From a Unitary State
to a Tripartite Social Organism
GA 334
4 May 1920, Basel
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Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus
9. Geisteswissenschaft (Anthroposophie) im Verhältnis zu Geist und Ungeist in der Gegenwart
9. Spiritual Science (Anthroposophy): The Relationship Between Spirit and Non-Spirit in the Present
[ 1 ] In diesen drei Vorträgen möchte ich von einer gewissen Seite her eine Art zusammenfassenden Bildes geben von dem Wollen der geisteswissenschaftlichen Bewegung, von jenem Wollen, das hervorgeht aus den klar ersichtlichen Aufgaben der Gegenwart selber und aus dem, was man erkennen kann an Menschheitsaufgaben für die nächste Zukunft.
[ 1 ] In these three lectures, I would like to present, from a certain perspective, a kind of summary overview of the aspirations of the Spiritual Science movement—those aspirations that arise from the clearly evident tasks of the present itself and from what can be discerned regarding humanity’s tasks for the near future.
[ 2 ] Ich möchte heute in einer Art Einleitung Bemerkungen machen über das Wesen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft und über die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung innerhalb des Zivilisationslebens der Gegenwart. Ich möchte dann morgen insbesondere zeigen, wie diese Geisteswissenschaft zu einer tieferen Erkenntnis, einer lebensvoll erfaßten Erkenntnis des menschlichen Seelen- und Geisteswesens, und von da aus dann zu einer Vertiefung des sittlichen, des moralischen Bewußtseins führt. Ich möchte dann auch zeigen, wie sich diese Geisteswissenschaft zu den religiösen Bekenntnissen der Gegenwart stellen muß, und ich möchte endlich im dritten Vortrage zeigen, wie die Kalamität in der Gegenwart aus den psychologischen Eigentümlichkeiten der heute über die Erde verbreiteten Völker hervorgeht, wie sie hervorgegangen sind aus der geschichtlichen Entwickelung dieser Völker. So daß ich gewissermaßen vorschreiten möchte von einer Charakteristik der Geisteswissenschaft zu einer Betrachtung über die gegenwärtige Zivilisation, beleuchtet vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus.
[ 2 ] Today, by way of an introduction, I would like to make some remarks on the nature of anthroposophically oriented Spiritual Science and on the necessity of a spiritual-scientific movement within contemporary civilization. Tomorrow, I would like to show in particular how the Spiritual Science leads to a deeper understanding—a living, experiential understanding of the human soul and spirit—and from there to a deepening of ethical and moral consciousness. I would also like to show how the Spiritual Science must relate to the religious beliefs of the present day, and finally, in the third lecture, I would like to show how the calamities of the present arise from the psychological characteristics of the peoples now spread across the earth, and how they have emerged from the historical development of these peoples. Thus, I would like to proceed, so to speak, from a characterization of Spiritual Science to a consideration of contemporary civilization, viewed from the perspective of Spiritual Science.
[ 3 ] Wenn man heute äußerlich, oberflächlich, wie es schon einmal dem Geschmacke sehr vieler Zeitgenossen entspricht, von so etwas hört, wie die Geistesbewegung ist, deren äußerer Repräsentant der Dornacher Bau ist, so hat man sofort das Gefühl: So etwas kann ja eigentlich nur für den Sonntag sein, denn an allen Wochentagen haben die Menschen ihre nützlichen Beschäftigungen, die geregelt sind, die vielleicht einmal durch irgendwelche Ereignisse in vier oder fünf Jahren große Unregelmäßigkeiten gezeigt haben, die aber wieder aufgebaut werden, insofern sie zerstört sind — aber man hat nicht das Gefühl, daß so etwas, das mit diesen Alltagsaufgaben der Menschheit zu tun habe, entstehen könne durch eine geistige Bewegung. So ist denn auch die Meinung entstanden, daß alles dasjenige, für das der Dornacher Bau der äußere Repräsentant ist, eben eine sektiererische Bewegung sei, eine Art neue Religionsbildung sein wolle, und überläßt es höchstens denjenigen, die mit einem gewissen, aus dem einen oder anderen Beweggrund hervorgehenden Fanatismus an dem Alten hängen, alle möglichen Kampfesarten gegen eine solche Bewegung zu suchen.
[ 3 ] When people today hear—in a superficial, external way, as is often to the taste of many of our contemporaries—about something like the spiritual movement represented outwardly by the Dornach building, they immediately get the feeling: Something like that can really only be for Sundays, because on all the weekdays, people have their useful occupations, which are orderly—occupations that may once in a while, due to certain events, have shown great irregularities every four or five years, but which are rebuilt to the extent that they have been destroyed—yet one does not have the feeling that something like this, which has to do with humanity’s everyday tasks, could arise from a spiritual movement. Thus the opinion has arisen that everything of which the Dornach building is the outward representative is in fact a sectarian movement, aspiring to be a kind of new religious formation, and leaves it, at most, to those who, with a certain fanaticism stemming from one motive or another, cling to the old ways to seek out all manner of ways to fight against such a movement.
[ 4 ] Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, neben allem anderen möchte ich gerade heute gleich beim Ausgangspunkte dieser Betrachtung darauf hinweisen, daß die Geistesbewegung, die hier gemeint ist als anthroposophisch orientierte, in den letzten Wochen daran gegangen ist, sehr praktische Tätigkeiten zu entfalten. So wie an anderen Orten, so ist auch hier eine ganz praktische Tätigkeit im Gange, indem versucht wird, durch eine — bitte, es kann sogar paradox klingen, wenn man im Namen einer geisteswissenschaftlichen Bewegung spricht —, durch eine «Aktiengesellschaft zur Förderung wirtschaftlicher und geistiger Werte» dem niedergehenden gegenwärtigen Leben einen Aufbau entgegenzusetzen. Ganz praktische Tätigkeiten sollen in der nächsten Zeit begonnen werden. Und da soll auch gezeigt werden, wie dasjenige, was gemeint ist mit der anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Bewegung, wirklich nicht eine Summe von Sonntagnachmittags-Predigten ist, sondern etwas, was innig zusammenhängt mit dem, was unsere Zeit an neuen Einschlägen auch des praktischen Lebens braucht.
[ 4 ] Well, my esteemed audience, in addition to everything else, I would like to point out right at the outset of this reflection—especially today—that the spiritual movement referred to here as anthroposophically oriented has, in recent weeks, set about developing very practical activities. Just as in other places, a very practical endeavor is underway here as well, in which an attempt is being made—through a “corporation for the promotion of economic and spiritual values” (please note, this may even sound paradoxical when speaking in the name of a movement of Spiritual Science)—to counter the current decline in quality of life with a constructive alternative. Very practical activities are to be launched in the near future. And this will also demonstrate how what is meant by the anthroposophically oriented Spiritual Science movement is truly not merely a collection of Sunday afternoon sermons, but something intimately connected with what our time needs in terms of new approaches, including in practical life.
[ 5 ] Lassen Sie mich deshalb auch ausgehen von einer charakteristischen Darstellung des praktischen Lebens nach einer bestimmten Richtung hin, um dann gerade von da aus intimer das Wollen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft charakterisieren zu können. Es haben manche Leute, die heute aus mehr oder weniger Ideologie, aus Utopismus heraus das soziale Leben reformieren wollen, ja auch schon bemerkt, worauf ich jetzt hinweisen will; aber sie haben es nicht so bemerkt, daß sie haben hinschauen können auf das Prinzipielle, auf das es ankommt.
[ 5 ] Let me therefore begin with a characteristic description of practical life as it unfolds in a particular direction, so that I may then, starting from that very point, characterize more intimately the aspirations of anthroposophically oriented Spiritual Science. Some people who today, out of more or less ideology or utopianism, wish to reform social life have indeed already noticed what I am about to point out; but they have not noticed it in such a way that they have been able to look at the fundamental principle that matters.
[ 6 ] Man kann, wenn man verschiedene Bewegungen des 19. Jahrhunderts verfolgt, die seit der Mitte des Jahrhunderts darauf ausgingen, an die Stelle der Gold- und Silberwährung, der Doppelwährung, die Goldwährung als einheitliche Währung zu setzen, man kann bemerken, daß diese Anhänger des, sagen wir, Monometallismus, unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkte die Sache anfaßten. Sie sagten - und man kann das aus unzähligen Parlamentsberichten der europäischen Volksvertretungen konstatieren -, es müsse sich unter dem Einflusse der einheitlichen Goldwährung über die ganze zivilisiierte Welt hin der Freihandel entwickeln, der Freihandel als der eigentliche Träger des ungehinderten Wirtschaftslebens, der nicht beeinträchtigt werde durch allerlei Zollschranken, Schutzzölle und so weiter. In allen möglichen Tonarten ist dieses von der Förderung des Freihandels durch den Monometallismus, durch die Goldwährung, besprochen worden. Aber was ist eingetreten unter dem Einfluß der Goldwährung? Gerade dort, wo diese Goldwährung in radikaler Weise eingedrungen ist, ist überall das Gegenteil von dem gekommen, was die gescheiten ökonomischen Praktiker vorausgesagt haben! Überall hat sich die Notwendigkeit ergeben, zu Schutzzöllen zu greifen, einschließlich der amerikanischen Staaten. Das heißt, diejenigen, die über die Goldwährung gesprochen haben aus ihrer praktischen Lebenskenntnis heraus oder aus nationalökonomischer Wissenschaft heraus, sie haben sich fast alle über dasjenige geirrt, was in der Wirklichkeit wurzelte.
[ 6 ] If one traces the various movements of the 19th century that, from the middle of the century onward, sought to replace the gold and silver standard—the bimetallic standard—with the gold standard as a single currency, one can observe that these advocates of, let us say, monometallism, approached the matter from a very specific perspective. They argued—and this can be confirmed by countless parliamentary reports from European legislative bodies—that under the influence of a uniform gold standard, free trade must develop throughout the entire civilized world; free trade as the true foundation of unimpeded economic life, unhindered by all manner of tariff barriers, protective tariffs, and so on. This idea—the promotion of free trade through monometallism, through the gold standard—has been discussed in every possible vein. But what has actually happened under the influence of the gold standard? Precisely where this gold standard has taken hold in a radical way, the exact opposite of what the astute economic practitioners predicted has occurred everywhere! Everywhere, the need to resort to protective tariffs has arisen, including in the United States. This means that those who spoke about the gold standard—whether based on their practical knowledge of life or on the science of economics—were almost all mistaken about what was rooted in reality.
[ 7 ] Nun kann man sagen: Sind denn die Menschen alle dumm gewesen? Haben denn die Menschen wirklich keine Logik gehabt? Haben sie so wenig verstanden von dem Leben, daß das Gegenteil von dem eingetreten ist, was sie vorausgesagt haben? Ich bin nicht der Ansicht, daß die Leute etwa lauter Dummköpfe gewesen wären, die im Laufe des 19. Jahrhunderts sich für den Freihandel auseinandergesetzt haben, ich finde sogar, daß das sehr gescheite Leute gewesen sind, daß sie mit scharfer Logik gesprochen haben und dennoch nichts getroffen haben von der Wirklichkeit! Dasjenige, was nicht eingesehen wird, wenn man heute eine solche Sache bespricht, ist eben, daß man im Sinne derjenigen Denkungsweise, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte in der zivilisierten Welt herausgebildet hat, sehr gescheit sein kann und dennoch mit seinem Urteil wirklichkeitsfremd sein kann, daß man sich für einen großen Praktiker halten und die unpraktischsten Ratschläge geben kann, die nur irgend möglich sind. Und im Grunde genommen waren es diese unpraktischen Ratschläge, die im Laufe der letzten Jahrzehnte die Menschheit in ihre furchtbare Katastrophe hineingetrieben haben. Man hat insbesondere in Deutschland sehen können, wie die wirkliche Beherrschung der Zustände allmählich übergegangen ist in das Urteil der großen oder kleinen industriellen und kommerziellen Führer des Staates. Andere Leute sind mehr oder weniger abhängig geworden von den industriellen und kommerziellen Führern. Viel größer war der Einfluß der kommerziellen und industriellen Führer, als man eigentlich denken möchte. Erst während des Krieges hat sich gezeigt, wie eigentlich alles auf die Urteile von diesen Seiten gehört hat, und wie verhängnisvoll die Urteile von diesen Seiten aus geworden sind.
