Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Anthroposophy, Social Threefolding
and Public Speaking
Orientation Course
GA 339

16 October 1921, Dornach

Translate the original German text into any language:

Sechster Vortrag

Lecture Six

[ 1 ] Da wir heute unsere letzte Stunde haben müssen, wird es sich darum handeln, daß wir einige Ergänzungen und Erweiterungen zu dem Gesagten vorbringen, und Sie müssen das schon so hinnehmen, wie wenn eben einiges zuletzt gewissermaßen im Ramschausverkauf noch vorgebracht würde.

[ 1 ] Since today must be our last session, we will be concerned with filling out and expanding upon what has been said; so you must consider this rather like a final clearance at a rummage sale, where what has been left is finally brought out.

[ 2 ] Zunächst möchte ich vor allen Dingen bemerken, daß man immer berücksichtigen muß, daß der Redner in einer wesentlich anderen Lage ist als derjenige, der irgend etwas Schriftliches von sich gibt gegenüber dem Leser. Der Redner hat Rücksicht darauf zu nehmen, daß er eben nicht einen Leser vor sich hat, sondern einen Zuhörer. Der Zuhörer ist nicht in der Lage, wenn er irgend etwas nicht verstanden hat, zurückzukehren und den Satz noch einmal zu lesen. Dazu ist ja der Leser in der Lage, und darauf hat man Rücksicht zu nehmen. Man wird das dadurch erreichen, daß man in der Rede sich bemüht, in Wiederholung manches vorzubringen, was man für ganz besonders wichtig, ja für unerläßlich hält, um mit dem Ganzen mitzukommen. Man wird natürlich darauf sehen müssen, daß solche Wiederholungen in Variierungen gegeben werden, daß man also besonders wichtige Dinge in verschiedenen Wendungen vorbringt, und daß durch die Verschiedenheit der Wendungen der Zuhörer zu gleicher Zeit, wenn er leichte Auffassungsgabe hat, doch nicht ermüdet werde. Man wird also darauf zu sehen haben, daß gewissermaßen verschiedene Wendungen für ein und dieselbe Sache eine Art künstlerischen Charakter tragen.

[ 2 ] First, I would like most of all to say one must keep in mind that the speaker is in an essentially different position than he who gives something he has written to a reader. The speaker must be very aware that he does not have a reader before him, but rather a listener. The listener is not in a position to go back and re-read a sentence he has not understood. The reader, of course, can do this, and this must be kept in mind. This situation can be met by presenting through repetition what is considered important, even indispensable, for a grasp of the whole. Naturally, care must be taken that such repetitions are varied, that the most important things are put forth in varied formulations while, at the same time, this variety of re-phrasings does not bore the listener who has a gift for comprehension. The speaker will have to see to it that the different ways he phrases one and the same thing have, as it were, a sort of artistic character.

[ 3 ] Das Künstlerische der Rede ist überhaupt etwas, das durchaus berücksichtigt werden muß, und zwar vielleicht gerade um so mehr, je mehr man es zu tun hat mit etwas, das auf Logik, auf Lebenserfahrung, auf andere Verständniskräfte Rücksicht nehmen muß. Vielleicht muß man um so mehr künstlerisch in der Rede verfahren durch solche Wiederholung, durch die Komposition und noch durch manches andere, was heute zu erwähnen sein wird, je mehr man durch ein straffes Anspannen des Denkens an das Verständnis appellieren muß. Man muß nur bedenken, daß das Künstlerische eben ein Mittel des Verständnisses abgibt. Wiederholungen an sich zum Beispiel, sie wirken ja so, daß sie gewissermaßen eine Art Erleichterung für den Zuhörer bilden. Man gibt dem Zuhörer Gelegenheit, wenn er Wiederholungen in verschiedenen Wendungen hört, gewissermaßen nicht straff sich zu halten an die eine Wendung oder an die andere Wendung, sondern an dasjenige, was dazwischen liegt. Dadurch wird er im Auffassen befreit und er hat dann dieses Gefühl der Befreiung, und das ist etwas, was außerordentlich zum Verständnis beiträgt.

[ 3 ] The artistic aspect of speaking is, in general, something that must be kept clearly in mind, the more the subject matter is concerned with logic, life-experience, and other powers of understanding. The more the speaker is appealing to the understanding through strenuous thinking, the more he must proceed artistically—through repetition, composition, and many other things which will be mentioned today. You must remember that the artistic has its own means of facilitating understanding. Take, for example, repetition, which can work in such a way that it forms a sort of facilitation for the listener. Differently phrased repetitions give the listener occasion to give up rigidly holding himself to one or another phrase and to hear what lies between them. In this way his comprehension is freed, giving him the feeling of release, and that aids understanding to an extraordinary degree.

[ 4 ] Aber auch andere Mittel des künstlerischen Aufbaues nicht nur, sondern der künstlerischen Durchführung sollen angewendet werden. Nehmen wir zum Beispiel dies, daß der Redner von Zeit zu Zeit, indem er die nötige Einkleidung dafür sucht, Fragen anbringt, so daß er also eigentlich zwischen den gewöhnlichen Erörterungen in einer Frage zu seinen Zuhörern spricht. Was heißt es eigentlich, zu seinen Zuhörern in einer Frage zu sprechen? Ja, Fragen, die der Zuhörer sich anhört, die wirken eigentlich hauptsächlich auf die Einatmung des Zuhörers. Der Zuhörer lebt ja während des Zuhörens in Einatmung-Ausatmung, Einatmung-Ausatmung. Das ist nicht bloß für das Sprechen von Bedeutung, das ist durchaus auch von Bedeutung für das Zuhören. Bringt einer nun als Redner eine Frage vor, dann kann das Ausatmen gewissermaßen unbeschäftigt bleiben. Das Einatmen ist dasjenige, was sich auf das Zuhören verlegt beim Anhören einer Frage. Das widerspricht nicht dem, daß der Redner etwa gerade, wenn der Hörer ausatmet, seine Frage vorbringt. Es wird nämlich nicht nur gerade zugehört, sondern auch schief, so daß das eigentliche Hören eines Wortes oder eines Satzes, der hineinfällt in eine Ausatmung, wenn er eine Frage ist, eigentlich erst recht perzipiert, aufgenommen wird bei der nachfolgenden Einatmung. Kurz, das Einatmen überhaupt hat etwas Wesentliches zu tun mit dem Anhören des in Frageform Vorgebrachten. Dadurch aber, daß das Einatmen engagiert wird durch das Aufwerfen einer Frage, wird der ganze Prozeß des Zuhörens verinnerlicht. Er geht gewissermaßen tiefer in der Seele vor sich, als wenn man nur einfach einer Erörterung zuhört.

[ 4 ] However, not only should different means of artistically structuring the speech be applied, but also different ways of executing it. For example, take the speaker who, in seeking the right word for something, brings in a question in such a way that he actually speaks the question amidst the usual flow of statements. What does it mean to address one's listeners with a question? Questions which are listened to actually work mainly on the listener's inhalation. The listener lives during his listening in a breathing-in, breathing-out, breathing-in, breathing-out. That is not only important for speaking, it is also most important for listening. If the lecturer brings up a question the listener's exhalation can, as it were, remain unused. Listening is diverted into inhalation on hearing a question. This is not contradicted by a situation when the listener may be breathing out on hearing a question. Listening takes place not only directly but indirectly, so that a sentence which falls during an exhalation—if it is a question—is really only rightly perceived, rightly taken in, during the subsequent inhalation. In short, inhalation is essentially connected with hearing a content in question form. However, because of the fact that inhalation is engaged by a question being thrown out, the whole process of listening is internalized. What is said goes somewhat more deeply into the soul than if one listens merely to an assertion.

[ 5 ] Wenn man einer Erörterung zuhört, dann hat man eigentlich immer die Tendenz, weder mit der Einatmung noch mit der Ausatmung sich zu engagieren. Die Erörterung möchte eigentlich möglichst wenig tief gehen, aber eigentlich auch nicht die Sinnesorgane viel beschäftigen.

[ 5 ] When a person hears a straight assertion his actual tendency is to engage neither his inhalation nor his exhalation. The assertion may sink in a little, but it doesn't actually even engage the sense organs much.

