Anthroposophy, Social Threefolding
and Public Speaking
Orientation Course
GA 339
12 October 1921, Dornach
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The Art of Lecturing, tr. St. Goar
Zweiter Vortrag
Lecture Two
[ 1 ] Wenn wir heute darangehen, zu sprechen über Anthroposophie und die Dreigliederungsbewegung mit ihren verschiedenen Konsequenzen - die ja aus Anthroposophie heraus entspringt und im Grunde aus ihr heraus gedacht werden muß -, dann müssen wir uns vor allen Dingen vor die Seele halten, daß es schwer ist, verstanden zu werden. Und ohne diese Empfindung, daß es schwer ist, verstanden zu werden, werden wir wohl kaum in einer uns befriedigenden Art zurechtkommen können als Redner für anthroposophisch Geisteswissenschaftliches und alles, was damit zusammenhängt. Denn wenn sachgemäß über Anthroposophie gesprochen werden soll, muß eigentlich durchaus anders gesprochen werden, als man nach den Traditionen des Sprechens gewohnt ist, über Dinge überhaupt zu sprechen. Man hat sich ja vielfach gewöhnt, auch über anthroposophische Dinge so zu sprechen, wie man eben gewohnt worden ist zu sprechen, namentlich in der Zeit des Materialismus. Aber dadurch verbaut man eher das Verständnis für Anthroposophie, als daß man zu ihr den Zugang eröffnete.
[ 1 ] When we set out today to speak about Anthroposophy and the Threefold Movement with its various consequences—which indeed arise out of Anthroposophy, and must really be thought of as arising out of it,—then we must first of all hold before our souls that it is difficult to make oneself understood. And, without this feeling—that it is difficult to make oneself understood—we shall hardly be able to succeed as lecturers for anthroposophical Spiritual Science and all that is connected with it, in a way satisfying to ourselves. For if there is to be speaking about Anthroposophy which is appropriate, then this speaking must be entirely different from what one is accustomed to in accordance with the traditions of speaking. One has often fallen into the habit of speaking also about anthroposophical matters in the way one has become used to speaking in the age of materialism; but one is more apt thereby to obstruct the understanding for Anthroposophy, rather than to open up an approach to it.
[ 2 ] Wir werden uns zunächst einmal nur das Inhaltliche, das Stoffliche gewissermaßen ganz klarmachen müssen, das uns mit Anthroposophie und ihren Konsequenzen entgegentritt. Und ich werde es ja hier in diesen Vorträgen, wie ich schon gestern sagte, durchaus zu tun haben mit einem Anwenden des Rednerischen gerade nur in anthroposophischen und dazugehörigen Dingen, so daß, was ich zu sagen habe, eben nur dafür gilt.
[ 2 ] We shall first of all have to make quite clear to ourselves what the content of the matter is that comes towards us in Anthroposophy and its consequences. And in these lectures I shall deal as I said yesterday, with the practice of lecturing, but only for anthroposophical and related matters, so that what I have to say applies only to these.
[ 3 ] Wir müssen uns nun klarmachen, daß zunächst für, sagen wir, die Hauptsache der Dreigliederung das Gefühl ja erst rege gemacht werden muß in unserer gegenwärtigen Menschheit. Es muß im Grunde genommen vorausgesetzt werden, daß ein gegenwärtiges Publikum zunächst mit dem Begriff der Dreigliederung nichts rechtes anzufangen weiß, und unser Sprechen muß langsam dazu führen, dem Publikum erst eine Empfindung von dieser Dreigliederung beizubringen.
[ 3 ] We must now make clear to ourselves that primarily it is the feeling for the central issue of the threefold order that must at first be stirred in our present humanity. It must after all be assumed that an audience of today does not begin to know what to do with the concept of the threefold order. Our speaking must slowly lead to the imparting first of a feeling for this threefold order in the audience.
[ 4 ] Man ist ja gewohnt worden in der Zeit, in welcher der Materialismus geherrscht hat, rednerisch die Dinge der Außenwelt in beschreibender Art vorzubringen. Da hatte man in der Außenwelt selber eine Art von Anleitung. Und außerdem war das Objekt der Außenwelt, ich möchte sagen, zu feststehend, als daß man nicht geglaubt hätte, wie man rede über die Dinge der Außenwelt, das sei schließlich gleichgültig, wenn man nur den Menschen zur Anschauung dieser Außenwelt eine Anleitung auf den Weg gebe. Nun, und schließlich ist es ja auch so: Wenn man irgendwo, sagen wir, einen populären Experimentalvortrag hält und dabei den Leuten vorführt, wie dieser oder jener Stoff in der Retorte reagiert, dann sehen sie, wie dieser Stoff in der Retorte reagiert, und ob man da nun so oder so redet — ein bißchen besser, ein bißchen weniger gut, ein bißchen sachgemäßer, ein bißchen unsachgemäßer -, macht ja schließlich nichts aus. Und nach und nach ist es schon ein wenig so geworden, daß solche Vorträge und solche Reden besucht werden, damit man dasjenige sieht, was experimentiert wird, und was da noch gesprochen wird, das nimmt man eben wie eine Art mehr oder weniger angenehmen oder unangenehmen Nebengeräusches mit. Man muß diese Dinge etwas radikal aussprechen, damit man gerade in die richtige Richtung weist, in der sich die Zivilisation in bezug auf diese Dinge bewegt. Und wenn es sich dann um dasjenige handelt, was man in den Leuten für das Tun, für das Wollen anregen will, da meint man, man müsse vor die Leute eben Ideale hinstellen, da müßten sie sich gewöhnen, Ideale aufzufassen, und da gleitet man dann nach und nach immer mehr ins Utopistische hinüber, wenn es sich um so etwas handelt wie zum Beispiel die Dinge der Dreigliederung des sozialen Organismus.
[ 4 ] During the time in which materialism has held sway, one has become accustomed to give expression to the things of the outer world through description. In this one had a kind of guidance in the outer world itself. Moreover, objects in the outer world are, I would say, too fixed for one to believe that, in the end, it makes much difference how one speaks about the things of the outer world; one need only give people some guidance on the way for perceiving this outer world. Then, in the end it comes to this: if, let us say, one delivers somewhere a popular lecture with experiments, and thereby demonstrates to people how this or that substance reacts in a retort, then they see how the substance reacts in the retort. And whether one then lectures this way or that way—a bit better, a bit less well, a hit more relevantly, a hit less relevantly—in the end makes no difference. And gradually it has tended to come to the point that such lectures and such talks are attended in order to see the experimenting, and what is spoken is just taken along as a kind of more or less agreeable or disagreeable side noise. One must express these things somewhat radically, just in order to show the exact direction in which civilization is moving in regard to these things. When it is a matter of what to stimulate in people for doing, for willing, one is of the opinion that one must just “set up ideals”. People would have to accustom themselves to “apprehend ideals”, and thus one gradually glides more and more over into the utopian, when it is a matter of such things as the threefold order of the social organism.
[ 5 ] So ist es ja auch in vieler Beziehung gekommen: Viele Menschen, die heute über die Dreigliederung reden, rufen durchaus die Meinung hervor - durch die Art, wie sie reden —, daß es sich um irgendeine Ütopie handle, um irgend etwas, was man anstreben solle. Und da man immer die Meinung hat, dasjenige, was angestrebt werden soll, das müsse meistens erst kommen können in fünfzig, in hundert Jahren oder manche dehnen die Zeit noch länger aus -, so gestattet man sich dann auch, ganz unbewußt, über die Dinge so zu reden, als wenn sie eben erst in hundert oder fünfzig Jahren reif wären, heranzukommen. Man gleitet sehr bald von der Wirklichkeit ab und redet dann darüber: Wie wird ein Krämerladen eingerichtet sein beim dreigliedrigen sozialen Organismus? Wie wird das Verhältnis des einzelnen Menschen zur Nähmaschine sein im dreigliedrigen sozialen Organismus? — und so weiter. Diese Fragen werden ja wirklich in Fülle gestellt gegenüber einer Bestrebung, wie die zur Dreigliederung des sozialen Organismus eine ist. Gegenüber einer solchen Bestrebung, die mit allen ihren Wurzeln aus der Wirklichkeit herauskommt, sollte man durchaus nicht in dieser Weise utopistisch reden. Denn mindestens dieses Gefühl sollte man immer hervorrufen, daß ja die Dreigliederung des sozialen Organismus nichts ist, was man machen kann, machen kann in dem Sinne, wie man in irgendeinem Parlamente von der Art, wie zum Beispiel die Weimarische Nationalversammlung eines war, Staatsverfassungen macht. Die macht man! Aber in demselben Sinne kann man nicht sprechen vom Machen des dreigliedrigen sozialen Organismus.
