On the Essence of the Active Word
GA 345
14 July 1923, Stuttgart
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On the Essence of the Active Word, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Ja, meine lieben Freunde, ich möchte zur Ergänzung des Gestrigen nur noch etwas sagen, was ich eigentlich schon gestern habe vorbringen wollen, aber die Zeit war zu kurz. Es handelt sich darum, gerade bei dieser Gelegenheit einmal hinzuweisen auf das Verhältnis, das wir allmählich zur Bibel gewinnen müssen. Die Bibel, namentlich das Neue Testament, ist ja ein Dokument, das wir wieder lernen müssen als eine Art übersinnlicher Offenbarung aufzufassen, nicht im dogmatischen Sinne, sondern indem man sich zu der Erkenntnis durchringt, daß die religiösen Dokumente, wenn sie aus der Zeit bis etwa in das vierte nachchristliche Jahrhundert hinein stammen, nicht allein menschlichen Ursprungs sind, sondern durchaus hineinergossen wurden in ein Menschheitsbewußtsein, das von sich aus noch nicht hätte die betreffenden Erkenntnisse haben können. Ich möchte sagen, Sie brauchen die Sache nur bis zu diesem Punkte zu nehmen, daß die Menschheit eben ausgeht von einer Art atavistischen, instinktiven Bewußtseins, in das Bilder der mannigfaltigsten Art über die höchsten geistigen Dinge und Vorgänge hineinfallen konnten; aber das, was diese Bilder trägt, ist nicht etwas, was aus dem menschlichen Bewußtsein selbst konzipiert, gestaltet sein konnte.
[ 1 ] Yes, my dear friends, I would like to add just one more thing to what I said yesterday—something I actually wanted to bring up yesterday, but there wasn’t enough time. It is a matter of taking this very opportunity to point out the relationship we must gradually develop with the Bible. The Bible, particularly the New Testament, is, after all, a document which we must learn once again to regard as a kind of supersensory revelation—not in a dogmatic sense, but by coming to the realization that religious documents, when they date from the period up to about the fourth century A.D., are not of purely human origin, but were indeed poured into a human consciousness that could not have possessed the insights in question on its own. I would like to say that you need only take the matter as far as this point: that humanity simply starts from a kind of atavistic, instinctive consciousness into which images of the most varied kinds concerning the highest spiritual things and processes could fall; but what underlies these images is not something that could have been conceived or shaped by human consciousness itself.
[ 2 ] Und so ist es gekommen, daß gerade in der Zeit, als der Intellektualismus maßgebend wurde, die religiösen Dokumente in vieler Beziehung ja mißverstanden worden sind. Es wurde an sie herangegangen mit dem intellektualistischen Denken, und es war im Grunde genommen ganz natürlich, daß bei allem guten Willen da zunächst Mißverständnisse eintreten mußten. So ist es gekommen, daß die gegenwärtig vorliegenden Texte, wenn sie in den heute üblichen Landessprachen geschrieben sind, ja nicht die ursprünglichen Dokumente wiedergeben, weil die Landessprachen aus einer Intellektualität heraus gearbeitet haben, die dem ganzen ursprünglichen Elemente, das in den religiösen Dokumenten enthalten war, etwas Fremdes ist.
[ 2 ] And so it came to pass that, precisely at the time when intellectualism was gaining the upper hand, religious texts were, in many respects, misunderstood. They were approached with an intellectualist mindset, and it was, in essence, quite natural that, despite all good intentions, misunderstandings were bound to arise at first. Consequently, the texts currently available—when written in the national languages in common use today—do not accurately reflect the original documents, because those national languages were developed from a form of intellectualism that is alien to the entire original element contained within the religious documents.
[ 3 ] Wenn zurückgegangen wird auf die Grundsprache der religiösen Dokumente, insbesondere auf das Neue Testament, so liegt auch das vor, daß diese Grundsprache mit der heutigen Seelenverfassung nicht mehr in der rechten Weise empfunden wird. Und so ist wirklich eine Art Unwahrhaftigkeitselement in die Auffassung der religiösen Urkunden, auch des Neuen Testamentes, hineingekommen. Man darf gar nicht hoffen, daß ein Fortsetzen von Übersetzungen in dem Sinne, wie sie bisher gepflogen worden sind, zu etwas Besserem führen kann, sondern es muß sich darum handeln, erst die Vorbedingungen zu finden, um in einer Art Wiederauferweckung der alten Geistigkeit den Sinn der religiösen Dokumente wirklich zu erfassen. Das können wir, das kann im Grunde jeder, der sich die nötige Mühe gibt, die heute erforschbaren geisteswissenschaftlichen Tatsachen, sagen wir zunächst auf das Neue Testament anzuwenden.
[ 3 ] When we go back to the original language of religious texts, particularly the New Testament, we find that this original language is no longer properly understood in light of today’s state of mind. And so a kind of element of untruth has indeed crept into the interpretation of religious texts, including the New Testament. One cannot hope that continuing translations in the manner in which they have been practiced thus far will lead to anything better; rather, the aim must be to first establish the prerequisites for truly grasping the meaning of the religious texts through a kind of revival of the ancient spirituality. We can do this—indeed, anyone who makes the necessary effort can—by applying the spiritual-scientific facts that can be researched today, let us say, initially to the New Testament.