[ 6 ] Das Erörtern logischer Dinge durch die mündliche Rede ist überhaupt eine mißliche Sache. Wer daher so reden will, daß er etwa bloß in Schlußfolgerungen spricht, der wird dadurch ein gutes Mittel in der Hand haben, um seine Zuhörer einzuschläfern. Denn dieses logische Entwickeln, das hat den Nachteil, daß es das Verständnis vom Gehörorgan wegschafft, man hört nicht ordentlich dem Logischen zu, und auf der anderen Seite, daß es wiederum das Atmen nicht eigentlich gestaltet, nicht in variierte Wellen versetzt. Der Atem bleibt eigentlich am neutralsten, wenn man logische Erörterungen anhört; daher schläft man dabei ein. Es ist das ein ganz organischer Prozeß. Logische Erörterungen wollen unpersönlich sein; aber das rächt sich.

[ 6 ] Lengthy assertions concerning logical matters are, on the whole, unfortunate within the spoken lecture. Whoever would lecture as if he were merely giving a reasoned argument has gotten hold of a great instrument—to put his listeners to sleep; for such a logical development has the disadvantage that it removes the understanding from the organ of hearing. One doesn't listen properly to logic. Furthermore, it doesn't really form the breath; it doesn't set it going in varied waves. The breath remains essentially in its most neutral state when a logical assertion is listened to, thus one goes to sleep with it. This is a wholly organic process. Logical assertions are perforce impersonal—but that takes its toll.

[ 7 ] Daher wird man, wenn man sich zum Redner entwickeln will, darauf Rücksicht nehmen müssen, daß man womöglich, trotzdem man logisch bleibt, nicht bloß in logischen Formeln spricht, sondern eben in Redefiguren. Und zu den Redefiguren gehört eben die Frage. Zu den Redefiguren gehört es auch, daß man zuweilen das Gegenteil von dem sagt, was man — es ist ein extremer Fall - eigentlich sagen will, trotzdem der Zuhörer natürlich sehr gut weiß, daß er das Gegenteil zu verstehen habe, indem man den Satz eben so einkleidet, daß man das Gegenteil sagen darf. Wenn also, sagen wir, jemand einfach erörtert und auch im Erörterungston sagen würde: Der Kully ist dumm -, so wäre das unter Umständen keine sehr gute Redewendung. Dagegen könnte es eine gute Redewendung sein, wenn jemand sagt: Ich glaube nicht, daß jemand hier sitzt, der die Meinung hat: der Kully ist gescheit! — Da haben Sie den Satz ausgesprochen, von dem das Gegenteil die Wahrheit ist. Aber Sie haben natürlich auch etwas dazu getan, um nicht den Satz der geraden Erörterung, sondern das Gegenteil aussprechen zu dürfen. Also in dieser Weise vorzugehen, aber auch das mit innerer Empfindung zu tun, wird der Rede ganz besonders gut auf die Beine helfen können.

[ 7 ] Thus, one who wants to develop into a speaker must take care whenever possible not to speak in logical formulae but in figures of speech, while remaining logical. To these figures of speech belongs the question. Also belonging to figures of speech is the ploy of occasionally saying the opposite of what one really wants to say. This has to be said in such a way that the listener knows he is to understand the opposite. Thus, let us say, the speaker says straight out, and even in an assertive tone: Kully is stupid. Under certain circumstances that could prove to be not a very good turn of phrase. But it could be a good formulation if someone said: I don't believe there is anyone sitting here who presumes that Kully is clever! There you have spoken a phrase that is opposite of the truth. But, naturally, you have added something so that you could formulate the opposite to the assertive statement. Thus, by proceeding in this way, and with inner feeling, the speech will be able to stand on its own two feet.

[ 8 ] Ich habe eben gesagt: Es wird der Rede ganz besonders gut auf die Beine helfen können. — So etwas ist ein Bild. Der Philister kann sagen, eine Rede habe doch keine Beine. Aber eine Rede hat eben doch Beine! Man braucht nur zum Beispiel sich zu erinnern, daß Goethe im hohen Alter, als er manchmal schon in der Müdigkeit sprechen mußte, gern sprach herumgehend im Zimmer. Die Rede ist im Grunde genommen der Ausdruck für den ganzen Menschen, sie hat also doch Beine! Und den Zuhörer zu frappieren durch so etwas, was er vielleicht bisher nicht gewahr geworden ist, aber was aufzufassen er gegen seine Gewohnheit genötigt ist, das ist wiederum für die Rede außerordentlich wichtig.

[ 8 ] I have just said that the speech will be able to stand on its own feet. This is an image. Philistines can say that a speech has no feet. But a speech does have feet!As an example one need only recall that Goethe, in advanced age, when he had to speak while fatigued, liked to walk around the room. Speech is basically the expression of the whole man—thus it has feet! And to surprise the listener with something about which he is unfamiliar and which, if he is to grasp it, he must go counter to what he is familiar with—that is extremely important in a lecture.

[ 9 ] Zur Gefühlslogik für die Rede gehört auch, daß man nicht immer in demselben 'Tone spricht. Immer in demselben Ton fortsprechen, das wissen Sie ja, schläfert auch ein. Denn jede Erhöhung des Tons ist eigentlich ein ganz leiser Alpdruck, so daß der Zuhörer durch jede Erhöhung des Tons innerlich etwas aufgerüttelt wird. Jede Senkung des Tons im Verhältnis zur Höhe ist eigentlich eine leise Ohnmacht, so daß der Zuhörer genötigt ist, dagegen anzukämpfen. Man veranlaßt also durch Modulieren der Rede den Zuhörer, mitzuarbeiten, und das ist für den Redner schon außerordentlich wichtig.

[ 9 ] Also belonging to the feeling-logic of the speech is the fact that one does not talk continually in the same tone of voice. To go on in the same tone, you know, puts the listener to sleep. Each heightening of the tone is actually a gentle nightmare; thus the listener is somewhat shaken by it. Every relative sinking of tone is really a gentle fainting, so that it is necessary for the listener to fight against it. Through modulating the tone of speech one gives occasion for the listener to participate, and that is extraordinarily important for the speaker.

[ 10 ] Besonders bedeutsam aber ist es auch, zuweilen gewissermaßen an das Ohr des Zuhörers zu appellieren. Wenn er gar zu sehr in sich versunken zuhört, dann geht er manchmal mit gewissen Passagen der Rede nicht mit. Er fängt an, für sich nachzudenken. Das ist für den Redner ein großes Unglück, wenn die Zuhörer anfangen, für sich nachzudenken. Dann hören sie etwas nicht, fangen nach einiger Zeit wieder an zu hören und kommen eben nicht mit. Daher muß man die Zuhörer zuweilen beim Ohr nehmen, und das geschieht dadurch, daß man in seinen Redewendungen ungewohnte Satzfolgen und Wortfolgen anwendet. Die Frage gibt ja an sich schon eine andere Stellung von Subjekt und Prädikat, als man gewohnt ist, aber man sollte auch die Änderung der Wortfolge in der verschiedensten Weise handhaben. Man sollte darauf achten, daß manche Sätze so gesprochen werden, daß das Verbum am Beginne des Satzes steht, oder aber, daß man einen Satz mit irgendeinem anderen Redeteil beginnt, von dem man sonst nicht gewohnt ist, daß er im Beginne steht. Da kommt etwas Ungewohntes, da paßt er wieder auf, und das Merk würdige ist, er paßt dann nicht bloß auf diesen Satz auf, sondern auch noch auf den nächstfolgenden. Und wenn man es mit ganz besonders zahmen Zuhörern zu tun hat, passen sie dann sogar noch auf den zweitnächsten auf, wenn man seine Redeteilgliederung etwas verschränkt. Man muß als Redner diese innere Gesetzmäßigkeit durchaus beachten. Man lernt eigentlich diese Dinge am besten, wenn man einmal im Zuhören die Aufmerksamkeit darauf gelenkt hat, wie wirklich gute Redner solche Dinge gebrauchen. Solche Dinge sind es auch, die im wesentlichen zum Bildlichen der Rede führen.

