Anthroposophy, Social Threefolding
and Public Speaking
Orientation Course
GA 339
11 October 1921, Dornach
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Anthroposophy, Social Threefolding and Public Speaking, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Ich habe die Meinung, daß es sich bei diesem Kursus handelt um eine Besprechung dessen, was notwendig ist, um dann wirklich für die Bewegung für Anthroposophie und Dreigliederung, insofern sie heute in Betracht kommt, einzutreten. Der Kursus wird also nicht so eingerichtet sein, daß er etwa ein Rednerkursus oder dergleichen im allgemeinen sein sollte, sondern als eine Art Orientierungskursus für die Persönlichkeiten, die es sich zur Aufgabe machen, eben in der angedeuteten Richtung zu wirken.
[ 1 ] It is my opinion that this course is a discussion of what is necessary in order to truly advocate for the movement for anthroposophy and threefolding, as it is understood today. The course will therefore not be structured as a general public speaking course or anything of the sort, but rather as a kind of orientation course for individuals who have made it their mission to work in the direction indicated.
[ 2 ] Persönlichkeiten, welche einfach wie eine Art von Mitteilung entgegennehmen, was von Anthroposophie kommen kann, werden nicht viel haben können von diesem Kursus. Wir brauchen ja in der Gegenwart durchaus Wirksamkeit innerhalb unserer Bewegung. Diese Wirksamkeit, sie scheint schwer zu entfachen zu sein. Es scheint sich die Einsicht schwer zu verbreiten, daß diese Wirksamkeit in unserer Gegenwart wirklich notwendig ist.
[ 2 ] People who simply accept what comes from anthroposophy as a kind of message will not be able to gain much from this course. After all, we certainly need effectiveness within our movement at the present time. This effectiveness seems difficult to ignite. It seems difficult to spread the understanding that this effectiveness is truly necessary in our present situation.
[ 3 ] Es wird sich daher hier nicht um einen formalen Redekursus handeln, sondern gerade um dasjenige, was für jemanden notwendig ist, der eine ganz bestimmte, eben die angedeutete Aufgabe erfüllen möchte. Von einem Herumreden im allgemeinen sollte überhaupt auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung nicht Gebrauch gemacht werden. Das ist ja gerade das Kennzeichen unserer gegen wärtigen Kultur und Zivilisation, daß im allgemeinen über die Dinge herumgeredet wird, daß konkrete Aufgaben wenig erfaßt werden, daß man auch vorzugsweise Interesse für ein Herumreden im allgemeinen hat.
[ 3 ] This will therefore not be a formal course on public speaking, but rather a focus on precisely what is necessary for someone who wishes to fulfill a very specific task—namely, the one just mentioned. In general, there should be no place for idle chatter within the anthroposophical movement. After all, it is precisely the hallmark of our present-day culture and civilization that people generally talk idly about things, that concrete tasks are rarely grasped, and that people tend to take a greater interest in idle chatter in general.
[ 4 ] Ich werde daher in diesem Kursus auch nicht die Dinge zu behandeln haben, die ich inhaltlich auseinandersetzen werde, wie sie einer Information dienen können, sondern ich werde versuchen, sie so zu behandeln - und das muß ja in einem solchen orientierenden Kursus der Fall sein, weil er eben Unterlage für eine bestimmte Aufgabe sein soll —, wie sie dann eingehen können in die mündliche Rede. Und ich werde diese mündliche Rede so behandeln, daß Rücksicht darauf genommen wird, daß derjenige, welcher sich eine solche mündliche Rede zur Aufgabe stellt, nicht etwa innerhalb eines Rahmens wirkt, wo schon Interesse vorhanden ist, sondern wirkt in ein, zwei oder drei Vorträgen, durch die er erst das Interesse wecken soll.
[ 4 ] Therefore, in this course, I will not be addressing the topics I will be analyzing in terms of how they can serve as information; rather, I will attempt to treat them—and this must certainly be the case in an introductory course such as this, since it is intended to serve as a foundation for a specific task—in a way that allows them to be incorporated into oral discourse. And I will approach this oral presentation in a way that takes into account the fact that the person undertaking such a task is not speaking within a context where interest already exists, but rather is delivering one, two, or three lectures through which they must first arouse that interest.
[ 5 ] Also in diesem ganz konkreten Sinne möchte ich diesen Kursus gestalten. Und schon die allgemeinen Gesichtspunkte, die ich heute besprechen werde, sollen durchaus in diesem ganz konkreten Sinne gemeint sein, so daß man Unzutreffendes sagen würde, wenn man das, was ich heute oder in den nächsten Tagen sagen werde — wie es heute beliebt ist -, als abstrakte Sätze hinstellen würde. Von den Formalien werde ich heute zu sprechen haben.
[ 5 ] So it is in this very specific sense that I would like to structure this course. And even the general points I will discuss today are intended to be understood in this very concrete sense, so that it would be inaccurate to present what I say today or in the coming days—as is common practice today—as abstract statements. Today I will be discussing the formal aspects.
[ 6 ] Jedesmal, wenn man sich die Aufgabe stellt, in der mündlichen Rede etwas an seine Mitmenschen heranzubringen, wird sich ja selbstverständlich eine Wechselwirkung abspielen zwischen dem Menschen, der etwas mitzuteilen, für etwas zu wirken, zu etwas zu befeuern hat, und zwischen den Menschen, die ihm zuhören. Ein Wechselspiel der Seelenkräfte findet statt. Und auf dieses Wechselspiel der Seelenkräfte wollen wir zunächst unsere Aufmerksamkeit lenken.
[ 6 ] Whenever one sets out to convey something to others through spoken language, there will naturally be an interaction between the person who has something to communicate, to inspire, or to stir up, and the people who are listening to him. An interplay of soul forces takes place. And it is to this interplay of soul forces that we wish to direct our attention first.
[ 7 ] Diese Seelenkräfte leben ja in Denken, Fühlen und Wollen, und niemals ist beim Menschen nur eine einzige Seelenkraft für sich in abstrakter Form tätig, sondern in jede einzelne Seelenkraft spielen die anderen Seelenkräfte hinein, so daß, wenn wir denken, in unserem Denken immer auch das Fühlen und das Wollen wirkt, ebenso in unserem Fühlen das Denken und das Wollen und im Wollen wiederum das Denken und das Fühlen. Dennoch aber kann man das seelische Leben auch in seiner Wechselwirkung zwischen den Menschen -— nicht anders betrachten, als indem man dieses Tendieren auf der einen Seite nach dem Denken und auf der anderen Seite nach dem Wollen ins Auge faßt. Und da müssen wir im Sinne unserer Aufgabe von heute nun sagen: Was wir denken, das interessiert keinen Menschen; und wer glaubt, daß seine Gedanken, insofern sie Gedanken sind, irgendeinen Menschen interessieren, der wird sich eine rednerische Aufgabe nicht stellen können. — Wir werden über diese Dinge dann noch genauer zu sprechen haben. — Und das Wollen, zu dem wir etwa eine Versammlung oder vielleicht auch nur einen einzelnen anderen Menschen befeuern wollen, das Wollen also, das wir etwa in unsere Rede hineinlegen wollen, das ärgert die Menschen, das weisen sie instinktiv zurück.
[ 7 ] These soul forces are indeed active in thinking, feeling, and willing, and never is a single soul force active in a human being on its own in abstract form; rather, the other soul forces play a role in each individual soul force, so that when we think, feeling and willing are always at work in our thinking as well, just as thinking and willing are at work in our feeling, and thinking and feeling are at work in our willing. Nevertheless, one can only view the soul life—including its interaction among human beings—by taking into account this tendency, on the one hand, toward thinking and, on the other, toward willing. And here, in keeping with our task for today, we must say: What we think is of no interest to anyone; and anyone who believes that his thoughts—insofar as they are thoughts—are of interest to anyone will not be able to set himself the task of public speaking. — We will have to speak about these things in greater detail later. — And the will—which we might wish to stir in an assembly or perhaps even in just one other person—that is, the will we might wish to imbue our speech with—annoys people; they instinctively reject it.
[ 8 ] Man hat es zunächst mit dem Wirken verschiedener Instinkte zu tun, wenn man rednerisch an die Menschen herantritt. Das Denken, das man selber in sich entfaltet, interessiert die Menschen nicht, das Wollen ärgert sie. Wenn also jemand etwa aufgefordert würde, dieses oder jenes zu wollen, so würden wir zunächst sein Ärgernis hervorrufen, und wenn wir unsere schönsten und genialsten Gedanken wie Monologe vor den Menschen entrollen würden, so würden sie gehen. Das muß Grundsatz für den Redner sein.