[ 4 ] Davon möchte ich nur eine kleine Probe geben, und zwar von einer der wichtigsten Stellen des Neuen Testamentes. Ich möchte vorher nur betonen, daß ja die Darstellungen des Neuen Testamentes sich beziehen auf eine historische Tatsache, daß die Darstellungen des Neuen Testamentes sich nur verstehen lassen, wenn man sich darüber klar ist, daß die Tatsache des Mysteriums von Golgatha sich ganz hineinstellte in die übrige geschichtliche Entwickelung der Menschheit, aber als eine solche Tatsache, die herausfällt aus den übrigen Gesetzen der Menschheit. Das Mysterium von Golgatha ist eine ganz singuläre Tatsache, die nicht aus den historischen Untergründen heraus zu verstehen gesucht werden soll, sondern die an sich und für sich begriffen werden soll. Dann, wenn man diese, ich möchte sagen überhistorische Tatsache, diese kosmische Tatsache nun in Zusammenhang bringt mit demjenigen, was man geisteswissenschaftlich über die Entwickelung der Menschheit kennenlernen kann, dann beginnt man eigentlich erst den tiefen Sinn der Worte, der Satzprägung des Neuen Testamentes zu erfassen. Wenn man das nicht tut, kommt ein zu starker Ton des Trivialen in das Neue Testament hinein. Wir brauchen uns nur an mancherlei zu erinnern, was aus dem Bestreben hervorgegangen ist, die Bibel möglichst so aufzufassen, daß man überhaupt zu ihrer Erfassung keiner Vorbereitung bedarf und sagt, man fasse sie einfältig, primitiv auf. Man braucht sich nur dieser Tatsache zu erinnern, um zu ermessen, wie stark die Abneigung war, das Neue Testament in seiner vollen Tiefe zu erkennen.
[ 4 ] I would like to offer just a small sample of this, specifically from one of the most important passages in the New Testament. First, I would just like to emphasize that the accounts in the New Testament refer to a historical fact; that the accounts in the New Testament can only be understood if one is clear that the fact of the Mystery of Golgotha was fully embedded within the rest of humanity’s historical development, yet as a fact that stands apart from the rest of humanity’s laws. The Mystery of Golgotha is a wholly singular event that should not be sought to be understood from historical contexts, but must be grasped in and of itself. Only then, when one relates this—I would say, supra-historical—fact, this cosmic fact, to what can be learned through spiritual science about the development of humanity, does one actually begin to grasp the deep meaning of the words and the phrasing of the New Testament. If one does not do this, a tone that is far too trivial creeps into the New Testament. We need only recall various instances that have arisen from the effort to interpret the Bible in such a way that no preparation is required to understand it at all—and to claim that one is interpreting it in a simple, primitive manner. One need only recall this fact to appreciate how strong the aversion was to recognizing the New Testament in its full depth.
[ 5 ] Bedenken Sie, meine lieben Freunde, daß das Mysterium von Golgatha, im richtigen Sinne genommen, als ein für die Erde bestimmter Gnadenakt aus höheren geistigen Welten sich vollzogen hat in einer bestimmten Zeit, in der ein gewisser Teil der Menschheit übergegangen ist von einem vorher entwickelten Bewußtseinszustand in einen nachherigen. Die Zeit des Mysteriums von Golgatha fällt ganz damit zusammen, daß die Menschheit als sich fortentwickelnde Wesenschaft aufsteigt zu dem Erleben der inneren Ich-Tatsache. Das Ich kommt allmählich in der Menschheit herauf in der Zeit, in die das Mysterium von Golgatha fällt. Nicht dürfen wir einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Tatsachen suchen, sei es einen kausalen oder einen sonstigen Zusammenhang. Wir können nur einen solchen Zusammenhang sehen, wie es etwa derjenige ist, wenn irgend jemand sieht, wie etwas sich abspielt, und dazu etwas aus völlig freiem Willen tut. Das Mysterium von Golgatha kommt als eine Tatsache kosmischer Freiheit zu dem hinzu, was sich innerhalb der Menschheitsentwickelung so ergeben hat, daß das Ichbewußtsein auftaucht. Nun, Sie kennen ja die übrigen wichtigen Tatsachen, die mit diesem Heraufkommen des Ichbewußtseins verknüpft sind. Aber nun kommt etwas Besonderes hinzu. Es ist notwendig zu wissen, daß diesem Sicheingliedern des Ichbewußtseins in die sich entwickelnde Menschheit vorangegangen ist ein Zustand, wo der Mensch bei jeder Gelegenheit seines Erlebens im Bewußtsein heraufgeschaut hat zu den Göttern, oder, wo Monotheismus war, zu demjenigen Gott, der uns dann geblieben ist in der Vorstellung des Vatergottes. Solange wir in der Vorstellung des Vatergottes stehen, ist diese Vorstellung damit zu erfüllen, daß wir sagen: Wenn der Mensch auf der Erde sich als Ich-Wesenheit bewußt ist, so fühlt er das, was in seinem Ich liegt, als das Hereinwirken des Vatergottes in seine Seele. Der Vatergott träufelt gewissermaßen einen Tropfen seines eigenen Wesens, der aber im Zusammenhang bleibt mit dem ganzen Meere der Geistigkeit des Vatergottes, in die Wesenheit des einzelnen Menschen, und der einzelne Mensch kann sich dann sagen: Es lebt in mir der Vatergott, es lebt die ganze Fülle des Vatergottes in mir. Aber es lebt die ganze Menschheit in dem Durchdrungensein mit der Wesenheit des Vatergottes. Dies als ein Gegenwärtiges zu erleben, das heißt, sich zu sagen: Ich bin!, das ist: Der Vatergott ist in mir. — Dies als Gegenwärtiges zu erleben, wurde der Menschheit allmählich unmöglich. Sie mußte zu einem eigenen Ich kommen, das aus dem eigenen Bewußtsein heraus der Form nach produktiv ist. Und dieses Produktive des eigenen Ichs war im Zusammenhange mit der ganzen kosmisch-geistigen Welt nur möglich, wenn sich der einzelne Mensch mit dem Christus identifizierte, also mit dem Sohnesgott.