[ 5 ] So it has also happened in many an instance that many people who lecture about the threefold idea today absolutely call forth the opinion, through the manner in which they speak, that it is some utopia or other that should be striven for. And, since one is always of the opinion that what should be striven for in most cases cannot be expected to come in less than fifty or a hundred years—or many extend the time even further—so one also allows oneself, quite unconsciously, to approach speaking about things as if they would first ripen in fifty or a hundred years. One glides away from the reality very soon, and then talks about it thus: How will a small shop be set up in the threefold social organism? What will be the relation of the single person to the sewing machine in the threefold social organism?—and so on. Such questions are really put in abundance to any endeavor such as the threefolding of the social organism. As regards such an endeavor, which with all of its roots comes out of reality, one should not at all speak in this utopian fashion. For one should always evoke at least this feeling: the threefold order of the social organism is nothing which can be "made" in the sense that state constitutions can be made in a parliament—of the kind for example, that the Weimar National Assembly was. These are made! But one cannot speak in the same sense of making the threefold social organism.
[ 6 ] Ebensowenig kann man davon sprechen, daß man organisieren soll, damit die Dreigliederung herauskäme. Was ein Organismus ist, das organisiert man eben nicht; das wächst. Es ist ja gerade das Wesen des Organismus, daß man ihn nicht zu organisieren hat, daß er sich selbst organisiert. Was man organisieren kann, ist kein Organismus. Mit diesen Empfindungen müssen wir von vornherein an die Dinge herangehen, sonst werden wir nicht die Möglichkeit des sachgemäßen Ausdrucks finden können.
[ 6 ] Just as little can one speak of "organizing" in order to produce the threefold order. That which is an organism, this one does not organize; this grows. It is just in the nature of an organism that one does not have to organize it, that it organizes itself. That which can be organized is no organism. We must approach things from the start with these feelings, otherwise we shall not have the possibility of finding the appropriate expression.
[ 7 ] Die Dreigliederung ist etwas, das ja einfach aus dem natürlichen Zusammenleben der Menschen folgt. Man kann dieses natürliche Zusammenleben der Menschen fälschen, indem man, wie es zum Beispiel in der neueren Geschichte der Fall gewesen ist, die Eigentümlichkeiten des einen Gliedes, des rechtlich-staatlichen Gliedes, auf die beiden anderen ausdehnt. Dann werden einfach diese beiden anderen Glieder korrumpiert, weil sie nicht gedeihen können, so wie jemand nicht gedeihen kann, wenn man ihm ein ungeeignetes Gewand anzieht, das ihm zu schwer ist oder dergleichen.
[ 7 ] The threefold order is something which indeed simply follows from the natural living together of people. One can falsify this natural living together of people—as has been the case, for example, in recent history—by extending the characteristic features of one member, the states-rights member, to both others. Then these two other members will simply become corrupted because they cannot prosper, just as someone cannot get on well in an unsuitable garment, that is too heavy, or the like.
[ 8 ] Im natürlichen Zusammenhang der Menschen lebt die Dreigliederung des sozialen Organismus, lebt das selbständige Geistesleben, lebt das Rechts- oder Staatsleben, das auf die Mündigkeit der Menschen gestellt ist, lebt auch das nur aus sich heraus sich gestaltende Wirtschaftsleben. Man kann dem Geistesleben und kann dem Wirtschaftsleben Zwangsjacken anlegen, obwohl man es nicht nötig hat; aber dann macht sich fortwährend ihr Eigenleben geltend, und was wir dann im Äußeren erleben, ist eben das Sich-geltend-Machen des Eigenlebens. Es ist also notwendig, aus der Natur des Menschen und aus der Natur des sozialen Zusammenlebens die Selbstverständlichkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus zu zeigen. Sehen wir doch, wie in Europa das Geistesleben durchaus selbständig und frei war bis zum 13., 14. Jahrhundert, wo man das, was freies, selbständiges Geistesleben war, zuerst in die Universitäten hineingeschoben hat. Sie finden gerade in dieser Zeit die Begründung der Universitäten, und die Universitäten schlüpften dann nach und nach wiederum in das Staatsleben hinein. So daß man sagen kann: Etwa vom 13. bis zum 16., 17. Jahrhundert schlüpfen die Universitäten in das Staatsleben hinein, und mit den Universitäten, ohne daß es ja eigentlich die Leute bemerkt haben, auch die übrigen Unterrichts- und Erziehungsanstalten. Sie sind ihnen einfach nachgefolgt. Das haben wir auf der einen Seite.
[ 8 ] It is in the natural relation of people that the threefold order of the social organism lives, that the independent spiritual life lives, that the rights or states life, regulated by the people's majority, lives, that the economic life, shaped solely out of itself, also lives. One can put strait jackets on the spiritual life, on the economic life, although one does not need them; but then its own life asserts itself continually nevertheless, and what we then experience outwardly is just this self-assertion. It is hence necessary to show that the threefolding of the social organism is implicit in the very nature of both the human being and the social life. We see that the spiritual life in Europe was entirely independent and free until the 13th or 14th centuries, when, what was the free, independent spiritual life was first pushed into the universities. In this time you find the founding of the universities, and the universities then in turn slip by and by into the life of state. So that one can say: From about the 13th to the 16th or 17th century, the universities slip into the states-life, and with the universities, also the remaining educational institutions, without people really noticing it. These other institutions simply followed. This we have on the one hand.
[ 9 ] Und auf der anderen Seite haben wir ungefähr bis zu demselben Zeitalter das freie wirtschaftliche Walten, das seinen eigentlichen mitteleuropäischen Ausdruck gefunden hat in den freien wirtschaftlichen Dorfgemeinschaften. Und wie das freie Geistesleben hineingeschlüpft ist in die Universitäten, die zuerst lokalisiert sind und die dann unterschlüpfen unter den Staat, so bekommt dasjenige, was wirtschaftliche Organisation ist, zuerst eine gewisse Verwaltung im rechtlichen Sinn, indem die Städte immer mehr und mehr auftauchen und die Städte nun dieses wirtschaftliche Leben zunächst organisieren, während es früher gewachsen ist, als die Dorfgemeinden tonangebend waren. Und dann sehen wir, wie nun auch immer wieder mehr und mehr dasjenige, was in den Städten zentralisiert war, unterkriecht in die größeren Territorien der Staaten. Wir sehen also, wie die Tendenz der neueren Zeit darauf hinausgeht, auf der einen Seite das Geistesleben, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben unterkriechen zu lassen in die Staaten, die immer mehr und mehr den Charakter der nach römischem Rechte konstituierten Gebiete annehmen. Das war eigentlich die Entwickelung in der neueren Zeit.
[ 9 ] On the other hand, until about the same period, we have free economic rule that found its true, middle-European expression in the free economic village communities. As the free spiritual life slipped into the universities, which are localized at first, and which later find shelter in the state, so does that which is the economic organization first receive a certain administration in the “rights” sense, when the cities emerge more and more. Then the cities, in the first place, organize this economic life, while earlier, when the village communities were setting the pace, it had grown freely. And then we see how increasingly, that which was centralized in the cities seeks protection in the larger territories of the states. Thus we see how the tendency of modern times ends in letting the spiritual life on the one hand, the economic life on the other, seek the protection of states which increasingly take on the character of domains constituted according to Roman law. This was actually the development in modern times.
[ 10 ] Und an dem Punkte der geschichtlichen Entwickelung sind wir angelangt, wo es so nicht mehr weitergeht, wo sich wiederum ein Herz und ein Sinn entwickeln muß für freies Geistesleben, weil einfach der Geist nicht fortschreitet, wenn er in der Zwangsjacke ist, weil er nur scheinbar fortschreitet, in Wahrheit aber dennoch zurückbleibt, niemals wirkliche Geburten, sondern höchstens Renaissancen feiern kann. Und ebenso ist es mit dem Wirtschaftsleben. Wir stehen eben heute einfach in dem Zeitalter, wo wir die Bewegung, die sich gerade in der zivilisierten Welt Europas mit ihrem amerikanischen Anhange entwikkelt hat, unbedingt rückgängig machen müssen, wo die entgegengesetzte Richtung einsetzen muß. Denn dasjenige, was eine Zeitlang sich fortentwickelt hat, muß an einem Punkt ankommen, wo etwas Neues einsetzen muß. Sonst kommt man in die Gefahr, es ebenso zu machen, wie man es machen würde, wenn eine Pflanze wachsen sollte und man sagen würde, man läßt sie nicht zum Keimen kommen, sondern sie soll weiter wachsen, sie soll immer weiter, weiter blühen. Nicht wahr, so würde sie wachsen: eine Blüte hervorbringen; jetzt keinen Keim, sondern wieder eine Blüte, wieder eine Blüte und so fort. Es ist also durchaus notwendig, daß man sich in diese Dinge ganz innerlich hineinfindet, und daß man ein Gefühl entwickelt für den historischen Wendepunkt, auf dem wir heute stehen.