[ 8 ] When addressing people rhetorically, one is initially dealing with the workings of various instincts. People are not interested in the thoughts one develops within oneself; they are annoyed by one’s desires. So if, for example, someone were urged to desire this or that, we would first provoke their annoyance, and if we were to unfold our most beautiful and brilliant thoughts before people as if in a monologue, they would walk away. This must be a fundamental principle for the orator.
[ 9 ] Ich sage nicht, daß das so ist, wenn wir etwa eine allgemeine Unterhaltung unter Menschen oder einen Kaffeeklatsch oder dergleichen charakterisieren. Denn ich rede nicht darüber, wie diese Dinge zu charakterisieren sind, sondern ich rede von dem, was uns beseelen soll, was in uns leben soll als richtiger Antrieb für das Reden, wenn das Reden gerade in der Richtung, wie ich es hier meine, einen Zweck haben soll. Was man sich als Maxime vorsetzt: Unsere Gedanken interessieren kein Publikum, unser Wollen ärgert jedes Publikum — das braucht nicht eine Charakteristik zu sein.
[ 9 ] I’m not saying that this is the case when we’re describing, say, a general conversation among people, a coffee party, or something similar. For I am not talking about how these things should be characterized, but rather about what should inspire us, what should live within us as the true motivation for speaking, if speech—in the sense I mean here—is to have a purpose. The maxim one sets for oneself—“Our thoughts interest no audience; our desires annoy every audience”—need not be a characterization.
[ 10 ] Nun müssen wir ja berücksichtigen: Wenn jemand redet, so redet er meistens nicht aus der Wesenheit des Redens allein heraus, sondern er redet aus allerlei Situationen heraus. Er redet vielleicht aus irgendeiner Angelegenheit heraus, die schon wochenlang an dem Orte, wo er redet, besprochen oder beschrieben wird. Er begegnet natürlich einem ganz anderen Interesse, als wenn er einen ersten Satz zu sagen hat, der etwas berührt, was seine Zuhörer bisher nicht im geringsten beschäftigt hat. Wenn jemand hier im Goetheanum redet, ist es natürlich etwas ganz anderes, als wenn er in einem Wirtshaus in Buchs redet. Ich meine jetzt sogar, davon absehen zu können, daß man vielleicht im Goetheanum vor Leuten redet, die sich schon längere Zeit mit dem Stoff befaßt haben, die etwas darüber gelesen oder gehört haben, während das vielleicht in Buchs nicht der Fall ist. Ich meine die ganze Umgebung: Die Tatsache, daß man in einen Bau kommt wie das Goetheanum, macht es möglich, in ganz anderer Weise sich an das Publikum zu wenden, als wenn man in einem Wirtshaus in Buchs spricht. Und so sind unzählige Umstände, aus denen heraus man redet, die immer berücksichtigt werden müssen.
[ 10 ] Now we must take into account that when someone speaks, they usually do not speak solely from the essence of speech itself, but rather from all sorts of situations. They may be speaking in connection with some matter that has already been discussed or described for weeks in the very place where they are speaking. Naturally, they encounter a very different kind of interest than when they have to utter a first sentence that touches on something that has not in the least occupied their listeners’ minds until now. When someone speaks here at the Goetheanum, it is, of course, quite different from when they speak in a tavern in Buchs. I even think I can set aside the fact that here at the Goetheanum one might be speaking to people who have been engaged with the subject matter for quite some time—who have read or heard something about it—whereas that might not be the case in Buchs. I am referring to the entire setting: the very fact that one enters a building like the Goetheanum makes it possible to address the audience in a completely different way than when speaking in a tavern in Buchs. And so there are countless circumstances from which one speaks, and these must always be taken into account.
[ 11 ] Das aber begründet insbesondere in unserer Zeit die Notwendigkeit, an dem, was nicht sein soll, ein wenig sich zu orientieren über das, was sein soll. Nehmen wir den extremsten Fall: Ein richtiger Durchschnittsprofessor habe eine Rede zu halten. Er hat es zunächst mit seinen Gedanken über den Gegenstand zu tun; und wenn er ein richtiger Durchschnittsprofessor ist, hat er es zu tun auch mit der Überzeugung, daß diese Gedanken, die er denkt, überhaupt die allerbesten der Welt sind über den betreffenden Gegenstand. Alles übrige interessiert ihn zunächst nicht. Er schreibt sich diese Gedanken auf. Und selbstverständlich, wenn er diese Gedanken zu Papier bringt, sind sie gut zu Papier gebracht. Dann steckt er sich dieses Manuskript in seine linke Seitentasche, geht hin, gleichgültig ob ins Goetheanum oder ins Wirtshaus zu Buchs, findet irgendein Rednerpult, das in entsprechender Weise in richtiger Entfernung von den Augen aufgestellt ist, legt das Manuskript darauf und liest ab. Ich sage nicht, daß es jeder so macht, aber es ist ein häufig vorkommender und für unsere Gegenwart doch charakteristischer Fall, und er weist uns auf das Grauen, das man heute haben kann vor dem Reden. Es ist der Fall, vor dem man am allermeisten Abscheu haben sollte.
[ 11 ] But this is precisely why, especially in our time, it is necessary to orient ourselves a little toward what should not be, rather than toward what should be. Let’s take the most extreme case: A truly average professor is supposed to give a speech. He is initially preoccupied with his thoughts on the subject; and if he is a truly average professor, he is also convinced that these thoughts he is having are, in fact, the very best in the world on the subject in question. Nothing else interests him at first. He writes these thoughts down. And of course, when he puts these thoughts on paper, they are well put on paper. Then he tucks this manuscript into his left side pocket, goes—whether to the Goetheanum or to the tavern in Buchs—finds some lectern set up at the proper distance from his eyes, places the manuscript on it, and reads from it. I’m not saying that everyone does it this way, but it is a common occurrence and one that is nonetheless characteristic of our present time, and it points to the dread that people can feel today when it comes to speaking. It is the very situation one should abhor the most.
[ 12 ] Und da ich gesagt habe, daß unsere Gedanken eigentlich niemanden interessieren, unser Wollen eigentlich jeden ärgert, dann scheint es auf das Fühlen anzukommen; es scheint also eine besonders bedeutsame Ausbildung des Fühlens zugrunde liegen zu müssen für das Reden. Also werden schon solche Gefühle, wenn auch vielleicht von einer entfernten, so doch in einem gewissen Sinne fundamentalen Bedeutung sein: daß wir uns den richtigen Abscheu angeeignet haben vor diesem extremen Fall. Ich habe einmal in einer größeren Versammlung einen Vortrag des berühmten Helmholtz gehört, der allerdings in dieser Weise gehalten worden ist: das Manuskript aus der linken Seitentasche herausgezogen — abgelesen! Nachher kam ein Journalist zu mir und sagte: Warum ist eigentlich dieser Vortrag nicht gedruckt worden und ein Exemplar jedem, der da war, in die Hand gedrückt worden? — und Helmholtz wäre dann herumgegangen und hätte jedem die Hand gereicht! — Diese Handreichung wäre vielleicht den Zuhörern wertvoller gewesen als das schreckliche Sitzen auf den harten Stühlen, zu dem sie verurteilt waren, um in einer längeren Zeit, als sie es selber hätten lesen können, sich irgend etwas vorlesen zu lassen. Die meisten hätten ja wohl, wenn sie es hätten verstehen wollen, überdies sehr lange dazu gebraucht; aber denen hat auch das kurze Anhören nichts geholfen.
[ 12 ] And since I have said that our thoughts are actually of no interest to anyone, and our desires actually annoy everyone, it seems that what matters is feeling; it therefore seems that a particularly significant development of feeling must underlie speech. So even such feelings—though perhaps of a distant, yet in a certain sense fundamental significance—will be important: that we have acquired the proper revulsion toward this extreme case. I once heard a lecture by the famous Helmholtz at a large gathering, which was, however, delivered in this manner: he pulled the manuscript out of his left side pocket—and read it! Afterward, a journalist came up to me and said: “Why wasn’t this lecture actually printed and a copy handed out to everyone who was there?”—and Helmholtz would then have gone around and shaken everyone’s hand! — That gesture might have been more valuable to the audience than the dreadful ordeal of sitting on hard chairs, to which they were condemned, just to have something read aloud to them over a longer period than it would have taken them to read it themselves. Most of them, if they had wanted to understand it, would have needed a very long time to do so anyway; but even briefly listening to it did them no good.
[ 13 ] Man muß schon über alle diese konkreten Dinge durchaus nachdenken, wenn man verstehen will, wie in Wahrheit und Ehrlichkeit die Kunst des Redens angestrebt werden kann.
[ 13 ] One really must give serious thought to all these specific matters if one wants to understand how the art of speaking can be pursued with truth and honesty.