[ 5 ] Consider, my dear friends, that the Mystery of Golgotha—taken in the proper sense—was an act of grace intended for Earth, emanating from higher spiritual worlds, which took place at a specific time when a certain portion of humanity transitioned from a previously developed state of consciousness to a subsequent one. The time of the Mystery of Golgotha coincides entirely with humanity’s ascent, as an evolving being, toward the experience of the inner “I.” The “I” gradually emerges within humanity during the period in which the Mystery of Golgotha takes place. We must not seek a connection between these two facts, whether causal or otherwise. We can only perceive such a connection in the same way that someone might observe an event unfolding and, in response, act entirely of their own free will. The Mystery of Golgotha is added—as a fact of cosmic freedom—to what has arisen within human evolution in such a way that self-consciousness emerges. Now, you are of course familiar with the other important facts connected with this emergence of self-consciousness. But now something special is added. It is necessary to know that this integration of self-consciousness into evolving humanity was preceded by a state in which human beings, on every occasion of their experience, looked up in consciousness to the gods—or, where monotheism prevailed, to that one God who has remained with us in the concept of the Father God. As long as we remain within the concept of the Father God, this concept must be fulfilled by our acknowledging that when a human being on Earth is conscious of himself as an “I”-being, he perceives what lies within his “I” as the Father God’s influence working into his soul. The Father God, so to speak, instills a drop of His own being—which, however, remains connected to the entire ocean of the Father God’s spirituality—into the being of the individual human being, and the individual human being can then say to himself: The Father God lives within me; the full abundance of the Father God lives within me. But all of humanity lives in this permeation by the essence of the Father God. To experience this as a present reality—that is, to say to oneself: “I am!”—means: “The Father God is within me.” — To experience this as a present reality gradually became impossible for humanity. It had to arrive at its own “I,” which is productive in form out of its own consciousness. And this productive aspect of the individual “I” was possible in connection with the entire cosmic-spiritual world only if the individual human being identified with Christ—that is, with the Son of God.
[ 6 ] Was kann man also sagen über das Verhältnis der Christusbegnadeten Menschheit zu der noch nicht mit Christus begnadeten Menschheit? Wenn die noch nicht mit dem Christus begnadete Menschheit zurücksah auf das Bewußtsein, also auf die eigene Wesenheit der Seele, konnte sie dann sagen: Ich bin als einzelner mit dem Ich begabt? — Nein, die Seele konnte sich nur sagen: In mir lebt der Vatergott, und daß er in mir lebt, das bewirkt, daß ich zu mir Ich sagen kann. — Der einzelne war noch nicht vollkommen individualisiert, der einzelne war ein Kind des Vatergottes, aber so, daß das Kind gewissermaßen noch durch eine Art Nabelschnur zusammenhing mit dem Vater. Das aber, was die Seele haben konnte, wenn sie sich dieses ihres göttlichen Inhaltes bewußt wurde, konnte sie nachher nicht mehr haben. Und die Christus-begnadete Menschheit bekam das so, daß jeder aus seinem einzelnen Seelenwesen heraus in sein Ich diese Substanz aufnehmen konnte.
[ 6 ] So what can be said about the relationship between humanity that has been graced by Christ and humanity that has not yet been graced by Christ? When humanity that had not yet been graced by Christ looked back upon consciousness—that is, upon the soul’s own essence—could it then say: “I, as an individual, am endowed with the ‘I’”? — No, the soul could only say to itself: “The Father God lives within me, and the fact that He lives within me enables me to say ‘I’ to myself.” — The individual was not yet fully individualized; the individual was a child of the Father God, but in such a way that the child was, so to speak, still connected to the Father by a kind of umbilical cord. But what the soul could possess when it became aware of this divine content within itself, it could no longer possess afterward. And humanity, graced by Christ, received this in such a way that each person could take this substance into their “I” from within their individual soul being.
