uns in die geistige Welt mit voller Bewußtheit hineinleben. Wir können uns aber nur da hineinleben, wenn wir nicht davor zurückschrecken, dieser geistigen Welt wirklich unbefangen ins Auge zu schauen.
[ 18 ] Das aber tritt uns gerade als eine Schwierigkeit in dem gegenwärtigen Zeitpunkt unserer anthroposophischen Bewegung entgegen. Da tritt uns etwas entgegen in dieser anthroposophischen Bewegung, was, ich möchte sagen, das Fortleben dieser anthroposophischen Bewegung ganz besonders schwierig macht. Das möchte ich Ihnen an einem konkreten Beispiel andeuten, es könnte auch an jedem anderen Beispiel dasselbe angedeutet werden.
[ 19 ] Heute müssen wir durch das, was die Welt von uns fordert, sagen wir zum Beispiel auf dem Gebiet des Medizinischen, so sprechen, daß das, was wir aussprechen, anknüpft an die äußere Medizin. Da müssen wir davon reden, wie irgendwelche Krankheiten entstehen, mit welchen äußere materielle Naturmächte zusammenhängen; da müssen wir darstellen, wie zum Beispiel die Rachitis zusammenhängt mit dem, was an den Menschen herandringt als das Luftelement. Wir müssen das benützen, was heute aus der materialistischen Weltanschauung heraus die Statistik sagt: wir müssen abzählen, wieviel Menschen nach Norden und Süden leben. Wir werden uns dabei vielleicht gar nicht bewußt, in welches Element wir da untertauchen. Betrachten Sie dasselbe Element im Versicherungswesen. Wir können uns statistisch und müssen es statistisch ausrechnen, wie lang die wahrscheinliche Lebensdauer eines Menschen ist, damit er sich in eine Lebensversicherung einschreiben kann. Die Lebensversicherungen, in der äußeren physischen Wirklichkeit können sie ihre Tätigkeit nur entfalten dadurch, daß man ausrechnen kann die wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen. Nehmen wir nun an, sie sei ausgerechnet. Wird irgendein Mensch sagen: Bis zu diesem Zeitpunkt, der da ausgerechnet worden ist, kann ich nur leben? — Kein Mensch wird sich das sagen, weil er sich bewußt ist dessen, daß da etwas in der Wirklichkeit ist, was aller Statistik Hohn sprechen kann. Indem wir das einsehen, müssen wir dennoch die Statistik gebrauchen, um sozusagen äußerlich im Einklang mit der Wissenschaft dieses oder jenes zu charakterisieren. Es ist dies ganz richtig, denn wir müssen heute so sprechen, daß es mit Wissenschaft übereinstimmt. Ich habe aber nun festgestellt: Die Rachitis kommt an den Menschen heran, indem er entfalten muß die Kräfte des unteren Menschen wie in einem tiefen Kellerloch, weil ihm die Kräfte des Lichtes entzogen sind. Aber da steht auf der anderen Seite, daß wir als geistig-seelische Wesenheiten heruntersteigen aus einer geistigen Welt und uns umkleiden mit dem Physischen. Dieses Umkleiden bedeutet nicht bloß, daß wir uns in einer beliebigen Weise einen Körper nehmen, sondern daß wir heruntersteigen in die Erde, in ein bestimmtes Volk, in eine bestimmte Familie hinein, weil wir eine Sympathie haben gerade zu den einzelnen Kräften, die in dieser Familie herrschen, die an diesem Orte herrschen. Bis in diese Einzelheiten hinein ist in den Sympathien der Seele das enthalten, was sie hinzieht zum irdischen Leben, bis in die Einzelheiten hinein ist in den Seelen enthalten, was sie hinzieht zu einem Leben, das sie als Kinder verleben müssen, vielleicht in einem Zimmer, das nach Norden liegt, oder in einem Zimmer, das nach Süden liegt. Das wird erstrebt von der Seele, daß sie sich unter Umständen in der Dunkelheit entfalten kann. Wir dürfen nicht sagen, daß wir nur hinschauen dürfen auf das eine, ob da Licht und Luft fehlt, sondern müssen hinschauen auf das Geistig-Seelische, das sich in diese Umgebung hineingesehnt hat. Daher müssen wir uns fragen: Können wir nur nach