[ 14 ] Auf dem Philosophenkongreß in Bologna wurde die bedeutsamste Rede so gehalten, daß sie in drei Sprachen in je drei Exemplaren auf jedem Stuhl lag. Man mußte sie erst in die Hand nehmen, um sich darauf setzen zu können, auf den leeren Stuhl. Und dann wurde aus diesem Gedruckten die Rede, die etwas länger als eine Stunde dauerte, vorgelesen. Durch einen solchen Vorgang ist selbst die schönste Rede eben keine Rede mehr, denn das Verstehen im Lesen ist etwas wesentlich anderes als das Verstehen im Hören. Und diese Dinge müssen durchaus berücksichtigt werden, wenn man sich in lebensvoller Weise in solche Aufgaben hineinfinden will.
[ 14 ] At the Philosophers’ Congress in Bologna, the most significant speech was presented in such a way that three copies in each of three languages were placed on every chair. One had to pick it up first in order to sit down on the empty chair. And then the speech—which lasted a little over an hour—was read aloud from these printed copies. Through such a process, even the most beautiful speech ceases to be a speech, for understanding through reading is something fundamentally different from understanding through listening. And these things must certainly be taken into account if one wishes to engage with such tasks in a lively and meaningful way.
[ 15 ] Gewiß, auch ein Roman kann uns so rühren, daß wir Tränen vergießen an bestimmten Stellen. Ich meine selbstverständlich ein guter Roman, aber er kann das nur an bestimmten Stellen, kann es nicht vom Anfang bis zum Ende. Aber was liegt denn da eigentlich vor beim Lesen, daß wir hingenommen werden vom Gelesenen? Wenn wir von dem Gelesenen hingenommen werden, haben wir eine gewisse Arbeit zu verrichten, die sehr stark mit dem Inneren unserer Menschenwesenheit zusammenhängt. Denn derjenige, der nicht lesen kann, kann diese Arbeit gar nicht verrichten. Es wird eine innere Arbeit verrichtet, wenn wir lesen. Diese Arbeit, die wir da verrichten, die besteht ja darin, daß wir, indem wir den Blick auf einzelne Buchstaben lenken, wirklich das, was wir gelernt haben im Zusammenfassen der Buchstaben, ausführen, um aus diesem Ansehen und Zusammenfassen und Überdenken einen Sinn herauszubekommen. Das ist ein Vorgang, welcher in unserem Ätherleib vor sich geht, im Aufnehmen, und noch stark den physischen Leib in Anspruch nimmt, in der Wahrnehmung.
[ 15 ] Certainly, even a novel can move us so deeply that we shed tears at certain points. I am, of course, referring to a good novel, but it can only do this at certain points—not from beginning to end. But what actually happens when we read that causes us to be moved by what we read? When we are moved by what we read, we have a certain task to perform that is very closely connected to the innermost core of our human being. For those who cannot read are unable to perform this task at all. An inner process takes place when we read. This process consists in the fact that, as we direct our gaze to individual letters, we are truly applying what we have learned about combining letters in order to derive meaning from this act of looking, combining, and reflecting. This is a process that takes place in our etheric body during the act of taking in information, and it still heavily engages the physical body in the process of perception.
[ 16 ] Das alles fällt aber beim bloßen Zuhören einfach weg. Beim bloßen Zuhören findet diese ganze Tätigkeit nicht statt. Aber diese ganze Tätigkeit ist in einer bestimmten Weise doch verbunden mit dem Aufnehmen einer Sache. Der Mensch bedarf ihrer, wenn er eine Sache aufnehmen will. Er braucht ein Mittun seines Ätherleibes und teilweise sogar seines physischen Leibes nicht bloß im Sinnesorgan, also im Ohr, sondern er braucht im Zuhören ein so reges Seelenleben, daß sich dieses Seelenleben nicht im Astralleib erschöpft, sondern den Ätherleib in Schwingungen bringt, und dieser Ätherleib dann noch den physischen Leib mit in Schwingungen bringt. Dasjenige nämlich, was sich beim Lesen an Aktivität vollziehen muß, das muß sich auch beim Anhören einer Rede entwickeln, aber, ich möchte sagen, in einer ganz anderen Form, weil es ja so nicht da sein kann, wie es beim Lesen ist. Und was da beim Lesen aufgewendet wird, das ist umgewandeltes Gefühl, in den Ätherleib und in den physischen Leib hinuntergedrängtes Fühlen, das Kraft wird. Als Gefühl, als Gefühlsinhalt müssen wir es selbst bei der abstraktesten Rede in der Lage sein, aufzubringen.
[ 16 ] But all of this simply falls away when one is merely listening. When one is merely listening, none of this activity takes place. Yet this entire activity is, in a certain way, connected to the process of taking in a thing. A person needs it if they want to take in a thing. They need the active participation of their etheric body—and to some extent even their physical body—not merely in the sense organ, that is, the ear, but they also need such a lively soul life while listening that this soul life is not confined to the astral body, but sets the etheric body vibrating, and this etheric body then causes the physical body to vibrate as well. For what must take place as an active process during reading must also develop while listening to a speech—but, I would say, in a completely different form, because it cannot exist in the same way as it does during reading. And what is expended in reading is transformed feeling—feeling that has been pushed down into the etheric body and the physical body, where it becomes power. Even in the most abstract speech, we must be able to muster it as feeling, as emotional content.
[ 17 ] Es ist wirklich so, daß unsere Gedanken als solche keinen Menschen interessieren, unsere Willensimpulse jeden ärgern und allein unsere Gefühle dasjenige ausmachen, wovon der Eindruck, die Wirkung im berechtigten Sinne natürlich — einer Rede abhängt.
[ 17 ] It is indeed true that no one is interested in our thoughts as such, that our impulses of will annoy everyone, and that only our feelings constitute what, in the proper sense of the word, naturally determines the impression and effect of a speech.
[ 18 ] Es entsteht daher als wichtigste Frage diese: Wie werden wir in unserer Rede etwas haben können, was in genügend starker Weise . ohne aufdringlich zu sein, weil wir ja sonst hypnotisieren oder suggerieren würden — eine solche Gefühlstingierung, eine solche Gefühlsdurchsetzung wird hervorbringen können?
[ 18 ] This raises the most important question: How can we, in our speech, convey something that is sufficiently powerful—without being intrusive, since otherwise we would be hypnotizing or suggesting—to evoke such an emotional tone, such an emotional impact?
[ 19 ] Es kann nicht abstrakte Regeln geben, durch die man lernt, wie man mit Gefühl sprechen kann. Denn jemand, der sich in allerlei Anleitungen solche Regeln aufgesucht hat, nach denen man mit Gefühl sprechen kann, eindrucksvoll sprechen kann, dem wird man schon irgend etwas davon anmerken, daß seine Rede ihm ganz gewiß nicht aus dem Herzen kommt, daß sie ganz anderswo herstammt als aus dem Herzen. Und eigentlich müßte jede Rede durchaus aus dem Herzen kommen. Auch die abstrakteste Rede müßte aus dem Herzen kommen, und sie kann es. Und gerade das ist es, was wir besprechen müssen: wie auch die abstrakteste Rede durchaus aus dem Herzen kommen kann.
[ 19 ] There can be no abstract rules that teach you how to speak with feeling. For anyone who has sought out such rules in all sorts of guides—rules for speaking with feeling, for speaking impressively—will inevitably give away that their speech certainly does not come from the heart, that it originates from somewhere entirely other than the heart. And in fact, every speech ought to come entirely from the heart. Even the most abstract speech should come from the heart, and it can. And that is precisely what we must discuss: how even the most abstract speech can indeed come from the heart.
[ 20 ] Wir müssen uns nur klar sein darüber, was eigentlich im Gemüte des Zuhörers rege ist, wenn er uns zuhört. Nicht, wenn er uns zuhört und wenn wir ihm irgend etwas sagen, was er begierig ist zu hören, sondern wenn wir ihm zumuten, daß er uns als Redner anhören soll. Denn eigentlich ist es ja immer eine Art Attacke auf unsere Mitmenschen, wenn wir mit einer Rede auf sie losgehen. Und auch das ist etwas, dessen wir uns durchaus bewußt sein müssen, daß es eine Attacke ist auf die Zuhörer, wenn wir mit einer Rede auf sie losgehen.
[ 20 ] We just need to be clear about what is actually going on in the listener’s mind when he is listening to us. Not when he is listening to us and we tell him something he is eager to hear, but when we expect him to listen to us as a speaker. After all, it is always, in a sense, a kind of attack on our fellow human beings when we launch into a speech directed at them. And this, too, is something we must be fully aware of—that it is an attack on the listeners when we launch into a speech directed at them.
