From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334
5 January 1920, Basel
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Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus
1. Wege und Ziele der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
1. Paths and Goals of Spiritual Science (Anthroposophy)
[ 1 ] Wer draußen in der Nachbarschaft den Bau betrachtet, der dem sogenannten Goetheanum, einer freien Hochschule für Geisteswissenschaft, gewidmet ist, die den Geistes-, den Zivilisationsinteressen der Zukunft dienen will, der kann zunächst absonderlich berührt sein von den Formen, von der Stilweise, die ihm da entgegentreten. Man mag nun gegen das, was man da sieht, mancherlei einzuwenden haben. Diejenigen, die am Bau beteiligt sind, werden solche Einwände, daß es sich um einen vorläufigen Versuch handelt, durchaus verstehen können, wenn sie aus gutem Willen hervorgehen. Aber gegenüber diesem Bau muß eine gewisse Frage aufgeworfen werden, die charakteristisch ist für alles das, was jene geistige Bewegung will und anstrebt, deren Repräsentant dieser Bau sein soll. Hätte man in der gewöhnlichen Art die Notwendigkeit gehabt, für eine gewisse geistige Strömung, für eine gewisse Art von geistiger Tätigkeit einen selbständigen Bau irgendwo zu errichten, dann hätte man sich wohl an diesen oder jenen Architekten gewandt, an diesen oder jenen Künstler, und man hätte vielleicht mit ihnen verhandelt darüber, was in einem solchen Bau getrieben werden soll, und dann wäre in irgendeinem antiken, einem Renaissancestil oder in irgendeinem anderen Stil ein Bau errichtet worden, in dem nun diese geisteswissenschaftliche Tätigkeit ihre Wohnung finden sollte. Es würde nur ein äußerliches Verhältnis bestehen zwischen den Formen innerhalb des Gebäudes und um das Gebäude, das dieser geistigen Tätigkeit gewidmet ist, und dieser letzteren selbst. So konnte es gerade bei dieser geistigen Bewegung nicht gemacht werden. Hier handelt es sich darum, für eine gewisse Geistesströmung eine äußere Umhüllung zu schaffen, welche im ganzen und in jeder, auch der geringsten Einzelheit wie herausgeboren ist aus dem ganzen Denken, Empfinden und Wollen dieser Geistesbewegung selbst. Es handelte sich darum, in den äußeren Formen bis ins einzelnste hinein etwas zu schaffen, was in gleicher Weise ein äußerer Ausdruck ist für das innerlich Gewollte wie das Wort oder irgend etwas anderes, das ausdrücken soll den Inhalt dieser Geistesbewegung selbst. Da konnte man sich nicht wenden an irgendeinen schon bestehenden Stil, an irgendwelche Formensprache, die historisch überliefert ist. Da mußte aus demselben geistigen Untergrunde heraus, aus dem der Inhalt der Weltanschauung geschöpft ist, auch das geschöpft werden, was für das Auge sichtbar in den Bauformen auftritt. Nicht nur im innersten Antriebe der geisteswissenschaftlichen Bewegung, die sich auch die anthroposophische nennt, liegt dies, sondern in der ganzen Art, wie diese Bewegung ihre Aufgabe, ihre Wege, ihre Ziele im Verhältnis zu den großen Anforderungen der gegenwärtigen zivilisierten Welt auffaßt.
[ 1 ] Anyone standing outside in the neighborhood and looking at the building—dedicated to the so-called Goetheanum, a free university for Spiritual Science that aims to serve the spiritual and civilizational interests of the future—may at first be struck by the forms and the style that meet the eye. One may well have various objections to what one sees there. Those involved in the construction will certainly be able to understand such objections—that this is a preliminary attempt—provided they arise from good will. But with regard to this building, a certain question must be raised—one that is characteristic of everything that the intellectual movement, of which this building is intended to be a representative, seeks and strives for. If, in the usual way, there had been a need to erect a separate building somewhere for a certain spiritual current, for a certain kind of spiritual activity, then one would likely have turned to this or that architect, to this or that artist, and one might have discussed with them what was to take place in such a building, and then a building would have been erected in some ancient style, a Renaissance style, or some other style, in which this activity of Spiritual Science was to find its home. There would be only an external relationship between the forms within the building and around the building—which is dedicated to this activity of Spiritual Science—and the activity itself. But this could not be done, particularly with this spiritual movement. The aim here is to create an outer shell for a certain spiritual current, one that—as a whole and in every detail, even the smallest—is as if born out of the entire thinking, feeling, and willing of this spiritual movement itself. The task was to create, in the external forms down to the very smallest detail, something that is just as much an external expression of what is inwardly intended as a word or anything else intended to express the content of this spiritual movement itself. One could not turn to any pre-existing style or to any formal language handed down through history. Rather, from the very same spiritual foundation from which the content of the worldview is drawn, one had to draw forth that which appears visibly to the eye in the architectural forms. This lies not only in the innermost impulse of the Spiritual Science movement, which also calls itself anthroposophical, but in the entire way in which this movement conceives of its task, its paths, and its goals in relation to the great demands of the present-day civilized world.
[ 2 ] Diese geistige Bewegung will nicht so irgendeine abgezogene Theorie, eine nur den Intellekt beschäftigende Wissenschaft, sie will nicht etwas sein, was dienen kann allein einer einseitigen Befriedigung der inneren Seeleninteressen, sie will etwas sein, was allerdings Befriedigung, innigste Befriedigung gewähren kann jenen Sehnsüchten der menschlichen Seele, die nach Weltanschauung hingehen. Sie will aber diese Weltanschauung so fest in der Wirklichkeit verankern, daß sie einzugreifen vermag in alles praktische Leben. Und so ist, was wir ja zunächst allein leisten konnten, das unmittelbare Schaffen von Bau- und Kunstformen für unsere Sache, charakteristisch für diese ganze Bewegung. Wie sie da allerdings nur auf einem engbegrenzten und zunächst auch dem äußeren Leben scheinbar fernliegenden Gebiete unmittelbar in das Allerpraktischste eingegriffen hat, so will diese geistige Bewegung Wege suchen und Ziele weisen, die in alles Soziale, in alles Sittliche, in alles in weitestem Umfange zu denkende menschliche Zusammenleben hineingreifen. Nicht weltfremde Idealisten sollen jene Idealisten sein, welche auf diese Geisteswissenschaft bauen, sondern sie sollen solche Idealisten werden, welche das, was aus ihrer Seele wird, unmittelbar einfließen lassen können in ihre praktische Lebensbetätigung. Und alles das, was oftmals so fremd verläuft in demjenigen, was der Mensch denkt, das soll zusammengestimmt werden mit dem, was in des Menschen innerstem seelischen Streben ist. Die äußere Lebenspraxis, sie soll eins werden mit dem, wodurch der Mensch seine sittlichen Impulse sucht, seine sozialen Triebe entwikkelt, seiner religiösen Verehrung nachhängt. Mit einer solchen Gesinnung, mit einer solchen Anschauung steht allerdings diese geisteswissenschaftliche Strömung heute noch ziemlich fern demjenigen, was in weitesten Kreisen der heute gebildeten Menschen angestrebt, gewollt, ja für das Richtige gehalten wird.
[ 2 ] This spiritual movement does not seek just any abstract theory, a science that engages only the intellect; it does not seek to be something that serves solely the one-sided satisfaction of the soul’s inner interests; rather, it seeks to be something that can indeed grant satisfaction—the deepest satisfaction—to those longings of the human soul that are directed toward a worldview. But it seeks to anchor this worldview so firmly in reality that it can influence all practical life. And so what we were initially able to accomplish—the direct creation of architectural and artistic forms for our cause—is characteristic of this entire movement. Just as it has, however, intervened directly in the most practical matters—albeit only in a narrowly defined sphere that at first glance seems remote from external life—this spiritual movement seeks to chart paths and point toward goals that extend into all social matters, all moral matters, and all aspects of human coexistence conceived in the broadest sense. Those idealists who build upon this Spiritual Science are not to be unworldly idealists, but rather they are to become idealists who can allow what arises from their soul to flow directly into their practical life activities. And everything that often runs so alien to what a person thinks is to be harmonized with what lies in the innermost spiritual striving of the human being. Outward life practice should become one with that through which a person seeks moral impulses, develops social instincts, and pursues religious devotion. With such an attitude, with such a perspective, this movement in Spiritual Science remains, however, quite distant today from what is aspired to, desired, and indeed considered correct by the broadest circles of educated people today.
[ 3 ] Daß das so sein muß, aber auch daß es notwendig ist, daß in unsere moderne Zivilisation sich eine solche geistige Bewegung hineinstellt, das kann ersichtlich werden, wenn man den Blick wendet auf die Art und Weise, wie unser ganzes Leben, in dem wir heute drinnenstehen, eigentlich aus den verschiedensten Strömungen zusammengeflossen ist. Ich möchte heute zunächst von zwei hauptsächlichsten Strömungen unseres Zivilisationslebens sprechen. Wir haben heute das, was wir unsere geistige Bildung nennen, in dem unsere religiösen Überzeugungen wurzeln, in dem unsere sittlichen Ideale entspringen, aber in dem auch unser ganzes höheres Geistesleben wurzelt. Wir haben dasjenige, wodurch der Mensch ausbilden soll über das gewöhnliche Handarbeitliche hinaus seine Fähigkeiten und Kräfte für eine geistige Bildung. Und wir haben neben dem die praktische Lebenstätigkeit, die in den letzten Jahrhunderten so intensive Impulse erhalten hat. Wir haben um uns herum eine allerdings von unserer Wissenschaft angeregte, aber tief in das soziale Leben hineingreifende Technik, die umgestaltet hat das moderne Zivilisationsleben in einem Sinne, welcher ganz gewiß noch einem Menschen vor acht bis neun Jahrhunderten völlig unfaßlich gewesen wäre.
[ 3 ] That this must be so—and also that it is necessary for such a spiritual movement to take root in our modern civilization—becomes evident when we consider how our entire way of life, in which we find ourselves today, has in fact emerged from a confluence of the most diverse currents. Today I would like to begin by speaking of the two most significant currents in the life of our civilization. We have what we call our spiritual education, in which our religious convictions are rooted, from which our moral ideals spring, but in which our entire higher spiritual life is also rooted. We have that which enables human beings to develop their abilities and powers beyond ordinary manual labor toward a spiritual education. And alongside this, we have practical life activities, which have received such intense impetus in recent centuries. We are surrounded by a technology that, while certainly inspired by our science, has deeply penetrated social life and has transformed modern civilization in a way that would certainly have been completely incomprehensible to a person eight or nine centuries ago.