[ 10 ] But it is also especially important now and then to appeal somewhat to the ear of the listener. If he is too immersed in himself while listening, at times he won't follow certain passages. He begins to reflect within himself. It is a great misfortune for the lecturer when his listeners begin to ponder within themselves. They miss something that is being said, and when—after a time—they again begin to hear, they just can't keep up. Thus at times you must take the listener by the ear, and you do that by applying unusual syntax and sequences of phrasing. The question, of course, gives a different placing of subject and predicate than one is used to, but you ought to have on hand a variety of other ways of changing the word order. You should speak some sentences in such a way that what you have at the beginning is a verb or some other part of speech which is not usually there. Where something unusual happens, the listener again pays attention, and what is most noteworthy is that he not only pays attention to the sentence concerned but also to the one that follows. And if you have to do with listeners who are unusually docile, you will find that they will even listen to the second sentence if you interlace your word-order a bit. As a lecturer, you must pay attention to this inner lawfulness. You will learn these things best if, in your listening, you will direct your attention to how really good speakers use such things. Such techniques are what lead essentially to the pictorial quality of a speech.

[ 11 ] Fürs Reden könnte man in dieser Beziehung, in formaler Beziehung, sehr viel von den Jesuiten lernen. Die werden sehr gut geschult. Sie gebrauchen erstens gut das Komponieren der Rede, indem sie auf Steigerungen und auf Gefälle hin wirken, aber sie gebrauchen vor allen Dingen das Bild. Und ich muß immer wieder auf eine ausgezeichnete Jesuitenrede hinweisen, die ich einmal in Wien anhören konnte, wo mich jemand in die Jesuitenkirche führte, und gerade einer der berühmtesten Jesuitenpatres predigte. Er predigte über die österliche Beichte, und ich will Ihnen den wesentlichen Teil seiner Predigt hier mitteilen. Er sagte: Liebe Christen! Da gibt es von Gott Abtrünnige, die behaupten, die österliche Beichte sei vom Papst, vom römischen Papst eingesetzt. Sie stamme also nicht von Gott, sondern sie stamme vom römischen Papst. Liebe Christen, wer das glaubt, der könnte etwas lernen, wenn ich ihm das Folgende sage: Stellt euch vor, meine lieben Christen, hier stehe eine Kanone. An der Kanone stehe ein Kanonier. Der Kanonier hat die Zündschnur in der Hand. Die Kanone ist geladen. Hinten steht der Offizier und kommandiert. Wenn der Offizier kommandiert: Feuer! — zieht der Kanonier die Zündschnur. Die Kanone geht los. Wird jetzt ein einziger von euch sagen: Dieser Kanonier, der auf den Befehl seines Vorgesetzten gehört hat, er habe das Pulver erfunden? Niemand von euch, liebe Christen, wird das sagen! Seht ihr, ein solcher Kanonier war der römische Papst, der auf Befehl von oben wartete, bis er die österliche Beichte befahl. Daher wird niemand sagen — geradesowenig wie: Der Kanonier habe das Pulver erfunden -, der römische Papst habe die österliche Beichte erfunden, die er nur ausführen läßt auf das Kommando von oben. Alle von den Zuhörern waren niedergeschmettert, überzeugt!

[ 11 ] In connection with the formal aspect of speaking, you could learn a great deal from the Jesuits. They are very well trained. First, they use the components of a speech well. They work not only on intensification and relaxation but, above all, on the image. I must continually refer to a striking Jesuit speech I once heard in Vienna, where I had been led by someone to the Jesuit church and where one of the most famous Jesuit Fathers was preaching. He preached on the Easter Confessional, and I will share the essential part of his sermon with you. He said: "Dear Christians! There are apostates from God who assert that the Easter Confessional was instituted by the Pope, by the Roman Pope; that it does not derive from God but rather from the Roman Pope. Dear Christians! Whoever would believe that can learn something from what I am going to say: Imagine in front of you, dear Christians, there stands a cannon. Beside the cannon there stands a cannonier. The cannonier has a match in his hand ready to light the fuse. The cannon is loaded. Behind the cannonier is the commanding officer. When the officer commands, 'Fire,' the cannonier lights the fuse. The cannon goes off. Would any of you now say that this cannonier, who obeyed the command of his superior, invented the powder? None of you, dear Christians, would say that! Look now, such a cannonier was the Roman Pope, who waited for the command from above before ordering the Easter Confessional. Thus, no one will say the Pope invented the Easter Confessional; as little as the cannonier invented the gunpowder. He only carries out the commandments from above." All the listeners were crushed, convinced!

[ 12 ] Selbstverständlich kannte der Mann die Situation und die Verfassung der Gemüter, aber das ist ja auch etwas, was als eine unerläßliche Vorbedingung für ein gutes Reden in dieser Betrachtung hier schon charakterisiert worden ist. Er sagte etwas, was als Bild ganz eigentlich aus dem Gedankengang hinwegfällt und dennoch den Zuhörer den Gedankengang vollziehen läßt, ohne daß der Zuhörer das Gefühl hat, der Mann rede subjektiv. Ich habe Ihnen auch das Diktum von Bismarck vorgebracht über das Steuern nach dem Winde bei den Politikern, ein Bild, das sogar entnommen ist dem anderen, mit dem er debattierte, das aber wiederum frei macht von der Strenge des erörterten Gedankenganges.

[ 12 ] Obviously, the man knew the situation and the state of mind of the people. But that is something that is an indispensable precondition for a good speech and has already been characterized in this study. He said something which, as an image, fell completely outside the train of thought, and yet the listeners completed the course of the argument without feeling that the man spoke subjectively. I have also called to your attention the dictum by Bismarck about politicians steering by the wind, an image he took from those with whom he was debating, but which nevertheless frees one from the strictness of the chain of thought under discussion.

[ 13 ] Solche Dinge, wenn sie richtig empfunden werden, sind diejenigen künstlerischen Mittel, die durchaus das ersetzen werden, was eben in einer Rede nicht sein darf: bloße Logik. Logik ist für die Gedanken, ist nicht für das Reden, ich meine jetzt für die Form der Rede, die Ausdrucksweise. Natürlich darf nicht Unlogik drinnen sein. Aber es darf nicht eine Rede so kombiniert werden, wie man eben einen Gedankengang kombiniert. Sie werden auch finden, daß irgend etwas ganz spitzig und gut angebracht sein kann in der Debatte und dennoch eigentlich nicht dauernd zu wirken braucht. Dauernd wirkt, was in die Rede als Bild eingreift, namentlich dann, wenn es als Bild ziemlich fern steht dem, was es bedeutet, und wenn derjenige, der das Bild handhabt, selbst frei geworden ist von dem sklavischen Anlehnen an den reinen Gedankensinn.

[ 13 ] These sorts of things, if they are rightly felt, are those artistic means which completely replace what a lecture does not need, namely, sheer logic. Logic is for thought, not for speaking; I mean for the form of speech, not the way of expression. Naturally, the illogical may not be in it. But a speech cannot be put together as one combines a train of thought. You will find that something may be most acute and appropriate in a debate and yet really have no lasting effect. What does have a lasting effect in a speech is an image which grabs, that is, which stands at some distance from the meaning, so that the speaker who uses the image has become free from slavish dependence on the pure thought-sense.

[ 14 ] So etwas führt dann dazu, zu erkennen, inwiefern eine Rede durch Humor gehoben werden kann. Die tiefernste Rede kann durch einen Humor, der, sagen wir, zum Beispiel Pfeile hat, gehoben werden. Es ist eben so: Wenn wir zwangsmäßig, wie ich gesagt habe, Willen hineingießen wollen in die Zuhörer, dann ärgern sie sich. Daher sollen wir das Willenshafte darauf verwenden, daß die Rede selber Bilder kriegt, die innerlich gewissermaßen Realitäten sind. Die Rede selbst soll Realität sein. Es wird Ihnen vielleicht faßbar sein, was ich sagen will, wenn ich Ihnen von zwei Debatten sage. Die zweite wird nicht eine reine Debatte sein, aber etwas, was gerade in der charakterisierenden Rede für die Bildverwendung instruktiv sein kann.

[ 14 ] Such things lead to the recognition of how far a speech can be enhanced through humor. A deeply serious speech can be elevated by a humor which, so to say, has barbs. It is just as I have said: if you wish to forcibly pour will into the listeners, they get angry. The right way to apply the will is for the speech itself to develop images which are, so to speak, inner realities. The speech itself should be the reality. You can perhaps grasp what I want to say if I tell you of two debates. The second is not a pure debate, but it still can be instructive for the use of images in a speech which wishes to characterize something.