den physischen Voraussetzungen, die uns die physische Erkenntnis gibt, das heilen wollen, was uns da als Rachitis entgegentritt? Wir können es nicht, sondern müssen uns sagen: Wenn es uns gelänge, das Heilmittel so zu nehmen, daß der Mensch einfach physisch gesund würde, so müßte er noch in die tiefsten Tiefen seines seelischen Lebens zurückschieben dasjenige, was in seinem Schicksal liegt und weswegen er sich in die nicht-lichterfüllte Welt hineingesehnt hat. Und nur wenn es uns gelingt, auch das zu treffen, was sich in das Unterbewußte hinunterstellte, wenn wir den Menschen in die Lage setzen, zum Bewußtsein zu bringen, was er zu tun hat, nur wenn wir auf den ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist sehen können, nur dann können wir eine volle Wissenschaft auch des Medizinischen begründen. Sie müssen bedenken, daß wir in dieser Tragik gerade im gegenwärtigen Moment der anthroposophischen Bewegung darinnen leben, daß daher Widerspruch über Widerspruch innerhalb dieser anthroposophischen Bewegung gefunden werden kann, daß es ein Leichtes ist, einem das eine oder das andere vorzuwerfen. Aber gerade dadurch, daß man es wirklich in seiner Wahrheit anschaut, findet das eine und andere seinen Ausgleich. Daher haben diejenigen, die innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung wirken, überall, wo sie anknüpfen an das Materielle, auch ihre geistigen Aufgaben. Daher müssen diejenigen, die Ärzte werden, eben andere Menschen werden, aus einem anderen Geist heraus die Welt ansehen, sich nun nicht angewöhnen, dadurch, daß sie in die äußere Wissenschaft untertauchen, dieser immer ähnlicher und ähnlicher zu werden, sondern sie müssen sich gerade, wenn sie die Kompromisse, die nötig sind, mit ihr schließen, aus ihr erheben.
[ 20 ] Das ist das, was wir uns sagen können und auch sagen müssen, wenn wir eine Zeitlang innerhalb der anthroposophischen Bewegung gelebt haben. Und solche Schwierigkeiten wie die, welche ich jetzt geschildert habe, gibt es viele. Die sind nicht dazu da, daß man sie kritisch beleuchtet, sondern daß man sich vollends in sie hineinlebt und sie so zu verstehen lernt, daß an ihrer Stelle die völlige Harmonie sich ergibt. Und so müssen wir in allen Zweigen des Lebens in Wirklichkeit heute zusammenwirken. Wenn ein Lehrer der Waldorfschule einem Arzt des Klinisch-Therapeutischen Instituts heute etwas sagt, so ist das etwas anderes, als wenn sich andere Menschen draußen etwas sagen. Wenn ein solcher Lehrer sich ausspricht, so spricht er gewissermaßen das Hygienische des Seelischen aus, so spricht er aus demjenigen heraus, was man an den Kindern tun muß, um Heiler der Kinder zu sein. Da tönt dann etwas herauf, was wiederum ungeheures Licht werfen kann in den Kopf und in die Seele dessen, der sich im KlinischTherapeutischen Institut beschäftigt. Und umgekehrt: was in diesem Klinisch-Therapeutischen Institut entwickelt wird, muß hineingreifen in das, was die Waldorflehrer wirken. So muß seelische Harmonie sich entwickeln, die durch die Sache selbst gefordert wird. Wenn jeder Mensch für sich handelt, so entstehen Disharmonien. Wenn auf unserem Gebiet die einzelnen Menschen, die aus diesem oder jenem heraus wirken, nicht zusammengehen, sich nicht zusammenfinden, so entsteht gar nicht Anthroposophie innerhalb der Menschheit. Anthroposophie erfordert als Sache wirklich menschliche Brüderlichkeit bis in die tiefsten Tiefen der Seele hinein. Sonst kann man sagen: Ein Gebot ist die Brüderlichkeit. Bei Anthroposophie muß man sagen: Sie wächst nur auf dem Boden der Brüderlichkeit, sie kann gar nicht anders erwachsen als in der Brüderlichkeit, die aus der Sache kommt, wo der einzelne dem anderen das gibt, was er hat und was er kann.