[ 10 ] We have reached that point in historical development where things can go no further like this, where a sense and a feeling for free spiritual life must once again be developed. When in a strait jacket, the spirit simply does not advance; because it only apparently advances, but in truth still remains behind—can never celebrate real births, but at most renaissances. It is just the same with the economic life. Today we simply stand in the age in which we must absolutely reverse the movement which has developed in the civilized world of Europe with its American annex, the age in which the opposite direction must set in. For what has gone on developing for a time must reach a point at which something new must set in. Otherwise one runs into the danger of doing as one would when, with a growing plant, one were to say it should not be allowed to come to fruition, it should grow further, it should keep blooming on and on.—Then it would grow thus: bring forth a flower; then no seed, but again a flower, again a flower, and so on. Therefore it is absolutely necessary to familiarize oneself inwardly with these things, and to develop a feeling for the historical turning point at which we stand today.
[ 11 ] Aber geradeso wie in einem Organismus jede Einzelheit notwendig so geformt ist, wie sie eben geformt ist, so ist in der Welt, in der wir leben und an der wir mitgestalten, alles so zu formen, wie es im Sinne des Ganzen an seinem Orte geformt werden muß. Sie können sich nicht denken, wenn Sie real denken, daß Ihr Ohrläppchen auch nur im allergeringsten anders geformt wäre, als es eben ist in Gemäßheit Ihres ganzen Organismus. Wäre Ihr Ohrläppchen nur ein bißchen anders geformt, dann müßten Sie auch eine ganz andere Nase, Sie müßten andere Fingerspitzen haben und so weiter. Und so muß auch die Rede, in die sich etwas ergießt, was wirklich neue Formen annimmt, durchaus — so wie das Ohrläppchen im Sinne des ganzen Menschen geformt ist - im Sinne der ganzen Sache gehalten sein.
[ 11 ] But, just as in an organism every detail is necessarily formed as it is, so is everything in the world in which we live and which we help to shape, to be formed as it must be in its place in the sense of the whole. You cannot imagine, if you think realistically, that your ear lobe could be formed the very least bit differently from what it is, in conformity with your whole organism. Were your ear lobe only the least bit differently formed, then you would also have to have quite a different nose, different fingertips, and so forth. And just as the ear lobe is formed in the sense of the whole human being, so must also the lecture in which something flows be given—in the sense of the whole subject—that lecturing which is truly taking on new forms.
[ 12 ] Sie kann nicht gehalten sein in der Art, die man lernen kann etwa von der Predigtrede. Denn die Predigtrede, wie wir sie heute noch immer haben, beruht auf der Tradition, die eigentlich zurückgeht bis in den alten Orient; und sie beruht ja auf einer besonderen Stellung, welche der ganze Mensch im alten Orient zu der Sprache hatte. Diese Eigentümlichkeit ist dann fortgesetzt worden, so daß sie lebte in einer gewissen freien Weise in Griechenland, lebte in Rom und heute ihr letztes Aufflackern am deutlichsten zeigt in dem besonderen Verhältnis, das der Franzose zu seiner Sprache hat. Nicht als ob ich damit sagen wollte, daß jeder Franzose predigt, wenn er spricht, aber ein ähnliches Verhältnis, wie es sich aus dem orientalischen Verhältnis zur Sprache entwickeln mußte, lebt durchaus noch in der französischen Handhabung der Sprache weiter fort, nur eben durchaus in abschüssiger Bewegung.
[ 12 ] Such a lecture cannot be delivered in the manner which one could perhaps learn from the sermon-lecture. For the sermon-lecture as we still have it today, rests on the tradition which really goes back to the old Orient,—on a special attitude which the whole human being in the old Orient had toward speech. This characteristic was continued, so that it lived in a certain free way in Greece, lived in Rome, and shows its last spark most clearly in the particular relationship which the Frenchman has to his language. Not that I want to imply that every Frenchman preaches when he speaks; but a similar relationship, such as had to develop out of the oriental relationship to language still continues to live on in a definite way in the French handling of speech, only entirely in a declining movement.
[ 13 ] Dieses Element, zu dem wir da hinschauen können in bezug auf das Sprachliche, das ist zum Ausdrucke gekommen, als man das Reden noch etwa so lernte, wie man es dann später, aber schon im Verfallsstadium, lernen konnte von den Professoren, die eigentlich durchaus wie Mumien aus alten Zeiten weiterlebten, und die den Titel trugen «Professor für Eloquenz». Es war in früheren Zeiten fast an jeder Universität, an jeder Schule, auch an den Seminarien und so weiter, solch ein Professor für Eloquenz, für Rhetorik. Der berühmte Curtius in Berlin führte eigentlich offiziell noch den Titel «Professor für Eloquenz». Aber die Geschichte ist ihm zu dumm geworden und er hat nicht Eloquenz vorgetragen, sondern hat sich als Professor für Eloquenz nur dadurch gezeigt, daß er vom Professorenkollegium immer ausgeschickt worden ist bei festlichen Gelegenheiten, weil das immer die Aufgabe des Professors für Eloquenz war. Da hat es sich Curtius allerdings sehr angelegen sein lassen, seine Aufgabe für solche festlichen Gelegenheiten dadurch zu lösen, daß er die alten Regeln der Eloquenz möglichst wenig berücksichtigt hat. Im übrigen war es ihm zu dumm, Professor der Eloquenz zu sein in Zeiten, in die eben Professoren der Eloquenz nicht mehr hineinpassen, und er hat Kunstgeschichte, griechische Kunstgeschichte vorgetragen. Aber im Universitätsverzeichnis war er angeführt als «Professor der Eloquenz». Das weist uns zurück auf ein Element, das im Reden in den alten Zeiten durchaus vorhanden war.
[ 13 ] This element which we can observe here in regard to language came to expression when one still learned speaking from the professors, as one could later, but now in the declining phase—professors who really continued to live on as mummies of ancient times and bore the title, “professor of elocution”. In former times, at almost every university, in every school, also in seminaries and so on there was such a professor of elocution, of rhetoric. The renowned Curtius1Ernst Curtius, 1814–1896, archeologist and historian. of Berlin actually still bore the title “professor of elocution” officially. But the whole affair became too dull for him, and he did not lecture on elocution, but only demonstrated himself as a professor of elocution through being sent out by the faculty council on ceremonial occasions, since that was always the task of the professor of elocution. Nevertheless, in this Curtius made it his business to discharge his duties at such ceremonial occasions by paying as little regard as possible to the ancient rules of eloquence. For the rest, it was too dull for him to be a professor of elocution in times in which professors of elocution did not fit in any more, and he lectured on art history, on the history of Greek art. But in the university catalog he was listed as “professor of elocution”. This refers us back to an element that was present everywhere in speech in olden times.
[ 14 ] Nun, wenn wir etwas, was ganz besonders charakteristisch ist, die Ausbildung des Redens für die mitteleuropäischen Sprachen, also für das Deutsche etwa, nehmen, so hat ja alles, was man im ursprünglichen Sinne mit dem Wort Eloquenz bezeichnen kann, nicht den allergeringsten Sinn. Denn in diese Sprachen ist schon etwas eingeflossen, was durchaus anders ist als dasjenige, was dem Reden in den Zeiten eigen war, wo man die Eloquenz ernst nehmen mußte. Für die griechische, für die lateinische Sprache gibt es Eloquenz. Für die deutsche Sprache ist eine Eloquenz etwas ganz Unmögliches, wenn man innerlich auf das Wesenhafte sieht.
[ 14 ] Now, when we consider what is quite especially characteristic in the training of speech for the middle European languages, for German, for example, then indeed everything denoted in the original sense by the word “elocution” has not the least meaning. For something flowed into these languages that is entirely different from that which was peculiar to speaking in the times when elocution had to be taken seriously. In the Greek and Latin languages there is elocution. In the German language elocution is something quite impossible, when one looks inwardly at the essential.
[ 15 ] Nun leben wir aber heute durchaus in einem Übergange. Das kann auch nicht fortgebraucht werden, was etwa das Redeelement der deutschen Sprache war. Es muß durchaus versucht werden, aus diesem Redeelement herauszukommen und in ein anderes Redeelement hineinzukommen. Und das ist mit die Aufgabe, die in einem gewissen Sinne zu lösen hat, wer über Anthroposophie oder Dreigliederung heute fruchtbar reden soll. Denn erst, wenn eine größere Anzahl von Menschen so zu reden vermag, werden Anthroposophie und Dreigliederung in der Offentlichkeit auch in einzelnen Vorträgen richtig verstanden werden, während nicht wenige sind, die nur ein Pseudoverständnis und Pseudobekenntnisse entwickeln.
[ 15 ] Today, however, we are living definitely in a time of transition. That which was the speech element of the German language cannot continue to be used. Every attempt must be made to come out of this speech element and to come into a different speech element. This also is the task, in a certain sense, to be solved by him who would speak productively about Anthroposophy or the threefold idea. For only when a fairly large number of people are able to speak in this way, will Anthroposophy and the threefold idea be rightly understood in public, even in single lectures. Meanwhile, there are not a few who develop only a pseudo-understanding and pseudo-avowal for these.