[ 4 ] Wenn wir uns nun fragen, woher das eine, unser geistiges Bildungsleben, das nicht etwa bloß unsere höheren Schulen beherrscht, das bis in unsere Volksschulen hinunter seine Triebe entfaltet, und woher andererseits unsere von einer so ausgebreiteten Technik durchzogene Lebenspraxis kommt, so erhält man eine Antwort, über die sich der Mensch der Gegenwart heute noch wenig Rechenschaft gibt. Aber man braucht ja nur — und wir werden das noch ausführlicher im dritten Vortrag auseinandersetzen —, man braucht nur das, was gewissermaßen doch die Grundlage für unsere abendländische Zivilisation, namentlich für ihren höheren geistigen Teil bildet, ins Auge zu fassen, man braucht im weitesten Sinne auf das Christentum zu sehen, so wird man sich auch bei einer oberflächlichen weltgeschichtlichen Betrachtung sagen können: Wenn man von dem, was in uns als die christlichen Anschauungen, die christlichen Überzeugungen lebt, aus denen sich soviel von unseren allgemein geistigen Anschauungen und Überzeugungen herausgebildet hat, viel mehr, als man heute zugeben will, wenn man den Ursprung dieser Überzeugungen und Anschauungen sucht, so wird man zuletzt doch auf den Weg kommen, den das Christentum genommen hat vom Orient herüber zum Okzident. Und man kann ja nach dem Leitfaden, den man in solcher Art gewonnen hat, weiter Umschau halten, und man wird finden, daß jene Wege, die sich ergeben, wenn man unsere geistige Bildung zurückverfolgt — jene Wege, die ins Lateinisch-Römische hinein, ins Griechische führen, von denen unsere geistige Bildung doch innerlich noch die Nachfolgerschaft deutlich zeigt —, daß diese Wege zuletzt hinüberführen in die besondere Geistesverfassung, in die besondere Seelenkonstitution, durch welche vor Jahrtausenden, vor vorgeschichtlichen Jahrtausenden, aus dem Orient herüber gerade unser mehr auf das Innere, auf das Seelisch-Geistige gerichtetes Bildungsleben seinen Ursprung genommen hat. Nur weil dieses Bildungsleben, diese innere Geistesanschauung sich im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sehr gewandelt hat, bemerken wir heute nicht mehr, wie es seine Herkunft ableitet von dem, was, wie gesagt, vor vorchristlichen Jahrtausenden aus einer Geistesverfassung heraus, die den heutigen zivilisierten Menschen ganz fremd geworden ist, seinen Ursprung genommen hat. Man muß, um diesen weiten Weg zu verstehen, nicht allein zurückgehen auf das, was die äußere, durch Dokumente zu belegende Geschichtsschreibung bietet, man muß über das, was diese Geschichtsschreibung sagen kann, hinausgehen eben in vorgeschichtliche Zeiten. Das wird dem gegenwärtigen Menschen recht schwierig. Denn der denkt in seinem Innersten, daß er es im Laufe der letzten Jahrhunderte, vielleicht erst des allerletzten Jahrhunderts, in geistigen Dingen. «so herrlich weit gebracht» habe, daß alles dasjenige, was in Zeiten liegt, auf die eben hingedeutet worden ist, in das Gebiet des Kindlichen, des Primitiven verwiesen werden müsse.
[ 4 ] If we now ask ourselves where our intellectual life—which does not merely dominate our secondary schools but extends its influence all the way down to our elementary schools—comes from, and where, on the other hand, our way of life, permeated by such widespread technology, comes from, we arrive at an answer that people today still give little thought to. But one need only—and we will discuss this in greater detail in the third lecture—one need only consider what, in a sense, forms the foundation of our Western civilization, namely its higher spiritual aspect; one need only look, in the broadest sense, at Christianity, and even a superficial examination of world history will lead one to say: If one considers what lives within us as Christian views and convictions—from which so much of our general spiritual views and convictions have developed, far more than people are willing to admit today—and if one seeks the origin of these convictions and views, one will ultimately arrive at the path that Christianity took from the East to the West. And one can, of course, continue to look around, guided by the insights gained in this way, and one will find that those paths which emerge when one traces our spiritual development back—those paths leading into the Latin-Roman and Greek worlds, from which our spiritual development still clearly shows itself to be a spiritual heir —that these paths ultimately lead to the particular spiritual disposition, to the particular constitution of the soul, through which, millennia ago—prehistoric millennia—our educational life, which is directed more toward the inner, toward the soul-spiritual, took its origin from the East. It is only because this educational life, this inner spiritual outlook, has changed greatly over the course of centuries and millennia that we no longer notice today how it derives its origin from what, as I said, originated millennia before Christ out of a spiritual disposition that has become entirely foreign to today’s civilized human beings. To understand this long journey, one must not merely look back to what external, document-based historiography offers; one must go beyond what this historiography can say, right back into prehistoric times. This is quite difficult for people today. For deep down, they believe that in the course of the last few centuries—perhaps only in the very last century—they have “made such magnificent progress” in spiritual matters that everything belonging to the times just referred to must be relegated to the realm of the childish and the primitive.
[ 5 ] Wer nun aber ungetrübt durch ein solches Vorurteil den Weg in die alte Kultur des Orients zurückzugehen vermag, der sieht, daß allerdings in den vorchristlichen Zeiten im Orient die Zivilisation, die Geistesbildung eine wesentlich andere war, daß sie aber durchaus intensive geistige Inhalte den menschlichen Seelen bot. Nur wurden diese auf ganz andere, ich möchte sagen, auf radikal andere Weise erreicht, als heute das erreicht wird, was die Menschen beherrschen sollen, die an höheren Schulen sich eine höhere Geistesbildung aneignen.
[ 5 ] But anyone who is able to trace the path back to the ancient culture of the Orient without being clouded by such a prejudice will see that, while civilization and intellectual development in the Orient during pre-Christian times were indeed fundamentally different, they nevertheless offered the human soul deeply profound spiritual content. It’s just that these were attained in a completely different—I would say radically different—way than what is achieved today by those who are supposed to master the material and acquire a higher intellectual education in secondary schools.
[ 6 ] Wer einstmals im alten Orient die höhere Geisteskultur sich aneignen sollte, der mußte durchmachen, nachdem er auserwählt war von den Leitern und Lenkern der betreffenden Bildungsstätten, eine völlige Umwandlung seines ganzen menschlichen Wesens. Von den Bildungsstätten dieses alten Orients spreche ich. Der Geisteswissenschaft, von der hier gesprochen wird, sind sie erkenntnismäßig zugänglich; aber wenn man vorurteilslos genug ist, wenn man einen gewissen Mut des Denkens und Erkennens hat, dann kann man auch aus dem, was geschichtlich überliefert ist, zurückschließen auf das, was da vorgeschichtlich vorhanden war. Von diesen Bildungsstätten muß man so sprechen, daß sie dasjenige wie in einer inneren Einheit hatten, was bei uns getrennt auftritt. Diese Bildungsstätten, auf die zurückweist alles, was wir eigentlich heute noch in uns tragen, aber in wesentlich verwandelter Gestalt, sie waren zugleich das, was wir heute Kirche nennen, aber auch das, was wir heute Schule nennen, waren zugleich auch das, was wir heute Kunstanstalten nennen. Kunst, Wissenschaft, Religion, sie bildeten in älteren menschlichen Zivilisationen eine Einheit. Und wer in diesen Bildungsstätten entwickelt werden sollte, der mußte seinen ganzen Menschen zur Entwickelung bringen. Er mußte seinen ganzen Menschen umwandeln. Er mußte eine andere Form des Denkens annehmen als diejenige, die im alltäglichen Leben die wirksame ist. Er mußte sich hingeben beschaulichem Denken. Er mußte sich daran gewöhnen, mit dem Denken so umzugehen, wie man sonst nur mit der äußeren Welt umgeht. Er mußte sich aber auch daran gewöhnen, sein ganzes Gefühls- und Willensleben umzuwandeln. Man macht sich heute schwer eine Vorstellung von dem, was in solcher Richtung angestrebt worden ist. Denn wie denken wir eigentlich über unser Leben? Wir geben zu: das Kind, das muß entwickelt werden. Seine Fähigkeiten und Kräfte, mit deren Anlagen es in die Welt hereinversetzt ist, sie müssen durch die Erziehung entwickelt werden. Nun ja, das Kind kann sich nicht selber erziehen; die anderen, die Erwachsenen, haben zunächst die Anschauung, daß das Kind mit seinen Fähigkeiten und Kräften entwickelt werden muß. Und wir machen das Kind auch anders in bezug auf sein Denken, Fühlen und Wollen, als es hereingeboren wird in die Welt. Wenn wir aber nun dem Menschen zumuten, daß er auch dann noch, wenn er bereits zu seinem eigenen Willen gekommen ist, wenn nicht mehr die anderen aus ihren Anschauungen heraus seine Entwickelung besorgen, diese Entwickelung fortsetzen soll, dann findet der gegenwärtige Mensch darin eine sonderbare Zumutung; denn man soll nur entwickelt werden, solange man diese Entwickelung nicht durch eigene Willkür besorgen, nicht selbst in die Hand nehmen kann. Kommt man einmal zu einer gewissen Freiheit in bezug auf sein eigenes Entwickeln, dann verläßt man die Entwickelung. Das ist der intellektuelle Hochmut, in dem wir heute leben. Wir denken in dem Augenblicke, wo wir in die Lage kämen, unsere Entwickelung selbst in die Hand zu nehmen, wir seien schon fertig, und stellen uns als fertige Menschen in die Welt hinein.
[ 6 ] Anyone who was once to acquire the higher spiritual culture of the ancient Orient had to undergo—after being chosen by the leaders and guides of the relevant educational institutions—a complete transformation of their entire human being. I am speaking of the educational institutions of this ancient Orient. They are accessible to the Spiritual Science discussed here in terms of knowledge; but if one is open-minded enough, if one possesses a certain courage of thought and insight, then one can also infer from what has been historically handed down what existed there in prehistoric times. One must speak of these educational institutions in such a way that they possessed, as in an inner unity, what appears to us today as separate entities. These educational institutions—to which everything we still carry within us today points, albeit in a substantially transformed form—were at once what we today call the church, but also what we today call the school; they were at once also what we today call art institutions. Art, science, and religion formed a unity in earlier human civilizations. And anyone who was to be developed in these educational institutions had to bring their whole being to maturity. They had to transform their entire being. They had to adopt a different form of thinking than the one that is effective in everyday life. They had to devote themselves to contemplative thinking. They had to accustom themselves to handling thought in the same way one otherwise handles only the external world. But they also had to accustom themselves to transforming their entire emotional and volitional life. Today it is difficult to form a mental image of what was actually strived for in this direction. For how do we actually think about our lives? We admit: the child—it must be developed. Its abilities and powers—the potential for which it is born with—must be developed through education. Well, yes, a child cannot educate itself; others—the adults—initially hold the view that the child must be developed in accordance with its abilities and powers. And we also shape the child differently in terms of its thinking, feeling, and willing than it is born into the world. But if we now expect a person—even after they have already developed their own will, when others are no longer guiding their development based on their own views—to continue this development, then modern people find this a strange demand; for one is supposed to be developed only as long as one cannot bring about this development through one’s own free will, cannot take it into one’s own hands. Once one attains a certain degree of freedom with regard to one’s own development, one abandons that development. This is the intellectual arrogance in which we live today. We think that the moment we are in a position to take our development into our own hands, we are already complete, and we present ourselves to the world as fully formed human beings.
