General Human Studies
as the Basis of Education
GA 293
29 August 1919, Stuttgart
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The Study of Man, tr. Harwood, et. al.
Achter Vortrag
Lecture Eight
[ 1 ] Wir haben gestern gesehen, daß wir so etwas wie Gedächtnis, Erinnerungskraft, nur begreifen können, wenn wir es in ein Verhältnis bringen zu, ich möchte sagen für die äußere Beobachtung durchsichtigeren Vorgängen - zu Schlafen und Wachen. Sie werden daraus sehen, daß es das pädagogische Bestreben sein muß, immer mehr und mehr das Unbekanntere an das Bekanntere auch in bezug auf geistige Ideenbildung heranzubringen.
[ 1 ] We saw yesterday that we can only understand memory, the power of remembering, if we connect it with sleeping and waking, which are more open to outer observation. You will see from this that it must be our constant endeavour in our pedagogy to connect the unknown with the known, even in the formation of spiritual ideas.
[ 2 ] Sie können sagen: Ja, Schlafen und Wachen sind doch eigentlich noch dunkler als das Erinnern und Vergessen, und daher wird man für die Behandlung von Erinnern und Vergessen nicht viel gewinnen können durch Schlafen und Wachen. — Dennoch aber: Wer sorgfältig beobachtet, was dem Menschen verlorengeht durch einen gestörten Schlaf, der wird daraus eine Erkenntnis schöpfen können für das, was wie störend sich in das ganze menschliche Seelenleben hineinstellt, wenn Vergessen nicht in das richtige Verhältnis gebracht wird zum Erinnern. Wir wissen aus dem äußeren Leben, daß schon ein gehörig langer Schlaf notwendig ist, wenn nicht das Ich-Bewußtsein immer unkräftiger und unkräftiger gemacht werden soll, wenn es nicht den Charakter annehmen soll, den man so bezeichnen könnte, daß es durch einen gestörten Schlafzustand zu stark hingegeben wird an die Eindrücke der Außenwelt, an alles mögliche, was von der Außenwelt an das Ich herankommt. Selbst schon bei verhältnismäßig geringfügiger Störung durch den Schlaf oder, besser gesagt, durch die Schlaflosigkeit können Sie bemerken, wie das der Fall ist. Nehmen wir an, Sie haben einmal während einer Nacht nicht gut geschlafen. Ich setze voraus, daß Sie nicht dadurch nicht gut geschlafen haben, daß Sie einmal besonders fleißig waren und die Nacht zum Arbeiten verwendet haben; da verhält sich die Sache etwas anders. Aber nehmen wir an, Sie seien durch irgendeinen körperlichen Zustand oder durch die Moskitos, kurz, für das Seelische mehr von außen, in Ihrem Schlafe gestört worden. Da werden Sie sehen, daß Sie vielleicht schon am nächsten Tage in einer unangenehmeren Weise berührt werden von den Dingen, die auf Sie Eindruck machen, als Sie sonst berührt werden. Sie sind gewissermaßen in Ihrem Ich dadurch empfindlich geworden.
[ 2 ] You may say that sleeping and waking are actually even more obscure than remembering and forgetting, and therefore will not help much towards a comprehension of remembering and forgetting. Nevertheless, anyone who can observe carefully what man loses in disturbed sleep, can form some idea of the disturbance introduced into the soul when forgetting is not in a right relation to remembering. We know how in ordinary life if we do not sleep long enough the ego-consciousness becomes weaker and weaker, it becomes hypersensitive, too much given up to all the impressions of the outer world. Even when there is a relatively slight disturbance through sleep, or rather through lack of sleep, you can see that this is the case. Let us suppose that during one night you did not sleep well. I am supposing that your lack of sleep was not because you were particularly diligent and spent the night in working; then matters are different. But let us suppose that your sleep was disturbed by some bodily condition or by mosquitoes, in short by something more outside your soul. Then you would see that perhaps even on the next day things affect you more unpleasantly than usual. It has made you to some extent susceptible in your ego.
[ 3 ] So ist es auch, wenn wir in einer unrichtigen Weise in das menschliche Seelenleben hereinspielen haben Vergessen und Erinnerung. Wann aber haben wir dies? Dann, wenn wir nicht willkürlich unser Vergessen und Erinnern regeln können. Es gibt ja sehr viele Menschen und diese Anlage zeigt sich auch schon in früher Kindheit -, die duseln so durch das Leben dahin. Äußeres macht auf sie Eindruck, sie geben sich den Eindrücken hin, sie verfolgen aber die Eindrücke nicht ordentlich, sondern lassen sie so vorüberhuschen; sie verbinden sich gewissermaßen nicht ordentlich durch ihr Ich mit den Eindrücken. Dann aber duseln sie auch wieder in den frei aufsteigenden Vorstellungen, wenn sie nicht richtig dem äußeren Leben hingegeben sind. Sie suchen nicht durch Willkür den Schatz ihrer Vorstellungen bei irgendeiner Veranlassung zu heben, den sie nötig haben, um dies oder jenes gut zu verstehen, sondern sie lassen die Vorstellungen, die aus dem Inneren aufsteigen wollen, von selbst aufsteigen. Da kommt bald diese, bald jene Vorstellung; da hat die Willkür keinen besonderen Einfluß darauf. Man kann schon sagen, daß in vieler Beziehung dies der Seelenzustand für viele Menschen ist, der insbesondere beim kindlichen Alter in dieser Art hervorrtritt.
[ 3 ] It is the same if we allow forgetting and remembering to play into our soul life in the wrong way. But when do we do this? When we cannot regulate our remembering and forgetting with our own will. There are very many people—and the disposition is seen even in early childhood—who doze through life. The outer things make an impression on them, and they give themselves up to these impressions, but they do not attend to them rightly; they allow the impressions to dart past them, as it were. They do not connect themselves properly with these impressions through their ego. And if they are not rightly given up to the outer world, then they also doze half asleep with regard to the mental pictures which rise up freely in them. They do not try of their own free will to call up the treasure of their mental pictures, when they are in need of it, in order properly to understand this or that; but they allow the thoughts, the mental pictures, which rise up from within to rise up of themselves. Sometimes this mental picture comes, sometimes that; but their own will has no special say in the matter. This is indeed the soul condition of many men, a condition which appears especially in this way in childhood.
