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From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334

7 January 1920, Basel

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Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus
  1. From a Unitary State to a Tripartite Social Organism, tr. SOL

3. Die Sittlichen und Religiösen Kräfte im Sinne der Geisteswissenschaft

3. Moral and Religious Forces in the Sense of Spiritual Science

[ 1 ] Eine Anschauung von der Welt, wie sie ja auch die geisteswissenschaftliche sein will, muß sich dadurch bewähren, daß sie dem Menschen eine Stütze gibt für dasjenige, was er im Leben braucht. Stütze für das Leben muß das sein, was wir nennen können moralische Tüchtigkeit, moralische Kraft. Stütze für das Leben muß aber auch unter anderem dasjenige sein, was wir nennen können die innere Seelenverfassung, die dem Menschen werden kann dadurch, daß er sich in dem großen Weltenganzen als ein Glied fühlt, daß er sich so eingegliedert fühlt in das Weltenganze, wie es entspricht dem, was man nennen kann sein religiöses Bedürfnis. Was nun zunächst die innere moralische Kraft des Menschen betrifft, so hat Schopenhauer ein treffliches Wort gesprochen, wenn auch die weiteren Ausführungen, die er an diese Worte in seiner Art geknüpft hat, recht anfechtbar erscheinen. Er sagte: Moral predigen ist leicht, Moral begründen ist schwierig. — Dies ist tatsächlich ein wahres Lebenswort. Denn einsehen im allgemeinen, was das Gute ist, was das moralische Leben von uns fordert, das ist als eine Sache des Intellektes verhältnismäßig leicht. Dagegen heraufholen aus den Urkräften der Seele diejenigen Antriebe, die im Menschen notwendig sind, damit er sich in das Lebensgefüge als ein moralisch Kraftvoller hineinstellt, das ist schwierig. Das aber heißt erst Moral begründen. Moral begründen heißt nicht bloß sagen, was gut, was moralisch ist. Moral begründen heißt an den Menschen solche Impulse heranbringen, welche, indem er sie in sein Seelenleben aufnimmt, in ihm eine wirkliche Kraft, eine wirkliche Tüchtigkeit werden.

[ 1 ] A view of the world—such as the one pursued by Spiritual Science—must prove its worth by providing people with a foundation for what they need in life. This foundation for life must be what we might call moral competence, moral strength. But support for life must also include, among other things, what we might call the inner state of mind that a person can attain by feeling themselves to be a part of the great whole of the world—by feeling so integrated into the whole of the world in a way that corresponds to what might be called their religious need. Now, as far as a person’s inner moral strength is concerned, Schopenhauer spoke a most apt word, even if the further elaborations he attached to these words in his own way seem quite open to criticism. He said: “Preaching morality is easy; justifying morality is difficult.” — This is indeed a true word of wisdom. For generally speaking, understanding what is good and what a moral life demands of us is, as a matter of the intellect, relatively easy. On the other hand, drawing from the primal forces of the soul those impulses that are necessary for a person to position himself within the fabric of life as a morally powerful being—that is difficult. But that is what it means to establish morality. Establishing morality does not mean merely stating what is good or moral. Establishing morality means imparting to human beings such impulses that, as they are absorbed into their inner life, become a real strength and a real capacity within them.

[ 2 ] Nun steht der Mensch unserer gegenwärtigen Zivilisationsstufe mit Bezug auf sein sittliches Bewußtsein in einer ganz eigenartigen Weise in der Welt drinnen, in einer Weise, die durchaus nicht immer voll bewußt beobachtet wird, die aber der Grund ist für mancherlei Unsicherheit und Haltlosigkeit, die sich im Leben der Menschen geltend machen. Wir haben auf der einen Seite unser intellektualistisch orientiertes Wissen, unsere Erkenntnis, die es uns möglich macht, in die Naturerscheinungen einzudringen, die es uns möglich macht, das Weltenganze in unser Vorstellen bis zu einem gewissen Grade aufzunehmen, die es uns möglich macht, in einem allerdings, wie wir in den zwei letzten Betrachtungen hier gesehen haben, sehr eingeschränkten Maße uns auch Vorstellungen über das Wesen des Menschen zu machen.

[ 2 ] At our present stage of civilization, human beings, in terms of their moral consciousness, are situated in the world in a very peculiar way—a way that is by no means always fully and consciously observed, but which is the root cause of various forms of uncertainty and instability that manifest themselves in people’s lives. On the one hand, we have our intellectually oriented knowledge, our understanding, which enables us to penetrate natural phenomena, which enables us to take in the totality of the world into our mental images to a certain degree, and which enables us—albeit, as we have seen in the last two reflections here, to a very limited extent—to form ideas about the nature of the human being.

[ 3 ] Neben dem, was da in uns aufleuchtet als unsere Erkenntnisfähigkeit, als alles dasjenige, was, ich möchte sagen, dirigiert wird von unserer Menschenlogik, neben all dem macht sich geltend, muß sich geltend machen im Menschen ein anderes Element seines Wesens, dasjenige, aus dem ihm seine sittliche Pflicht, seine sittliche Liebe, kurz, die Antriebe zum moralischen Handeln quellen. Und man muß sagen: der moderne Mensch lebt auf der einen Seite in seinen Erkenntnisfähigkeiten und ihren Ergebnissen, auf der anderen Seite lebt er in dem, was seine moralischen Antriebe sind. Beides sind Seeleninhalte. Aber es ist für diesen modernen Menschen im Grunde genommen zunächst wenig Vermittlung zwischen beiden, so wenig Vermittlung, daß zum Beispiel Kant den Ausspruch tun konnte: Zweierlei sei ihm das Wertvollste in der Welt, der gestirnte Himmel über ihm, das moralische Gesetz in ihm. — Aber gerade diese Kantsche Vorstellungsart, die in dem modernen Menschen west, sie kennt keine Brücke zwischen dem, was zur Erkenntnis der Welt auf der einen Seite führt, und dem, was moralische Impulse auf der anderen Seite sind. Wie unvermittelt betrachtet Kant das Erkenntnisleben in seiner «Kritik der reinen Vernunft», das moralische Leben in seiner «Kritik der praktischen Vernunft».

[ 3 ] Alongside what shines within us as our capacity for knowledge—as everything that, I might say, is guided by our human logic—alongside all of that, another element of our being asserts itself, must assert itself in human beings: the very element from which spring our moral duty, our moral love—in short, the impulses toward moral action. And one must say: modern man lives, on the one hand, in his cognitive faculties and their results; on the other hand, he lives in what constitutes his moral impulses. Both are contents of the soul. But for this modern human being, there is, in essence, initially little mediation between the two—so little mediation that, for example, Kant could make the statement: “Two things are most precious to him in the world: the starry heavens above him and the moral law within him.” — But it is precisely this Kantian mode of thought that has faded in modern man; it knows of no bridge between what leads to the knowledge of the world on the one hand and what constitutes moral impulses on the other. How abruptly Kant considers the life of cognition in his *Critique of Pure Reason* and the moral life in his *Critique of Practical Reason*.

[ 4 ] Und wir müssen eigentlich sagen, wenn wir völlig ehrlich sind gegenüber unserem Zeitbewußtsein, daß hier ein Abgrund liegt zwischen zweierlei Erlebnissen der Menschennatur. Indem die heutige Wissenschaft sich Vorstellungen macht über den Gang der Weltenentwickelung in den verschiedensten Wissensgebieten, betrachtet sie das Geschehen der Natur von den einfachsten Lebewesen, ja von der unorganischen Natur an bis herauf zum Menschen. Sie macht sich Vorstellungen darüber, wie etwa dieses uns unmittelbar vorliegende Weltenganze entstanden sei. Sie macht sich auch Vorstellungen, in welchen Vorgängen das einstmalige Ende dieses uns zunächst vorliegenden Weltenganzen sich abspielen könnte. Aber nun quillt aus dem Menschen, der doch eingesponnen ist in diese Naturordnung, das hervor, was er seine sittlichen Ideale nennt. Und diese sittlichen Ideale empfindet der Mensch so, daß er eigentlich sich selbst nur als wertvoll fühlen kann, wenn er diesen Idealen folgt, wenn eine Übereinstimmung ist zwischen ihm und diesen Idealen. Der Mensch macht seinen Wert abhängig von diesen sittlichen - Idealen. Aber wenn wir uns vorstellen, daß einstmals durch die Naturkräfte, die dem Menschen zugänglich werden durch seine Erkenntnis, das uns zugängliche Weltenganze seinem Ende entgegengeht, wo bleibt für das heutige Zeitbewußtsein dasjenige, was der Mensch aus seinen sittlichen Idealen, aus seinen moralischen Antrieben heraus schafft? Wer ehrlich ist, wer nicht in Nebuloses einhüllt dasjenige, was heutiges Zeitbewußtsein ist, der muß sich sagen: Diese sittlichen Ideale sind vor der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Anschauung etwas, wonach sich der Mensch im Leben zwar richten muß, wodurch aber nichts entsteht, was einstmals triumphieren könnte, wenn die Erde mit dem Menschen selbst ihrem Untergang entgegengeht.

[ 4 ] And if we are completely honest with our sense of time, we must actually say that there is a chasm here between two different ways of experiencing human nature. As modern science forms mental images about the course of world development across a wide variety of fields of knowledge, it observes the processes of nature—from the simplest living beings, indeed from inorganic nature itself, all the way up to human beings. It forms mental images about how, for example, this totality of the world that lies immediately before us came into being. It also forms mental images about the processes through which the eventual end of this totality of the world—which we initially perceive—might unfold. But now, from human beings—who are, after all, woven into this natural order—springs forth what they call their moral ideals. And human beings perceive these moral ideals in such a way that they can truly feel themselves to be of value only when they follow these ideals, when there is harmony between themselves and these ideals. Human beings make their value dependent on these moral ideals. But if we have a mental image of the situation in which, through the forces of nature—which become accessible to human beings through their knowledge—the totality of the world as we know it is one day heading toward its end, what remains for today’s sense of time of that which human beings create out of their moral ideals and moral impulses? Anyone who is honest—who does not shroud contemporary consciousness in a fog of obscurity—must admit to themselves: From the perspective of current scientific thought, these moral ideals are something by which human beings must certainly guide their lives, but through which nothing arises that could one day triumph when the Earth, together with humanity itself, is heading toward its demise.