[ 7 ] Solch eine Anschauung gab es innerhalb jener Zivilisation, auf die ich hier hindeuten möchte, nicht, sondern der Mensch wurde weiter und immer weiter entwickelt. Und ebenso wie dasjenige, was das Kind imstande ist zu erkennen, zu fühlen, zu tun, nachdem es durch eine gewisse Schulung gegangen ist, wie das in der Seelenverfassung eine Art Aufwachen darstellt, so gibt es für die Weiterentwickelung, die der Mensch nun in die Hand nehmen kann, auch ein solches Aufwachen. Zu diesem Aufwachen in Seelentätigkeiten, die höhere waren gegenüber den gewöhnlichen in demselben Sinne, wie die höheren Fähigkeiten der Erwachsenen höher sind als die des Kindes, zu solchem Aufwachen wurde der orientalische Mysterienschüler erzogen. Und man hatte die Anschauung, daß nur derjenige urteilsfähig sei über die höchsten Angelegenheiten des Lebens, welcher also jene spätere Erweckung im besten Sinne des Wortes im Leben durchgemacht hat. Und vorbereitet wurde man da nicht etwa bloß dazu, nun ein Mensch zu sein, der, wenn er nachdenkt, wenn er ein gewisses innerliches Fühlen und Empfinden entwickelt, durch das Wissen von seinem Zusammenhang mit einer geistigen Welt sich befriedigt fühlt, nein, entwickelt wurde da nicht nur die Fähigkeit für eine Weltanschauung, entwickelt wurden da jene Fähigkeiten, durch die das soziale und äußerlich technische Leben geleitet, durch die das menschliche Zusammenleben dirigiert wurde. Das ganze Leben wurde da aus der geistigen Bildung und Entwickelung heraus beeinflußt.
[ 7 ] Such a view did not exist within the civilization to which I am referring here; rather, human beings continued to develop further and further. And just as what a child is capable of recognizing, feeling, and doing after undergoing a certain training represents a kind of awakening in the soul’s constitution, so too is there such an awakening for the further development that human beings can now take into their own hands. The Eastern mystery student was trained for this awakening to soul activities that were higher than the ordinary ones—in the same sense that the higher abilities of adults are superior to those of a child. And it was held that only those who had thus undergone this later awakening—in the best sense of the word—in their lives were capable of judging the highest matters of life. And one was not merely prepared there to become a person who, when reflecting or developing a certain inner feeling and sensibility, finds satisfaction in the knowledge of one’s connection to a spiritual world—no, it was not merely the capacity for a worldview that was developed there; rather, it was those abilities through which social and outwardly technical life was guided, and through which human coexistence was directed. One’s entire life was shaped there by spiritual education and development.
[ 8 ] Wir können uns so schwer zurückversetzen in das, was da am Ausgangspunkt unserer neueren menschlichen Entwickelung vor Jahrtausenden im Orient drüben waltend war, weil unsere ganze Seelenverfassung mit der Fortentwickelung der Menschheit etwas anderes geworden ist, weil wir zu anderen Empfindungen und Anschauungen über das Leben gekommen sind. Denjenigen Menschen, die in der hier angedeuteten Geistesbildung drinnenstanden, war es instinktiv, zu einer solchen Umbildung des menschlichen Wesens hinaufzurücken. Die Instinkte dieser Menschen waren andere. Sie tendierten hin zu einem solchen Erschauen des Geisteslebens nach einer gewissen Umbildung. Die Menschen, die nicht selbst solche Ausbildung durchmachten, sahen aus ihren Instinkten, die auch bei ihnen vorhanden waren, zu demjenigen empor, was die Ausgebildeten ihnen geben konnten. Sie folgten ihnen in bezug auf die Ausbildung ihres inneren Seelenlebens. Sie folgten ihnen aber auch in bezug auf die Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens, in bezug auf das Sich-Hineinstellen in das Gesamtleben.
[ 8 ] It is so difficult for us to put ourselves in the mindset that prevailed millennia ago in the Orient at the starting point of our recent human development because our entire spiritual constitution has changed with the further development of humanity; because we have come to hold different feelings and views about life. For those people who were immersed in the spiritual development described here, it was instinctive to aspire to such a transformation of the human being. The instincts of these people were different. They tended toward such a perception of spiritual life following a certain transformation. Those who did not undergo such training themselves looked up, from their own instincts—which were also present in them—to what the trained individuals could offer them. They followed them in regard to the development of their inner spiritual life. But they also followed them in regard to the organization of social life and in regard to their participation in the life of the community.
[ 9 ] Die Instinkte, die zu solchem Leben führten, sie sind ebenso aus der heutigen Gesamtkultur der Menschheit heraus, wie beim Erwachsenen die besonderen Seeleninstinkte des Kindes umgewandelt sind. Aber durch diese Instinkte, im Zusammenhang mit dem, was aus jenen Bildungsstätten, die man eben Mysterien nennen kann, erwachsen ist, ergab sich eine menschliche Seelenstimmung, durch die man gar nicht anders konnte, als das, was des Menschen Wesenskern ist, nicht hier in dem Umkreis des Lebens zu suchen, der den menschlichen Leib in sich schließt, sondern diese ganze Lebensanschauung führte dahin, auch gewissermaßen instinktiv sich zu erheben, im ganz populären Bewußtsein sich zu erheben zu dem höheren Menschen im Menschen, zu demjenigen im Menschen, was wesentlich geistig-seelischer Art ist, zu demjenigen im Menschen, was zwar im sinnlichen Leibe für die Zeit zwischen Geburt und Tod erscheint, was aber in sich selber ewig ist und einer geistigen Welt angehört, in die man eben instinktiv hineinschaute. Etwas Übermenschliches, wenn ich diesen Ausdruck, der durch die Nietzsche-Anhänger etwas bedenklich geworden ist, gebrauchen darf, etwas Übermenschliches wurde als das Wesen des Menschen angesehen. Dasjenige, worauf der Mensch hinsah als auf sein eigenes Wesen, war etwas, was über diesen gewöhnlichen Menschen hinausging. Darin war jene Bildung groß: den Menschen aufzusuchen seinem Wesen nach in einem Geistig-Seelischen, das im Leiblichen nur seinen Ausdruck findet, das aus geistig-seelischer Welt hereingreift in das ganze Menschenwesen, dieses Menschenwesen in seinen materiellsten Äußerungen vom Geistig-Seelischen aus dirigierend.
[ 9 ] The instincts that led to such a life are just as much a product of humanity’s present-day culture as the specific soul instincts of a child are transformed in an adult. But through these instincts, in connection with what arose from those places of education that one might call mysteries, a human soul disposition emerged through which one could not help but seek the very core of the human being not here within the sphere of life that encompasses the human body, but rather this entire outlook on life led to in a sense, to rise instinctively, in the very popular consciousness, to the higher human being within the human being—to that aspect of the human being that is essentially of a spiritual-soul nature, to that aspect of the human being which, though it appears in the physical body for the time between birth and death, is in itself eternal and belongs to a spiritual world into which one instinctively gazed. Something superhuman—if I may use this term, which has become somewhat controversial due to Nietzsche’s followers—something superhuman was regarded as the essence of the human being. That which the human being looked upon as his own essence was something that transcended this ordinary human being. In this, that education was great: to seek out the human being according to his essence in a spiritual-soul aspect that finds its expression only in the physical, that reaches in from the spiritual-soul world into the whole human being, directing this human being in his most material manifestations from the spiritual-soul realm.
[ 10 ] In vielen Metamorphosen, durch viele Umwandlungen hindurch ist das, was da als Inhalt der Geistesbildung zustande kam, dann ausgearbeitet worden im Orient, ist in weiten Umwandlungen herübergekommen nach Griechenland. Es erscheint da, ich möchte sagen, filtriert. Während wir in der ältesten Griechenzeit, die Friedrich Nietzsche genannt hat das tragische Zeitalter der Griechen, noch etwas sehen von einem solchen Hinauflenken des ganzen Menschen zum höheren Menschen, tritt in der späteren Griechenzeit das ein, was man in einem umfassenderen Sinne das dialektische, das rein intellektuelle Wesen des Menschen nennen kann. Es wurde gewissermaßen der ganze reiche und intensiv allmenschliche Inhalt einer Urkultur filtriert und weiter und weiter filtriert, und im verdünntesten Zustande kam er herüber in unser Zeitalter. Und so bildet das die eine Strömung unseres Lebens, was durchaus hinaufging zum geistig-seelischen Menschen und was dem Menschen ein Bewußtsein gab, durch das er sich in jedem Augenblick des Lebens, beim Geber und bei der schmutzigsten Arbeit, als einen äußerlichen Ausdruck fühlte des geistig-seelischen Menschen.
[ 10 ] Through many metamorphoses and transformations, what emerged as the substance of spiritual development was then elaborated in the East and, after undergoing extensive transformations, made its way to Greece. It appears there, I might say, in a filtered form. While in the earliest Greek period—which Friedrich Nietzsche called the “tragic age of the Greeks”—we can still see something of this lifting of the whole human being toward the higher human, the later Greek period saw the emergence of what, in a broader sense, can be called the dialectical, the purely intellectual nature of the human being. In a sense, the entire rich and intensely universal content of a primordial culture was filtered and filtered again and again, and in its most diluted state it made its way into our age. And so this forms one current of our life—that which ascended to the spiritual-soul human being and gave humanity a consciousness through which, in every moment of life, whether in the presence of the Giver or engaged in the dirtiest work, one felt oneself to be an outward expression of the spiritual-soul human being.
[ 11 ] Wir werden im dritten Vortrage sehen: das Mysterium von Golgatha, von dem das Christentum in seiner Entwickelung auf dieser Erde ausgegangen ist, steht als eine Tatsache für sich da, die in verschiedenen Zeitaltern in verschiedenster Weise begriffen werden kann. Aber das, woraus man geprägt hat das nächste Verständnis dieses Mysteriums von Golgatha, das war das, was man an Bildung vom Orient herübergebracht hatte. Und im Grunde genommen lebt in alledem, was wir auch heute noch aufbringen zum Begreifen des Christentums, dasjenige, was letztes, allerdings geistesmäßig verdünntes Erleben des Orients ist. Es gibt eine gewisse Eigentümlichkeit dieser ganzen Seelenkonfiguration, die nur mehr in ihrer letzten Metamorphose in uns lebt. Und diese Eigentümlichkeit muß man in dem Folgenden suchen.
[ 11 ] In the third lecture, we will see that the Mystery of Golgotha—from which Christianity originated in its development on this Earth—stands as a fact in and of itself, one that can be understood in various ways throughout different ages. But what shaped the subsequent understanding of this Mystery of Golgotha was the cultural heritage brought over from the East. And fundamentally, everything we still draw upon today to understand Christianity is imbued with what remains of the Eastern experience—albeit in a spiritually diluted form. There is a certain peculiarity to this entire configuration of the soul, which lives on within us only in its final metamorphosis. And this peculiarity must be sought in what follows.
[ 12 ] So groß und gewaltig diese Weltanschauung ist mit Bezug auf das Hinaufgehen zum Übermenschlichen im Menschen, heruntersteigen zu dem, wozu die abendländische, die westliche Zivilisation gestiegen und worin sie groß geworden ist, hätte diese orientalische Zivilisation niemals können. Den Übermenschen, den geistig-seelischen, konnte sie hervorbringen, etwas anderes konnte sie nicht hervorbringen. Es ist etwas, worauf ich in anderen Zusammenhängen hier schon hingedeutet habe. Gerade in der Zeit, als schon die letzte Metamorphose des orientalischen Geisteslebens im Abendlande begann Platz zu greifen, da fing ein Ansatz zu einem neuen Geistesleben an, zu einem Geistesleben, das bis in unsere Zeit in der Lebenspraxis allerdings gewaltige Blüten hervorgebracht hat, aber Blüten ganz anderer Art als das eben geschilderte orientalische Geistesleben. Sehen wir auf diese anderen Blüten.