[ 4 ] Man wird Abhilfe schaffen und das Erinnern und Vergessen immer mehr und mehr in die Sphäre der Willkür stellen, wenn man weiß, daß Schlafen und Wachen auch ins Wachleben hereinspielen bei diesem Erinnern und Vergessen. Denn man wird sich dann sagen: Woher kommt das Erinnern? - Es kommt davon her, daß der Wille, in dem wir ja schlafen, eine Vorstellung unten im Unbewußten ergreift und sie heraufträgt ins Bewußtsein. Geradeso wie das menschliche Ich und der menschliche astralische Leib, wenn sie vom Einschlafen bis zum Aufwachen aus dem physischen Leib und Ätherleib heraus sind, Kraft sammeln in der geistigen Welt, um den physischen Leib und Ätherleib aufzufrischen, so kommt von der Kraft des schlafenden Willens das, was vom Erinnerungsvorgang bewirkt wird. Nun ist aber der Wille gerade schlafend, und Sie können daher nicht unmittelbar im Kinde bewirken, daß es lerne, seinen Willen zu gebrauchen. Denn wenn Sie im Kinde bewirken wollten, daß es seinen Willen gebrauche, so wäre das gerade so, als wenn Sie den Menschen ermahnen wollten, er solle im Schlafe nur recht brav sein, damit er sich diese Bravheit ins Leben mitbringe, wenn er morgens aufwacht. Man kann also auch diesem schlafenden Teil, der im Willen schläft, nicht zumuten, daß er sich unmittelbar im Einzelakt aufraffe, um die Erinnerung zu regeln. Was ist da zu tun? Nun, das kann man natürlich dem Menschen nicht zumuten, daß er sich im Einzelakt aufraffe, um die Erinnerung zu regeln, aber man kann den ganzen Menschen so erziehen, daß er seelische, leibliche und geistige Lebensgewohnheiten entwickelt, die zu einem solchen Aufraffen des Willens im Einzelfalle führen. Betrachten wir die Sache einmal mehr im einzelnen.
[ 4 ] It will help us to bring remembering and forgetting ever more under our control, if we know that in remembering and forgetting, conditions of sleeping and waking are playing into the waking life. How does remembering come about? It comes about in this way, that the will, in which we are asleep, takes hold of a mental picture down in the unconscious and raises it into consciousness. Just as the human ego and the astral body, when outside the physical and etheric bodies from the time of falling asleep until waking up, collect force in the spiritual world in order to refresh the physical and etheric bodies, so what is effected through the process of remembering comes from the force of the sleeping will. But the will is indeed “asleep.” and therefore you cannot give a child a direct training in the use of his will. For to try and make a child use his will, would be like admonishing him to be very good in his sleep, in order to bring this goodness into his life when he awakes again in the morning. Thus it is impossible to demand that this sleeping part, the sleeping will, should exert itself directly in single actions in order to regulate memory. What then can we do? Naturally we cannot demand that a person should by a single effort regulate his memory, but we can educate the whole man in such a way that he will develop habits in soul, body and spirit which conduce to such an exertion of the will on particular occasions. Let us look at this more in detail.
[ 5 ] Nehmen wir an, wir erwecken durch besondere Behandlungsarten in dem Kinde ein lebendiges Interesse zum Beispiel für die Tierwelt. Dieses Interesse für die Tierwelt werden wir natürlich nicht in einem Tage entwickeln können. Wir werden den ganzen Unterricht so zu veranlagen haben, daß allmählich das Interesse für die Tierwelt immer mehr und mehr sich einstellt und erwacht. Ist ein Kind durch einen solchen Unterricht durchgegangen, dann geht dieser Unterricht, je lebendigere Interessen er erweckt, um so mehr über auf den Willen, und dieser Wille bekommt dann im allgemeinen die Eigenschaft, wenn in einem geordneten Leben für die Erinnerung Tiervorstellungen gebraucht werden, diese aus dem Unterbewußtsein, aus der Vergessenheit heraufzuholen. Nur dadurch, daß Sie auf das Habituelle des Menschen, auf das Gewohnheitsmäßige wirken, bringen Sie seinen Willen und damit auch seine Erinnerungskraft in Ordnung. Das heißt mit anderen Worten: Sie müssen auf diese Art durchschauen, warum alles, was beim Kinde ein intensives Interesse erweckt, auch dazu beiträgt, sein Gedächtnis tatkräftig zu stärken. Denn die Gedächtniskraft muß man heben vom Gefühl und Willen aus, nicht etwa durch bloße intellektuelle Gedächtnisübungen.
[ 5 ] We will suppose that through our special treatment of the subject we awaken in the child a vivid interest in the animal kingdom. We shall naturally not be able to do this in a day. We must so plan our lessons that the interest we arouse for the animal world becomes greater and greater. The greater the interest such lessons arouse the more they affect the child's will; so that, when mental pictures of animals and ideas about them are required by the normally regulated memory, the will has the capacity to bring them forth from the subconscious, from the region of forgetting. Only by working through the force of habit and custom in man can you give order to his will and therewith also to his memory. In other words, you must understand how everything that awakens an intense interest in the child also contributes to a very great extent towards making his memory strong and efficient. For the power of the memory must be derived from the feeling and will and not from mere intellectual memory exercises.
[ 6 ] Sie sehen gerade aus dem, was ich auseinandergesetzt habe, wie in der Welt und insbesondere in der menschlichen Welt alles in einem gewissen Sinne getrennt ist, wie aber das Getrennte auch wieder zusammenwirkt. Wir können den Menschen in bezug auf sein Seelisches nicht begreifen, wenn wir nicht das Seelische trennen, gliedern nach Denken oder denkendem Erkennen, Fühlen und Wollen. Aber nirgends ist denkendes Erkennen, Fühlen und Wollen rein vorhanden, immer wirken die drei ineinander zu einer Einheit, verweben sich. Und so ist es in der ganzen menschlichen Wesenheit bis in das Leibliche hinein.
[ 6 ] But you will have seen from what I have explained that everything in the world, especially in the human world, is in a certain sense separated into different parts, and yet these parts work together. We cannot understand the human being with regard to his soul life if we do not divide the soul into thinking, or thinking-cognition, feeling and willing. But neither pure thinking-cognition, nor pure feeling, nor pure willing is ever present alone; the three always work together, weave together into a unity. And this is true of the whole human being even in the physical body.
[ 7 ] Ich habe Ihnen angedeutet, daß der Mensch hauptsächlich Kopf ist im Kopfteil, daß er aber eigentlich ganz Kopf ist. Er ist hauptsächlich Brust als Brustmensch, aber eigentlich ist er ganz Brustmensch, denn auch der Kopf hat Anteil an der Brustnatur und ebenso auch der Gliedmaßenmensch. Und auch der Gliedmaßenmensch ist hauptsächlich Gliedmaßenmensch, aber eigentlich ist der ganze Mensch Gliedmaßenmensch, aber auch die Gliedmaßen haben Anteil an der Kopfnatur und ebenso an der Brustnatur; sie nehmen zum Beispiel auch an der Hautatmung teil und so weiter.
