Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334

17 March 1920, Zurich

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

From a Unitary State to a Tripartite Social Organism, tr. SOL
  1. Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus

4. Ungeist und Geist in der Gegenwart und für die Zukunft

4. Evil Spirits and Spirits in the Present and for the Future

[ 1 ] Unter den irgendwie maßgeblichen Urteilen, die in der Gegenwart abgegeben worden sind über die heutige so chaotische Weltlage, ist zweifellos eines der allerbedeutsamsten dasjenige des Engländers John Maynard Keynes, der in seinem Buch «Die wirtschaftlichen Folgen des Versailler Friedensschlusses» eine solche Beurteilung der gegenwärtigen allgemeinen Weltenlage gebracht hat. Keynes ist ganz zweifellos auch durch seine äußeren Verhältnisse zu einem solchen Urteil berufen. Er war während der Kriegszeit zugeteilt dem englischen Schatzamt, war in der Lage, selbstverständlich aus den sich ihm da ergebenden Untergründen heraus, sich eine Grundlage für ein entsprechendes Urteil zu bilden. Auf der anderen Seite war er unter den Abgesandten, unter den Mitarbeitern des Versailler Friedensschlusses selbst. Allerdings trat er schon im Juni 1919 von dieser Stellung zurück. Und dieser Rücktritt wie auch die Schlüsse, zu denen er in seinem Buch über die wirtschaftlichen Folger des Friedensschlusses kommt, sie sind gerade dasjenige, was ein bedeutungsvolles Licht wirft auf die Art und Weise, wie sich diese Persönlichkeit zu der Weltlage der Gegenwart stellt. Auch Keynes gehörte ja zu denjenigen, welche zunächst wahrscheinlich wohl noch bei ihrem Gang nach Versailles in der von Amerika herübergekommenen, mit so großer Glorie empfangenen Persönlichkeit Woodrow Wilson etwas wie einen Propheten und Ordner der gegenwärtigen Weltlage sahen. Er ist gründlich von diesem Urteil abgekommen. Und derjenige, der wie ich, auch in den Zeiten, in denen Woodrow Wilson von einer ungeheueren Menschenmenge geradezu zu einem Weltbefreier erklärt worden ist, der — auch von dieser Stelle aus habe ich das getan - hier in der Schweiz unumwunden sein Urteil dahin abgegeben hat, daß die inhaltsleeren und abstrakten Auseinandersetzungen Woodrow Wilsons und seine Manifeste zu einem wirklichen Neubau der zerstörten Zivilisation nichts beitragen können, der darf wohl hinweisen heute auf ein solches maßgebendes Urteil. Keynes schildert in seinem Buche geradezu, was die Persönlichkeit anbelangt, mit einer intensiven Plastik — möchte man sagen. Er schildert, wie Woodrow Wilson in Versailles ankommt, wie er an den Versammlungen teilnimmt, wie sein Denken ein langsames ist, wie er gewissermaßen überall hintennach hinkte. Während die anderen schon weit vorne sind mit ihrer Beurteilung der Dinge, ist er noch weit zurück bei irgend etwas, das man vor fünf, sechs oder vor zehn Sätzen gesprochen hat, geradezu ein Mann, der an der Langsamkeit seines Denkens leidet. Vieles andere wird plastisch geschildert in bezug auf die Persönlichkeit dieses angeblichen Weltenbefreiers.

[ 1 ] Among the somewhat authoritative assessments that have been made in recent times regarding today’s chaotic world situation, one of the most significant is undoubtedly that of the Englishman John Maynard Keynes, who, in his book *The Economic Consequences of the Treaty of Versailles*, offered such an assessment of the current general world situation. Keynes was undoubtedly called upon to form such an assessment due to his external circumstances as well. During the war, he was assigned to the British Treasury and was in a position—naturally based on the information available to him there—to establish a foundation for such an assessment. On the other hand, he was among the delegates and staff members involved in the Treaty of Versailles itself. However, he resigned from this position as early as June 1919. And this resignation, as well as the conclusions he reaches in his book on the economic consequences of the peace treaty, are precisely what shed significant light on the way this figure views the current world situation. Keynes, too, was among those who, at first—probably even as they made their way to Versailles—likely still saw in Woodrow Wilson, the figure who had come over from America and been received with such great glory, something of a prophet and organizer of the current world situation. He has thoroughly abandoned this view. And anyone who, like me, even in the days when Woodrow Wilson was virtually proclaimed a liberator of the world by a vast crowd—I, too, from this very place, have done so —here in Switzerland, I have openly expressed the view that Woodrow Wilson’s empty and abstract arguments and his manifestos can contribute nothing to a genuine rebuilding of the destroyed civilization—may well point today to such a definitive judgment. In his book, Keynes portrays the man—as it were—with intense vividness, one might say. He describes how Woodrow Wilson arrives in Versailles, how he participates in the meetings, how his thinking is slow, how he, so to speak, lagged behind in everything. While the others are already far ahead in their assessment of things, he is still far behind on something that was mentioned five, six, or ten sentences ago—truly a man who suffers from the slowness of his thinking. Much else is vividly described with regard to the personality of this supposed liberator of the world.

[ 2 ] Aber auch auf die anderen führenden Persönlichkeiten, die bei diesem Friedensschlusse tätig waren, kommt Keynes zu sprechen, eindringlich zu sprechen. Er schildert, wie Clemenceau ein Mann ist, der eigentlich die ganze Entwickelung der europäischen Menschheit seit den siebziger Jahren verschlafen hat, der eigentlich nichts anderes wollte bei diesem Friedensschlusse, als in einem gewissen Sinne die Welt wiederum zurückschrauben zu dem, was in den siebziger Jahren innerhalb Europas vorhanden war. Und er schildert dann nicht minder anschaulich und plastisch, wie Lloyd George eigentlich allen überlegen ist, wie er einen gewissen Instinkt hat, um zu erfühlen dasjenige, was bei den Persönlichkeiten seiner Umgebung gedacht und getan und gewollt wird. Und man sieht aber aus alledem, wie schwer es heute selbst einem scharfsinnigen Beschreiber wie Keynes wird, sich nach und nach durch die Gewalt der Tatsachen ein Urteil zu verschaffen. Das ist es ja, was immer mehr und mehr beiträgt zu dem Chaotischwerden unserer gegenwärtigen Weltenlage, daß gerade die führenden Persönlichkeiten, die‘die Angelegenheiten, die das öffentliche Leben der letzten Jahrzehnte an die Oberfläche gebracht hat, daß die so gar nicht gewachsen sind den großen Anforderungen, welche die heutige Zeit stellt. Gerade das geht aus dem angezeigten Buche und seinem Urteil hervor. Man sieht daraus, daß alles dasjenige, was an zerstörenden Mächten in der Welt wirkt, durchaus nicht in irgendeine Urteilsordnung gebracht werden kann von denjenigen, die eben durch das öffentliche Leben zur Führerschaft berufen worden sind. Und da Keynes sah, daß nichts irgendwie bei dieser Konferenz herauskommen könne, was zu einer heilsamen und gedeihlichen Weiterentwickelung der europäischen Zivilisation führt, so legte er eben sein Amt nieder gleich in den Anfängen der Verhandlungen. Und wie er nun sein Urteil aufbaut, das ist außerordentlich bedeutsam. Und eigentlich hat man in der Gegenwart nur nötig, auf Urteile, die auf solchen Unterlagen ruhen, etwas Wirkliches zu bilden. Das Urteil von Keynes ist, ich möchte sagen, errechnet. Nur diejenigen Persönlichkeiten können eigentlich in der Gegenwart mitsprechen, die einen gewissen Sinn und Instinkt haben, aus noch vorhandenen Kräften in einer gewissen Weise die Zukunft mit aller Nüchternheit zu errechnen. Auf sie zu hören hat man deshalb besondere Veranlassung, weil ja weitaus die größte Zahl der heutigen Urteile abgegeben wird aus irgendwelchen völkisch-chauvinistischen oder sonstigen Vorurteilen heraus, während die Zahl derjenigen gering ist, die in objektiver Weise aus der Sprache der Tatsachen selber heraus sich ihr Urteil diktieren lassen. Zu ihnen gehört Keynes. Er hält Umschau über dasjenige, was vor allen Dingen in bezug auf Ökonomisches aus dem hervorgehen könne, was die drei genannten führenden Persönlichkeiten in Versailles gebraut haben, was wirklich gerade im wirtschaftlichen Leben der europäischen Zivilisation nach und nach erfolgen müsse, wenn nichts anderes eintritt, als daß die Kräfte wirken, die dazumal in Versailles zur Geltung gebracht worden sind. Und Keynes errechnet - ich sage ausdrücklich und ich betone es sehr stark —, Keynes errechnet, daß aus diesem Friedensschlusse nichts anderes folgen könne, als der wirtschaftliche Ruin Europas. Selbstverständlich muß mit dem wirtschaftlichen Ruin Europas verbunden sein der geistige und der politische Ruin.

[ 2 ] But Keynes also addresses the other leading figures who played a role in this peace settlement—and he does so forcefully. He describes Clemenceau as a man who has essentially slept through the entire development of European society since the 1870s, and who, in this peace settlement, wanted nothing more than to, in a sense, turn the clock back to the state of affairs that existed within Europe in the 1870s. And he then describes, no less vividly and vividly, how Lloyd George is actually superior to everyone else, how he possesses a certain instinct for sensing what is being thought, done, and intended by the figures around him. Yet one can see from all this how difficult it is today—even for a perceptive observer like Keynes—to gradually form a judgment under the weight of the facts. This is precisely what contributes more and more to the chaos of our current world situation: that the very leaders who have dealt with the issues brought to the surface by public life in recent decades are simply not up to the great demands of the present age. This is precisely what emerges from the book in question and its assessment. It becomes clear from this that all the destructive forces at work in the world cannot be brought under any kind of rational framework by those who have been called to leadership precisely through public life. And since Keynes saw that nothing could possibly come out of this conference that would lead to a wholesome and prosperous further development of European civilization, he resigned his office right at the outset of the negotiations. And the way in which he now constructs his judgment is extraordinarily significant. And in fact, what is needed today is to build something real upon judgments that rest on such foundations. Keynes’s judgment is, I would say, calculated. Only those individuals who possess a certain sense and instinct for calculating the future with complete objectivity—based on the forces still available—can truly have a say in the present. There is therefore a special reason to listen to them, because by far the greatest number of judgments today are made on the basis of some kind of nationalistic-chauvinistic or other prejudices, while the number of those who allow their judgment to be dictated objectively by the language of the facts themselves is small. Keynes is among them. He is surveying what might emerge—above all in economic terms—from what the three leading figures mentioned above have concocted in Versailles, and what must indeed gradually come to pass in the economic life of European civilization if nothing else occurs except that the forces brought to bear in Versailles at that time continue to take effect. And Keynes calculates—I say this explicitly and emphasize it very strongly—Keynes calculates that nothing other than the economic ruin of Europe can result from this peace treaty. Naturally, the economic ruin of Europe must be accompanied by its intellectual and political ruin.

[ 3 ] So ist das Buch über die wirtschaftlichen Folgen des Versailler Friedensschlusses schon durch diesen seinen Inhalt interessant genug. Aber in gewisser Beziehung wird es noch interessanter durch seinen Schluß. In diesem Schluß gesteht Keynes ganz unverhohlen, daß er eigentlich keine Ahnung habe von demjenigen, was zu tun oder zu wollen sei, um aus dem Chaos, in das wir hineintreten, herauszukommen. Und er sagt, indem er dieses Geständnis macht, etwas eigentlich außerordentlich Bedeutungsvolles, in einen einzigen Satz faßt er dieses bedeutungsvoll zusammen. Er sagt, man könne nur erhoffen, daß irgendein Heil für die europäische Zivilisation erfolge aus dem Zusammennehmen aller in Betracht kommenden Kräfte zu einer neuen Seelenverfassung und zu neuen Imaginationen.

[ 3 ] The book on the economic consequences of the Treaty of Versailles is interesting enough simply because of its content. But in a certain respect, it becomes even more interesting because of its conclusion. In this conclusion, Keynes admits quite openly that he actually has no idea what needs to be done or what we should aim for in order to emerge from the chaos into which we are entering. And in making this admission, he says something truly extraordinary; he sums it up meaningfully in a single sentence. He says that one can only hope that some salvation for European civilization will come from the convergence of all relevant forces into a new state of mind and new imaginations.

[ 4 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, das sagt ein Mann, der drinnengestanden hat in den Verhältnissen, der berufen war mitzutun, der durch seine Auseinandersetzung zeigt, daß er ein Mensch ist, der im weitesten Umfange nüchtern rechnen kann. Eine neue Seelenverfassung, ein Zusammennehmen aller Kräfte zu einer neuen Anschauung der im öffentlichen Leben der Menschheit tätigen Gewalten, wo sind diese zu finden? Wie ist zu diesen zu kommen?