[ 21 ] Alles das, was ich sage - ich muß das immer wieder in Parenthese hinzufügen -, gilt als Maxime für Redner, nicht als Charakteristik des sozialen Verkehrs oder sonst für etwas; es gilt als Maxime für Redner. Wenn ich in bezug auf den sozialen Verkehr sprechen würde, so könnte ich natürlich nicht dieselben Sätze prägen. Da würde ich Torheiten sagen. Denn wenn man im Konkreten spricht, so kann ein solcher Satz wie: Unsere Gedanken interessieren keinen Menschen — entweder etwas sehr Kluges sein oder aber eine große Dummheit. Alles, was wir sagen, kann eine Dummheit sein im ganzen menschlichen Zusammenhang oder eine Klugheit; es kommt nur darauf an, in welcher Art es sich in den Zusammenhang hineinstellt. Daher sind für einen Redner ganz andere Dinge notwendig als Anleitungen zur formalen Redekunst.
[ 21 ] Everything I say—and I must keep adding this in parentheses—is to be understood as a maxim for speakers, not as a description of social interaction or anything else; it is to be understood as a maxim for speakers. If I were speaking in the context of social interaction, I naturally could not formulate the same statements. I would be spouting nonsense. For when one speaks in concrete terms, a statement such as “Our thoughts are of no interest to anyone” can be either very wise or utter nonsense. Everything we say can be either foolish or wise in the broader human context; it all depends on how it fits into that context. Therefore, a speaker needs things quite different from instructions on the formal art of rhetoric.
[ 22 ] Es handelt sich also darum, zu erkennen: Was ist denn eigentlich in dem Zuhörer wirksam? Im Zuhörer ist wirksam Sympathie und Antipathie. Die machen sich, mehr oder weniger unbewußt, durchaus geltend, wenn wir ihn mit einer Rede attackieren. Sympathie oder Antipathie! Aber mit unseren Gedanken hat er sicherlich zunächst keine Sympathie. Auch nicht mit unseren Willensimpulsen, mit dem, was wir von ihm gewissermaßen wollen, mit dem, wozu wir ihn ermahnen wollen. Für Sympathie oder Antipathie zu dem, was wir sagen, muß man ein gewisses Verständnis haben, wenn man irgendwie an die Redekunst herantreten will. Sympathie und Antipathie haben eigentlich weder mit dem Denken noch mit dem Willen etwas zu tun, sondern wirken hier in der physischen Welt lediglich für die Gefühle, für das Gefühlsmäßige. Und ein bewußtes Verständnis beim Zuhörer für Sympathie und Antipathie wirkt so, als ob wir uns den Weg zu ihm versperren würden — es muß durchaus dieses Verständnis für Sympathie und Antipathie etwas sein, das namentlich während der Rede durchaus nicht zum Bewußtsein des Zuhörers kommt. Und ein Hinarbeiten auf die Sympathie und Antipathie wirkt so, wie wenn wir jeden Schritt so machen würden, daß der Boden, auf den wir auftreten, dabei der andere Fuß ist, als ob wir immer mit dem einen Fuß auf den anderen treten würden. So ungefähr wirkt es in der Rede, wenn wir die Sympathie oder Antipathie abfangen wollen. Wir müssen das feinste Verständnis haben für Sympathie und Antipathie des Zuhörers, aber es darf uns während der Rede nicht das geringste an seiner Sympathie oder Antipathie liegen! Wir müssen alles das, was in Sympathie und Antipathie hineinwirkt, wenn ich so sagen darf, auf Umwegen, in der Vorbereitung, in die Rede hineinbringen.
[ 22 ] The point, then, is to recognize: What actually influences the listener? Sympathy and antipathy are at work within the listener. These make themselves felt, more or less unconsciously, when we address them with a speech. Sympathy or antipathy! But at first, they certainly feel no sympathy for our thoughts. Nor for our impulses of will—for what we, so to speak, want from them, or for what we seek to urge them to do. To elicit sympathy or antipathy toward what we say, one must have a certain understanding if one wishes to approach the art of public speaking in any meaningful way. Sympathy and antipathy actually have nothing to do with thinking or the will; rather, they operate here in the physical world solely through the emotions, through the emotional realm. And a conscious understanding on the part of the listener regarding sympathy and antipathy has the effect of blocking our path to them—this understanding of sympathy and antipathy must be something that, especially during the speech, does not enter the listener’s consciousness at all. And striving to elicit sympathy or antipathy has the same effect as if we were taking each step so that the ground we step on is our other foot—as if we were always stepping with one foot onto the other. That is roughly how it works in a speech when we try to influence the listener’s sympathy or antipathy. We must have the most subtle understanding of the listener’s sympathy and antipathy, but during the speech itself, we must not care in the slightest about their sympathy or antipathy! We must incorporate everything that influences sympathy and antipathy—if I may put it that way—indirectly, through preparation, into the speech.
[ 23 ] Geradesowenig wie es Anleitungen abstrakter Art fürs Malen geben kann oder fürs Bildhauern, ebensowenig kann es Regeln abstrakter Art fürs Reden geben. Aber ebenso wie man die Kunst des Malens anregen kann, so auch die Kunst der Rede. Und es handelt sich nur darum, daß man die Dinge, die in dieser Richtung vorgebracht werden können, völlig ernst nimmt.
[ 23 ] Just as there can be no abstract instructions for painting or sculpting, there can be no abstract rules for speaking. But just as one can inspire the art of painting, so too can one inspire the art of speech. And it is simply a matter of taking the ideas that can be put forward in this regard completely seriously.
[ 24 ] Nehmen wir zunächst, um von einem Beispiel auszugehen, den Lehrer, der zu Kindern spricht. Von der Genialität und Weisheit des Lehrers hängt eigentlich für das Sprechen im Unterrichten das allerwenigste ab. Das allerallerwenigste hängt dabei, ob wir gut Mathematik oder Geographie lehren können, davon ab, ob wir selbst ein guter Mathematiker oder ein guter Geograph sind. Wir können ein ausgezeichneter Geograph, aber ein schlechter Lehrer der Geographie sein und so weiter. Es hängt die Güte beim Lehren, das ja doch zum größten Teil auch im Sprechen besteht, davon ab, was man einmal über die Dinge, die man vorzubringen hat, gefühlt, empfunden hat, und was für Empfindungen wieder angeregt werden dadurch, daß man das Kind vor sich hat. Deshalb läuft zum Beispiel die Pädagogik der Waldorfschule auf Menschenkenntnis hinaus, das heißt auf Kindeskenntnis; nicht auf eine Kindeskenntnis, die durch abstrakte Psychologie vermittelt ist, sondern die auf einem vollmenschlichen Begreifen des Kindes beruht, so weit, daß man es durch das bis zum unmittelbaren liebevollen Hingeben verdichtete Gefühl dazu bringt, das Kind nachzuempfinden. Dann ergibt sich aus dieser Nachempfindung, die man gegenüber dem Kinde hat, und aus dem, was man selber einmal gefühlt und empfunden hat an dem, was man vorzubringen hat, aus alledem ergibt sich ganz instinktiv die Art, wie man zu sprechen oder auch zu hantieren hat.
[ 24 ] To start with an example, let’s consider a teacher speaking to children. In reality, very little about how a teacher speaks in the classroom depends on the teacher’s genius or wisdom. Whether we can teach mathematics or geography well depends only in the very, very slightest degree on whether we ourselves are good at mathematics or geography. We can be an excellent geographer but a poor teacher of geography, and so on. The quality of teaching—which, after all, consists largely of speaking—depends on what one has once felt and experienced regarding the subjects one is to present, and on what feelings are reawakened by having the child in front of one. That is why, for example, the pedagogy of the Waldorf School boils down to an understanding of human nature—that is, an understanding of children; not an understanding of children mediated by abstract psychology, but one based on a fully human comprehension of the child, to the extent that one is led, through a feeling intensified to the point of immediate, loving devotion, to empathize with the child. Then, from this empathy one feels toward the child, and from what one has oneself once felt and experienced in relation to what one has to convey—from all of this, the manner in which one must speak or act arises quite instinctively.
[ 25 ] Es nützt zum Beispiel gar nichts, ein blödes Kind so zu unterrichten, daß man die Weisheit der Welt, die man selber hat, anwendet. Weisheit hilft einem bei einem blöden Kinde nur, wenn man sie gestern gehabt und zur Vorbereitung gebraucht hat. In dem Augenblick, wo man das blöde Kind unterrichtet, muß man die Genialität haben, selber so blöde zu sein wie das Kind, und nur die Geistesgegenwart haben, sich zu erinnern an die Art, wie man gestern weise war bei der Vorbereitung. Man muß mit dem blöden Kind blöde, mit dem nichtsnutzigen Kinde — im Gemüt wenigstens — nichtsnutzig, mit dem braven Kind brav sein können und so weiter. Man muß wirklich als Lehrer - ich hoffe, daß dieses Wort nicht allzustarke Antipathien erweckt, weil es zu stark nach Gedanken oder Willen gerichtet ist -, man muß wirklich eine Art Chamäleon sein, wenn man richtig unterrichten will.