[ 7 ] I have pointed out to you that the human being is principally head in the head region, but that he is really all head: he is principally chest as a chest being, but he is all chest or breast-man, for the head too partakes of the chest nature, and so does the limb-man. The limb-man is principally limb-man, but really the whole human being is limb-man: for the limbs partake of the head nature and also of the chest nature: they take part, for example, in the breathing through the skin and if we want to come near to reality, especially the reality of human nature, we must be clear that all separation proceeds from unity:
[ 8 ] Man kann sagen: Will man sich der Wirklichkeit nähern, insbesondere der Wirklichkeit der Menschennatur, dann muß man sich klar sein, daß alle Gliederung vorgenommen wird in einem Einheitlichen; würde man nur auf das abstrakt Einheitliche gehen, so würde man überhaupt nichts kennenlernen. Würde man niemals gliedern, so bliebe die Welt immer in einem Unbestimmten, wie in der Nacht alle Katzen grau sind. Menschen, die daher alles in abstrakten Einheiten erfassen wollen, sehen die Welt grau in grau. Und würde man nur gliedern, nur trennen, alles auseinanderhalten, so würde man niemals zu einer wirklichen Erkenntnis kommen, denn dann würde man nur Verschiedenes erfassen, und die Erkenntnis bliebe aus.
[ 8 ] If we were only to recognise an abstract unity then we should learn to know nothing whatever. If we never differentiated, the whole world would remain vague, just as all cats are grey at night. Hence people who want to grasp everything in terms of abstract unities see the world grey in grey. On the other hand if we only differentiated, if we only separated, keeping everything apart, we should never come to a real knowledge: for then we should only understand the different parts, and knowledge would elude us.
[ 9 ] So ist alles, was im Menschen ist, zum Teil erkennender, zum Teil fühlender, zum Teil wollender Natur. Und was erkennend ist, das ist hauptsächlich erkennend, aber auch gefühlsmäßig und willensmäßig; was fühlend ist, das ist hauptsächlich fühlend, aber auch erkennend und willensmäßig, und ebenso ist es mit dem Wollenden. Dies können wir nun schon auf das anwenden, was wir gestern als die Sinnessphäre charakterisiert haben. Sie müssen, indem Sie ein solches Kapitel wie das, was ich jetzt bringen werde, begreifen wollen, wirklich, ich möchte sagen, alles Pedantentum ablegen, sonst werden Sie den krassesten Widerspruch vielleicht gerade mit dem finden, was ich im gestrigen Vortrag gesagt habe. Aber aus Widersprüchen besteht die Wirklichkeit. Wir begreifen die Wirklichkeit nicht, wenn wir nicht die Widersprüche in der Welt schauen.
[ 9 ] Thus everything in man is partly of a knowing nature, partly of a feeling nature and partly of a willing nature. The knowing is principally knowing, but also of a feeling and willing nature; the feeling is principally feeling, but also of a knowing and willing nature: and the same is true of willing. We are now in a position to apply this to what we characterised yesterday as the sphere of the senses. In striving to understand what I am now going to bring before you, you must really lay aside all pedantry, otherwise you may perhaps find the most glaring contradiction to what I said before. But reality consists in contradictions. We do not understand reality unless we see the contradictions in the world.
[ 10 ] Der Mensch hat im ganzen zwölf Sinne. Daß man nur fünf, sechs oder sieben Sinne in der gewöhnlichen Wissenschaft unterscheidet, rührt allein davon her, daß diese fünf, sechs oder sieben Sinne besonders auffällig sind und die anderen, welche die Zwölfzahl dann vollenden, weniger auffällig sind. Ich habe diese zwölf Sinne des Menschen öfter erwähnt, wir wollen sie uns heute noch einmal vor die Seele führen. Gewöhnlich redet man ja vom Hörsinn, Wärmesinn, Sehsinn, Geschmackssinn, Geruchssinn, Tastsinn, wobei es sogar noch vorkommt, daß der Wärmesinn und der Tastsinn in eins zusammengeschoben werden, was ungefähr so wäre, wie wenn man bei der äußeren Beobachtung der Dinge «Rauch» und «Staub» in eins zusammenzählte, weil es äußerlich nämlich gleich ausschaut. Daß Wärmesinn und Tastsinn zwei durchaus verschiedene Arten des Menschen sind, sich mit der Welt in Beziehung zu setzen, sollte man nicht mehr zu erwähnen brauchen. Diese Sinne und höchstens vielleicht noch, wie manche angeben, den Gleichgewichtssinn, unterscheiden die heutigen Psychologen. Mancher fügt noch einen Sinn dazu, aber zur Vollständigkeit einer Sinnesphysiologie und Sinnespsychologie kommt man dabei nicht, weil man einfach nicht beachtet, daß der Mensch ein ähnliches Verhältnis zu seiner Umwelt hat, wenn er das Ich eines anderen Menschen wahrnimmt, wie er es hat, wenn er eine Farbe wahrnimmt durch den Sehsinn.
[ 10 ] The human being has altogether twelve senses. The reason that only five, six or seven senses are recognised in ordinary science, is that these five, six or seven senses are the most conspicuous, and the others which complete the twelve less conspicuous. I have often spoken of these twelve senses of the human being; we will call them to mind once more to-day. Usually people speak of the senses of hearing, warmth, sight, taste, smell, touch—and it even happens that the senses of warmth and touch are considered as one, which, in the realm of external objects would be something like regarding “smoke” and “dust” as one because they have the same-external appearance. It ought not to be necessary now to say that the senses of warmth and touch are two completely different ways in which a human being can relate himself to the world. But these are the senses differentiated by present-day psychologists with possibly the addition of the “sense of balance.” Some add yet another sense, but even so a complete physiology and psychology of the senses is not reached, because people do not observe that when a man perceives the ego of another human being he has a relationship to his environment similar to that which he has in the perception of a colour by the sense of sight.