[ 7 ] Now one might ask: Were people really all that stupid? Did they really lack any sense of logic? Did they understand so little about life that the opposite of what they predicted actually happened? I do not believe that the people who debated free trade throughout the 19th century were all fools; in fact, I think they were very intelligent people who spoke with sharp logic and yet failed to grasp reality! What is often overlooked when discussing such matters today is precisely that, within the framework of the way of thinking that has developed in the civilized world over the last three to four centuries, one can be very intelligent and yet have a judgment that is out of touch with reality—that one can consider oneself a great practitioner and yet offer the most impractical advice imaginable. And, fundamentally, it was this impractical advice that, over the course of the last few decades, has driven humanity into its terrible catastrophe. In Germany, in particular, one has been able to see how the actual control of circumstances has gradually shifted to the judgment of the state’s industrial and commercial leaders, both large and small. Other people have become more or less dependent on these industrial and commercial leaders. The influence of these commercial and industrial leaders was far greater than one might actually think. It was only during the war that it became clear how everything actually depended on the judgments of these groups, and how disastrous those judgments turned out to be.
[ 8 ] Und daran konnte man eben sehen, daß sich das ganze öffentliche Leben gewissermaßen summiert aus dem Urteile solcher angeblichen Praktiker heraus. Das aber hat die Summe gegeben, die als die verhängnisvolle Katastrophe über die zivilisierte Menschheit in den letzten fünf bis sechs Jahren hereingebrochen ist und die noch lange nicht abgeschlossen ist.
[ 8 ] And this clearly showed that public life as a whole is, in a sense, shaped by the judgments of such so-called practitioners. But this has resulted in the calamity that has befallen civilized humanity over the past five to six years—a calamity that is far from over.
[ 9 ] Was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft überhaupt veranlaßt aufzutreten, das ist die Bemerkung dieser Tatsache. Das war der Grund, warum gerade von der Seite her, von der diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geltend gemacht wird, immer wieder und wiederum auf die praktische Auslebung dieser Geisteswissenschaft hingewiesen werden muß. Ich weiß, wie es einzelne Menschen, selbst die kleine Gruppe hier in Basel überrascht hat, als ich vor vielen Jahren darauf hingewiesen habe, daß wir ja mit einer sozusagen halbpraktischen Tätigkeit begonnen haben, nämlich Mysterienspiele aufzuführen. Das haben schon manche «Mystiker» für etwas gehalten, das man eigentlich nicht tun sollte; denn da verschwägert man sich schon in einer gewissen Richtung mit praktischen Maßnahmen, die man nötig hat. Aber ich habe dazumal gesagt: Mein Ideal wäre es, nicht etwa bloß Spiele aufzuführen, sondern eine Banktätigkeit zu entfalten, um gerade das Praktischste des Lebens mit derjenigen Denkweise zu durchdringen, welche notwendig ist, wenn man fruchtbare Geisteswissenschaft treiben will. Indem ich immer davon überzeugt sein mußte, aus sachlichen Untergründen heraus, daß man nicht durch ein ungesundes, kurzsinniges Denken zu den Ergebnissen kommt, zu denen Geisteswissenschaft kommen will, sondern gerade durch ein gesundes, umsichtiges und geistesgegenwärtiges Denken, und daß man lernen kann an Geisteswissenschaft das Denken so zu schulen, wie man es unter der materialistischen Betrachtungsweise der letzten Jahrhunderte eben nicht schulen konnte; daß man gerade praktisch werden kann für das Leben durch die gesunde Denkweise, die notwendig ist, wenn man Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie es hier gemeint ist, treibe. Ich möchte sagen: Es fällt gewissermaßen als ein Nebenprodukt ab die gesunde Behandlung des Lebens. Man ist gedrängt, wenn man nicht blöde, nebulose, sondern wahre Einsicht in das Weltwesen durch Geisteswissenschaft erwerben will, nicht ein schwafelndes, nebuloses Denken zu entfalten, sondern ein Denken von viel größerer Klarheit, als man es heute gerade in der Wissenschaft gewöhnt ist. Und entfaltet man dieses Denken, gibt man sich Mühe, das zu verstehen, was Geisteswissenschaft verstanden wissen will, dann schult man das Denken nebenbei so, daß man auch in praktischen Gebieten des Lebens richtig und sachgemäß denken kann und nicht mehr voraussagt, der Monometallismus werde den Freihandel entwickeln, wenn die Verhältnisse so liegen, daß unter der Goldwährung gerade die Schutzzölle kommen!
[ 9 ] What prompts anthroposophically oriented Spiritual Science to emerge in the first place is the recognition of this fact. That was the reason why, precisely from the perspective from which this anthroposophically oriented Spiritual Science is advocated, it is necessary to point out time and again the practical living out of this Spiritual Science. I know how surprised some people—even the small group here in Basel—were when, many years ago, I pointed out that we had, so to speak, begun with a semi-practical activity: namely, staging mystery plays. Some “mystics” considered this something one really ought not to do, for in doing so one already becomes entangled, in a certain sense, with the practical measures that are necessary. But I said at the time: My ideal would be not merely to stage plays, but to develop a banking activity in order to permeate the most practical aspects of life with the very way of thinking that is necessary if one wishes to pursue fruitful Spiritual Science. For I have always been convinced, based on objective grounds, that one does not arrive at the results that Spiritual Science aims for through unhealthy, short-sighted thinking, but precisely through healthy, prudent, and alert thinking, and that one can learn, through Spiritual Science, to train one’s thinking in a way that was simply not possible under the materialistic perspective of the past centuries; that one can become truly practical in life precisely through the sound way of thinking that is necessary if one is to pursue Spiritual Science in the sense intended here. I would say: A healthy approach to life emerges, as it were, as a byproduct. If one wishes to gain not a vague, nebulous, but a true insight into the nature of the world through Spiritual Science, one is compelled not to develop a rambling, nebulous way of thinking, but rather a way of thinking of far greater clarity than one is accustomed to today, especially in science. And if one develops this kind of thinking—if one makes an effort to understand what Spiritual Science seeks to convey—then, incidentally, one trains one’s thinking in such a way that one can also think correctly and appropriately in the practical areas of life, and no longer predicts that monometallism will promote free trade when the circumstances are such that, under the gold standard, protective tariffs are actually being imposed!
[ 10 ] Es entsteht gerade auf diese Art von Weltbetrachtung, die hier die Anthroposophie genannt wird, Lebenspraxis, wirkliches Untertauchen in die Realität im Gegensatze zum Materialismus, der überall nach dem Intellektuellen, nach dem bloß äußeren Betrachten der Welt hintendiert und unfruchtbar bleibt, mit Ausnahme des einzigen Gebietes, wo er fruchtbar sein konnte, wo er von Triumph zu Triumph geführt hat: dem der äußeren Technik. Um aber nach dieser Richtung klar zu sehen, ist es notwendig, daß dasjenige, was ich von den verschiedensten Gesichtspunkten im Laufe der Jahre hier über das Wesen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft entwickelt habe, wenigstens mit ein paar Worten heute noch einmal berührt wird. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft geht im Grunde von der intimsten innersten menschlichen Seelentätigkeit aus. Sie macht geradezu diese menschliche Seelentätigkeit zur Methode geisteswissenschaftlicher Forschung. Aber indem dasjenige, was in den Tiefen der Menschennatur als Tätigkeit, als Wesen liegt, durch diese Geisteswissenschaft erkundet wird, wird der Mensch zu gleicher Zeit hingewiesen auf das ganze Universum, auf das natürliche Universum und auf das soziale Universum. Der Mensch wird gerade dadurch in die Tiefen der Welt hineindringen, daß er lernt, in sachgemäßer Weise in die Tiefen des eigenen Wesens hineinzuschauen.
[ 10 ] It is precisely from this way of viewing the world—referred to here as anthroposophy— a way of life, a true immersion in reality—in contrast to materialism, which everywhere tends toward the intellectual, toward a merely external view of the world, and remains fruitless, with the exception of the one area where it could be fruitful, where it has led from triumph to triumph: that of external technology. However, in order to see clearly in this direction, it is necessary to touch once more—at least in a few words—on what I have developed here over the years from a wide variety of perspectives regarding the nature of anthroposophically oriented Spiritual Science. Anthroposophically oriented Spiritual Science fundamentally takes as its starting point the most intimate, innermost activity of the human soul. It makes this human soul activity itself the very method of Spiritual Science research. But as Spiritual Science explores what lies in the depths of human nature as activity and as essence, it simultaneously directs the human being’s attention to the entire universe—to the natural universe and to the social universe. It is precisely by learning to look appropriately into the depths of their own being that human beings will penetrate the depths of the world.
[ 11 ] Von zwei Dingen im menschlichen Erleben muß die Geisteswissenschaft ausgehen: Erstens von einer Weiterentwickelung des Vorstellungslebens und zweitens von einer Weiterentwickelung des Willenslebens. Wir entwickeln in einem gewissen Sinne dasjenige, was Vorstellen, Denken ist, entweder für die äußere praktische Welt oder auch für die landläufige Wissenschaft. Und wir entwickeln unsern Willen, insoferne wir eingespannt sind, ich möchte sagen, in instinktiv heraufgetriebene soziale Zustände. Geisteswissenschaft aber führt dazu, anzuerkennen, daß ebenso, wie man die noch unentwickelten Kräfte des Kindes so entwickeln kann, daß es dann als erwachsener Mensch sich mit einem gewissen Vorstellen, mit einem gewissen Wollen in die Welt hineinstellen kann, daß man ebenso dasjenige, was der Mensch heute aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus betätigt, weiter entwickeln kann als das alltägliche und auch das wissenschaftliche Vorstellen und Wollen. Dazu ist allerdings notwendig, daß man sich zuerst in einem gewissen Sinne eine richtige Menschenerkenntnis erwirbt. Man muß die Möglichkeit gewinnen, hinzuschauen auf den werdenden Menschen. Man wird ja ohnedies lernen müssen, auf den werdenden Menschen zu sehen, was sich als Notwendigkeit gerade für eine Reform des Erziehungswesens ergibt. Dieses Erziehungswesen wird reformiert werden müssen. Man wird es tun, wenn man einsehen wird, daß ein großer Teil der sozialen Verwirrung der heutigen Tage von dem verfehlten Erziehungs- und Unterrichtswesen herrührt. Aber man wird nicht früher das Erziehungswesen reformieren können, bevor man nicht mit einer wirklichen Sachkenntnis den werdenden Menschen betrachtet, diesen werdenden Menschen, der in jedem einzelnen Exemplar ein Rätsel darstellt, das in einem gewissen Sinne gelöst sein will. Wir betrachten das werdende Kind. Welche wunderbaren Ereignisse treten uns entgegen, wenn wir das Kind in den ersten Wochen, in den ersten Monaten, in den ersten Jahren seines Heranwachsens betrachten, wenn wir wirklich nicht hinwegschauen über dasjenige, was von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr geschieht, sondern uns vertiefen in diesen werdenden Menschen: was für Wunder des Geschehens, des Weltgeschehens treten uns da entgegen!
[ 11 ] Spiritual Science must take as its starting point two aspects of human experience: first, the further development of the life of imagination, and second, the further development of the life of the will. In a certain sense, we develop what constitutes a mental image and thought, whether for the external practical world or for conventional science. And we develop our will to the extent that we are caught up, I might say, in instinctively driven social conditions. Spiritual Science, however, leads us to recognize that just as one can develop a child’s as-yet-undeveloped powers so that the child, as an adult, can engage with the world through a certain kind of mental image and a certain kind of will, so too can one further develop what people today engage in out of a certain complacency—beyond everyday and even scientific mental images and will. To achieve this, however, it is necessary first to acquire, in a certain sense, a proper understanding of the human being. One must gain the ability to observe the developing human being. One will, in any case, have to learn to observe the developing human being—a necessity that arises precisely in connection with a reform of the educational system. This educational system will have to be reformed. This will be done once people realize that a large part of today’s social confusion stems from a flawed system of education and instruction. But it will not be possible to reform the educational system until we observe the developing human being with genuine expertise—this developing human being, who, in every single individual, represents a mystery that, in a certain sense, demands to be solved. Let us consider the developing child. What wondrous events unfold before us when we observe the child in the first weeks, the first months, the first years of its development—when we truly do not overlook what happens from week to week, from month to month, from year to year, but instead immerse ourselves in this developing human being: what wonders of events, of the unfolding of the world, meet us there!