[ 7 ] So brachte der Christus den Menschen auf Erden dasselbe, was der Menschheit auf Erden der Vatergott gegeben hat, aber er brachte es auf eine neue Weise, so daß jeder es nun mit seinem aus sich selbst herausquellenden Ich verbinden konnte. Und so konnte der Christus der Menschheit sagen: Ich bringe euch, was ihr gewohnt seid, aus dem Logos zu erkennen, aber ich bringe es euch auf eine neue Weise. Ich bringe es euch so, daß der Vatergott mir das übergeben hat, was er euch vorher direkt gegeben hat, aber für einen anderen Bewußtseinszustand. Als sein Gesandter bringe ich euch den Schatz des Vaters, für jedes einzelne Bewußtsein von euch, für jede einzelne Individualität von euch. Ich will euch nicht mehr nur zu Menschen machen, die gewissermaßen ein Glied im ganzen Kosmos sind, ich will vermöge der Vollmacht, die mir der Vatergott gegeben hat, jeden einzelnen von euch, wenn er kommen will, zu einem gotterfüllten Menschen machen. Diejenigen, die so der Vatergott mir übergibt als einzelne, die erfülle ich mit dem Gottes-Bewußtsein.
[ 7 ] Thus, the Christ brought to the people on earth the very same thing that God the Father had given to humanity on earth, but he brought it in a new way, so that everyone could now connect it with their own “I” that springs forth from within themselves. And so the Christ was able to say to humanity: I bring you what you are accustomed to recognizing from the Logos, but I bring it to you in a new way. I bring it to you in such a way that God the Father has entrusted to me what He previously gave you directly, but for a different state of consciousness. As His messenger, I bring you the Father’s treasure—for each and every one of your consciousnesses, for each and every one of your individualities. I no longer wish merely to make you people who are, so to speak, a link in the entire cosmos; by virtue of the authority that God the Father has given me, I wish to make each and every one of you—if you are willing—a person filled with God. Those whom God the Father entrusts to me as individuals, I fill with the consciousness of God.
[ 8 ] Daß also die Art, wie das Gottes-Bewußtsein zu den Menschen kommen sollte, eine andere ist als sie früher war, das ist das Wesentliche des Mysteriums von Golgatha. Daher ist es auch so, daß die Worte des Evangeliums durch das Mysterium von Golgatha einen ganz anderen Sinn bekommen. Es ist zum Beispiel durchaus möglich, von dem Inhalt des Vaterunsers einzelne Teile in früheren Entwickelungsstadien der Menschheit nachzuweisen. Aber auf den Inhalt kommt es in diesem Fall nicht an, sondern darauf, daß in anderer, in neuer Weise der mit dem Ichbewußtsein erfüllten Seele das Vaterunser mit denselben Worten, mit denselben Sätzen gegeben wird. Dieses Hineindringen in die geistigen Kräfte der Geschichte wird uns wiederum möglich, wenn wir selbst geistig forschen können. Das ist es, was uns zurückbringt zu dem ursprünglichen Sinn der Evangelien. Dieser ursprüngliche Sinn muß heute herauskommen. Die Menschheit darf nicht weiter mit mißverstandenen, das heißt mit nicht hoch genug genommenen Evangelien[übersetzungen] abgespeist werden. Man muß sich schon überwinden, die Sache so aufzufassen, daß man sich einmal fragt: Kann man, wenn man ganz chrlich ist in seiner Seele, heute noch einen Sinn empfinden bei den Worten in Johannes 17, Vers 1 bis 92 Nun, meine lieben Freunde, darüber kann allerlei gesagt und nachgesagt werden, wenn man über die Tatsache hinweggehen will, daß damit nicht wirklich in deutlicher Weise ein Sinn getroffen wird. Auf künstliche Art [des Kommentierens] läßt sich mit dieser Rede kein Sinn verbinden. Eigentlich nur durch den Glauben läßt sich damit ein Sinn verbinden. Denn auf etwas Reales stößt man nicht, wenn man diese Sätze [in einer der üblichen Übersetzungen] vor sich hat. Dagegen wenn man den Versuch macht, mit Empfindung des [ursprünglichen] Textes ganz wörtlich den Text in deutscher Sprache wiederzugeben, so kommt ein tieferer Sinn hinein, und man darf nicht, man kann gar nicht sagen, wenn man ehrlich ist mit sich selbst, es wäre dadurch der einfältige Sinn dieser Rede, der für jedes gewöhnliche menschliche Gemüt verständlich sei, künstlich kommentiert worden. Man kommt nämlich darauf, daß dieser vertieftere Sinn wirklich der ursprüngliche ist, und von dieser Tatsache muß man ausgehen.
[ 8 ] The fact that the way in which the awareness of God is to come to humankind is different from what it was in the past—that is the essence of the Mystery of Golgotha. This is also why the words of the Gospel take on a completely different meaning through the Mystery of Golgotha. For example, it is certainly possible to trace individual parts of the content of the Lord’s Prayer back to earlier stages of human development. But in this case, it is not the content that matters, but rather that the Lord’s Prayer is given—with the same words, with the same phrases—in a different, new way to the soul filled with self-consciousness. This penetration into the spiritual forces of history becomes possible for us again when we ourselves are able to engage in spiritual inquiry. This is what brings us back to the original meaning of the Gospels. This original meaning must come to light today. Humanity must not continue to be fobbed off with misunderstood—that is, with [translations] of the Gospels that are not held in high enough regard. One must really make an effort to grasp the matter in such a way that one asks oneself: If one is truly Christian in one’s soul, can one still perceive a meaning today in the words of John 17, verses 1 through 92? Well, my dear friends, all sorts of things can be said and speculated about this if one wishes to overlook the fact that no clear meaning is actually conveyed by these words. No meaning can be ascribed to this discourse through an artificial [method of commentary]. In fact, meaning can only be ascribed to it through faith. For one does not encounter anything real when one has these sentences [in one of the usual translations] before one. On the other hand, if one attempts to render the text into German quite literally while retaining the spirit of the [original] text, a deeper meaning emerges, and one must not—indeed, one cannot, if one is honest with oneself—say that this would constitute an artificial commentary on the simple meaning of this discourse, which is understandable to any ordinary human mind. One comes to realize, in fact, that this deeper meaning is truly the original one, and one must proceed from this fact.