[ 11 ] Die Menschen sind ja heute geneigt, alles durcheinanderzuwerfen. Wenn einer an die Ich-Vorstellung denkt, so denkt er zunächst an seine eigene Seelenwesenheit; dann ist er gewöhnlich zufrieden. Fast machen es die Psychologen auch so. Sie bedenken gar nicht, daß es etwas völlig Verschiedenes ist, ob ich durch das Zusammennehmen dessen, was ich an mir selbst erlebe, zuletzt die Summe dieses Erlebens als «Ich» bezeichne oder ob ich einem Menschen gegenübertrete und durch die Art, wie ich mich zu ihm in Beziehung setze, auch diesen Menschen als ein «Ich» bezeichne. Das sind zwei ganz verschiedene geistig-seelische Tätigkeiten. Das eine Mal, wenn ich meine Lebenstätigkeiten in der umfassenden Synthesis «Ich» zusammenfasse, habe ich etwas rein Innerliches; das andere Mal, wenn ich dem anderen Menschen gegenübertrete und durch meine Beziehung zu ihm zum Ausdruck bringe, daß er auch so etwas ist wie mein Ich, habe ich eine Tätigkeit vor mir, die im Wechselspiel zwischen mir und dem anderen Menschen verfließt. Daher muß ich sagen: Die Wahrnehmung meines eigenen Ich in meinem Inneren ist etwas anderes, als wenn ich den anderen Menschen als ein Ich erkenne. Die Wahrnehmung des anderen Ich beruht auf dem Ich-Sinn, so wie die Wahrnehmung der Farbe auf dem Sehsinn, die des Tones auf dem Hörsinn beruht. Die Natur macht es dem Menschen nicht so leicht, beim «Ichen» das Organ des Wahrnehmens so offen zu sehen wie beim Sehen. Aber man könnte gut das Wort «Ichen» gebrauchen für das Wahrnehmen anderer Iche, wie man das Wort Sehen gebraucht beim Wahrnehmen der Farbe. Das Organ der Farbenwahrnehmung ist außen am Menschen; das Organ der Wahrnehmung der Iche ist über den ganzen Menschen ausgebreitet und besteht in einer sehr feinen Substantialität, und daher reden die Menschen nicht vom IchWahrnehmungsorgan. Dieses Ich-Wahrnehmungsorgan ist etwas anderes als das, was bewirkt, daß ich mein eigenes Ich erlebe. Es ist sogar ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Erleben des eigenen Ich und dem Wahrnehmen des Ich bei einem anderen. Denn das Wahrnehmen des Ich bei einem anderen ist im wesentlichen ein Erkenntnisvorgang, wenigstens ein der Erkenntnis ähnlicher Vorgang; das Erleben des eigenen Ich dagegen ist ein Willensvorgang.
[ 11 ] In the present day people are inclined to mix everything up. When a man thinks of his conception of the ego, he thinks at once of his own soul-being and that usually satisfies him. Psychologists do almost the same thing. They do not consider in the least that it is one thing if I describe as “I” all that I experience as myself, the sum indeed of this experience, and that it is a completely different thing when I meet a man and through the kind of relationship I have with him describe him as an ego, an “I.” These are two quite different activities of the soul and spirit. In the first instance when I sum up the activities of my life in the comprehensive synthesis “I,” I have something purely inward; in the second instance when I meet another man and through my relationship to him discover that he too is something of the same kind as my ego, I have an activity before me which takes place in the interplay between me and the other man. Hence I must realise that the perception of my own ego within me is something different from the recognition of another man as an ego. The perception of the other ego depends upon the ego-sense just as the perception of colour depends upon the sense of sight, and the perception of sound upon the sense of hearing. The organ of seeing is open to our sight, but nature does not make it so easy for a man to see the organ which perceives the ego. But we might well use the word “to ego” (German: ichen) for the perception of other “I's” or egos as we use the word “to see” for the perception of colour. The organ for the perception of colour is external to man; the organ for the perception of egos is spread out over the whole human being and consists of a very fine substantiality, and on this account people do not talk about this “organ for perceiving the ego.” And this “organ for perceiving the ego” is a different thing from that whereby I experience my own ego. There is indeed a vast difference between the experience of my own ego and the perception of the ego in another. For the perception of the ego of another is essentially a process of knowledge, at least a process which is similar to knowledge, whereas the experience of a man's own ego is a process of will.
[ 12 ] Nun kommt das, wobei sich ein Pedant behaglich fühlen könnte. Er könnte sagen: Im letzten Vortrag hast du doch gesagt, daß alle Sinnesbetätigung vorzugsweise Willensbetätigung sei; jetzt konstruierst du den Ich-Sinn und sagst, er sei hauptsächlich ein Erkenntnissinn. — Aber wenn Sie den Ich-Sinn charakterisieren, so wie ich es in der Neuauflage meiner «Philosophie der Freiheit» versucht habe, so werden Sie darauf kommen, daß dieser Ich-Sinn in der Tat recht kompliziert arbeitet. Worauf beruht eigentlich das Wahrnehmen des Ich des anderen Menschen? Die heutigen Abstraktlinge sagen da ganz sonderbare Dinge. Sie sagen: Eigentlich sieht man vom äußeren Menschen seine Gestalt, man hört seine Töne, und dann weiß man, daß man selbst so menschlich ausschaut wie der andere Mensch, daß man drinnen in sich ein Wesen hat, das denkt und fühlt und will, das also auch seelisch-geistig ein Mensch ist. — Und so schließt man durch Analogie: Wie in mir selbst ein denkendes, fühlendes, wollendes Wesen ist, so ist es auch beim anderen. — Ein Analogieschluß von mir selbst auf den anderen wird vollzogen. Dieser Analogieschluß ist nichts weiter als eine Torheit. Das Wechselverhältnis zwischen dem einen Menschen und dem anderen schließt etwas ganz anderes in sich. Stehen Sie einem Menschen gegenüber, dann verläuft das folgendermaßen: Sie nehmen den Menschen wahr eine kurze Zeit; da macht er auf Sie einen Eindruck. Dieser Eindruck stört Sie im Inneren: Sie fühlen, daß der Mensch, der eigentlich ein gleiches Wesen ist wie Sie, auf Sie einen Eindruck macht wie eine Attacke. Die Folge davon ist, daß Sie sich innerlich wehren, daß Sie sich dieser Attacke widersetzen, daß Sie gegen ihn innerlich aggressiv werden. Sie erlahmen im Aggressiven, das Aggressive hört wieder auf; daher kann er nun auf Sie wieder einen Eindruck machen. Dadurch haben Sie Zeit, Ihre Aggressivkraft wieder zu erhöhen, und Sie führen nun wieder eine Aggression aus. Sie erlahmen darin wieder, der andere macht wiederum einen Eindruck auf Sie und so weiter. Das ist das Verhältnis, das besteht, wenn ein Mensch dem anderen, das Ich wahrnehmend, gegenübersteht: Hingabe an den Menschen - innerliches Wehren; Hingabe an den anderen - innerliches Wehren, Sympathie — Antipathie; Sympathie — Antipathie. Ich rede jetzt nicht von dem gefühlsmäßigen Leben, sondern nur von dem wahrnehmenden Gegenüberstehen. Da vibriert die Seele; es vibrieren: Sympathie - Antipathie, Sympathie — Antipathie, Sympathie -— Antipathie. Das können Sie in der neuen Auflage der «Philosophie der Freiheit» nachlesen.