[ 5 ] Es ist für das heutige Zeitbewußtsein, das muß man sich nur gestehen, keine Brücke zwischen den Erkenntnisfähigkeiten, die zum Naturwissen führen, und den Fähigkeiten, welche uns beherrschen, indem wir sittliche Wesen sind. Dem Menschen wird nicht alles bewußt, was in den Tiefen seiner Seele vorgeht. Vieles bleibt unbewußt. Aber was da unten unbewußt rumort, das macht sich geltend im Leben durch Disharmonien, durch seelische oder sogar leibliche Krankheitserscheinungen. Und wer nur unbefangen sehen will in dasjenige, was heute vorgeht, der wird sich sagen müssen: d wogt unser Leben, und da sind die Menschen in diesem Leben drinnen mit allen möglichen seelischen und leiblichen Zwiespalten. Und das, was da wogt, das wogt auf aus einer Tiefe herauf, in der allerdings so etwas tätig ist wie jene schwachen Menschheitskräfte, die keine Brücke bauen können zwischen dem moralischen Leben und dem Naturerkennen. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft stellt sich zu diesen Fragen in der folgenden Art. Sie muß verlassen alles dasjenige, was auf der einen Seite nur theoretische Anschauung der äußeren Wirklichkeit ist. Sie muß also alles das erkennen — das habe ich in den beiden letzten Vorträgen hier ausgeführt —, was den Menschen gewissermaßen bei dieser Anschauung von der Natur ausschalten möchte, damit nur ja eine rechte Objektivität entstehen könne.

[ 5 ] For today’s sense of time—and we must simply admit this—there is no bridge between the cognitive abilities that lead to knowledge of nature and the abilities that govern us as moral beings. Human beings are not aware of everything that goes on in the depths of their souls. Much remains unconscious. But what stirs unconsciously down there makes itself felt in life through disharmony, through psychological or even physical symptoms of illness. And anyone who simply wishes to look impartially at what is happening today will have to admit: our life is in turmoil, and people are caught up in this life with all manner of psychological and physical conflicts. And what is surging there rises up from a depth in which something is indeed at work—namely, those weak human forces that are unable to build a bridge between moral life and the understanding of nature. Anthroposophically oriented Spiritual Science approaches these questions in the following way. It must abandon everything that, on the one hand, is merely a theoretical view of external reality. It must therefore recognize—as I have explained in my last two lectures here—everything that, so to speak, seeks to shut the human being out of this view of nature, so that true objectivity may indeed arise.

[ 6 ] Was ich als Weg in die geistige Welt charakterisierte, das stellt sich ja - ich möchte zusammenfassend das noch einmal sagen — etwa in der folgenden Art dar: Zunächst muß sich derjenige, der diesen Weg in die geistige Welt hinein gehen will, einer gewissen inneren seelisch-geistigen Arbeit hingeben. In meinen Büchern habe ich zusammenfassend dieses innere Üben, dieses innere geistig-seelische Arbeiten eine Meditations-, eine Konzentrationsarbeit genannt. Diese Arbeit bringt den Menschen in die Lage, sich seinem Vorstellungsleben anders gegenüberzustellen, als das im gewöhnlichen Leben geschieht, wenn wir die Naturerscheinungen oder auch das soziale Leben verfolgen. Es ist ein vollständiges Zusammensein mit den Vorstellungen, die sonst nur schattenhaft die äußeren Eindrücke begleiten. Wie wir sonst, so sagte ich, mit unserem Gefühl, mit unseren Sympathien und Antipathien Menschen oder der Natur oder sonst etwas im physischen Leben gegenüberstehen, wie wir Tatsachen gegenüberstehen mit unseren Willensemotionen, so stehen wir als einer, der den Weg in die geistige Welt sucht, den bloßen Vorstellungen gegenüber. Wie Vorstellungen auftreten, das regt uns auf, das fordert unsere Sympathie und Antipathie heraus, das regt unsere ganze Lebenskraft an. Das wird für uns ein Schicksal. Wir machen, während wir äußerlich ganz ruhig sind, innerlich etwas durch, was durchaus nicht schwächer ist als dasjenige, was wir sonst als Lebensschicksal in der äußeren Welt durchmachen. Wir verdoppeln gewissermaßen unser Leben. Während wir sonst in Aufregung geraten, Sympathie und Antipathie entwickeln, Willensimpulse geltend machen nur im äußeren Leben, äußeren Ereignissen gegenüber, tragen wir das, was uns sonst nur in dieser äußeren materiellen Welt beschäftigt, hinein in unser inneres Gedankenleben. Können wir dies — und jeder Mensch kann es, wenn er in der Art sich übt, wie ich es beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder in meiner «Geheimwissenschaft» -—, kommt der Mensch dazu, dies wirklich auszuführen, so tritt für ihn zuletzt ein Augenblick ein, in dem er Bilder der Welt nicht nur hat, wenn er seine Sinne öffnet, wenn er hört oder sieht, sondern wo er Bilder hat rein aus dem Vorstellungsleben heraus, so vollinhaltliche Bilder wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf -, so vollsaftige Bilder, wie sie sonst nur durch die Sinneswahrnehmung uns kommen. Die kommen durch dieses also verstärkte und verschärfte Vorstellungsleben. Ohne das Sinneswahrnehmen zu haben, leben wir in einer Welt von Bildern, wie sie uns sonst nur werden durch die Sinneswahrnehmung.

[ 6 ] What I have characterized as the path into the spiritual world—and I would like to summarize this once more—takes the following form: First, the person who wishes to walk this path into the spiritual world must devote themselves to a certain inner psychological and spiritual work. In my books, I have summarized this inner practice—this inner spiritual and psychological work—as a form of meditation and concentration. This work enables a person to relate to their imaginative life in a different way than occurs in ordinary life, when we observe natural phenomena or even social life. It is a complete oneness with the mental images that otherwise merely accompany external impressions like shadows. Just as we normally—as I said—relate to people, nature, or anything else in physical life through our feelings, our sympathies, and our antipathies, and just as we relate to facts through our volitional emotions, so do we—as those seeking the path into the spiritual world—relate to mere mental images. The way mental images arise stirs us, provokes our sympathies and antipathies, and stimulates our entire life force. This becomes our destiny. While we remain outwardly calm, we undergo an inner experience that is by no means weaker than what we otherwise experience as the destiny of life in the outer world. In a sense, we double our life. Whereas we would otherwise become agitated, develop sympathy and antipathy, and assert impulses of the will only in external life—in response to external events—we carry what would otherwise concern us only in this external material world into our inner life of thought. If we can do this—and every person can, if they practice in the manner I have described in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* or in my *Esoteric Science* — if a person actually manages to do this, there eventually comes a moment when they have images of the world not only when they open their senses—when they hear or see—but when they have images arising purely from their imaginative life: images so rich in content—if I may use that expression—and so vivid that they are otherwise accessible to us only through sensory perception. These arise through this thus intensified and sharpened life of the imagination. Without relying on sensory perception, we live in a world of images such as we otherwise experience only through sensory perception.

[ 7 ] Damit ist aber ein anderes bedeutsames Erlebnis verknüpft — diese Dinge können nur als Erlebnisse verstanden werden, abstrakte Logik, sogenannte Beweisführung führt nicht an sie heran -, ein anderes Erlebnis ist damit verbunden: Wir lernen wissen durch solches Üben, was es heißt, eine geistig-seelische Tätigkeit unabhängig von der leiblichen Tätigkeit zu entwickeln. Es tritt der Augenblick für den Menschen ein, wo er sich -— wenn ich mich so ausdrücken darf — mit Recht gestehen darf, ein Materialist zu sein, so sonderbar und paradox das klingt. Er darf in diesem Augenblick sagen: jawohl, im gewöhnlichen Leben sind wir ganz abhängig von dem Werkzeug unseres Leibes. Da denken wir durch das Werkzeug unseres Nervensystems. Aber das ist eben gerade das Charakteristische dieses äußeren Lebens, daß wir es durchmessen, indem wir das Geistig-Seelische nur dann entwickeln können, wenn es sich der leiblichen Werkzeuge bedient. Aber dieses Geistig-Seelische ist nicht angewiesen darauf, sich bloß der leiblichen Werkzeuge zu bedienen. Es kann sich durch die geschilderten Anstrengungen loslösen von dem leiblichen Werkzeug, kann leibfrei werden. Man kann noch soviel spekulieren und philosophieren mit dem Materialismus. Wenn man nur das gegen ihn ins Feld führt, was man wissen kann aus dem gewöhnlichen Leben, wird man ihn nie widerlegen, denn für das gewöhnliche Leben hat der Materialismus Recht. Widerlegen kann man den Materialismus nur durch die spirituelle Praxis, dadurch, daß man im unmittelbaren Erleben loslöst das Seelisch-Geistige von dem Leiblichen. Man stellt in Bildern vor - ich nannte es in den genannten Büchern imaginatives Vorstellen oder Imagination -, man stellt in Bildern vor, aber außerhalb des Leibes, wobei das «außerhalb» selbstverständlich nicht räumlich, sondern unabhängig vom Leibe vorzustellen ist. Das ist die eine Seite desjenigen, was man kennenlernen muß innerhalb der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um die Brücke, die auf die Art nicht geschlagen werden kann, wie wir es geschildert haben, wirklich zu schlagen. Was man auf diese Art erlangt als Inhalt der imaginativen Erkenntnis, das ist nicht im Menschenleibe, das ist außerhalb des Menschenleibes und gibt die praktische Erklärung, daß unser innerstes Wesen, bevor es sich mit diesem Leibe umkleidet hat, in der geistig-seelischen Welt war. Denn man ist nicht nur außerhalb des Leibes, man ist außerhalb der Zeit, in der man mit dem Leibe lebt. Man erlebt auf diese Art wirklich das Vorgeburtliche, oder sagen wir, das vor der physischen Empfängnis Liegende im Menschen. Wie ein Licht von außerhalb in das Zimmer hereinscheint, so scheint unser vorgeburtliches Leben in dieser Imagination in unser gegenwärtiges Leben herein.

[ 7 ] But this is linked to another significant experience—these things can only be understood as experiences; abstract logic and so-called reasoning cannot lead us to them—another experience is connected to it: Through such practice, we come to know what it means to develop a mental and spiritual activity independent of physical activity. There comes a moment for human beings when they may—if I may put it this way—rightly admit to being materialists, however strange and paradoxical that may sound. At that moment, they may say: yes, in ordinary life we are entirely dependent on the instrument of our body. There, we think through the instrument of our nervous system. But that is precisely the defining characteristic of this outer life: we navigate it by being able to develop the spiritual-soul aspect only when it makes use of the physical instruments. Yet this spiritual-soul aspect is not bound to making use solely of the physical instruments. Through the efforts described, it can detach itself from the physical instrument and become body-free. One can speculate and philosophize as much as one likes about materialism. If one only brings to bear against it what one can know from ordinary life, one will never refute it, for in ordinary life materialism is correct. Materialism can be refuted only through spiritual practice—by detaching the spiritual-soul aspect from the physical in direct experience. One creates mental images—I called this “imaginative visualization” or “imagination” in the books mentioned—one creates mental images, but outside the body, whereby “outside” is of course not to be understood spatially, but rather as independent of the body. This is one aspect of what one must come to know within anthroposophically oriented Spiritual Science in order to truly build the bridge that cannot be built in the manner we have described. What one attains in this way as the content of imaginative knowledge is not within the human body; it is outside the human body and provides the practical explanation that our innermost being, before it clothed itself in this body, was in the spiritual-soul world. For one is not only outside the body; one is outside the time in which one lives with the body. In this way, one truly experiences the prenatal, or, let us say, that which lies within the human being prior to physical conception. Just as a light shines into a room from outside, so does our prenatal life shine into our present life in this imagination.