[ 4 ] Ladies and gentlemen, these are the words of a man who has been intimately involved in these circumstances, who was called upon to play a part, and who, through his analysis, demonstrates that he is a person capable of making sober assessments on the broadest scale. A new state of mind, a pooling of all forces toward a new perspective on the Powers at work in humanity’s public life—where are these to be found? How can they be attained?

[ 5 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, es bedarf wohl nur einiger Unbefangenheit, so wird man zugeben müssen, daß dazu der erste Schritt sein müsse der: in voller Vorurteilslosigkeit das Wesentliche im öffentlichen Leben der Gegenwart zu erforschen; sich zu fragen: Welches sind denn eigentlich die wirksamen Kräfte in diesem öffentlichen Leben der Gegenwart? In früheren Vorträgen, die ich hier zu halten die Ehre hatte, habe ich darauf hingewiesen, welcher Art von geschichtlichen Betrachtungen es verdankt werden soll, auf wirklich wirksame Kräfte im Leben der Menschheit zu kommen. Da muß man vor allen Dingen auf gewisse Symptome sehen, durch die anschaulich wird dasjenige, was in den Tiefen der Menschheitsentwickelung wirkt. Und deshalb möchte ich, um etwas, was vielleicht zum Hervorragendsten gehört unter den Kräften, die mit am Zerstörungswerk gearbeitet haben, möchte ich hinweisen gerade auf die Weltanschauungsgrundlage der Gegenwart, allerdings so, wie sie sich herausgebildet hat im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte. Nicht als ob ich die Meinung erwecken wollte, als ob eine Weltanschauung, die begründet wird in einsamer Denkerstube, nun etwa hingehen würde und wirkte auf jede einzelne Seele, und daß die öffentlichen Angelegenheiten gewissermaßen aus einer solchen Weltanschauung heraus zustande kämen. Das ist ja ganz gewiß nicht der Fall. Aber so wie dasjenige, was öffentliche Angelegenheiten sind, herauswächst aus dem Wollen, aus dem Empfinden, aus dem Gemütsleben, aus den Gedanken der Gesamtverfassung des Menschen, so wächst eben auch die Weltanschauung heraus aus dieser Gesamtverfassung des menschlichen Lebens, namentlich der menschlichen Seele. Und man kann sehen wie an einem Symptom, wie die Menschen eines Zeitalters beschaffen sind in ihrem ganzen Wirken, in ihrem ganzen Tun, wenn man gewissermaßen das Symptom der Weltanschauung ins Auge faßt, insofern man auf die gerade in der Gegenwart maßgebenden, zur Geltung gekommenen Weltanschauungen hinweisen will. Dieses Maßgebende charakterisiert sich ja insbesondere dadurch, daß alles dasjenige, was nicht durch Tradition von alten Zeiten in unsere Weltanschauung hineingekommen ist, sich herausentwickelt hat aus dem Boden der Naturwissenschaft, die auf äußere materielle Beobachtung allein ihre Erkenntnisse bauen will. Was zeigt denn, tiefer betrachtet, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung?

[ 5 ] Well, ladies and gentlemen, one need only be a little open-minded to admit that the first step must be this: to explore, with complete impartiality, the essence of contemporary public life; to ask oneself: What, in fact, are the active forces in this contemporary public life? In earlier lectures that I had the honor of delivering here, I pointed out what kind of historical analysis is necessary to identify the truly effective forces in human life. Above all, one must look for certain symptoms that vividly reveal what is at work in the depths of human development. And that is why, in order to highlight what is perhaps one of the most prominent forces that have contributed to the work of destruction, I would like to point specifically to the worldview that underlies the present day—albeit as it has taken shape over the course of the last three to four centuries. Not that I wish to give the impression that a worldview conceived in the secluded study of a solitary thinker would somehow go out and influence every single soul, or that public affairs arise, as it were, from such a worldview. That is certainly not the case. But just as public affairs arise from the will, from feeling, from the life of the soul, and from the thoughts that constitute the total constitution of the human being, so too does the worldview arise from this total constitution of human life—namely, the human soul. And one can see, as if through a symptom, what the people of an era are like in all their activities, in all their actions, when one, so to speak, takes the symptom of worldview into account, insofar as one wishes to point to the worldviews that are currently dominant and have come to the fore. This prevailing worldview is characterized, in particular, by the fact that everything that has not entered our worldview through tradition from ancient times has developed from the foundation of natural science, which seeks to base its knowledge solely on external, material observation. What, upon deeper reflection, does this natural-scientific worldview reveal?

[ 6 ] Derjenige kann sie vielleicht allein richtig beurteilen, der sie bewundern kann. Und in früheren Vorträgen habe ich diese meine Bewunderung für die naturwissenschaftliche Weltanschauung gewiß stark genug zum Ausdruck gebracht. Nicht von irgendeiner Bekämpfung dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die auf ihrem Gebiete gewiß außerordentlich berechtigt ist, sollen diese Ausführungen, die ich hier entwickele, getragen werden. Diese naturwissenschaftliche Anschauung hat namentlich in ihren technischen und wirtschaftlichen Konsequenzen zu großartigen Zivilisationsfrüchten für die Menschheit geführt. Aber nehmen wir an, es gäbe heute irgendeinen Geist — er ist schon kaum mehr möglich erstens bei dem großen Gebiete naturwissenschaftlicher Erkenntnis, zweitens bei ihrer Spezialisierung —, aber nehmen wir an, es gäbe heute einen Geist, welcher den ganzen Umschwung der naturwissenschaftlichen Anschauung von der Mathematik und von der Mechanik bis herauf in die Biologie und bis herauf in dasjenige, was über die Biologie für die menschliche Seelenkunde gewonnen werden kann, umspannte: ein solcher Geist, er würde in gewissen Gebieten des Naturschaffens und Naturseins ganz zweifellos bedeutsame Einblicke gewinnen können. Allein, wenn ein solcher Geist mit völliger Klarheit sich die umfassende große Menschheitsfrage stellte: Was ist eigentlich der Mensch in seinem eigenen Wesen und in seinem ganzen Verhältnis zur Welt? — dann müßte gerade derjenige, der auf dem Boden der Naturwissenschaft ganz fest steht, der die Tragweite der naturwissenschaftlichen Erkenntnis gerade richtig zu beurteilen vermag, er müßte sagen: für die Beantwortung dieser Fragen nach dem Menschenwesen und nach dem Verhältnis des Menschen zu dem übrigen Kosmos vermag die naturwissenschaftliche Weltanschauung nichts zu sagen. Diese Frage bleibt gerade von der neusten physischen naturwissenschaftlichen Erkenntnis unbeantwortet. Wie der Mensch hervorgegangen ist in äußerlicher physischer Entwickelung von niederen, tierähnlichen Formen, zu seiner heutigen Menschengestalt, darüber sind schon großartige Erkenntnisansätze vorhanden. Was der Mensch ist in seinem Verhältnis zu geistigen Welten, davon haben gerade diese Erkenntnisansätze den Menschen weit abgeführt. Wer sich das nicht unbefangen eingestehen kann, der wird auch kein Urteil darüber gewinnen können, aus welchen inneren Impulsen heraus die gegenwärtige Menschheit wirkt, indem sie die öffentlichen Angelegenheiten organisiert oder auch öffentliche Organisationen zerstört. Denn mögen wir uns auch nicht immer bewußt sein wie aus dem, was wir über das Wesen des Menschen und seine Stellung zur Welt bewußt denken, mögen wir uns auch nicht immer bewußt sein, welche Gedanken wir in dieser Stellung hegen, diese Gedanken, so unbewußt, so instinktiv sie sein mögen, sie wirken in unseren Empfindungen, in unseren Willensentschlüssen. Sie werden daher doch die Schöpfer des ganzen öffentlichen, geistigen, politischen und wirtschaftlichen Lebens. Wer nur die Dinge richtig ansehen will, der wird gewahr werden, wie auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge, da sie doch von Menschen gemacht werden, Menschen aber wiederum aus ihren Seelenimpulsen heraus handeln, wie auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Welt durchaus ein Abbild desjenigen darstellen, was der Mensch über sich zu empfinden vermag und über sein Verhältnis zur Welt. Nun müssen wir sagen: groß ist geworden die naturwissenschaftliche Weltanschauung über alles dasjenige, was außermenschlich ist. Über den Menschen selber vermag sie keine Antwort zu geben. Groß ist sie, wenn über die Reiche, die untermenschlich sind, Auskunft verlangt wird. Wie aber verhalten sich die Auskünfte, die wir uns erobern als Menschen zu dem, was wir aus unseren Ideen, aus unseren inneren Seelenimpulsen einfließen lassen sollen in das soziale Leben, überhaupt in das Zusammenleben von Mensch zu Mensch und in Menschengruppen? Kann man denn irgendwelche Antriebe empfangen von denjenigen Gebieten, die außerhalb des Menschen liegen, für das menschliche Wirken, für das menschliche Zusammenleben? Das zeigt sich am besten, daß man das nicht kann, wenn man das Verhältnis des Menschen zur Sprache beobachtet.

[ 6 ] Perhaps only those who can admire it are truly capable of judging it correctly. And in earlier lectures, I have certainly expressed my admiration for the scientific worldview strongly enough. The remarks I am making here are not intended to be driven by any desire to oppose this scientific worldview, which is certainly extraordinarily justified within its own field. This scientific worldview has led to magnificent achievements for humanity, particularly in its technical and economic consequences. But let us suppose that there were today some mind—which is hardly possible anymore, first because of the vast scope of scientific knowledge and second because of its specialization—but let us suppose there were today a mind that encompassed the entire scope of the scientific worldview—from mathematics and mechanics all the way up to biology and even to what can be gained beyond biology for the study of the human soul: such a mind would undoubtedly be able to gain significant insights into certain areas of natural creation and natural existence. However, if such a mind were to pose the all-encompassing question of humanity with complete clarity: What is man, actually, in his very essence and in his entire relationship to the world? — then precisely the one who stands firmly on the ground of natural science, who is able to assess the scope of scientific knowledge correctly, would have to say: the scientific worldview has nothing to say in answer to these questions about the human being and about humanity’s relationship to the rest of the cosmos. This question remains unanswered even by the most recent findings of physical science. There are already magnificent insights into how human beings have evolved, in terms of external physical development, from lower, animal-like forms to their present human form. But precisely these insights have led humanity far astray regarding what human beings are in their relationship to spiritual worlds. Anyone who cannot admit this impartially will also be unable to form a judgment regarding the inner impulses that drive present-day humanity as it organizes public affairs or even dismantles public institutions. For even if we are not always conscious of what we consciously think about the nature of the human being and his place in the world, even if we are not always conscious of the thoughts we harbor in this regard—these thoughts, however unconscious or instinctive they may be—they influence our feelings and our decisions. They therefore become the creators of all public, intellectual, political, and economic life. Anyone who simply wishes to view things correctly will come to realize that economic relationships—since they are, after all, created by human beings, who in turn act out of the impulses of their souls—are, like all other economic relationships in the world, a reflection of what human beings are capable of feeling about themselves and their relationship to the world. Now we must say: the scientific worldview has become all-encompassing regarding everything that is extra-human. It is unable to provide an answer regarding human beings themselves. It is powerful when information is sought about the realms that lie below the human level. But how do the insights we gain as human beings relate to what we are meant to infuse into social life—and indeed into human coexistence, both between individuals and within groups—from our ideas and our inner soul impulses? Is it possible to receive any impulses from those realms that lie outside of human beings for human activity and human coexistence? The best way to see that this is not possible is to observe the relationship between human beings and language.

[ 7 ] In der Sprache lebt im Grunde genommen doch alles dasjenige, was Mensch zu Mensch führt. Durch die Sprache beherrschen wir auch das wirtschaftliche Leben. Durch die Sprache inaugurieren wir die äußeren politischen und geistigen Verhältnisse. Nun gibt es ein höchst Merkwürdiges, das nur leider nicht oft genug gründlich betrachtet wird. Wenn wir versuchen, unsere Sprache anzuwenden für die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, so können wir eigentlich niemals etwas anderes tun, als die Worte, die Redewendungen, auch alles dasjenige, wodurch wir Naturgesetze ausdrücken, jene Naturgesetze, die wir heute so bewundern als den großen Fortschritt der neueren Menschheit, wir können nichts anderes als dasjenige, was wir uns gebildet haben in den Worten als Ausdruck für innere Seelenverhältnisse oder für Verhältnisse am Menschen, auf die Natur hinaus auszudehnen. So feinsinnige Geister wie Goethe, die bemerkten das. Deshalb sagte Goethe: Der Mensch begreift gar nicht, wie anthropomorphistisch er ist. -— Wenn wir sagen: eine elastische Kugel stößt die andere -, und wir daraus die Gesetze des elastischen’ Stoßes in der Physik ableiten, so gehen wir im Grunde genommen aus von dem, was wir in der Wortbedeutung für den Stoß haben, den wir in unserem eigenen Organismus ausführen. Und derjenige, der nur richtig nachforschen will, wird sehen, daß alles dasjenige, was nur überhaupt von der Sprache angewendet werden kann auf die Naturwissenschaft, die das Außermenschliche behandelt, vom Menschen her genommen werden muß.