[ 21 ] Das ist es aber, was uns von Grund auf immer mehr und mehr dazu führt, auch anderes einzusehen. Es ist ja heute dahin gekommen, daß im Grunde doch ernst hingesehen werden muß auf das Wort eines Basler Theologie-Professors, der ein Freund Nietzsches war, und der das Buch geschrieben hat, das auch auf Nietzsche einen so großen Eindruck gemacht hat, das Buch über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. Hier spricht nicht ein Anthroposoph, auch nicht ein Atheist, hier spricht ein Mensch, der angestellt war an der Universität, um Theologie zu lehren. Und das Fazit dieses Buches ist ungefähr, daß Overbeck, der Verfasser, sagt: Es mag noch vieles Christliche geben unter den Menschen, die Menschen verhalten sich vielfach noch christlich, jedenfalls aber ist die Theologie nicht mehr christlich. — Das heißt, sie hat den wahren Christus-Begriff verloren, besonders da, wo sie aufgeklärte 'Theologie sein will. Das ist das Ergebnis, zu dem nicht ein ketzerischer Anthroposoph, sondern ein lehrender Theologe der christlichen Kirche gekommen ist.
[ 22 ] Das ist das eine. Das andere ist das, was Ihnen schon gut bekannt ist — und nun nicht aus Tradition heraus, sondern aus der wirklichen Erkenntnis heraus —: die Stellung des Anthroposophen zum Mysterium von Golgatha. Das, was darüber zu sagen ist, Sie können es an den verschiedensten Stellen der sogenannten Zyklen finden. Das aber, was ich heute noch besonders sagen will, ist das Folgende: Wie wenig schaut gerade heute der aufgeklärte Theologe hin auf denjenigen, der als ein außerirdisches Christus-Wesen durch das Mysterium von Golgatha durchgegangen ist und nachher mit den Eingeweihten und Schülern verkehrt hat. Wie wenig schaut die Theologie auf denjenigen hin, der nach der Auferstehung lebte, noch sichtbar seinen eingeweihten Schülern! Aber derjenige, der sich der Anthroposophie nähert, er kann gerade allmählich zu einem Anschauen, zu einem lebendigen Anschauen dieses Mysteriums von Golgatha kommen und darauf kommen, was der Christus nach seiner Auferstehung seinen eingeweihten Schülern noch beigebracht hat. Und findet man sich in das hinein, dann wird einem auch immer mehr und mehr die geistige Welt um einen herum faßbar. Denn um das Mysterium von Golgatha selbst zu verstehen, ist ein geistiges Verständnis notwendig. Deshalb wird es den Menschen so schwer, das Mysterium von Golgatha zu verstehen, weil sie es materialistisch auffassen möchten. Vieles ist aber, was sogar noch fortlebt bei den ersten Kirchenvätern von demjenigen, was der Christus selbst seinen eingeweihten Schülern nach seiner Auferstehung gewährt hat. Und aus dem Vielen möchte ich heute nur dieses herausheben.