[ 12 ] We have now come to the point where a pedant might feel very pleased. He might say: yesterday you said that the activities of all the senses were pre-eminently activities of the will: now you construe the ego sense and say that it is principally a sense of knowledge. But if you characterise the ego sense as I have tried to do in the new edition of my Philosophy of Freedom you will realise that this ego sense really works in a very complicated way. On what does the perception of the ego of the other man really depend? The theorists of the present day say things that are quite extraordinary. They say: you see the form of the outward man, you hear his voice, and moreover you know that you look human yourself like the other man, and that you have within you a being who thinks and feels and wills, who is thus also a man of soul and spirit. So you conclude by analogy: as there is in me a thinking, feeling and willing being, so is there also in the other man. A conclusion is drawn by analogy from myself to the other. This conclusion by analogy is simply foolishness. The inter-relationship between the one man and the other contains something quite different. When you confront another man something like the following happens. You perceive a man for a short time; he makes an impression on you. This impression disturbs you inwardly; you feel that the man, who is really a similar being to yourself, makes an impression on you like an attack. The result is that you “defend” yourself in your inner being, that you oppose yourself to this attack, that you become inwardly aggressive towards him. This feeling abates and your aggression ceases; hence he can now make another impression upon you. Then your aggressive force has time to rise again, and again you have an aggressive feeling. Once more it abates and the other makes a fresh impression upon you and so on. That is the relationship which exists when one man meets another and perceives his ego: giving yourself up to the other human being—inwardly warding him off; giving yourself up again—warding him off; sympathy—antipathy; sympathy—antipathy. I am not now speaking of the feeling life, but of what takes place in perception when you confront a man. The soul vibrates: sympathy—antipathy; sympathy—antipathy: they vibrate too. (You can read this in the new edition of Philosophy of Freedom.)
[ 13 ] Aber es ist noch etwas anderes der Fall. Indem die Sympathie sich entwickelt, schlafen Sie in den anderen Menschen hinein; indem die Antipathie sich entwickelt, wachen Sie auf und so weiter. Das ist ein sehr kurz dauerndes Abwechseln zwischen Wachen und Schlafen in Vibrationen, wenn wir dem anderen Menschen gegenüberstehen. Daß es ausgeführt werden kann, verdanken wir dem Organ des Ich-Sinnes. Dieses Organ des Ich-Sinnes ist also so organisiert, daß es nicht in seinem wachenden, sondern in einem schlafenden Willen das Ich des anderen erkundet - und dann rasch diese Erkundung, die schlafend vollzogen wird, in die Erkenntnis hinüberleitet, das heißt, in das Nervensystem hinüberleitet. So ist, wenn man die Sache richtig betrachtet, die Hauptsache beim Wahrnehmen des anderen doch der Wille, aber eben gerade der Wille, wie er sich nicht wachend, sondern schlafend entwickelt; denn wir spinnen fortwährend schlafende Augenblicke in den Wahrnehmungsakt des anderen Ich ein. Und was dazwischen liegt, ist schon Erkenntnis; das wird rasch abgeschoben in die Gegend, wo das Nervensystem haust, so daß ich nennen kann die Wahrnehmung des anderen wirklich einen Erkenntnisvorgang, aber wissen muß, daß dieser Erkenntnisvorgang nur eine Metamorphose eines schlafenden Willensvorganges ist. So ist also auch dieser Sinnesvorgang ein Willensvorgang, nur erkennen wir ihn nicht als solchen. Wir leben nicht bewußt alles Erkennen, das wir im Schlafe erleben.
[ 13 ] This however is not all. In that sympathy is active you sleep into the other human being; in that antipathy is active you wake up again, and so on. There is this quick alternation in vibrations between waking and sleeping when we meet another man. We owe this alternation to the organ of the ego sense. Thus this organ for the perception of the ego is organised in such a way that it apprehends the ego of another in a sleeping, not in a waking will and then quickly carries over this apprehension accomplished in sleep, to the region of knowledge, i.e., to the nervous system. Thus when we view the matter truly, the principal thing in the perception of another man is after all the will, but essentially a will which acts in a state of sleep, not waking. For we are constantly weaving moments of sleep into the act of perception of another ego. What lies between them is indeed knowledge that is immediately carried over into the domain of the nervous system. So that I can really call the perception of another a process of knowledge, but I must know that this process of knowledge is only a metamorphosis of a sleeping process of the will. Thus this sense process is really a process of the will, only we do not recognise it as such. We do not experience in conscious life all the knowledge which we experience in sleep.
[ 14 ] Dann haben wir als nächsten Sinn, aber getrennt von dem Ich-Sinn und von allen übrigen Sinnen, denjenigen zu beachten, den ich bezeichne als Gedankensinn. Gedankensinn ist nicht der Sinn für die Wahrnehmung eigener Gedanken, sondern für das Wahrnehmen der Gedanken der anderen Menschen. Darüber entwickeln auch wieder die Psychologen ganz groteske Vorstellungen. Vor allen Dingen sind die Leute so sehr von der Zusammengehörigkeit von Sprache und Denken beeinflußt, daß sie glauben, mit der Sprache wird immer auch das Denken aufgenommen. Das ist ein Unding. Denn Sie könnten die Gedanken durch Ihren Gedankensinn ebenso als liegend in äußeren Raumesgebärden wahrnehmen wie in der Lautsprache. Die Lautsprache vermittelt nur die Gedanken. Sie müssen die Gedanken für sich selbst durch einen eigenen Sinn wahrnehmen. Und wenn einmal für alle Laute die eurythmischen Zeichen ausgebildet sind, so braucht Ihnen der Mensch nur vorzueurythmisieren und Sie lesen aus seinen eurythmischen Bewegungen ebenso die Gedanken ab, wie Sie in der Lautsprache sie hörend aufnehmen. Kurz, der Gedankensinn ist etwas anderes, als was im Lautsinn, in der Lautsprache wirkt. - Dann haben wir den eigentlichen Sprachsinn.
[ 14 ] As the next sense, but separated from the ego sense and from all other senses, we have to consider what I call the thought sense. The thought sense is not the sense for the perception of one's own thoughts, but for the perception of the thoughts of other men. Here too psychologists evolve most grotesque ideas. Above all, people are so very much influenced by the ideas of the connection of thought and speech that they believe that thought is always conveyed by means of speech. This is an absurdity. For with your thought sense you could perceive thoughts in external spatial gestures, just as easily as in spoken speech. Speech only mediates for the thoughts. You must perceive the thoughts in themselves through a special sense. And when the Eurythmy signs for all sounds are fully developed you need only see them done in Eurythmy to read the thoughts from the eurythmic movements, just as you take them in through hearing when they are spoken. In short, the thought sense is different from what is at work in the sense of sound for speech-sound. For next we have the sense of speech proper.