[ 7 ] Essentially, language encompasses everything that connects one person to another. Through language, we also shape economic life. Through language, we establish external political and intellectual relationships. Now there is something most remarkable that, unfortunately, is not often enough examined in depth. When we attempt to apply our language to scientific knowledge, we can never really do anything other than take the words, the phrases—indeed, everything through which we express the laws of nature, those very laws we now admire so much as the great progress of modern humanity— we can do nothing other than extend to nature what we have formed in words as expressions of inner states of the soul or of human conditions. Subtle minds like Goethe noticed this. That is why Goethe said: “Human beings do not realize at all how anthropomorphic they are.” — When we say, “One elastic sphere strikes another,” and from this we derive the laws of elastic collision in physics, we are essentially proceeding from the meaning we ascribe to the word “collision” as we experience it in our own bodies. And anyone who is truly willing to investigate will see that everything that can be applied at all from language to the natural sciences—which deal with the non-human—must be derived from human experience.

[ 8 ] Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? - Sie wäre zu einem sehr geringen Inhalte gekommen, wenn wir nur das Muhen der Kuh und andere tierische Laute nachahmen könnten. Wie ist denn unsere Sprache zu einem Inhalte gekommen? Wer unbefangen den Entwickelungsgang der Menschheit betrachten kann, der findet, daß aller Inhalt der Sprache davon herkommt, daß die Menschheit in Zeiten, die allerdings hinter unserer Zivilisation zurückliegen, eine gewisse instinktiv-geistige Erkenntnis hatte, ich sage: eine instinktiv-geistige Erkenntnis hatte mit den natürlichen elementaren Nachempfindungen, die in der menschlichen Seele aufsteigen. Mit den Willensimpulsen, mit dem bildhaften Vorstellen, die sich im Mythus, in Mythologie auslebten, kamen dem Menschen geistige Anschauungen, und aus diesen geistigen Anschauungen heraus bildete er sich den Seeleninhalt, der dann zum Inhalt seiner Sprache wurde in der neueren Zeit, die groß ist dadurch, daß sie in einer gewissen Weise verachtungsvoll hinsah auf dasjenige, was instinktive geistige Fähigkeiten dem Menschen einer früheren Zeit gegeben haben. In dieser neueren Zeit, in der man vorzugsweise groß geworden ist in bezug auf die Naturwissenschaft, in dieser neueren Zeit haben unsere Worte keinen neuen Inhalt bekommen. Und eines ist geschichtlich bedeutsam gerade in den letzten zwei bis vier Jahrhunderten: Unsere Sprache, alle Sprachen unserer zivilisierten Welt haben ihren alten Inhalt verloren. Kein neuer Inhalt konnte in sie ergossen werden, weil dasjenige, was einen solchen Inhalt nicht geben kann, die bloße Naturerkenntnis, dasjenige ist, was gerade in dieser Zeit groß geworden ist. Und in der Zeit, die wir in anderer Beziehung so bewundern müssen, spielte sich das ab, was man nennen kann Entleerung der zivilisierten Sprachen von ihren alten geistigen Inhalten.

[ 8 ] How, then, did our language come to have meaning?—It would have had very little meaning if we could only imitate the mooing of a cow and other animal sounds. How, then, did our language come to have meaning? Anyone who can observe the course of human development with an open mind will find that all the meaning in language stems from the fact that humanity, in times that certainly predate our civilization, possessed a certain instinctive-spiritual insight—I say: an instinctive-spiritual insight—connected to the natural, elemental emotions that arise in the human soul. Through the impulses of the will and through pictorial mental images—which found their full expression in myth and mythology—human beings gained spiritual insights, and from these spiritual insights they formed the content of the soul, which then became the content of their language in more recent times—a period distinguished by the fact that, in a certain sense, it looked down upon what instinctive spiritual faculties had given to people of an earlier era. In this modern era, in which we have grown great primarily in the realm of the natural sciences, our words have not acquired any new content. And one thing is historically significant, particularly in the last two to four centuries: our language—all the languages of our civilized world—have lost their old content. No new content could be poured into them, because that which cannot provide such content—mere knowledge of nature—is precisely what has come to dominate in this era. And during the period that we must otherwise admire so much, what took place was what might be called the emptying of civilized languages of their old spiritual content.

[ 9 ] Was wurden die zivilisierten Sprachen dadurch, daß sie ihren alten Instinktinhalt verloren haben und ihnen die Naturwissenschaft keinen neuen geben konnte? — Sie wurden dasjenige, was nun in der Gegenwart bis zu einem gewissen Höhepunkt gestiegen ist. Sie wurden dasjenige, was sich ausbildete zur Phrase, und wahrhaftig nichts, was nur in einem eingeschränkten Gebiete einen Sinn hätte, sondern man nennt dasjenige, was heute Weltherrschaft ausübt, wenn man heute von Phrase spricht. Und die vier bis fünf Schreckensjahre, die wir hinter uns haben, sie haben die Weltherrschaft der Phrase auf ihrem Höhepunkt gezeigt. Wir leben heute geradezu unter der Weltherrschaft der Phrase. Was gibt es gegen diese Weltherrschaft der Phrase für ein Heilmittel? Einzig und allein die Gewinnung eines neuen geistigen Inhaltes, eines bewußten geistigen Inhaltes. Der alte, durch die frühere Menschheit auf instinktivem Wege gewonnene geistige Inhalt, der die Sprache zur Summe von Worten, nicht von Phrasen gemacht hat, er ist dahin, an ihn kann die wirklich an der Gegenwart hängende Menschheit nicht mehr glauben. Ein neuer bewußter geistiger Inhalt muß erobert werden.

[ 9 ] What became of the civilized languages when they lost their ancient instinctive content and the natural sciences could not provide them with a new one? — They became what has now reached a certain peak in the present. They became what developed into empty rhetoric—and truly, not something that would make sense only within a limited sphere—but rather, what is referred to today as exercising world domination when one speaks of empty rhetoric. And the four or five terrifying years we have left behind have revealed the world domination of the phrase at its zenith. We are living today, quite literally, under the world domination of the phrase. What remedy is there against this world domination of the phrase? Solely the acquisition of a new spiritual content, a conscious spiritual content. The old spiritual content, acquired instinctively by earlier humanity, which made language the sum of words rather than phrases—that is gone; humanity, truly rooted in the present, can no longer believe in it. A new, conscious spiritual content must be attained.

[ 10 ] Das, meine sehr verehrten Anwesenden, ist es, was die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die ihren Repräsentanten in dem Dornacher Bau hat, in ganz bewußter Weise anstrebt: bewußte geistige Erkenntnis zu dem naturwissenschaftlichen Erkennen, das über alles Außermenschliche so großartige Aufschlüsse gibt, hinzuzuerobern mit derselben Gedankenklarheit, logischen Strenge, mit derselben wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit hinzuzuerobern geistige Erkenntnis, die nun Auskunft geben kann über die große Frage nach dem Wesen des Menschen und nach der Stellung des Menschen zum übrigen Kosmos. Allerdings, gestehen muß man sich, bevor man zu einer solchen Erkenntnis vorschreiten kann, daß eben die äußere naturwissenschaftliche Methode zwar in ihrer Gewissenhaftigkeit nachgeahmt werden muß heute von jeder Erkenntnis, daß sie aber selbst nicht zur Geist-Erkenntnis führen kann. Um zur Geisteserkenntnis zu kommen ist notwendig, daß der heutige Mensch vor allen Dingen diejenigen inneren Fähigkeiten zur Geltung bringt, welche gerade auf dem Boden der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft erwachsen sollen. Ich habe dargestellt, wie der Mensch durch sein eigenes Seelenleben zu solchen Erkenntnissen kommen kann, zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft». Allerdings dann ist eines notwendig - ich habe es ja auch hier schon des öfteren hervorgehoben -, eines ist notwendig für den Menschen, dem er sich heute nur höchst widerwillig ergibt. Es ist dasjenige notwendig, was ich nennen möchte intellektuelle Bescheidenheit. Auf seine intellektuelle Entwickelung ist ja der heutige Mensch so stolz. Intellektuelle Bescheidenheit, sie macht sich erst dann geltend, wenn man sich zum Beispiel sagt: Angenommen, man gebe einem fünfjährigen Kind einen Band von Goethes Lyrik in die Hand. Was wird das Kind mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte anfangen? Es wird ihn wahrscheinlich zerreißen oder es wird spielen damit. Es wird ganz gewiß, nicht dasjenige von dem Band Goethes lyrischer Gedichte haben, was der Erwachsene haben kann, und was eigentlich das ist, wozu der Band Goethescher Lyrik bestimmt ist. Es müssen in dem Kinde erst nach und nach die Fähigkeiten heranerzogen werden, welche es bestimmen können, welche ihm möglich machen können, den Band Goethescher Lyrik in der rechten Weise auf sich wirken zu lassen. Für diese Entwickelung der kindlichen Fähigkeiten gibt man einiges zu im Menschenleben heute. Daß aber der Mensch etwa, wenn er erwachsen ist und nur ausgerüstet ist mit den Fähigkeiten, die man eben im normalen äußeren sinnlichen Menschenleben heute sich aneignen kann, daß er dann vor der Welt selber so stehen könnte, wie das fünfjährige Kind vor dem Band Goethes lyrischer Gedichte, daß er durch das eigene In-die-Hand-Nehmen seiner Seelenfähigkeiten sich erst entwickeln müsse, um aus dem, was ihm in der Welt vorliegt, etwas herauszuziehen, was sich vergleichen läßt mit dem, was das Kind erst, wenn es erwachsen ist, aus dem Band Goethes lyrischer Gedichte herauszieht, also, was es mit dem Band Goethes lyrischer Gedichte mit fünfundzwanzig Jahren anfängt - ja, das zuzugeben, dazu will sich der Mensch der Gegenwart in seinem intellektuellen Hochmut nicht bequemen. Das aber muß vor allen Dingen geltend gemacht werden, daß zur wirklichen Menschenerkenntnis, zum endlichen Erfüllen des apollinischen Ausspruches «Erkenne dich selbst» notwendig ist ein In-die-Hand-Nehmen der menschlichen Seelenfähigkeiten. Wie das im einzelnen möglich ist, das wird Gegenstand des morgigen Vortrages sein.

[ 10 ] That, my esteemed audience, is what the anthroposophically oriented Spiritual Science—represented by the Dornach Building—consciously strives to achieve: to gain conscious spiritual knowledge alongside the scientific understanding that provides such magnificent insights into all that is beyond the human—to gain, with the same clarity of thought, logical rigor, and scientific conscientiousness, spiritual knowledge that can now provide answers to the great questions concerning the nature of the human being and the human being’s place in the rest of the cosmos. However, one must admit—before one can proceed to such knowledge—that while the external scientific method must indeed be emulated in its conscientiousness by all forms of knowledge today, it cannot in and of itself lead to spiritual knowledge. To attain spiritual knowledge, it is necessary for people today, above all, to bring to bear those inner capacities that are to develop precisely on the foundation of the anthroposophically oriented Spiritual Science referred to here. I have described how human beings can arrive at such insights through their own inner life, for example in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and in the second part of my *The Secret Science*. However, one thing is necessary—as I have already emphasized here on several occasions—one thing is necessary for human beings, to which they yield only with the greatest reluctance today. What is necessary is what I would like to call intellectual humility. After all, modern human beings are so proud of their intellectual development. Intellectual humility only comes into play when one says to oneself, for example: Suppose one were to hand a five-year-old child a volume of Goethe’s poetry. What will the child do with that volume of Goethe’s poetic works? It will probably tear it up or play with it. It will certainly not derive from the volume of Goethe’s poetry what an adult can derive from it—and what is, in fact, the very purpose for which the volume of Goethe’s poetry is intended. The child’s abilities must first be gradually cultivated so that they can enable the child to allow the volume of Goethe’s poetry to affect them in the proper way. Little attention is paid to this development of a child’s abilities in human life today. But the fact is that a person, once an adult and equipped only with the abilities that can be acquired in today’s normal, external, sensory human life, might then stand before the world itself just as a five-year-old child stands before the volume of Goethe’s lyric poems—that is, that such a person must first develop through actively engaging their own soul capacities in order to draw from what lies before him in the world, something comparable to what the child, only when he has grown up, draws from the volume of Goethe’s lyric poems—that is, what he does with the volume of Goethe’s lyric poems at the age of twenty-five—yes, to admit this is something the human being of the present, in his intellectual arrogance, is unwilling to do. But above all, it must be emphasized that true knowledge of the human being—the ultimate fulfillment of the Apollonian maxim “Know thyself”—necessitates taking the human soul’s faculties into one’s own hands. How this is possible in detail will be the subject of tomorrow’s lecture.