[ 16 ] Wenn wir zurückblicken auf das besondere Element, das in bezug auf das Reden in den Zeiten vorhanden war, aus denen sich erhalten hat die Handhabung der Eloquenz, so müssen wir sagen: Da war es so, daß die Sprache wie herauswuchs aus dem Menschen, in ganz naiver Weise, wie seine Finger wachsen, wie seine zweiten Zähne wachsen. Im Nachahmungsprozeß ergab sich das Sprechen, ergab sich die Sprache mit ihrer ganzen Organisation. Und man kam erst nach der Sprache zu dem Gebrauch des Denkens.
[ 16 ] If we look back on the special element in regard to speaking which was present in the times out of which the handling of elocution was preserved, we must say: then it was as if language grew out of the human being in quite a naive way, as his fingers grow, as his second teeth grow. From the imitation process speaking resulted, and language with its whole organization. And only after one had language did one come to the use of thinking.
[ 17 ] Und nun war es so, daß der Mensch, wenn er zu anderen Menschen unter irgendeiner Aufgabe sprach, darauf zu sehen hatte, daß das innere Erlebnis, das Gedankenerlebnis gewissermaßen einschnappte in die Sprache. Die Satzfügung war da. Sie war in einer gewissen Weise elastisch und dehnbar. Und innerlicher als die Sprache war das Gedankenelement. Man erlebte das Gedankenelement als etwas Innerlicheres als die Sprache und ließ es dann einschnappen in die Sprache, so daß es hineinpaßte, geradeso wie man in den Marmor hineinpaßt, was man als die Idee irgendeiner Statue oder dergleichen hat. Es war durchaus ein künstlerisches Bearbeiten der Sprache. Es hatte sogar die Art und Weise, wie man auch im Prosaischen zu sprechen hatte, etwas Ähnliches mit dem, wie man sich im Poetischen auszudrücken hatte. Rhetorik, Eloquenz hatten Regeln, die gar nicht unähnlich waren den Regeln des poetischen Ausdruckes. Ich möchte hier, damit ich nicht mißverstanden werde, einfügen, daß die Entwickelung der Sprache nicht etwa die Poesie ausschließt. Was ich jetzt sage, sage ich für ältere Arten des Ausdruckes, und ich bitte, das nicht so aufzufassen, als wenn ich behaupten wollte, heute könne es überhaupt nicht mehr Poesie geben. Wir haben nur nötig, die Sprache in der Poesie anders zu behandeln. Aber das gehört ja nicht hierher; das möchte ich nur in Parenthese einfügen, damit ich nicht mißverstanden werde.
[ 17 ] And now it transpired that the human being when speaking to others about any problem had to see that the inner experience, the thought experience, to a certain extent clicked [einschnappte] into the language. The sentence structure was there. It was in a certain way elastic and flexible. And, more inward than the language was the thought element. One experienced the thought element as something more inward than the language, and let it click into the language, so that it fitted into it just as one fits the idea of a statue or the like into marble. It was entirely an artistic treatment of the language. Even the way in which one was meant to speak in prose had something similar to the way in which one was to express oneself in poetry. Rhetoric and elocution had rules which were not at all unlike the rules of poetic expression. (So as not to be misunderstood, I should like to insert here that the development of language does not exclude poetry. What I now say, I say for older arts of expression, and I beg you not to interpret it as if I wanted to assert that there can be no more poetry at all today. We need but treat the language differently in poetry. But that does not belong here; I wanted to insert this only in parenthesis, that I might not be misunderstood.)
[ 18 ] Und wenn wir nun fragen: Wie hatte man also in dieser Zeit zu sprechen, in welcher der Gedanke, der Empfindungsgehalt in die Sprache einschnappte? — Man hatte schön zu sprechen! Das war die erste Aufgabe: schön zu sprechen. Schön sprechen kann man daher eigentlich auch nur lernen, indem man sich vertieft in die alte Art zu sprechen. Schön zu sprechen hatte man. Und das schöne Sprechen ist durchaus eine Gabe, welche der Menschheit aus dem Oriente zukommt. Man möchte sagen: Schön zu sprechen hatte man bis dahin, daß man eigentlich als Ideal des Sprechens angesehen hat das Singen, das Singen der Sprache. Und nur eine Form dieses Schönsprechens ist das Predigen, wobei manches abgestreift ist von dem Schönsprechen. Denn das volle Schönsprechen ist das kultische Sprechen. Gießt sich das kultische Sprechen in die Predigt aus, so ist schon manches abgestreift. Aber immerhin ist die Predigt eine Tochter des Schönsprechens im Kultus.
[ 18 ] And when we now ask: How was one then supposed to speak in the time in which the thought and feeling content clicked into the language? One was supposed to speak beautifully! That was the first task: to speak beautifully. Hence, one can really only learn to speak beautifully today when one immerses oneself in the old way of speaking. There was beautiful speaking. And speaking beautifully is definitely a gift which comes to man from the Orient. It might be said: There was speaking beautifully to the point that one really regarded singing, the singing of language, as the ideal of speaking. Preaching is only a form of beautiful speaking stripped of much of the beautiful speaking. For, wholely beautiful speaking is cultic speaking. When cultic speaking pours itself into a sermon, then much is lost. But still, the sermon is a daughter of the beautiful speaking found in the cult.
[ 19 ] Die zweite Form, die dann insbesondere ja in der deutschen Sprache und in ähnlichen Sprachen zum Ausdruck gekommen ist, ist diese, die eigentlich gar nicht bedingt ist, so daß man gar nicht mehr recht unterscheiden kann zwischen dem Worte und dem Begreifen, dem Worte und dem Gedankenerlebnis; das Wort ist abstrakt geworden, so daß es selbst wie eine Art Gedanke sich ausnimmt. Es ist das Element, wo abgestreift ist das Verständnis für die Sprache selbst. Es kann nicht mehr einschnappen, weil man das Einschnappende und dasjenige, in das eingeschnappt werden soll, schon von vornherein wie Eines empfindet.
[ 19 ] The second form which has come into evidence, especially in German and in similar languages, is that in which it is no longer possible to distinguish properly between the word and the grasping of the thought conveyed—the word and the thought experience; the word has become abstract, so that it exempts itself, like a kind of thought. It is the element where the understanding for language itself is stripped off. It can no longer have something click into it, because one feels at the very outset that what is to be clicked in and the word vehicle into which something is to click are one.
[ 20 ] Wer ist sich denn heute im Deutschen zum Beispiel klar, wenn er aufschreibt «Begriff», daß dies das substantivierte Begreifen ist, das Be-greifen, das Greifen mit einer Vorsilbe ist also, das Greifen an etwas ausführen, daß «Begriff» also nichts anderes ist als das substantivierte gegenständliche Anschauen? In einer Zeit ist der Begriff «Begriff» gebildet worden, als man noch eine lebendige Empfindung hatte von dem Ätherleibe, der die Dinge angreift. So daß man dazumal wirklich den Begriff des Begriffes bilden konnte, weil das Angreifen mit dem physischen Leibe eben nur ein Bild ist von dem Angreifen mit dem Ätherleibe.
[ 20 ] For who today is clear, for example in German, when he writes down “Begriff” [concept], that this is the noun form of begreifen [to grasp; to comprehend] be-greifen (greifen with a prefix) is thus das Greifen an etwas ausfuehren [the carrying out of the grasping of something]—that “Begriff” is thus nothing other than the noun form for objective perceiving? The concept “Begriff” was formed at a time when there was still a living perception of the ether body, which grasps things. Therefore one could then truly form the concept of Begriff, because grasping with the physical body is merely an image of grasping with the ether body.
[ 21 ] Aber, um in dem Worte Begriff das Begreifen zu hören, dazu gehört ja, daß man die Sprache als einen eigenen Organismus empfindet. In dem Elemente des Sprechens, von dem ich jetzt berichte, da schwimmt ja Sprache und Begriff immer durcheinander, da ist gar nicht jene scharfe Trennung, die einst im Oriente vorhanden war, wo die Sprache ein Organismus ist, mehr äußerlich ist, und das, was sich ausspricht, innerlich lebt. Und einschnappen mußte beim Reden das innerlich Lebende in die sprachliche Form, und zwar so einschnappen, daß das innerlich Lebende der Inhalt ist, und das, worin es einschnappte, die äußere Form. Und dieses Einschnappen mußte im Sinne des Schönen geschehen, so daß man also ein wirklicher Sprachkünstler ist, wenn man reden will.
[ 21 ] But, in order to hear Begreifen in the word Begriff it is necessary to feel speech as an organism of one's own. In the element of speaking which I am now giving an account of, language and concept always swim through one another. There is not at all that sharp separation which was once present in the Orient, where the language was an organism, was more external, and that which declared itself lived inwardly. What lived inwardly had to click into the linguistic form in speaking; that is, click in so that what lives inwardly is the content, and that into which it clicked was the outer form. And this clicking-in had to happen in the sense of the beautiful, so that one was thus a true speech artist when one wanted to speak.