[ 9 ] Es mag ja dem heutigen Menschen lieber sein, daß man einen solchen Sinn im Evangelium nicht zu suchen habe. Aber man kommt nicht über die Tatsache hinweg, daß dieser tiefere Sinn eben doch darinnen ist und wir ihn eben herausholen müssen. Wir können nicht anders. Es wäre eine subjektive Phantasie, wenn wir sagen wollten: Interpretiert nichts in das Evangelium hinein, wir wollen bei seinem einfältigen Inhalt bleiben. — Das ist eben das Interpretieren. Wenn wir einfach zu dem Sinn zurückgehen, der in ganz nüchterner Weise da ist, so kann ich nicht anders, als ihn etwa in der folgenden Weise wiedergeben:
[ 9 ] People today may prefer not to look for such a meaning in the Gospel. But there is no getting around the fact that this deeper meaning is indeed there, and we must bring it to light. We have no choice. It would be a subjective fantasy to say: “Don’t read anything into the Gospel; let’s stick to its simple content.” — That, in fact, is what interpretation is. If we simply return to the meaning that is present there in a very sober way, I cannot help but convey it in roughly the following manner:
Nachdem Jesus dieses geredet hatte, erhob er seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen, offenbare es Deinem Sohne, auf daß Dein Sohn es von Dir offenbare, wie Du ihm Macht über alles Fleisch gegeben hast, damit er den ihm zu eigen Gegebenen das dauernde Leben gebe. Das aber ist das dauernde Leben, daß sie Dich als den einzig wahren Gott erkennen und Jesus Christus als den Abgesandten. Ich habe Dich auf Erden geoffenbaret, um zum Ziele zu bringen das Werk, das Du mir zu tun auferlegt hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit der Offenbarung, die mir durch Dich ward, ehe die Welt bestand. Ich habe [Dich] zur Erscheinung gebracht für die Menschen, welche Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren sie und Du gabst sie mir, und sie sind von Deinem Worte erfüllt geblieben.
So haben sie erkannt, wie alles, was Du mir gegeben hast, aus Dir ist. Denn die Gedankenkräfte, die Du mir gegeben hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben sich mit ihnen verbunden und durchschaut, daß ich von Dir komme und eingesehen, daß Du mich ihnen gegeben hast. Für sie als einzelne Menschen, nicht für die Menschen im Allgemeinen, bitte ich bei Dir, nur für die Menschen, die Du mir gegeben hast, weil sie durch Dich sind.
After Jesus had said this, he raised his eyes to heaven and said: “Father, the hour has come; glorify your Son, so that your Son may glorify you, just as you have given him authority over all flesh, so that he may give eternal life to those you have given him. And this is eternal life: that they may know You as the one true God and Jesus Christ as the One You have sent. I have revealed You on earth to accomplish the work You have given me to do. And now, Father, glorify me with the glory You gave me before the world began. I have made [You] known to the people whom You have given me out of the world. They were Yours, and You gave them to me, and they have remained filled with Your word.
Thus they have come to know that everything You have given me is from You. For I have brought to them the powers of thought that You have given me. They have united with them and discerned that I come from You, and realized that You have given me to them. For them as individual people—not for people in general—I pray to You, only for the people You have given me, because they are through You.