[ 11 ] Heute will ich nur im allgemeinen hervorheben, daß es allerdings möglich ist, daß der Mensch durch eine gewisse Behandlung seines Denkens, die ich dann morgen schildern werde, dieses Denken sich erkrafte, daß es nicht mehr passiv an den Erscheinungen dahin geht, sondern daß es innerlich wie durch einen Willen ergriffen wird, aktiv wird, daß es intensiver wird, daß es auftritt so, daß der Mensch durch innere Erfahrung im unmittelbaren Erleben weiß: jetzt ist das Denken ein geistig-seelisches Schauen geworden. Während man mit dem gewöhnlichen Denken abhängig ist von seinem Denkapparat, von seinem Leibe, von dem Nervensystem, und während man gerade, wenn man das Denken etwas entwickelt, diese Abhängigkeit genau durchschaut, weiß man auch, daß wenn das Denken auf den entsprechenden Wegen, die in den angegebenen Büchern geschildert sind, sich erkraftet, es frei wird vom Leibe, es eine Tätigkeit wird, die nicht mehr durch das Instrument des Leibes geführt wird. Gewisse Meditationen, denen man sich hingibt mit derselben Objektivität, wie man im chemischen Laboratorium ein Experiment macht oder auf der Sternwarte die Sterne beobachtet, erkraften dieses Denken und befreien es von dem Werkzeug des Leibes. Es muß nur dazu kommen, wenn dann dieses Denken gebraucht werden soll für ein wirkliches Weltschauen, daß Selbstzucht des Willens eintrete. Wenn Selbstzucht des Willens mit innerem Meditieren sich zu einem willensdurchtränkten Denken entwickelt, das unabhängig vom Leibe ist, dann erst tritt Geist-Erkenntnis ein, bewußte Geist-Erkenntnis, die nun wiederum dem Menschen das geben kann, was ihm einstmals eine instinktive Geist-Erkenntnis gegeben hat: Inhalt für seine Rede, Inhalt für die Sprache. Damit der Mensch in sich den Impuls fühle, aus sich selbst heraus seiner Sprache einen Inhalt zu geben, setzte in einer gewissen Beziehung die Menschheitsentwickelung aus, hörte auf das alte instinktive Geist-Erkennen, trat das äußere Naturerkennen an dessen Stelle, was der Sprache keinen Inhalt geben kann. Aber der Mensch muß aus den Zeichen der Gegenwart heraus erkennen, daß er durch bewußtes inneres seelisches Arbeiten, durch Entwickelung seines. Denkens zum seelischen Schauen sich wiederum Selbsterkenntnis, Menschheitserkenntnis erwerben müsse und dadurch allein das entstehen kann, was unserer Sprache wiederum Inhalt gibt, was beseitigen kann die Weltherrschaft der Phrase.

[ 11 ] Today I simply wish to emphasize in general terms that it is indeed possible for a person, through a certain approach to thinking—which I will describe tomorrow—to strengthen this thinking so that it no longer drifts passively along with phenomena, but rather is seized from within as if by a will, becomes active, grows more intense, and manifests itself in such a way that the person knows through inner experience in direct perception: now thinking has become a spiritual-psychic act of perception. Whereas with ordinary thinking one is dependent on one’s thinking apparatus, on one’s body, on the nervous system—and whereas, precisely when one develops one’s thinking to some extent, one sees through this dependence clearly—one also knows that when thinking strengthens itself through the appropriate methods described in the books mentioned, it becomes free from the body; it becomes an activity that is no longer guided by the instrument of the body. Certain meditations, which one engages in with the same objectivity as one conducts an experiment in a chemistry laboratory or observes the stars at an observatory, strengthen this thinking and free it from the body as an instrument. It is only when this thinking is to be used for a genuine view of the world that self-discipline of the will must come into play. When self-discipline of the will, combined with inner meditation, develops into a form of thinking imbued with the will and independent of the body, only then does spiritual knowledge arise—conscious spiritual knowledge—which in turn can give human beings what instinctive spiritual knowledge once gave them: content for their speech, content for language. In order for human beings to feel within themselves the impulse to give content to their language from within themselves, human development, in a certain sense, came to a standstill; the old instinctive spiritual insight ceased, and external knowledge of nature took its place—which cannot give language any content. But human beings must recognize, from the signs of the present, that through conscious inner soul work, through the development of their thinking into spiritual vision, and that only through this can that which once again gives our language content come into being—that which can put an end to the world domination of empty phrases.

[ 12 ] Aber solch eine Erkenntnis gibt zu gleicher Zeit die Einsicht, daß eben die Außenwelt, indem wir sie mit unseren Sinnen betrachten, wir hineinwachsen im Verlaufe unseres Lebens zwischen Geburt und Tod, daß diese äußeren Betrachtungen uns nicht das eigentlich Geistige geben können, daß dieses, der eigentlich geistige Inhalt, von uns in die Welt hineingetragen wird, daß wir ihn selbst mitbringen, indem wir aus geistigen Welten — wie gesagt, über diese Dinge werden wir morgen genauer sprechen — durch die Geburt heruntersteigen in diese physische Welt, daß wir hinschauen müssen, wenn wir von dem geistigen Inhalt sprechen, auf dasjenige, was die Menschen hereintragen, was sie nur durch das Instrument ihres Leibes nach und nach von Jahr zu Jahr entwickeln. Nicht dasjenige, was als immer reicherer Welteninhalt in der äußeren Erfahrung an uns herantritt, das bringt in die Wirklichkeit den Geist, sondern dasjenige, was wir als Menschenindividualität durch unsere Geburt in die Welt hereintragen. Die Menschen fürchten sich nur heute vor demjenigen, was der Mensch selber in die Welt hereinträgt. Sie fürchten sich, weil sie glauben, daß, wenn er es geltend macht, es in die Phantastik führen würde. Allein es gibt durchaus Methoden, diese Phantastik zu vermeiden. Derjenige aber, der durchschaut, wie im Grunde genommen doch aller geistige Inhalt aus den menschlichen Individualitäten kommen muß, der wird ohne weiteres zugeben, daß eine gedeihliche Entwickelung dieses Geisteslebens nur kommen könne, wenn dem Menschen die volle menschliche Entwickelungsmöglichkeit gegeben ist, wenn er in seiner geistigen Entwickelung und in den Darlegungen und Offenbarungen seines Geistes von keinen äußeren Mächten, die nur hier in der physischen Welt dienen, abhängig ist. Denn mit dem Heraufkommen der reinen naturwissenschaftlichen Erkenntnis, jener Erkenntnis, die nur durch das Außermenschliche Auskunft gibt, ist eben, wie organisch damit verbunden, auch heraufgekommen die Abhängigkeit des Geisteslebens jetzt nicht von dem, was der Mensch durch die Geburt in die Welt hereinträgt, sondern von dem, was das äußere Staatsleben feststellt, von dem, was das Wirtschaftsleben aus dem Menschen macht. In derselben Zeit, in der die Naturwissenschaften groß geworden sind, haben wir die Omnipotenz des Staates aufs höchste entwickelt gesehen dadurch, daß der Staat seine Fangarme ausstreckt über alles dasjenige, was Geistesleben ist; er hat das Schulleben angefangen zu organisieren, das Wirtschaftsleben ist auf der anderen Seite maßgebend geworden für das Einleben derjenigen Persönlichkeiten, die eben in dieses Geistesfeld kommen konnten. Das aber ist Hand in Hand gegangen damit, daß der Mensch verloren hat die Möglichkeit, herauszugebären aus sich selbst einen geistigen Inhalt, seinen Worten einen geistigen Inhalt zu geben. Daher hat sich entwickelt im Zeitalter der Naturwissenschaft die Abhängigkeit des Geisteslebens von den politischen, von den wirtschaftlichen Mächten, und es hat sich unter diesem Einflusse entwickelt die Weltherrschaft der Phrase.

[ 12 ] But such a realization also brings the insight that, as we observe the external world with our senses, we grow into it over the course of our lives between birth and death; that these external observations cannot provide us with what is truly spiritual; that this—the truly spiritual content—is carried into the world by us; that we bring it with us ourselves as we descend from spiritual worlds — as I said, we will speak more precisely about these things tomorrow — we descend through birth into this physical world; that when we speak of spiritual content, we must look to what human beings bring with them, what they develop little by little, year after year, solely through the instrument of their bodies. It is not what approaches us in outer experience as an ever-richer content of the world that brings the spirit into reality, but rather what we, as human individualities, bring into the world through our birth. People today are simply afraid of what the human being himself brings into the world. They fear it because they believe that if a person were to assert it, it would lead to fantasy. Yet there are certainly methods to avoid such fantasy. But anyone who sees through the fact that, fundamentally, all spiritual content must come from human individualities will readily admit that a fruitful development of this spiritual life can only come about if human beings are given the full scope for human development, if they are not dependent, in their spiritual development and in the expressions and revelations of their spirit, on any external powers that serve only here in the physical world. For with the rise of pure scientific knowledge—that knowledge which derives its information solely from the non-human realm—there has also arisen, as an organic corollary, the dependence of spiritual life, not on what a person brings into the world at birth, but on what external political life dictates, on what economic life makes of the human being. At the very same time that the natural sciences have grown in prominence, we have witnessed the omnipotence of the state reach its peak as the state extends its tentacles over everything that constitutes spiritual life; it has begun to organize school life, while economic life, on the other hand, has become the determining factor in shaping the personalities of those who were able to enter this spiritual realm. But this has gone hand in hand with the fact that human beings have lost the ability to draw spiritual content from within themselves and to imbue their words with spiritual content. Consequently, in the age of the natural sciences, spiritual life has become dependent on political and economic powers, and under this influence, the global dominance of empty rhetoric has emerged.

[ 13 ] Das ist das erste Glied in den nach der Zerstörung hin arbeitenden gegenwärtigen Organisationen: die Weltherrschaft der Phrase, die inhaltsleere Rede. Wenn der Mensch nicht in der Lage ist, geistige Substanz, die er unmittelbar aus seiner Verbindung mit der Geisteswelt schöpft, in die Worte hineinzulegen, müssen die Worte zur Phrase werden, müssen die Worte allmählich in den Menschen sich so eingewöhnen, daß der Mensch gewissermaßen nur sich forttragen läßt von den Mechanismen der Sprache. Und das sehen wir nur leider allzu deutlich in der neueren Zeit heraufkommen: dasjenige, was mit Urgewalt hervorbricht aus dem geistig-seelischen Inneren des Menschen, was sich gewissermaßen nur entlädt in der Sprache, das verschwindet. Das Leben in den Mechanismen der Sprache wird immer intensiver und intensiver, und es ist an seinem Höhepunkt angelangt in den letzten Jahren. Weil die Menschen, indem sie miteinander redeten über die zivilisierte Welt hin, redeten unmittelbar oder mittelbar durch den Druck eigentlich von nichts, und indem die Worte nur in ihrem Mechanismus sich abspielten, entwickelte sich dasjenige, was an chaotischen Kräften zur Zerstörung hintrieb.

[ 13 ] This is the first link in the chain of present-day organizations working toward destruction: the world domination of empty rhetoric, of speech devoid of substance. If a person is unable to imbue words with spiritual substance—which he draws directly from his connection to the spiritual world—then words must become mere phrases; they must gradually take such root within the person that he is, so to speak, merely carried along by the mechanisms of language. And, unfortunately, we see this emerging all too clearly in recent times: that which bursts forth with primal force from the spiritual and soulful innermost being of the human being—that which, in a sense, merely discharges itself through language—is disappearing. Life within the mechanisms of language has become increasingly intense, reaching its peak in recent years. Because people, in speaking to one another across the civilized world—speaking directly or indirectly, driven by pressure that was, in essence, about nothing—and because words played out solely within their own mechanisms, this gave rise to the chaotic forces driving toward destruction.