[ 8 ] Was da hereinscheint, das sind jetzt nicht bloß Gedanken, das hat einen lebendigen Inhalt. Dieser lebendige Inhalt enthüllt sich als etwas ganz Besonderes. Er enthüllt sich als ein gewisser, ich möchte sagen, Intelligenzinhalt. Während wir also auf die Art, wie ich es geschildert habe, das Vorstellungsleben pflegen, schärfen, erkraften, kommen wir aus uns selber heraus in einen Willensinhalt hinein, der aber zu gleicher Zeit etwas Lebendiges hat. Es ist der Willensinhalt, der dasjenige in uns schafft, was sich mit dem physischen Leib umkleidet, was wir nicht durch Vererbung, was wir überhaupt nicht aus der physischen Welt haben.

[ 8 ] What shines through here is not merely thoughts; it has a living content. This living content reveals itself as something quite special. It reveals itself as a certain—I would say—content of intelligence. So as we cultivate, sharpen, and strengthen our life of imagination in the way I have described, we step out of ourselves and into a content of will that, at the same time, possesses a living quality. It is the content of the will that creates within us that which clothes itself in the physical body—that which we do not receive through heredity, that which we do not derive at all from the physical world.

[ 9 ] Zur Erkenntnis der Unsterblichkeit gelangt die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht durch spekulatives Verarbeiten des gewöhnlichen Lebens, sondern durch die Kultivierung einer Erkenntnisfähigkeit, die zunächst im gewöhnlichen Leben nicht da ist. Was heute für uns besonders wichtig ist, ist aber, daß wir Menschen auf diese Weise außerhalb unseres physischen Leibes gelangen, sogar außerhalb der Zeit, in der unser physischer Leib lebt. Man gelangt da zu Ideen, die für den größten Teil der gegenwärtigen Menschen noch schwer vorstellbar sind, die aber ein wichtiges Glied in der Entwickelung der Menschheit nach der Zukunft zu werden bilden müssen.

[ 9 ] Anthroposophically oriented Spiritual Science does not arrive at an understanding of immortality through speculative reflection on ordinary life, but rather through the cultivation of a capacity for knowledge that is not initially present in ordinary life. What is particularly important for us today, however, is that we humans can in this way transcend our physical bodies—and even transcend the time in which our physical bodies live. There we arrive at ideas that are still difficult for most people today to imagine, but which must become an important link in the future development of humanity.

[ 10 ] Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwürdiges heraus, wenn man nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens Übungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willenslebens Übungen macht. Wir Menschen leben, ich möchte sagen, so, wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die Welt gerannt. -— Wir rennen durch die Welt. Gewiß, wir machen eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermaßen der äußeren Objektivität überlassen‘ Hand aufs Herz, wie viele Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem späteren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was tun denn die meisten Menschen anderes, als daß sie sich eben dem Strom des Lebens überlassen? Mit diesem Sich-Überlassen dem Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemeinten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, daß man in Selbsttätigkeit seine Selbstzucht übernimmt, daß man tatsächlich an sich so arbeitet, daß man nicht nur durch das Leben, das an einen durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daß man sich weiterentwickelt dadurch, daß man sich vornimmt: du willst dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen. Man kann im kleinen, man kann im großen so etwas unternehmen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man irgend etwas an sich selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausführt, indem man sich dem Leben überläßt, oder ob man diese Zucht des eigenen Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirksamkeit kennen; denn man lernt erkennen, was für Widerstände diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man verstärkt vor allen Dingen die eigenen Kräfte des Geistig-Seelischen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Übungen in Selbstzucht ausübt - aber man muß sie jahrelang ausüben -, daß einem dann innere Kräfte zuwachsen. Diese inneren Kräfte, die sind von solcher Art, daß wir sie nicht in der äußeren Natur finden. Sie sind von solcher Art, daß wir sie auch nicht in dem gewöhnlichen Seelenleben finden, das wir vor unseren Übungen in uns getragen haben. Diese Kräfte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche innere Übung mit uns anstellen. Diese Kräfte sind zu etwas ganz Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe, die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den Erkenntnisfähigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes Selbst viel bewußter aufzunehmen. Aber verstehen Sie mich recht, nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer Imagination. Nicht können wir die wahre Gestalt der moralischen Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht, daß Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt hat.

[ 10 ] And now something very strange becomes apparent when one does exercises not only on the one side—that of the life of the imagination—but also on the side of the life of the will. We humans live, I would say, just as Faust goes through life, saying: “I have only run through the world.” — We rush through the world. Certainly, we undergo a process of development between birth and death, from month to month, from year to year, from decade to decade; but we undergo this development by, so to speak, surrendering ourselves to external objectivity. Hand on heart, how many people do anything other than let themselves be carried along by life—whether in childhood, when adults raise them, or in later life and its fate? They become more perfect because the world makes them more perfect. But what else do most people do other than simply surrender themselves to the flow of life? However, this surrender to the flow of life does not lead one onto the path of Spiritual Science meant here. It is necessary to take on self-discipline through one’s own initiative, to actually work on oneself in such a way that one develops not only through the life that comes to one through fate, but also by resolving: “You want to instill this or that attitude in yourself.” Now one works on instilling this attitude in oneself. One can undertake such a task on a small scale or on a large one. But there is a great difference between merely allowing one’s own nature to be shaped by life, and taking the discipline of one’s own self into one’s own hands. Through this taking matters into one’s own hands, one comes to know the will in its effectiveness; for one learns to recognize what kinds of resistance stand in the way of this will when one now wishes to cultivate it through self-discipline. Oh, one learns all sorts of things in this way; above all, one strengthens one’s own spiritual and soul forces, and one will very soon notice—if one engages in such exercises of self-discipline (though one must practice them for years)—that inner forces then grow within one. These inner forces are of such a nature that we do not find them in the external world. They are of such a nature that we do not find them even in the ordinary life of the soul that we carried within us before our exercises. We discover these powers only when we engage in such inner practice. These powers are capable of something very specific: They are capable of assimilating into our own self—in a far more conscious way—the moral impulses that otherwise well up in the soul almost instinctively, indeterminately, and separately from the faculties of cognition. But please understand me correctly: not into the self that we develop within our body, but into that self which we develop when we step out of our body with our imagination in the manner described earlier. We cannot bring the true form of moral impulses into our physical body or into our sensory cognition; but we do bring in that which stands so isolated—so much so that Kant presented it in complete isolation as the categorical imperative—we bring it into our self that has separated itself from the body.

[ 11 ] Und dann wird das, was ich vorhin geschildert habe als Imagination, als Bildvorstellungen, durchtränkt von dem, was man nennen kann die objektive Kraft der sittlichen Impulse; es wird durchtränkt von der sittlichen Inspiration. Wir erkennen jetzt, daß dasjenige, was in uns als sittliche Imperative, als sittliche Ideale aufquillt, nicht bloß in uns wurzelt, daß es im Weltenganzen wurzelt. Wir lernen, indem wir außerhalb unseres physischen Menschen sind, erkennen, daß dasjenige, was in seiner wahren Gestalt nicht innerhalb der physischen Organisation erscheint, in dieser seiner wahren Gestalt, in der wir es erkennen durch imaginatives Anschauen, objektive Kräfte der Welt sind.

[ 11 ] And then what I described earlier as imagination, as mental images, becomes imbued with what might be called the objective power of moral impulses; it becomes imbued with moral inspiration. We now recognize that what wells up within us as moral imperatives, as moral ideals, is not rooted merely within us, but is rooted in the whole of the world. By stepping outside our physical selves, we learn to recognize that what does not appear in its true form within the physical organism—in this true form, which we perceive through imaginative contemplation—is an objective force of the world.

[ 12 ] Solch eine Anschauung kann dem Menschen aufgehen, der richtig mit seinem gesunden Menschenverstand das aufnimmt, was der Geistesforscher zu sagen vermag aus seiner Anschauung der geistigen Welt heraus. Wer sich mit solcher Anschauung durchdringt, der fühlt gegenüber dem, was heute populäre öffentliche Vorträge sind, etwas ganz besonderes. Es klingt vielleicht sonderbar, wenn ich das ausspreche, aber ich möchte sagen: Wer dieses Inspirierte in der Imagination, das sich deckt mit den sittlichen Kräften, die im Menschenleben sind, unbefangen aufnimmt und sich vorstellt, wie in der Gegenwart durch Geist-Erkenntnis so etwas durchschaut werden kann, der möchte sich am liebsten denken: wenn doch solch eine Erkenntnis die Menschen ergreifen könnte, nur so stark wenigstens, wie sie ergriffen werden, wenn sie hören, die Röntgenstrahlen oder die drahtlose Telegraphie sind gefunden worden! Man möchte angesichts desjenigen, was sich da in die Seele eines Geistesforschers senkt, sagen: es ist sehr notwendig für die Zivilisation der Gegenwart, daß die Menschen dahin kommen, das auf geistigem Wege an Kräften für Menschenerstarkung zu Findende ebenso zu schätzen wie das, was nützlich und förderlich sein kann im äußeren Leben.

[ 12 ] Such a perspective can dawn on a person who, using their sound common sense, truly takes in what the spiritual researcher is able to convey based on their perception of the spiritual world. Anyone who allows themselves to be imbued with such a perspective will feel something quite special in contrast to what are today’s popular public lectures. It may sound strange when I say this, but I would like to say: Anyone who openly takes in this inspired content in the imagination—which corresponds to the moral forces present in human life—and creates a mental image of how such things can be understood today through spiritual knowledge would most likely think to themselves: if only such insight could take hold of people, at least as strongly as they are moved when they hear that X-rays or wireless telegraphy have been discovered! In view of what sinks into the soul of a spiritual researcher, one is tempted to say: it is very necessary for contemporary civilization that people come to value what can be found through spiritual means—for the strengthening of the human being—just as much as what can be useful and beneficial in external life.