[ 22 ] Das ist nicht mehr der Fall, wenn man zum Beispiel keine Empfindung mehr dafür hat, zu unterscheiden zwischen Gehen und Laufen in bezug auf das Sprachliche als solches. Gehen: zwei e, man wandelt dahin, ohne daß man sich dabei anstrengt; e ist immer der Empfindungsausdruck für die geringe Teilnahme, die man hat an der eigenen Tätigkeit. Wenn man ein au im Worte hat, da ist diese Teilnahme gesteigert. Beim Laufen kommt es auch zum Schnaufen, wo derselbe Vokal drinnen ist. Da kommt das Innere in Aufruhr. Da muß ein Laut da sein, der diese Modifikation des Inneren andeutet. Aber das alles ist ja heute nicht mehr da; die Sprache ist abstrakt geworden. Sie ist wie die dahinfließenden Gedanken selber für das ganze mittlere und namentlich auch für das westliche Gebiet der Zivilisation.
[ 22 ] This is no longer the case when, for example, one has no feeling any more for differentiating between Gehen [to go] and Laufen [to run] in relation to language as such. Gehen: two e's—one walks thither without straining oneself thereby; e is always the feeling expression for the slight participation one has in one's own activity. If there is an au in the word, this participation is enhanced. From running (Laufen) comes panting (Schnaufen) which has the same vowel sound in it. With this one's insides come into tumult. There must be a sound there that intimates this modification of the inner being. But all this is indeed no longer there today; language has become abstract. It is like our onward-flowing thoughts themselves—for the whole middle region, and especially also for the western region of civilization.
[ 23 ] In jedem einzelnen Worte ist es möglich, ein Bild, eine Imagination zu schauen, und in diesem Bilde kann man so leben wie in etwas relativ Objektivem. Derjenige, der noch in älteren Zeiten der Sprache gegenübergestanden hat, der wird ebensowenig in die Lage gekommen sein, die Sprache als etwas zu betrachten, das nicht objektiv mit ihm verbunden gewesen wäre und in das das Subjektive sich hineinergossen hätte, wie er niemals aus dem Auge verloren hat, daß sein Rock etwas Objektives ist und nicht mit seinem Leibe als eine andere Haut zusammengewachsen ist.
[ 23 ] It is possible to behold a picture, an imagination in every single word; and one can live in this picture as in something relatively objective. He who faced language in earlier times considered it as something objective into which the subjective was poured. He would as little not have regarded it so, as he would have lost sight of the fact that his coat is something objective, and is not grown together with his body as another skin.
[ 24 ] Die zweite Stufe der Sprache dagegen nimmt ja überhaupt den ganzen Organismus der Sprache wie eine andere Haut der Seele, während die Sprache vorher viel loser, ich möchte sagen, wie ein Kleid da war. Ich spreche jetzt von der Stufe der Sprache, bei der nicht mehr in erster Linie in Betracht kommt, schön zu sprechen, sondern richtig zu sprechen, bei der es sich nicht um Rhetorik und Eloquenz, sondern um Logik handelte, in der die Grammatik selber so weit logisch wurde, daß man ja einfach - und zwar kommt das seit Aristoteles’ Zeiten langsam herauf — aus den grammatikalischen Formen die logischen entwickelte, von den grammatikalischen die logischen abstrahierte. Es ist ja alles da zusammengeschwommen: Gedanke und Wort. Der Satz ist dasjenige, woran man das Urteil entwickelt. Aber das Urteil ist ja eigentlich in dem Satze so gelegen, daß man es nicht mehr innerlich selbständig erlebt. Richtigsprechen, das ist die Signatur geworden.
[ 24 ] As against this, the second stage of language takes the whole organism of language as another son' skin, whereas formerly language was much more loosely there, I should like to say, like a garment. I am speaking now of the stage of language in which speaking beautifully is no longer taken into first consideration, but rather speaking correctly. In this it is not a question of rhetoric and elocution, but of logic. With this stage, which has come up slowly since Aristotle's time, grammar itself became logical to the point that the logical forms were simply developed out of the grammatical forms—one abstracted the logical from the grammatical. Here all has swum together: thought and word. The sentence is that out of which one evolves the judgment. But the judgment is in truth so laid into the sentence that one no longer experiences it as inherently independent. Correct speaking, this has become the criterion.
[ 25 ] Nun aber sehen wir heute schon ein neues Element des Sprechens heraufkommen, nur überall am falschen Ort angewendet, auf ein ganz falsches Gebiet übertragen. Das Schönsprechen verdankt die Menschheit dem Orient. Das Richtigsprechen liegt im mittleren Gebiet der Zivilisation. Und nach dem Westen müssen wir hinschauen, wenn wir das dritte Element suchen.
[ 25 ] Further, we see a new element in speaking arising, only used everywhere at the wrong point—carried over to a quite wrong domain. Beautiful speaking humanity owes to the Orient. Correct speaking lies in the middle region of civilization. And we must look to the West when seeking the third element.
[ 26 ] Aber in diesem Westen kommt es zunächst ganz korrumpiert herauf. Wie kommt es herauf? Nun, zunächst ist die Sprache abstrakt geworden. Was Wortorganismus ist, das ist fast schon Gedankenorganismus. Und im Westen hat sich das allmählich so gesteigert, daß man es dort vielleicht sogar für spaßhaft ansehen würde, solche Dinge noch zu erörtern. Aber es ist schon, auf einem ganz falschen Gebiete, der Fortschritt durchaus vorhanden.
[ 26 ] But in the West it arises first of all quite corrupted. How does it arise? Well, in the first place, language has become abstract. That which is the word organism is already almost thought-organism. And this has gradually increased so much in the West, that there it would perhaps even be regarded as facetious to discuss such things. But, in a completely wrong domain, the advance already exists.
[ 27 ] Sehen Sie, in Amerika hat sich aufgetan gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine philosophische Richtung, welche «Pragmatismus» genannt wird. In England hat man sie dann «Humanismus» genannt. James ist der Vertreter in Amerika, Schiller der Vertreter in England. Es sind dann Persönlichkeiten da, die nun schon daran sind, diese Dinge etwas zu erweitern. So gebührt das Verdienst, gerade diesen Begriff des Humanismus in einem sehr schönen Sinne erweitert zu haben, dem neulich hier anwesend gewesenen Professor Mackenzie.
[ 27 ] You see, in America, just in the last third of the 19th century, a philosophical trend called “pragmatism” has appeared. In England it has been called “humanism.” James2William James. 1842–1910, American philosopher. is its representative in America, Schiller3F. C. S. Schiller. 1864–1937. Representative of pragmatism in England which he combined with humanism. in England. Then there are personalities who have already gone about extending these things somewhat. The merit of extending this concept of humanism in a very beautiful sense is due to Professor MacKenzie4S. MacKenzie, born 1560. Professor in Cardiff. who was recently here.
[ 28 ] Worauf laufen diese Bestrebungen denn hinaus? Ich meine jetzt den amerikanischen Pragmatismus und den englischen Humanismus. Sie gehen hervor aus einer vollständigen Skepsis gegenüber der Erkenntnis: Wahrheit ist etwas, was es eigentlich gar nicht gibt! Wenn wir zwei Behauptungen aufstellen, so stellen wir sie eigentlich aus dem Grunde auf, um im Leben Richtpunkte zu haben. Von einem «Atom» zu sprechen — man kann nicht irgendeinen besonderen Wahrheitsgrund dafür aufbringen; aber es ist nützlich, in der Chemie die Atomtheorie zugrunde zu legen; also stellen wir den Begriff des Atoms auf. Er ist brauchbar, er ist nützlich. Es gibt keine andere Wahrheit als eine solche, die in nützlichen, für das Leben brauchbaren Begriffen lebt. «Gott», ob es ihn gibt oder nicht, darauf kommt es nicht an. Wahrheit, das ist so irgend etwas, was uns nichts angeht. Doch es läßt sich nicht gut leben, wenn man nicht den Begriff «Gott» aufstellt; es läßt sich wirklich gut leben, wenn man so lebt, als ob es einen Gott gäbe. Also stellen wir ihn auf, weil es ein für das Leben brauchbarer, nützlicher Begriff ist. Ob die Erde im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie begonnen hat und im Sinne der mechanischen Wärmetheorie enden wird, vom Wahrheitsstandpunkt aus weiß kein Mensch etwas darüber - ich referiere jetzt bloß -, aber es ist nützlich für unser Denken, sich den Anfang der Erde und das Ende der Erde so vorzustellen. Das ist die pragmatistische Lehre von James und auch im wesentlichen die humanistische Lehre von Schiller. Schließlich weiß man auch gar nicht, ob der Mensch nun wirklich, wenn man vom Wahrheitsstandpunkt ausgeht, eine Seele hat. Darüber kann man diskutieren bis ans Ende der Welt, ob es eine Seele gibt oder nicht, aber nützlich ist es, wenn man all das, was der Mensch da im Leben ausführt, begreifen will, eine Seele anzunehmen.