[ 10 ] Nun liegt in der ganzen Darstellung dasjenige, was ich Ihnen vorher gesagt habe, und es ist nichts anderes, meine lieben Freunde, als daß die geistigen Entwickelungstatsachen der Menschheit in den Evangelien wiedergegeben sind. Man kann die Evangelien eben gerade in ihrer Richtigkeit finden, wenn man auf die geistigen Tatsachen darin gekommen ist. Und damit entsteht eben das Bewußtsein, das, ich möchte sagen, das richtige Licht zu werfen vermag auf die Worte. Nicht wahr, es ist ganz gewiß von mir nicht die Sucht, eine eitle Kritik zu üben, wenn ich sage, es ist nicht möglich, das Wort zu sagen: «Vater, die Stunde ist hie, daß Du Deinen Sohn verklärest, auf daß Dich Dein Sohn auch verkläre.» — Wenn man ehrlich ist, muß man sagen: Damit ist eigentlich gar nichts gesagt, wenigstens nicht von der Art, daß man einen mit dem menschlichen Herzen ergreifbaren Sinn darinnen haben könnte. Dagegen kommt selbstverständlich ein richtiger Sinn heraus, wenn man nach dem griechischen Texte sagt: «Vater, die Stunde ist gekommen, offenbare es Deinem Sohne ...» — also die Bitte an den Vater, er solle dem Sohne offenbaren. Die 80&0. ist keine Verklärung, die 5080 ist ein Offenbaren, ein Bekanntgeben, ein Zur-Erkenntnis-Bringen, und so ist es hier gemeint: «... auf daß Dein Sohn es von Dir offenbare.» Die Vermittlung des Vater-Inhaltes durch die Kraft des Sohnes kommt da in den Worten unmittelbar zum Ausdruck in naiver Anschauung. Vorher hatten die Menschen auf die geschilderte Art die Substanz des Vatergottes in sich. Nun hat der Vatergott den Sohn dazu gebracht, daß der Sohn den Inhalt an die Menschheit vermittelt. Das steht wirklich da und es ist gar nicht zu leugnen, daß es da steht: «... wie Du ihm Macht über alles Fleisch gegeben hast ...» — der Ausdruck «Fleisch» ist schwer zu übersetzen, da er falsch verstanden wird durch die gewöhnliche Sprache. Eigentlich müßte man sagen: «... wie Du ihm Macht über alle Menschenleiber gegeben hast, damit er den ihm zu eigen Gegebenen das dauernde Leben verleihe.» — Wenn man bedenkt, daß ja die Tatsache vorliegt, daß früher die menschlichen Leiber so waren, daß sie von der ursprünglichen Bewußtheit erfaßt wurden, die noch gotterfüllt war und damit das dauernde Leben bekamen, so sieht man ein, daß, weil jetzt nicht mehr das Bewußtsein von der Kraft erfüllt ist, die Leiber in die Seele nichts zurückreflektieren können, was dauerndes Leben verleiht. Darum ist der Christus der Menschheit gesandt worden. «Das aber ist das dauernde Leben, daß sie Dich als den einzig wahren Gott erkennen und Jesus Christus als den Abgesandten. Ich habe Dich auf Erden geoffenbaret, um zum Ziele zu bringen das Werk, das Du mir zu tun auferlegt hast. Und nun offenbare mich, Vater, mit der Offenbarung, die mir durch Dich ward, ehe die Welt bestand. Ich habe [Dich] zur Erscheinung gebracht für die Menschen, welche Du mir aus der Welt zugeteilt hast. Dein waren sie und Du gabst sie mir, und sie sind von Deinem Worte erfüllt geblieben.»
[ 10 ] Now, this entire account contains what I told you earlier, and it is nothing other, my dear friends, than the fact that the spiritual developments of humanity are reflected in the Gospels. One can recognize the accuracy of the Gospels precisely when one has come to understand the spiritual realities contained within them. And this gives rise to the awareness that, I would say, is capable of shedding the right light on the words. Isn’t it true that I certainly do not have a penchant for engaging in vain criticism when I say it is not possible to utter the words: “Father, the hour has come for You to glorify Your Son, so that Your Son may also glorify You.” — If one is honest, one must say: That actually says nothing at all, at least not in a way that one could find a meaning in it that is graspable by the human heart. In contrast, a correct meaning naturally emerges when, following the Greek text, one says: “Father, the hour has come; reveal it to Your Son...” — that is, the request to the Father that He should reveal it to the Son. 80&0 is not a transfiguration; 5080 is a revelation, a disclosure, a bringing to knowledge, and that is what is meant here: “... so that Your Son may reveal it from You.” The transmission of the Father’s essence through the power of the Son is expressed directly in these words in a naive, intuitive way. Previously, human beings possessed the substance of the Father God within themselves in the manner described. Now the Father God has led the Son to convey this essence to humanity. This is truly stated there, and there is no denying that it is written: “... as You have given Him authority over all flesh …”—the term “flesh” is difficult to translate, as it is misunderstood in common language. Strictly speaking, one should say: “... as You have given Him authority over all human bodies, so that He may grant eternal life to those who belong to Him.” — When one considers the fact that, in the past, human bodies were such that they were encompassed by the original consciousness—which was still filled with God—and thus received eternal life, one realizes that, because consciousness is no longer filled with that power, the bodies can no longer reflect back into the soul anything that bestows eternal life. That is why Christ was sent to humanity. “But this is eternal life: that they may know You as the one true God and Jesus Christ as the One You have sent. I have revealed You on earth to bring to completion the work You have entrusted to me. And now, Father, reveal me through the revelation that was given to me by You before the world began. I have made [You] known to the people whom You have given me from the world. They were Yours, and You gave them to me, and they have remained filled with Your word.”
[ 11 ] Christus Jesus hat bewirkt, daß das Wort nicht erstorben ist in den Menschen, daß der väterliche Substanzinhalt den Menschen geblieben ist. Wenn das Mysterium von Golgatha nicht gewesen wäre, so hätten die Menschen ihren Inhalt vergessen. Der Vater wäre vergessen worden, wenn der Sohn nicht die Gegenwart des Vaters aufrechterhalten hätte. «So haben sie erkannt, wie alles, was Du mir gegeben hast, aus Dir ist. Denn die Gedankenkräfte, die Du mir gegeben hast, habe ich zu ihnen gebracht. Sie haben sich mit ihnen verbunden und durchschaut, daß ich von Dir komme und eingesehen, daß Du mich ihnen gegeben hast. Für sie als einzelne Menschen, nicht für die Menschen im Allgemeinen, bitte ich bei Dir, nur für die Menschen, die Du mir gegeben hast, weil sie durch Dich sind.» — Ich setze hierher «für die Menschen im Allgemeinen» statt «für die Welt». — Das wird nicht mehr verstanden. Es ist eben auf dieses geistige Verbundensein hingewiesen, was damals gangbare Vorstellung war: Für sie als einzelne Menschen, nicht nur für die Menschen im allgemeinen.