[ 13 ] Damit haben wir, wie ich glaube, an eine wichtige Zivilisationsforderung der Gegenwart gerührt. Die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse sind, ich sage es noch einmal, keine Spekulation, sie sind Erlebnisse. Und daß sie von so wenigen heute noch angenommen werden, das beruht darauf, daß die meisten sich blenden lassen von den materialistischen naturwissenschaftlichen Anschauungen, sich ihre Vorurteile selber in den Weg werfen, ihren gesunden Menschenverstand nicht anwenden, daher nicht in der richtigen Weise

[ 13 ] With this, I believe, we have touched upon an important challenge facing civilization today. The insights of Spiritual Science—and I’ll say it again—are not speculation; they are experiences. And the fact that so few people accept them today is because most allow themselves to be blinded by materialistic, natural-scientific views, let their own prejudices stand in their way, fail to apply their common sense, and therefore do not approach the matter in the right way

[ 14 ] prüfen können, was der Geisteswissenschafter sagt. Sie sagen immer: wir können das ja nicht selber sehen, was der Geistesforscher sagt. Ich möchte wissen, wie viele Leute, die an die Venus-Durchgänge glauben, jemals einen Venus-Durchgang gesehen haben! Ich möchte wissen, wie viele Leute, die da sagen, das Wasser besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, jemals in einem Laboratorium beobachtet haben, wie man feststellt, daß Wasser aus Wasserstoff und Sauerstoff besteht und so weiter. Es gibt doch eine Logik des gesunden Menschenverstands. Durch sie kann man prüfen, was der Geistesforscher sagt. Ich kann gewiß vor denjenigen, die ihren gesunden Menschenverstand gebrauchen, keine Illusionen hinmalen, keine Phantastereien vor sie hinschwätzen, denn sie können achtgeben durch ihren gesunden Menschenverstand, ob ich rede wie ein Schwärmer oder ob ich in logischen Zusammenhängen rede, ob ich rede wie jemand, der Idee auf Idee stellt, wie man das auch in der exaktesten Wissenschaft tut. Wer sich eine solche gesunde Menschenerkenntnis und Menschenanschauung erwirbt, der wird unterscheiden können, ob er einen Phantasten vor sich hat oder einen Menschen, der dadurch, daß er seine Anschauung in gesunde logische Formen zu kleiden weiß und auch sonst nicht den Eindruck eines Schwärmers macht, ernst zu nehmen ist. Vieles im Leben müssen wir auf diese Art entscheiden; warum sollten wir dasjenige, was zum Wichtigsten gehört: die Einsicht in die Weltenordnung, nicht so entscheiden? Auf eine andere Art läßt sich zunächst für den, der nicht selbst Geistesforscher werden kann - bis zu einem gewissen Grade kann aber jeder ein Geistesforscher werden, wie ich es in den genannten Büchern dargestellt habe -, auf eine andere Art läßt sich das nicht feststellen; denn Geisteswissenschaft ist etwas Erlebtes, etwas, was erfahren werden muß, nicht etwas, was nur durch logische Schlußfolgerungen erreicht wird.

[ 14 ] can verify what the Spiritual Science scholar says. They always say: “We can’t see for ourselves what the Spiritual Science scholar says.” I’d like to know how many people who believe in Venus transits have ever actually seen one! I’d like to know how many people who say that water consists of hydrogen and oxygen have ever observed in a laboratory how one determines that water consists of hydrogen and oxygen, and so on. There is, after all, a logic of common sense. Through it, one can verify what the spiritual researcher says. I certainly cannot paint a mental image of illusions for those who use their common sense, nor can I spout fanciful nonsense to them, for they can use their common sense to discern whether I am speaking like a dreamer or whether I am speaking in logical terms, whether I am speaking like someone who builds one idea upon another, just as one does in the most exact of sciences. Anyone who acquires such sound human insight and a sound view of humanity will be able to distinguish whether they are dealing with a fantasist or with a person who, by knowing how to clothe their views in sound, logical forms—and who otherwise does not give the impression of being a dreamer—is to be taken seriously. We must make many decisions in life in this way; why should we not apply this approach to what is among the most important matters: insight into the order of the world? For those who cannot become spiritual researchers themselves—though to a certain extent everyone can become a spiritual researcher, as I have described in the aforementioned books—there is no other way to determine this; for Spiritual Science is something experienced, something that must be lived through, not something that is attained solely through logical conclusions.

[ 15 ] Lernt man also die Weltanschauungen durch, ich möchte sagen, die Kombination zwischen Imagination und inspirierter Sittlichkeit kennen, dann lernt man noch etwas anderes kennen, dann lernt man erkennen, was es mit dem Widerspruche für ein Bewenden hat zwischen der sogenannten Naturkausalität, der Naturnotwendigkeit, und dem Elemente, in dem der Mensch als in seiner Freiheit lebt. Denn nur in dem Elemente der Freiheit können wir mit unseren sittlichen Impulsen leben. Wir sehen hinaus in die äußere Natur. Überwältigend wirkt auf die Naturanschauung, die sich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat, dasjenige, was man den notwendigen Zusammenhang des Folgenden mit dem Vorhergehenden, was man die allgemeine Ursächlichkeit nennt. So stellt sich die Natur einschließlich der Menschenwesenheit dar, als ob alles von einer Naturnotwendigkeit ergriffen wäre. Dann stünde es aber schlimm mit unserer Freiheit; dann könnten wir nicht anders handeln, als die Naturnotwendigkeit in uns das Handeln erzwingt. Freiheit wäre eine Unmöglichkeit, wenn die Welt so beschaffen wäre, wie die in den letzten drei bis vier Jahrhunderten beliebt gewordene naturwissenschaftliche Anschauung will.

[ 15 ] If one thus comes to know these worldviews—I would say, the combination of imagination and inspired morality—then one comes to know something else as well; one learns to recognize the nature of the contradiction between so-called natural causality, natural necessity, and the element in which human beings live in their freedom. For it is only within the realm of freedom that we can live in accordance with our moral impulses. We look out at the external natural world. The view of nature that has developed over the last three to four centuries is overwhelmingly influenced by what is called the necessary connection between what follows and what precedes—what is known as general causality. Thus, nature—including human existence—presents itself as if everything were governed by a natural necessity. But then our freedom would be in a dire state; then we could not act otherwise than as natural necessity compels us to act. Freedom would be an impossibility if the world were constituted as the scientific view of nature—which has become popular over the last three to four centuries—would have it.

[ 16 ] Aber wenn man den Standpunkt errungen hat, den ich eben geschildert habe, den Standpunkt der Beobachtung außerhalb des menschlichen Leibes, dann stellt sich einem alles dasjenige, was von Notwendigkeit durchdrungen ist, gewissermaßen als eine Art Naturleib dar. Und dieser Naturleib treibt an allen möglichen Stellen eine Naturseele, einen Naturgeist hervor. Der Naturleib ist gleichsam dasjenige, was ausgeworfen und abgeworfen hat die werdende Welt; der Naturgeist, die Naturseele ist dasjenige, was in die Zukunft hinüberwächst.

[ 16 ] But once one has attained the perspective I have just described—the perspective of observation from outside the human body—then everything that is imbued with necessity presents itself, as it were, as a kind of natural body. And this natural body gives rise, in all manner of places, to a natural soul, a natural spirit. The natural body is, as it were, that which the emerging world has cast out and cast off; the natural spirit, the natural soul, is that which grows into the future.

[ 17 ] So wie, wenn ich einen Leichnam vor mir sehe, dieser Leichnam keine Möglichkeit mehr hat, etwas anderem zu folgen als den Notwendigkeiten, die veranlagt hat das Geistig-Seelische, das in ihm gewohnt hat, so hat dasjenige, was leichenhaft ist an der äußeren Natur, nichts in sich von Antrieben als Notwendigkeiten. Aber an jeder Stelle sprießt hervor, was in die Zukunft hinüberwächst. Unsere Naturwissenschaft ist nur gewohnt worden, den Naturleichnam zu beobachten, sieht daher überall nur die Notwendigkeit. Geisteswissenschaft muß dazukommen. Die wird das überall sprießende, sprossende Leben sehen.

[ 17 ] Just as, when I see a corpse before me, that corpse no longer has any possibility of following anything other than the necessities predetermined by the spiritual-soul element that once dwelt within it, so too does that which is corpse-like in external nature contain nothing within itself but impulses that are mere necessities. But everywhere, that which grows into the future is sprouting forth. Our natural science has become accustomed only to observing the physical body of nature; therefore, it sees only necessity everywhere. Spiritual Science must be added to this. It will see the life that is sprouting and growing everywhere.

[ 18 ] Damit aber ist der Mensch auf der einen Seite in die Naturkausalität hineingestellt, auf der anderen Seite hineingestellt in dasjenige, was auch da ist, aber keine Kausalität enthält, sondern etwas enthält, was gleich ist mit dem innerlich erlebten Elemente der Freiheit. Dieses Element der Freiheit erleben wir so, wie ich es dargestellt habe in meiner «Philosophie der Freiheit», wenn wir uns erheben zum innerlich durchsichtigen, reinen Denken, das aber eigentlich ein Ausfluß unserer Willenstätigkeit ist. Das Genauere finden Sie in dieser meiner «Philosophie der Freiheit».

[ 18 ] Thus, on the one hand, human beings are situated within natural causality; on the other hand, they are situated within that which also exists there but contains no causality—rather, it contains something that is identical to the inwardly experienced element of freedom. We experience this element of freedom, as I have described it in my *Philosophy of Freedom*, when we rise to a state of inwardly transparent, pure thinking—which is, in fact, an outflow of our volitional activity. You will find more detailed information in my *Philosophy of Freedom*.

[ 19 ] So trägt uns dasjenige, was wir uns erringen, indem wir uns eine Erkenntnismöglichkeit schaffen außerhalb des menschlichen Leibes, hinein in eine Welt, wo der Gegensatz erklärlich wird zwischen Naturnotwendigkeit und Freiheit. Wir lernen die Freiheit selber in der Welt kennen. Wir lernen uns fühlen in einer Welt, in welcher die Freiheit west. |

[ 19 ] Thus, what we attain by creating for ourselves a means of knowledge outside the human body carries us into a world where the contrast between natural necessity and freedom becomes understandable. We come to know freedom itself in the world. We learn to feel at home in a world in which freedom exists. |

[ 20 ] Wenn ich Ihnen so etwas schildere, dann schildere ich es Ihnen nicht, um Ihnen gewissermaßen nur den Inhalt desjenigen, was ich schildere, zu zeigen, sondern ich möchte Ihnen das, was ich schildere, aus dem Grunde darstellen, weil ich daran zeigen möchte, wie der Mensch in eine gewisse Seelenverfassung kommt, indem er sich mit Erkenntnissen, die aus solchen Regionen herausgeholt sind, durchdringt, indem er sich belebt mit solchen Erkenntnissen.