[ 12 ] As vast and powerful as this worldview is in terms of the ascent toward the superhuman within the human being, this Eastern civilization could never have descended to the level to which Western civilization has risen and in which it has flourished. It was able to bring forth the superhuman—the spiritual and soul-based one—but it could not bring forth anything else. This is something I have already alluded to here in other contexts. Precisely at the time when the final metamorphosis of Eastern spiritual life was already beginning to take hold in the West, the beginnings of a new spiritual life emerged—a spiritual life that has indeed produced magnificent blossoms in practical living right up to our own time, but blossoms of a completely different kind from the Eastern spiritual life just described. Let us look at these other blossoms.
[ 13 ] Auf folgende Tatsache möchte ich da noch einmal hinweisen. Ich habe sie, wie gesagt, von anderen Gesichtspunkten aus auch hier schon angeführt. Wenn wir heute die gebräuchlichen Handbücher durchschauen danach, wie viele Menschen auf der Erde sind, so wird uns gesagt, ungefähr 1500 Millionen Menschen bewohnen die Erde. Wenn wir auf das schauen, was innerhalb der menschlichen Zivilisation gearbeitet wird, wenn wir auf die Arbeitskräfte schauen, die in unserem Menschenwesen und Menschenleben tätig sind, dann müssen wir merkwürdigerweise etwas anderes sagen. Dann müßten wir eigentlich sagen: die Erde arbeitet so, wie wenn sie nicht bloß von 1500 Millionen Menschen, sondern von 2200 Millionen Menschen bewohnt wäre. Seit drei bis vier Jahrhunderten arbeitet unsere Welt der Maschinen so, daß dadurch Arbeit geleistet wird, die man sich denken könnte auch von Menschen geleistet. Wir ersetzen menschliche Arbeitskraft durch Maschinenkraft. Und wenn man umrechnet, was unsere Maschinen leisten, in menschliche Arbeitskraft, so bekommt man heraus, wenn man achtstündige Arbeitszeit in Anschlag bringt, daß in unserer Erdenarbeit drinnenstecken sieben- bis achtmal hundert Millionen Menschen, das heißt, nicht wirkliche Menschen, sondern menschliche Arbeit, die aber durch Maschinen aufgebracht wird.
[ 13 ] I would like to point out the following fact once again. As I mentioned, I have already referred to it here from other perspectives. If we look through the standard reference books today to see how many people there are on Earth, we are told that approximately 1,500 million people inhabit the Earth. But when we look at the work being done within human civilization—when we look at the workforce active in our human existence and daily life—then, strangely enough, we must say something different. We would actually have to say: the Earth functions as if it were inhabited not merely by 1,500 million people, but by 2,200 million people. For the past three to four centuries, our world of machines has functioned in such a way that it performs work that one might imagine could also be performed by human beings. We are replacing human labor with machine power. And if one converts the output of our machines into human labor—taking an eight-hour workday as the standard—one finds that the work done on Earth represents the labor of seven to eight hundred million people; that is, not actual people, but human labor, which is, however, performed by machines.
[ 14 ] Das ist etwas, was hineingeliefert wird in die Menschheitszivilisation durch jene Geisteskräfte, die erwachsen sind dem Menschen des Westens, jene Geisteskräfte, die niemals hätten in gerader Linie sich entwickeln können aus jener inneren Geistes- und Seelenkultur, die in so grandioser Weise zu dem Übermenschen hinauf, zu dem höheren Menschen im Menschen, zu dem geistig-seelischen Menschen sich aufgeschwungen hatte. Diese Kultur blieb in gewissen Seelenhöhen. Sie durchdrang nicht das, was wir heute praktisches Leben nennen. Sie hätte niemals totes Metall oder sonstiges Material in solchen Zusammenhang bringen können, daß mitten unter den Menschen arbeitet, jetzt allerdings kein Übermensch, aber ein Untermensch, ein Mensch, der eigentlich gegenüber den Menschen aus Fleisch und Blut ein Homunkulus ist, ein Mechanismus, der aber in die menschliche Kultur hereinstellt das, was sonst Menschen hereinstellen könnten. Das ist das Wesentliche unseres westlichen Geisteslebens. Es ist um so mehr charakteristisch für dieses westliche Geistesleben, je weiter wir nach dem Westen kommen, wo aus diesem Geistesleben hervorgegangen ist der mechanische Mensch, der Untermensch, wie aus dem orientalischen Geistesleben der seelisch-geistige Mensch, der Übermensch hervorgegangen ist.
[ 14 ] This is something that is brought into human civilization by those spiritual forces that have arisen within Western humanity—those spiritual forces that could never have developed in a direct line from that inner culture of spirit and soul which had so magnificently soared upward toward the superhuman, toward the higher human being within the human being, toward the spiritual-soul human being. This culture remained at certain heights of the soul. It did not permeate what we today call practical life. It could never have brought dead metal or other materials into such a context that they operate in the midst of humanity—not, admittedly, as a superhuman, but as a subhuman, a human being who is, in fact, a homunculus compared to people of flesh and blood, a mechanism that nevertheless introduces into human culture what human beings themselves might otherwise introduce. This is the essence of our Western spiritual life. It is all the more characteristic of this Western spiritual life the further west we go, where this spiritual life has given rise to the mechanical human being, the subhuman, just as the Eastern spiritual life has given rise to the soul-spiritual human being, the superhuman.
[ 15 ] Daß aber solches geschaffen werden konnte im Westen, das ist hier nicht eine isolierte Erscheinung des Zivilisationslebens. Es hängt ja zusammen mit der ganzen Ausbildung des Vorstellens, Fühlens und Denkens. Die Menschen, die diesen Homunkulus ins Leben hereinstellten, die sind in ihrer ganzen Seelenverfassung selbstverständlich groß nach der anderen Richtung hin als der orientalische Mensch. Man kann heute das Leben nicht durchschauen, wenn man nicht diesen Gegensatz in seiner ganzen Intensität durchschauen kann. Denn auf der einen Seite trägt dieser moderne Mensch in sich noch die letzte Metamorphose desjenigen, was ihm vom Orient gekommen ist, und auf der anderen Seite nimmt er auf schon seit Jahrhunderten das andere, was das Wesentlichste des westlichen Geisteslebens ist. Ein Ausgleich ist heute noch nicht da. Wie zwei getrennt voneinander fließende Strömungen, so stehen sie da, die Strömung vom Übermenschen, wenn auch sehr verändert, die Strömung vom Untermenschen, wenn auch erst in ihrem Anfange. Und der moderne Mensch, der Mensch der Gegenwart, wenn er zum Bewußtsein erwacht, daß in seiner Seele unvermittelt diese beiden Strömungen leben, er leidet seelisch, geistig und wohl auch leiblich an dem Mißklang, der da herauskommt. Gewiß, das sind Dinge, die sich so tief in demjenigen abwickeln, was unbewußt und unterbewußt bleibt, daß in das Bewußtsein des Menschen herauf, nicht allein nur in dieses, sondern sogar in seine Leibeskonstirution ganz anderes eintritt als die eigentliche Ursache. Der moderne Mensch findet sich nervös, findet sich unzufrieden in den Verhältnissen. Hunderterlei könnte man anführen, wie dieser moderne Mensch einen Mißklang zwischen sich selbst und der Umgebung fühlt, wie dieser Mißklang auch in seiner leiblichen Gesundheit zum Ausdruck kommt. Das, was angeführt worden ist, das steckt dahinter. Es steckt dahinter die große Frage: Wie bringen wir für die Zivilisation der Zukunft das in Einklang, was den Untermenschen hervorgebracht hat, mit dem, was in seiner letzten Phase in uns lebt als Erbstück einer Zivilisation, die zum geistig-seelischen Menschen geführt hat?
[ 15 ] But the fact that such a thing could be created in the West is not an isolated phenomenon of civilized life. It is, after all, connected to the entire development of mental images, feeling, and thought. The people who brought this homunculus into life are, in their entire spiritual constitution, naturally oriented in a direction quite different from that of the Eastern person. One cannot understand life today unless one can grasp this contrast in all its intensity. For on the one hand, this modern human being still carries within himself the final metamorphosis of that which came to him from the East, and on the other hand, he has been absorbing for centuries that which is the very essence of Western spiritual life. A balance has not yet been achieved. Like two currents flowing separately from one another, there they stand: the current of the “superman,” albeit greatly altered, and the current of the “subhuman,” albeit still in its infancy. And modern man—the man of the present—when he becomes aware that these two currents are living side by side within his soul, suffers emotionally, spiritually, and likely even physically from the discord that arises from this. Certainly, these are things that unfold so deeply within what remains unconscious and subconscious that what rises into a person’s consciousness—not only into that, but even into their physical constitution—is something entirely different from the actual cause. Modern man finds himself nervous, finds himself dissatisfied with his circumstances. One could cite a hundred different examples of how this modern person feels a dissonance between themselves and their surroundings, and how this dissonance is also expressed in their physical health. What has been mentioned lies behind this. Behind it lies the great question: How, for the civilization of the future, do we reconcile that which has produced the “subhuman” with that which lives within us in its final phase as a legacy of a civilization that led to the spiritual-soul human?
[ 16 ] Dieses, was da liegt in den Kräften unserer Zivilisation, wie ich es Ihnen eben angeführt habe, das sucht sich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft besonders vor die Seele zu stellen. Sie sieht als ein notwendiges, von den bedeutsamsten Zeitforderungen getragenes Ziel vor sich einen Ausgleich zwischen den Seelenkräften, die in der einen Richtung, und den Seelenkräften, die in der anderen Richtung geführt haben. Und sie ist sich bewußt, wie ungeheuer notwendig und bedeutungsvoll es für die Menschheit ist, die Wege zu finden zu diesem Ziele. Instinktiv habe ich das orientalische Geistesleben genannt.
[ 16 ] This aspect of our civilization’s forces, as I have just described to you, is what anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to place particularly before the soul. It sees as a necessary goal—one driven by the most significant demands of our time—a balance between the soul forces that have led in one direction and those that have led in the other. And it is aware of how immensely necessary and significant it is for humanity to find the paths to this goal. Instinctively, I have referred to this as the spiritual life of the East.