[ 15 ] Sehen Sie, eine ganz subjektive Färbung bekommen oftmals gerade diejenigen Debattereden, die leicht witzig sein wollen. Das deutsche Parlament hatte ja eine Zeitlang in dem Abgeordneten Meyer einen solchen witzigen Debattenredner. Zum Beispiel war es einmal, daß die berühmte oder berüchtigte «Lex Heinze» in diesem deutschen Parlament vertreten wurde. Ich glaube, der Mann, der die Verteidigungsrede hielt, war gerade Minister und sprach immer als Verteidiger, als Angehöriger der Konservativen Partei von «das Lex Heinze». Er sagte immer: Das Lex Heinze. Nun, nicht wahr, so etwas kann passieren. Aber es gehörte zu den Eigentümlichkeiten der Liberalen Partei, welcher der Spaßmacher, der Abgeordnete Meyer angehörte, sich gerade auf solche Dinge zu verlegen, und so ließ er sich denn hinterher in der Debatte zum Worte melden und sagte etwa folgendes: Der Herr Minister hat die Lex Heinze verteidigt und immer gesagt «Das Lex Heinze». Ich wußte gar nicht, wovon er eigentlich redet, ich ging überall herum und fragte, was das Lex ist. Niemand konnte mir Auskunft geben. Ich nahm Wörterbücher, suchte nach, fand nichts. Ich wollte schon hierher kommen, um den Herrn Minister zu fragen, da fiel mir zuletzt noch ein, die letzte Minute dazu zu benützen, auch eine lateinische Grammatik nachzuschlagen, und siehe da, da fand ich, da steht der Satz drinnen: Was man nicht deklinieren kann, das sieht man als ein Neutrum an!

[ 15 ] Notice that those orations that are intended to be witty often acquire a completely subjective coloring. The German Parliament had for some time, in one of its members by the name of Meyer, just such a witty debater. For example, at one time the famous—or infamous—“Lex Heinze” was advocated in this particular Parliament. I believe that the man who gave the speech for the defense was the minister; and he always spoke, as the defender and as one belonging to the Conservative Party, of “das Lex Heinze.” He always said “das Lex Heinze.” Now, no doubt, such a thing can pass. But it was in the nature of the Liberal Party, of which the joker, Representative Meyer, was a member, that it took just such matters seriously. So later on in the debate Meyer asked leave to speak and said somewhat as follows: “The Lord Minister has defended die Lex Heinze1The proper form was apparently “die,” implying feminine gender. “Das” implies neuter gender. and has constantly said ‘das Lex Heinze.’ I didn't know what he was really talking about. I have gone all around asking what ‘das Lex’ is. No one has been able to enlighten me. I took the dictionary and looked—and found nothing. I was about to come here and ask the Minister, when it suddenly struck me to consult a Latin Grammar. There I found it, there stood the statement: 'What one cannot decline must be considered a neuter!”

[ 16 ] Gewiß, für das augenblickliche Lachen ist es ein guter, derber Witz, aber er hat doch keine Pfeile, er braucht nicht tief zu zünden, weil bei so etwas sich doch in leiser Weise im Unterbewußtsein wiederum das Mitleid für den Betroffenen bei den Zuhörern geltend macht. Das ist also eine zu subjektive Art; sie kommt mehr aus der Spottlust als aus der Sache selbst.

[ 16 ] To be sure, for an immediate laugh it is very good, this coarse wit. But it still has no barbs, it doesn't ignite deeply, because with such a ploy there is aroused subtly and unconsciously in the listener a pity for the afflicted one. This kind of wit is too subjective, it comes more out of a love of sarcasm than out of the thing itself.

[ 17 ] Dagegen habe ich immer als ein vortreffliches Bild dieses gefunden: Der spätere preußische König Friedrich Wilhelm IV. war als Kronprinz ein sehr geistreicher Mann. Sein Vater, der König Friedrich Wilhelm III., harte einen ihm besonders lieben Minister, von Klewiz hieß er. Der Kronprinz konnte den von Klewiz nicht leiden. Einmal, beim Hofbali, redete der Kronprinz den Klewiz an und sagte: Exzellenz, ich möchte Ihnen heute einmal ein Rätsel aufgeben:

[ 17 ] Over against this I have always found the following to be a striking image: He who was later to become Prussian King Friedrich Wilhelm IV was, as Crown Prince, a very witty man. His father, King Friedrich Wilhelm III, had a minister who was very special to him, whose name was von Klewiz.2The two syllables of the name are identical in sound with Klee (clover) and Witz (joke). Now the Crown Prince could not bear von Klewiz. Once, at a court ball, the Crown Prince spoke to Klewiz and said: Your Excellency, I would like to put to you a riddle today:

[ 18 ] Das erste ist eine Frucht auf dem Felde;
das zweite ist so etwas: wenn man es vernimmt,
bekommt man etwas wie einen leichten Schock;
und das Ganze ist eine Landplage!

[ 18 ] The first is the fruit from the field
The second is something which,
when one hears it, one gets a light shock;
And the whole is a public calamity!

[ 19 ] Von Klewiz wurde rot bis weit über die Ohren, verbeugte sich und reichte nach diesem Hofball den Abschied ein. Der König ließ ihn kommen und sagte: Was fällt Ihnen denn ein! Ich kann Sie nicht entbehren, mein lieber Klewiz! — Ja, aber Königliche Hoheit, der Kronprinz haben mir gestern am Hofball etwas gesagt, demgegenüber ich nicht weiter im Amte bleiben kann. — Aber das ist ja nicht möglich! Seine Liebden, der Kronprinz wird doch so etwas nicht sagen, das kann ich nicht glauben. — Ja, es ist doch so, Majestät. — Was hat denn Seine Liebden, der Kronprinz gesagt? — Er hat zu mir gesagt:

[ 19 ] Von Klewiz turned red from ear to ear, bowed, and handed in his resignation after the ball. The King called him and said: What happened to you? I can't spare you, my dear Klewiz!—Yes, but, Your Royal Highness, the Crown Prince said something to me yesterday which made it impossible for me to remain in office.—But that is not possible! The dear Crown Prince would not say such a thing, that I can't believe!—Yes, but it is so, Your Majesty.—What has the Crown Prince said?—He said to me:

[ 20 ] Das erste ist eine Frucht auf dem Felde;
das zweite ist etwas: wenn man es vernimmt,
bekommt man so etwas wie einen leichten Schock;
das Ganze ist eine Landplage!

[ 20 ] The first is a fruit from the field;
the second is something which, if one hears it,
one gets something like a light shock;
the whole is a public calamity!

[ 21 ] Es ist ja kein Zweifel, daß Königliche Hoheit der Kronprinz mich gemeint haben. — Ja, eine merkwürdige Sache, mein lieber Klewiz. Aber wir wollen doch den Kronprinzen kommen lassen und hören, wie sich die Sache verhält.

[ 21 ] There is no doubt, Royal Highness, that the Crown Prince meant me.—Indeed, remarkable thing, dear Klewiz. But we will have the Crown Prince come and we will hear how the matter stands.

[ 22 ] Der Kronprinz wird gerufen. — Euer Liebden sollen gestern Abend einen schwer beleidigenden Ausspruch gesagt haben gegenüber meinem unentbehrlichen Minister, Exzellenz von Klewiz. — Der Kronprinz sagte: Majestät, ich wüßte mich nicht zu erinnern. Wenn es etwas Erhebliches gewesen wäre, würde ich mich zu erinnern wissen. — Es schien doch etwas Erhebliches gewesen zu sein. — Ja, ja, ja, ich erinnere mich: Ich habe zu Seiner Exzellenz gesagt, ich wolle ihm ein Rätsel aufgeben:

[ 22 ] The Crown Prince was called.—Dear One, yesterday evening you are supposed to have said something very offensive to my indispensible minister, His Excellency, von Klewiz.—The Crown Prince said: Your Majesty, I am unable to remember. If it had been something serious I would surely be able to remember it.—It does seem to have been something serious, though.—Oh! Yes, yes, I remember. I said to His Excellency that I wished to put a riddle to him:

[ 23 ] Die erste Silbe, das sei eine Frucht auf dem Felde;
die zweite Silbe bedeutet etwas, wenn man es vernimmt,
bekommt man so etwas wie einen leisen Schock;
das Ganze ist eine Landplage.