[ 20 ] When I describe something like this to you, I am not describing it to you merely to show you, so to speak, the content of what I am describing, but I would like to present what I am describing to you for the reason that I wish to show how a person enters a certain state of mind by imbuing themselves with insights drawn from such realms, by being enlivened by such insights.

[ 21 ] Wie wir, wenn wir meinetwillen ein außerordentlich freudiges Ereignis erleben, von Freude durchdrungen werden, wie manche Menschen, wenn sie so und soviel Mosel getrunken haben, von jener Stimmung ganz durchdrungen werden, die eben vom Moselwein kommt, so kann auch die ganze Seelenverfassung des Menschen ergriffen werden von etwas so Real-Spirituellem, das den Menschen durchdringt. Wann ist seine Seelenverfassung von etwas ergriffen worden, von dem sie zunächst nur im äußeren Leben, dann aber schattenhaft ergriffen ist? Wenn gegenüber den sittlichen Verpflichtungen der kategorische Imperativ oder das Gewissen sich regt. Aber der Inhalt dieses Gewissens wird jetzt hell, und er wird auch eine andere Gefühlsnuance annehmen. Denn was ist eigentlich geschehen — ob der Mensch nun selber ein Geistesforscher ist, ob er das, was der Geistesforscher bringt, durch seinen gesunden Menschenverstand aufnimmt und als Erkenntnisse seiner Seele einverleibt —, was ist denn mit dem Menschen geschehen? Er ist mit etwas zusammengegangen, hat sich mit etwas zusammengeschlossen, mit dem man nur zusammenkommt, wenn man aus sich herausgeht, wenn man sich seiner selbst entfremdet. Sie finden keine bessere, realistischere Definition der Liebe und des Liebesgefühls als dasjenige, was man schildern kann als die Seelenverfassung, die einen überkommt, wenn man leibfrei hineindringt in die Wesenhaftigkeit der äußeren Welt. Wirken die sittlichen Imperative sonst wie ein Zwang, so können sie in eine solche Form gegossen werden, daß sie durchdrungen erscheinen von derselben Stimmung, von der die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse durchdrungen sein müssen. Diese sittlichen Antriebe, diese moralischen Imperative können lernen von dem, was man als Seelenstimmung bekommt im Aufnehmen von Geisteswissenschaft; diese Moral kann durchwärmt werden von dem, was in Geisteswissenschaft leben muß im höchsten Sinne: von Liebe.

[ 21 ] Just as we are filled with joy when we experience an extraordinarily joyful event for my sake, just as some people, after drinking a certain amount of Mosel wine, are completely filled with that mood that comes precisely from the Mosel wine, so too can a person’s entire state of mind be seized by something so truly spiritual that it permeates the person. When is a person’s state of mind seized by something that at first affects them only in their outer life, but then seizes them in a shadowy way? When, in the face of moral obligations, the categorical imperative or conscience stirs. But the content of this conscience now becomes clear, and it will also take on a different emotional nuance. For what has actually happened—whether the person is a spiritual researcher themselves, or whether they take in what the spiritual researcher offers through their common sense and incorporate it as insights of their soul—what has happened to this person? They have merged with something, have united with something that one can only come together with by stepping outside of oneself, by becoming estranged from oneself. You will find no better, more realistic definition of love and the feeling of love than that which can be described as the state of mind that overtakes one when one penetrates, free from the body, into the essence of the external world. While moral imperatives may otherwise seem like a compulsion, they can be cast in such a form that they appear imbued with the same mood that Spiritual Science insights must be imbued with. These moral impulses, these moral imperatives, can learn from what one experiences as a state of mind when absorbing Spiritual Science; this morality can be imbued with what must live in Spiritual Science in the highest sense: love.

[ 22 ] Das versuchte ich wiederum zu zeigen in meiner «Philosophie der Freiheit», daß des Menschen würdigster Antrieb für das sittliche Handeln die Liebe ist. Innerhalb der modernen Geistesentwickelung war von diesen Dingen schon einmal, mehr instinktiv die Rede, als es heute schon sein kann, wo wir eben in der Geisteswissenschaft, wenn wir wollen, vorgeschritten sein können. Kant sprach einstmals von der zwingenden Pflicht, von dem, ich möchte sagen, den Menschen bändigenden kategorischen Imperativ, der nichts gestattet von Einmischung irgendeiner Sympathie. Was man tut aus sittlicher Pflicht, tut man, weil man es muß. Kant sagt deshalb: Pflicht, du erhabener, großer Name, der du nichts bei dir führest, was Einschmeichelung oder dergleichen bedeutet, sondern nur strengste Unterwerfung. — Schiller fand dieses sklavische Unterwerfen unter die Pflicht nicht menschenwürdig. Und er setzte entgegen dieser Kantschen Ausführung das, was er so schön, so großartig ausgedrückt hat in seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen».

[ 22 ] I attempted to demonstrate this once again in my *Philosophy of Freedom*: that love is the most noble motive for human moral action. Within the development of modern thought, these matters were once discussed more instinctively than is possible today, given how far we have advanced—if we so choose—in the Spiritual Science. Kant once spoke of the compelling duty, of what I would call the categorical imperative that tames human beings, which allows no interference from any form of sympathy. What one does out of moral duty, one does because one must. Kant therefore says: “Duty, you sublime, great name, which carries within you nothing that implies flattery or the like, but only the strictest submission.” — Schiller found this slavish submission to duty undignified. And he countered Kant’s argument with what he so beautifully and magnificently expressed in his “Letters on the Aesthetic Education of Man.”

[ 23 ] Aber wir brauchen nur ein kleines Epigramm zu nehmen, das Schiller geprägt hat gegen diesen Kantschen rigoristischen, starren Pflichtbegriff, so haben wir einen wichtigen menschlichen Gegensatz in bezug auf das sittliche Leben: «Gerne dien’ ich den Freunden» - sagt Schiller - «doch tu ich es leider mit Neigung. Und so wurmt es mich oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» Er meint, im Kantschen Sinne müßte man nicht gerne den Freunden dienen, sondern sich gehorchend der Pflicht unterwerfen. Das aber, was das Menschenleben erst menschenwert machen kann, das ist, wenn erfüllt wird, was Goethe in ein paar Worten ganz monumental sagt: Pflicht, wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. — Aber die Stimmung, zu lieben, was man sich selbst befiehlt, sie kann nur angefeuert werden aus jener Verfassung der menschlichen Seele, die im Erwerben der Geisteswissenschaft zustande kommt.

[ 23 ] But we need only take a short epigram that Schiller coined against Kant’s rigorous, rigid concept of duty to find an important human contrast with regard to moral life: “I gladly serve my friends,” says Schiller, “but, alas, I do so out of inclination. And so it often gnaws at me that I am not virtuous.” He means that, in the Kantian sense, one should not serve one’s friends willingly, but rather submit to duty out of obedience. But what can truly make human life worthy of humanity is the fulfillment of what Goethe expresses so monumentally in just a few words: duty, where one loves what one commands of oneself. — But the disposition to love what one commands of oneself can only be kindled by that state of the human soul that arises through the acquisition of Spiritual Science.

[ 24 ] So ist, wenn man sich in die Geisteswissenschaft vertieft, nicht etwas neben dem Leben herlaufend, wie Moral predigen, sondern es ist darinnen eine Kraftentwickelung, welche das sittliche Wollen unmittelbar ergreift. Es ist ein Begründen der Moral da. Es ist dasjenige da, was in den Menschen hineingießt die sittliche Liebe. Geisteswissenschaft predigt nicht bloß Moral, Geisteswissenschaft, wenn sie in ihrem vollen Ernst, in ihrer vollen Kraft genommen wird, begründet die Moral, doch indem sie nicht Worte der Moral gibt, sondern Kraft zur tugendlichen Liebe, zur liebenden Tugend gibt.

[ 24 ] Thus, when one delves into Spiritual Science, it is not something that runs parallel to life—like preaching morality—but rather it involves a development of power within it that directly engages the moral will. There is a foundation for morality here. It is that which pours moral love into human beings. Spiritual Science does not merely preach morality; when taken in all its seriousness and with all its power, Spiritual Science establishes morality—not by offering words of morality, but by imparting the power for virtuous love and for loving virtue.

[ 25 ] Geisteswissenschaft ist eben nicht bloß Theorie, sie ist Leben. Und wenn man Geisteswissenschaft sich aneignet, so ist es nicht bloß ein Nachdenken, so ist es etwas wie ein Aufnehmen des Lebens wie beim Atmen selber. Das ist es, was diese Geisteswissenschaft der modernen Zivilisation auf sittlichem Gebiete leisten möchte, was sie ihr leisten muß. Denn in alten Zeiten, ich habe das vorgestern angedeutet, hatte mam ‘auch eine Geisteswissenschaft, aber eine instinktive. Woher kam die Geisteswissenschaft der alten, vor Jahrtausenden sich entwickelnden orientalischen Weisheit? Es war ein dumpfes, traumhaftes Sich-Verbildlichen der Welt. Es kam herauf aus den menschlichen Instinkten, aus dem menschlichen Triebleben. Instinktiv war diese Geisteswissenschaft. Die Menschen sahen hinein durch eine Art Hellsehen in die Natur. Und dieses Hellsehen war verbunden mit ihrem Blute, war verbunden mit ihrer äußeren Leiblichkeit. Mit diesem Blute, mit dieser äußeren Leiblichkeit waren aber auch verbunden die damaligen sittlichen Antriebe. Beides kam aus einer Quelle. Die Menschheit - ich habe es gerade in diesen Tagen immer wieder gesagt - macht eine Entwickelung durch und glaubt, wir könnten so sein wie die Menschen vor Jahrtausenden; das kommt dem gleich, zu glauben, der erwachsene Mann könnte gleich sein dem Kinde. Wir können nicht mehr auf dem Standpunkt der primitiven hellseherischen Künste des alten Orients oder des alten Ägyptens stehen. Wir sind vorgerückt zum Galileismus, zum Kopernikanismus. Wir sind vorgerückt zu demjenigen Anschauen, das im Intellekt aufgeht. In jenen alten orientalischen Anschauungen war der Intellekt noch nicht entwickelt. Dafür müssen wir aber auch aus dem Geiste heraus, nicht aus dem Instinkte heraus die Impulse unseres sittlichen Handelns holen. Das ist heute das Schlimmste, daß die Menschen, indem sie von Idealen oder Lebensimpulsen reden, immer alles verabsolutieren. Wenn heute irgendein Parteimensch oder ein schwärmerischer Theoretiker, der das tausendjährige Reich herbeiführen möchte, auftritt, da sagen sie: dies oder jenes will ich für die Menschheit und sie denken sich dabei, das, was sie da aussprechen, sei gut für die Menschheit in alle folgenden Zeiten hinein und über die ganze Erde hin. Das sei im absolutesten Sinne gut. Wer wirklich hineinschaut in das Leben der sich entwickelnden Menschheit, der weiß, daß dasjenige, was gut ist, was gültig ist für die Weltanschauung, immer nur für ein gewisses Zeitalter entsprechend ist, daß man die Natur dieses Zeitalters kennen muß. Ich habe bei früheren Vorträgen hier öfter gesagt: Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wie ich sie hier ausspreche, bildet sich nicht ein, etwas Absolutes zu sein. Sie glaubt aber, daß sie aus dem Herzen der Gegenwart und der nächsten Zukunft heraus so redet, daß sie für Menschenseelen das sagt, was diese Menschenseelen in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft brauchen. Sie weiß aber sehr gut, diese Geisteswissenschaft: wenn in fünfhundert Jahren wiederum jemand sprechen wird von den großen Weltenrätseln und von den Menschheitsangelegenheiten, so wird er in anderen Tönen, in anderer Art sprechen, denn es gibt nichts Absolutes in diesem Sinne, nichts ewig Dauerndes.