[ 23 ] Sehen Sie, die Menschheit vor dem Mysterium von Golgatha lebte ja durchaus in einer Art von Urweisheit. Wenn wir in die Anfangszustände der Erde gehen, haben wir ja nicht jenen primitiven Menschen, welcher mehr oder weniger tierisch war — das war er nur seinem äußeren Aussehen nach —, wir haben jenen primitiven Menschen, der vom göttlich-geistigen, übermenschlichen Wesen eine Urweisheit empfangen hat. Die da und dort wieder besonders betonte Urweisheit der Erde, die ist durchaus nicht eine Chimäre, sondern etwas, was vorhanden war. Die Menschen gingen von Weisheit aus, nicht von Unweisheit. Diese Urweisheit, die wir heute ganz besonders bewundern, wenn wir sie bewußt wiederfinden auf dem Boden der Anthroposophie, war eine mehr traumhafte. Die Menschen erlebten sie in Bildern, die nicht verbunden waren mit einem starken Ich-Gefühl. Eine Art von ungeheuer tiefgehender, man darf sagen, von den göttlich-geistigen Wesenheiten empfangenen Urweisheit steht im Beginn der Erdenentwickelung da unter den Menschen, die nach außen ein mehr tierisches Aussehen hatten. Die Menschen wußten von dieser Urweisheit nur in Bildern. Allerdings, wenn die Menschen einmal hineinschauen werden in das volle Gefüge des Natürlichen, dann werden sie auch über das Tierische anders urteilen, als sie heute urteilen. Dann wird man hinschauen zum Beispiel auf die wie gelähmt daliegende verdauende Schlange und wird sehen, daß in dem, was da bloß der Länge nach geringelt liegt, ein inneres Leben ist, das in Bildern wie in einem Weltentraum ungeheuer viel erlebt, so daß selbst die Verdauung der Schlange aus der Bilderwelt, aus dem Kosmos besorgt wird. Auch innerhalb des Ahrimanischen wird man das Geistige schon noch entdecken.
[ 24 ] Aber diese Urweisheit war eben eine traumhafte. Das bedingte, daß die Menschen etwas nicht im vollen Umfange fühlten, was heute der Mensch, einfach indem er auf die äußere Wahrnehmung hin organisiert ist, in seiner vollen Stärke empfindet: das ist der Tod. Obzwar unsere Vorfahren vom Anfang der Erde nicht tierische Vorstellungen über ihre Mitmenschen und sich selbst hatten, so hatten sie doch noch ganz und gar nicht jene Anschauung des Todes bis ins Innere der Menschenseele, welche die spätere Menschheit hat. Die Menschen lebten dahin, sie hörten zu leben auf, ohne daß sie irgendwie berührt wurden von diesem Aufhören des Lebens, aus dem Grunde, weil sie während des Lebens durch die Urweisheit das Hereinleuchten des Geistigen empfingen. Sie fühlten sich nie ganz heraus aus dem Geistigen. Daher erlebten sie das nicht als ein besonderes Ereignis, was der Tod ist, sondern nur als ein Abstreifen, wie das Abstreifen einer Schlangenhaut. Sie erlebten nicht den Tod mit der Schärfe, mit der eben wir den Tod erleben müssen. Das heißt, es sind, um den Tod so anzuschauen, wie ihn die neuere Menschheit anschauen muß, auch andere geistige Kräfte notwendig, als die Urmenschheit sie hatte. Aber das Rätsel des Todes in der Weise, wie es heute vor der Menschheit steht, es trat immer mehr und mehr hervor, war aber doch noch nicht ganz da in den alten Zeiten vor dem Mysterium von Golgatha.