[ 14 ] Ich weiß sehr gut, daß in der Gegenwart wenig Neigung dafür vorhanden ist, auf diese Intimitäten des menschlichen Lebens einzugehen, wenn von den Ursachen des gegenwärtigen Chaos die Rede sein soll. Aber niemand wird über diese Ursachen klare Begriffe und klare Urteile gewinnen, der nicht auf diese Intimitäten des menschlichen Seelenlebens eingehen will. Nicht früher auch wird in die öffentlichen Angelegenheiten wiederum Harmonie anstelle des Chaos kommen, nicht früher, als bis durch geistige Vertiefung, durch wirkliche Geisteswissenschaft in dem Menschen wiederum der Drang entsteht, seinen Worten einen vollen Inhalt zu geben. Denn dasjenige, was allerdings zuerst auf wissenschaftlichem Gebiete auftritt, was auf wissenschaftlichem Gebiete geboren wird, es drängt sich hinein in die übrigen Lebensgewohnheiten, es wird im öffentlichen Leben zu dem Tonangebenden. Und wer einen Sinn hat für Lebensbeobachtung, der sieht, wie im Alltagsleben zuletzt sich nur die letzten Konsequenzen von dem abspielen, was zum Schluß doch als das Charakteristische vorhanden ist da, wo man Weltanschauungen macht. Allerdings, die Zusammenhänge, die da auftreten, die Menschen wollen sie schon seit langem nicht ordentlich überschauen. Hier in der Schweiz hat einmal ein polternder Geist gewirkt, ich nenne ihn ausdrücklich einen polternden Geist, damit Sie sehen, ich überschätze ihn nicht, Johannes Scherr. Er hat durch seinen polternden Ton und sein polterndes Urteil manches sich verdorben, was allerdings auch an gesunden Gedanken in dem war, was er öffentlich zu sagen hatte. Er hat in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aus einer wirklich eindringlichen Beobachtung des geschichtlichen, sozialen Lebens heraus ein sehr bedeutsames Urteil gefällt. Er hat gesagt: Wenn der materialistische Ungeist, der nurmehr sich stützt auf dasjenige, was der Mensch in der Außenwelt erschaut und erlebt, wenn der fortherrscht, wird er einziehen auch in alles dasjenige, was der Mensch in den äußeren öffentlichen Angelegenheiten tut; er wird eingehen in das Wirtschafts-, in das finanzielle Leben, und es wird sich eine soziale Struktur entwickeln, die endlich dazu führen wird, daß man sagen muß: Unsinn, du hast gesiegt!

[ 14 ] I am well aware that there is little inclination today to delve into these intimate aspects of human life when discussing the causes of the current chaos. But no one will gain a clear understanding or form clear judgments about these causes unless they are willing to explore these intimate aspects of human inner life. Nor will harmony replace chaos in public affairs until, through spiritual deepening and through genuine Spiritual Science, the urge arises once again within people to give their words full meaning. For whatever first emerges in the realm of science—whatever is born there—forces its way into the rest of our way of life and sets the tone in public life. And anyone with a keen eye for observing life can see how, in everyday life, what ultimately plays out are merely the final consequences of what is, in the end, the defining characteristic of the realm where worldviews are formed. Admittedly, people have long since ceased to properly grasp the connections that arise there. Here in Switzerland, a boisterous spirit once made his presence felt—I explicitly call him a boisterous spirit so that you can see I’m not overestimating him: Johannes Scherr. Through his boisterous tone and judgment, he spoiled many things, though there were certainly sound ideas in what he had to say publicly. In the 1960s and 1970s, based on a truly penetrating observation of historical and social life, he made a very significant assessment. He said: If the materialistic evil spirit—which relies solely on what human beings perceive and experience in the external world—continues to prevail, it will also permeate everything human beings do in external public affairs; it will enter into economic and financial life, and a social structure will develop that will ultimately lead one to say: ‘Nonsense, you have triumphed!’

[ 15 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Auf solche Leute hört man nicht gern. Auch dieses Urteil des Johannes Scherr hat man überhört. Aber jetzt nach fünfzig Jahren muß für denjenigen, der auf alles, was mit der sogenannten Weltkriegskatastrophe zusammenhängt, hinschaut, gesagt werden: Die Worte dieses Weltenbeobachters Johannes Scherr, die in dem Satze gipfelten: Ihr werdet sagen müssen: Unsinn, du hast gesiegt, — die Worte haben sich erfüllt! Denn dieser Johannes Scherr hat gut gesehen, wie sich herausgepreßt hat allmählich aus dem menschlichen Leben dasjenige, was Geist ist, wie an die Stelle des Geistes der materialistische Ungeist getreten ist, und er hat aus dieser Beobachtung eine wahre Prophetie machen können. Die Welt weiß eben nicht, daß dasjenige, was zuerst nur Weltanschauung, nur Theorie ist, daß das im Grunde genommen nach zwei Generationen moralisches, öffentliches Wirken wird, Tat wird. Oh, man sollte gewisse Zusammenhänge in der Welt viel, viel besser bemerken! Man sollte sich ein viel gründlicheres Urteil, ein reales Urteil über gewisse Dinge verschaffen!

[ 15 ] Ladies and gentlemen! People don’t like to listen to such individuals. This judgment by Johannes Scherr, too, was ignored. But now, fifty years later, it must be said to anyone who looks closely at everything connected with the so-called World War catastrophe: The words of this observer of the world, Johannes Scherr, which culminated in the sentence, “You will have to say: Nonsense, you have triumphed”—those words have come true! For this Johannes Scherr saw clearly how that which is spirit has gradually been squeezed out of human life, how the materialistic anti-spirit has taken the place of the spirit, and he was able to turn this observation into a true prophecy. The world simply does not know that what is at first merely a worldview, merely a theory, ultimately becomes—after two generations—a moral, public force, an action. Oh, one should be much, much more attuned to certain connections in the world! One should form a much more thorough judgment, a realistic judgment, about certain things!

[ 16 ] Hier hat auch einmal ein Philosoph gewirkt, Avenarius. Er ist ein Geistesverwandter von Mach, der wiederum einen Schüler vor ganz kurzer Zeit hier in Zürich wirken hatte. Diese Leute haben auf dem Weltanschauungsfelde die Konsequenzen gezogen des gegenwärtigen materialistischen Ungeistes — ich nenne ihn Ungeist, weil eben bloße Naturerkenntnis in unsere Sprache keinen substantiellen Inhalt hineingießen kann. Sie haben, die Philosophen, Avenarius und so weiter, die Weltanschauungskonsequenzen gezogen aus dem materialistischen Ungeist der Zeit. Die Philosophie, die sie gewonnen haben, und die ganze Art und Weise, wie solche Leute wie Avenarius sich darlebten, ist gut bürgerlich. Niemand wird selbstverständlich diesen Leuten ansehen, daß sie etwas anderes sind, als brave Staatsbürger. Aber heute sollte man etwas anderes notifizieren. Heute sollte man einmal aus den Tatsachen heraus die Frage studieren: Welches ist die Staatsphilosophie des Lenin und Trotzki geworden? Welches ist die Staatsphilosophie der Bolschewisten? — Das ist die Avenariussche, die Machsche! Da ist nicht bloß der zeitliche Zusammenhang, daß eine Anzahl dieser Leute hier in Zürich studiert haben, da ist der innere Tatsachenzusammenhang, daß dasjenige, was in den menschlichen Seelen als Weltanschauungsgedanke in einer Generation lebt, in der dritten Generation zu Taten wird. Und an diesen Taten kann man die Ursachen sehen, wie sie in der Welt spielen. Aber die heutige Menschheit will nur abstrakt logische Urteile und begreift nicht, daß etwas, was logisch erschlossen ist, noch kein Tatsachenurteil, kein Tatsachenschluß ist, daß man mit wirklichem geistigem Schauen hineinblicken muß in den realen Zusammenhang, in den Wirklichkeitszusammenhang, und dann das scheinbar Unähnlichste, die bourgeoise Weltanschauung des Avenarius, die aber aus materialistischem Ungeiste hervorgegangen ist, wieder auflebt tief in demjenigen, was alle menschliche Gesellschaft von Grund aus zerstört, was zu den Totengräbern hinführt der ganzen europäischen Zivilisation.

[ 16 ] A philosopher named Avenarius also once worked here. He is a kindred spirit of Mach, who, in turn, had a student working here in Zurich quite recently. These people have drawn the ideological conclusions from the prevailing materialistic “unspirit”—I call it “unspirit” because mere knowledge of nature cannot imbue our language with any substantial content. They—the philosophers, Avenarius and so on—have drawn the ideological conclusions from the materialistic “unspirit” of the age. The philosophy they have arrived at, and the entire manner in which people like Avenarius conducted themselves, is thoroughly bourgeois. Naturally, no one would look at these people and see them as anything other than upstanding citizens. But today we should take note of something else. Today we should examine the question based on the facts: What has become of the political philosophy of Lenin and Trotsky? What is the political philosophy of the Bolsheviks? — It is that of Avenarius, that of Mach! There is not merely the temporal connection that a number of these people studied here in Zurich; there is the inner factual connection that what lives in human souls as a worldview in one generation becomes action in the third generation. And in these actions one can see the causes at work in the world. But humanity today wants only abstract logical judgments and fails to understand that something deduced logically is not yet a factual judgment or a factual conclusion; that one must look deeply with true spiritual insight into the real context, into the context of reality, and then the seemingly most dissimilar thing—Avenarius’s bourgeois worldview, which, however, arose from materialistic unspirituality—comes to life again deep within that which fundamentally destroys all human society, that which leads to the gravediggers of the entire European civilization.

[ 17 ] Damit ist zu gleicher Zeit angedeutet, daß allerdings diese Weltherrschaft der Phrase nicht etwas ist, was nur auf einem engen Gebiete gilt. Es ist etwas, was als eine Grundkraft unser ganzes öffentliches Leben, vor allen Dingen auf dem Gebiete des Geistes durchzieht. Und eher wird kein Heil sein, als bis das Geistesleben sich emanzipiert von dem, was sich gerade als die Grundlage zu diesem Phrasentum ergeben hat, bis sich das Geistesleben emanzipiert von dem äußeren politischen oder Rechtsleben, von dem Wirtschaftsleben, und allein auf dasjenige gebaut wird, was der Geist selber aus sich hervorbringt, das heißt, dasjenige, was der individuelle Mensch produziert aus dem, was er durch die Geburt aus der Geisteswelt in die sinnliche Welt hereinträgt. Zu geistigem Inhalt zu kommen ist allein der Weg, die Weltherrschaft der Phrase zu überwinden. Und mit der Phrase innig im Bunde ist etwas anderes. Weil die Phrase nicht den Zusammenhang des Wortes mit den Inhalten verbindet, so wird das Wort sehr leicht in dem Zeitalter der Phrase zum Träger der Lüge. Und von der Phrase zur Lüge führt ein gerader Weg. Daher auch die Herrschaft, der Siegeszug der Lüge in den letzten vier bis fünf Jahren, der wiederum so viel Anteil hat an dem Zerstörungsprozesse, dem wir entgegengehen, wenn nicht Geist an die Stelle des Ungeistes gerufen wird!

[ 17 ] This also implies that this “world domination” of the phrase is not something that applies only to a narrow sphere. It is something that, as a fundamental force, permeates our entire public life, above all in the realm of the spirit. And there will be no salvation until spiritual life emancipates itself from what has emerged as the very foundation of this rhetoric—until spiritual life emancipates itself from external political or legal life, from economic life, and is built solely upon that which the spirit itself brings forth from within—that is, that which the individual human being produces from what he brings with him at birth from the spiritual world into the sensory world. Arriving at spiritual content is the only way to overcome the world domination of empty rhetoric. And there is something else intimately linked to empty rhetoric. Because empty rhetoric does not connect the word with its content, the word very easily becomes a vehicle for lies in the age of empty rhetoric. And there is a direct path from empty rhetoric to lies. Hence, too, the dominance, the triumphant march of the lie over the past four to five years—which, in turn, plays such a significant role in the process of destruction we are heading toward, unless the spirit is called to take the place of the unspirit!

[ 18 ] Nun, sehr verehrte Anwesende, das auf dem einen Gebiete des öffentlichen Lebens, auf dem Gebiete des Geisteslebens. Aber es gibt noch andere Gebiete. Sie alle aber, Sie sind abhängig in einer gewissen Beziehung von dem Geistesleben. Wird das Geistesleben beherrscht von der Phrase, von der inhaltslosen Rede, so ist auch dasjenige, was aus dieser Rede kommt, was namentlich im Zusammenhange mit der Rede innerhalb der sozialen Gemeinschaft gelernt werden kann, nicht geeignet, in die Gefühle, in die Empfindungen hinein sich auszuleben. Dasjenige aber, was in den Gefühlen und Empfindungen im sozialen Zusammenleben sich entwickelt, was sich in dem Wechselverkehr von Mensch zu Mensch entzündet, indem der eine Mensch mit dem anderen mitfühlt, das ist Sitte, das ist dasjenige, was aus der sozialen Gemeinschaft heraus zur Gewohnheitssitte wird. Und nur aus dieser Gewohnheitssitte kann sich geschichtlich das Recht entwickeln. Aber dieses Recht kann sich nur entwickeln, wenn in die Empfindungen, die im Wechselverkehre zwischen Mensch und Mensch stattfinden, nicht die Phrase sich hineinlebt, wenn in diese Empfindungen das substanzerfüllte Wort, die gedankengetragene Rede sich hineingliedern. Und im Zeitalter der Phrase kann auch die Empfindung zwischen Mensch und Mensch sich nicht in entsprechender Weise entzünden, kann sich nur ergeben ein äußeres Verhältnis von Mensch zu Mensch. Die Folge ist daher, daß in dem Zeitalter, wo sich auf dem Gebiete des sozialen Geisteslebens die Phrase entwickelt, sich auf dem Gebiete des sozialen Fühlens statt des unmittelbar substantiellen Verhältnisses von Mensch zu Mensch die Konventionen entwickeln, das inhaltlose Verhalten des Menschen zum Menschen, das höchstens durch äußere Verträge geregelt werden kann, daß man selbst zwischen Völkern schwärmt von Verträgen, weil man zum elementaren Ausleben desjenigen, was von Mensch zu Mensch enthüllt werden kann, nicht kommt. Dieses Zeitalter der Konvention, es macht ein zweites Gebiet unseres öffentlichen Lebens so inhaltsleer: Es verödet das menschliche Zusammenleben, wie die Phrase das Geistesleben, das Seelenleben verödet.