[ 25 ] For example, it’s completely useless to teach a stupid child by applying all the wisdom of the world that you yourself possess. Wisdom only helps with a stupid child if you had it yesterday and used it to prepare. At the very moment you’re teaching the stupid child, you must have the genius to be just as stupid as the child yourself, and only have the presence of mind to remember the way you were wise yesterday while preparing. You have to be able to be silly with the silly child, useless—at least in spirit—with the useless child, well-behaved with the well-behaved child, and so on. As a teacher—I hope this word doesn’t arouse too much antipathy, because it’s too strongly oriented toward thought or will—one really must be a kind of chameleon if one wants to teach properly.
[ 26 ] Es gefiel mir daher zum Beispiel ganz gut, was manche Waldorflehrer zur Erhöhung der Disziplin aus ihrer Genialität heraus gefunden haben. So fängt zum Beispiel unser Freund Walter Johannes Stein, wenn sich die Kinder, während erJean Paul tradiert, Briefchen schreiben, die sie sich reichen, nicht an mit Ermahnungen und dergleichen, sondern er geht hin, schaut sich die Sache in aller Geduld an und macht dann eine Unterrichtsparenthese: er fügt in den Unterricht ein ganz kleines Kapitel über das Postwesen ein! Das wirkt viel besser als alle Ermahnungen. Das Briefeschreiben während der Stunde hört dann auf in der Klasse. Das beruht natürlich auf einem ganz konkreten Ergreifen des Augenblickes. Aber diese Geistesgegenwart muß man selbstverständlich haben. Man muß wissen, daß Sympathien und Antipathien, die man erregen will, tiefer sitzen, als man gewöhnlich meint.
[ 26 ] For example, I really liked what some Waldorf teachers, drawing on their ingenuity, have come up with to improve discipline. For example, when the children start writing little notes to each other and passing them around while our friend Walter Johannes Stein is teaching a lesson on Jean Paul, he doesn’t begin with admonitions or the like; instead, he goes over, observes the situation with great patience, and then makes a teaching interlude: he inserts a very short chapter on the postal system into the lesson! That works much better than any admonitions. The letter-writing during class then stops. This, of course, depends on seizing the moment in a very concrete way. But one must, of course, possess this presence of mind. One must know that the sympathies and antipathies one seeks to arouse run deeper than one usually thinks.
[ 27 ] Und so ist es außerordentlich wichtig, daß der Lehrer - in der Vorbereitung vor allen Dingen, wenn er irgendein Kapitel in der Klasse zu behandeln hat - sich völlig gegenwärtig macht, wie er selber an dieses Kapitel herangetreten ist, als er in demselben Lebensalter war, wie seine Kinder sind, wie er da gefühlt hat. Nicht, um jetzt wiederum pedantisch zu werden und sich am nächsten Tag, wenn er es behandelt, so zu arten, daß er nun etwa wieder so fühlt! Nein, es ist schon genügend, wenn in der Vorbereitung dieses Gefühl heraufgeholt wird, wenn es in der Vorbereitung durchgemacht wird. Und dann handelt es sich darum, daß man nun eben am nächsten Tage mit der eben geschilderten Menschenkenntnis wirkt.
[ 27 ] And so it is extremely important that the teacher—especially during preparation, whenever he is to cover a chapter in class—fully recall how he himself approached that chapter when he was the same age as his students, and how he felt at that time. Not so that they can become pedantic again and, the next day when they teach it, try to force themselves to feel that way all over again! No, it is enough if this feeling is brought to mind during preparation, if it is relived during preparation. And then it is simply a matter of working the next day with the insight into human nature just described.
[ 28 ] Also auch da handelt es sich darum, daß wir selbst in uns die Möglichkeit finden, aus dem Gefühl heraus den Redestoff, der ja, wie gesagt, ein Teil des Unterrichtsstoffes ist, zu gestalten.
[ 28 ] So here, too, the point is that we ourselves find within ourselves the ability to shape the material for discussion—which, as I said, is part of the curriculum—based on our feelings.
[ 29 ] Wie die Dinge wirken können, machen wir uns am besten gegenwärtig, wenn wir auch noch das Folgende ins Seelenauge fassen: Wenn also etwas Gefühlsmäßiges wirken muß in dem, was unsere Rede durchpulst, so können wir natürlich nicht gedankenlos sprechen, obwohl die Gedanken eigentlich unsere Zuhörer nicht interessieren, und wir können auch nicht willenlos sprechen, obschon das Wollen sie ärgert; wir werden sogar sehr häufig so sprechen wollen, daß es in die Willensimpulse der Menschen hineingeht, daß infolge unserer Rede unsere Mitmenschen etwas tun. Aber wir dürfen jedenfalls die Rede nicht so einrichten, daß wir durch unseren Gedankeninhalt den Zuhörern langweilig und durch den Willensanstoß, den wir geben wollen, ihnen antipathisch werden.
[ 29 ] The best way to bring home how things can affect us is to also take the following to heart: If, then, something emotional is to have an effect in what pulsates through our speech, we naturally cannot speak thoughtlessly—even though our thoughts do not really interest our listeners—nor can we speak without will—even though our will annoys them; we will even very often want to speak in such a way that it penetrates people’s volitional impulses, so that as a result of our speech, our fellow human beings will do something. But in any case, we must not structure our speech in such a way that we become boring to our listeners through the content of our thoughts and unlikable to them through the impulse of will we seek to impart.
[ 30 ] Daher wird es sich darum handeln, daß wir das Denken über die Rede ganz mit uns abmachen, möglichst lange, bevor wir sie halten, daß wir also das Denkerische ganz und gar zunächst mit uns selbst abgemacht haben. Das hat nichts damit zu tun, ob wir dann geläufig reden, ob wir holperig reden. Das letztere hängt, wie wir sehen werden, von ganz anderen Umständen ab. Aber das, was gewissermaßen unbewußt in der Rede wirken muß, das hängt damit zusammen, daß wir den Gedankeninhalt viel, viel früher mit uns selbst abgemacht haben. Den Gedankenmonolog, der möglichst lebhaft sein soll, den müssen wir vorher abgemacht haben, jenen Gedankenmonolog, der sich so gestaltet, daß wir uns selber während dieser Vorbereitung in Rede und Gegenrede bewegen, daß wir möglichst alle Einwände vorausnehmen. Denn allein dadurch, daß wir in dieser Weise unsere Rede vorher in Gedanken erleben, nehmen wir unserer Rede den Stachel, den sie sonst unter allen Umständen für die Zuhörerschaft hat. Wir müssen gewissermaßen unsere Rede dadurch versüßen, daß wir das Saure der Gedankenfolge, des logischen Ausbaues, vorher durchgemacht haben, aber möglichst so durchgemacht haben, daß wir uns den wortwörtlichen Inhalt der Rede nicht formulieren, daß wir keine Ahnung davon haben - ich muß natürlich in Maximen reden, die Dinge können ja natürlich nicht in dieser Extremheit hingenommen werden -, daß wir keine Ahnung davon haben, wenn wir zu reden beginnen, wie wir uns die Sätze formulieren werden. Die Gedankeninhalte aber müssen abgemacht sein. Die wortwörtliche Formulierung gar für die ganze Rede zu haben, ist etwas, was schließlich niemals zu einer wirklich guten Rede führen kann. Denn das kommt schon sehr nahe dem Aufgeschriebenhaben, und wir brauchen uns da bloß vorzustellen, daß statt unser ein Phonograph dastünde, der die Sache von selbst von sich gäbe; dann ist der Unterschied noch kleiner zwischen dem Aufgeschriebenhaben und der Maschine, die das von sich gibt. Aber wenn wir eine Rede vorher formuliert haben, so daß sie so ausgearbeitet ist, daß sie wortwörtlich von uns gesprochen werden kann, so unterscheiden wir uns ja nicht sehr stark von einer Maschine, der wir das eingekurbelt haben und die wir dann abkurbeln. Da ist schon gar nicht viel Unterschied zwischen dem Anhören einer Rede, die wortwörtlich so gesprochen wird, wie sie schon wortwörtlich ausgearbeitet wurde, und dem Lesen, außer dem, daß einen beim Lesen nicht der Redner fortwährend stört, während einen beim Anhören einer also eingelernten Rede, die man wortwörtlich spricht, der Redner ja fortwährend stört. Die Gedankenvorbereitung also wird dadurch in der richtigen Weise gepflogen, daß sie ganz bis zum absoluten Einigwerden mit sich selbst, aber in Gedanken, dem Halten der Rede vorangeht. Fertig muß man sein mit dem, was man vorbringen will.