[ 25 ] Nun nahte es heran. Aber denken wir jetzt einen Augenblick, es wäre nicht gekommen, es wäre gar nicht das geschehen, was uns die Evangelien verkünden, nehmen wir diese Hypothese einmal an: dann wäre die Entwickelung der Menschheit so gekommen, daß der Mensch die Urweisheit immer mehr und mehr in das Unbewußte hinunter gedrängt hätte. Angeschaut würde er nur das Äußere haben. Der furchtbare Tod mit allem übrigen, was das Anschauen des Todes im Gefolge hat, wäre vor der Menschheit trostlos gestanden. Und als das Jahrtausend, das Jahrhundert an die Menschenentwickelung der Erde heranrückte, in das dann das Mysterium von Golgatha gefallen ist, da stand dann immer mehr und mehr alles das vor der Menschenseele, was mit der Anschauung des Todes zusammenhing. Und das war es, was der auferstandene Christus seinen eingeweihten Schülern mitteilte. Er sagte ihnen: Der Mensch hat eine Urweisheit von den göttlich-geistigen Wesenheiten erhalten zu einer Zeit, als die Götter noch selber den Tod nicht gekannt haben. In der Urweisheit ist keine Anschauung vom Tode und von der Überwindung des Todes enthalten, denn innerhalb der göttlichen Welten war nur Metamorphose, war nicht der Tod. Ich aber, so sagte der Christus nach der Auferstehung, bin abgesandt worden von denjenigen, die dem Vatergott ergeben sind, um das auf der Erde zu erleben, was in der Götterwelt nicht erlebt werden kann: ich umkleidete mich mit einem physischen Leibe. — Er sagte nach der Auferstehung zu seinen eingeweihten Schülern, was sich aber dann fortpflanzte — erst im vierten Jahrhundert ist ja das Christentum veräußerlicht worden —: Ich bin heruntergestiegen, um eine Göttererfahrung vom Tod zu haben, damit die Götter wissen vom Tod, damit derjenige, der das Christentum in der Wahrheit ergreift, auch den Sieg alles Geistigen über das Irdische im Tod begreifen lerne.
[ 26 ] Dazumal ging der große Ruf an die Menschheit, so zu begreifen den Tod, daß dadurch sich gerade die Geistigkeit freimacht vom Menschen, nachdem sie eine Weile in der irdischen Welt war. Das aber ist dasjenige, was die Götter durch das Mysterium von Golgatha sich selber als Erkenntnis angeeignet haben. Das erhöhte Kreuz ist deshalb auch ein Ereignis innerhalb des Kosmos. Der Kosmos hat seine Angelegenheiten hier so abgewickelt, daß ein Wichtigstes auf der Erde geschehen ist. Das Kreuz ist nicht nur von der Erde aufgerichtet, das Kreuz ist heruntergesenkt auf die Erde, damit die Götter etwas, was sie in der Götterwelt abzumachen hatten, auf die Erde stellten, auf daß es die Menschen anschauen können. So muß der Mensch auch den wahrhaften Christus erkennen, während heute, wenn Sie die Theologie anschauen, die Christus-Anschauung verschwimmt. Sie können zum Beispiel bei Harnack überall den Christus-Namen ausstreichen und überallhin den allgemeinen Gottesnamen setzen, denn es wird nicht von dem lebendigen auferstandenen Christus gesprochen und dadurch das Mysterium von Golgatha nicht in seiner überirdischen Bedeutung erkannt. Wenn sich der Mensch mit dieser Bedeutung verbindet, dann bekommt er mehr und mehr die Vorstellung, daß die Geistigkeit zwar den Tod braucht, daß der Mensch aber sonst, wenn er nicht durch die Pforte des Todes immer wieder und wiederum gehen würde, nicht zu seiner vollen Entwickelung kommen könne. Es muß aber auch, nachdem für alle künftige Erdenentwickelung der Anfang gemacht worden ist, den Menschentod durch das Mysterium von Golgatha zu begreifen, noch weitergegangen werden. Wir müssen noch anderes begreifen.