[ 12 ] Gewöhnlich sieht man zum Beispiel auf so etwas, wie es der Zahnwechsel ist, eben nur ganz äußerlich hin. Man betrachtet nicht dasjenige, was mit dem Zahnwechsel zugleich als eine völlige Umwandlung der ganzen kindlichen Seelenverfassung vor sich geht. Bis zum Zahnwechsel lebt das Kind so, daß es im Grunde genommen als innersten Instinkt Nachahmung desjenigen hat, was in seiner Umgebung durch Menschen geschieht, namentlich durch diejenigen Menschen, mit denen es durch Blut oder Erziehung zusammengewachsen ist. Jede Handbewegung, die das Kind macht, können wir begreifen, wenn wir wissen, wie das Kind hingegeben ist an die Menschen seiner Umgebung; und im Grunde ist jede Handbewegung eine Nachahmung, wenn auch manchmal so, daß sich das Nachahmewesen kaschiert. Aber wer beobachten kann, merkt, daß zum Beispiel auch in der Sprachbildung eine Angliederung, eine nachahmende Angliederung an die Umgebung vorhanden ist.
[ 12 ] Usually, for example, people view something like the process of losing baby teeth only from a purely external perspective. One does not consider what takes place simultaneously with the change of teeth as a complete transformation of the child’s entire psychological constitution. Until the change of teeth, the child lives in such a way that, fundamentally, its innermost instinct is to imitate what happens in its surroundings through people—namely, those people with whom it has grown close through blood ties or upbringing. We can understand every hand movement the child makes if we know how devoted the child is to the people in its environment; and fundamentally, every hand movement is an imitation, even if at times the imitative nature is concealed. But anyone who observes closely will notice that, for example, in language development as well, there is an attachment—an imitative attachment—to the environment.
[ 13 ] So sehen wir, wie das Kind in den ersten Lebensjahren ein Nachahmer ist. Und indem wir das Kind so betrachten und sehen, wie von Woche zu Woche, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr aus den innersten Tiefen heraus dasjenige wächst, was sich dann überträgt in Form, in Geste, in Bewegung und Handlung, in Laut, in Gedanken, wenn wir das beobachten bei dem Kinde, so werden wir bemerken — wenn man es nicht anders kann, so werden wir meinetwillen durch Hypothese zunächst zu der Vorstellung kommen -, wie das Seelisch-Geistige nun an dem Leiblichen arbeitet. Und vertieft man sich in eine solche Beobachtung, schaut man hin, wie das Seelisch-Geistige an dem Leiblichen arbeitet, dann kann man nicht anders, als diese Arbeit des Seelisch-Geistigen an dem Leiblichen bis hinein in das Innerste zu verfolgen. Dann wird man sich sagen: Da geschieht etwas Bedeutsames durch den ganzen Organismus hindurch, was sich um das siebente Jahr herum auslebt in den zweiten Zähnen, die die Milchzähne ersetzen. Da ist gewissermaßen in diesem Zahnwechsel ein Schlußpunkt.
[ 13 ] Thus we see how the child is an imitator in the first years of life. And as we observe the child in this way and see how, from week to week, from month to month, from year to year, that which grows from the innermost depths then manifests itself in form, gesture, movement, and action— sound, and thought—if we observe this in the child, we will notice—if we cannot do otherwise, then for my sake let us first arrive at this mental image through a hypothesis—how the soul-spiritual now works upon the physical. And if one immerses oneself in such an observation, if one looks at how the soul-spiritual works upon the physical, then one cannot help but trace this work of the soul-spiritual upon the physical right down into its innermost depths. Then one will say to oneself: Something significant is taking place throughout the entire organism, which finds its culmination around the age of seven in the permanent teeth that replace the baby teeth. In a sense, this change of teeth marks a point of conclusion.
[ 14 ] Und was tritt dann auf bei dem Kinde, wenn der Zahnwechsel abgeschlossen ist? Das tritt auf — jeder kann das, indem er sich an sein eigenes Leben zurückerinnert, klar und deutlich bemerken -, daß dann bei dem Kinde die Vorstellungen, die vorher in einer gewissen Weise flüchtige waren, die kamen und gingen, die chaotisch waren, daß diese Vorstellungen sich in strengere Konturen formen, daß sie sich so fest gestalten, daß sie gewissermaßen kristallisieren, um dann zu bleibenden Erinnerungen zu werden.
[ 14 ] And what happens to the child once the process of losing baby teeth is complete? What happens—and everyone can clearly see this by looking back on their own life—is that the child’s mental images, which were previously somewhat fleeting, coming and going, and chaotic, begin to take on clearer contours; they become so firmly established that they crystallize, so to speak, and then turn into lasting memories.
[ 15 ] Das Erinnerungsvermögen tritt allerdings bei manchen Menschen schon früher auf, aber die festumrissene Erinnerung, die zu Gedanken gestalteten Erinnerungen, die treten dann auf. Und wer dann diese Vorstellungsreihe verfolgt, der wird nicht umhin können, sich zu sagen: Ja, das ist ja dieselbe Tätigkeit; bis zum Zahnwechsel hin war eine geistig-seelische Tätigkeit, um die Zähne herauszutreiben. Diese geistig-seelische Tätigkeit wirkte im Organismus. Jetzt hat sie ihre Tätigkeit, ihr Feld abgeschlossen. Jetzt tritt sie als geistig-seelische Tätigkeit selber auf. Die festumrissenen Gedanken, die Gedanken, die der Erinnerung mächtig sind, diese Gedanken treten jetzt auf. Was haben sie früher getan? Sie waren es, die im Organismus gearbeitet haben, um die Zähne herauszuarbeiten; dieselbe Tätigkeit, die später im Denken und im Erinnern lebt, lebte im Organismus, war dort tätig, um die Zähne herauszutreiben. Es ist gewissermaßen eine organische Tätigkeit, metamorphosiert, umgewandelt zu einer geistig-seelischen Tätigkeit. Und als solche geistig-seelische Tätigkeit lebt sie nun weiter im Menschen.
[ 15 ] Memory does, however, emerge earlier in some people, but it is the clearly defined memories—the memories that have taken shape as thoughts—that emerge at that point. And anyone who follows this train of thought will inevitably find themselves saying: Yes, this is indeed the same activity; up until the change of teeth, there was a spiritual-psychic activity aimed at bringing the teeth through. This spiritual-psychic activity was at work within the organism. Now it has completed its activity, its sphere of influence. Now it emerges as a spiritual-psychic activity in its own right. The clearly defined thoughts—the thoughts that are powerful in memory—these thoughts now emerge. What did they do before? It was they who worked within the organism to bring the teeth through; the same activity that later lives on in thinking and remembering lived within the organism and was active there to bring the teeth through. It is, so to speak, an organic activity, metamorphosed and transformed into a spiritual-psychic activity. And as such a spiritual-psychic activity, it now lives on within the human being.
[ 16 ] Sehen Sie, von diesen Dingen geht in streng methodischer Weise anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aus. Sie sagt sich: Man versuche nur einmal hinzuschauen, wie in starker Weise in den ersten sieben Lebensjahren dasjenige im Organismus tätig ist, was später nur als Gedankenarbeit, als Erinnerungsarbeit wirkt. Nun sage man sich, man nähme diese verstärkte Tätigkeit des Denkens, des Vorstellens auf, man halte sich daran, nicht bloß die umgeserzte geistig-seelische Tätigkeit der späteren Jahre in seiner Seele arbeiten zu lassen, sondern die stärkere Tätigkeit, die imstande war, nicht bloß Gedanken zu Erinnerungen zu formen, sondern die Zähne herauszutreiben. Das ist aber nur ein Teil der Tätigkeit, der größere, intensivere, bis zum siebenten Jahre. Diese stärkere Tätigkeit wird in Angriff genommen durch dasjenige, was anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft das Meditieren nennt. Meditieren ist nichts anderes als ein verschärftes Denken, als ein intensiver gemachtes Denken, als ein ausgebildetes Denken. Die Meditation besteht darin, daß man einen Gedanken oder eine Gedankenreihe - für den einen Menschen ist das gut, für den anderen jenes, das Genauere findet man mitgeteilt in den Schriften: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in «Die Geheimwissenschaft im Umriß», «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln» und so weiter —, diese Meditation, die hier gemeint ist, besteht darin, daß man einen Gedanken oder eine Gedankenreihe intensiv in den Mittelpunkt des Bewußtseins stellt und dann so stark seelisch-geistig in dieser Gedankenreihe tätig ist, daß man nun nicht bloß jene abstrakte, intellektualistische Gedankentätigkeit entfaltet, die man in der gewöhnlichen Wissenschaft oder im gewöhnlichen Leben hat, sondern jene intensive Gedankentätigkeit, die, wären wir noch Kinder unter sieben Jahren, in unseren Organismus eingreifen würde, im Organismus drinnen brodeln und kochen würde. So aber trägt sie uns, nachdem wir sie als seelisch-geistige Tätigkeit treiben, dahin, daß wir lernen mit Gedanken zu leben wie mit Realitäten. Man sehe einmal nach, wie die Menschen im alltäglichen Leben oder in der gewöhnlichen Wissenschaft dem Gedanken, dem Urteil gegenüber leben; die regen sie nicht auf. Es regt einen Menschen auf, wenn er mit einem befreundet ist und der ihn schädigt oder er verliebt ist in einen anderen, oder Hunger oder Durst hat und so weiter. Die Dinge des Leibes regen den Menschen auf; die Gedanken nicht in der gleichen Weise.
[ 16 ] You see, the anthroposophically oriented Spiritual Science proceeds from these things in a strictly methodical way. It says to itself: Let us just try to look at how, during the first seven years of life, that which later functions solely as thought and memory is powerfully at work in the organism. Now let us imagine that we take up this intensified activity of thinking and forming mental images; let us resolve not merely to allow the subdued mental and emotional activity of later years to work within our soul, but rather the stronger activity that was capable not only of shaping thoughts into memories, but also of causing teeth to erupt. But that is only part of the activity; the greater, more intense part extends up to the age of seven. This more intense activity is undertaken through what anthroposophically oriented Spiritual Science calls meditation. Meditation is nothing other than heightened thinking, intensified thinking, cultivated thinking. Meditation consists in focusing on a thought or a series of thoughts—what is suitable for one person may differ from what is suitable for another; more precise details can be found in the writings: “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”, in *An Outline of Esoteric Science*, *The Riddle of Man*, and *The Riddles of the Soul*, and so on—this meditation, which is meant here, consists in placing a thought or a train of thought intensely at the center of one’s consciousness and then engaging so deeply with this train of thought on a soul-spiritual level that one no longer merely engages in that abstract, intellectualistic thought activity one engages in ordinary science or in ordinary life, but rather that intense thought activity which, were we still children under the age of seven, would intervene in our organism, would bubble and boil within it. But in this way, since we engage in it as a soul-spiritual activity, it leads us to learn to live with thoughts as if they were realities. Just consider how people relate to thoughts and judgments in everyday life or in conventional science; these do not stir them up. A person is stirred up when they are friends with someone who harms them, or when they are in love with another, or when they are hungry or thirsty, and so on. Physical matters stir a person up; thoughts do not in the same way.
[ 17 ] In dem Gedanken lernt man sich bewegen durch das Meditieren, wie man sich bewegt im Alltag. Und nach und nach wird es so, daß man merkt, man macht ja innerlich durch dieses Meditieren einen Ruck durch. Während man im gewöhnlichen Leben eine Art Führung in seiner Gedankenwelt hat durch die Außenwelt, während man sich hingibt den Gedanken, die uns umgeben je nachdem sie kommen durch die ungezügelten Erinnerungen, auftauchen, wieder verschwinden und so weiter, besteht das Meditieren darinnen, daß man aus dem eigenen Willen heraus seine Gedanken in das Bewußtsein hineinbringt, daß man einen Gedanken so handhabt, wie man meinetwillen die Hand bewegt, wenn man mit der Hand irgend etwas ausführt. Und man bekommt nach und nach tatsächlich das Gefühl, daß man denken lernt, wie man sonst greifen oder sonst gehen gelernt hat: daß die Gedankentätigkeit sich als etwas vom Menschen Abgesondertes ergibt. Wenn man so vordringt zu einer solchen Gedankentätigkeit, die intensiver ist als die gewöhnliche Gedankentätigkeit, zu einer Gedankentätigkeit, von der man innerlich erlebt: Wäre man noch Kind, würde dieses Denken, das man im Meditieren entwickelt, sogar in das Wachstum, in die Gestaltung des Leibes eingreifen — wenn man dieses Denken entwickelt, dann lernt man das kennen, was es heißt: im Denken selber, im Vorstellen leibfrei sich einer Tätigkeit hingeben.