[ 25 ] Spiritual Science is not merely theory; it is life. And when one takes Spiritual Science to heart, it is not merely a matter of reflection; it is something like taking in life itself, just as one breathes. This is what Spiritual Science seeks to achieve for modern civilization in the moral realm—what it must achieve for it. For in ancient times—as I hinted at the day before yesterday—people also had a Spiritual Science, but an instinctive one. Where did the Spiritual Science of the ancient Eastern wisdom, which developed millennia ago, come from? It was a vague, dreamlike visualization of the world. It arose from human instincts, from human instinctual life. This Spiritual Science was instinctive. People looked into nature through a kind of clairvoyance. And this clairvoyance was connected to their blood, was connected to their outer physicality. But the moral impulses of that time were also connected to this blood, to this outer physicality. Both sprang from a single source. Humanity—as I have said repeatedly in recent days—is undergoing a process of development and believes that we could be like the people of millennia ago; that is tantamount to believing that a grown man could be the same as a child. We can no longer stand on the ground of the primitive clairvoyant arts of the ancient Orient or ancient Egypt. We have advanced to Galileanism, to Copernicanism. We have advanced to a way of seeing that arises from the intellect. In those ancient Eastern worldviews, the intellect was not yet developed. Consequently, however, we must also draw the impulses for our moral actions from the spirit, not from instinct. The worst thing today is that when people speak of ideals or life impulses, they always make everything absolute. When some party member or an enthusiastic theorist who wants to bring about the Thousand-Year Reich appears today, they say: “I want this or that for humanity,” and they imagine that what they are saying is good for humanity for all time to come and across the entire earth. That, they believe, is good in the most absolute sense. Anyone who truly looks into the life of evolving humanity knows that what is good, what is valid for a worldview, is always appropriate only for a certain age, and that one must understand the nature of that age. I have often said in previous lectures here: Spiritual Science, with an anthroposophical orientation, as I present it here, does not presume to be something absolute. It does, however, believe that it speaks from the heart of the present and the near future in such a way that it says to human souls what those human souls need in the present and in the near future. Yet the Spiritual Science knows very well that if, in five hundred years, someone were to speak again of the great mysteries of the world and of the affairs of humanity, they would speak in different tones, in a different way; for there is nothing absolute in this sense, nothing that lasts forever.

[ 26 ] Gerade dadurch wirken wir im Leben, daß wir es in seiner Lebendigkeit, in seiner Metamorphose auch da, wo wir drinnenstehen, entsprechend aufzufassen vermögen. Leichter ist es, in Abstraktionen absolute Ideale aufzustellen, als erst sein Zeitalter kennenzulernen und aus dem Wesen dieses Zeitalters heraus das zu sprechen, was ihm angemessen ist. Dann, wenn aus dem Aufnehmen der geisteswissenschaftlichen Impulse der Mensch sich so, wie das angeführt worden ist, durchdringt mit dem, was ihm vom Geiste kommt, dann wird er wissen, daß er als Mensch Geist ist, Seele ist, dann wird er wissen, daß er lebt durch die Welt als Geist und Seele. Und dann wird er jeden anderen Menschen als Geist und Seele ansprechen. Ein Ungeheures, möchte man sagen, wird hervorgehen, wenn das zur, Geisteswissenschaft wird im Menschenleben, zu dieses Menschenleben durchtränkender Gesinnung wird so, daß man mit vollem Bewußtsein dem anderen Menschen entgegentritt wie einem Rätsel, das man zu lösen hat, weil man mit jedem Menschen in ein Unendliches, in geistige Untergründe und Abgründe hineinblickt.

[ 26 ] It is precisely by being able to perceive life in its vitality and metamorphosis—even in the very midst of it—that we exert an influence on it. It is easier to establish absolute ideals in abstractions than to first get to know one’s own age and, from the very essence of that age, to express what is appropriate to it. Then, when—through taking in the impulses of Spiritual Science—a person becomes imbued, as has been described, with what comes to them from the spirit, they will know that as a human being they are spirit, they are soul; they will know that they live through the world as spirit and soul. And then they will address every other human being as spirit and soul. Something immense, one might say, will emerge when Spiritual Science becomes a way of life, a mindset that permeates human existence to such an extent that one approaches another human being with full consciousness as a riddle to be solved, because in every human being one gazes into the infinite, into spiritual depths and abysses.

[ 27 ] Was sich da bildet aus diesem wirklichen Anschauen des Mitmenschen als Geist und Seele, das wird sozial-sittliche Kräfte geben, welche die Grundlage werden bilden müssen für eine wirkliche Behandlung der so brennenden sozialen Frage in unserer Zeit. Ich kann mir nicht anders vorstellen, als daß ‚diejenigen geradezu gewisse Seelenqualen leiden, die das ganze Wesen der sozialen Frage durchschauen und zu gleicher Zeit die heutige Menschheitsverfassung auf sich wirken lassen. Wir leben in einer Zeit, wo die soziale Frage gelöst sein will in einer bestimmten Weise. Wir leben zugleich in einer Zeit, in der die Förderer der sozialen Ordnung durchseelt sind von den antisozialsten Trieben, wo einem die Forderung nach sozialer Gestaltung des Lebens wie der Widerpart erscheint zu dem, was in den Menschenseelen als antisoziale Triebe lebt. Man mag die schönsten Programme aufstellen, man mag sich noch so schönen Vorstellungen hingeben über das, was werden soll zur Lösung der sozialen Frage, ein Weg zur Lösung kann sich nur finden, wenn Geist geschaut, gefühlt, empfunden wird unter den Menschen, wenn die Menschen so einander gegenübertreten, daß sie in ihren Mitmenschen achten, schützen, ehren, lieben Geist und Seele, nicht bloß dasjenige, was man heute im Mitmenschen neben sich hat.

[ 27 ] What emerges from this genuine perception of our fellow human beings as spirit and soul will give rise to social and moral forces that must form the foundation for a genuine approach to the burning social issues of our time. I cannot help but have the mental image of “those who truly grasp the essence of the social question and at the same time allow the current state of humanity to take its toll on them suffering a certain kind of spiritual anguish.” We live in a time when the social question demands to be resolved in a specific way. At the same time, we live in an age in which the advocates of social order are imbued with the most antisocial impulses, where the demand for a social organization of life appears to be the very antithesis of what lives in human souls as antisocial impulses. One may draw up the most beautiful programs; one may indulge in the most beautiful mental images about what should become of the solution to the social question—but a path to a solution can only be found when Spirit is seen, felt, and sensed among people, when people relate to one another in such a way that they respect, protect, honor, and love the Spirit and soul in their fellow human beings, not merely what one finds in one’s fellow human beings today.

[ 28 ] Darum habe ich in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» die Absonderung des Geisteslebens von dem übrigen sozialen Leben gefordert, damit dieses Geistesleben nur auf seine eigenen Untergründe gestellt werden kann, unabhängig vom Staatlichen und unabhängig von wirtschaftlichen Impulsen rein der Menschennatur folgen kann. Nur ein solches freies Geistesleben wird wirklich auch soziale Triebe, soziale Auffassungen und Gesinnungen unter die Menschen verbreiten. Auch die soziale Sittlichkeit hängt daran, daß die Menschen in ihre Seelenverfassung das aufnehmen, was ihnen werden kann im Verfolge dessen, was man zu sagen hat aus den Forschungen der Geisteswissenschaft heraus.

[ 28 ] That is why, in my book *The Key Points of the Social Question*, I called for the separation of spiritual life from the rest of social life, so that this spiritual life can be grounded solely on its own foundations, independent of the state and of economic impulses, and can follow human nature in its purest form. Only such a free spiritual life will truly spread social impulses, social views, and attitudes among people. Social morality, too, depends on people taking into their inner being what they can become by following what is to be said based on the findings of Spiritual Science.

[ 29 ] Und das, worin der Mensch als in einem werten und würdigen Ganzen ruhen muß, damit er sich nicht als bloßer einsamer Weltenwanderer fühle, sondern als ein Glied des Weltenganzen, das religiöse Element, es kann in dem Sinne, wie das der moderne Mensch braucht, wohl auch nur angefacht und angefeuert werden durch dasjenige, was als Stimmung errungen wird im Verfolgen der Geisteswissenschaft.

[ 29 ] And that in which human beings must find rest as part of a valuable and dignified whole—so that they do not feel like mere solitary wanderers in the world, but rather as members of the universal whole—the religious element—can, in the sense that modern human beings need it, likely only be kindled and stirred by that which is attained as a state of mind through the pursuit of Spiritual Science.