[ 23 ] The first syllable is a fruit of the field,
the second syllable indicates something which,
if one perceives it, one gets something like a slight shock;
the whole is a public calamity.

[ 24 ] Ich denke, daß ich doch nicht dadurch Seine Exzellenz so sehr beleidigt habe, daß Seine Exzellenz das Rätsel nicht lösen konnte. Ich erinnere mich, Exzellenz konnte einfach das Rätsel nicht lösen! — Der König sagte: Ja, was ist des Rätsels Lösung? — Nun ja:

[ 24 ] I don't think that it is a matter of my having offended His Excellency so much as that His Excellency could not solve the riddle. I recall that His Excellency simply could not solve the riddle!—The King said: Indeed, what is the riddle's solution?—Here, then:

[ 25 ] Die erste Silbe, eine Frucht auf dem Felde ist: Heu
die zweite Silbe, wo man so einen leichten
Schock bekommt, ist: Schreck;
das Ganze ist: Heuschreck;

[ 25 ] The first syllable is a fruit of the field:
hay (Heu); the second syllable,
where one gets a light shock, is “fear” (Schreck);
the whole is: grasshopper (Heu-schreck),

[ 26 ] das ist ja eine Landplage, Majestät.

[ 26 ] that is, a public calamity (or nuisance), Your Majesty.

[ 27 ] Nun, warum sage ich das? Ich sage das aus dem Grunde, weil niemand, der so etwas erzählt, der auch seine Redewendungen in solch eine Form gießt, nötig hat, die Sache ganz zu Ende zu führen, denn kein Mensch erwartet, wenn man es erzählt, daß man das Tableau weiter erörtert, sondern jeder kann sich die entsprechende bildliche Vorstellung machen. Und es ist gut, zuweilen in der Rede zu bewerkstelligen, daß etwas übrig bleibt für den Zuhörer. Das bleibt nicht übrig, wenn jemand spottet, da geht der Bruch Null für Null auf.

[ 27 ] Now why do I say that? I say it on the grounds that no one who tells such a thing, no one who moulds his phrases or figures of speech in such a form, has need of following the matter through to its end; for no person expects in telling it that he has to explain the tableau further, but rather expects each to draw for himself the pictorial idea. And it is good in a speech to occasionally work it so that something is left over for the listener. There is nothing left over when one ridicules someone; the gap is perfectly filled up.

[ 28 ] Es handelt sich also darum, daß man die Anschaulichkeit auch dadurch hebt, daß der Zuhörer wirklich die Empfindung bekommt, er darf auch etwas tun, er darf weiterdenken. Dann aber hat man natürlich nötig, die nötigen Redepausen eintreten zu lassen. Diese Redepausen müssen durchaus auch da sein.

[ 28 ] It is a matter of heightening the vividness so that the listener can really get the feeling that he can act on something, can take it further. Naturally, it is necessary that one leaves the needed pauses in his speech. These pauses must be there.

[ 29 ] Nun, nach dieser Richtung hin wäre wirklich außerordentlich viel zu sagen über die Form, über die Gestaltung einer Rede. Denn gewöhnlich glaubt man, daß die Menschen bloß mit den Ohren zuhören, wogegen schon das spricht, daß manche, wenn sie etwas ganz besonders auffassen wollen, den Mund aufsperren beim Zuhören. Sie würden das nicht tun, wenn man bloß mit den Ohren zuhören würde.’ Man hört nämlich viel mehr mit den Sprachorganen zu, als gewöhnlich gemeint wird. Man schnappt gewissermaßen in die Rede des Redners immer ein gerade mit seinem Sprachorgan, und der ätherische Leib redet eigentlich immer mit, macht sogar immer Eurythmie mit, wenn zugehört wird, und zwar Bewegungen, die durchaus den eurythmischen Bewegungen entsprechen. Nur kennt sie der Mensch meistens nicht, wenn er nicht Eurythmie gelernt hat.

[ 29 ] Now along this line we could say an extraordinary amount about the form, about the structure, of a speech. For usually it is believed that men listen with their ears alone; but the fact that some, when they especially want to grasp something, open their mouths while listening, already speaks against this. They would not do this if they listened with their ears alone. We listen with our speech organs much more than is usually thought. We always, as it were, snap up the speech of the speaker with our speech organ; and the etheric body always speaks along with, even makes eurythmy along with, the listening—and, in fact, the movements correspond exactly to eurythmy movements. Only people don't usually know them unless they have studied eurythmy.

[ 30 ] Es ist so, daß alles, was gehört wird von den unlebendigen Körpern, mehr von außen mit dem Ohr gehört wird, daß aber die Rede des Menschen eigentlich so gehört wird, daß beachtet wird, was von innen an das Ohr anschlägt. Das ist eine Tatsache, die, wie man sagen kann, die wenigsten Menschen wissen. Die wenigsten Menschen wissen, welch großer Unterschied besteht, sagen wir zwischen dem Anhören eines Glockengeläutes oder einer Symphonie, und dem Zuhören der menschlichen Rede. Bei der menschlichen Rede wird eben eigentlich das Innere am Sprechen gehört. Das andere ist viel mehr Begleiterscheinung, als es dies ist beim Anhören von irgend etwas Unorganischem. Deshalb mußte alles das gesagt werden, was ich sagte über das eigene Zuhören, damit man tatsächlich die Rede so formuliert, wie man sie kritisieren würde, wenn man sie hörte. Ich meine, daß das Formulieren aus derselben Kraft, aus demselben Impuls heraus kommt wie die Kritik, wenn man sie hört.

[ 30 ] It is true that everything we hear from inanimate bodies is heard more from outside with the ear, but the speech of men is really heard in such a way that one heeds what beats on the ear from within. That is a fact which very few people know. Very few know what a great difference exists between hearing, say, the sound of church bells or a symphony, and listening to human speech. With human speech, it is really the innermost part of the speaking that is heard. The rest is much more merely an accompanying phenomenon than is the case with the hearing of something inanimate. Thus, I have said all that I did about one's own listening so that the speaker will actually formulate his speech as he would criticize it if he were listening to it. I mean that the formulation comes from the same power, out of the same impulse, as does the criticism if one is doing the listening.

[ 31 ] Es wird schon von einiger Wichtigkeit sein, daß die Persönlichkeiten, welche sich zur Aufgabe machen, etwas gerade für die Dreigliederung des sozialen Organismus oder Ähnliches zu wirken, Rücksicht darauf nehmen, daß in einer gewissen Weise auch künstlerisch an das Publikum herangebracht werde, was man sagen will. Denn im Grunde spricht man heute - ich habe das schon angedeutet — doch zu ziemlich tauben Ohren, wenn man vor einem gewöhnlichen Publikum über die Dreigliederung des sozialen Organismus spricht. Und man wird schon müssen, ich möchte sagen, von einer gewissen Seite ganz in der Sache drinnen stehen, namentlich mit Gefühl und Empfindungen in der Sache drinnen stehen, wenn man so wirken will, daß es Aussicht auf Erfolg haben soll. Nicht als ob es nötig wäre, gewissermaßen die Geheimnisse des Erfolges zu studieren — das ist gewiß nicht nötig und sich anzupassen in einer kleinlichen Weise an das, was der Zuhörer gern hört. Das ist ganz gewiß nicht dasjenige, was angestrebt werden darf. Aber angestrebt werden muß ein wirkliches Drinnenstehen in den Zeiterscheinungen. Und sehen Sie, ein solches Drinnenstehen in den Zeiterscheinungen, ein Erregen des wirklich tieferen Interesses für die Zeiterscheinungen kann heute doch nur hervorgerufen werden durch Anthroposophie. Aus diesen und aus anderen Gründen muß derjenige, der wirksam über Dreigliederung sprechen will, schon absolut wenigstens innerlich durchdrungen sein davon, daß notwendig ist für das Verständnis der Dreigliederung von seiten der Welt, auch die Anthroposophie an die Welt heranzubringen.