[ 27 ] Um uns liegt heute die ganze tote Natur. Wir gratulieren uns förmlich, wenn wir diese Natur begreifen können. Wir möchten nicht die Steine nur, sondern auch die Pflanzen durch ihren Chemismus begreifen, und auch die Tierheit. Wir möchten das Tote in alles hineintragen. Und wenn die Menschen in ihrer heutigen Erkenntnis ein Ideal aufstellen, so ist es, an die Stelle des Lebens einen toten Mechanismus und Chemismus zu stellen. Sie möchten sagen können: Da ist eine Pflanze, die ganz kleine, winzige Prozesse entfaltet, die sich so zusammensetzen, daß wenn man hinschaut auf die Pflanze, einem das, was an einzelnen chemischen Prozessen erlebt wird, verschwommen erscheint, und das nennen wir dann Leben! Doch so ist es nicht, da ist wirkliches Leben drinnen. Wir müssen uns klar sein, daß um uns herum der Tod ist, und daß sich unsere Erkenntnis auf den Tod orientieren will. Wie aber das Christentum uns herausgerissen hat aus dem Verbundensein mit dem Tod, wie es uns gelehrt hat: derjenige, der nicht die Auferstehung begreift, der nicht den Christus als den Lebendigen begreift, der ist in seiner Seele selber tot — so müssen wir auch begreifen: Wenn wir uns nur mit dem Toten verbinden, dann werden wir selber tot und ahrimanisch, wenn wir aber den Mut haben und die Liebe zu allen Wesen um uns, das zu verbinden, was die Wesen selber sind, nicht, was unsere tote Idee von ihnen ist, dann finden wir den Christus überall, dann finden wir den Sieg des Geistes überall. Dann werden wir vielleicht noch sprechen müssen in einer Weise, wie es unseren Zeitgenossen paradox vorkommt, von den einzelnen Wesen, die im Festen, Flüssigen und so weiter leben, aber solange wir nicht davon sprechen, reden wir von einer toten, undurchchristeten Wissenschaft. Erst dann tun wir es nicht mehr, wenn wir uns entschließen, so von diesen Dingen zu reden, wie wir im wahren Christentum reden. So müssen wir auch alles Wissenschaftliche durchchristen, müssen das, was wir uns heranbilden können durch unsere Gemeinschaft mit dem Christus, in alles Wissen, alle Erkenntnis, in all unser Leben hineintragen. Dadurch aber wird das Mysterium von Golgatha erst wirklich fruchtbar gemacht durch Menschenkraft und Menschenstreben und Menschenliebe unter den Menschen selber. Und in diesem Sinn können wir sagen: Anthroposophie ist in allen Einzelheiten ein Streben nach der Durchchristung der Welt.
[ 28 ] Wir richten über uns auf das Zeichen des Christus. Wir können, indem wir hinschauen auf die äußere Natur, nur durch innere Krankhaftigkeit sagen: Da ist kein Gott in der Natur. Wenn wir aber mit wirklich sinnender Seele auf die Natur schauen, dann finden wir in ihr überall Gott, und wir sagen dann einfach aus der Natur heraus: Ex deo nascimur.
[ 29 ] Es ist eine Krankheit, wenn wir das in unserem innersten Wesen nicht sagen. Aber im Verlauf unseres Erdenlebens müssen wir durch unsere eigenen Seelenkräfte den Christus finden, sonst können wir nicht richtig sterben, weil das Leben im Sterben der neueren Menschheit nur der Christus vermittelt. Und es ist einfach eine Schicksalsfrage des menschlichen Lebens, ob wir den Christus in uns aufnehmen können, ob wir den Christus finden, ob wir das Mysterium von Golgatha verstehen lernen, ob wir in unserem innersten Wesen sagen lernen: In Christo morimur.
[ 30 ] So wie es eine Art von Krankheit des Menschen ist, nicht zum Vatergott kommen zu können, so ist es ein elendes Schicksal, nicht zum Sohnesgott zu kommen. Aber es ist zugleich eine Schwäche des Geistes, die daraus hervorgeht: denn durchdringen wir uns mit der Erkenntnis und Liebe zum Vatergott und Christus, dann wird in uns etwas auferweckt, was uns trotz allen Todes, trotz aller toten Natur in die lebendige Geistigkeit hineinführt. Und dann sagen wir durch die Kraft des Vatergottes, durch die Kraft des Christus-Gottes: Per spiritum sanctum reviviscimus, in dem Heiligen Geiste werden wir wiedergeboren.
[ 31 ] Und so schließt sich in klarer Erkenntnis, nicht aus dumpfem nebulosem Streben, das, was man wissen kann, in das Wort zusammen:
Ex deo nascimur — aus Gott sind wir geboren.
In Christo morimur — in Christo sterben wir.
Per spiritum sanctum reviviscimus — durch den Heiligen Geist werden wir wiedererwachen im Geistselbst.