[ 30 ] Diejenigen Ereignisse der Weltenordnung oder der menschlichen Entwickelung, auf die die religiösen Empfindungen hinschauen, sie stehen als Tatsache da. Als Tatsache steht da zum Beispiel das Mysterium von Golgatha. Als Tatsache steht da, was im Beginn unserer Zeitrechnung in Palästina sich abgespielt hat als die Menschwerdung des Christus in dem Jesus. Man muß unterscheiden diese Tatsache, diese objektive Tatsache, von der Art und Weise, wie der Mensch sich nähert dem Verstehen, dem Anschauen einer solchen Tatsache. In den Zeiten, in denen das Christentum sich zuerst ausgebreitet hat, da konnte es strömen innerhalb der Menschheitsgesinnungen, die noch herübergekommen sind aus dem alten Orient, man verstand das, was in Palästina als das Ereignis von Golgatha geschehen ist, mit den Vorstellungen, die in gewisser Weise aus alten Zeiten, aus urtümlichen Menschheitsanschauungen stammten. Durch die Jahrhunderte hindurch waren die Menschen, die es sein konnten, ehrlich und aufrichtig, indem sie das Ereignis von Golgatha verstanden durch solche Vorstellungen. Dann kam aber die Zeit, in welcher der Galileismus auftauchte, in welcher Giordano Bruno in einer so merkwürdigen Weise für die menschliche Anschauung den Raum überwand, indem er zeigte, daß, was da oben blaues Firmament ist, nur dasjenige ist, was in uns selber lebt, die Grenzen, die wir selber setzen, während in einem weit ausgedehnten Raumesmeere die Sterne sind in einer Unendlichkeit. Es kam alles dasjenige, was Kopernikus brachte, was gebracht wurde in die neuere Weltanschauung des Äußerlichen durch die Geister, die gelebt haben bis heute. In dieser Zeit haben die Menschen innerlich sich gewöhnt an ein anderes Anschauen der Welt, als dasjenige war, durch das zuerst das Christentum begriffen worden ist. In dieser Zeit muß auch ein neues Verhältnis gewonnen werden zu den religiösen Grundlagen der Menschheitsentwickelung. Nicht handelt es sich darum, etwas zu erschüttern an den Tatsachen, die der religiösen Entwickelung der Menschheit zugrunde liegen. Es handelt sich aber darum, heute an das moderne Menschengewissen 'so zu appellieren, daß der Mensch der heutigen Zeit aus seiner Seelenverfassung heraus so, wie er es muß, das Christus-Ereignis verstehen könne.

[ 30 ] Those events in the world order or in human evolution to which religious feelings point stand as facts. The Mystery of Golgotha, for example, stands as a fact. What took place in Palestine at the beginning of our era—the Incarnation of the Christ in Jesus—stands as a fact. One must distinguish this fact—this objective fact—from the way in which human beings approach the understanding and contemplation of such a fact. In the times when Christianity first spread, it was able to flow into the attitudes of humanity that had carried over from the ancient Orient; people understood what had happened in Palestine as the event of Golgotha through mental images that, in a certain sense, stemmed from ancient times and from primordial human worldviews. Throughout the centuries, those who were capable of it were honest and sincere in their understanding of the event at Golgotha through such mental images. But then came the time when Galileanism emerged, when Giordano Bruno, in such a remarkable way, transcended the limits of human perception by showing that what appears above as the blue firmament is merely what lives within us—the boundaries we ourselves set—while in a vast expanse of space, the stars exist in infinity. All that Copernicus brought—and all that has been brought into the modern worldview of the external world by the spirits who have lived up to the present day—came to pass. During this time, people have inwardly become accustomed to a different way of viewing the world than the one through which Christianity was first understood. During this time, a new relationship must also be established with the religious foundations of human development. It is not a matter of undermining the facts that underlie the religious development of humanity. Rather, it is a matter of appealing to the modern human conscience today in such a way that people of the present age can understand the Christ event from the state of their souls, just as they must.

[ 31 ] Die meinen es mit der Religion am ehrlichsten und am ehrerbietigsten, die da sagen: ein neuer Weg muß auch zu den alten Tatsachen auf religiösem Boden gesucht werden. Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, wird die beste Vorbereitung, in der modernen Art das Christentum oder andere religiöse Inhalte zu verstehen. Diejenigen meinen es nicht ehrlich mit dem religiösen Leben, die das nicht zugeben, denn sie wollen Wege bewahren zu den Grundlagen des religiösen Lebens, denen heute der Mensch, wenn er sonst den Anschauungen seiner Zeit huldigt, nicht huldigen kann.

[ 31 ] Those who are most sincere and reverent in their approach to religion are those who say: a new path must also be sought on religious ground to the old truths. Spiritual Science, with an anthroposophical orientation, provides the best preparation for understanding Christianity or other religious teachings in a modern way. Those who do not admit this are not sincere in their religious life, for they wish to preserve paths to the foundations of religious life that people today—even if they otherwise adhere to the views of their time—cannot uphold.

[ 32 ] Wir haben es in der neueren Zeit zum Materialismus gebracht. Gewiß, verschiedene Arten von Menschen sind die Veranlasser des Materialismus geworden; aber unter diesen Menschen sind auch die, welche bewahrt haben gewisse alte Lebensgewohnheiten in der Menschheitsentwickelung, Lebensgewohnheiten, die dahin gingen, daß man den Bekenntnissen ein Monopol gegeben hat auf alles das, was über Geist und Seele zu sagen ist. Dadurch, daß die Bekenntnisse allein das Recht hatten, zu entscheiden, was man glauben müsse über Geist und Seele, dadurch kam es, daß die Naturforschung ohne Geist forschte. Die Naturforschung glaubt heute, sie habe ihre Gestalt dadurch angenommen, daß es eben so sein müsse beim Naturforschen, daß man ausschalten müsse den Geist. O nein, die Naturforschung ist so geworden, weil in früheren Zeiten es verboten war, über die Natur mit Geist zu forschen, denn über den Geist und über die Seele hatte die Kirche zu entscheiden. Und heute setzt man die Gewohnheiten fort und posaunt sie noch dazu aus als vorurteilsloses wissenschaftliches Urteil.

[ 32 ] In recent times, we have come to embrace materialism. Certainly, various kinds of people have become the driving forces behind materialism; but among these people are also those who have preserved certain old ways of life in the course of human development—ways of life that amounted to granting the creeds a monopoly on everything that can be said about the spirit and the soul. Because the religious denominations alone had the right to decide what one must believe about the spirit and the soul, this led to natural science conducting its research without the spirit. Natural science today believes it has taken its current form precisely because that is how it must be in scientific inquiry—that one must set aside the spirit. Oh no, natural science has become this way because in earlier times it was forbidden to investigate nature with the spirit, for the Church had the final say on matters of the spirit and the soul. And today, these habits are perpetuated and, moreover, trumpeted as unbiased scientific judgment.

[ 33 ] Man sehe nur einmal nach bei solchen Forschern, die im Sinne von materialistischer Forschung aufs höchste gelobt werden müssen, wie zum Beispiel bei dem Jesuitenpater und Ameisenforscher Wasmann, dem ausgezeichneten materialistischen Forscher auf dem Gebiete der Naturforschung, ein Forscher, der aber auch nicht ein Quentchen Geist hineinfließen läßt von demjenigen, was das Dogma ist. Da muß Geist und Seele herausbleiben. Deshalb: äußere Wissenschaft materialistisch. Nicht zum geringsten Teile sind die Träger der Bekenntnisreligionen die Begründer des modernen Materialismus. So paradox das heute klingt, es ist so: weil die Kirche in die Naturbetrachtung den Geist hineinzutragen nicht erlaubte, deshalb ist die Naturwissenschaft geistlos geworden. Die anderen haben sich das nur als Gewohnheit angeeignet. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß in die Naturforschung wieder den Geist hineintragen. Noch einmal möchte ich sagen: Nicht steht diese Geisteswissenschaft auf dem Boden, daß der Geist nur wie beim Materialismus zuweilen Logierbesuche oder kurze vorübergehende Besuche machen soll, damit der Mensch sich überzeugen kann, daß es einen Geist gibt — nein, diese Geisteswissenschaft will zeigen, daß im Kleinen und Großen, in allem Materiellen immer und überall Geist ist, daß man immer und überall den Geist verfolgen kann. Dadurch aber, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft immer und überall im Materiellsten den Geist erforscht, darlegt, daß es ein Materielles neben dem Geist ebensowenig als Selbständiges gibt, wie es Eis in dem Wasser als Selbständiges gibt Eis ist verwandeltes Wasser, ist Wasser abgekühlt, Materie ist Geist, verfestigt. Man muß es im einzelnen nur in der richtigen Weise erklären. Indem anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zeigt, wie überall, wo Materie ist, wo äußeres Leben ist, Geist waltet und den Menschen dazu bringt, sich mit dem waltenden Geiste zu verbinden, liefert sie auch heute die Antriebe zu einer wirklichen religiösen Vertiefung.

[ 33 ] One need only look at those researchers who deserve the highest praise in the spirit of materialist research—such as the Jesuit priest and ant researcher Wasmann, an outstanding materialist researcher in the field of natural science—a researcher who, however, does not allow even a shred of spirit to flow into his work from what constitutes dogma. Spirit and soul must be left out. Therefore: external science is materialistic. The adherents of confessional religions are, by no small measure, the founders of modern materialism. As paradoxical as this may sound today, it is true: because the Church did not permit the spirit to be brought into the study of nature, natural science has become spiritless. The others have merely adopted this as a habit. Anthroposophically oriented Spiritual Science must bring the spirit back into the study of nature. I would like to say once more: This Spiritual Science is not based on the premise that the spirit should only make occasional stopovers or brief, fleeting visits—as in materialism—so that human beings can convince themselves that a spirit exists—no, this Spiritual Science seeks to show that in the small and the large, in all that is material, the spirit is present always and everywhere, and that one can trace the spirit always and everywhere. But because anthroposophically oriented Spiritual Science investigates the spirit always and everywhere within the most material of phenomena, it demonstrates that there is no such thing as a material realm independent of the spirit, just as there is no such thing as ice in water that exists independently—ice is transformed water, water that has cooled; matter is spirit, solidified. One need only explain this in detail in the proper way. By showing how, wherever there is matter and wherever there is external life, the Spirit reigns and leads human beings to connect with the reigning Spirit, anthroposophically oriented Spiritual Science continues to provide the impetus for a genuine deepening of religious life even today.

[ 34 ] Aber man erlebt ja auf diesem Felde gar mancherlei. Sehen Sie, ein Erlebnis von einem sogar gutwilligen Manne ist das Folgende. Da sagt jemand: die Geisteswissenschaft, wie sie der Steiner gibt, ich kann sie nicht prüfen; sie mag Wahrheiten enthalten, aber man soll sie ganz fernhalten von jeglichem religiösen Leben, denn das religiöse Leben, das muß fern von aller Kenntnis ein unmittelbares Verhältnis, eine unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott darstellen. Und nun sagt der Betreffende sehr merkwürdig: wir haben in unserer Zeit zu viel von religiösem Interesse, von religiösem Erleben, die Menschen wollen nur immer erwas Religiöses erleben. Sie wollen religiöses Interesse haben. Das braucht man alles nicht in der Religion. In der Religion braucht man nur unmittelbare Einheit des Menschen mit Gott. Weg, sagt der betreffende Kirchenmann, mit allem religiösen Interesse, mit allem religiösen Erleben.