[ 31 ] It is of some importance that the persons who make it their task to do something directly for the threefolding of the social organism—or something similar to this—take care that what they have to say to an audience is done, in a certain way, artistically. For basically, one speaks today—I have already indicated this—to rather deaf ears, if one speaks before the usual public about the threefolding of the social organism. And, I would like to say, that in a sense one will have to be fully immersed in the topic, especially with feeling and sensitivity, if one wants to have any success at all. That is not to suggest that it is necessary to study the secrets of success—that is certainly not necessary—and to adapt oneself in trivial ways to what the listener wants to hear. That is certainly not what should be striven for. What one must strive for is a genuine knowledge of the events of the time. And, you see, such a firm grounding in the events of the time, an arousal of the really deeper interest for the events of the time, can only be evoked today by Anthroposophy. For these and other reasons, whoever wants to speak effectively about threefolding must be at least inwardly permeated with the conviction that for the world to understand threefold, it is also necessary to bring Anthroposophy to the world.

[ 32 ] Gewiß, seit im Sinne der Dreigliederung gewirkt wird, ist ja die Sache so, daß auf der einen Seite diejenigen Menschen stehen, von denen man sagt, sie interessieren sich für Dreigliederung, wollen aber von Anthroposophie nichts wissen, und auf der anderen Seite diejenigen, die sich für Anthroposophie interessieren, und dann nichts von der Dreigliederung. wissen wollen. Wenn man aber mit dieser Tatsache zu stark bei sich selbst rechnet, dann erreicht man doch nichts für die Dauer; für den Augenblick mag etwas erreicht werden, für die Dauer aber erreicht man doch nichts.

[ 32 ] Admittedly, since the very first efforts toward the realization of the threefold social order, there have been, on the one hand, those who are apparently interested in the threefold social order but not in Anthroposophy; while on the other hand, those interested in Anthroposophy but caring little for the threefold social order. In the long run, however, such a separation is not feasible if anything of consequence is to be brought about.

[ 33 ] Insbesondere wird man wenig mit so etwas, was man für eine Taktik halten könnte, gerade in der Schweiz erreichen können, mit aus den Gründen, die ich ja schon mit Bezug gerade auf die Schweiz angegeben habe. Es wird sich schon darum handeln, daß wenigstens im Untergrunde des Redenden stark die Überzeugung vorhanden sein muß, daß man ohne anthroposophische Grundlage der Dreigliederung nicht richtig auf die Beine helfen kann. Man kann natürlich das benutzen, daß manche Menschen die Dreigliederung entgegennehmen und die Anthroposophie abweisen; aber man sollte durchaus wissen — und wenn man es weiß, wird man schon die nötigen Wendungen in seine Rede hineinbringen —, daß ohne die Verbreitung wenigstens der elementarsten Dinge der Anthroposophie nichts dreigegliedert werden kann.

[ 33 ] This is especially true in Switzerland, some of the reasons for which having already been mentioned. The speaker must have a strong underlying conviction that a threefold social order cannot exist without Anthroposophy as its foundation. Of course, one can make use of the fact that some persons want to accept threefolding and reject Anthroposophy; but one should absolutely know—and he who knows will be able to find the right words, for he will know that without the knowledge of at least the fundamentals of Anthroposophy there can be no threefold organization.

[ 34 ] Was soll man denn eigentlich dreigliedern? Denken Sie sich nur einmal, in einem solchen Territorium, in dem, sagen wir, ein Staat auf der einen Seite ganz in seiner Hand hat das Schulwesen, auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben, so daß zwischendurchgefallen ist das Rechtsleben — ja, denken Sie nur einmal, es könnte das Unwahrscheinliche eintreten, daß da nun dreigegliedert würde! Es würde ja auf dem Gebiet des Schulwesens, das nun selbständig wäre, wahrscheinlich in kürzester Zeit zu der Wahl eines Schulmonarchen und Schulministers geschritten werden, und das freie Geistesleben würde in kürzester Zeit in einen Staat verwandelt!

[ 34 ] For what are we attempting to organize in a threefold way? Imagine a country where the government has complete control of the schools on the one hand and the economy on the other, so that the area of human rights falls between the two. In such a country it would be very unlikely that a threefold organization could be achieved. If the school system were made independent of the government, the election of a school monarch or school minister would probably shortly follow, transforming within the shortest time the independent cultural life into a form of government!

[ 35 ] Solche Dinge lassen sich nicht formal nehmen, sie müssen in dem ganzen Lebendigen der Menschen ruhen. Es muß doch erst etwas da sein als freies Geistesleben, in dem die Menschen drinnenstehen, wenn man das Geistesleben auf sich selbst in dem sozialen Organismus stellen will. Nur dann, wenn das Geistesleben auch im anthroposophischen Sinne gehandhabt wird, wie zum Beispiel in der Freien Waldorfschule in Stuttgart, kann davon geredet sein, daß man da etwas hat, was ein kleiner Keim ist für ein freies Geistesleben. Aber in der Freien Waldorfschule hat man weder einen Rektor, noch hat man Lehrpläne, noch hat man irgend etwas anderes dieser Art, sondern das Leben ist da, und es ist durchaus Rücksicht genommen auf dasjenige, was man eben bedenken muß gegenüber dem Leben.

[ 35 ] Such matters cannot be manipulated by formulas; they must be rooted in the whole of human life. First we must actually have an independent cultural life and participate in it before we can assign it its own sphere of activity within society. Only when that life is carried on in the spirit of Anthroposophy—as exemplified by the Waldorf school in Stuttgart—can one speak of the beginnings of an independent cultural sector. The Waldorf school has no head, no lesson plans, nor anything else of the kind; but life is there, and life dictates what is to be done.

[ 36 ] Ich bin ganz überzeugt davon, daß über ein ideales freies Schulwesen sich jeweilig drei, sieben, zwölf, dreizehn oder fünfzehn Menschen, die sich zusammensetzen, die allerallerschönsten Gedanken machen können, und ein Programm aufstellen können: Erstens, zweitens, drittens — viele Punkte. Dieses Programm könnte so sein, daß man sich eigentlich nichts Schöneres vorstellen könnte. Die Leute, die dieses Programm ausdenken, brauchten nicht einmal besonders gescheit zu sein, könnten zum Beispiel durchaus Durchschnittsparlamentarier sein, brauchten nicht einmal solche zu sein, könnten Wirtshauspolitiker sein unter Umständen, und die könnten dreißig, vierzig Punkte herausfinden, die die höchsten Ideale erfüllen für ein tadelloses Schulwesen — aber anfangen kann man damit nichts! Es ist ganz unnötig, Paragraphen und Statuten in dieser Weise zu formen, wenn man damit nichts anfangen kann. Man kann nur etwas anfangen mit einem zusammengestellten Lehrerkollegium, wenn man gar nicht nach Statuten rechnet, sondern nach dem, was man halt eben hat, und daraus in aller Lebendigkeit das Beste macht.

[ 36 ] I am entirely convinced that on this topic of the ideal independent school system any number of persons, be it three, seven, 12, 13 or 15, could get together and think up the most beautiful thoughts to formulate a program: firstly, secondly, thirdly—many points. These programs could be such that nothing more beautiful could be imagined. The people who figured out these programs need not be of superior intelligence. They could, for example, be average politicians, not even that, they could be barroom politicians. They could discover 30, 40 points, fulfilling all the highest ideals for the most perfect schools, but they wouldn't be able to do anything with it! It is superfluous to set up programs and statutes no one can work with. One can work with a group of teachers only on the basis of what one has at hand—not on the basis of statutes—doing the best one can in the most living way.

[ 37 ] Freies Geistesleben muß eben ein wirkliches Geistesleben sein. Wenn die Menschen heute von Geistesleben reden, reden sie gar nicht vom Geiste, reden sie von Ideen; sie reden ja nur immer von Ideen.

[ 37 ] An independent cultural life must be a real life of the spirit. Today, when people speak of the spiritual life, they mean ideas; they speak only of ideas.

[ 38 ] Also wenn schon Anthroposophie dazu da ist, in den Menschen wiederum die Empfindung von einem realen Geistesleben hervorzurufen, so kann sie nicht entbehrt werden, wenn man überhaupt die Forderung der Dreigliederung des sozialen Organismus aufstellt. Also muß im Grunde genommen in einem gehen: Förderung der Anthroposophie, Förderung der Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 38 ] Consequently, since Anthroposophy exists for the purpose of calling forth in people the feeling for a genuine life of the spirit, it is indispensable when the demand arises for a threefold social organism. Accordingly, the two should go together: furtherance of Anthroposophy and furtherance of the threefold social order.