[ 17 ] Through meditation, one learns to move one’s thoughts just as one moves in everyday life. And little by little, one begins to realize that, through this meditation, one is making a shift within oneself. Whereas in ordinary life, one’s thoughts are guided by the external world, while we surrender to the thoughts that surround us—as they arise from unbridled memories, appear, disappear again, and so on—meditation consists in bringing one’s thoughts into consciousness of one’s own volition, in handling a thought just as one moves one’s hand of one’s own accord when performing an action with it. And little by little one actually begins to feel that one is learning to think just as one has learned to grasp or to walk: that the activity of thought reveals itself as something separate from the human being. When one advances in this way toward such an activity of thought—one that is more intense than ordinary thought—toward an activity of thought in which one experiences inwardly: If one were still a child, this thinking—which one develops through meditation—would even intervene in the growth and formation of the body; when one develops this thinking, one comes to understand what it means to devote oneself to an activity in thought itself, in a mental image, without the body.
[ 18 ] Es ist ja ganz richtig, daß das gewöhnliche Denken ganz an das Gehirn gebunden ist. Und das lernt man gerade dann erkennen, wenn man dieses leibfreie Denken, zu dem man sich nur durch meditative Entwickelung erheben kann, kennenlernt. Dieses Denken, das ebenso in die Willkür gestellt ist wie die Handbewegungen, wie die Beinbewegungen, das man durch Anstrengung vollführen kann, unter dem man ermüdet, das man nach einer bestimmten Zeit so unterlassen muß, wie man unterlassen muß die Anstrengung des äußeren Leibes, wenn man dieses Denken so kennenlernt, so von innen kennengelernt hat, dann hat man überhaupt erst ein Erlebnis von dem schaffenden Denken, von dem schaffenden Vorstellen. Dann ergreift man in dem Menschen ein Wesen, das ätherisch-denkerisch ist und das zugleich dasjenige ist, das durch die Geburt oder sagen wir durch die Empfängnis aus übersinnlichen Welten heruntergestiegen ist, und eben als Plastiker, als Architekt am menschlichen Leibe mitgearbeitet hat. Wir haben dasjenige erfaßt, was am menschlichen Leib arbeitet, und wir haben damit lebensvoll uns zurückversetzt in das, was wir Menschen waren, bevor wir in diesen physischen Leib heruntergestiegen sind und den Leib angenommen haben, der uns gegeben worden ist durch die Vererbung von Vater, Mutter und so weiter. Wir haben ein Erlebnis von dem Vorgeburtlichen oder von dem Leben vor der Empfängnis, ein Erlebnis von dem, was unser übersinnliches Dasein war vor dem jetzigen physischen Dasein.
[ 18 ] It is indeed quite true that ordinary thinking is entirely bound to the brain. And one comes to recognize this precisely when one becomes acquainted with this body-free thinking, to which one can rise only through meditative development. This thinking, which is just as subject to the will as the movements of the hands or legs—which one can perform through effort, which causes fatigue, and which one must cease after a certain time, just as one must cease the exertion of the physical body—when one comes to know this thinking once one has come to know it from within—only then does one truly have an experience of creative thinking, of creative mental images. Then one perceives within the human being a being that is ethereal-thinking and that is at the same time the very being that descended from supersensible worlds through birth—or, let us say, through conception—and worked as a sculptor, as an architect, on the human body. We have grasped that which works upon the human body, and through this we have vividly transported ourselves back to what we humans were before we descended into this physical body and took on the body that was given to us through inheritance from our father, mother, and so on. We have experienced the prenatal period—or life before conception—an experience of what our supersensible existence was like before our present physical existence.
[ 19 ] Durch die Ausbildung des Denkens erweitert sich unser Menschenleben über Geburt und Empfängnis hinaus. Das, was ich Ihnen hier erzähle, ist geradeso sicheres Ergebnis einer strengen methodischen Untersuchung, die auf den Wegen wandelt, die ich Ihnen hier skizzierte, wie irgendein chemisches Resultat. Nicht sicherer ist dasjenige, was die Chemie im Laboratorium oder die Astronomie auf der Sternwarte zuwegebringt als dasjenige, was so aus der Intimität des entwickelten menschlichen Gedankenlebens als Erkenntnis der übersinnlichen Menschenwesenheit vor der Geburt hervorgeht; es ist einfach weiterentwickeltes Denken, welches die Methode liefert, in die übersinnliche Welt einzudringen. Dieses Denken liefert allerdings dann die Möglichkeit, auch etwas zu sagen über dieses vorgeburtliche Leben. Darauf wollen wir morgen zurückkommen. Ich möchte aber jetzt hinweisen auf die andere Seite desjenigen, was im Menschen entwickelt werden muß, damit er aufsteigt von der sinnlichen Erkenntnis zu der übersinnlichen Erkenntnis. Dieses andere ist der Wille. Und um die Bedeutung dieser Willensentwickelung einzusehen, brauchen Sie nur daran zu denken, wie weit entfernt dasjenige ist, was wir den Inhalt unserer sittlichen Ideale, der sittlichen Impulse nennen, von dem, was äußeres Naturgeschehen, was auch Naturgeschehen im Menschen ist. Das ist ja gerade die Sorge der philosophischen Weltanschauung, daß die sogenannten Ideale nicht herangebracht werden können an das Naturdasein. Da beschreiben auf der einen Seite die Geologen und Astronomen, wie unsere Erde mit alledem, was zu unserem Planetensystem gehört, aus einem Urnebel nach ewigen, ehernen Gesetzen hervorgegangen ist, wie sie sich abgespalten hat, wie Pflanzen sich entwickelt, Tiere sich entwickelt haben bis herauf zum Menschen. Dann verfolgen sie das, um Hypothesen darüber aufzustellen, wie das alles wiederum zugrunde gehen wird. Aber bedenken wir: In diese Welt stellt sich nicht hinein die Welt der Ideale, die Welt desjenigen, was wir uns vorsetzen müssen, wenn wir ein menschenwürdiges Dasein führen wollen, die Welt desjenigen, unter dessen Einflusse wir unsere Handlungen ausführen; alles dasjenige, was zu unserem Gewissen spricht, das stellt sich nicht hinein. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, was hat denn das für eine Bedeutung für alles das, was vor sich geht als rein natürliches Dasein? Keine Brücke kann geschlagen werden in der heutigen Weltanschauung von dem sittlichen Ideal zu dem, was sich natürlich entwickelt. Hin schaut der Astronom, der Geologe auf einen Endzustand der Erde, wenn alles entweder dem Wärmetod verfallen wird, oder, wie andere beschreiben, vereist sein wird und so weiter, da wird dasjenige, was jetzt Erdenleben ist, ein grandioses Grab sein. Was wird geworden sein aus dem, was wir die sittlichen Ideale nennen? Sie sind gleichsam wie der menschliche Gedanke, Gedanken, die wie hinhusehen über dem natürlichen Dasein für eine solche materialistische Weltanschauung. Wer vom Gesichtspunkt der hier gemeinten Geisteswissenschaft ausgeht, theoretisiert nicht über diese sittlichen Ideale, sondern sucht auf einem anderen Wege das Leben zu vertiefen. Er versucht vor allen Dingen, etwas in die menschliche Willkür hereinzubekommen, was sonst nur so vom Menschen betrachtet wird, daß er sich ihm in passiver Weise überläßt.
[ 19 ] Through the development of thought, our human life extends beyond birth and conception. What I am telling you here is just as certain a result of rigorous, methodical investigation—conducted along the paths I have outlined here—as any chemical result. What chemistry achieves in the laboratory or astronomy at the observatory is no more certain than what emerges from the intimacy of the developed human life of thought as an insight into the supersensible human being before birth; it is simply further-developed thinking that provides the method for penetrating the supersensible world. This thinking, however, then provides the possibility of saying something about this prenatal life as well. We will return to this tomorrow. But I would now like to point out the other aspect of what must be developed in the human being so that he or she may ascend from sensory knowledge to supersensory knowledge. This other aspect is the will. And to understand the significance of this development of the will, you need only consider how far removed what we call the content of our moral ideals—our moral impulses—is from what constitutes external natural phenomena, including those occurring within the human being. This is precisely the concern of the philosophical worldview: that so-called ideals cannot be reconciled with natural existence. On the one hand, geologists and astronomers describe how our Earth, along with everything that belongs to our planetary system, emerged from a primordial nebula according to eternal, immutable laws; how it separated; and how plants and animals developed all the way up to human beings. Then they study these processes to formulate hypotheses about how it will all come to an end. But let us consider: The world of ideals—the world of what we must set as our goal if we wish to lead a life worthy of human dignity, the world of that which influences our actions—all that which speaks to our conscience—does not enter into this world. But, my esteemed audience, what significance does this have for everything that unfolds as purely natural existence? In today’s worldview, no bridge can be built from the moral ideal to what develops naturally. The astronomer and the geologist look toward a final state of the Earth, when everything will either succumb to heat death or, as others describe it, be frozen over, and so on; then what is now life on Earth will be a grandiose grave. What will have become of what we call moral ideals? They are, as it were, like human thought—thoughts that, from the perspective of such a materialistic worldview, seem to look down upon natural existence. Those who proceed from the standpoint of Spiritual Science, as understood here, do not theorize about these moral ideals, but seek to deepen life by another path. Above all, they attempt to introduce something into human arbitrariness—something that is otherwise viewed by human beings as something to which they passively surrender themselves.
[ 20 ] Und wiederum hilft uns, um das, was ich meine, zu begreifen, wenn wir die zweite Epoche des menschlichen Lebens, die Epoche vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife mit unbefangenem Auge betrachten. Wir sehen wiederum, wie sich in dem Kinde vom 7. bis 14. Jahre nach und nach gewisse Kräfte herausentwickeln, die ihre Kulmination erleben im 14., 15. Jahre. Wir sehen, wie da zunächst die individuelle Liebe auftaucht, wie alles dasjenige, was mit der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechtes zusammenhängt, auftaucht. Aber gewöhnlich verfolgen wir nicht, wie ein Geistig-Seelisches vom 7. bis zum 14., 15. Jahre wiederum so arbeitet wie in den ersten sieben Lebensjahren und einen Abschluß findet, so daß es frei wird und gewissermaßen erlöst wird aus der organischen Tätigkeit mit dem 14., 15. Jahre. Wenn wir den Knaben in seiner Entwickelung betrachten, dann finden wir — in einer etwas anderen, hier nicht weiter zu erörternden Weise, mehr seelisch ist es beim weiblichen Geschlecht —, wir finden den Abschluß dieser Lebensepoche in der Umänderung der Stimme, in dem anderen Timbre, den da die Stimme annimmt. Was ist das eigentlich, was da in die Sprache hineingeschossen ist? Beobachtet man unbefangen, so findet man: Es ist der Wille, wie es in den ersten sieben Lebensjahren das Vorstellungsleben war, das sich dann zu einem erinnerungsfähigen Gedanken formt, jetzt ist es der Wille, der in den Organismus hineinschießt, der sich dem Organismus eingliedert und von jetzt ab als freier Wille die Sprache durchdringt, während bis dahin das Kind bis zum 14., 15. Jahre in seiner Sprache nicht frei war, sondern - man kann das nachweisen — unter dem Einflusse der Umgebung gestanden hat. So daß wir uns sagen können: In der zweiten Lebensepoche ist dasjenige, was später als Wille auftritt, das Organgestaltende. Und es tritt, im Jünglingsalter dann, im 17., 18. Jahr bis in die Zwanzigerjahre hinein zutage, indem es den Jüngling durchglüht mit Idealen. Es ist frei geworden dasjenige, was gearbeitet hat an dem, was dann als Geschlechtsliebe, als Menschenliebe überhaupt, erscheint. Was da frei geworden ist nach dem 14., 15. Lebensjahr in der Geschlechtsreife, es hat gearbeitet bis zum 7. Jahr; der Wille ist es- erst der Wille, der an das Organ gebunden ist, dann der frei werdende Wille. Nimmt man das wiederum auf, und zwar in der Weise, daß man jetzt an den Willen sich wendet und das, was man gewöhnlich eigentlich passiv als Mensch hinnimmt, ins Aktive verwandelt, dann wird man sehen, daß sich eine zweite, besondere geistig-seelische Kraft in der menschlichen Innerlichkeit entwickelt. Man erreicht das dadurch, daß man beobachtet, wie man sich sagen kann: Siehst du auf deinen Lebensweg zurück, so bist du eigentlich von Jahr zu Jahr — das wird weniger bemerkt -, jedenfalls aber von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein anderer geworden. Das Leben, äußere Verhältnisse, Leiden, Freuden, alles mögliche greift in das Leben ein. Und jeder von Ihnen frage sich, ob er nicht im Laufe der Jahrzehnte ein anderer geworden ist? Das aber hat man nicht in seiner Gewalt. Das Leben schleift einen ab. Das Leben macht einen zu einem anderen.