[ 11 ] Christ Jesus ensured that the Word did not die within humanity, that the Father’s essential substance remained within humanity. If the Mystery of Golgotha had not taken place, humanity would have forgotten its essence. The Father would have been forgotten if the Son had not sustained the Father’s presence. “Thus they have come to know that everything You have given me comes from You. For the powers of thought that You have given me, I have brought to them. They have connected with them and realized that I come from You, and have understood that You have given me to them. For them as individual human beings—not for humanity in general—I pray to You, only for the people You have given me, because they are through You. ” — I am substituting “for human beings in general” here instead of “for the world.” — This is no longer understood. It refers precisely to this spiritual connection, which was a common concept at the time: for them as individual human beings, not merely for human beings in general.
[ 12 ] Wahrhaftig, das Neue Testament wird dadurch, daß man seinen Inhalt ergreift, nicht weniger schön, groß und erhaben. Das gehört auch zum richtigen Sichhineinstellen in die Gegenwart, in das geistige Leben der Gegenwart, in eine religiöse Bewegung der Gegenwart, daß man einfach wieder zurückgeht zu der Wirklichkeit im Evangelium. Wie oft ist die Forderung aufgetaucht, man müßte wieder zu dem ursprünglichen Christentum zurückkehren. Das scheiterte eben daran, daß man nicht erreichen konnte darauf auszugehen, den Logos in seiner Urbedeutung zu ergreifen und sich wieder und wieder mit der menschlichen Bequemlichkeit tröstete, daß man die Evangelien eben mehr in dem einfältigen Inhalte hinnehmen müsse. Aber der einfache Inhalt würde ja nicht mehr verwischt werden, wenn man einfach auf das eingeht, was dasteht. Wir dürfen nicht vergessen, meine lieben Freunde, daß die Worte ja im Laufe der Zeit ihre Gefühlswerte wesentlich ändern. Es ist nicht möglich, einfach lexikographisch ein Wort aus einer alten Sprache herüberzunehmen. Schon wenn man jetzt in der Gegenwart etwas einfach lexikographisch übersetzt, bekommt man ganz andere Inhalte heraus. Das ist noch mehr der Fall, wenn man Dinge der Vergangenheit übersetzt. Es kommt ja nicht darauf an, den Gefühlswert, der in der Gegenwart bei einem Worte da ist, unmittelbar an das anzulehnen, was im Wortlaute des alten Wortes liegt, sondern die Aufgabe ist die, zurückzugehen zu dem Gefühlsinhalte des alten Wortlautes. Da können wir überall im Neuen Testament die Tatsache finden, daß die Evangelien gesprochen sind zu einer Zeit, als die Offenbarung desjenigen, was vom geistigen Kosmos aus Gnade für die Menschheit geschehen ist, aus dem noch nicht voll entwickelten Ichbewußtsein in das vollentwickelte Bewußtsein der Ichheit übergegangen ist. Alle übrigen Tatsachen müssen nach dieser Grundtatsache beurteilt werden. Man darf nicht bei Vorurteilen stehenbleiben und sagen, die Jünger, die als einfache Menschen aus den niedersten Ständen hervorgegangen sind, konnten einen solchen Sinn nicht erfassen. — Wenn der Sinn der Evangelien einfach aufzufassen ist, so müssen wir andererseits die wunderbare Tatsache enthüllen: Wie sind diese einfachen Menschen dazu gekommen, den Evangelien diesen tiefen Sinn zu geben? — Das ist viel geistiger, als wenn man sagt, diese einfachen, aus dem Volke hervorgegangenen Menschen hätten einen solchen Sinn gar nicht erfassen können. Eine solche Auffassung beruht auf einem anderen Vorurteil.
[ 12 ] Truly, the New Testament does not become any less beautiful, great, or sublime simply because one grasps its content. Part of properly positioning oneself in the present—in the spiritual life of the present, in a religious movement of the present—is simply returning to the reality found in the Gospel. How often has the call been made to return to original Christianity? This effort failed precisely because people were unable to grasp the Logos in its original meaning, and instead consoled themselves time and again with the human convenience of accepting the Gospels merely for their simple content. But the simple content would not be obscured if one simply focused on what is written there. We must not forget, my dear friends, that the emotional connotations of words change significantly over time. It is not possible to simply adopt a word from an ancient language in a lexicographical sense. Even when we translate something in the present day in a purely lexicographical manner, we end up with entirely different meanings. This is even more the case when translating things from the past. After all, the point is not to directly align the emotional connotation a word has in the present with what lies in the wording of the ancient term, but rather the task is to go back to the emotional content of the ancient wording. Throughout the New Testament, we can observe that the Gospels were spoken at a time when the revelation of what had taken place for humanity out of grace from the spiritual cosmos was transitioning from a not-yet-fully-developed sense of self to a fully developed consciousness of the self. All other facts must be judged in light of this fundamental fact. We must not cling to prejudices and say that the disciples, who were simple people from the lowest social classes, could not have grasped such a meaning. — If the meaning of the Gospels is simple to grasp, then we must, on the other hand, reveal the wondrous fact: How did these simple people come to imbue the Gospels with such profound meaning? — This is far more spiritual than to say that these simple people, who came from the common folk, could not have grasped such a meaning at all. Such a view is based on yet another prejudice.