[ 30 ] Therefore, the point will be for us to work out our thoughts about the speech entirely on our own, as long as possible before we deliver it—that is, to have first worked out the intellectual aspects completely on our own. This has nothing to do with whether we then speak fluently or stumble over our words. The latter, as we shall see, depends on entirely different circumstances. But what must, so to speak, operate unconsciously in the speech depends on the fact that we have settled the content of our thoughts with ourselves much, much earlier. We must have worked out in advance the inner monologue—which should be as vivid as possible—that inner monologue which takes shape in such a way that, during this preparation, we engage in a back-and-forth of argument and counterargument with ourselves, anticipating as many objections as possible. For it is only by experiencing our speech in this way in our thoughts beforehand that we take the sting out of our speech—the sting it would otherwise have for the audience under any circumstances. We must, so to speak, “sweeten” our speech by having already worked through the “sour” aspects of the train of thought and the logical development beforehand—but in such a way that we do not formulate the literal content of the speech, that we have no idea —I must, of course, speak in general terms; things cannot, of course, be taken to such extremes—that we have no idea, when we begin to speak, how we will formulate our sentences. The content of our thoughts, however, must be settled. To have the verbatim wording ready for the entire speech is something that, after all, can never lead to a truly good speech. For that comes very close to having it written down, and we need only create a mental image of what it would be like if instead of us there were a phonograph standing there, which would reproduce the matter on its own; then the difference is even smaller between having it written down and the machine that reproduces it. But if we have formulated a speech in advance so that it is worked out in such a way that it can be spoken by us word for word, then we are not very different from a machine into which we have wound the tape and which we then play back. There really isn’t much difference between listening to a speech that is delivered word for word exactly as it was prepared, and reading it—except that when reading, the speaker does not constantly interrupt you, whereas when listening to a speech that has been memorized and is delivered word for word, the speaker does indeed constantly interrupt you. Mental preparation, therefore, is carried out properly by ensuring that it precedes the delivery of the speech—until one has achieved absolute clarity within oneself, though only in thought. One must be fully prepared with what one intends to present.
[ 31 ] Allerdings, einige Ausnahmen sind da für gewöhnliche Reden, die man vor einer sonst unbekannten Zuhörerschaft hält. Wenn man nämlich vor einer solchen Zuhörerschaft gleich damit beginnt, daß man dasjenige, was man so in Gedanken gewissermaßen meditativ ausgearbeitet hat, vom ersten Satz an nun auch unter der unmittelbaren, wenn ich mich so ausdrücken darf, Inspiration vorbringt, dann tut man doch wiederum den Zuhörern nicht etwas recht Gutes. Im Beginne einer Rede nämlich muß man schon etwas seine Persönlichkeit wirksam machen; im Beginne der Rede darf man nicht gleich seine Persönlichkeit ganz auslöschen, weil, ich möchte sagen, erst das Vibrierende des Gefühls angeregt werden muß.
[ 31 ] However, there are some exceptions for ordinary speeches delivered to an otherwise unfamiliar audience. For if, when speaking to such an audience, one begins right away by presenting—from the very first sentence—what one has, so to speak, meditatively worked out in one’s mind, under the immediate, if I may put it that way, inspiration, then one is not really doing the listeners any favors. At the beginning of a speech, one must allow one’s personality to come through to some extent; at the start of the speech, one must not immediately suppress one’s personality entirely, because—I would say—the vibrancy of emotion must first be stirred.
[ 32 ] Man braucht es nun ja nicht gleich so zu machen wie zum Beispiel der einstmals in gewissen Kreisen sehr berühmte Professor der deutschen Literaturgeschichte Michael Bernays, der, als er einmal nach Weimar kam, um dort eine Rede über Goethes Geschichte der Farbenlehre zu halten, die ersten Sätze so gestalten wollte, daß allerdings das Gefühl der Zuhörer in sehr, sehr intensiver Weise in Anspruch genommen wurde; allerdings anders, als er wollte. Er kam nach Weimar schon ein paar Tage früher. Weimar ist eine kleine Stadt; da kann man bei den Leuten herumgehen, die zum Teil dann im Saal sein werden, und kann Stimmung machen für seine Rede. Diejenigen, die es so unmittelbar hören, die sagen es dann den anderen, und es ist eigentlich dann der ganze Saal «gestimmt», wenn man die Rede hält. Da ging denn nun wirklich der Professor Michael Bernays ein paar Tage lang in Weimar herum und sagte: Ach, ich habe mich nicht vorbereiten können auf diese Rede; der Genius wird mir im rechten Augenblick schon das Richtige eingeben. Ich werde warten, was der Genius mir eingibt. — Nun hatte er diese Rede im Weimarer «Erholungssaal» zu halten. Es war ein heißer Sommertag. Die Fenster mußten aufgemacht werden, und unmittelbar vor den Fenstern dieses «Erholungssaales» war ein Hühnerhof. Michael Bernays stellte sich hin und wartete, bis der Genius anfing, ihm etwas einzugeben. Denn das wußte ja ganz Weimar: Der Genius muß kommen und muß Michael Bernays seine Rede eingeben. Und siehe da, in diesem Momente, als Bernays auf den Genius wartete, fing draußen der Hahn an: Kikeriki! — Jeder Mensch wußte: Jetzt hat der Genius gesprochen für Michael Bernays! — Die Gefühle waren stark angeregt, allerdings in anderer Weise, als er es gewollt hatte. Aber es war eine gewisse Stimmung schon im Saal.
[ 32 ] Of course, one doesn’t have to go about it quite the way, for example, Michael Bernays—a professor of German literary history who was once very famous in certain circles—did. When he once came to Weimar to give a lecture on Goethe’s *Theory of Colors*, he wanted to structure his opening sentences in such a way that they would indeed engage the audience’s emotions in a very, very intense manner—though in a different way than he intended. He arrived in Weimar a few days early. Weimar is a small town; there, you can go around talking to the people—some of whom will be in the hall—and build up excitement for your speech. Those who hear it firsthand then tell the others, and by the time you give the speech, the entire hall is actually “in the right frame of mind.” So Professor Michael Bernays really did walk around Weimar for a few days, saying: “Oh, I haven’t been able to prepare for this speech; the Genius will inspire me with the right words at the right moment. I’ll wait to see what the Genius inspires me to say.” — Now he was to deliver this speech in Weimar’s “Erholungssaal.” It was a hot summer day. The windows had to be opened, and right outside the windows of this “Erholungssaal” was a chicken coop. Michael Bernays stood there and waited until the genius began to inspire him. For the whole of Weimar knew: The genius must come and must inspire Michael Bernays’s speech. And lo and behold, at that very moment, as Bernays was waiting for the Genius, the rooster outside began to crow: Cock-a-doodle-doo! — Everyone knew: Now the Genius had spoken for Michael Bernays! — Emotions were strongly stirred, though in a different way than he had intended. But there was already a certain atmosphere in the hall.
[ 33 ] Ich sage das nicht, um Ihnen eine nette Anekdote zu erzählen, sondern weil ich darauf aufmerksam machen muß: Der Hauptteil der Rede soll schon so gestaltet sein, daß er in Gedanken meditativ gut durchgearbeitet ist und nachher frei formuliert wird. Aber der Anfang ist ja eigentlich sogar dazu da, daß man sich ein bißchen lächerlich macht, denn das stimmt die Zuhörer so, daß sie einem dann lieber zuhören. Wenn man sich nicht ein ganz klein wenig lächerlich macht allerdings so, daß die Sache nicht stark bemerkt wird, daß sie nur im Unterbewußten abläuft —, dann kann man doch nicht in der richtigen Weise fesseln, wenn man irgendwo eine einzelne Rede zu halten hat. Es darf natürlich nicht stark aufgetragen sein, aber es wirkt schon genügend im Unterbewußten.
[ 33 ] I’m not saying this to tell you a nice anecdote, but because I need to point out the following: The main part of the speech should already be structured in such a way that it has been thoroughly thought through and then formulated freely. But the beginning is actually meant to make you look a little ridiculous, because that puts the audience in the right frame of mind so that they’ll be more inclined to listen to you. If you don’t make yourself look just a tiny bit ridiculous—though in a way that isn’t very noticeable, so that it only takes place in the subconscious—then you simply can’t captivate your audience properly when you have to give a single speech somewhere. Of course, it shouldn’t be overly exaggerated, but it does have a sufficient effect on the subconscious.