[ 20 ] And once again, it helps us to understand what I mean if we look with an unbiased eye at the second phase of human life—the phase from the change of teeth to sexual maturity. We see once more how, in the child from ages 7 to 14, certain forces gradually develop, reaching their peak at ages 14 or 15. We see how individual love first emerges there, and how everything connected with the procreation of the human race comes to the fore. But we do not usually observe how a spiritual-soul aspect, from the age of 7 to 14 or 15, works in much the same way as it did during the first seven years of life and comes to a conclusion, so that it becomes free and, in a sense, is liberated from organic activity by the age of 14 or 15. When we observe the boy’s development, we find—in a somewhat different way, which need not be discussed further here (it is more psychological in the case of the female sex)—we find the conclusion of this phase of life in the change of voice, in the different timbre that the voice takes on. What is it, actually, that has burst into speech here? If one observes impartially, one finds: It is the will—just as the life of imagination was in the first seven years of life, which then develops into thought capable of memory—that now bursts into the organism, integrates itself into the organism, and from this point on, as free will, permeates speech, whereas up until then, the child, up to the ages of 14, 15, was not free in its speech but—as can be demonstrated—was under the influence of its surroundings. So we can say: In the second epoch of life, that which later appears as will is the formative force of the organism. And it then comes to the fore in adolescence—at ages 17 and 18 and well into the twenties—by inflaming the young person with ideals. That which has worked to shape what later appears as sexual love—and as love for humanity in general—has now become free. What became free after the ages of 14 or 15, upon reaching sexual maturity, had been at work until the age of 7; it is the will—first the will bound to the organ, then the will that becomes free. If one takes this up again—specifically by turning now to the will and transforming what one usually accepts passively as a human being into an active force—then one will see that a second, special spiritual-psychic force develops within the human inner life. One achieves this by observing how one can say to oneself: If you look back on your life’s journey, you have actually become a different person from year to year—though this is less often noticed—but certainly from decade to decade. Life, external circumstances, suffering, joys, all manner of things intervene in one’s life. And let each of you ask yourselves: Have you not become a different person over the course of the decades? But that is not within one’s control. Life wears one down. Life transforms one into someone else.
[ 21 ] Geisteswissenschaftliche Methode besteht gerade darin, daß man auf diesem Gebiete auch die Entwickelung selbst in die Hand nimmt, daß man ernster, als man das sonst tut, zum Beispiel die sittlichen Lebensideale nimmt, diese sittlichen Lebensideale sich selber einverleibt, prüft, wie man irgend etwas, das man sich vorsetzt, so gestalten kann, daß man es will, wie man essen will, wenn man hungrig ist. Dazu kann man es bringen. Man kann es dazu bringen, daß das, was sonst nur abstrakte moralische Ideale sind, Instinkt wird, daß es innerlicher Trieb wird. Dann allerdings nähert sich dasjenige, was sonst, wie ich gesagt habe, über der Natur schwebt, von dem man nicht einsehen kann, was es eigentlich für eine Bedeutung hat, es nähert sich das dem menschlichen inneren organischen Werden. Ja, wenn das vielen auch paradox klingen wird, es tritt ein Zeitpunkt ein, wo auf einen moralische Impulse so wirken, wie sonst auf den Geschmack die Speisen wirken. Man hat nicht mehr nur das abstrakte Gefühl gegenüber irgend etwas, was man für gut oder schlecht findet, sondern man bekommt eine innerliche Antipathie gegen etwas moralisch Ungeheuerliches oder Schlechtes oder auch nur Tadelnswertes, wie man eine Antipathie bekommt gegen das, was schlecht schmeckt. Was sonst in abstrakten Höhen schwebt, nähert sich intim dem, was sonst im Geschmack, im Geruche lebt. Man bekommt ein Gefühl davon, wenn man nur einen Arm hebt, so ist dasjenige, was man sich vorsetzt, wirksam im Stoffwechsel des Armes. Man bekommt mit anderen Worten, wenn man also seine menschliche Entwickelung aktiv in die Hand nimmt, ein Gefühl von dem Durchdringen des GeistigSeelischen gegenüber dem Physisch-Leiblichen. Wie man im Denken, wenn man es entwickelt, frei wird von dem Leiblichen, so wird man es durch die andere Entwickelung, die ich jetzt erörterte, die einfach dasjenige, was vom 7. bis 14. oder 15. Lebensjahr hin im Organismus wirkt, so intensiv aufnehmen, daß da die Liebe nicht bloß so wirkt wie sonst im Leben, im sozialen oder im individuellen Leben, sondern daß die Liebe so wirkt, daß sie organisch uns erst zum Leibe gestaltet. Wenn man nun jene Intensität der Liebe auf die eigene Selbsterziehung anwendet, dann erlangt man in dem Willen dasjenige, was stark genug ist zu wirken, wenn auch dieser Leib der Erde oder den Elementen übergeben wird. Hat man einmal eingesehen, wie der Wille die Macht besitzt, auf den Leib zu wirken, wie der Wille nicht bloß sittliche Impulse in uns abstrakt veranlagt, sondern wie der Wille uns nötigt, die sittlichen Impulse zu empfinden, wie sonst Speisen durch den Geschmack empfunden werden, dann hat man auch begriffen, wie dieser Wille eingreift in das eigene menschliche natürliche Dasein, wie er eingreift in das gesamte natürliche Dasein des Universums. Dann erlangt man durch diese andere Seite der Entwickelung die Möglichkeit, zu begreifen, was nach dem Tode ist. Wie man durch die Entwickelung des Vorstellungslebens das vorgeburtliche Leben als ein Übersinnliches, als ein Ewiges begreift, so durch die Willensentwickelung das Leben nach dem Tode. Es erweitert sich dasjenige, was der Mensch hier erlebt in dieser physischen Welt durch dasjenige, was Geisteswissenschaft zutage fördert, eben über diese physische Welt hinaus, aber nicht so, daß man nur spekuliert über die physische Welt hinaus, sondern daß man tatsächlich, um zu dem zu kommen, was ich jetzt geschildert habe, ein Gedanken- und Willensleben entwickeln muß, das mit der Wirklichkeit verbunden ist. Man entwickelt das Gedankenleben so wirklich, daß man es in den Kräften hat, in denen es uns selber gestaltet, indem wir ins Leben eintreten. Man ergreift das Willensleben in einer so starken Wirklichkeit, daß man es hat, wie es wirken wird noch, wenn unser Leib mit allen seinen Instinkten und natürlichen Trieben zerfallen sein wird.
[ 21 ] The method of Spiritual Science consists precisely in taking the development itself into one’s own hands in this field, in taking, for example, moral ideals of life more seriously than one otherwise would, in internalizing these moral ideals, and in examining how one can shape anything one sets out to do in such a way that one wants it just as one wants to eat when one is hungry. One can bring it to that point. One can bring it to the point where what are otherwise merely abstract moral ideals become instinct, become an inner impulse. Then, however, that which otherwise, as I have said, hovers above nature—and whose actual significance one cannot grasp—draws closer to human inner organic development. Yes, even if this may sound paradoxical to many, there comes a point when moral impulses affect one in the same way that food otherwise affects one’s sense of taste. One no longer has merely an abstract feeling toward something one considers good or bad, but one develops an inner aversion to something morally monstrous or bad—or even merely reprehensible—just as one develops an aversion to what tastes bad. What otherwise hovers in abstract heights draws intimately closer to what otherwise lives in taste and smell. One gets a sense of this when one simply raises an arm: what one sets out to do is effective in the arm’s metabolism. In other words, when one actively takes one’s human development into one’s own hands, one gains a sense of the spiritual-soul aspect permeating the physical-bodily aspect. Just as, when one develops one’s thinking, one becomes free from the physical, so too, through the other form of development I have just discussed—which is simply that which acts within the organism from the age of 7 to 14 or 15— so intensely that love does not merely act as it otherwise does in life—in social or individual life—but rather acts in such a way that it organically shapes us into a body in the first place. If one now applies that intensity of love to one’s own self-education, then one attains within the will that which is strong enough to act, even if this body is surrendered to the earth or the elements. Once one has realized how the will possesses the power to act upon the body, how the will does not merely instill moral impulses in us in an abstract way, but how the will compels us to feel these moral impulses just as food is otherwise perceived through taste, then one has also grasped how this will intervenes in one’s own human, natural existence, and how it intervenes in the entire natural existence of the universe. Then, through this other aspect of development, one gains the ability to comprehend what lies beyond death. Just as one comes to understand prenatal life as something supersensible, as something eternal, through the development of the life of the imagination, so too does one come to understand life after death through the development of the will. What a person experiences here in this physical world is expanded—through what Spiritual Science brings to light—beyond this physical world; but not in such a way that one merely speculates beyond the physical world, but rather that, in order to arrive at what I have just described, one must actually develop a life of thought and will that is connected to reality. One develops one’s life of thought so truly that one possesses it in the forces through which it shapes us as we enter life. One grasps the life of will in such a powerful reality that one possesses it as it will continue to act even when our body, with all its instincts and natural drives, has decayed.
[ 22 ] Dann, wenn dieses erreicht ist, hat man etwas, was so auftreten kann wie der Inhalt meiner «Geheimwissenschaft» etwa. So wie man von einer äußeren naturwissenschaftlichen Wissenschaft aus über die Außenseite der Welt spricht, so kann man über die Innenseite der Welt sprechen. Es braucht nicht jeder ein Geisteswissenschafter zu werden, um die Geisteswissenschaft einsehen zu können. Der unbeirrte Menschenverstand führt dahin, diese Geisteswissenschaft begreifen zu können. Wie viele Geistesforscher es geben wird in der Zukunft, darüber brauchen wir uns ja gar nicht zu unterhalten. Es mag viele, es mag wenige geben. Aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» werden Sie ersehen, daß jeder bis zu einem gewissen Punkte ein Geisteswissenschafter werden kann, nämlich selber hineinschauen kann, wenn er nur seine natürlichen Gaben entwickeln will, in das übersinnliche Weltenwesen. Um in dem hier gemeinten Sinne Geistesforscher zu werden, ist vielleicht schon aus dem Grunde manchen nicht möglich, weil vieles notwendig ist, was der Mensch im gewöhnlichen Leben ja nicht eigentlich anstreben kann. Denken Sie nur, wenn einer ein Chemiker wird, wieviel er dann abgesondert vom übrigen Leben im Laboratorium zubringen muß, wie er in einem gewissen Sinne auf manches verzichten muß im anderen Leben. So ist es bei jeder einzelnen menschlichen Betätigung im Leben. Bedenken Sie nur, was es bedeutet, wenn jemand sich bekannt machen muß mit einer Welt, die ganz verschieden ist von der, in der wir täglich vom Aufwachen bis zum Einschlafen leben, mit einer Welt, die ganz andere Gesetze hat, obwohl diese Gesetze hier wirksam sind, aber im Verborgenen. Das prägt dem Menschen etwas ein, was zu gleicher Zeit der Quell von Leid, von Schmerzen ist. Und jeder wirkliche Geistesforscher wird Ihnen sagen: Dasjenige, was ihm das Leben an Freuden gebracht hat, nimmt er dankbar hin und möchte den Weltenmächten immerzu in einem demütigen Gebete danken für das, was er an Freude erleben durfte. Aber seine Erkenntnis verdankt er nicht eigentlich seinen Freuden, die in einer gewissen Weise einschläfern über die eigentliche Wesenheit des Lebens — die Erkenntnisse verdanken wir dem Leid. Und vertiefte Leiden sind es geradezu, die durch unsere Seelen ziehen, wenn wir eine bestimmte Stufe erstiegen haben in dem Hinausgehen aus der sinnlich-wirkenden Welt, wie ich es Ihnen heute geschildert habe.
[ 22 ] Once this has been achieved, one has something that can manifest itself, for example, as the content of my *Secret Science*. Just as one speaks of the outer side of the world from the perspective of an external natural science, so one can speak of the inner side of the world. Not everyone needs to become a spiritual scientist in order to understand Spiritual Science. Unwavering common sense leads one to be able to comprehend Spiritual Science. As for how many spiritual researchers there will be in the future, we need not even discuss that. There may be many; there may be few. From my book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*, you will see that everyone can, to a certain extent, become a person involved in Spiritual Science—that is, look into the supersensible world themselves—if only they are willing to develop their natural gifts. To become a spiritual researcher in the sense intended here may not be possible for some people, simply because it requires many things that a person cannot really strive for in ordinary life. Just think: when someone becomes a chemist, how much time they must spend isolated from the rest of life in the laboratory, and how, in a certain sense, they must forgo many things in their other aspects of life. This is true of every single human activity in life. Just consider what it means when someone must familiarize themselves with a world that is entirely different from the one in which we live daily, from waking up to falling asleep—a world that has entirely different laws, even though these laws are at work here, albeit in secret. This instills in a person something that is at the same time the source of suffering and pain. And every true spiritual researcher will tell you: He gratefully accepts the joys that life has brought him and wishes to thank the world powers continually in humble prayer for the joy he has been allowed to experience. But he does not actually owe his insights to his joys, which in a certain way lull us into complacency regarding the true nature of life—we owe our insights to suffering. And it is precisely profound sufferings that pass through our souls once we have ascended to a certain level in our journey beyond the world of sensory experience, as I have described to you today.
