Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1

Translate the original German text into any language:

1. Einleitung

1. Introduction

[ 1 ] Am 18. August des Jahres 1787 schrieb Goethe von Italien aus an Knebel: «Nach dem, was ich bei Neapel, in Sizilien von Pflanzen und Fischen gesehen habe, würde ich, wenn ich zehn Jahre jünger wäre, sehr versucht sein, eine Reise nach Indien zu machen, nicht um etwas Neues zu entdecken, sondern um das Entdeckte nach meiner Art anzusehen.» [WA 8, 250] 1Alle Stellen aus von Goethe verfaßten Briefen sind zitiert nach der sog. Weimarer Ausgabe (= WA) oder Sophien-Ausgabe von Goethes Werken, Abteilung IV: Briefe, 50 Bde., Weimar 1887-1912; die beiden Ziffern beziehen sich auf Band und Seitenzahl dieser Abteilung. - Hinzufügungen des Herausgebers sind in eckige Klammern gesetzt. In diesen Worten liegt der Gesichtspunkt, aus dem wir Goethes wissenschaftliche Arbeiten zu betrachten haben. Es handelt sich bei ihm nie um die Entdeckung neuer Tatsachen, sondern um das Eröffnen eines neuen Gesichtspunktes, um eine bestimmte Art die Natur anzusehen. Es ist wahr, daß Goethe eine Reihe großer Einzelentdeckungen gemacht hat, wie jene des Zwischenknochens und der Wirbeltheorie des Schädels in der Osteologie, der Identität aller Pflanzenorgane mit dem Stammblatte in der Botanik usf. Aber als belebende Seele aller dieser Einzelheiten haben wir eine großartige Naturanschauung zu betrachten, von der sie getragen werden, haben wir in der Lehre von den Organismen vor allem eine großartige, alles übrige in den Schatten stellende Entdeckung ins Auge zu fassen: die des Wesens des Organismus selbst. Jenes Prinzip, durch welches ein Organismus das ist, als das er sich darstellt, die Ursachen, als deren Folge uns die Äußerungen des Lebens erscheinen, und zwar alles, was wir in prinzipieller Hinsicht diesbezüglich zu fragen haben, hat er dargelegt.2Wer ein solches Ziel von vornherein für unerreichbar erklärt, der wird zum Verständnis Goethescher Naturanschauungen nie kommen; wer dagegen vorurteilslos, diese Frage offenlassend, an das Studium derselben geht, der wird sie nach Beendigung desselben gewiß bejahend beantworten. Es könnten wohl manchem durch einige Bemerkungen Goethes selbst Bedenken aufsteigen, wie z. B. folgende ist: Wir hätten.. ohne Anmaßung, die ersten Triebfedern der Naturwirkungen entdecken zu wollen, auf Äußerung der Kräfte, durch welche die Pflanze ein und dasselbe Organ nach und nach umbildet, unsere Aufmerksamkeit gerichtet.» Allein solche Aussprüche richten sich bei Goethe nie gegen die prinzipielle Möglichkeit, die Wesenheit der Dinge zu erkennen, sondern er ist nur vorsichtig genug über die physikalisch-mechanischen Bedingungen, welche dem Organismus zugrunde liegen, nicht vorschnell abzuurteilen, da er wohl wußte, daß solche Fragen nur im Laufe der Zeit gelöst werden können. Es ist dies vom Anfange an das Ziel alles seines Strebens in bezug auf die organischen Naturwissenschaften; bei Verfolgung desselben drängen sich ihm jene Einzelheiten wie von selbst auf. Er mußte sie finden, wenn er im weiteren Streben nicht gehindert sein wollte. Die Naturwissenschaft vor ihm, die das Wesen der Lebenserscheinungen nicht kannte und die Organismen einfach nach der Zusammensetzung aus Teilen, nach deren äußerlichen Merkmalen untersuchte, so wie man dieses bei unorganischen Dingen auch macht, mußte auf ihrem Wege oft den Einzelheiten eine falsche Deutung geben, sie in ein falsches Licht setzen. An den Einzelheiten als solchen kann man natürlich einen solchen Irrtum nicht bemerken. Das erkennen wir eben erst, wenn wir den Organismus verstehen, da die Einzelheiten für sich, abgesondert betrachtet, das Prinzip ihrer Erklärung nicht in sich tragen. Sie sind nur durch die Natur des Ganzen zu erklären, weil es das Ganze ist, das ihnen Wesen und Bedeutung gibt. Erst nachdem Goethe eben diese Natur des Ganzen enthüllt hatte, wurden ihm jene irrtümlichen Auslegungen sichtbar; sie waren mit seiner Theorie der Lebewesen nicht zu vereinigen, sie widersprachen derselben. Wollte er auf seinem Wege weiter gehen, so mußte er dergleichen Vorurteile wegschaffen. Dies war beim Zwischenknochen der Fall. Tatsachen, die nur dann von Wert und Interesse sind, wenn man eben jene Theorie besitzt, wie die Wirbelnatur der Schädelknochen, waren jener älteren Naturlehre unbekannt. Alle diese Hindernisse mußten durch Einzelerfahrungen aus dem Wege geräumt werden. So erscheinen uns denn die letzteren bei Goethe nie als Selbstzweck; sie müssen immer gemacht werden, um einen großen Gedanken, um jene zentrale Entdeckung zu bestätigen. Es ist nicht zu leugnen, daß Goethes Zeitgenossen früher oder später zu denselben Beobachtungen kamen, und daß heute vielleicht alle auch ohne Goethes Bestrebungen bekannt wären; aber noch viel weniger ist zu leugnen, daß seine große, die ganze organische Natur umspannende Entdeckung bis heute von keinem zweiten unabhängig von Goethe in gleich vortrefflicher Weise ausgesprochen worden ist, 3Damit wollen wir keineswegs sagen, Goethe sei in dieser Hinsicht überhaupt nie verstanden worden. Im Gegenteil: Wir nehmen in dieser Ausgabe selbst wiederholt Anlaß, auf eine Reihe von Männern hinzuweisen, die uns als Fortsetzer und Ausarbeiter Goethescher Ideen erscheinen. Namen wie Voigt, Nees von Esenbeck, d'Alton (der ältere und der jüngere), Schelver, C. G. Carus, Martius u. a. gehören in diese Reihe. Aber diese bauten eben auf der Grundlage der in den Goetheschen Schriften niedergelegten Anschauungen ihre Systeme auf, und man kann gerade von ihnen nicht sagen, daß sie auch ohne Goethe zu ihren Begriffen gelangt wären, wogegen aller - dings Zeitgenossen des letzteren - z. B. Josephi von Göttingen -selbständig auf den Zwischenknochen, oder Oken auf die Wirbeltheorie gekommen sind. ja es fehlt uns bis heute an einer auch nur einigermaßen befriedigenden Würdigung derselben. Es erscheint im Grunde gleichgültig, ob Goethe eine Tatsache zuerst oder nur wiederentdeckt hat; sie gewinnt durch die Art, wie er sie seiner Naturanschauung einfügt, erst ihre wahre Bedeutung. Das ist es, was man bisher übersehen hat. Man hob jene besonderen Tatsachen zu sehr hervor und forderte dadurch zur Polemik auf. Wohl wies man oft auf Goethes Überzeugung von der Konsequenz der Natur hin, allein man beachtete nicht, daß damit nur ein ganz nebensächliches, wenig bedeutsames Charakteristikon der Goetheschen Anschauungen gegeben ist und daß es beispielsweise in bezug auf die Organik die Hauptsache ist, zu zeigen, welcher Natur das ist, welches jene Konsequenz bewahrt. Nennt man da den Typus, so hat man zu sagen, worinnen die Wesenheit des Typus im Sinne Goethes besteht.