[ 17 ] Aus den Instinkten der alten Menschen war dieses Geistesleben herausgeboren. Wir haben es als Erbstück erhalten. Aber wir haben es erhalten in einem schon intellektualisierten Zustande; in Begriffen, in Vorstellungen recht abstrakter Art hat es sich in unsere Zivilisation hineingelebt. Denn wir haben nicht mehr die Instinkte, die der ehemalige Träger dieses Geisteslebens hatte. Man mag, soviel man will, davon phantasieren, daß der gegenwärtige Mensch zur Naivität zurückkehren, daß er wiederum instinktiv werden soll. Man hat gewiß in einer Beziehung recht mit einer solchen Forderung. Allein die Naivität wird sich in anderer Weise ausdrücken als früher. Das Instinktleben wird nach anderen Richtungen gehen. Und zu fordern, wir sollten so werden wie Menschen früherer Jahrtausende, das kommt gleich der Forderung: der Erwachsene solle spielen wie das Kind. Nein, weder können wir zurückgehen, um unsere tiefsten Seelenbedürfnisse zu befriedigen, in die Zivilisation abgelebter Jahrtausende, noch können wir, wenn wir nicht in Dekadenz verfallen wollen, als abendländische Menschen «ex oriente lux» rufen; nein, das dürfen wir nicht rufen, aus dem Orient komme uns das Licht. Denn das Licht, das heute dort ist, das hat ebenfalls viele Metamorphosen durchgemacht, und wir können uns durchaus nicht der Illusion hingeben, daß das, was heute noch irgendwo im Orient zu finden ist, eine Spiritualität darstelle, die irgendwie fruchtbar in unsere Zivilisation hineingreifen könne. Es war eine Dekadenz der schlimmsten Art, als eine theosophische Bewegung sich geltend machte aus den religiösen und Kulturbedürfnissen des Abendlandes heraus, aus dem Maschinenzeitalter heraus, das sich auch eine mechanistische Weltanschauung, die den Menschen nicht befriedigen kann, gebildet hatte, es war Dekadenz der schlimmsten Sorte, daß man in dasjenige Gebiet ging, das die heutige dekadente orientalische Nachfolgerschaft eines geistigen Lebens früherer Zeiten hat. Wenn man indische Kultur heute aufgesucht hat, um sie der Theosophie des Abendlandes einzuverleiben, so zeigte das eben, wie unfruchtbar man geworden war, wie nicht mehr sich die Schaffenskräfte regen aus dem eigenen Geistesleben heraus, wie man nur groß sein konnte im Mechanistischen, wie man aber keinen eigenen Weg fand in diejenigen Gebiete hinein, die die Seele braucht zu ihrer Anschauung von dem wahren geistigseelischen Wesen des Menschen.
[ 17 ] This spiritual life was born out of the instincts of ancient people. We have inherited it. But we have inherited it in a state that has already been intellectualized; it has become ingrained in our civilization through mental images and ideas of a rather abstract nature. For we no longer possess the instincts that the former bearers of this spiritual life had. One may fantasize as much as one likes about modern humans returning to naivety, about them becoming instinctive once more. In one respect, such a demand is certainly justified. Yet naivety will express itself in a different way than it did in the past. Instinctual life will take different directions. And to demand that we become like people of earlier millennia is tantamount to demanding that an adult play like a child. No, neither can we go back to the civilization of bygone millennia to satisfy our deepest spiritual needs, nor can we—if we do not wish to fall into decadence—as Westerners cry out, “ex oriente lux”; no, we must not cry out that light comes to us from the East. For the light that is there today has likewise undergone many metamorphoses, and we certainly cannot succumb to the illusion that what can still be found somewhere in the East today represents a spirituality that could in any way fruitfully influence our civilization. It was decadence of the worst kind when a theosophical movement asserted itself out of the religious and cultural needs of the West, out of the Machine Age, which had also given rise to a mechanistic worldview incapable of satisfying human beings, it was decadence of the worst kind that people turned to the very realm that is today’s decadent Eastern successor to the spiritual life of earlier times. When people sought out Indian culture today in order to incorporate it into the theosophy of the West, it merely demonstrated how barren one had become, how the creative forces no longer sprang from one’s own spiritual life, how one could only be great within the mechanistic framework, yet could find no path of one’s own into those realms that the soul needs for its perception of the true spiritual and soul-life essence of the human being.
[ 18 ] Diese Tendenz liegt übrigens dem heutigen Leben nur allzu sehr zugrunde. Sehen wir denn nicht, wie diejenigen, die mit dem gegenwärtigen Christentum unzufrieden sind, oftmals nachforschen: Wie war das Christentum früher? Wie war das Urchristentum? Machen wir es wiederum so, wie es die Urchristen gemacht haben. Als ob wir nicht fortgeschritten wären seither, als ob wir nicht ein neues Verständnis des Christentums brauchten! Oh, es ist überall das Charakteristikon der Unfruchtbarkeit da, der Unmöglichkeit des eigenen Schaffens. Nein, das will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht: Anleihen machen bei irgendeiner alten Kultur oder bei der gegenwärtigen Nachfolgerschaft einer alten Kultur.
[ 18 ] Incidentally, this tendency is all too much at the root of life today. Do we not see how those who are dissatisfied with contemporary Christianity often ask: What was Christianity like in the past? What was early Christianity like? Let us do it again the way the early Christians did. As if we hadn’t progressed since then, as if we didn’t need a new understanding of Christianity! Oh, everywhere we see the hallmark of barrenness, of the impossibility of creating something of our own. No, that is not what anthroposophically oriented Spiritual Science wants: to borrow from some ancient culture or from the present-day followers of an ancient culture.
[ 19 ] Gerade wenn man das Konkrete desjenigen begreift, worin anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wurzelt, wird man das Gesagte leicht einsehen. Sie können hören, wie der heutige Orientale noch, ich möchte sagen, wie nachbildend alte Methoden, den Weg ins Geistige sucht in einem gewissen Atmungsprozesse, in einer Regelung des Atmens diejenige Menschheitskonstitution auszubilden sucht, durch die man innere Erkenntniskräfte und Fühlenskräfte und Willenskräfte findet, um in die geistige Welt hinaufzusteigen, wo der geistig-seelische Mensch zu finden ist, wo wahre Selbsterkenntnis ist. Der Orientale tut heute das, was der Orientale in früheren Jahrhunderten und Jahrtausenden immer für solchen Weg getan hat, er steigt herunter von dem bloßen intellektuellen Leben des Kopfes in das Leben des ganzen Menschen. Er weiß, welcher innere organische Zusammenhang ist zwischen der Art, wie wir ein-, wie wir ausatmen — ich werde in den nächsten Tagen davon noch sprechen — und dem Vorgang unseres Vorstellens und Denkens. Aber er weiß auch, daß das Denken und Vorstellen wie herauswächst aus dem Atmungsprozeß. Und so möchte er zurückgehen zu der Wurzel des Denkens, zum Atmungsprozeß. In einer Regulierung des Atmungsprozesses sucht er den Weg hinauf in die geistige Welt. Diesen Weg können wir nicht nachmachen. Würden wir ihn nachmachen, so würden wir sündigen wider unsere ganz anders gewordene Menschenkonstitution. Das innere Gefüge unseres Gehirns und Nervensystems ist ein anderes als dasjenige, aus dem die instinktive Geisteskultur des Orients hervorgegangen ist. Würden wir heute als das Richtige ansehen, uns nur einem regulierten Atmungsprozeß hinzugeben, so würden wir verleugnen das intellektuelle Leben. Wir würden verleugnen das, wofür wir heute konstituiert sind.
[ 19 ] It is precisely when one grasps the concrete nature of that in which anthroposophically oriented Spiritual Science is rooted that one will easily understand what has been said. You can hear how even today’s Oriental, I might say, by emulating ancient methods, seeks the path to the spiritual—seeking, through a certain breathing process, through the regulation of breathing, to develop that human constitution through which one finds the inner powers of knowledge, feeling, and will, in order to ascend into the spiritual world, where the spiritual-soul human being is to be found, where true self-knowledge lies. The Eastern person today does what the Eastern person has always done for such a path in earlier centuries and millennia: he descends from the purely intellectual life of the head into the life of the whole human being. He knows what inner organic connection exists between the way we inhale and exhale—I will speak more about this in the coming days—and the process of our mental images and thinking. But he also knows that thinking and mental images grow, as it were, out of the breathing process. And so he wishes to go back to the root of thinking—the breathing process. Through the regulation of the breathing process, he seeks the path upward into the spiritual world. We cannot follow this path. If we were to follow it, we would be sinning against our human constitution, which has become entirely different. The inner structure of our brain and nervous system is different from that from which the instinctive spiritual culture of the Orient arose. If we were to regard it as right today to devote ourselves solely to a regulated breathing process, we would be denying intellectual life. We would be denying that for which we are constituted today.
[ 20 ] Wir müssen, um die Wege in die geistige Welt hinaufzugehen, andere Metamorphosen einschlagen. Wir müssen nicht mehr zurückgehen vom Denken zu Leibesvorgängen wie dem Atem, wir müssen das Denken selber ausbilden. Deshalb muß heutige, auf der Höhe ihrer Zeit lebende Geisteswissenschaft sprechen von einer Ausbildung des intellektuellen Lebens, aber nicht desjenigen intellektuellen Lebens, das man heute fast einzig und allein kennt. Gerade dieses intellektuelle Leben hat uns für den ganzen Umfang des Lebens wie ausgedörrt gemacht, trocken und nüchtern gemacht. So sehr auch von einzelnen Seiten in der Gegenwart gewettert wird gegen den einseitigen Intellektualismus, man bringt ja nichts auf, um diesen Intellektualismus wirklich bekämpfen zu können. Man fühlt, die bloßen Begriffe, auch diejenigen, die aus der ernsten und gewissenhaften Wissenschaft genommen sind, lassen die Seele kalt, so daß sie die Wege durch das wahre Leben nicht findet. Aber man findet andererseits nicht die Möglichkeit, dieses intellektuelle Leben nach einer Richtung hin zu lenken, die befriedigend sein kann, weil man gerade dasjenige vermeiden will, was die hier gemeinte Geisteswissenschaft als das Richtige für den Gegenwartsmenschen ansehen muß. Der Gegenwartsmensch kann nicht, wenn er einsieht die Trockenheit, die Nüchternheit, das Einseitige des bloßen Intellektualismus, aus irgendeinem, wie man oftmals sagt, vorgedanklichen, primitiven elementarischen Leben heraus Emotionen holen, um sich aufzubessern als intellektueller Mensch. Er kann nicht, ich möchte sagen, in einem blindwütigen Leben, das man nicht versteht, dasjenige suchen, was er äußerlich anleimen will an die intellektualistische Zivilisation.
[ 20 ] In order to ascend the paths into the spiritual world, we must embark on different metamorphoses. We must no longer retreat from thinking to bodily processes such as breathing; rather, we must develop thinking itself. That is why Spiritual Science today, living at the height of its time, must speak of the cultivation of intellectual life—but not of the kind of intellectual life that is almost exclusively known today. It is precisely this intellectual life that has made us, as it were, parched, dry, and sober in regard to the whole scope of life. No matter how much certain quarters today rail against one-sided intellectualism, they offer nothing with which to truly combat this intellectualism. One senses that mere concepts—even those drawn from serious and conscientious science—leave the soul cold, so that it cannot find its way through true life. But on the other hand, one cannot find a way to steer this intellectual life in a direction that might be satisfying, precisely because one wants to avoid what Spiritual Science—as understood here—must regard as the right path for modern humanity. Modern man, once he recognizes the dryness, the sobriety, and the one-sidedness of mere intellectualism, cannot draw emotions from some—as is often said—pre-rational, primitive, elementary life in order to improve himself as an intellectual being. He cannot—I would say—seek, within a frenzied life that one does not understand, that which he wishes to superficially graft onto intellectualist civilization.