[ 18 ] Well, ladies and gentlemen, that is in one area of public life—the realm of intellectual life. But there are other spheres as well. All of them, however, are dependent in a certain sense on spiritual life. If spiritual life is dominated by empty phrases and meaningless speech, then what arises from this speech—namely, what can be learned in the context of speech within the social community—is not suited to finding expression in feelings and emotions. But what develops in the feelings and sensibilities of social life—what is kindled in the interaction between people as one person empathizes with another—that is custom; that is what emerges from the social community to become established custom. And only from this customary practice can law develop historically. But this law can develop only if empty phrases do not intrude into the sensations that arise in the interaction between people, if the word filled with substance—speech carried by thought—becomes integrated into these sensations. And in the age of empty phrases, the feelings between people cannot be kindled in the proper way; only an external relationship between people can result. The consequence, therefore, is that in an age when empty rhetoric develops in the realm of social spiritual life, conventions develop in the realm of social feeling in place of the immediate, substantive relationship between people—namely, the empty behavior of one person toward another, which can at best be regulated by external treaties—so that even among nations there is a frenzy over treaties, because people fail to achieve the elementary expression of what can be revealed from person to person. This age of convention renders a second sphere of our public life equally devoid of substance: it desolates human coexistence, just as empty rhetoric desolates intellectual life and the life of the soul.

[ 19 ] Das ist es, was hinführt ebenso zum bloßen äußeren Menschen, nicht zu dem aus dem Inneren des Menschen geborenen Recht. Denn dieses Recht, es kann sich nur entzünden, wenn das gedankengetragene Wort vom Kopfe zum Herzen fließt. Wie das wirkliche Recht, das im sozialen Leben allein gedeihen kann, zu dem wirklichen Geistesleben, das von substantiellem Geiste erfüllt ist, gehört, so gehört die Konvention zu dem Geistesleben, das in der Phrase lebt. Damit haben wir zwei Gebiete unseres öffentlichen Lebens in der Gegenwart charakterisiert.

[ 19 ] This is what leads to the mere external human being, not to the law born from within the human being. For this law can only be kindled when the thought-borne word flows from the head to the heart. Just as true law—which can flourish only in social life—belongs to the true spiritual life, which is filled with substantial spirit, so convention belongs to the spiritual life that exists in mere rhetoric. With this, we have characterized two spheres of our public life in the present.

[ 20 ] Das dritte Gebiet, aus dem das öffentliche Leben hervorgeht, ist das menschliche Wollen. Zu einem bewußten Wollen, zu einem Wollen, welches nun den Menschen hineinstellt in die menschliche Gesellschaft so, daß dieser Mensch in die Gesellschaft hineinträgt etwas, was aus seiner menschlichen Natur selber fließt, zu einem solchen Wollen kann es nicht kommen, wenn dieses Wollen nicht getrieben werden kann von wirklichen substantiellen, geistigen Gehalten. Die Phrase ist ungeeignet, ein wirkliches bewußtes Wollen hervorzurufen. Wie das Geistesleben zur Phrase wird, wenn es abhängig wird vom äußeren Staats- oder Rechtsleben, abhängig vom äußeren Wirtschaftsleben, wie das Rechtsleben selber in der Konvention aufgeht, wenn es nur gespeist werden kann von der Phrase, so wird das Gebiet des wirtschaftlichen Lebens, das Gebiet des äußeren menschlichen Zusammenlebens, statt von wirklicher Lebenspraxis von bloßer Lebensroutine getragen, wenn das Wollen nicht angetrieben wird vom Geiste. Neben der Phrase, neben der Konvention sehen wir daher heraufkommen in dem Zeitalter, aus dem sich unsere Gegenwart entwickelt hat auf dem Gebiete des Lebens und auf dem Gebiete der äußeren Darstellung des Lebens, auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens überall die Routine.

[ 20 ] The third realm from which public life arises is human volition. Conscious volition—a volition that places a person within human society in such a way that this person brings into society something that flows from his or her very human nature—such volition cannot come about unless it is driven by genuine, substantial, spiritual content. Phrases are unsuitable for evoking a truly conscious will. Just as spiritual life becomes mere phraseology when it becomes dependent on external political or legal life, dependent on external economic life—just as legal life itself dissolves into convention when it can be sustained only by phraseology— then the realm of economic life—the realm of external human coexistence—is sustained not by genuine lived practice but by mere routine, when volition is not driven by the spirit. Alongside empty phrases, alongside convention, we therefore see routine emerging everywhere in the era from which our present has developed—in the realm of life, in the realm of the external representation of life, and in the realm of economic life.

[ 21 ] Was damit gemeint ist: unser Wirtschaftsleben ist von der Routine beherrscht —, es wird vielleicht klar werden dadurch, wenn ich sage: Einer wirklichkeitsgemäßen Betrachtung unseres öffentlichen Lebens hat sich ergeben, daß auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens jenes Chaos aufhören müsse, das in der Gegenwart herrschend ist, wo Jeder nur aus seinem Egoismus heraus erwerben will und keiner den Zusammenhang kennt, in den sich sein eigenes Produzieren hineinstellt gegenüber dem Produzieren der Gesamtheit. Erst wenn man durchschaut, daß dieses Wirtschaftsleben, das allmählich in das Chaos hineingekommen ist, nur gesunden kann dadurch, daß sich die verschiedensten Berufs- und Lebensgebiete miteinander assoziieren, daß zusammengehörige Menschen in verschiedenen Berufen sich wirklich auch ineinandergliedern, so daß Assoziationen entstehen von Beruf zu Beruf, daß Assoziationen entstehen zwischen den Konsumenten eines Berufes mit den Produzenten des Berufes, kurz, daß unser Wirtschaftsleben eine Struktur erhalte, so daß die Produzenten sich innerlich organisierend mit ihren Konsumenten zusammenschließen, so daß der einzelne, der konsumierend oder produzierend in einem Beruf steht, erschauen kann, wie sich sein Konsumieren und Produzieren in irgendeinen wirtschaftlichen Kreislauf hineinordnet - nur dann, wenn der Mensch in einer solchen Organisation lebt, wenn unser Wirtschaftsleben auf Assoziation gegründet ist, nur dann sieht der einzelne Mensch, wie er beiträgt durch dasjenige, was er produziert oder wie er mitwirkt durch dasjenige, was er konsumiert, zu dem Wirtschaftsprozeß. Dann weiß der einzelne Mensch nicht nur zu handhaben in irgendeiner Lebensroutine das oder jenes, dann weiß er, daß dasjenige, was er tut, hineingehört in den Gesamtprozeß des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit. Dann wirkt er aus anderen Antrieben heraus. Dann wird dasjenige, was er tut, nicht beherrscht von einer oberflächlichen Routine, sondern von Lebenspraxis, die nur gegeben ist, wenn man eine Idee damit verbinden kann, wenn man sich selber wirtschaftlich in den Gesamtorganismus der Menschheit hineinstellt. Dadurch, daß das Leben der Phrase Platz gegriffen hat, daß im Wechselverkehr der Menschen die Konvention Platz gegriffen hat, dadurch fanden die Menschen auch nicht die Gelegenheit, sich in dieser Weise zu assoziieren, dadurch wurden sie hinweggewiesen von den Aufgaben, in denen sie stehen, wurden sie zu bloßen Routiniers. Und die Routine breitete sich aus von dem einzelnen mechanischen Tun zum Mechanismus unserer gesamten Organisation und unserer gesamten Finanzwirtschaft. Aus der phraseerfüllten Zeit wurde die Zeit der Routiniers. Und die Routiniers führten herbei jene Katastrophe, die an der Oberfläche dies oder jenes zeigt, die aber in ihren Tiefen die Ursachen zeigt, die auf dem Gebiete liegen, das eben jetzt charakterisiert worden ist.

[ 21 ] What this means is: our economic life is dominated by routine— this may become clear when I say: A realistic examination of our public life has shown that, in the realm of economic life, the chaos that currently prevails—where everyone seeks to acquire solely out of selfishness and no one understands the context in which their own production fits within the production of society as a whole—must come to an end. Only when we realize that this economic life, which has gradually descended into chaos, can be restored to health only by the various professional and social spheres associating with one another—so that people with common interests in different professions truly interconnect— so that associations arise from one profession to another, that associations arise between the consumers of a profession and the producers of that profession—in short, that our economic life acquires a structure in which producers, organizing themselves internally, join forces with their consumers—so that the individual, whether consuming or producing within a profession, can see how his consumption and production fit into some economic cycle—only when people live within such an organization, when our economic life is founded on association, only then does the individual see how he contributes to the economic process through what he produces or how he participates through what he consumes. Then the individual not only knows how to handle this or that within some routine of life; he also knows that what he does is part of the overall process of humanity’s economic life. Then they act out of different motivations. Then what they do is not governed by a superficial routine, but by a way of life that exists only when one can connect an idea to it, when one places oneself economically within the overall organism of humanity. Because empty rhetoric has taken hold in life, because convention has taken hold in human interaction, people have not found the opportunity to associate with one another in this way; as a result, they have been turned away from the tasks before them and have become mere routine-followers. And routine has spread from individual mechanical actions to the mechanisms of our entire organization and our entire financial system. The era filled with phrases gave way to the era of the routine workers. And the routine workers brought about that catastrophe which, on the surface, manifests itself in this or that way, but which, in its depths, reveals causes that lie in the realm that has just been characterized.

[ 22 ] Wenn wir so unbefangen, ohne Sympathie und Antipathie, dasjenige prüfen, was das Leben der Gegenwart beherrscht, so müssen wir sagen: Auf dem Gebiete des Geisteslebens die Phrase, auf dem Gebiete des Rechtslebens die Konvention, und auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens die Routine. Zum Heile können allein die Kräfte führen, die ich mir erlauben werde morgen zu schildern, also wenn an die Stelle der Phrase tritt die von substantiellem Geist, von angeschautem Geiste erfüllte Rede, die nur kommen kann in einem auf sich selbst gestellten Geistesleben, das herausträgt, was der Mensch hereinzutragen hat in das äußere Leben, das nicht so beherrschen will dieses Geistesleben wie die Naturgesetze, die gewonnen werden durch die äußere Erfahrung. An die Stelle der Konvention desjenigen, was äußerlich festgesetzt ist, muß das lebendige Wechselspiel treten, das entstehen kann, wenn auf streng demokratischem Boden alle mündig gewordenen Menschen für dasjenige, was allgemein menschliche Angelegenheiten sind, was der Mensch nicht durch seine Geburt hereinträgt, sondern was sich erst im menschlichen Zusammenleben der mündig gewordenen Menschen entwickeln kann, eintreten. Aus der Routine, die haften bleibt am vergänglichen Wirtschaftsobjekte, kann sich nur die wahre Lebenspraxis entwickeln, wenn der Mensch aus dem phrasenfreien, gedankenerfüllten Worte zu einer solchen Weltanschauung kommt, daß er weiß: er muß Assoziationen begründen, die bezeugen, die offenbaren, daß dasjenige, was bewirkt wird auf dem Boden des Wirtschaftslebens, noch mehr ist als dasjenige, was man durch die Maschine zustande bringt, daß es ein Glied ist in dem Gesamtprozesse der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Darinnen wird man nicht stehen, wenn man als Routinier an seiner Maschine, in seiner Fabrik, in seiner Bank oder sonst irgendwo steht, darinnen wird man nur stehen, wenn von einem zu dem anderen Menschen ausgehen die Fäden der Assoziation, wenn der Mensch von dem anderen Menschen erfährt, wie er in seinem Konsumieren, in seinem Produzieren mit der ihm nächstliegenden sozialen Organisation zusammenhängt. Da wird sich in dem, was diese Menschen zusammen wirken, in diesen Assoziationen ergeben, daß sie in ihrem Wirtschaftsleben etwas begründen, was mehr ist als der Mensch im Wirtschaftsleben haben kann. Der Mensch muß wirtschaften, aber er erhebt sich mit seinem ganzen Menschenwesen aus dem Wirtschaften heraus aus dem Vergänglichen zum Ewigen. Und er wird erfahren aus seinem Wirtschaftsleben, daß er gerade, indem er hier im Leben ein Praktiker wird, an der Praxis eine Schule hat, deren, Ergebnisse er noch durch den Tod hindurchtragen kann.