[ 39 ] Man sieht ja auch heute, wie wenig die Leute Empfindung haben für ein freies Geistesleben, daran, daß da oder dort Forderungen auftreten für ein vom Staate emanzipiertes Wirtschaftsleben. Man denke sich einmal im Konkreten aus, was nun das für ein soziales Gebilde wäre, bei dem auf der einen Seite der Rechtsstaat ist, der aber die ganze Schulverfassung in sich hat, aus dem also eigentlich alles das hervorgehen soll, was an Weisheiten dann in den Wirtschaftszusammenhängen entwickelt wird, und auf der anderen Seite ein emanzipiertes Wirtschaftsleben! Wer im wahren Sinne für die Dreigliederung des sozialen Organismus ist, dem sollte es nur nie einfallen, etwa zu sagen: Da ist ja schon ein Stück von der Dreigliederung des sozialen Organismus, nämlich die Zweigliederung. — Viel besser ist der chaotische Einheitsstaat als eine irgendwie geartete Zweigliederung. Denn das ist das Wesen der Dreigliederung, daß sie eben eine Dreigliederung ist und nicht eine Zweigliederung.

[ 39 ] Not translated

[ 40 ] Nun sagte ich: Man hätte zum Beispiel in Deutschland nach der Revolution, weil jeder etwas Neues erwartete, durchaus in verhältnismäßig kurzer Zeit einen Weg finden können für die Dreigliederung des sozialen Organismus; aber aus den Gründen, die Sie ja kennen, ist das eben nicht geworden. In der Schweiz war zunächst überhaupt eine solche äußere Veranlassung gar nicht da, absolut nicht da, kaum daß etwa die Diskrepanzen zwischen den drei schweizerischen Nationalitäten eine Empfindung von der Notwendigkeit der Dreigliederung hervorrufen. Aber diese sind ja im Grunde genommen so sehr wenig tiefgehend, trotzdem viel in ihrem Sinne geschrieben wird, daß auch dadurch keine gründliche Empfindung für die Dreigliederung des sozialen Organismus — ich meine jetzt natürlich nicht in drei Nationen, sondern in die drei in den «Kernpunkten» angeführten Glieder — hervorgerufen werden könnte. Deshalb wird es für die Schweiz schon notwendig sein, daß man immer bestrebt ist, den Horizont der Betrachtung zu erweitern, daß man die Schweiz eben so betrachtet, wie ich es vor ein paar Tagen getan habe: als eine Art Drehungsmittelpunkt für die ganze Welt. Und diese Empfindung sollte man bei den Schweizern hervorrufen.

[ 40 ] Not translated

[ 41 ] Ich war immer der Meinung, daß während der furchtbaren Weltkatastrophe das Wirksamste schon 1915 zur Erreichung des Friedens, wenn es scharf und tüchtig angefaßt worden wäre, von der Schweiz aus hätte geschehen können, so sonderbar es klingt. Aber das ist vorerst notwendig, daß eben der Blick des Schweizers auf den großen Welthorizont hingelenkt werde.

[ 41 ] Not translated

[ 42 ] Dazu wird für den, der im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus reden will, vor allen Dingen notwendig sein — ja, sollte ich im Alltäglichen sprechen, so möchte ich sagen: die Wochenschrift «Das Goetheanum» nicht nur zu lesen, sondern auch zu studieren. Und wenn ich es nun ins Allgemeine wende, so würde ich sagen: Sich bekümmern um alles, was auf dem großen Welthorizont heute vorgeht, ein Herz und einen Sinn haben dafür, daß, sagen wir, der Minister für Südafrika, Smuts, einen Teil der heutigen Weltwende damit ausgedrückt hat, daß er sagte: Die Weltinteressen wenden sich ab von der Nordsee und dem Atlantischen Ozean und bekommen ihren neuen Ausstrahlungspunkt im Stillen Ozean. — Was nun eben so ein südafrikanischer Minister vom heutigen Schnitt denken kann, weist alles darauf hin, wo Niedergangskräfte, namentlich in bezug auf den europäischen Kontinent, zu suchen sind. Ich sage: Was ein Minister von solchem Schnitt sagen kann. Er kann ja nur vom wirtschaftlichen Gesichtspunkte aus sprechen, weil nur der ihm naheliegt, weil er ja nur den versteht. Und wenn sich das realisiert, was solche Leute heute denken können, dann wird in der Tat Europa eine Art halbbarbarisches Bauernland. Die Tendenz geht durchaus dahin.

[ 42 ] Not translated

[ 43 ] Man muß das in seiner Empfindung haben, sonst wird man heute wirklich nicht mit dem Duktus der Wahrheit seine Rede formen können. Man mag noch so viel politisieren, man wird ohne innere Wahrheit sprechen, und daher auch unwirksam sprechen, wenn man im Hintergrunde die Empfindung hat: Na, es ist immer gegangen; wenn es einmal eine Weile talab gegangen ist, ging es wiederum bergauf; so wird es auch jetzt nicht so gefährlich sein! — Es ist nicht so! Nur der kann empfinden, welches die richtigen Aufgangskräfte sind, der ganz durchdrungen ist davon, wie in dem Angedeuteten für Europa eben nur Niedergangskräfte entfesselt werden. Es muß eben einfach die Empfindung heute leben bei dem richtigen Dreigliederer: In alldem, was sich heute als Weltgestaltung herausgebildet hat, lebt für Europa die Abenddämmerung. — Daher muß man frei werden von dem, was sich da herausgestaltet und muß aus ursprünglichen Quellen heraus, vor allen Dingen aus geistigen Quellen heraus, die Wüste wieder beleben, zu der Europa gemacht werden soll vom Westen und auch vom Osten. Es ist durchaus so, daß man hinzuhorchen hat auf so etwas, wie heute die «altbewährten Staatsmänner» reden, wie es zum Beispiel jetzt wiederum in Genf gehört worden ist. Wenn da ein Staatsmann etwa den Traum hinstellt von einem «Weltgerichtshof», in dem die Staatsmänner dann zum Heil der Völker ihre Weisheit loslassen, so sollte man immer das Gefühl haben und auch nicht zurückschrecken, dieses Gefühl hervorzurufen: daß diese Staatsmänner, die hier allein gemeint sind, den heutigen Zustand herbeigeführt haben und daß sie ihn verstärken werden, wenn es in ihrem Sinne weitergeht.

[ 43 ] Not translated

[ 44 ] Aber die Menschen sind gerade heute insbesondere gedanken- und seelenmüde. Sie möchten eigentlich vermeiden, zu ursprünglichen Gedanken und Empfindungen zu kommen. Sie möchten immer nur fortpflegen, was eben altbewährt ist. Sie möchten irgendwo unterkriechen. Sie wenden sich nicht zur Anthroposophie, weil es da nötig ist, daß man die Seele in Regsamkeit bringt, sondern sie wenden sich heute, insbesondere die Intellektuellen, in großen Scharen zur römisch-katholischen Kirche, weil da keine Anstrengung nötig ist. Da tut es der Pfarrer oder der Bischof, daß er die Seele durch den Tod hindurchführt. Man denke doch nur, wie tief es eigentlich heute in den Menschen sitzt: Eltern haben einen Sohn, sie haben ihn gern; daher wollen sie seinen Lebensweg sichern. Da ist der Staat, da muß er unterkommen, denn da ist er ganz sicher untergebracht, da braucht er nicht selber den Lebenskampf zu führen. Da arbeitet er, so lange er kann; dann wird er pensioniert; also noch über seine Arbeit hinaus ist er gesichert. Wie soll man da diesen Staat nicht lieben, wenn er einem die Kinder versorgt!

[ 44 ] But people, especially today, are tired in mind and soul. They actually want to avoid coming to original thoughts and feelings, interested only in maintaining traditions. They want to be sheltered. They don't want to turn to Anthroposophy, because they don't want to stir their souls into activity; instead, they flock in great numbers—especially the intellectuals—to the Roman Catholic Church, where no effort is required of them. The work is on the part of the bishop or priest, who guides the soul through death. Just think how deep-rooted it is in today's humanity: parents have a son whom they love; therefore they want his life to be secure. Let him work for the government: then he is bound to be well looked after; then he doesn't have to face the battle of life by himself. He will work as long as he can, then go on to pensioned retirement—secure even beyond his working days. How grateful we should be to the government for taking such good care of our children!