[ 23 ] Dann kommt das andere. Denken Sie nur, ich habe es ja selbst gesagt, das Denken wird etwas, wie das Greifen oder Gehen: Es wird in die Willkür des Menschen gestellt. Wir sind sonst gewöhnt, unwillkürlich zu denken, das Denken so automatisch fortlaufen zu lassen. Dieses Denken muß sich so umgestalten — wenigstens für die Zeit, in der man im Geistigen forscht -, wie wir sonst willkürlich Hände und Beine bewegen. Man muß nun genau unterscheiden lernen — und das lernt man sorgfältig, wenn man zum richtigen Weg im Geistesforschen angeleitet wird —, man muß nun sorgfältig lernen zu trennen das Leben, das man in der physischen Welt führen muß und das Leben, das in die geistige Welt hineinführt. Denn hier in der physischen Welt muß man leben können wie ein anderer Mensch. Nicht diejenigen sind die wirklichen Geistesforscher, welche aus einem gewissen Hochmut oder aus einer Wollust der Seele heraus lebensfremd werden, die sich hingeben können mystisch und dabei das Leben verachten, die vielleicht von der übrigen Menschheit sich absondern, sich allerlei absonderliche Kleider anziehen und dergleichen oder sagen: Wir gehören zu einer ganz anderen Menschensorte. — Diejenigen sind vielmehr die wirklichen Geistesforscher, denen man das gar nicht anmerkt, weil sie im äußeren Leben geradeso drinnen stehen wie die anderen, ja noch praktischer, weil sie dasjenige durchdringen mit den wirklichen Gesetzen des äußeren Lebens, die man gar nicht in der äußeren Welt kennenlernen kann, sondern nur aus der übersinnlichen Welt; denn alles Sinnliche ist ganz abhängig von der übersinnlichen Welt. Daher sagte ich schon öfter, am meisten wird diese Geisteswissenschaft, die hier gemeint ist, ihre Ideale erfüllt sehen, wenn sie gerade in die verschiedenen praktischen Zweige des Lebens hineinwirken kann. So zum Beispiel sagte ich, würde es ganz besonders eine Erfüllung dieses anthroposophischen Ideales sein, wenn man mit einer Anzahl von Ärzten sprechen könnte über dasjenige, was Geisteswissenschaft für eine Erneuerung der Medizin werden könnte. Das hat sich nun mittlerweile schon erfüllt: In Dornach draußen ist ein Kursus vor Ärzten und angehenden Medizinern gehalten worden über dasjenige, was der Arzneiwissenschaft zugeführt werden kann gerade von dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.
[ 23 ] Then comes the other thing. Just think: I said it myself—thinking becomes something like grasping or walking: it is placed under human volition. We are otherwise accustomed to thinking involuntarily, to letting our thoughts run their course automatically. This thinking must be transformed—at least for the time one is engaged in spiritual research—in the same way that we otherwise move our hands and legs at will. One must now learn to distinguish precisely—and this is learned carefully when one is guided along the right path in spiritual research—one must now learn to carefully separate the life one must lead in the physical world from the life that leads into the spiritual world. For here in the physical world, one must be able to live like any other human being. The true spiritual researchers are not those who, out of a certain arrogance or a sensual indulgence of the soul, become detached from life; who can lose themselves in mysticism while despising life; who perhaps isolate themselves from the rest of humanity, don all sorts of peculiar clothing and the like, or say: “We belong to a completely different kind of human being.” — Rather, the true spiritual researchers are those in whom one does not notice this at all, because they are just as fully engaged in outer life as everyone else—indeed, even more practically so—because they permeate that life with the true laws of the outer world, which cannot be known in the outer world at all, but only from the supersensible world; for everything sensible is entirely dependent on the supersensible world. That is why I have often said that Spiritual Science—the one referred to here—will see its ideals most fully realized when it is able to influence the various practical branches of life. For example, I said that it would be a particularly significant fulfillment of this anthroposophical ideal if one could speak with a number of physicians about what Spiritual Science could mean for a renewal of medicine. This has now already come to pass: Out in Dornach, a course was held for physicians and medical students on what this anthroposophically oriented Spiritual Science can contribute to the science of medicine.
[ 24 ] Wahrhaftig, alles liegt näher dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, was fruchtbares Wirken auf die praktischen Lebenstätigkeiten ist, als das wesenlose Herumstreiten mit denjenigen, die ja aus einem blinden Fanatismus oder viel Schlimmerem heraus verleumderisch sich auftun, um als eine religiöse Sekte diese Geisteswissenschaft hinzustellen, weil sie eine allgemeine Abneigung haben gegen jeden menschlichen Fortschritt. Denjenigen, denen es mit dieser Geisteswissenschaft ernst ist, kommt es nicht auf das Herumstreiten mit Bekenntnissen an, sondern ihnen kommt es auf ernsthafte Arbeit auf allen praktischen Gebieten des Lebens an.
[ 24 ] Truly, everything that has a fruitful effect on practical life activities is closer to this anthroposophically oriented Spiritual Science than the pointless bickering with those who, out of blind fanaticism or something far worse, slanderously present themselves as a religious sect in order to portray this Spiritual Science as such, because they harbor a general aversion to all human progress. For those who take the Spiritual Science seriously, what matters is not quarreling over creeds, but rather serious work in all practical areas of life.
[ 25 ] Das ist es, was vor allen Dingen von Dornach aus geleistet werden will und wogegen einfach, ich möchte sagen, all das Geschwafel, das sich jetzt erhebt von allen Seiten her, grotesk ist. Man versuche nur einmal, sich bekanntzumachen mit dem, was wirklich gewollt wird und man wird sehen, daß das ganz anders aussieht als dasjenige, was jetzt durch einen großen Teil der Presse geht. Das ist es, um was es sich handelt, daß in der Tat durch die geschilderte Methode, durch die der Mensch in sein eigenes Wesen tiefer hineindringt, er auch tiefer in die Welt hineindringt. Man lernt erkennen auf der einen Seite die Wirklichkeit, die uns ins Dasein bringt; man lernt erkennen auf der anderen Seite die Wirklichkeit, die uns aus dem Dasein hinausträgt. Dadurch aber gewinnt man auch die Möglichkeiten, tiefer in das Leben selbst hineinzusehen. Heute gehen die Menschen aneinander vorbei, wissen gar nicht, wie der Einfluß des einen Menschen auf den anderen ist, nicht nur der, der durch die äußere sinnliche Leiblichkeit vermittelt wird, sondern wie tatsächlich Seele auf Seele, Geist auf Geist wirkt. Es fürchten sich die Menschen fast, an diese Wirkungen von Seele auf Seele, von Geist auf Geist zu denken. Aber ehe man nicht dahin gelangt, einzusehen, wie die Menschen als geistige Wesen aufeinander wirken, ehe wird man auch nicht eine richtige Vorstellung von dem gewinnen, was übersinnliche Welt ist.
[ 25 ] That is what, above all else, is to be accomplished from Dornach, and in light of which—I would say—all the rambling that is now rising from all sides is simply grotesque. Just try to familiarize yourself with what is truly intended, and you will see that it looks quite different from what is currently being reported by a large part of the press. This is what it is all about: that through the method described—by which a person penetrates more deeply into their own being—they also penetrate more deeply into the world. On the one hand, one learns to recognize the reality that brings us into existence; on the other hand, one learns to recognize the reality that carries us out of existence. Through this, however, one also gains the ability to look more deeply into life itself. Today, people pass each other by, completely unaware of how one person influences another—not only through the outer, sensory physicality, but also how soul actually acts upon soul, and spirit upon spirit. People are almost afraid to think about these effects of soul upon soul, of spirit upon spirit. But until one comes to understand how human beings, as spiritual beings, interact with one another, one will not gain a true mental image of what the supersensible world is.
[ 26 ] Der Geistesforscher muß durchaus sich angewöhnen, unbefangen in die übersinnliche Welt hineinzuschauen und dabei seinen Platz in der sinnlichen Welt auszufüllen. Diese Notwendigkeit, in einer ganz anderen, viel bewußteren Weise das Leben in der Welt hier zu regeln, wenn man Geistesforscher ist, das gehört wiederum zu den Dingen, die vielleicht nicht jedermanns Sache ist, neben vielem anderen. Aber es genügt ja, wenn dasjenige, was einzelne Geistesforscher als Ergebnisse mitteilen, einfach in den gesunden Menschenverstand aufgenommen wird. Die Geisteswissenschaft hat nicht Sorge, daß sie nicht begriffen wird von unbefangenen Denkern. Nein, sie weiß, daß, je unbefangener man ihr entgegentritt, je sachgemäßer, je weniger dilettantisch, je wissenschaftlicher man ihr entgegentritt, sie um so mehr verstanden werden wird. Sie fordert geradezu heraus, sie so exakt und ernst zu nehmen wie möglich. Dann wird man schon sehen, daß man nicht mehr in der Weise über sie sprechen kann, wie man über sie spricht, wenn es sich um bloß oberflächliche Bekanntschaft handelt. Der gesunde Menschenverstand kann durchaus Ja sagen zu dem, was als geisteswissenschaftliche Ergebnisse auftritt; aber es wird an den gesunden Menschenverstand dann eine gewisse Anforderung gestellt, eine Anforderung, die man heute noch nicht liebt, aber weil man sie nicht liebt, hat man sich in die Katastrophe hineingebracht, die die Menschheit in den letzten fünf bis sechs Jahren durchmachen mußte.
[ 26 ] The spiritual researcher must definitely get into the habit of looking into the supersensible world with an open mind while at the same time fulfilling his or her role in the sensible world. This necessity—of organizing one’s life in this world in a completely different, far more conscious way when one is a spiritual researcher—is, among many other things, one of those aspects that may not be for everyone. But it is enough, after all, if what individual spiritual researchers present as findings is simply accepted by common sense. Spiritual Science is not concerned that it will not be understood by open-minded thinkers. No, it knows that the more open-minded one approaches it—the more objective, the less amateurish, the more scientific one’s approach—the more it will be understood. It positively challenges us to take it as precisely and seriously as possible. Then one will see that one can no longer speak of it in the way one does when one’s acquaintance with it is merely superficial. Common sense can certainly say “yes” to what appears as findings in Spiritual Science; but a certain demand is then placed on common sense—a demand that people do not yet appreciate today. Yet it is precisely because they do not appreciate it that they have brought upon themselves the catastrophe that humanity has had to endure over the past five to six years.
[ 27 ] Sehen Sie, wenn man meine «Geheimwissenschaft» nehmen und lesen würde mit derjenigen Gesinnung, die man heute besonders liebt, dann ist sie strohern, dann haben Sie auch ein Recht, darüber zu schimpfen. Sie ist nicht in der Lage, Ihnen so viel zu sagen, wie Ihnen gesagt wird, wenn Sie sich in ein Kino setzen und da Bilder vor Ihnen abrollen. Sie brauchen nicht viel zu arbeiten. Sie können da passiv sein. Wenn Sie einem Vortrag zuhören, der mit Lichtbildern gemacht wird, können Sie auch schlafen. In den Zwischenteilen können Sie Ihre Aufmerksamkeit passiv den Lichtbildern hingeben. Anders schon ist es mit einem solchen Vortrag, wie ich ihn mir erlaube. Da muß man in einer gewissen Weise selbst mitgehen, wenn er eine Bedeutung haben soll für den Menschen. Aber erst in der Literatur — meine «Geheimwissenschaft» hat für niemand einen Inhalt, der nicht darauf eingeht, sie selbst zu erarbeiten. Sie ist gewissermaßen nur eine Partitur, und man muß sich den Inhalt aus einer aktiven inneren Tätigkeit selbst erarbeiten; dann hat man ihn erst. Dadurch aber erwirbt man sich als Betrachter dessen, was der Geistesforscher erkundet hat, dann erwirbt man sich aktives Denken, jenes Denken, das untertaucht in die Wirklichkeit, das mit der Wirklichkeit sich verbindet. Man erwirbt sich ein Denken, das nicht mehr sagt: Wenn wir die Goldwährung einführen, werden wir Freihandel begünstigen. Dieses Denken, ganz außerhalb der Wirklichkeit stehend, ist unreal gegenüber der Wirklichkeit. Man schult sich an einem Denken, das mit der Wirklichkeit innig verbunden ist und das auch in praktischen Fällen sich orientieren kann an der Wirklichkeit. Das andere Denken ist ungeschult. Das geschulte Denken, das gewissermaßen als ein Nebenprodukt der geisteswissenschaftlichen Bestrebungen abfällt, bewirkt, daß man gegenüber den Forderungen, die heute das Leben stellt, ein praktischer Mensch wird.