[ 15 ] Dann haben wir weiter den Hörsinn, den Wärmesinn, den Sehsinn, den Geschmackssinn, den Geruchssinn. Dann den Gleichgewichtssinn. Wir haben ein sinnlich geartetes Bewußtsein davon, daß wir im Gleichgewicht sind. Ein solches Bewußtsein haben wir. Wir wissen durch ein gewisses innerliches sinnliches Wahrnehmen, wie wir uns zu rechts und links, zu vorn und rückwärts verhalten, wie wir uns im Gleichgewicht verhalten, damit wir nicht umfallen. Und wenn das Organ unseres Gleichgewichtssinnes zerstört wird, fallen wir um; dann können wir uns nicht ins Gleichgewicht setzen, wie wir uns zu den Farben nicht in Beziehung bringen können, wenn das Auge zerstört ist. Und so wie wir für die Wahrnehmung des Gleichgewichtes einen Sinn haben, so haben wir auch einen Sinn für die eigene Bewegung, durch den wir unterscheiden, ob wir in Ruhe oder in Bewegung sind, ob unsere Muskeln gebeugt sind oder nicht. Wir haben also neben dem Gleichgewichtssinn einen Bewegungssinn, und wir haben außerdem noch für die Wahrnehmung des Gestimmtseins unseres Leibes im weitesten Sinne den Lebenssinn. Von diesem Lebenssinn sind sogar sehr viele Menschen sehr abhängig. Sie nehmen wahr, ob sie zuviel oder zuwenig gegessen haben, und dadurch fühlen sie sich behaglich oder unbehaglich, oder sie nehmen wahr, ob sie ermüdet sind oder nicht, und dadurch fühlen sie sich behaglich oder unbehaglich. Kurz, die Wahrnehmung der Zustände des eigenen Leibes spiegelt sich im Lebenssinn. So bekommen Sie die Tafel der Sinne als zwölf Sinne. Tatsächlich hat der Mensch zwölf solcher Sinne.
[ 15 ] Then come the sense of hearing, the sense of warmth, the sense of sight, the sense of taste, the sense of smell and the sense of balance. We have, indeed, a sense-like consciousness that we live in balance. Through a certain inward sense like perception we relate ourselves to right and left, to forward and backward, we hold ourselves in balance so that we do not fall over. If the organ of our sense of balance is destroyed, we do fall over; we cannot then balance ourselves, any more than we can gain a contact with colour if the eye is destroyed. But not only have we a sense for the perception of balance, we have further a sense for our own movement, whereby we can tell whether we are at rest or in movement, whether our muscles are flexed or not. Thus besides the sense of balance we have the sense of movement and further still we have the sense of life, for the perception of the well-being of the body in the widest sense. Many people are indeed very dependent on this sense of life. They perceive if they have eaten too much or too little, and feel comfortable or uncomfortable accordingly, or they perceive whether they are tired or not, and again feel comfortable or uncomfortable as the case may be. In short the perception of the conditions of one's body is reflected in the sense of life. Thus we get the table of the senses as twelve senses. The human being actually has twelve senses.
[ 16 ] Nachdem wir nun die Möglichkeit hinweggeräumt haben, pedantisch Einwendungen zu machen gegen das Erkenntnisgemäße mancher Sinne, weil wir ja erkannt haben, daß dieses Erkenntnisgemäße doch in geheimer Weise auf dem Willen beruht, können wir jetzt die Sinne weiter gliedern. Da haben wir zunächst vier Sinne: Tastsinn, Lebenssinn, Bewegungssinn, Gleichgewichtssinn. Diese Sinne sind hauptsächlich durchdrungen von Willenstätigkeit. Der Wille wirkt hinein in das Wahrnehmen durch diese Sinne. Fühlen Sie doch, wie in das Wahrnehmen von Bewegungen, selbst wenn Sie diese Bewegungen im Stehen ausführen, der Wille hineinwirkt! Der ruhende Wille wirkt auch in die Wahrnehmung Ihres Gleichgewichtes hinein. In den Lebenssinn wirkt er ja sehr stark hinein, und in das Tasten wirkt er auch hinein: denn wenn Sie irgend etwas betasten, so ist das im Grunde genommen eine Auseinandersetzung zwischen Ihrem Willen und der Umgebung. Kurz, Sie können sagen: Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn und Tastsinn sind Willenssinne im engeren Sinne. Beim Tastsinn sieht der Mensch äußerlich, daß er zum Beispiel seine Hand bewegt, wenn er etwas betastet: daher ist es für ihn offenbar, daß dieser Sinn für ihn vorhanden ist. Beim Lebenssinn, Bewegungssinn und Gleichgewichtssinn ist es nicht so offenbar, daß diese Sinne vorhanden sind. Da sie aber im besonderen Sinne Willenssinne sind, so verschläft der Mensch diese Sinne, weil er ja im Willen schläft. Und in den meisten Psychologien finden Sie diese Sinne gar nicht angeführt, weil die Wissenschaft in bezug auf viele Dinge den Schlaf des äußeren Menschen behaglich mitschläft.
[ 16 ] Now that we have disposed of the possibility of making pedantic objections to the knowledge character of some of the senses by recognising that this knowledge character rests in a subtle way upon the will, we can differentiate the senses yet further. First we have four senses; the sense of touch, sense of life, of movement and of balance. These senses are mainly penetrated by will activity. In the perception of movements by means of these senses the will works in. Feel how the will works into the perception of your movements, even when you carry out these movements while you are standing. The will at rest also works into the perception of your balance. It works very strongly into the sense of life and it also works into the sense of touch, for when you touch anything it is really something taking place between your will and the environment. In short, you can say that the sense of balance, the sense of movement, the sense of life and the sense of touch are, in a limited aspect, senses of will. In the sense of touch a man sees externally that, for instance, he moves his hand when he touches anything, hence it is apparent to him that he has this sense. But it is not so apparent that he possesses the senses of life, of movement, and of balance. For since they are in special sense “will senses,” man is asleep with regard to these senses because he is asleep in his will. Indeed in most books on psychology you do not find these senses cited at all, because science itself is contentedly asleep to many things.
[ 17 ] Die nächsten Sinne: Geruchssinn, Geschmackssinn, Sehsinn, Wärmesinn, sind hauptsächlich Gefühlssinne. Das naive Bewußtsein empfindet ja ganz besonders beim Riechen und Schmecken die Verwandtschaft mit dem Fühlen. Daß man es beim Sehen und der Wärme nicht so empfindet, hat eben seine besonderen Gründe. Beim Wärmesinn beachtet man nicht, daß er mit dem Gefühl sehr nahe verwandt ist, sondern wirft ihn mit dem Tastsinn zusammen. Man konfundiert zugleich unrichtig und unterscheidet zugleich unrichtig. Der Tastsinn ist in Wahrheit viel mehr willensmäßig, während der Wärmesinn nur gefühlsmäßig ist. Daß der Sehsinn auch Gefühlssinn ist, dahinter kommen die Menschen deshalb nicht, weil sie nicht solche Betrachtungen anstellen, wie sie in Goethes Farbenlehre zu finden sind. Dort haben Sie alles Verwandte der Farben mit dem Gefühl, was zuletzt dann sogar zu Willensimpulsen führt, deutlich ausgesprochen. Aber warum merkt dann der Mensch so wenig, daß beim Sehsinn hauptsächlich eigentlich ein Fühlen vorhanden ist?