[ 34 ] Was man eigentlich für jede einzelne Rede haben sollte, ist dies, daß man den ersten, zweiten, dritten, vierten, höchstens noch den fünften Satz wörtlich formuliert hat. Dann geht man zu dem über, was in der Weise angeordnet, orientiert ist, wie ich das eben angedeutet habe. Und den Schluß sollte man wiederum wörtlich formuliert haben. Denn am Schluß sollte man eigentlich immer, wenn man ein richtiger Redner ist, etwas Lampenfieber haben, sollte man immer so eine geheime Angst haben davor, daß man seinen letzten Satz nicht findet. Das ist nötig zur Färbung der Rede. Man braucht das, um die Herzen der Zuhörer zu fesseln am Schlusse, daß man etwas ängstlich ist, den letzten Satz zu finden. Damit man also, nachdem man nun schwitzend seine Rede absolviert hat, dieser Angst in der richtigen Weise entgegenkommt, füge man zu aller übrigen Vorbereitung dieses hinzu, daß man sich merkt die genaue Formulierung auch der letzten ein, zwei, drei, vier, höchstens fünf Sätze. Also einen Rahmen müßte eigentlich eine Rede haben: Formulierung der ersten und der letzten Sätze, und dazwischen müßte die Rede frei sein. Wie gesagt, als Maxime sage ich das.
[ 34 ] What one should actually do for every single speech is this: formulate the first, second, third, fourth, and at most the fifth sentence verbatim. Then one moves on to what is structured and organized in the manner I just indicated. And the conclusion, in turn, should be worded verbatim. For at the end, if one is a true orator, one should always have a bit of stage fright; one should always harbor a secret fear of not being able to find one’s final sentence. This is necessary to add color to the speech. You need this to captivate the hearts of your listeners at the end—that you’re a little anxious about finding the final sentence. So that, after you’ve delivered your speech while sweating, you can address this anxiety in the right way, add this to all your other preparations: memorize the exact wording of the last one, two, three, four—at most five—sentences. So a speech should really have a framework: the wording of the first and last sentences, and in between, the speech should be free-flowing. As I said, I’m stating this as a maxim.
[ 35 ] Nun werden vielleicht manche von Ihnen sagen: Ja, aber wenn nun einer eben nicht so reden kann? - Man wird deshalb nicht gleich sagen müssen, die Sache sei so schlimm, daß er nun überhaupt nicht reden solle. Es ist ja ganz natürlich, daß man ein bißchen besser oder ein bißchen schlechter reden kann, so daß man sich nicht abhalten lassen soll vom Reden, wenn man nicht alle Bedingungen erfüllen kann. Aber man sollte sich bestreben, diese Bedingungen zu erfüllen, indem man solche Maximen zu seinen Lebensmaximen macht, wie wir sie hier entwickeln können. Und dann gibt es ja ein sehr gutes Mittel, um wenigstens ein erträglicher Redner zu werden, wenn man auch ganz und gar zuerst kein Redner ist, selbst wenn man das Gegenteil eines Redners ist. Ich kann Ihnen versichern, wenn er sich fünfzigmal blamiert hat, das einundfünfzigste Mal wird es gehen, gerade deshalb, weil er sich fünfzigmal blamiert hat. Und derjenige, bei dem fünfzig nicht genug sind, der kann ja hundertmal auf sich laden, aber einmal geht es, wenn man Blamagen nicht scheut. Natürlich, niemals wird die letzte Rede vor dem Tode gut sein, wenn man vorher Blamagen gescheut hat. Aber mindestens die letzte Rede vor dem Tode wird gut sein, wenn man sich vorher x-mal im Reden blamiert hat. Das ist auch etwas, woran man eigentlich immer denken sollte. Und man wird sich zum Redner ganz zweifellos heranbilden. Denn man hat ja nichts nötig zum Redner, als daß einem die Leute zuhören, und daß man ihnen gewissermaßen nicht allzu nahe tritt, daß man wirklich vermeidet, was den Menschen zu nahe tritt.
[ 35 ] Now, some of you might say: Yes, but what if someone just can’t speak that well?—That doesn’t mean we should immediately conclude that the situation is so bad that they shouldn’t speak at all. After all, it’s perfectly natural for people to speak a little better or a little worse, so one shouldn’t let that deter them from speaking just because they can’t meet all the conditions. But one should strive to meet these conditions by making the principles we can develop here the guiding principles of one’s life. And then there is, after all, a very good way to become at least a tolerable speaker, even if one is not a speaker at all to begin with—even if one is the very opposite of a speaker. I can assure you that if someone has made a fool of themselves fifty times, the fifty-first time it will work out, precisely because they have made a fool of themselves fifty times. And for those for whom fifty times isn’t enough, they can take on a hundred more—but it will work at least once, provided one isn’t afraid of making a fool of oneself. Of course, the final speech before death will never be good if one has shied away from making a fool of oneself beforehand. But at least the final speech before death will be good if one has made a fool of oneself while speaking countless times before. That’s also something one should actually always keep in mind. And one will undoubtedly develop into a speaker. For one needs nothing to be a speaker except for people to listen to you, and to ensure, so to speak, that you don’t come too close to them—that you truly avoid anything that might offend them.
[ 36 ] So wie man gewohnt ist, im sozialen Leben zu reden, wenn man mit einem anderen Menschen spricht, so wird man in der öffentlichen oder überhaupt in der vor Zuhörern gehaltenen Rede nicht sprechen können. Höchstens wird man zuweilen solche Sätze, wie man sie auch im gewöhnlichen Leben spricht, einfügen können. Denn es ist gut, wenn man sich dessen bewußt ist, daß dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben als Formulierung der Rede hat, für die Rede vor einem Zuhörerkreis in der Regel etwas zu fein oder etwas zu grob ist. Ganz stimmt es in der Regel nicht. Die Art, wie man im gewöhnlichen Leben seine Worte formuliert, wenn man einen anderen Menschen anredet, die variiert, die pendelt ja immer zwischen etwas Grobsein und etwas Unwahrsein oder Nichthöflichsein. Beides muß in der vor Zuhörern gehaltenen Rede durchaus vermieden und nur in Parenthese gewissermaßen angewendet werden. Der Zuhörer hat dann das geheime Gefühl: Während der sonst so redet, wie man eben in einer Rede redet, apostrophiert er einen da plötzlich; er redet wie im Dialog. Da hat er im Sinne, uns entweder ein bißchen zu verletzen oder aber uns süßlich zu kommen.
[ 36 ] Just as one is accustomed to speaking in social situations when talking to another person, one will not be able to speak that way in a public speech or, indeed, in any speech delivered before an audience. At most, one may occasionally insert sentences such as those used in everyday conversation. For it is good to be aware that the way one typically phrases things in everyday life is, as a rule, either a bit too refined or a bit too coarse for a speech delivered before an audience. It is generally not entirely appropriate. The way one chooses one’s words in everyday life when addressing another person—which varies—always oscillates between being somewhat crude and being somewhat untruthful or impolite. Both must be strictly avoided in a speech delivered before an audience and used only, so to speak, in parentheses. The listener then has the subtle feeling that while the speaker usually speaks the way one does in a formal speech, he suddenly addresses you directly; he speaks as if in a conversation. In doing so, he intends either to hurt us a little or to come across as overly sweet.
[ 37 ] Wir müssen aber auch das Willenselement in der richtigen Weise in die Rede hineinbringen. Und das kann wiederum nur durch die Vorbereitung geschehen, aber durch diejenige Vorbereitung, die im Durchdenken der Sache den eigenen Enthusiasmus anwendet, gewissermaßen mit der Sache lebt. Was meine ich damit eigentlich? Sehen Sie, zunächst ist man fertig mit dem Gedankeninhalt. Man hat sich ihn zu eigen gemacht. Jetzt würde der nächste Teil der Vorbereitung der sein: Man hört sich gewissermaßen im Vortragen dieses Gedankeninhaltes innerlich selber zu. Man fängt an, seinen Gedanken zuzuhören. Sie brauchen nicht wortwörtlich formuliert zu sein, wie ich schon sagte, aber man fängt an, ihnen zuzuhören. Das ist es, was das Willenselement in die richtige Lage bringt, dieses sich selbst innerlich Anhören. Denn dadurch, daß wir uns innerlich anhören, entwickeln wir an den richtigen Stellen Enthusiasmus oder Abscheu, Sympathie oder Antipathie, wie es sich anknüpfen muß an das, was wir da tradieren. Was wir so erleben, in dieser willensmäßigen Weise, das geht auch in unseren Willen hinein und erscheint, wenn wir reden, in der Variation der Töne. Ob wir intensiv oder schwächer reden, ob wir heller oder dunkler betonen, das haben wir lediglich von dem Durchfühlen und dem Durchwollen unseres eigenen Gedankeninhaltes in der meditativen Vorbereitung. Und was wir im Denken haben, das müssen wir allmählich dazu überleiten, ein Bild zu bekommen von der Gestaltung unserer Rede. Dann ist auch das Denken in der Rede drinnen, aber nicht in den Worten, sondern zwischen den Worten, wie die Worte gestaltet, die Sätze gestaltet, die Disposition gestaltet werden. Je mehr wir in der Lage sind, über das Wie unseres Vortrags zu denken, desto stärker wirken wir auf den Willen der anderen. Das nehmen die Menschen nämlich hin, was wir in die Formulierung und in die Komposition der Rede hineinlegen.