[ 1 ] On August 18, 1787, Goethe wrote to Knebel from Italy: “Based on what I have seen of plants and fish near Naples and in Sicily, if I were ten years younger, I would be very tempted to take a trip to India, not to discover anything new, but to view what has already been discovered in my own way. ” [WA 8, 250] 1All passages from letters written by Goethe are cited from the so-called Weimar Edition (= WA) or Sophie Edition of Goethe’s Works, Section IV: Letters, 50 vols., Weimar 1887–1912; the two numbers refer to the volume and page number within this section. — Additions by the editor are placed in square brackets. These words express the perspective from which we must view Goethe’s scientific work. For him, it was never a matter of discovering new facts, but rather of opening up a new perspective, a particular way of viewing nature. It is true that Goethe made a series of major individual discoveries, such as those concerning the intervertebral bone and the vertebral theory of the skull in osteology, the identity of all plant organs with the stem leaf in botany, and so on. But as the animating spirit behind all these details, we must consider a magnificent view of nature that sustains them; in the study of organisms, we must above all focus on a magnificent discovery that eclipses all else: that of the very essence of the organism itself. He has set forth that principle by which an organism is what it appears to be, the causes as a result of which the manifestations of life appear to us—indeed, everything we need to ask in principle regarding this matter. 2Anyone who declares such a goal unattainable from the outset will never come to understand Goethe’s views on nature; on the other hand, anyone who approaches the study of these views without prejudice, leaving this question open, will certainly answer it in the affirmative upon completing the study. Some of Goethe’s own remarks might well give rise to reservations in the minds of many, such as the following: “We should have… without presuming to discover the primary driving forces behind natural phenomena, focused our attention on the manifestation of the forces through which the plant gradually transforms one and the same organ.” However, such statements on Goethe’s part are never directed against the fundamental possibility of recognizing the essence of things; rather, he is simply cautious enough not to pass hasty judgment on the physical and mechanical conditions underlying the organism, since he knew full well that such questions can only be resolved over time. From the very beginning, this has been the goal of all his endeavors with regard to the organic natural sciences; in pursuing this goal, those details present themselves to him almost of their own accord. He had to discover them if he did not wish to be hindered in his further pursuits. The natural science that preceded him—which did not understand the nature of life phenomena and simply examined organisms according to their composition of parts and their external characteristics, just as one does with inorganic objects—often had to give the details a false interpretation along the way, casting them in a false light. Of course, one cannot discern such an error in the details as such. We recognize this only when we understand the organism, since the details, when considered in isolation, do not contain within themselves the principle of their explanation. They can be explained only by the nature of the whole, because it is the whole that gives them their essence and meaning. It was only after Goethe had revealed precisely this nature of the whole that those erroneous interpretations became apparent to him; they were incompatible with his theory of living beings—they contradicted it. If he wished to proceed further along his path, he had to eliminate such prejudices. This was the case with the intervertebral bone. Facts that are of value and interest only when one possesses precisely that theory—such as the vertebral nature of the skull bones—were unknown to that earlier natural philosophy. All these obstacles had to be cleared away through individual experiences. Thus, in Goethe’s work, these individual observations never appear to us as an end in themselves; they must always be made in order to confirm a great idea, that central discovery . It cannot be denied that Goethe’s contemporaries sooner or later arrived at the same observations, and that today they might all be known even without Goethe’s efforts; but it is even less deniable that his great discovery—encompassing all of organic nature—has to this day been articulated by no one else independently of Goethe in such an excellent manner, 3By this we do not in any way mean to say that Goethe has never been understood in this regard. On the contrary: In this edition itself, we repeatedly take the opportunity to point out a number of men who appear to us as continuers and elaborators of Goethe’s ideas. Names such as Voigt, Nees von Esenbeck, d’Alton (the elder and the younger), Schelver, C. G. Carus, Martius, and others belong to this group. But these men built their systems precisely on the foundation of the views set forth in Goethe’s writings, and one cannot say of them in particular that they would have arrived at their concepts even without Goethe, whereas all of the latter’s contemporaries—for example, Josephi of Göttingen—independently arrived at the theory of the intervertebral bones, or Oken at the theory of the vertebrae. Indeed, to this day we lack even a somewhat satisfactory appreciation of these ideas. It seems, in essence, irrelevant whether Goethe was the first to discover a fact or merely rediscovered it; it is only through the way he integrates it into his view of nature that it gains its true significance. That is what has been overlooked until now. People emphasized those specific facts too much, thereby inviting polemics. Although Goethe’s conviction regarding the consistency of nature was often pointed out, one failed to note that this represents only a very minor, insignificant characteristic of Goethe’s views, and that—for example, with regard to organic life—the main point is to show what kind of nature it is that preserves that consistency. If one refers to the “type” in this context, one must explain what constitutes the essence of the type in Goethe’s sense.