[ 17 ] The next senses—sense of smell, sense of taste, sense of sight, sense of warmth—are chiefly feeling senses. It seems quite evident to ordinary consciousness that smelling and tasting are connected with feeling. This is not felt in the case of sight and warmth, and for a special reason. People do not perceive that the sense of warmth is very closely related to feeling rather they confuse it with the sense of touch. Things are wrongly confounded and wrongly differentiated. In reality the sense of touch belongs much more to the realm of will, whereas the sense of warmth is in the realm of feeling only. If people do not recognise the sense of sight as a feeling sense, it is because they have not carried out observations such as those for example, described in Goethe's Theory of Colour. There you have clearly set forth all that relates colour to feeling, and leads finally even to impulses of will. But how is it that people overlook the fact that in the sense of sight we have chiefly to do with feeling?
[ 18 ] Wir sehen ja im Grunde genommen die Dinge fast immer so, daß sie uns, indem sie uns die Farben zuordnen, auch die Grenzen der Farben zeigen: Linien, Formen. Wir werden aber gewöhnlich nicht darauf aufmerksam, wie wir da eigentlich wahrnehmen, wenn wir zugleich Farbiges und Formen wahrnehmen. Wenn der Mensch einen farbigen Kreis wahrnimmt, sagt er grob: Ich sehe die Farbe, ich sehe auch die Rundung des Kreises, die Kreisform. Da werden aber doch zwei ganz verschiedene Dinge durcheinandergeworfen. Durch die eigentliche Tätigkeit des Auges, durch die abgesonderte Tätigkeit des Auges sehen Sie zunächst überhaupt nur die Farbe. Die Kreisform sehen Sie, indem Sie sich in Ihrem Unterbewußtsein des Bewegungssinnes bedienen und unbewußt im Ätherleib, im astralischen Leibe eine Kreiswindung ausführen und dies dann in die Erkenntnis hinaufheben. Und indem der Kreis, den Sie durch Ihren Bewegungssinn aufgenommen haben, in die Erkenntnis heraufkommt, verbindet sich der erkannte Kreis erst mit der wahrgenommenen Farbe. Sie holen also die Form aus Ihrem ganzen Leibe heraus, indem Sie appellieren an den über den ganzen Leib ausgebreiteten Bewegungssinn. Das kleiden Sie in etwas, was ich schon auseinandergesetzt habe, wo ich sagte: Der Mensch vollzieht eigentlich die Formen der Geometrie im Kosmos und hebt sie dann in die Erkenntnis hinauf.
[ 18 ] Actually we see things in the following way: in presenting an arrangement of colours to us, they show also the boundaries of these colours—lines and forms. But we do not usually attend to the way we actually perceive. If a man perceives a coloured circle he simply says: I see the colour, I see also the curve of the circle, the form of the circle. But there we have two completely different things looked upon as one. What you immediately perceive through the real activity of the eye apart from the other senses, is only the colour. You see the form of the circle by making use of the sense of movement in your sub-consciousness, and you make the form of the circle unconsciously in your etheric body, in your astral body, and then you raise it into knowledge. It is because the circle which you have taken in by means of your sense of movement comes up into knowledge, that what you have recognised as a circle connects itself with the colour which you perceive. Thus you call forth the form from your whole body by appealing to the sense of movement, which extends throughout your body. This matches what I have already explained to you: the human being actually executes geometrical forms in the cosmos and then raises them into knowledge.
[ 19 ] Zu so feiner Art des Beobachtens, daß der Unterschied herauskommt zwischen dem Farbensehen und dem Formenwahrnehmen mit Hilfe des Bewegungssinnes, schwingt sich heute die offizielle Wissenschaft überhaupt nicht auf, sondern sie wirft alles durcheinander. Erziehen wird man aber in der Zukunft nicht können durch solches Durcheinanderwerfen. Denn wie soll man erziehen zum Sehen, wenn man nicht weiß, daß in den Sehakt hinein der ganze Mensch mit seinem Wesen auf dem Umwege durch den Bewegungssinn sich ergießt? Aber jetzt kommt etwas anderes zum Vorschein. Sie betrachten den Sehakt, indem Sie farbige Formen wahrnehmen. Es ist ein komplizierter Akt, dieser Sehakt, das Wahrnehmen farbiger Formen. Aber indem Sie ein einheitlicher Mensch sind, können Sie das, was Sie auf den zwei Umwegen wahrnehmen, auf dem Wege durch das Auge und auf dem Wege durch den Bewegungssinn, wieder in sich vereinigen. Sie würden stumpf hinschauen auf einen roten Kreis, wenn Sie nicht auf einem ganz anderen Wege das Rote und auf einem ganz anderen Wege das Kreisförmige wahrnehmen würden. Aber Sie schauen nicht stumpf hin, weil Sie von zwei Seiten her — die Farbe durch das Auge, die Form mit Hilfe des Bewegungssinnes — wahrnehmen und im Leben innerlich genötigt sind, diese beiden Dinge zusammenzufügen. Da urteilen Sie. Und jetzt begreifen Sie das Urteilen als einen lebendigen Vorgang in Ihrem eigenen Leibe, der dadurch zustande kommt, daß die Sinne Ihnen die Welt analysiert in Gliedern entgegenbringen. In zwölf verschiedenen Gliedern bringt Ihnen die Welt das entgegen, was Sie erleben, und in Ihrem Urteilen fügen Sie die Dinge zusammen, weil das einzelne nicht bestehen will als einzelnes. Die Kreisform läßt es sich zunächst nicht gefallen, bloß Kreisform zu sein nach der Art, wie sie in den Bewegungssinn gekommen ist; die Farbe läßt es sich nicht gefallen, bloß Farbe zu sein, wie sie im Auge wahrgenommen wird. Die Dinge zwingen Sie innerlich, sie zu verbinden, und Sie erklären sich innerlich bereit, sie zu verbinden. Da wird die Urteilsfunktion zu einer Äußerung Ihres ganzen Menschen.
[ 19 ] Official science of the present day does not rise to an observation so fine as to distinguish between the seeing of colour and the perception of form with the help of the sense of movement, rather it mixes everything up. But in the future it will be impossible to educate through such confusion. For how is it possible to educate a child to use his sense of sight without knowing that the whole human being pours himself into the act of seeing by way of the sense of movement? This leads us on to another point: You are dealing with the act of seeing when you perceive coloured forms. This act of seeing, this perception of coloured forms is a complicated act. But since you are a unity you can re-unite in yourself what you have perceived in the two ways, through the eye and through the sense of movement. You would look at a red circle in a dull and blank way if you could not perceive the red in one way and the form of the circle in quite a different way. But you do not look upon it in a blank way because you look at it from two sides, the colour through the eye and the form with the help of the sense of movement, and life compels you to join the two together inwardly. There you form a judgment. And now you understand judgment as a living process in your own body, which comes about through the fact that the senses bring the world to you analysed into members. The world brings you what you experience divided into twelve separate members, and in your judgment you join the things together again because the separate parts do not want to continue as separate parts. The form of the circle is not content to remain mere form as it is to the sense of movement, neither is colour content to remain mere colour as it is perceived by the eye. The things compel you to combine them inwardly and you declare yourself to be inwardly ready to combine them. Thus the function of judgment becomes an expression of your whole being.