[ 34 ] But one does experience all sorts of things in this field. Look, here is an account from a man who is, in fact, well-meaning. Someone says: “I cannot verify the Spiritual Science as presented by Steiner; it may contain truths, but it should be kept entirely separate from any religious life, for religious life must, apart from all knowledge, represent a direct relationship, a direct unity between the human being and God.” And now this person says something very curious: “In our time, we have too much religious interest, too much religious experience; people just always want to experience something religious. They want to have religious interest. None of that is needed in religion. In religion, all that is needed is the direct unity of the human being with God. Away with all religious interest, away with all religious experience,” says this churchman.

[ 35 ] Nun, ein vorurteilsloser Mensch muß heute sagen, wenn die Menschen heute auch noch nach einem unklaren religiösen Erleben lechzen, wenn sie auch noch ein unklares religiöses Interesse in sich erwecken, so ist das eben der Anfang zu jener Sehnsucht, wirklich einen Weg, wie ich ihn Ihnen jetzt geschildert habe, in das religiöse Element hinein zu finden. Wer es ehrlich und aufrichtig mit dem religiösen Leben meint, der sollte ergreifen jenen Trieb des religiösen Interesses, des religiösen Erlebens. Statt dessen verpönt der Kirchenmann religiöses Erleben, religiöses Interesse. Man fragt heute, wo wirkliches religiöses Verständnis ist, bei denen, die so sprechen, oder bei denjenigen, die versuchen, so zu sprechen, wie ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Allerdings, man muß auch da an ihren Früchten die Leute erkennen.

[ 35 ] Well, an open-minded person today must acknowledge that even if people still yearn for an unclear religious experience, even if they still awaken an unclear religious interest within themselves, this is precisely the beginning of that longing to truly find a path—as I have just described to you—into the religious realm. Anyone who is honest and sincere about religious life should embrace that impulse of religious interest and religious experience. Instead, the churchman frowns upon religious experience and religious interest. People today ask: Where is true religious understanding—among those who speak this way, or among those who try to speak as I have spoken to you today? Of course, one must also recognize people by their fruits.

[ 36 ] Ein Mann, der auch ein Kirchenmann, aber allerdings daneben auch noch Universitätsprofessor ist, versuchte in einem Vortrag vor kurzem eine Widerlegung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Zwei junge Freunde von mir waren in diesem Vortrag, und sie konnten nachher in der Diskussion sprechen. Weil der Zusammenhang es ergab, so brachten diese beiden jungen Leute, die aber gut aufgenommen hatten die Impulse der Geisteswissenschaft, Worte der Bibel vor, um zu beweisen, wie übereinstimme das, was in der Bibel steht, wenn es richtig verstanden wird, mit demjenigen, was auf diesem Gebiete anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu sagen hat. Und da wußte sich der Vorsitzende, der ein richtiger Kirchenmann war, nicht anders zu helfen, als daß er sagte an einer Stelle: Hier irrt Christus! Es konnte ihm erwidert werden: Also du glaubst an einen Gott, der irrt! Schöne religiöse Gesinnung. Sie treibt sonderbare Blüten heute. Religiöse Gesinnung ist nur echt, wenn sie ins wirklich moralische Leben übertritt. Da macht man allerdings sonderbare Erfahrungen. So ziemlich das Allergemeinste, was gesagt werden kann, finde ich jetzt durch eine ganze Reihe deutscher Zeitungen über dasjenige, was als soziale Konsequenz auftritt in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, vom Anfang bis zum Ende erlogen. Aber die Menschen finden es mit einer Moral heute vereinbar, allerdings in einer Zeit, in der das Folgende als Moralkonsequenz religiöser Praxis, sagen wir, geschehen kann. Vor kurzem hat auch in einer Stadt ein Domkapitular, also ein Kirchenmann von der katholischen Art, einen Vortrag gehalten über diese hier vertretene Geisteswissenschaft, und am Schlusse hat er gesagt: überzeugen Sie sich aus den gegnerischen Schriften, was der Mann für eine Weltanschauung vertritt, denn seine eigenen Schriften und die seiner Anhänger dürfen Sie nicht lesen. Die hat nämlich zum Lesen für Katholiken der Papst verboten.

[ 36 ] A man who is a clergyman—but also a university professor—recently attempted, in a lecture, to refute the anthroposophically oriented Spiritual Science. Two young friends of mine attended this lecture, and they were able to speak during the discussion afterward. Since the context called for it, these two young people—who had, however, taken the impulses of Spiritual Science to heart—cited passages from the Bible to demonstrate how what is written in the Bible, when properly understood, agrees with what anthroposophically oriented Spiritual Science has to say in this area. And then the chairman, who was a true man of the church, could think of no other way to respond than to say at one point: “Here Christ is mistaken!” To which it could be replied: “So you believe in a God who makes mistakes!” What a fine religious attitude. It bears strange fruit today. A religious attitude is genuine only when it translates into a truly moral life. There, however, one has strange experiences. I now find that pretty much the most common thing that can be said—as expressed in a whole series of German newspapers regarding the social consequences of this anthroposophically oriented Spiritual Science—is a lie from beginning to end. But people today find it compatible with morality—even in an age when the following can happen, so to speak, as a moral consequence of religious practice. Recently, in a certain city, a cathedral canon—that is, a Catholic clergyman—gave a lecture on this Spiritual Science represented here, and at the end he said: “Find out for yourselves from the opposing writings what kind of worldview this man holds, for you must not read his own writings or those of his followers.” The Pope has, in fact, forbidden Catholics from reading them.

[ 37 ] Die Empfehlung, etwas kennenzulernen aus dem Übelgewollten, aus den übelwollendsten gegnerischen Schriften, das ist moralische Konsequenz mancher religiösen Praxis der Gegenwart. Kein Wunder, daß aus solchen Untergründen des Lebens über die Welt hin sich das ergossen hat, was wir in den letzten fünf Jahren erlebt haben. Oder war es nicht ein An-die-Oberfläche-Treiben von Lüge und Menschenhaß und vielem anderen, was aber wurzelte und heute noch wurzelt in den Tiefen der Menschenseelen? Sollte die Tatsache, die man erlebt hat, nicht Veranlassung geben, ganz ernstlich mit sich zu Rate zu gehen, ob nicht ein gründliches Umlernen notwendig sei? Ist nicht an die Oberfläche des Welthistorischen in der Gegenwart so etwas wie welthistorische Unmoral gekommen? Oder ist es religiöse Gesinnung, die sich in den letzten fünf Jahren in der Welt ausgelebt hat? Die Gesinnungen, die nicht Jahrhunderte, die Jahrtausende Zeit gehabt hätten, an der Verbesserung der Menschheit zu arbeiten, Sie sehen heute ihre Früchte! Die Theologie des 19. Jahrhunderts weiß nichts mehr von der Geistigkeit des Ereignisses von Golgatha. Diese Geistigkeit, dieser göttliche Christus in dem Menschen Jesus, auf dem Wege anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft wird er wieder gefunden werden. Von da aus wird er wiederum in die Menschenseelen einziehen, um sie zu veranlassen, daß sie nicht bloß predigen von Moral, sondern daß in ihnen begründet werde das richtige Triebhafte, das richtige Impulsive des moralischen Wirkens und Arbeitens in der Welt. Ist nicht eine Erneuerung, ein Aufbau augenscheinlich notwendig? Stellt sich diese Notwendigkeit nicht heraus, wenn man die Ereignisse der letzten fünf bis sechs Jahre betrachtet, sieht man nicht da die Früchte desjenigen, was jahrhundertelang unter der Oberfläche gelebt hat und jetzt heraufgekommen ist? Sollte das nicht Beweis sein, daß gründliche religiös-moralische Arbeit notwendig ist?

[ 37 ] The recommendation to learn something from the most malicious, from the most malevolent opposing writings—that is the moral consequence of many contemporary religious practices. No wonder that what we have experienced over the past five years has poured out across the world from such depths of life. Or was it not rather a surfacing of lies and misanthropy and much else that was—and still is—rooted in the depths of the human soul? Shouldn’t the reality we have experienced prompt us to ask ourselves in all seriousness whether a fundamental re-education is necessary? Hasn’t something akin to world-historical immorality come to the surface of world history in the present? Or is it a religious mindset that has run its course in the world over the past five years? The attitudes that have not had centuries—indeed, millennia—to work toward the betterment of humanity are now bearing fruit! Nineteenth-century theology knows nothing more of the spirituality of the event at Golgotha. This spirituality—this divine Christ in the man Jesus—will be rediscovered through the path of anthroposophically oriented Spiritual Science. From there, he will once again enter into human souls to inspire them not merely to preach morality, but to establish within them the right instinctive drive, the right impulse for moral action and work in the world. Is renewal and reconstruction not clearly necessary? Does this necessity not become apparent when one considers the events of the last five to six years? Do we not see there the fruits of what has been lying dormant beneath the surface for centuries and has now come to the surface? Should this not be proof that thorough religious and moral work is necessary?

[ 38 ] An dieser Arbeit, deren Notwendigkeit jeder Unbefangene heute zugeben muß, wenn er nicht mit seiner Seele schläft innerhalb der großen Ereignisse der Zeit, möchte die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mitarbeiten. Und wer sie kritisieren, wer sie verdammen will, der sollte erst die gründliche Frage aufwerfen: will sie ehrlich mitarbeiten an dem wirklichen Fortschritt der Menschheit? — Und wenn er sich gewissenhaft davon unterrichtet hat, so daß er ein Urteil darüber hat gewinnen können, dann wird sich erst zeigen, inwiefern diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft ein Recht hat, mitzuarbeiten. Denn sie möchte ehrlich und aufrichtig an dem notwendigen Fortschritt, an dem notwendigen Umdenken und Umlernen der Menschheit mitarbeiten.

[ 38 ] Anthroposophically oriented Spiritual Science would like to contribute to this work, the necessity of which any impartial person must acknowledge today, unless they are spiritually asleep in the midst of the great events of our time. And those who wish to criticize it or condemn it should first ask themselves this fundamental question: Does it sincerely wish to contribute to the true progress of humanity? — And once they have conscientiously informed themselves about it, so that they have been able to form a judgment, only then will it become clear to what extent this anthroposophically oriented Spiritual Science has a right to contribute. For it wishes to contribute honestly and sincerely to the necessary progress, to the necessary rethinking and relearning of humanity.