[ 22 ] If we examine, with an open mind and free from sympathy or antipathy, what dominates life today, we must conclude: in the realm of intellectual life, it is empty rhetoric; in the realm of legal life, it is convention; and in the realm of economic life, it is routine. Only those forces—which I shall take the liberty of describing tomorrow—can lead to salvation; that is, when empty rhetoric is replaced by speech imbued with substantial spirit and contemplated spirit, which can arise only from an intellectual life grounded in itself, which brings forth what the human being must bring into external life—a spiritual life that does not seek to dominate this external life in the same way that the laws of nature, derived from external experience, do. In place of the convention of what is externally established, there must come the living interplay that can arise when, on a strictly democratic foundation, all people who have come of age stand up for what are generally human affairs—that which a person does not bring with them at birth, but which can only develop through the human coexistence of those who have come of age. True life practice can emerge from the routine that clings to transitory economic objects only if human beings, through words free of clichés and filled with thought, arrive at a worldview in which they know: he must establish associations that bear witness to and reveal that what is accomplished on the basis of economic life is more than what is produced by machines—that it is a link in the overall process of humanity’s development on Earth. One will not attain this by standing as a routine worker at one’s machine, in one’s factory, in one’s bank, or anywhere else; one will attain it only when the threads of association extend from one person to another, when one learns from another how one’s consumption and production are connected to the social organization closest to one. Then, in the way these people work together—in these associations—it will become evident that they are establishing something in their economic life that is more than what a person can have in economic life alone. Human beings must engage in economic activity, but with their entire being they rise above it—from the transitory to the eternal. And they will learn from their economic life that, precisely by becoming practitioners here in life, they have a school in practice whose results they can carry with them even beyond death.

[ 23 ] So ergibt sich gerade aus einer mehr nach dem Geiste hin trachtenden Beobachtung über das gegenwärtige Leben aus den drei charakteristischsten Herrschaftsgebieten, dem der Phrase, dem der Konvention, dem der Routine, die Notwendigkeit, zu wirken nach einer Dreigliederung des sozialen Lebens, nach einer Gesundung unseres Geisteslebens durch seine Selbständigkeit, nach einer Gesundung unseres Rechtslebens, das nur befreit werden kann von der Konvention, wenn die lebendige demokratische Wechselwirkung eintritt zwischen allen mündig gewordenen Menschen, nach einer Gesundung des Wirtschaftslebens, indem durch die Selbständigkeit des Wirtschaftslebens die Routine aufgehoben wird zugunsten einer wirklichen Lebenspraxis. Das kann aber nur geschehen, wenn Mensch mit Mensch sich assoziativ verbindet; denn nur durch dieses soziale Zusammenwirken entsteht aus dem, was der einzelne erwirtschaften kann, etwas, was die ganze Menschheit über sich selbst von der bloßen Materie zum Geiste hinführt. Phrase bedeutet tet auf dem Gebiete des Geisteslebens den Ungeist; Konvention bedeutet auf dem Gebiete des staatlichen, des Rechtslebens den Ungeist; Routine bedeutet den Ungeist auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens. An die Stelle des Ungeistes muß der Geist treten. Daß er es könne, mit welchen Kräften er es könne, das will ich mir erlauben, morgen zu schildern. Denn allein, wenn da tritt an die Stelle der Phrase wiederum die gedankengetragene Rede, dadurch aber wiederum der Geist, wahres Geistesleben, nur dadurch, daß an die Stelle der Konvention das vom menschlichen sozialen Fühlen erfüllte Rechtsleben tritt, und nur dadurch, daß an die Stelle der wirtschaftlichen Routine die durchgeistete Wirtschaft, die vom Geiste geordnete, assoziatnonendurchtränkte Wirtschaft tritt, dadurch allein wird unser ganzes öffentliches Leben geheilt werden können von dem, woran es krankt in der Gegenwart, man muß das sagen: woran es zugrunde gehen müßte, wenn kein Heilungsprozeß eintreten würde.

[ 23 ] Thus, an observation of contemporary life that is more attuned to the spirit—specifically of the three most characteristic spheres of influence: that of phraseology, that of convention, and that of routine—reveals the necessity of working toward a threefold social order, toward a revitalization of our spiritual life through its independence; toward a revitalization of our legal life, which can only be liberated from convention when a living democratic interaction takes place among all people who have attained maturity; and toward a revitalization of economic life, in which the independence of economic life overcomes routine in favor of a genuine way of living. But this can only happen when people unite in association with one another; for only through this social interaction does what the individual can produce give rise to something that leads all of humanity, through its own efforts, from mere matter toward the spirit. In the realm of spiritual life, empty rhetoric signifies the anti-spirit; in the realm of state and legal life, convention signifies the anti-spirit; in the realm of economic life, routine signifies the anti-spirit. The spirit must take the place of the anti-spirit. That it can do so, and by what forces it can do so—I shall take the liberty of describing this tomorrow. For only when phrase is replaced by thought-filled speech—and thereby by the spirit, by true spiritual life—only when convention is replaced by a legal life imbued with human social feeling, and only when economic routine is replaced by a spirit-infused economy—an economy ordered by the spirit and permeated by association— only then will our entire public life be able to be healed of what ails it at present—and it must be said: of what would inevitably lead to its ruin if no healing process were to take place.

[ 24 ] In der Gegenwart bemerken wir nur leider zuviel die Phrase, die Konvention, die Routine. Wir sehen das Ergebnis: das Chaos. Für die Zukunft brauchen wir das gedankengetragene Wort, den von Substanz erfüllten Geist, das aus dem Zusammenwirken aller mündig gewordenen Menschen sich ergebende lebendige Recht. Das ist an dieser Stelle Geist statt des Ungeistes. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens brauchen wir die aus dem Geiste hervorgehenden Assoziationen, brauchen die Ablösung der Routine durch die wahre, geistgetragene Wirtschaft. Das bedeutet auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Ablösung des Ungeistes der Gegenwart durch den Geist für die Zukunft. Und allein dadurch können wir aus pessimistischen Stimmungen, die ja aus der Beobachtung des äußeren Lebens heraus heute nur allzu gerechtfertigt sind, uns erheben zu gewissen Zukunftshoffnungen, daß wir gar nicht bauen auf dasjenige, was uns irgendwo heute zugeworfen werden könnte als Hoffnung für die Zukunft, sondern daß wir bauen auf den eigenen menschlichen Willen, der da setzen will aus seiner Kraft, aus seiner Ausdauer, aus seinem Feuer heraus, aus der Gegenwart heraus für die Zukunft den Sieg des Geistes über den Ungeist.

[ 24 ] Unfortunately, in the present day we all too often notice mere platitudes, conventions, and routine. We see the result: chaos. For the future, we need words grounded in thought, a spirit filled with substance, and the living law that arises from the interaction of all people who have come of age. That is spirit rather than anti-spirit at this juncture. In the realm of economic life, we need associations arising from the spirit; we need routine to be replaced by a true, spirit-driven economy. In the realm of economic life, this means replacing the anti-spirit of the present with the spirit for the future. And only through this can we rise above pessimistic moods—which, after all, are all too justified today when observing external life—to certain hopes for the future; not by building on whatever might be thrown at us today as hope for the future, but by building on our own human will, which seeks to establish, out of its own strength and perseverance, from its fire, from the present, to secure the victory of the Spirit over the unspirit for the future.

[ 25 ] [Es folgt eine kurze Aussprache).

[ 25 ] [A brief discussion follows.)

[ 26 ] Schlußwort

[ 26 ] Concluding Remarks

[ 27 ] Es hat zunächst der erste Herr Diskussionsredner seine Ausführungen dahin gipfeln lassen, daß er hinwies auf eine internationale Sprache als auf ein Verbindendes in der Menschheit. Ich möchte nicht, weil das nur wirklich durch ausführliche Erörterungen entschieden werden kann, auf das Pro und Kontra eingehen, das man geltend machen kann gegenüber einer solchen internationalen Sprache. Allein ich will annehmen, daß diejenigen ein gewisses Recht haben, die sich bestreben, eine solche internationale Sprache zu begründen. Man kennt dasjenige, was nach dieser Richtung versucht und getan worden ist. Nun ja, mit der vereinsmäßigen Art, in der eine solche Sprache bisher getrieben worden ist, ist es ja noch nicht getan, denn eine solche Sprache müßte noch ganz andere Wege zu den Menschen finden, als sie bisher gefunden hat, wenn sie eine wirklich praktische Bedeutung haben sollte. Ich will aber durchaus nicht gerade gegen eine solche Sprache sprechen. Denn sehen Sie, ich weiß auf der einen Seite, daß dasjenige, was künstlich entsteht in unserer heutigen Zeit, auch die charakteristischen Eigenschaften all dessen an sich trägt, was unsere heutige Zeit eben hervorbringen kann, ein gewisses Verstandesmäßiges, ein gewisses Intellektualistisches. Und ich kann nicht umhin zu bekennen, daß mir doch scheint, daß gerade dasjenige, was uns heute heruntergebracht hat, der Intellektualismus, das Anti-Elementarische, wesentlich auch beim Aufbau der heutigen versuchten internationalen Sprache tätig war. Ich kann sehr gut würdigen die Anschauung derjenigen, die sagen: was soll schließlich aus jener Ursprünglichkeit des menschlichen Sich-Offenbarens in der Dichtung, in der Rede, die wirklich im Innerlichsten mit der Menschenwesenheit zusammenhängt, werden, wenn wir eine abstrakte Sprache über die ganze Menschheit ergießen? Ich habe aber auch auf der anderen Seite wirklich ganz wunderschöne Dichtungen in Esperanto gehört, und ich muß sagen, ich habe schon versucht, eine gewisse Objektivität in dieser Frage zu gewinnen.

[ 27 ] The first speaker in the discussion began by concluding his remarks by pointing to an international language as a unifying force among humankind. Since this can only truly be decided through detailed discussion, I do not wish to go into the pros and cons that can be raised regarding such an international language. However, I am willing to concede that those who strive to establish such an international language have a certain justification. We are familiar with the attempts and efforts that have been made in this direction. Well, the club-like manner in which such a language has been pursued so far is not enough, for such a language would have to find entirely different ways to reach people than it has so far if it is to have any truly practical significance. However, I certainly do not wish to speak out against such a language. For you see, on the one hand, I know that what arises artificially in our present age also bears within itself the characteristic qualities of everything that our present age is capable of producing—a certain rationality, a certain intellectualism. And I cannot help but admit that it seems to me that precisely what has brought us down to this point today—intellectualism, the anti-elementary—has also played a significant role in the development of the international language being attempted today. I can very well appreciate the viewpoint of those who say: what will ultimately become of that primal nature of human self-expression in poetry and speech—which is truly connected to the very core of human existence—if we pour an abstract language over all of humanity? On the other hand, however, I have also heard truly beautiful poetry in Esperanto, and I must say that I have already tried to achieve a certain objectivity in this matter.

[ 28 ] Allein dasjenige, meine sehr verehrten Anwesenden, was ich heute vorgebracht habe, das wird durchaus nicht berührt von der Frage nach einer solchen Sprache. Denn eben, hypothetisch angenommen, es glückte, eine solche Sprache in die Menschheit zu ergießen, sie würde auch nichts anderes in sich enthalten können als Phrasen, wenn wir eben nicht zu einem neuen Aufleben des substantiellen Geistes kämen. Ob wir schließlich auf Esperanto Phrasen drechseln oder auf englisch oder auf deutsch oder französisch oder auf russisch, das ist ganz gleich. Dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß wir die Möglichkeit finden, substantiellen Geist ins Russische, ins Deutsche, ins Englische, ins Französische und ins Esperanto zu bringen. Und das ist eine der Fragen, die ich heute behandelt habe.

[ 28 ] However, my esteemed audience, what I have presented today is in no way affected by the question of such a language. For even if—hypothetically speaking—we were to succeed in spreading such a language among humanity, it could contain nothing but empty phrases unless we were to achieve a new revival of the substantive spirit. Whether we ultimately cobble together phrases in Esperanto, English, German, French, or Russian makes no difference at all. What matters is that we find a way to bring the substantial spirit into Russian, German, English, French, and Esperanto. And that is one of the issues I have addressed today.