[ 21 ] Deshalb sucht anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft durch übungsmäßige Entwickelung der Seele dasjenige, wonach dieser moderne Mensch eigentlich zur wirklichen Befriedigung seiner Seele lechzt. Im einzelnen habe ich beschrieben im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft», in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in anderen meiner Schriften, wie dieser Weg in einer dem abendländischen Menschen angemessenen Weise gegangen werden soll. Prinzipiell will ich nur andeuten, daß es sich darum handelt, das Seelenleben so in die Hand zu nehmen, daß man allerdings vermeidet, Vorstellungen, Begriffe, Ideen ins Höchste hineingehend zu entwickeln, daß man also nicht einseitig bloß das Gedankenleben entwickelt, sondern die Seele so übt, daß mit den Gedanken selber, diee da kommen, die sich verbinden, die sich trennen, die lebendigsten Gefühle sich verbinden. Während heute der einseitige Intellektualist nüchtern in seinem Gedankenleben ist, aber auch dieses Gedankenleben spazieren läßt auf dem dem Leben fremden Gebiete der Wissenschaft oder auf anderen Gebieten und sonst gedankenlos sich ins Leben hineinlebt, sucht dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ihr Üben nennt, ins Denken sich zu vertiefen, aber an dieser Vertiefung des Denkens Gefühl zu entwickeln, so daß man sich freuen kann, zornig werden kann, daß man hassen und lieben kann das, was man nur denkt, wie man Menschen haßt und liebt, wie man zornig wird über äußere Ereignisse, daß ein ganzes inneres Leben aufgeht, in solcher Lebendigkeit aufgeht, wie das äußere Leben ist. Daß dies systematisch gemacht werden kann, dafür sollen eben die genannten Bücher Zeugnis ablegen.
[ 21 ] That is why anthroposophically oriented Spiritual Science seeks, through the deliberate development of the soul, that which modern human beings actually yearn for in order to truly satisfy their souls. I have described in detail in the second part of my *Secret Science*, in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, and in other writings of mine how this path should be followed in a manner appropriate to Westerners. In principle, I wish only to suggest that the aim is to take control of one’s soul life in such a way as to avoid developing mental images, notions, and ideas that reach into the highest realms—that is, to avoid developing the life of thought one-sidedly, but rather to train the soul so that the most vivid feelings are connected with the very thoughts that arise, combine, and separate. While today the one-sided intellectualist is detached in his life of thought—yet also allows this life of thought to wander into the realms of science, which are alien to life, or into other realms, and otherwise lives his life thoughtlessly—what anthroposophically oriented Spiritual Science calls “practice” seeks to delve deeply into thinking, but to develop feeling through this deepening of thought, so that one can rejoice, become angry, hate, and love what one merely thinks—just as one hates and loves people, just as one becomes angry at external events—so that a whole inner life blossoms, blossoms with the same vitality as external life. The books mentioned above are intended to bear witness to the fact that this can be done systematically.
[ 22 ] Dann aber, wenn der Mensch solche Wege aufsucht, wenn er wirklich das, was sonst in seinem Inneren schläft an Erkenntnis-, an Fühlens- und Wollenskräften, zur Entwickelung bringt, wenn er also nicht vom Leibe aus, wie die alte orientalische Kultur, in einem regulierten Atmungsprozeß, sondern von der Seele und vom Geiste aus seine Entwickelung in die Hand nimmt, dann findet er den Weg in die geistige Welt hinein. Und was wendet er für Kräfte an? Fr wendet die Kräfte an, durch die seine Zivilisation groß geworden ist. Er wendet die Kräfte an, die er auch anwandte, indem er seine Maschinen ausbaute, indem er seine mechanistischen Kopernikanischen, Galileischen, Keplerschen, Newtonschen astronomischen Anschauungen entwickelte. Was von unserem Geiste und von unserer Seele in die Maschinen hinein sich an Scharfsinn des Vorstellens entwickelt, was lebt in unserer Astronomie, in unserer Chemie, was liegt in unserem sozialen Leben, alles das wird ausgebildet. Der Orientale hatte das gar nicht. Er hätte sein Seelenleben nicht bis zu diesen Seelenkräften fortsetzen können. Er mußte zur Atmung des Leibes gehen, um den Erkenntnisweg zu beschreiten. Wir müssen einsetzen da, worinnen wir im äußeren praktischen Leben einsetzen. Wir müssen von denselben Seelen- und Geisteskräften ausgehen, die in unserer mechanistischen Kultur leben, die den Untermenschen in sieben- bis achthundert Millionen Exemplaren hervorgebracht haben. Wir müssen einen neuen Orient, das heißt, ein Erschauen des Höheren, des Ewigen, des unsterblichen Menschen aus dem Sinnlichsten, aus dem Maschinellsten, aus demjenigen herausbilden, was unserer abendländischen Zivilisation als der Weg zum Untermenschen sich erweist.
[ 22 ] But then, when a person seeks out such paths, when he truly develops those powers of cognition, feeling, and will that otherwise lie dormant within him—that is, when he takes charge of his development not from the body, as in ancient Eastern culture through a regulated breathing process, but from the soul and the spirit— then he finds the path into the spiritual world. And what forces does he employ? He employs the very forces through which his civilization has grown great. He employs the forces he also used when he built his machines, when he developed his mechanistic Copernican, Galilean, Keplerian, and Newtonian astronomical views. Whatever acuity of mental image develops within the machines from our spirit and soul, whatever lives in our astronomy and chemistry, whatever lies in our social life—all of this is cultivated. The Oriental did not possess this at all. He could not have extended his soul life to these soul forces. He had to turn to the breathing of the body in order to tread the path of knowledge. We must begin where we begin in our outer, practical life. We must start from the very same soul and spiritual forces that live in our mechanistic culture—the one that has produced seven to eight hundred million “subhumans.” We must shape a new Orient—that is, a vision of the Higher, the Eternal, and the immortal human being—out of the most sensual, the most mechanical, and that which proves to be the path to the subhuman in our Western civilization.
[ 23 ] Allerdings, es ist den modernen Menschen nicht in allen Punkten sympathisch, was also in die moderne Zivilisation sich hineinstellen will. Denn dieser moderne Mensch, er verlangt ja eben, das Kind solle sich entwickeln, denn das kann noch nicht selber die Entscheidung über seine Entwickelung treffen. In dem Augenblick, wo er selber die Entscheidung treffen soll, da läßt er sich nicht mehr ein auf die Entwickelung; da ist man fertig; da läßt man sich in die Stadtversammlung, ins Parlament wählen, denn man weiß ja alles. Man kennt alles. Man braucht nicht mehr hinunterzusteigen zu der Entwickelung der Fähigkeiten, durch die man etwas weiß. Man ist Kritiker für alles, wenn man nur einmal zum Bewußtsein seiner Willkür gekommen ist, wenn nur die anderen allein nicht mehr herummurksen dürfen in bezug auf die Entwickelung. Dieser moderne Mensch, er muß eben den Weg suchen, hinaufzusteigen wiederum zu jenen Höhen, wo man findet den geistig-seelischen Menschen.
[ 23 ] However, modern people do not find everything about what seeks to establish itself within modern civilization appealing. For this modern person demands that the child be allowed to develop, since the child cannot yet make decisions about its own development. The moment they are supposed to make the decision themselves, they no longer engage with the process of development; that’s the end of it; they let themselves be elected to the city council or to parliament, because, after all, they know everything. They know it all. They no longer need to delve into the development of the abilities through which they come to know something. One becomes a critic of everything once one has become aware of one’s own arbitrariness, once others alone are no longer allowed to meddle with regard to development. This modern human being must seek the path to ascend once again to those heights where one finds the spiritual-soul human being.
[ 24 ] Nun ist die Sache ja so, daß vorläufig der innere Antrieb, diesen geistig-seelischen Menschen zu suchen, den Weg zu diesen Erkenntnissen zu beschreiten, noch ein entsagungsvoller ist, denn dieser Weg fordert ein Leben, das allerdings in Schmerzen und Leiden vor sich geht, ein Leben, das heute noch nicht jeder gehen muß, nicht jeder gehen kann, auch nicht jeder zu gehen braucht. Aber geradeso, wie nicht jeder ein Chemiker werden kann, aber die Ergebnisse der Chemie für alle Menschen nützlich werden können, wie nicht jeder ein Astronom werden kann, aber die Ergebnisse der Astronomie in alle Seelen hineinspielen können, so kann es wenige Geistesforscher geben, aber die Ergebnisse dieser Geistesforschung, sie können — das habe ich hier oftmals gesagt - mit dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstande begriffen werden. Die wenigen Geistesforscher können ihre geistigen Schauungen mitteilen, und der gesunde Menschenverstand wird sie begreifen. Aber das leugnen ja heute gerade die Menschen. Sie kommen und sagen: Was du Geistesforscher uns mitteilst, das mögen schöne Phantasien sein; aber wir zergliedern es logisch, wir lassen es nicht gelten, denn vor unserem Menschenverstand zeigt es sich nicht. Zum höheren Schauen haben wir uns noch nicht hinaufgebildet.
[ 24 ] Now, the fact is that, for the time being, the inner drive to seek out this spiritual-soul human being and to embark on the path to these insights is still one of great self-sacrifice, for this path demands a life that is, admittedly, marked by pain and suffering—a life that not everyone must walk today, not everyone can walk, nor does everyone need to walk. But just as not everyone can become a chemist, yet the results of chemistry can be useful to all people; just as not everyone can become an astronomer, yet the results of astronomy can resonate within every soul—so too, there may be few spiritual researchers, but the results of this spiritual research can—as I have often said here—be understood with ordinary, sound common sense. The few spiritual researchers can share their spiritual visions, and common sense will grasp them. But that is precisely what people deny today. They come and say: What you spiritual researchers tell us may be beautiful fantasies; but we analyze it logically, we do not accept it, because it does not reveal itself to our human reason. We have not yet developed ourselves to the point of higher perception.
[ 25 ] Man erfährt ja auf diesem Gebiete ganz sonderbare Dinge. Eben ist wieder eine Broschüre erschienen über das, was ich als anthroposophisch orientierte Weltanschauung vor der Menschheit heute zu vertreten habe. Da sagt ein Mann, der, nun, «Universitätsprofessor» ist, der sagt da, wo er mich abkanzelt als Philosoph und, wie er sagt, als Theosoph: Ja, da behauptet dieser Steiner, daß man ja auch ein Chemiker werden müsse, um die chemischen Dinge zu verstehen, ein Physiker werden müsse, um die physischen Dinge zu verstehen; das kann man ihm zugeben. Aber nun ist es sehr merkwürdig, wie sich dieser Herr sonderbar verhält. Er sagt: Jeder kann einverstanden sein damit, daß die Chemiker dieses oder jenes behaupten, denn wenn er selbst Chemiker wird, so wird er ja einsehen, daß das richtig ist; jedermann kann einverstanden sein mit dem, was die Physiker behaupten, denn wenn er selbst Physiker wird, so wird er einsehen, daß das richtig ist, was die Physiker sagen. Aber um dasjenige einzusehen, was Geisteswissenschaft sagt, müßte man ja besondere Fähigkeiten entwickeln.
[ 25 ] One certainly learns some very strange things in this field. Another brochure has just been published about what I, as an anthroposophically oriented worldview, am supposed to represent to humanity today. There is a man—who is, well, a “university professor”—who, while rebuking me as a philosopher and, as he puts it, a theosophist, says: “Yes, this Steiner claims that one must also become a chemist to understand chemical matters, and a physicist to understand physical matters; one can grant him that.” But now it is very strange how this gentleman behaves. He says: Everyone can agree that chemists claim this or that, because if he himself becomes a chemist, he will see that it is true; anyone can agree with what physicists claim, because if one becomes a physicist oneself, one will see that what physicists say is correct. But in order to understand what Spiritual Science says, one would have to develop special abilities.