[ 37 ] But we must also incorporate the element of will into our speech in the right way. And that, in turn, can only happen through preparation—but the kind of preparation that applies one’s own enthusiasm to thinking the matter through, that lives with the subject, so to speak. What do I actually mean by that? You see, first you’ve finished with the content of the thought. You have made it your own. Now the next part of the preparation would be this: You listen to yourself inwardly, as it were, as you present this content of thought. You begin to listen to your own thoughts. They do not need to be formulated word for word, as I have already said, but you begin to listen to them. That is what puts the element of will in the right place—this inward listening to oneself. For by listening to ourselves inwardly, we develop enthusiasm or aversion, sympathy or antipathy at the right moments, as these must be linked to what we are conveying. What we experience in this way—through the will—also enters into our will and manifests, when we speak, in the variation of our tones. Whether we speak intensely or more softly, whether we emphasize more brightly or more deeply, this stems solely from our feeling through and willing through the content of our own thoughts during meditative preparation. And what we have in our thinking, we must gradually use to form a picture of the structure of our speech. Then thinking is also present in speech—not in the words themselves, but between the words—in how the words are shaped, how the sentences are structured, and how the overall composition is arranged. The more we are able to reflect on the “how” of our presentation, the more strongly we influence the will of others. For people accept precisely what we imbue in the phrasing and composition of our speech.
[ 38 ] Wenn wir ihnen kommen und sagen: Jeder von euch ist im Grunde genommen ein schlechter Kerl, der nicht morgen alles tut, um die Dreigliederung zu verwirklichen — das ärgert die Leute. Wenn wir aber die Vernunft der Dreigliederung in einer solchen Rede vorbringen, die naturgemäß komponiert ist, die innerlich gegliedert ist, so daß sie vielleicht selbst sogar eine Art intimer Dreigliederung ist, namentlich aber, wenn sie so gestaltet ist, daß wir selber in uns von der Notwendigkeit der Dreigliederung überzeugt sind, mit allem Gefühl und mit allen Willensimpulsen überzeugt sind, dann wirkt das auf die Menschen, dann wirkt es auf den Willen der Menschen.
[ 38 ] If we go up to them and say: “Each of you is, at heart, a bad person who won’t do everything tomorrow to bring about the threefold social order”—that annoys people. But if we present the rationale for the threefold social order in a speech that is naturally composed and internally structured, so that it is perhaps even a kind of intimate threefold division in itself—but especially if it is structured in such a way that we ourselves are convinced within our own hearts of the necessity of the threefold division, convinced with all our feelings and all our impulses of will—then that has an effect on people; then it has an effect on people’s will.
[ 39 ] Was wir an Gedankenentfaltung angewendet haben, um unsere Rede zu einem Kunstwerk zu machen, das wirkt auf den Willen der Menschen unbemerkt in der Rede; was aus unserem eigenen Willen hervorgeht, was wir selber wollen, was uns begeistert, was uns hinreißt, das wirkt viel mehr auf das Denken der Zuhörer; das regt in ihnen viel leichter die Gedanken an. Daher wird ein für seine Sache begeisterter Redner leicht verstanden. Ein künstlerisch bildender Redner wird leichter den Willen der Zuhörer anregen können. Aber der oberste Grundsatz, die oberste Maxime muß denn doch diese sein: daß wir keine Rede anders halten, als gut vorbereitet.
[ 39 ] The techniques of thought development that we have applied to turn our speech into a work of art have an unnoticed effect on people’s will during the speech; what springs from our own will—what we ourselves want, what inspires us, what captivates us—has a much greater effect on the listeners’ thinking; that stimulates their thoughts much more easily. Therefore, a speaker who is enthusiastic about his cause is easily understood. A speaker who crafts his speech artistically will be better able to stir the will of his listeners. But the supreme principle, the supreme maxim, must surely be this: that we never deliver a speech unless it is well prepared.
[ 40 ] Ja, aber wenn wir nun gezwungen sind, eine Rede aus dem sogenannten Stegreif zu halten, wenn wir zum Beispiel angeredet werden und gleich darauf zu antworten haben, da können wir doch nicht erst die Zeit zurückgehen lassen zum vorhergehenden Tage, um da den Gegentoast zu meditieren und ihn in Erinnerung bringen, wie ich das jetzt eben angedeutet habe; das geht doch nicht! — Und doch geht es! Es geht nämlich in der Weise, daß wir gerade in einem solchen Moment absolut wahr sind. Oder wir werden in dieser Weise attackiert, daß uns ein Mensch so schrecklich grob kommt, daß wir ihm gleich darauf antworten müssen — dann ist das schon ein starkes Gefühlsfaktum. Also das Gefühl wird schon in einer entsprechenden Weise angeregt. Da ist ein Ersatz da für das, was wir sonst brauchen, um in Begeisterung und so weiter zu beleben, was wir uns erst in Gedanken vorstellen. Dann aber, wenn wir in einem solchen Momente nichts anderes sagen als dasjenige, was wir als ganzer Mensch in jedem Augenblicke sagen können, wenn wir in dieser Weise attackiert werden, dann sind wir doch in einer ähnlichen Weise vorbereitet.
[ 40 ] Yes, but if we are now forced to give a so-called impromptu speech—if, for example, someone addresses us and we have to respond immediately—we certainly can’t turn back time to the previous day just to ponder the reply and recall it, as I just suggested; that’s simply not possible! — And yet it is possible! It works, in fact, in such a way that we are absolutely genuine precisely in such a moment. Or we are attacked in such a way that someone comes at us so terribly rudely that we have to respond immediately—then that is already a powerful emotional fact. So the feeling is already stimulated in a corresponding way. There is a substitute here for what we otherwise need to bring to life—with enthusiasm and so on—the mental image we first create in our thoughts. But then, when in such a moment we say nothing other than what we, as whole human beings, can say at any given moment—when we are attacked in this way—then we are, after all, prepared in a similar way.
[ 41 ] Gerade bei solchen Dingen handelt es sich eben um den Gesamtentschluß, nur, nur, nur wahr zu sein. Es sind dann ja auch in der Regel alle Bedingungen des Verstehens da, wenn die Attacke nicht gerade darin besteht, daß wir in einer Diskussion herausgefordert werden. Darüber will ich dann noch sprechen. Denn es handelt sich dann eigentlich darum, überhaupt nicht eigentliche Reden zu halten, sondern etwas ganz anderes zu tun, was für uns wohl, wenn wir diesen Kursus mit Recht absolvieren wollen, ganz besonders wichtig sein wird. Denn wir werden ja, um in dem Sinne zu wirken, wie ich es heute im Anfang angedeutet habe, nicht bloß Reden zu halten haben, sondern auch in der Diskussion unseren Mann — selbstverständlich auch unsere Dame - zu stellen haben. Und darüber muß also durchaus auch gesprochen werden, und sogar sehr viel gesprochen werden. Nun bitte ich Sie vor allen Dingen, das, was ich heute gesagt habe, von dem Gesichtspunkte aus ins Auge zu fassen, daß es vielleicht ein bißchen darauf hinweist, wie schwierig man es hat mit dem Aneignen der Redekunst. Aber ganz besonders schwierig hat man es, wenn nicht nur geredet, sondern sogar über das Reden geredet werden soll. Denken Sie sich, wenn man das Malen malen, das Bildhauern bildhauern sollte! Also, die Aufgabe ist nicht ganz leicht. Aber wir werden versuchen, sie doch in irgendeiner Weise in den nächsten Tagen zu absolvieren.
[ 41 ] It is precisely in such matters that the overarching decision is simply, simply, simply to be true. As a rule, all the conditions for understanding are present in such cases—unless the challenge lies in the fact that we are being challenged in a discussion. I’ll come back to that later. For what is actually at stake here is not giving speeches at all, but doing something entirely different—something that will be particularly important for us if we are to successfully complete this course. For, in order to work in the sense I indicated at the beginning today, we will not merely have to give speeches, but we will also have to hold our own—and, of course, our own as well—in the discussion. And so this, too, must certainly be discussed—and discussed at great length. Now, above all, I ask you to consider what I have said today from the perspective that it perhaps points a little to how difficult it is to master the art of public speaking. But it is particularly difficult when one is not only to speak but even to speak about speaking. Just imagine if one were to “paint painting” or “sculpt sculpting”! So, the task is not exactly easy. But we will try to accomplish it in some way over the next few days.