[ 28 ] To what do these endeavors lead?—I mean now, American pragmatism and English humanism. They arise from a complete skepticism about cognition: Truth is something that really doesn't exist! When we make two assertions, we actually make them fundamentally in order to have guide-points in life. To speak about an “atom”—one cannot raise any particular ground of truth for it; but it is useful to take the atom theory as a basis in chemistry; thus we set up the atom concept! It is serviceable, it is useful. There is no truth other than that which lives in useful, life-serviceable concepts. “God,” if he exists or not, this is not the question. Truth, that is something or other which is of no concern to us. But it is hard to live pleasantly if one does not set up the concept of God; it is really good to live, if one lives as if there were a God. So, let us set it up, because it's a serviceable, useful concept for life. Whether the earth began according to the Kant-Laplace theory and will end according to the mechanical warmth theory, from the standpoint of truth, no human being knows anything about this—I am now just simply reporting—, but it is useful for our thinking to represent the beginning and end of the earth in this way. This is the pragmatic teaching of James, and also in essence,the humanistic teaching of Schiller. Finally, it is also not known at all whether the human being now, proceeding from the standpoint of truth, really has a soul. That could be discussed to the end of the world, whether there is a soul or not, but it is useful to assume a soul if one wants to comprehend all that the human being carries out in life.
[ 29 ] Natürlich, es verbreitet sich alles das, was da an einem Orte heute in unserer Zivilisation auftritt, wiederum über die anderen Orte. Und für solche Dinge, die instinktiv im Westen aufgetreten sind, mußte der Deutsche etwas finden, was nun mehr begrifflich ist, was sich leichter begrifflich durchschauen läßt. Und daraus entstand die Philosophie des «Als Ob»: Ob es ein Atom gibt oder nicht, darauf kommt es nicht an; wir betrachten die Erscheinungen so, «als ob» es ein Atom gäbe. Ob das Gute sich realisieren kann oder nicht, darüber kann man nicht entscheiden; wir betrachten das Leben so, «als ob» das Gute sich realisieren könnte. Ob es einen Gott gibt oder nicht, darüber könnte man ja bis ans Ende der Welt streiten; wir betrachten aber das Leben so, daß wir handeln, «als ob» es einen Gott gäbe. Da haben Sie die «Als Ob»-Philosophie.
[ 29 ] Of course, everything that appears today in our civilization in one place spreads to other places. For such things which arose instinctively in the West, the German had to find something more conceptual, that permits of being more easily seen through conceptually; and from this the “As If” philosophy originated: whether there is an atom or not is not the question; we consider the phenomena in such a way “as if” there was an atom. Whether the good can realize itself or not, cannot be decided; we consider life in such a way “as if” the good could realize itself. One could indeed quarrel to the end of the world about whether or not there is a God: but we consider life in such a way that we act “as if” there were a God. There you have the “As If” philosophy.
[ 30 ] Man beachtet diese Dinge wenig, weil man sich denkt: Nun ja, da sitzt in Amerika der James mit seinen Schülern, da sitzt Schiller in England mit seinen Schülern; da ist der Vaihinger, der die Philosophie des «Als Ob» geschrieben hat: das sind so ein paar Käuze, die leben so in einer Art Wolkenkuckucksheim, und was geht das die anderen Menschen an!
[ 30 ] One pays little attention to these things because one imagines: there in America James sits with his pupils, there in England Schiller sits with his pupils; there is Vaihinger, who wrote the “As If” philosophy: there are a few owls who live in a kind of cloud-castle, and of what concern is it to other people!
[ 31 ] Wer aber das Ohr dafür hat, der hört heute die «Als Ob»-Philosophie schon überall anklingen: Fast alle Menschen reden im Sinne der «Als Ob»-Philosophie. Die Philosophen sind nur ganz spaßige Kerle. Die plauschen immer das aus, was die anderen Menschen unbewußt machen. Wenn man unbefangen genug dazu ist, so hört man heute nur selten einen Menschen, der seine Worte noch anders gebraucht, im Zusammenhang mit seinem Herzen und mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Menschen, der anders spricht, als wie wenn die Sache so wäre, wie er sie ausdrückt. Man hat nur gewöhnlich nicht das Ohr dafür, im Klang und in der Farbentönung des Sprechens zu hören, daß dieses «Als Ob» drinnen lebt, daß im Grunde genommen die Menschen schon über die ganze Zivilisation hin von diesem «Als Ob» ergriffen sind.
[ 31 ] Whoever has the ear for it, however, already hears the “As If” philosophy sounding everywhere today. Almost all human beings talk in the sense of the “As If” philosophy. The philosophers are only quite funny fellows. They always blab out what other people do unconsciously. If one is sufficiently unprejudiced for it, then one only seldom hears a human being today who still uses his words differently, in connection with his heart and with his whole soul, with his whole human being, who speaks differently than as though the matter were as he expresses it. One only does not usually have the ear to hear within the sound and the tone-color of the speaking that this “As If” lives in it,—that fundamentally people over the whole of civilization are seized by this “As If.”
[ 32 ] Aber so, wie sonst die Dinge am Ende in Korruption kommen, zeigt sich da etwas korrumpiert am Anfange, was nun gerade in einem höheren Sinne entwickelt werden muß für die Handhabung der Rede in Anthroposophie, in Dreigliederung und so weiter. So ernst, so wichtig sind diese Dinge, daß wir über sie eigentlich extra reden sollten. Denn es wird sich darum handeln, daß wir die Trivialität «Wir gebrauchen Begriffe, weil sie nützlich sind für das Leben», daß wir diese Trivialität einer materialistischen Utilitätstheorie ins Ethische hinaufheben und vielleicht durch das Ethische ins Religiöse. Denn die Aufgabe steht vor uns, wenn wir wirken wollen im Sinne von Anthroposophie und von Dreigliederung, daß wir hinzulernen zu dem, was wir aus der Geschichte uns aneignen können — zu dem Schönsprechen, zu dem Richtigsprechen -, das Gutsprechen, daß wir ein Ohr erhalten für das Gutsprechen.
[ 32 ] Whereas things usually come to be corrupted at the end, here something shows itself to be corrupted at the beginning, something that in a higher sense must be developed for handling of speech in Anthroposophy, in the threefold order and so on. These things are so earnest, so important, that we really should speak specially about them. For it will be a question of elevating the triviality, “We need concepts because they are useful for life,” this triviality of a materialistic, utilitarian theory, of raising it up to the ethical, and perhaps through the ethical to the religious. For, if we want to work in the sense of Anthroposophy and the threefold order, we have before us the task of learning good speaking, in addition to the beautiful speaking and the correct speaking which we can acquire from history. We must maintain an ear for good speaking.
[ 33 ] Ich habe bis jetzt wenig bemerkt, daß es aufgefallen ist, wenn ich im Verlaufe meiner Vorträge hingewiesen habe — ich habe es sehr häufig getan — auf dieses in diesem Sinne Gutsprechen, indem ich immer gesagt habe, es komme heute nicht allein darauf an, daß dasjenige, was man sagt, im logisch-abstrakten Sinne richtig ist, sondern es komme darauf an, daß in einem gewissen Zusammenhang etwas gesagt wird, oder auch unterlassen wird zu sagen, nicht gesagt wird in diesem Zusammenhange; daß man ein Gefühl dafür entwickelt, daß etwas nicht nur richtig sein soll, sondern daß es in seinem Zusammenhang drinnen gerechtfertigt ist, daß es gut sein kann in einem gewissen Zusammenhange, oder schlecht sein kann in einem gewissen Zusammenhange. Wir müssen lernen, über die Rhetorik, über die Logik hinaus eine wirkliche Ethik des Sprechens. Wir müssen wissen, wie wir uns in einem gewissen Zusammenhange Dinge erlauben dürfen, die in einem anderen Zusammenhange gar nicht gestattet wären.
[ 33 ] Until now, I have seen little sign that it has been noticed, when, in the course of my lectures I have called attention to this good speaking—I have done it very frequently. In referring to this good speaking I have always said that it is not only a question today that what is said be correct in the logical-abstract sense, but it is a matter of saying something in a certain connection or omitting it, not saying it in this connection. It is a question of developing a feeling that something should not only be correct, but that it is justified within its connection—that it can be either good in a certain connection or bad in a certain connection. Beyond rhetoric, beyond logic, we must learn a true ethics of speaking. We must know how we may allow ourselves things in a certain connection that would not be at all permitted in another connection.