[ 26 ] Etwas anderes sage ich aber auch nicht. Wie der Mensch, um über Chemie ein Urteil zu haben, Chemiker werden muß, wie der Mensch, um über Physik ein Urteil zu haben, Physiker werden muß, so muß der Mensch, um über Geisteswissenschaft zu entscheiden, Geisteswissenschafter werden. Aber nun sagt, seinen Text weitersetzend, jener sonderbare - vielleicht ist er gar nicht sonderbar — Universitätsprofessor: Es handelt sich nicht darum, daß das, was Steiner behauptet, sich nur vor geisteswissenschaftlich geschulten Leuten rechtfertigen läßt, sondern es muß sich vor mir rechtfertigen lassen! Das heißt, es muß sich rechtfertigen lassen vor dem, der nicht nur keinen Dunst davon hat, sondern sich auch nicht verschaffen will.
[ 26 ] But that is exactly what I am saying. Just as a person must become a chemist to form an opinion about chemistry, and just as a person must become a physicist to form an opinion about physics, so too must a person become a scholar of Spiritual Science to form an opinion about Spiritual Science. But now, continuing his text, that strange—perhaps he isn’t strange at all—university professor says: The point is not that what Steiner claims can only be justified to people trained in Spiritual Science, but that it must be justifiable to me! That is to say, it must be justifiable to someone who not only has no clue about it but also has no desire to learn anything about it.
[ 27 ] Das ist allerdings ein «gesunder Menschenverstand», in Anführungszeichen geschrieben, der nicht taugt, das zu verstehen, was Geisteswissenschaft zu verzeichnen hat. Der unbefangene gesunde Menschenverstand wird es fassen. Ja, man wird über diese Dinge vielleicht in der Zukunft noch ganz anders denken, als man heute in vielen Kreisen gewohnt ist, zu denken. Die Welt ist da. Die Philosophen haben sich immer gestritten um die Welt. Nun, die Philosophen werden doch gesunden Menschenverstand haben. Und man kann sogar sagen, wenn man unbefangen ist: die Philosophie ist besser als ihr Ruf. Aber die Philosophen streiten sich. Und ist man unbefangen, so kann man sogar demjenigen einen gewissen Scharfsinn auf philosophischem Gebiete zubilligen, der das Gegenteil von dem sagt, was eben ein anderer vorbringt, wiederum aus einem gewissen Scharfsinn heraus. Ja, man kommt, wenn man hier auf diesem Gebiete unbefangen ist, dazu, ein sehr merkwürdiges Urteil über den gesunden Menschenverstand zu gewinnen. Er ist da. Die Leute reden im allgemeinen in diesem gesunden Menschenverstand. Aber er ist ja gar nicht geeignet, die Welt zu begreifen, sonst brauchten sich die Philosophen nicht zu streiten. Die Welt, die äußerlich den Sinnen vorliegt, so ohne weiteres zu begreifen, dazu scheint gar nicht zu taugen dieser gewöhnliche gesunde Menschenverstand. Man probiere es einmal, ob er dasjenige begreift, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, und man wird sehen: der Weg wird sich eröffnen, daß man gerade das begreifen wird. Es ist Wischiwaschi, nicht einmal bloß ein Vorurteil, wenn man sagt: Geisteswissenschafter behaupten auch verschiedenes; der eine das oder der andere das. Das sagt man ohne Kenntnis der Tatsachen. Lernt man die Tatsachen kennen, so wird man dies nicht mehr behaupten.
[ 27 ] However, this is a kind of “common sense”—in quotation marks—that is not sufficient to understand what Spiritual Science has to offer. Unbiased common sense will grasp it. Yes, people may well think about these things quite differently in the future than is customary in many circles today. The world is there. Philosophers have always argued about the world. Well, philosophers must surely possess common sense. And one can even say, if one is open-minded: philosophy is better than its reputation. But philosophers argue. And if one is open-minded, one can even acknowledge a certain acumen in the realm of philosophy on the part of someone who says the opposite of what another person is just putting forward—again, out of a certain acumen. Indeed, if one is unbiased in this area, one comes to form a very curious judgment about common sense. It exists. People generally speak from this common sense. But it is not at all suited to understanding the world; otherwise, philosophers would have no need to argue. This ordinary common sense does not seem at all suited to grasping the world as it appears externally to the senses. Try it for yourself to see if it grasps what Spiritual Science has to say, and you will see: the path will open up so that you will understand precisely that. It is mere nonsense—not even just a prejudice—to say: “Spiritual Science scientists also claim different things; one says this, another says that.” People say this without knowing the facts. Once one becomes acquainted with the facts, one will no longer make such a claim.
[ 28 ] So wird allerdings manches Vorurteil und namentlich manches Vorempfinden überwunden werden müssen, wenn sich die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in das moderne Leben hineinstellen soll. Aber sie wird sich hineinstellen müssen. Denn der Weg wird gefunden werden müssen, um die beiden Ihnen heute gekennzeichneten Geistesströmungen zu verbinden. Wir können keine Reaktionäre werden, um zurückzukehren zu früheren Geistesbildungen. Wir müssen uns hineinstellen in dasjenige, was das naturwissenschaftliche, das mechanistische Zeitalter hervorgebracht hat. Aber wir müssen die Kräfte, die einen Kopernikus, einen Galilei, einen Giordano Bruno, einen Röntgen, einen Becquerel und so weiter bis in unsere Tage hervorgebracht haben, wir müssen die Kräfte so weit vergeistigen, daß wir durch dieselben Kräfte der menschlichen Seele, durch die wir Maschinen bauen, auch hinaufsteigen zur Erkenntnis des geistig-seelischen Menschen. Dann werden wir nicht mehr bloß vom Geiste reden, dann werden wir dem Streben nach dem Geiste einen Inhalt zu geben vermögen.
[ 28 ] However, certain prejudices—and especially certain preconceptions—will have to be overcome if the anthroposophically oriented Spiritual Science referred to here is to find its place in modern life. But it will have to do so. For a way will have to be found to connect the two spiritual currents I have outlined for you today. We cannot become reactionaries in order to return to earlier forms of spiritual development. We must engage with what the age of natural science and mechanistic thought has brought forth. But we must spiritualize the forces that have produced a Copernicus, a Galileo, a Giordano Bruno, a Röntgen, a Becquerel, and so on right up to our own day—we must spiritualize these forces to such an extent that, through the very same forces of the human soul with which we build machines, we may also ascend to the knowledge of the spiritual-soul human being. Then we will no longer merely speak of the spirit; then we will be able to give substance to the striving for the spirit.
[ 29 ] Das ist es, was dem tieferen Betrachter der Gegenwartszivilisation so nahegeht, daß die Leute heute viel vom Geiste reden, aber diesem Reden vom Geiste keinen Inhalt geben. Dadurch entstehen Weltanschauungen auf der einen Seite, entsteht die Lebenspraxis unorganisch mit diesen Weltanschauungen verbunden auf der anderen Seite so, wie sich ausnehmen würde unsere geisteswissenschaftlich schaffende Weltanschauung in einem Hause, das einen alten Baustil trägt. Unsere geisteswissenschaftlich orientierte Weltanschauung will in Bauformen leben, die aus ihr selbst geboren sind. Sie soll so schaffen und kann so schaffen, daß sie das äußere materielle Leben bis in die technischen Einzelheiten, bis in die sozialen Verkettungen zu durchdringen vermag. Dann wird diese Geisteswissenschaft der Träger einer Zivilisation werden können, die die rechten Wege findet zu den Zielen, die heute angedeutet worden sind. Dann wird diese Geisteswissenschaft es sein, welche nicht mehr groß werden läßt jenes Leben, von dem man sagen kann: Nun ja, einzelne streben wieder nach dem Geiste hin; sie verlangen, daß der Mensch, der in der Fabrik hart arbeitet, nicht mehr bloß in der Fabrik arbeitet, sondern daß er Zeit genug übrig habe, um sich auch dem Geiste zu widmen. Oh, nein, das verlangt Geisteswissenschaft nicht allein, daß man in der Fabrik zu arbeiten hat und, wenn man die Türe hinter sich zuschließt, dann heraustritt aus der Fabrik, um da das Geistesleben zu finden. Nein, das Umgekehrte verlangt Geisteswissenschaft, daß, wenn man sie aufschließt, die Fabrik, um zur Arbeit zu gehen, man den Geist hineintrage, damit jede Maschine durchgeistigt ist von dem, was auch die Weltanschauung in die höchsten Höhen des Erkennens, des Unsterblichen hinaufträgt. Nicht Zeit übrig lassen für den Geist möchte die Geisteswissenschaft, sondern alle Zeit durchtränken von dem, was der Mensch als den Inhalt seines Geistes finden kann.
[ 29 ] This is what troubles the deeper observer of contemporary civilization so much: that people today speak a great deal about the spirit, but give no substance to this talk about the spirit. This gives rise, on the one hand, to worldviews, and on the other hand, to a way of life that is inorganically linked to these worldviews—just as our worldview, shaped by the Spiritual Science, would appear out of place in a house built in an old architectural style. Our spiritual-scientific worldview seeks to live in architectural forms born of itself. It should—and can—create in such a way that it is able to permeate external material life down to the technical details and social interconnections. Then this Spiritual Science will be able to become the bearer of a civilization that finds the right paths to the goals that have been outlined today. Then it will be this Spiritual Science that will no longer allow that way of life to flourish—the one about which one might say: “Well, yes, some individuals are striving toward the spirit again; they demand that the person who works hard in the factory no longer merely work in the factory, but that he have enough time left over to devote himself to the spirit as well.” Oh, no, Spiritual Science does not merely demand that one must work in the factory and, upon closing the door behind oneself, step out of the factory to find spiritual life there. No, Spiritual Science demands the opposite: that when one opens the factory door to go to work, one carries the spirit into it, so that every machine is imbued with that which also lifts the worldview to the highest heights of knowledge, to the immortal. Spiritual Science does not seek to leave time unclaimed for the spirit, but rather to imbue all time with what human beings can find as the content of their spirit.
[ 30 ] Nun, die Menschen schreien heute vielfach nach Geist. Eben ist ein Buch über den Sozialismus erschienen - es gibt allerlei gefühlvolle und auch manchmal verständige Anschauungen — von Robert Wilbrandt, dem Tübinger Universitätsprofessor. Es tönt aus: Ja, aber wir kommen mit dem Sozialismus doch nicht weiter, wenn wir nicht den neuen Geist, die neue Seele finden. Auf den letzten Seiten des Buches also der Schrei nach dem Geist, nach der Seele! Führt man einen solchen Mann, eine solche Persönlichkeit jedoch dahin, wo dem Geiste Inhalt gegeben werden soll, wo man nicht nur in abstracto nach dem Geiste und der Seele deutet, wo man von geistigen und Seeleninhalten spricht, wie sonst die Naturwissenschaft von natürlichen Inhalten spricht, da drückt sich die betreffende Persönlichkeit hinweg, da hat sie nicht den Mut, zum wirklichen inhaltsvollen Geiste sich zu bekennen. Und so sehen wir das bei vielen. Sie schreien nach dem Geiste. Aber wenn dann der Geist einen wirklichen Inhalt sucht, dann finden sie sich nicht ein. Sie bleiben beim bloßen Hinweisen auf ein abstraktes Zusammenschließen der Menschenseelen mit dem Geistigen. Das ist dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft als Weg sucht: den Weg zum wirklichen geistigen Inhalte, zu einer wirklichen geistigen Welt, aus unseren eigenen organischen Erkenntniskräften heraus als Ziel sucht: sich die bloß unorganisch in uns zusammengefügten zwei Strömungen, den Orientalismus und den Okzidentalismus, zu einem Streben auszubilden, das aus unserem eigenen Streben den Weg wie hinunter in den Mechanismus, so hinauf in die höchste Spiritualität findet.