[ 27 ] You see, if one were to take my *Secret Science* and read it with the kind of mindset that is particularly popular today, then it would seem even more flimsy, and you would indeed have every right to criticize it. It isn’t capable of telling you as much as you’re told when you sit down in a movie theater and watch images unfold before you. You don’t have to put in much effort. You can remain passive. When you listen to a lecture accompanied by slides, you can even fall asleep. During the breaks, you can passively direct your attention to the slides. It is quite different with a lecture such as the one I am giving. In a certain sense, you have to engage with it yourself if it is to have any meaning for you. But this is especially true in literature—my *Secret Science* has no content for anyone who does not undertake to work it out for themselves. In a sense, it is merely a musical score, and one must work out the content oneself through active inner activity; only then does one truly possess it. Through this, however, as an observer of what the spiritual researcher has explored, one acquires active thinking—that thinking which delves into reality and connects with it. One acquires a way of thinking that no longer says: “If we introduce the gold standard, we will promote free trade.” This way of thinking, standing entirely outside of reality, is unreal in relation to reality. One trains oneself in a way of thinking that is intimately connected with reality and that can also orient itself toward reality in practical situations. The other way of thinking is untrained. This trained way of thinking—which, in a sense, emerges as a byproduct of Spiritual Science endeavors—enables one to become a practical person in the face of the demands that life places on us today.
[ 28 ] Deshalb darf auch diese Geisteswissenschaft geltend machen, die scheinbaren Praktiker, die illusionären Praktiker, die — ja, wie soll ich sagen, großmäulig darf ich wohl nicht sagen -, die großmäulig alles gewußt haben, was da wird im Geschäfts- und anderen Leben, und die das Leben so zerschlagen haben, wie es zerschlagen worden ist, die werden ersetzt werden müssen durch diejenigen Menschen, welche etwas zu sagen wissen über den wirklichen Gang des Lebens, weil sie gelernt haben, etwas zu sagen über das Leben, insofern es das Verhältnis des Menschen zum Universum betrifft.
[ 28 ] That is why this Spiritual Science, too, must assert itself against the apparent practitioners, the illusory practitioners—who, well, how shall I put it? I suppose I shouldn’t say “big-mouthed”—but who, with their big mouths, claimed to know everything about business and other aspects of life, and who have shattered life as it has been shattered—they will have to be replaced by those people who know how to speak about the true course of life, because they have learned to speak about life insofar as it concerns the relationship of the human being to the universe.
[ 29 ] Da darf ich immer wiederum auf die Tatsache hinweisen, die ja immerhin nachweisbar dasteht, es war im Früh-Frühling 1914, wo ich einer kleinen Gesellschaft in Wien, in jenem Orte, von dem der Weltenbrand ausgegangen ist, gesagt habe: Wir stehen in einer sozialen Entwickelung Europas drinnen, die uns zeigt, wie das öffentliche Leben leidet wie an einem sozialen Karzinom, wie an einer sozialen Krebskrankheit, die in der nächsten Zeit zum furchtbaren Ausbruch kommen muß. — Das im Früh-Frühling 1914. Etwas später haben fast gleichlautend Männer, die sich ja auch für Praktiker rechnen, zum Beispiel der deutsche Auswärtige Minister, der österreichische Auswärtige Minister, ihren Parlamenten beziehungsweise Delegationen gesagt: Die allgemeine politische Entspannung macht großartige Fortschritte. Wir sind in freundnachbarlichen Verhältnissen zu Rußland, und wir werden dank dieser freundnachbarlichen Verhältnisse demnächst in eine Epoche europäischen Friedens eingehen. — In Deutschland sagte man: Wir haben Verhandlungen mit England, die zwar noch nicht zum Abschlusse gekommen sind, die aber versprechen, in der nächsten Zeit zum Abschlusse zu kommen und ein langdauerndes Friedensverhältnis zwischen Deutschland und England hervorrufen werden. — Das alles etwa im Mai 1914! Das haben die Praktiker gesagt. Der andere, der gesagt hat: Wir leiden an einem sozialen Karzinom, der war der Träumer, der Phantast, der verrückte Anthroposoph. Die Praktiker aber, auf die die Menschen gehört haben, die haben gesagt, was ich Ihnen erwähnt habe. Ihre Praktik hat sich so erfüllt, daß in den nächsten Jahren zehn bis zwölf Millionen Menschen totgeschlagen worden sind und dreimal so viel zu Krüppeln!
[ 29 ] Here I must once again point out the fact—which, after all, is verifiable—that it was in early spring 1914 that I told a small gathering in Vienna, in that very place from which the world conflagration originated: We are in the midst of a social development in Europe that shows us how public life is suffering as if from a social carcinoma, as if from a social cancer that is bound to erupt catastrophically in the near future. — That was in early spring 1914. A little later, men who certainly considered themselves practical statesmen—such as the German Foreign Minister and the Austrian Foreign Minister—told their respective parliaments or delegations, in almost identical terms: “The general political détente is making tremendous progress. We are on friendly and neighborly terms with Russia, and thanks to these friendly and neighborly relations, we will soon enter an era of European peace.” — In Germany, it was said: “We are engaged in negotiations with England that, while not yet concluded, promise to be concluded in the near future and will bring about a lasting peace between Germany and England.” — All of this around May 1914! That is what the pragmatists said. The other one, who said, “We are suffering from a social carcinoma,” was the dreamer, the fantasist, the crazy anthroposophist. But the “practical people,” to whom people listened, said what I have mentioned to you. Their “practical approach” came to pass in such a way that, in the years that followed, ten to twelve million people were beaten to death and three times as many were maimed!
[ 30 ] Wie sich aber hier die Voraussagen erfüllt haben, wie sich auf dem Gebiete des Monometallismus erfüllt hat, wie sich im Kleinen die Maßnahmen auswirkten dieser scheinbaren Praktiker, die dem wirklichen Leben doch fremd gegenüberstehen, das hat sich alles in den letzten fünf bis sechs Jahren gezeigt. Gegenüber der Zivilisation der Menschheit macht Geisteswissenschaft heute geltend, indem sie sagt, wie man sich in den Inhalt der Geisteswissenschaft vertiefen muß, um ein solches Denken anzuwenden, das nicht nur logisch ist, sondern wirklichkeitsgemäß. Ich sagte ausdrücklich, ich halte sie nicht für dumm, die Monometallisten, aber ich halte sie für Leute, deren Denken nicht untertauchen kann in die Wirklichkeit, deren Denken wirklichkeitsfremd ist. Ich weiß, wie viele Menschen das heute nicht glauben, daß man gerade durch geistige Vertiefung hineinkommt in das wirkliche Leben!
[ 30 ] But how these predictions have come true here, how they have come true in the realm of monometallism, and how the measures taken by these so-called practical people—who are, after all, out of touch with real life—have played out on a small scale: all of this has become evident over the past five to six years. In relation to human civilization, Spiritual Science asserts today that one must delve deeply into its content in order to apply a mode of thinking that is not only logical but also grounded in reality. I said explicitly that I do not consider the monometallists to be stupid, but I do consider them to be people whose thinking cannot immerse itself in reality—whose thinking is alien to reality. I know how many people today do not believe that it is precisely through spiritual immersion that one enters into real life!
[ 31 ] So steht Geisteswissenschaft zum Geiste unserer Zeit; so steht sie zum Ungeiste unserer Zeit. Wie äußert sich dieser Ungeist? Nun, die Menschheit hat eigentlich den Intellektualismus erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten erhalten. Sie hat sich entwickelt aus einer Urweisheit heraus, die allerdings mehr instinktiv, mehr traumhaft war, die daher abglimmen mußte. Die Intellektualität mußte aufkommen. Wir sind an einem Punkte der intellektualistischen Entwickelung angekommen, von dem wir uns wieder entfernen müssen, um wiederum Geistiges zu erkennen, was der bloße Intellekt niemals kann. Alles, auch unsere Wissenschaft, Medizinisches, Jurisprudenz, alle einzelnen Wissenschaften sind bei Wirklichkeitsfremdheit heute angelangt, mit Ausnahme allein der unorganischen Wissenschaften und der Technik mit ihrem Gefolge. So hat sich die Intellektualität in den letzten Jahrhunderten entwickeln müssen. Es war früher eine instinktive geistige Erkenntnis da, sie ist abgedämmert eine Weile. Eine neue geistige Erkenntnis muß sie wieder ersetzen.
[ 31 ] This is how Spiritual Science relates to the spirit of our time; this is how it relates to the anti-spirit of our time. How does this anti-spirit manifest itself? Well, humanity has actually only embraced intellectualism in the last three to four centuries. It developed out of a primal wisdom that was, however, more instinctive, more dreamlike—and which therefore had to fade away. Intellectuality had to emerge. We have reached a point in intellectual development from which we must move away again in order to once more recognize the spiritual—something the mere intellect can never do. Everything—including our science, medicine, jurisprudence, and all the individual sciences—has today reached a state of detachment from reality, with the sole exception of the inorganic sciences and technology with its associated fields. This is how intellectualism has had to develop over the past few centuries. There used to be an instinctive spiritual insight; it has waned for a while. A new spiritual insight must replace it once again.
[ 32 ] Aber wir haben die Erbschaft dieser alten geistigen Erkenntnis in uns, und eines der bedeutendsten Teile dieser Erbschaft, das ist unsere Sprache selbst, das sind alle unsere Zivilisationssprachen. Dasjenige, was in unserer Sprache lebt, ist nicht hervorgegangen aus einer solchen Weltbetrachtung, wie sie in den letzten drei bis vier Jahrhunderten geübt wurde. Hätten die Menschen nicht schon die Sprachen gehabt, aus einer solchen Seelenbetätigung heraus, wie sie zum Intellektualismus geführt hat, hätten die Menschen nimmermehr die Sprachen entwickelt. Die Sprachen sind altes Erbgut. Sie sind hervorgegangen aus einer Zeit, in der man, wenn auch instinktiv, das Geistige erfaßt hat. Was sind sie geworden in der Zeit des Intellektualismus? Sie sind zu dem geworden, was unser öffentliches Leben allmählich in den Zustand der Phrasenhaftigkeit gebracht hat. Wir leben, weil wir den alten geistigen substantiellen Inhalt verloren haben, der in dem Worte war, wir leben mit der Sprache in der Phrase und wir sind darauf angewiesen, durch geistige Vertiefung wiederum substantiellen Gehalt für unsere Sprachen zu finden. Die Phrase aber ist die Schwester der Lüge. Und fragen Sie sich unbefangen, wie die Lüge ihren Siegeszug in den letzten fünf bis sechs Jahren durch die Welt getragen hat, wie wir in dem Zeitalter der Phrase leben! Unser geistiges Leben steht ganz im Zeichen der Phrase. Das ist der Ungeist im geistigen Leben der Gegenwart: die Phrasenhaftigkeit. Aus der Phrasenhaftigkeit, aus diesem Teil des Ungeistes kommen wir nur heraus, wenn wir uns wieder erfüllen können mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Will man geistigen Inhalt mit geistiger Substanz, dann werden durch unsere Worte wiederum geistige Inhalte klingen. Heute redet der Mensch Worte und Worte, weil er den geistigen Inhalt verloren hat. Das ist der eine Punkt, worauf hingewiesen wird von geisteswissenschaftlicher Seite aus in dem Dreigliederungsgedanken für den sozialen Organismus, daß das Geistesleben von der Phrase beherrscht ist, daß ein Weg gesucht werden muß - wir werden über diesen Weg noch zu sprechen haben in den nächsten Tagen -, um von dem Geistesleben aus wiederum in unsere Worte hinein substantiellen Inhalt hineinzubringen. Das ist die erste Aufgabe, die wir gegenüber dem Ungeist unserer Zeit haben.