[ 34 ] Da darf ich jetzt ein naheliegendes Beispiel gebrauchen, das vielleicht schon einigen von Ihnen, die letzthin bei den Vorträgen anwesend waren, hat auffallen können: Ich habe in einem gewissen Zusammenhang davon gesprochen, daß Goethe eigentlich in Wirklichkeit gar nicht geboren ist. Ich habe davon gesprochen, daß Goethe lange Zeit sich bemüht hat, malerisch sich auszudrücken, zu zeichnen, aber daß daraus nichts geworden ist, daß das dann übergeflossen ist in seine Dichtungen, und daß wiederum in den Dichtungen, wie zum Beispiel in «Iphigenie» oder besonders in der «Natürlichen Tochter» ja gar nicht im schwärmerischen Sinne Dichtungen vorliegen. «Marmorglatt und marmorkalt», haben die Leute diese Dichtungen Goethes genannt, weil sie fast bildhauerisch sind, weil sie plastisch sind. Goethe hatte lauter Fähigkeiten, die eigentlich gar nicht bis zur Menschwerdung gediehen sind; er ist gar nicht wirklich geboren. — Sehen Sie, in jenem Zusammenhang, in dem ich das ausgesprochen habe letzthin, konnte man es ganz gewiß sagen. Aber denken Sie sich, wenn das einer als eine These für sich im absoluten Sinne vertreten würde! Es wäre nicht nur unlogisch; es wäre selbstverständlich ganz verrückt.
[ 34 ] Here I may now use an example close to hand, that could perhaps have already struck some of you who were present lately at the lectures: I spoke in a certain connection of the fact that, in reality, Goethe was not born at all. I said that Goethe for a long time endeavored to express himself through painting, through drawing, but that nothing came about from it. It then flowed over into his poetic works, and then again in the poetic works, as for example Iphigenia, or especially in Naturliche Tochter [“Daughters of Nature”], we have indeed poetic works not at all in the sentimental sense. People called these poems of Goethe's “marble smooth and marble cold,” because they are almost sculptural, because they are three-dimensional. Goethe had genuine capacities which really did not become human at all; he was actually not born.—You see, in that connection in which I spoke lately, one could quite certainly say it. But imagine, if someone were to represent it as a thesis in itself in the absolute sense! It would be not only illogical, it would he of course quite crazy.
[ 35 ] Aus dem Lebenszusammenhang heraus sprechen ist etwas anderes, als die Adäquatheit oder Richtigkeit eines Wortzusammenhanges finden für den Gedanken- und Empfindungszusammenhang. Heraus entstehen lassen aus einem lebendigen Zusammenhange an einer bestimmten Stelle ein Diktum oder dergleichen, das ist dasjenige, was hinüberführt von der Schönheit, von der Richtigkeit zu dem Ethos der Sprache, wobei man empfindet, wenn man einen Satz ausspricht, ob man ihn aussprechen darf oder nicht aussprechen darf in dem ganzen Zusammenhange. Da gibt es wiederum, aber jetzt ein verinnerlichtes Zusammenwachsen, jetzt nicht mit der Sprache, sondern mit der Rede. Das ist es, was ich das Gutsprechen oder Schlechtsprechen nennen möchte; die dritte Form. Neben dem Schön- und Häßlichsprechen, neben dem Richtig- oder Unrichtigsprechen kommt das Gut- oder Schlechtsprechen in dem Sinne, wie ich das jetzt dargestellt habe.
[ 35 ] To speak out of an awareness of a life connection is something different from finding the adequate or correct use of a word association for the thought and feeling involved. To let a pronouncement or the like arise at a particular place out of a living relationship, that is what leads over from beauty, from correctness, to the ethos of language—at which one feels, when a sentence is uttered, whether one may or may not say it in the whole context. But now, there is again an inward growing together, not with language, but with speaking. This is what I should like to call good speaking or had speaking; the third form. Aside from beautiful or ugly speaking, aside from correct or incorrect speaking, comes good or bad speaking, in the sense in which I have just presented it.
[ 36 ] Es ist heute noch vielfach die Ansicht verbreitet, es gäbe Sätze, die man formt und die man dann bei jeder Gelegenheit sprechen könne, weil sie absolut gelten. Solche Sätze gibt es nämlich in Wirklichkeit für unser Leben in der Gegenwart nicht mehr, sondern jeder Satz, der in einem gewissen Zusammenhang möglich ist, ist für einen anderen Zusammenhang heute schon unmöglich. Das heißt, wir sind in eine Epoche der Menschheitsentwickelung eingetreten, wo wir nötig haben, auf diese Vielseitigkeit des Erlebens unser Augenmerk zu lenken.
[ 36 ] Today the view is still widespread that there can be sentences which one forms and which can then be spoken on any occasion, because they have absolute validity. In reality, for our life in the present, there are no longer such sentences. Every sentence that is possible in a certain connection, is today impossible in another connection. That means, we have entered upon an epoch of humanity's development in which we need to direct our view to this many-sidedness of living situations.
[ 37 ] Der Orientale, der mit seinem ganzen Denken in einem kleinen Territorium lebte, auch noch der Grieche, der mit seinem Geistesleben, mit seinem Rechtsleben, mit seinem Wirtschaftsleben auf einem kleinen Territorium lebte, der goß auch in seine Sprache etwas hinein, was so aussieht, wie ein sprachliches Kunstwerk aussehen muß. Wie ist es denn bei einem Kunstwerk? So ist es, daß in einem einzelnen geschlossenen Objekte eigentlich ein Unendliches erscheint auf einem bestimmten Gebiete. So ist sogar, wenn auch einseitig, das Schöne definiert worden von Hegel, von Hartmann und anderen: Es ist die Erscheinung der Idee in einem abgeschlossenen Formgebilde. Es ist das erste, wogegen ich mich wenden mußte in meinem Wiener Vortrag «Goethe als Vater einer neuen Ästhetik», daß das Schöne «die Erscheinung der Idee in der äußeren Form» sei, indem ich zeigte, daß man gerade das Umgekehrte meinen müsse: daß das Schöne entsteht, wenn man der Form den Schein des Unendlichen gibt.
[ 37 ] The Oriental who with his whole thinking lived within a small territory, also the Greek still, who with his spiritual life, with his rights life, with his economic life, lived on a small territory, poured something into his language that appears as a linguistic work of art must appear. How is it though in a work of art? It is such that a single finite object really appears infinite in a certain realm. In this way beauty was even defined, though one-sidedly, by Haeckel, Darwin and others: It is the appearance of the idea in a self-contained picture.—The first thing which I had to oppose in my Vienna lecture on “Goethe as the Father of a New Aesthetics,” was that the beautiful is “the appearance of the idea in outer form.” I showed then that one must mean just the reverse: that the beautiful arises when one gives to form the appearance of the infinite.
[ 38 ] Und so ist es mit der Sprache, die gewissermaßen auch als begrenztes Territorium auftritt, als Territorium, welches die mögliche Bedeutung in Grenzen einschließt: wenn in diese Sprache einschnappen muß dasjenige, was eigentlich an innerem Seelen- und Geistesleben unendlich ist. Da muß es in schöner Form zum Ausdrucke kommen.
[ 38 ] And so it is with language, which in a certain way also acts as a limited territory—as a territory which encloses the possible meaning within boundaries. If that which is actually infinite in the inner soul- and spirit-life is to click into this language, it must there come to expression in beautiful form.
[ 39 ] Beim Richtigsprechen, da muß es adäquat sein, da muß der Satz zum Urteil, der Begriff zum Wort passen. Dazu waren die Römer genötigt, ganz besonders als ihr Territorium immer größer und größer wurde: da formte sich ihre Sprache um aus dem Schönen ins Logische, daher dann die Sitte beibehalten worden ist, gerade in der lateinischen Sprache den Leuten Logik beizubringen. Sie haben es ja auch daran ganz gut gelernt.
[ 39 ] In correct speaking the language must he adequate; the sentence must fit the judgment, the concept, the word. The Romans were compelled to this, especially as their territory became ever larger and larger; their language transformed itself from the beautiful into the logical. Hence the custom has been retained, of conveying logic to people precisely in the Latin language. (You have indeed learned logic quite well by it.)
[ 40 ] Aber nun sind wir wiederum über dieses Stadium hinaus. Nun ist es notwendig, daß wir die Sprache empfinden lernen mit Ethos, daß wir gewissermaßen eine Art Moralität des Sprechens in unsere Rede hinein gewinnen, indem wir wissen, wir haben uns in einem gewissen Zusammenhange etwas zu gestatten oder etwas zu versagen. Da schnappt die Sache nicht ein in der Weise, wie ich es früher geschildert habe, sondern da verwenden wir, indem wir das Wort gebrauchen, dieses Wort, um zu charakterisieren. Da hört alles Definieren auf; da wird das Wort verwendet, um zu charakterisieren. Da wird das Wort so gehandhabt, daß man eigentlich jedes Wort als etwas Ungenügendes empfindet, jeden Satz als etwas Ungenügendes empfindet, und den Drang hat, dasjenige, was man hinstellen will vor die Menschheit, von den verschiedensten Seiten her zu charakterisieren, gewissermaßen um die Sache herumzugehen und sie von den verschiedensten Seiten zu charakterisieren. Ich habe oft betont, daß das die Darstellungsweise der Anthroposophie sein muß. Ich habe es oft betont, daß man ja nicht glauben solle, man könne das adäquate Wort, den adäquaten Satz finden, sondern man kann sich nur so verhalten wie der Photograph, der, um einen Baum zu zeigen, wenigstens vier Aspekte nimmt. Also heraufgehoben werden muß eine Anschauung, die sich in einer abstrakten, trivialen Philosophie als «Pragmatismus» und «Humanismus» auslebt, heraufgehoben muß sie werden ins Gebiet des Ethischen. Und dann muß sie sich zuerst ausleben im Ethos der Sprache: Wir müssen gut sprechen lernen. Das heißt, wir müssen für das Sprechen etwas erleben von alldem, was wir sonst erleben in bezug auf die Ethik, die Sittenlehre.