[ 29 ] Also wie gesagt, ich will nichts gegen die Bestrebungen derjenigen sagen, die nach einer solchen abstrakten Sprache gehen. Ich glaube, daß vielleicht der eine Gesichtspunkt nicht ganz unfruchtbar sein könnte, wenn es gelänge, für dasjenige, was nun wirklich im internationalen Wirtschaftsleben zum Beispiel lebt, eine internationale Sprache zu haben, daß dann vielleicht gerade die Möglichkeit gegeben wäre, für das eigentliche Geistesleben, das ja doch immer aus der Individualität hervorgehen muß, die anderen Sprachen zu befreien — was nur dann sein kann, wenn sie sich ganz individuell entwickeln können, wie der Geist überhaupt sich individuell entwickeln muß, wenn sie nicht durch irgendwelche Eroberer-Herrschaftsgelüste von seiten der politischen Mächte in ihrer Entwickelung gestört werden. Ich glaube aber allerdings, daß die Hoffnungen der Esperantisten und ähnlicher Leute auf einem viel schwächeren Boden noch sind, als die Hoffnungen derjenigen, die glauben, daß wenn sich nur eine genügend große Anzahl von Menschen heute zusammenfinden kann, um an einer Erneuerung unseres Geisteslebens vom wirklichen Geiste aus mitzuwirken, daß dann eine bessere Zeit anbrechen könne, selbstverständlich keine vollkommene. Zu dem Erhoffen eines irdischen Paradieses kann derjenige nicht gehören, der die Wirklichkeit durchschaut. Ich glaube, daß die Menschen der letzteren Art doch noch auf einem festeren Wirklichkeitsboden stehen, als die Erhoffer einer internationalen Sprache.

[ 29 ] So, as I said, I don’t want to say anything against the efforts of those who are working toward such an abstract language. I believe that perhaps this perspective might not be entirely fruitless: if we were to succeed in establishing an international language for what is actually taking shape in international economic life, for example, then perhaps this would precisely create the opportunity to liberate the other languages for the actual spiritual life—which, after all, must always spring from individuality — which can only happen if they are allowed to develop entirely individually, just as the spirit itself must develop individually, provided their development is not disrupted by any conquering or domineering ambitions on the part of political powers. I do believe, however, that the hopes of Esperantists and similar people rest on even weaker ground than the hopes of those who believe that if only a sufficiently large number of people can come together today to contribute to a renewal of our spiritual life from the true spirit, then a better time might dawn—though, of course, not a perfect one. Anyone who sees through the reality of things cannot share in the hope of an earthly paradise. I believe that people of the latter kind still stand on firmer ground in reality than those who hope for an international language.

[ 30 ] Was von seiten des zweiten Diskussionsredners vorgebracht worden ist, war ja im wesentlichen eine Art Interpretation desjenigen, was ich in einem Teil meiner Ausführungen gesagt habe, und ich möchte nur bemerken, daß nicht vergessen werden darf, wenn man heute über solche Dinge spricht, aus solchen Grundlagen heraus redet, wie es für meinen heutigen Vortrag versucht worden ist, daß dann notwendig ist, daß man den Menschen nicht so auffasse, als ob man einfach an ihn herantreten könne und durch Belehrung ihn besser machen könne. Ich habe oftmals für die reine Lehrmethode im öffentlichen Leben das Bild gebraucht: Wenn ich einen Ofen vor mir habe, dann kann ich sagen: sieh einmal, es ist deine Ofenpflicht, das Zimmer zu erwärmen, dein kategorischer Imperativ ist es, das Zimmer zu erwärmen. Ich kann nun fortpredigen, mit aller Kantschen Einsicht kann ich fortpredigen, es wird nicht warm. Wenn ich stumm bleibe und bloß Holz in den Ofen lege und es anzünde, wird der Ofen ohne alles Predigen das Zimmer erwärmen. So ist es auch mit Bezug auf den Menschen. Wenn der ganze Mensch in Frage kommt, wenn nicht nur das in Frage kommt, was etwa in dem Menschen ein theoretisches Echo liefern kann, wenn der ganze Mensch in Frage kommt, nützt Predigen außerordentlich wenig, denn da hat man es ja zu tun vor allen Dingen mit dem Drinnenstehen des Menschen in einer sozialen Ganzheit. Und der Mensch in einer sozialen Ganzheit ist etwas anderes als der einzelne, individuelle Mensch. Verlangt man von dem einzelnen individuellen Menschen, er solle durch ein konzentriertes Gedankenleben irgendwie zur Besserung der Menschheit beitragen, dann muß es erst möglich sein, daß ein solches konzentriertes Gedankenleben in fruchtbarer Art sich entwickelt. Das ist nur in einem freien Geistesleben letzten Endes möglich. Weitere Ausführungen finden Sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage». Es handelt sich also weniger heute darum, daß man dasjenige untersucht, was dem einzelnen Menschen frommt, sondern was man herbeiführen muß in dem menschlichen sozialen Organismus, damit der einzelne wirklich zu seiner Entfaltung kommen könne.

[ 30 ] What the second speaker in the discussion put forward was essentially a kind of interpretation of what I had said in part of my remarks, and I would just like to note that when discussing such matters today—speaking from the foundations I have attempted to lay in my lecture—we must not forget that it is essential not to view people as though we could simply approach them and improve them through instruction. I have often used the following analogy to illustrate the purely didactic method in public life: If I have a stove in front of me, I can say: Look, it is the stove’s duty to heat the room; its categorical imperative is to heat the room. I can keep preaching—with all of Kant’s insight I can keep preaching—but it won’t get warm. If I remain silent and simply put wood in the stove and light it, the stove will warm the room without any preaching at all. The same is true with regard to human beings. When the whole person is at stake—when it is not merely a matter of what might provide a theoretical echo within the person—when the whole person is at stake, preaching is of extremely little use, for there one is dealing, above all, with the person’s place within a social whole. And the person within a social whole is something other than the single, individual person. If one demands that the individual human being contribute in some way to the betterment of humanity through a concentrated life of thought, then it must first be possible for such a concentrated life of thought to develop in a fruitful manner. Ultimately, this is possible only within a free spiritual life. Further elaboration can be found in “The Key Points of the Social Question.” The issue today, therefore, is not so much to examine what benefits the individual human being, but rather what must be brought about within the human social organism so that the individual can truly come into his or her own.

[ 31 ] Ich habe in den neunziger Jahren, 1894, meine «Philosophie der Freiheit» zum ersten Mal veröffentlicht. Darinnen finder sich als Konsequenz einer geistigen Weltanschauung auch eine gewisse Ethik, die gerade auf den individuellen Menschen gebaut ist. Aber es ist da die Voraussetzung gemacht, und diese Voraussetzung muß jeder machen, der das Freiheitsproblem in ernstem und wirklichkeitsgemäßem Sinne erfaßt, daß tatsächlich dann, wenn es möglich ist, Intuitionen zu haben, die des Menschen wirkliche Freiheit begründen, daß dann aus diesem einzelnen Menschen auch hervorkommen könne dasjenige, worauf man bauen könne im sozialen Zusammenleben. Aber auf dieses soziale Zusammenleben muß fortwährend der Blick gerichtet werden. Daher darf ich sagen, daß in gewissem Sinne die Ergänzung zu meiner «Philosophie der Freiheit» meine «Kernpunkte der sozialen Frage» sind. Wie meine «Philosophie der Freiheit» untersucht, woraus beim einzelnen Menschen die Kräfte zur Freiheit kommen, so untersuchen meine «Kernpunkte der sozialen Frage», wie der soziale Organismus beschaffen sein muß, damit der einzelne Mensch sich frei entwickeln kann. Und das sind im Grunde genommen die beiden großen Fragen, die uns im öffentlichen Leben der Gegenwart beschäftigen müssen. Eine wirkliche Antwort auf diese Frage wird zu gleicher Zeit einiges Licht in das Chaos bringen können.

[ 31 ] I first published my *Philosophy of Freedom* in the 1890s, in 1894. In it, as a consequence of a spiritual worldview, there is also a certain ethic that is based precisely on the individual human being. But a prerequisite is established there—and this prerequisite must be accepted by anyone who grasps the problem of freedom in a serious and realistic sense—namely, that if it is indeed possible to have intuitions that ground the individual’s true freedom, then from this individual human being can also emerge that upon which one can build in social coexistence. But one’s gaze must be constantly directed toward this social coexistence. Therefore, I may say that, in a certain sense, my *Key Points on the Social Question* serve as a complement to my *Philosophy of Freedom*. Just as my *Philosophy of Freedom* examines the sources of the forces of freedom within the individual human being, so my *Key Points on the Social Question* examine how the social organism must be structured so that the individual human being can develop freely. And these are, in essence, the two great questions that must occupy us in contemporary public life. A genuine answer to this question will, at the same time, shed some light on the chaos.

[ 32 ] Ich möchte bemerken, daß ich den heutigen und den morgigen Vortrag so eingerichtet habe, daß gewissermaßen der heutige Vortrag mehr eine Zeitkritik sein sollte, auf dasjenige hinweisend, was bisher ist in der Gegenwart, daß diese Gegenwart so geworden ist, wie wir sie, in ein Chaos hineintreibend, ausgerüstet mit ungeheueren Zerstörungskräften sehen. Morgen möchte ich gerade dasjenige ausführen, was getan werden soll, damit das Volksleben im weitesten Umfange und das Leben der zivilisierten Menschheit überhaupt sich wiederum herauswinden könne aus dem Chaos. Ich möchte zeigen, wie die Kräfte, die schon im Menschen liegen, und die namentlich im menschlichen Zusammenleben liegen, entfesselt werden können, wie sie heute aber gefesselt sind. Daher wird das Positive, auf das der letzte Redner offenbar hinweisen wollte, mehr in meinem morgigen Vortrage als in meinem heutigen zur Geltung kommen. Allein es mußte gerade darauf hingewiesen werden, woran wir kranken, damit aufgebaut werden kann auf dieser Erkenntnis der Gegenwart eine Erkenntnis des Willens, die notwendig ist für eine gedeihliche Entwickelung in der Zukunft.

[ 32 ] I would like to note that I have structured today’s and tomorrow’s lectures in such a way that, in a sense, today’s lecture is intended to be more of a critique of our times, pointing out what has been the case in the present up to now—that this present has become what we see it as, driven into chaos and armed with immense destructive forces. Tomorrow I would like to elaborate precisely on what needs to be done so that the life of the people—to the fullest extent possible—and the life of civilized humanity as a whole can once again extricate itself from this chaos. I would like to show how the forces that already lie within human beings—and which lie particularly in human coexistence—can be unleashed, even though they are currently bound. Therefore, the positive aspect—which the previous speaker evidently intended to highlight—will come to the fore more in my lecture tomorrow than in today’s. Yet it was precisely necessary to point out what ails us, so that, based on this understanding of the present, we can build an understanding of the will that is essential for a prosperous development in the future.

[ 33 ] Ich möchte zum Schlusse aber doch das eine noch erwähnen. Derjenige, der es ernst meint mit den großen Fragen der Gegenwart, der darf nicht in einem althergebrachten Sinne ein Anhänger von so etwas Ähnlichem sein wie einem «Tausendjährigen Reich» und dergleichen, der darf nicht der Meinung sein, daß wir hier ein Paradies auf Erden begründen können, sondern der muß der Meinung sein, daß jede Wirklichkeit nur die ihr gemäßen Daseinsbedingungen entfalten kann, daß man innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod nur dann zu einem Ja in diesem Leben kommen könne, wenn man in der Lage ist, dasjenige, was das Leben im Physischen an Unvollkommenheiten hat, ständig zu ergänzen durch den Ausblick auf ein geistiges Leben: Einer der größten Fehler unserer Zeit ist der, daß eine große Anzahl von Menschen allmählich alles, was das Leben lebenswert macht, beanspruchen will von dem bloßen äußeren Leben. Und geradezu werden so heute die sozialen Fragen formuliert: Wie muß das äußere Leben beschaffen sein, damit es dem Menschen alles dasjenige gibt, was er ungefähr von einem Paradiese sich vorstellt? Wer die Frage so stellt, wird niemals zu einer. Antwort kommen. Zu einer wahren, echten Antwort kann man nur kommen, wenn man mit einem Wirklichkeitssinn erfüllt ist. Und dasjenige, was ein solcher Wirklichkeitssinn geben kann als Antwort auf die große Frage der Gegenwart, davon werde ich mir dann erlauben morgen zu sprechen.

[ 33 ] I would like to mention one more thing before concluding, however. Anyone who takes the great questions of our time seriously must not, in the traditional sense, be a supporter of something akin to a “Thousand-Year Reich” or the like; nor must they believe that we can establish a paradise on earth here, but must believe that every reality can unfold only within the conditions of existence appropriate to it, and that within the span of life between birth and death, one can arrive at an affirmation of this life only if one is able to constantly compensate for the imperfections of physical life through the prospect of a spiritual life: One of the greatest errors of our time is that a large number of people are gradually coming to expect everything that makes life worth living from mere external life alone. And this is precisely how social questions are formulated today: What must external life be like in order to provide people with everything they roughly have in their mental image of a paradise? Anyone who poses the question in this way will never arrive at an answer. One can arrive at a true, genuine answer only if one is imbued with a sense of reality. And as for what such a sense of reality can offer as an answer to the great question of our time—I will take the liberty of speaking about that tomorrow.