[ 32 ] But we carry within us the legacy of this ancient spiritual insight, and one of the most significant parts of this legacy is our language itself—all the languages of our civilization. What lives in our language did not arise from the kind of worldview that has been practiced over the last three to four centuries. If people had not already possessed languages—arising from a spiritual activity such as that which led to intellectualism—they would never have developed them. Languages are an ancient legacy. They emerged from a time when people, albeit instinctively, grasped the spiritual. What have they become in the age of intellectualism? They have become what our public life has gradually reduced to a state of empty rhetoric. We live because we have lost the ancient spiritual, substantial content that was in the word; we live with language reduced to clichés, and we are dependent on finding substantial content for our languages once again through spiritual deepening. But the cliché is the sister of the lie. And ask yourselves impartially how the lie has triumphed throughout the world in the last five to six years—how we are living in the age of the cliché! Our spiritual life is entirely dominated by the cliché. This is the anti-spirit in contemporary spiritual life: the prevalence of clichés. We can only escape this tendency toward empty phrases—this aspect of the evil spirit—if we can once again fill ourselves with anthroposophical Spiritual Science. If we seek spiritual content with spiritual substance, then spiritual content will once again resonate through our words. Today, people speak word after word because they have lost their spiritual content. This is the point emphasized from the perspective of Spiritual Science in the idea of the threefold social organism: that spiritual life is dominated by empty phrases, and that a path must be sought—we will speak further about this path in the coming days—to once again infuse our words with substantial content from within spiritual life. This is the first task we face in the face of the anti-spirit of our time.
[ 33 ] Das zweite ist: Es hat sich deutlich ergeben, daß diese neuere Zeit ganz unter dem Einfluß steht des Triebes, demokratisches, wahrhaftig demokratisches Leben entwickeln zu wollen. Das hat die Menschen ergriffen, wie sonst den einzelnen Menschen die Geschlechtsreife erfaßt oder andere Perioden des Lebens. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts macht sich immer mehr und mehr geltend in der ganzen zivilisierten Welt der Ruf nach Demokratie, nach wahrer Demokratie. Und was ist wahre Demokratie? Ehrlich erfaßt ist Demokratie ein solches Zusammenleben der Menschen im sozialen Organismus, daß jeder Mündiggewordene als Gleichberechtigter jedem anderen Mündiggewordenen gegenübersteht. Das kann nicht entwickelt werden mit Bezug auf das Geistesleben; denn da kommt es auf die Fähigkeiten an. Das Geistesleben muß auf seinem eigenen Boden abgesondert werden. Die Demokratie kann nur umfassen das politische Leben. Aber was ist das politische Leben geworden? Weil der Trieb zwar da ist, Demokratie zu bilden, aber dieser Trieb überall unterbrochen wird unter dem Einfluß des modernen materialistischen Ungeistes — was ist dieses Leben geworden? Es ist geworden statt eines rechtlichen Zusammenlebens, statt des wirklichen, vom Inneren des Menschen heraus geborenen Rechtslebens, ein Leben der Konvention. Wie wir im Geistesleben in der Phrase leben, so im Rechtsleben in den Konventionen, in dem, was paragraphenmäßig festgesetzt ist, dem der Mensch nicht mit seiner Seele angehört, sondern gehorcht, indem es von einer absoluten Macht oder zum Beispiel einer Demokratie konventionell festgesetzt wird. Das zweite, das Geisteswissenschaft mit Bezug auf die Dreigliederung des sozialen Organismus will, ist: Wirkliche Demokratie auf dem Gebiet, wo Demokratie sein kann, begründen. So daß die Konvention ersetzt wird durch dasjenige, was sich vom Innersten der Menschennatur heraus unter gleichberechtigten mündiggewordenen Menschen ergeben muß.
[ 33 ] The second point is this: It has become clear that this modern era is entirely under the influence of the impulse to develop a democratic—truly democratic—way of life. This has taken hold of people just as puberty or other stages of life take hold of the individual. Since the middle of the 15th century, the call for democracy—for true democracy—has been gaining more and more ground throughout the civilized world. And what is true democracy? Understood honestly, democracy is a form of human coexistence within the social organism in which every person who has come of age stands as an equal before every other person who has come of age. This cannot be developed in relation to spiritual life; for there, it depends on one’s abilities. Spiritual life must be set apart on its own ground. Democracy can only encompass political life. But what has political life become? Because although the impulse to create democracy is present, this impulse is everywhere thwarted by the influence of the modern materialistic anti-spirit—what has this life become? Instead of a life governed by law, instead of a genuine legal life born from within the human being, it has become a life of convention. Just as we live in clichés in spiritual life, so in legal life we live in conventions—in what is laid down by statute, to which a person does not belong with his soul but obeys because it is conventionally established by an absolute power or, for example, a democracy. The second thing that Spiritual Science seeks with regard to the threefold social order is to establish true democracy in the realm where democracy is possible—so that convention is replaced by that which must arise from the very core of human nature among equal, mature human beings.
[ 34 ] Und auf einem dritten Gebiet, dem Gebiet des Wirtschaftslebens, haben wir an die Stelle der wirtschaftlichen Einheit, des Errechnens der Verhältnisse, ein wirkliches wirtschaftliches Urteilen zu setzen, das sich auf die Weise ergeben wird, wie ich es auch in den nächsten Tagen andeuten will, was Sie aber auch namentlich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» finden werden. Dieses wirtschaftliche Urteilen ist aufgetreten an dem Ungeiste der neueren Zeit. Der Mensch ist ein Routinier statt ein wirklicher wirtschaftlicher Praktiker geworden, ein Routinier, der einfach drinnensteht in dem Gewebe, in das ihn gerade Geburt oder sonstige Verhältnisse des Lebens hineingestellt haben. Der Mensch ist nicht wirklicher Praktiker auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, sondern Routinier unter einem triebhaft gestalteten Ungeist. Wir leben unter dem Ungeist der Phrase, der Konvention, der Routiniertheit. Wir kommen nicht heraus, wenn wir nicht erfüllen sowohl das Rechtsleben, wie das Geistesleben, wie das Wirtschaftsleben mit demjenigen, was wir uns an Wirklichkeitssinn, an Geistsinn aneignen können aus dem Treiben der Geisteswissenschaft heraus.
[ 34 ] And in a third area—that of economic life—we must replace economic unity and the calculation of relationships with genuine economic judgment, which will emerge in the manner I intend to outline in the coming days, but which you will also find specifically in my “Key Points of the Social Question.” This economic judgment has arisen in response to the negative spirit of recent times. Human beings have become routine-followers rather than true economic practitioners—routine-followers who are simply caught up in the fabric into which birth or other circumstances of life have placed them. Human beings are not true practitioners in the realm of economic life, but routine-followers under a spirit shaped by instinct. We live under the spirit of empty phrases, convention, and routine. We cannot break free unless we imbue legal life, spiritual life, and economic life alike with the sense of reality and spiritual insight that we can acquire through the pursuit of Spiritual Science.
[ 35 ] Nun, die Menschen sehen heute noch über solche Dinge hinweg. Mit Bezug auf das, daß man hinweisen kann auf Wichtigstes, was wirklich unmittelbar im praktischen Leben drinnensteht, bleiben die Menschen eben oftmals bei dem Urteil, das sei eben eine Träumerei, eine Phantastik und so weiter. Ja, die Menschen sind eben so. Hier in der Schweiz hat ein Mensch gelebt in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, Johannes Scherr. Er war in vieler Beziehung ein Polterer, er hat seine bissige Kritik über alles mögliche ergossen, eben wie ein polternder Mensch. Aber in seinem Poltern liegt oftmals ein sehr gesundes Urteil. Dieser Johannes Scherr hat aus einer gewissen Einsicht in das, was er in seiner Zeit gesehen hat, gesagt: Wenn das so fortgeht, wenn die Menschen in der Erkenntnis bloß dem Materialismus nachjagen werden, wenn sie im äußeren politischen, sozialen Leben bloß einer Finanzwirtschaft nachJagen werden, wie sie jetzt entfacht wird, wo jeder nur seine finanziellen oder industriellen Interessen in Betracht zieht, seinem Egoismus nachgeht, wenn dieses Treiben fortgeht, dann wird die Zeit kommen, wo der Mensch wird sagen müssen: Unsinn, du hast gesiegt!
[ 35 ] Well, people still overlook such things today. Even when one points out the most important aspects that are truly central to practical life, people often stick to the view that it’s just daydreaming, fantasy, and so on. Yes, that’s just how people are. Here in Switzerland, there lived a man in the 1870s named Johannes Scherr. In many respects, he was a rambler; he poured out his scathing criticism on all sorts of things, just like a rambling person. But his rambling often contained very sound judgment. Based on a certain insight into what he observed in his time, this Johannes Scherr said: “If this continues, if people, in their understanding, merely pursue materialism, if in external political and social life they merely pursue a financial economy such as is now taking hold—where everyone considers only their own financial or industrial interests and pursues their own selfishness—if this frenzy continues, then the time will come when people will have to say: ‘Nonsense, you have triumphed!’
”[ 36 ] Ich möchte wissen, wer mit unbefangenem Sinn sich nicht hinstellen mußte in den letzten Jahren und noch jetzt, wenn er sieht, was da und dort in der Welt geschieht, wenn er sieht, wie entgegengehandelt wird alledem, was der Menschheit nur förderlich sein könnte, durch die ganze zivilisierte Welt hindurch, wenn man sich insbesondere während des Ad-absurdum-Führens der gegenwärtigen Zivilisation in diesem Kriege hineingestellt hat in diese Verhältnisse, wie er nicht sich hat sagen müssen: Nun, die Zeit ist gekommen, wo man nicht sagen müßte: Unsinn, du hast gesiegt, wie Johannes Scherr; sondern: Unsinn, du hast entschieden!
[ 36 ] I would like to know who, with an unbiased mind, has not had to take a stand in recent years—and even now—when they see what is happening here and there in the world, when they see how everything that could be beneficial to humanity is being opposed throughout the entire civilized world, especially when, during the -absurdum- of the current civilization in this war, how could they not have said to themselves: Well, the time has come when one should not have to say, “Nonsense, you have triumphed,” as Johannes Scherr did; but rather, “Nonsense, you have decided!”
[ 37 ] Das weitere will ich in den nächsten Tagen entwickeln. Heute wollte ich einleitungsweise sagen, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, nicht sich beteiligen möchte an der Herbeiführung eines Zustandes, in welchem man immer mehr und mehr wird sagen müssen: Unsinn, du hast entschieden —, sondern an der Herbeiführung eines Zustandes, in dem aus innerster Menschentüchtigkeit, aus innerlichster wirklicher Menschenerkenntnis heraus man wird sagen müssen: Sinn können wir wiederum in das Leben bringen, aufbauenden Sinn. Daran möchte Geisteswissenschaft arbeiten.
[ 37 ] I intend to elaborate on this further in the coming days. Today, by way of introduction, I wanted to say that anthroposophically oriented Spiritual Science, as understood here, does not wish to contribute to bringing about a situation in which one will increasingly have to say: “Nonsense, you’ve decided—” but rather in bringing about a state in which, out of the deepest human competence and the innermost, genuine knowledge of humanity, one will have to say: “We can bring meaning back into life—constructive meaning.” This is what Spiritual Science would like to work toward.
[ 38 ] Und ihre Kraft schöpft sie aus dem Glauben, der doch wohl mehr als ein bloßer Glaube ist, aus der Überzeugung, daß die Zeit wird kommen müssen, in der der Ungeist der Phrase, der Ungeist der Konvention, der Ungeist der Routiniertheit wird besiegt werden müssen durch den Geist, der aus einer tieferen Erkenntnis heraus wiederum von dem Sinn des Lebens spricht. Denn Geisteswissenschaft muß der Überzeugung sein: Nicht der Ungeist wird die Menschen zu einer heilsamen Entwickelung ihres Lebens führen, sondern allein der Geist. Daher möchte Geisteswissenschaft, so stark sie es nur kann, gegenüber den Bedürfnissen gerade der heutigen Gegenwart und der nächsten Zukunft den Ruf nach dem Geiste und nach seiner wahren Erkenntnis erheben.
[ 38 ] And it draws its strength from faith—which is, after all, more than mere faith—from the conviction that the time must come when the spiritless nature of empty phrases, the spiritless nature of convention, and the spiritless nature of routine will have to be defeated by the spirit that, drawing on a deeper understanding, speaks once again of the meaning of life. For Spiritual Science must be convinced that it is not the unspirit that will lead people toward a wholesome development of their lives, but the Spirit alone. Therefore, Spiritual Science wishes, as strongly as it possibly can, to raise its voice in call for the Spirit and for true knowledge of it, in response to the needs of the present moment and the near future.