[ 40 ] But we are now once again beyond this stage. Now, it is necessary that we learn to experience language with ethos—that, to a certain extent we gain a kind of morality of speaking in our lecturing, while we know that we have in a certain context to allow ourselves something or to deny ourselves something. There, things do not click-in, in the way I described earlier, but here we make use of the word to characterize. All defining ceases; here we use the word to characterize. The word is so handled that one really feels each word as something insufficient, every sentence as something insufficient, and has the urge to characterize that which one wishes to place before humanity from the most varied aspects—to go around the matter to a certain extent, and to characterize it from the most varied aspects. You see, for free spiritual life—that is to say spiritual life that exists out of its own laws—there is as yet not very much understanding in present-day humanity. For, mostly what is understood by free spiritual life is a structure in which people live, where each one crows his own cock-a-doodle-doo from his own dung heap—excuse the somewhat remarkable picture—and in which the most incredible consonances come about from the crowing. In reality, in free spiritual life, harmony comes about through and through, because the spirit, not the single egoists, lives—because the spirit can really lead its own life over and above the single egoists.
[ 41 ] Und im Grunde genommen ist ja die Sache in der neueren Zeit recht anschaulich geworden. Da haben wir im Sprechen der Theosophen eine einfach schon durch die Sprache bedingte Altertümlichkeit, nämlich altertümlich in bezug auf die letzten Jahrhunderte materialistischer Färbung: «physischer Leib» — nun, er ist dick; «Ätherleib» — er ist dünner, nebelhaft; «astralischer Leib» — wiederum dünner, aber eben doch nur dünner; «Ich» — noch dünner. Nun kommen ja immerfort und immerfort neue Glieder der menschlichen Wesenheit: das wird immer dünner. Man weiß zuletzt schon gar nicht mehr, wie man zu dieser Dünnheit noch kommen kann, aber jedenfalls wird es nur immer dünner und dünner. Man kommt aus dem Materialismus nicht heraus. Das ist ja auch das Kennzeichen dieser theosophischen Literatur. Und das ist immer das Kennzeichen, was da auftritt, wenn über diese Dinge gesprochen werden soll, von dem theoretischen Sprechen bis zu dem, was ich einmal innerhalb der Theosophischen Gesellschaft in Paris erlebt habe, ich glaube, es war 1906. Da wollte eine Dame, die eine richtige kernfeste Theosophin war, ausdrücken, wie gut ihr einzelne Reden gefallen haben, die in dem Saal, wo wir waren, gesprochen worden sind; und da sagte sie: Es sind so gute Vibrationen da! - Und man merkte ihr an: eigentlich war dieses gemeint wie etwas, das man schnüffelt. Also die Düfte, die da zurückgeblieben waren von den Reden und die man so etwas erschnüffeln konnte, die waren eigentlich gemeint.
[ 41 ] Not translated
[ 42 ] Wir müssen lernen, die Sprache loszureißen von der Adäquatheit. Denn sie kann adäquat sein nur dem Materiellen. Wollen wir sie für das Spirituelle verwenden im Sinne der heutigen Entwickelungsepoche der Menschheit, dann müssen wir sie freibekommen. Dann muß Freiheit in das Handhaben der Sprache hineinkommen. Und wenn man diese Dinge nicht abstrakt, sondern lebensvoll nimmt, so ist das erste, wo hineinkommen muß Philosophie der Freiheit in das Sprechen, in die Handhabung der Sprache. Denn das hat man nötig, sonst wird man nicht den Übergang finden zum Beispiel zu der Charakteristik des freien Geisteslebens.
[ 42 ] Not translated
[ 43 ] Sehen Sie, für freies Geistesleben, das heißt Geistesleben, das aus seinen eigenen Gesetzen heraus da ist, es ist noch nicht sehr viel Verständnis in der gegenwärtigen Menschheit dafür vorhanden. Denn meistens versteht man unter freiem Geistesleben ein Gebilde, in dem Menschen leben, von denen jeder nach seinem eigenen Kikeriki kräht, wo jeder Hahn - verzeihen Sie das etwas merkwürdige Bild — auf seinem eigenen Misthaufen kräht, und wo dann die unglaublichsten Zusammenklänge aus diesem Krähen zustandekommen. In Wirklichkeit kommt beim freien Geistesleben nämlich durchaus Harmonie zustande, weil der Geist lebt, nicht die einzelnen Egoisten, weil der Geist wirklich über die einzelnen Egoisten hinüber ein eigenes Leben führen kann.
[ 43 ] Not translated
[ 44 ] Es ist zum Beispiel - man muß diese Dinge schon heute sagen — für unsere Waldorfschule in Stuttgart durchaus ein Waldorfschulgeist da, der unabhängig ist von der Lehrerschaft, in den die Lehrerschaft sich hineinlebt, und in dem es immer mehr und mehr klar wird, daß unter Umständen der eine fähiger oder unfähiger sein kann — der Geist aber hat ein eigenes Leben.
[ 44 ] There is, for example,—one must already say these things today—a Waldorf School spirit definitely there for our Waldorf School in Stuttgart that is independent of the body of teachers,—into which the body of teachers grows, and in which it becomes ever more and more clear that possibly the one can be more capable or less capable, but the spirit has a life of its own.
[ 45 ] Es ist eine Abstraktion, von der sich heute noch die Menschen eine Vorstellung machen, wenn sie von «freiem Geist» sprechen. Das ist ja gar keine Wirklichkeit. Der freie Geist ist etwas, was wirklich lebt unter den Menschen, man muß ihn nur zum Dasein kommen lassen, und was wirkt unter den Menschen, man muß ihn nur zum Dasein kommen lassen.
[ 45 ] It is an abstraction, which people today still represent to themselves, when they speak of “free spirit.” This is no reality at all. The free spirit is something that really lives among people—one must only let it come into existence; and what works among people—one must only let it come into existence.
[ 46 ] Was ich heute zu Ihnen gesprochen habe, habe ich im Grunde auch nur gesprochen, um das, was wir hier profitieren sollen, von prinzipiellen Empfindungen ausgehen zu lassen, also von der Empfindung des Ernstes der Sache. Ich kann natürlich nicht meinen, daß jetzt alle gleich hinausgehen und so, wie die Alten schön gesprochen haben, die Mittleren richtig, nun alle gut sprechen werden! Aber Sie können deshalb auch nicht einwenden: Was helfen uns denn dann unsere ganzen Vorträge, wenn wir ja doch nicht gleich gut sprechen können? — Sondern es handelt sich darum, daß wir wirklich die Empfindung bekommen von dem Ernst der Lage, in die wir uns dadurch hineinleben sollen, daß wir wissen: Was da gewollt wird, ist etwas in sich so organisch Ganzes, daß sich selbst in der Sprache nach und nach ausdrücken muß eine Notwendigkeit der Form, wie sich in dem Ohrläppchen eine Notwendigkeit der Form ausdrückt, wie das nicht anders sein kann, je nachdem der ganze Mensch ist.
[ 46 ] What I have said to you today I have also said only so that what we are meant to gain here may proceed from fundamental feelings, from the feeling for the earnestness of the matter. I cannot, of course, suppose that every one will now go right out and, as those in olden times spoke beautifully, in the middle period correctly, now all will speak well! But you may not for this reason object: of what help, then, are all our lectures, if we are not at once able to speak in the sense of good speaking?—It is rather a matter of our really getting the feeling of the earnestness of the situation, which we are thus to live into, so that we know: what is wanted here is something in itself so organically whole, that a necessity of form must gradually express itself even in speech, just as a necessity of form expresses itself in the ear-lobe, such as cannot be otherwise depending on how the whole human being is.
[ 47 ] So werde ich versuchen, dann noch näher zusammenzubringen, was nun bei uns Inhalt von Anthroposophie und Dreigliederung ist, mit der Art, wie es an die Menschen herangebracht werden soll. Und ich werde aus dem Prinzipiellen in das Konkrete und in dasjenige, was dem Praktizieren zugrunde liegen soll, immer mehr und mehr hereinkommen.
[ 47 ] Thus I shall try to bring still closer together what is for us the content of Anthroposophy and the threefold order with the way in which it should be presented to people. And, from the consideration of principles I shall come more and more into the concrete, and to that which should underlie the practice of lecturing.