[ 20 ] Sie sehen jetzt hinein in den tieferen Sinn unseres Verhältnisses zur Welt. Hätten wir nicht zwölf Sinne, so würden wir wie Stumpflinge auf unsere Umgebung hinschauen, würden nicht innerlich das Urteilen erleben können. Da wir aber zwölf Sinne haben, so haben wir damit eine ziemlich große Anzahl von Möglichkeiten, das Getrennte zu verbinden. Was der Ich-Sinn erlebt, können wir mit den elf anderen Sinnen verbinden, und das gilt so für jeden Sinn. Wir bekommen dadurch eine große Anzahl von Permutationen für die Zusammenhänge der Sinne. Aber außerdem bekommen wir auch noch ein große Anzahl von Möglichkeiten in dieser Beziehung, indem wir zum Beispiel den Ich-Sinn mit dem Gedankensinn und dem Sprachsinn zusammen verbinden und so weiter. Da sehen wir, in wie geheimnisvoller Weise der Mensch mit der Welt verbunden ist. Durch seine zwölf Sinne zerlegen sich die Dinge in ihre Bestandteile, und der Mensch muß in die Lage kommen können, daß er sich die Dinge aus den Bestandteilen wieder zusammensetzt. Dadurch nimmt er teil an dem inneren Leben der Dinge. Daher werden Sie begreifen, wie unendlich wichtig es ist, daß der Mensch so erzogen werde, daß vieles in gleichmäßiger Pflege in dem einen Sinn entwickelt wird wie in dem anderen Sinn, da dann ganz bewußt systematisch die Beziehungen zwischen den Sinnen, den Wahrnehmungen, aufgesucht werden.
[ 20 ] Now you see into the deep meaning of our connection with the world. If we had not twelve senses we should look at our environment like dullards, we should not be able to experience an inward judgment. But since we have twelve senses we have a fair number of possibilities of uniting what is separate. What the ego sense experiences we can connect with the other eleven senses, and that is true of each sense. In this way we get a large number of permutations in the combinations of the senses. Besides that, we have a great many possibilities through the fact that we can connect the ego sense for example with the thought sense and the speech sense and so on. There we see in what a mysterious way the human being is connected with the world. Through his twelve senses things are separated into their component parts, and the human being must attain the power to re-unite these component parts. In this way he participates in the inner life of the things. From this you will understand how infinitely important it is that man should be so educated that one sense should be developed with the same care as another, for then the connections between the senses, between the perceptions, will be sought quite consciously and systematically.
[ 21 ] Ich habe noch hinzuzufügen, daß Ich-Sinn, Gedankensinn, Hörsinn und Sprachsinn mehr Erkenntnissinne sind, weil der Wille darin eben der schlafende Wille ist, der wirklich schlafende Wille, der in seinen Äußerungen mitvibriert mit einer Erkenntnistätigkeit. So lebt schon in der Ich-Zone des Menschen Wille, Gefühl und Erkenntnis, und sie leben mit Hilfe von Wachen und Schlafen.
[ 21 ] I have yet to add that the ego sense, thought sense, sense of hearing, and sense of speech are predominantly knowledge senses because the will in them is really sleeping will, the true sleeping will, in whose manifestations there vibrates also a cognitive activity. Thus willing, feeling and knowing are to be found even in the ego zone of man, and they live there with the help of waking and sleeping.
[ 22 ] Seien Sie sich also klar darüber, daß Sie den Menschen nur dadurch erkennen können, daß Sie ihn immer von drei Gesichtspunkten aus betrachten, indem Sie seinen Geist betrachten. Aber es genügt nicht, wenn man immer nur sagt: Geist! Geist! Geist! Die meisten Menschen reden immer von Geist und wissen nicht das vom Geiste Gegebene zu behandeln. Man behandelt es nur richtig, wenn man mit Bewußtseinszuständen operiert. Der Geist muß ergriffen werden durch Bewußtseinszustände wie Wachen, Schlafen und Träumen. Das Seelische wird ergriffen durch Sympathie und Antipathie, das heißt durch Lebenszustände; das tut sogar die Seele fortwährend im Unterbewußten. Die Seele haben wir eigentlich im astralischen Leib, das Leben im ätherischen Leib, und zwischen beiden ist eine fortwährende Korrespondenz im Inneren, so daß sich von selbst das Seelische in den Lebenszuständen des ätherischen Leibes auslebt. Und der Leib wird wahrgenommen durch Formzustände. Ich habe gestern die Kugelform für den Kopf, die Mondform für die Brust, die Linienform für die Gliedmaßen angewendet, und wir werden von der wirklichen Morphologie des menschlichen Leibes noch zu sprechen haben. Aber wir reden nicht richtig von dem Geist, wenn wir nicht beschreiben, wie er sich in Bewußtseinszuständen auslebt; wir reden nicht richtig von der Seele, wenn wir nicht zeigen, wie sie zwischen Sympathie und Antipathie sich auslebt, und wir reden nicht richtig vom Leibe, wenn wir ihn nicht in wahrhaften Formen erfassen. Davon wollen wir morgen weitersprechen.
[ 22 ] Let us be quite clear about this; to know the human being you must contemplate him from three points of view. When you are considering the spirit it is not enough to say, “Spirit! Spirit! Spirit!” Most people speak of spirit perpetually and are at a loss to handle what is given from the spirit. You can only handle it rightly if you treat it as conditions of consciousness. The spirit must be grasped by means of conditions of consciousness such as waking, sleeping and dreaming. The soul in man is grasped by means of sympathy and antipathy that is by means of conditions of life. These hold sway continuously in the unconscious. Actually the soul is in the astral body, life is in the etheric body, and within us there is always a correspondence between the two, so that of itself the soul comes to expression in the life conditions of the etheric body. And the body is perceived through conditions of form. Yesterday. (i.e., in another series of lectures published under the title Practical Course for Teachers) I used the spherical form for the head, the moon form for the breast and the linear form for the limbs; and we shall have more to say about the true morphology of the human body. But we can only speak truly of the spirit if we describe how it finds expression in conditions of consciousness. We can only speak truly of the soul if we show how it lives between sympathy and antipathy, and of the body if we conceive of it in actual forms.