[ 45 ] Und auch die ringende Seele haben die Leute nicht besonders gern. Die Seele soll von der Kirche so versorgt werden bis zum Tode hin, wie die Arbeit durch den Staat. Und wie der Staat den äußeren physischen Menschen pensioniert durch seine Macht, so soll die Kirche auch die Seele pensionieren, wenn der Mensch stirbt; sie soll für die Seele sorgen, soll ihr Pensionsgeld geben nach dem Tode. Das ist etwas, was so tief in den heutigen Menschen sitzt, was so sehr in jedem einzelnen sitzt. Aus Höflichkeit will ich nur sagen, daß es nicht etwa bloß für die Söhne gilt, sondern für die Töchter auch, denn die heiraten doch wiederum diejenigen am liebsten, nicht wahr, welche in dieser Weise versorgt sind. Also, dahinein sind schon die Menschen versessen: Nicht auf sich selbst bauen, sondern irgendwo eine mystische Macht haben, auf die gebaut werden kann. Der Staat ist ja auch, wie er heute besteht, eine mystische Macht. Oder ist nicht vieles dunkel in dem Staate? Ich denke, viel mehr ist da dunkel als selbst bei dem schlechtesten Mystiker.

[ 45 ] Neither are people so fond of an independently striving soul. The soul is to be taken care of until death by the church, just as work is provided by the government. And just as the power of the government provides the physical man with a pension, so the church is expected to provide the soul with a pension when a man dies, is expected to provide for it after death—that is something that lies deeply in present-day man, in everyone today. Just to be polite I will add that this is true for the daughters as well as the sons, for they would rather be married to those who are thus “secure,” who are provided for in this way. Such seems to be the obsession of humanity: not to build upon oneself, but to have some mystical power somewhere upon which to build. The government, as it exists today, is an example of such a mystical power. Or is there not much obscurity in the government? I suspect much more obscurity than in even the worst mystic.

[ 46 ] Alle diese Dinge müssen eben als Empfindungen in uns sitzen, wenn wir uns solche Aufgaben stellen, wie Sie sie sich stellen wollen, und wie die sind, die eigentlich zum Abhalten dieses Kursus geführt haben. Ich kann zum Schlusse nur sagen: Ich mußte mich bei diesem Kursus mehr auf das Formale der Redekunst beschränken. Aber das Wesentliche ist doch dasjenige, was in Ihren Herzen sitzt an Enthusiasmus, an Hingegebensein an die Notwendigkeit jener Wirksamkeit, die vom Goetheanum in Dornach ausgehen kann. Und in demselben Maße, in dem diese Überzeugungskraft in wirklicher Wahrheit innerlich in Ihnen wächst, in demselben Maße wird sie auch nicht bloß in Ihnen überzeugende Kraft, sondern sie wird auch überzeugende Kraft für andere werden können. Denn, was braucht man? Wir brauchen heute nicht etwa bloß eine Lehre. Die kann noch so gut sein, aber sie kann in den Bibliotheken verschimmeln, sie kann in Worten von Wüstenpredigern da oder dort figurieren, wenn nicht dafür gesorgt wird, daß möglichst bald der Impuls der Dreigliederung mit allem, was dazugehört, in eine möglichst große Anzahl von Köpfen hineinkommt. In eine möglichst große Anzahl von Köpfen muß das hinein, was mit der Dreigliederung des sozialen Organismus zusammenhängt, denn dadurch nur läßt sich doch etwas erzielen, daß der eigentliche Nerv dieser Dreigliederungsbewegung in möglichst vielen Köpfen sitzt. Dann wird dasjenige, was zur Verwirklichung führen soll, ja ganz von selber kommen.

[ 46 ] We must have a sense for these things as we commit ourselves to the tasks to which these lectures are addressed. This course was primarily confined to the formalities of the art of lecturing, but the important thing is the enthusiasm that lives in your hearts, the devotion to the necessity of that effectiveness which can emanate from the Goetheanum in Dornach. And to the degree that this inner conviction grows in you, it will become a convincing power not only for you but for others as well. For what do we need today? Not a mere doctrine; however good it could be, it could just get moldy in libraries, it could be formulated—here or there—by a "preacher in the desert," unless we see to it that the impulse for a threefold social order finds entrance, with minimal delay, to as many minds as possible. Then practical application of that impulse will follow by itself.

[ 47 ] Aber wir müssen eben versuchen, ins Große hineinzuwirken. Es ist durchaus, man möchte sagen, fast notwendig, daß so etwas wie die Wochenzeitung «Goetheanum» so intensiv wie möglich gerade in der Schweiz verbreitet wird. Das ist natürlich nur eines unter Mannigfaltigem. Denn solch eine Wochenschrift wird ja nicht immer nur in derselben Form wiederholen, was schon im Anfange gesagt wurde, und was ja jeder natürlich sich immer und immer wieder aneignen soll; aber es wird eine solche Wochenschrift genötigt sein, sich auch in die Zeitbewegung hineinzustellen und in den verschiedensten Gebieten anzuwenden und auszugestalten, was im Sinne der Dreigliederung wirkt. Mitzuerleben, was so durch das «Goetheanum» fließt, das wird insbesondere notwendig sein für diejenigen, welche wirken wollen, so wie Sie es wollen, im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 47 ] But we need to broaden the range of our efforts. A weekly publication such as the Goetheanum will have to be distributed as widely as possible in Switzerland. That is only one of many requirements, in view of the fact that the basic essentials of Anthroposophy must be acquired ever anew; but a weekly of this type will have to find its place on the world scene and work in widespread areas for the introduction and application of the threefold social order. The experience of the way in which the Goetheanum publication thus works will be essential to anyone attempting to assist in the realization of such an order in the social organism.

[ 48 ] Aber vor allen Dingen: Was wir brauchen, das ist Energie, Mut und Einsicht und Interesse für die großen Weltbegebenheiten! Nicht sich abkapseln von der Welt, nicht sich in enge Interessen hineinspinnen, sondern sich für alles, was heute auf der ganzen Erde vorgeht, interessieren. Das beflügelt auch unsere Worte, das wird uns zu einem richtigen Mitarbeiter machen auf dem Felde, das wir ja gesucht haben.

[ 48 ] What we need above all is energy, courage, insight, and interest in world events on a broader scale! Let us not isolate ourselves from the world, not get entangled in narrow interests, but be interested in everything that goes on all over the world. That will give wings to our words and make us true coworkers in the field we have chosen.

[ 49 ] In diesem Sinne, meine lieben Freunde, möchte ich zu Ihnen gesprochen haben, und in diesem Sinne habe ich namentlich dasjenige zu dem in dieser Woche Gesprochenen noch heute, gewissermaßen als Ramschergänzung, hinzugefügt, was ich glaubte, hinzufügen zu müssen, da ja doch in einer solch kurzen Zeit nur außerordentlich Weniges gegeben werden kann.

[ 49 ] In this light were these lectures given.

[ 50 ] Wenn Sie nun an Ihre Arbeit gehen, dann können Sie sicher sein, daß die Gedanken dessen, der in diesen acht Tagen zu Ihnen gesprochen hat, Sie begleiten werden. Und in einem solchen Zusammenwirken mag auch etwas liegen von einer Erkraftung des Impulses, der uns beseelen soll, wenn wir im richtigen Sinne, insbesondere in der Schweiz, wirken wollen.

[ 50 ] And when you go out to continue your work, you can be assured that the thoughts of the lecturer will accompany you. May such cooperation strengthen the impulse that should inspire our work, if that work, especially in Switzerland, is to be carried on in the right way.

[ 51 ] Damit rufe ich Ihnen zu ein schönes «Glück auf», trotzdem ich Sie nicht in die Tiefen eines finsteren Schachtes hinunterschicken möchte, sondern gerade dorthin, wo es hell ist, wo es luftig werden kann für die Entwickelung der Menschheit und dahin, wo Ihnen diese Helligkeit, diese Luftigkeit eine besondere Befriedigung gewähren kann, weil Sie es ja selbst sein müssen, die dieses Licht, diese frische Luft in einen Teil der Welt hineinbringen.

[ 51 ] And so I wish you luck, sending you out not into darkness but into where light and open air can enter into the development of humanity—from which you will doubly benefit, as you yourselves are the ones who are to bring this light and openness into the world.