[ 30 ] Well, people today are often crying out for spiritual guidance. A book on socialism has just been published—it contains all sorts of heartfelt and sometimes even sensible views—by Robert Wilbrandt, the professor at the University of Tübingen. It makes the point: Yes, but we won’t get anywhere with socialism unless we find the new spirit, the new soul. So on the last pages of the book, there is a cry for the spirit, for the soul! However, if one leads such a man, such a personality, to the place where the spirit is to be given substance—where one does not merely speak of the spirit and the soul in the abstract, where one speaks of spiritual and soulful content just as natural science speaks of natural content—then that personality shies away; he lacks the courage to profess a commitment to a truly substantive spirit. And so we see this in many people. They cry out for the spirit. But when the spirit then seeks real content, they fail to come forward. They remain content with merely pointing to an abstract union of human souls with the spiritual. This is precisely what anthroposophically oriented Spiritual Science seeks as a path: the path to real spiritual content, to a real spiritual world, which it seeks as a goal arising from our own organic powers of cognition: to develop the two currents—Orientalism and Occidentalism—which are merely inorganically fused within us, into a striving that, out of our own striving, finds the path both down into the realm of mechanism and up into the highest spirituality.
[ 31 ] Den weiteren Ausführungen dieses Themas, die ich morgen und übermorgen geben werde, wo auch manches wird breiter charakterisiert werden können, als ich das heute in der Einleitung tun konnte, will ich zum Schlusse heute nur das Folgende noch vorausschicken. Der Ruf nach einer neuen Geistigkeit, er geht heute durch viele Herzen, durch viele Gemüter, und in einer gewissen Weise ahnt man schon, daß unser Unglück, das sich so furchtbar, so schrecklich geoffenbart hat in den letzten fünf Jahren, in der äußeren Welt zusammenhängt damit, daß unser Geist in eine Sackgasse geraten ist. Daß durchbrochen werden müsse eine Wand, um vorwärtszukommen im Geiste. Geahnt wird, daß wir im Sozialen, im Politischen, im äußerlich Technischen nicht weiterkommen ohne einen neuen Geist. Ein Mann, der vielleicht nicht immer eine ganz vorteilhafte, aber doch vielleicht eine gescheitere Rolle als mancher seiner Kollegen unter den «Staatsmännern» - ich sage das in Anführungszeichen, wenn ich von Staatsmännern heute spreche - in den letzten Jahren gespielt hat, der hat nun auch - Staatsmänner und Generäle schreiben ja heute Kriegserinnerungen -, der hat nun auch seine Kriegserinnerungen geschrieben. Sie endigen mit den folgenden Worten:
[ 31 ] As for the further discussion of this topic, which I will present tomorrow and the day after tomorrow—when I will also be able to elaborate on certain points more fully than I could today in this introduction—I would like to conclude today by simply offering the following preliminary remark. The call for a new spirituality resonates today in many hearts and minds, and in a certain sense, people already sense that our misfortune—which has manifested itself so terribly, so horribly over the past five years—is connected, in the external world, to the fact that our spirit has reached a dead end. That a wall must be broken through in order to move forward in spirit. There is a sense that we cannot make progress in social, political, or technical matters without a new spirit. A man who may not always have played a wholly beneficial role, but who may nevertheless have played a wiser one than some of his colleagues among the “statesmen”—I put that in quotation marks when I speak of statesmen today—in recent years, has now also—since statesmen and generals do, after all, write their war memoirs these days—has now also written his war memoirs. They conclude with the following words:
[ 32 ] «Der Krieg geht weiter, wenn auch in veränderter Form. Ich glaube, daß die kommenden Generationen das große Drama, welches seit fünf Jahren die Welt beherrscht, gar nicht den Weltkrieg nennen werden, sondern die Weltrevolution...»
[ 32 ] “The war continues, albeit in a different form. I believe that future generations will not even call the great drama that has dominated the world for the past five years a world war, but rather a world revolution...”
[ 33 ] Das sagt Czernin, der österreichische Staatsmann. Also wenigstens einer sieht schon Dinge ein, wie sie zusammenhängen, wenn auch noch in sehr beschränktem Maße. Und er fährt fort:
[ 33 ] That is what Czernin, the Austrian statesman, says. So at least one person already sees how things are connected, even if only to a very limited extent. And he continues:
[ 34 ] «... und wissen werden, daß diese Weltrevolution nur mit dem Weltkrieg begonnen hat. Weder Versailles noch Saint Germain werden ein dauerndes Werk schaffen. In diesem Frieden liegt der zersetzende Keim des Todes. Die Krämpfe, die Europa schütteln, sind noch nicht im Abnehmen. So wie bei einem gewaltigen Erdbeben dauert das unterirdische Grollen an. Immer wieder wird sich bald hier, bald dort die Erde öffnen und Feuer gegen den Himmel schleudern, immer wieder werden Ereignisse elementaren Charakters und elementarer Gewalt verheerend über die Länder stürmen. Bis alles das hinweggefegt ist, was an den Wahnsinn dieses Krieges und die französischen Frieden erinnert.
[ 34 ] “... and will come to realize that this world revolution has only just begun with the World War. Neither Versailles nor Saint-Germain will create a lasting peace. Within this peace lies the corrosive seed of death. The convulsions shaking Europe are not yet subsiding. Just as with a violent earthquake, the subterranean rumbling continues. Again and again, the earth will split open—here and there—and hurl fire toward the sky; again and again, events of elemental nature and elemental power will sweep devastatingly across the lands. Until everything that reminds us of the madness of this war and the French peace has been swept away.
[ 35 ] Langsam, unter unsäglichen Qualen, wird eine neue Welt geboren werden. Die kommenden Generationen werden zurückblicken auf unsere Zeit wie auf einen langen bösen Traum, aber der schwärzesten Nacht folgt einmal der Tag. Generationen sind in das Grab gesunken, ermordet, verhungert, der Krankheit erlegen. Millionen sind gestorben in dem Bestreben, zu vernichten und zu zerstören, Haß und Mord im Herzen.
[ 35 ] Slowly, amid unspeakable torment, a new world will be born. Future generations will look back on our time as if it were a long, evil dream, but even the darkest night is eventually followed by day. Generations have been laid to rest, murdered, starved to death, or succumbed to disease. Millions have died in the pursuit of destruction and ruin, with hatred and murder in their hearts.
[ 36 ] Aber andere Generationen erstehen und mit ihnen ein neuer Geist. Sie werden aufbauen, was Krieg und Revolution zerstört haben. Jedem Winter folgt der Frühling. Auch das ist ein ewiges Gesetz im Kreislauf des Lebens, daß dem Tod die Auferstehung folgt.
[ 36 ] But other generations will arise, and with them a new spirit. They will rebuild what war and revolution have destroyed. Every winter is followed by spring. This, too, is an eternal law in the cycle of life: that death is followed by resurrection.
[ 37 ] Wohl denen, die berufen sein werden, als Soldaten der Arbeit die neue Welt mitaufzubauen.»
[ 37 ] “Blessed are those who will be called upon to help build the new world as soldiers of labor.”
[ 38 ] Auch hier aus einem beschränkten staatsmännischen Geist der alten Zeit heraus der Ruf nach dem neuen Geiste. Nun ja, dieser Ruf nach dem neuen Geiste muß nur begriffen werden und wahr und ernst genug in den Menschenseelen Wurzeln fassen. Denn auch das Äußerlichste im Leben hängt mit dem Innerlichsten, die äußerlichsten materiellen Ereignisse mit den iinnerlichsten geistigen Erlebnissen zusammen. Und wenn wir anschauen, was sich als der Geist, der im Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreicht hat, ausgelebt hat in den Ereignissen der letzten Jahre, dann werden wir verstehen, daß der Ruf eintreten muß nach einem neuen Geistesleben. Mit diesem neuen Geistesleben möchte ihre Wege und Ziele die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zum Aufbau der Welt ebenso verbunden haben, wie diejenigen geistigen Bestrebungen, die sie bekämpfen, ersichtlich verbunden sind mit den furchtbaren Ereignissen der letzten Jahre.
[ 38 ] Here, too, the call for a new spirit arises from the limited statesmanlike mindset of the old era. Well, this call for a new spirit need only be understood and take root in people’s souls with sufficient truth and seriousness. For even the most external aspects of life are connected to the most internal; the most external material events are linked to the most internal spiritual experiences. And when we look at how the spirit—which reached its peak at the beginning of the 20th century—has played out in the events of recent years, we will understand that the call for a new spiritual life must arise. Anthroposophically oriented Spiritual Science wishes to have its paths and goals linked to the building of the world through this new spiritual life, just as those spiritual endeavors that oppose it are clearly linked to the terrible events of recent years.
[ 39 ] Ich habe noch in diesen Tagen einen merkwürdigen Vortrag gelesen, der im Baltenlande gehalten worden ist - merken Sie auf das Datum - am 1. Mai 1918. Da klingt der Vortrag eines Physikers, am 1. Mai 1918, aus in die Worte: Der Weltkrieg hat doch gezeigt, daß noch zu isoliert dastehen die geistigen Bestrebungen der Gegenwart, die wissenschaftlichen Arbeiten der Gegenwart. Der Weltkrieg — so ungefähr sagt dieser Physiker — hat uns gelehrt, daß zukünftig dasjenige, was in den wissenschaftlichen Laboratorien gearbeitet wird, in innerem organischem Zusammenhange, in fortwährendem innerem Ideenaustausch mit dem stehen muß, was in den Generalstäben gearbeitet wird. Es muß ein innigstes Bündnis angestrebt werden — so sagt dieser Physiker - zwischen der Wissenschaft und dem Generalstab. Darin sieht er das Heil der Zukunft!
[ 39 ] Just recently, I read a remarkable lecture that was given in the Baltic States—note the date—on May 1, 1918. This lecture by a physicist, delivered on May 1, 1918, concludes with the following words: The World War has shown, after all, that the intellectual endeavors of the present, the scientific work of the present, are still too isolated. The World War—as this physicist puts it, more or less—has taught us that in the future, the work carried out in scientific laboratories must be in an inner, organic connection, in a continuous inner exchange of ideas, with the work carried out in the general staffs. We must strive for the closest possible alliance—so says this physicist—between science and the General Staff. In this, he sees the salvation of the future!
[ 40 ] Man sieht, die Wissenschaft der Vergangenheit kann Bündnisse, die zwischen ihr und den zerstörendsten Kräften der Menschheit geschlossen werden, sogar als Ideal ansehen. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft möchte das Bündnis zwischen ihrem geistigen Streben und allen wahrhaft aufbauenden Kräften der Menschheitszivilisation schließen.
[ 40 ] As we can see, the science of the past can even regard alliances formed between itself and the most destructive forces of humanity as an ideal. Anthroposophically oriented Spiritual Science seeks to forge an alliance between its spiritual aspirations and all the truly constructive forces of human civilization.