[ 13 ] Ich weiß nicht, ob Sie es erlebt haben — vielleicht die Älteren unter Ihnen. Wenn Sie vor vierzig Jahren mit einem liebenden Herzen unter das Landvolk gegangen sind, dann konnte man die folgende Erfahrung machen. Man ging als Gebildeter hinaus, als ungeheuer gescheit sich Fühlender, und sprach mit den Leuten über das, was man gelernt hatte. Da konnten sie nicht mit. Aber ging man mit ihnen mit, so entdeckte man unter diesen einfachen Leuten eine ungeheuer tiefe Weisheit, die das überstrahlte, was man selbst mitgebracht hatte. Die Weisheit der naiven Leute ist nämlich eine tiefere als die der Gebildeten. Die Theorie von der Einfältigkeit des primitiven Menschen ist eben eine Theorie der intellektualistisch Gebildeten. Was zum Beispiel Jakob Böhme gemeint hat mit manchen seiner Sätze, das konnte man vor vierzig Jahren noch eher von manchem Kräutersammler lernen als heute im Universitätskolleg. Das ist nicht zu leugnen. Und wie treu manchmal alte Texte wiedergegeben werden, davon wird Ihnen Herr Professor Beckh ein Lied singen können in bezug auf Sanskrit und andere orientalische Texte. Man wird nicht zu weit gehen, wenn man sagt: Was in der indischen Philosophie enthalten ist, das ist nicht wiederzuerkennen in den Übersetzungen, die zum Beispiel Deußen gemacht hat, weil man, wenn man auf den ursprünglichen menschlichen Inhalt der Sache gehen will, das, was in Deußens Übersetzungen steht, einfach wie bloße Wortzusammensetzungen, wie bloße Worthülsen empfindet, in die man überhaupt keinen Sinn mehr hineinbringt. Diese Dinge sind ungeheuer ernst und hängen mit tiefernsten Fragen unserer Zeit zusammen. Deshalb wollte ich wirklich nicht versäumen, unsere Zusammenkunft noch mit dieser Betrachtung zu beschließen, weil ich glaube, daß sie Sie hinweisen kann auf etwas, was gerade im gegenwärtigen Augenblicke notwendig ist.
[ 13 ] I don’t know if you’ve experienced this—perhaps the older ones among you have. If, forty years ago, you went out among the rural folk with a loving heart, you might have had the following experience. You went out as an educated person, feeling incredibly wise, and spoke to the people about what you had learned. They couldn’t follow you. But if you went along with them, you would discover among these simple people an incredibly deep wisdom that outshone what you yourself had brought with you. For the wisdom of simple people is, in fact, deeper than that of the educated. The theory of the simplicity of primitive people is, after all, a theory of the intellectually educated. For example, what Jakob Böhme meant by some of his statements—forty years ago, one could learn that more readily from a herb collector than one can today at a university. That cannot be denied. And as for how faithfully old texts are sometimes rendered, Professor Beckh could tell you a thing or two about Sanskrit and other Eastern texts. It is no exaggeration to say that what is contained in Indian philosophy is unrecognizable in the translations made, for example, by Deußen; for if one wishes to get to the original human essence of the matter, what appears in Deußen’s translations is perceived simply as mere combinations of words, as mere empty phrases into which one can no longer imbue any meaning at all. These matters are immensely serious and are connected to the most profound questions of our time. That is why I really did not want to miss the opportunity to conclude our gathering with this reflection, because I believe it can point you toward something that is necessary at this very moment.
[ 14 ] Ich hoffe, daß sich das erfüllen kann, wovon ich gestern sprach, daß für die religiöse Bewegung die Menschenweihehandlung die tiefste und fortdauernde Tatsache sein wird, daß sie nicht bloß bildhaft ist, sondern ein Lebendiges werden muß, das sich fortentwickelt, wie das Leben sich fortentwickelt, und das fähig bleibt, immer neu und reicher zu werden. Und ich hoffe, daß wir zusammenarbeiten können an dieser lebendigen Fortentwickelung desjenigen, was wir ja so hoffnungsvoll begonnen haben.
[ 14 ] I hope that what I spoke of yesterday can come to pass—that for the religious movement, the rite of human consecration will be the deepest and most enduring reality; that it will not merely be symbolic, but must become a living reality that evolves as life itself evolves, and that remains capable of becoming ever new and richer. And I hope that we can work together on this living, ongoing development of what we have, after all, begun with such hope.
Werner Klein spricht im Schlußwort den Wunsch aus, daß der gute Wille zur Arbeit so stark bleiben wird, daß man übers Jahr sich wieder versammeln kann und den Rat Dr. Steiners erbitten darf.
In his closing remarks, Werner Klein expresses the hope that the willingness to work will remain strong enough that we can gather again next year and seek Dr. Steiner’s advice.
[ 15 ] Rudolf Steiner: Wir wollen es hoffen und in unseren Herzen so halten.
[ 15 ] Rudolf Steiner: Let us hope so and hold that in our hearts.