[ 2 ] Das Bedeutsame der Pflanzenmetamorphose liegt z. B. nicht in der Entdeckung der einzelnen Tatsache, daß Blatt, Kelch, Krone usw. identische Organe seien, sondern in dem großartigen gedanklichen Aufbau eines lebendigen Ganzen durcheinander wirkender Bildungsgesetze, welcher daraus hervorgeht und der die Einzelheiten, die einzelnen Stufen der Entwicklung, aus sich heraus bestimmt. Die Größe dieses Gedankens, den Goethe dann auch auf die Tierwelt auszudehnen suchte, geht einem nur dann auf, wenn man versucht, sich denselben im Geiste lebendig zu machen, wenn man es unternimmt ihn nachzudenken. Man wird dann gewahr, daß er die in die Idee übersetzte Natur der Pflanze selbst ist, die in unserem Geiste ebenso lebt wie im Objekte; man bemerkt auch, daß man sich einen Organismus bis in die kleinsten Teile hinein belebt, nicht als toten, abgeschlossenen Gegenstand, sondern als sich Entwickelndes, Werdendes, als die stetige Unruhe in sich selbst vorstellt.

[ 2 ] The significance of plant metamorphosis lies, for example, not in the discovery of the individual fact that the leaf, calyx, corolla, etc., are identical organs, but in the magnificent conceptual structure of a living whole—composed of interrelated laws of formation—that emerges from this and which determines the details, the individual stages of development, from within itself. The grandeur of this idea—which Goethe later sought to extend to the animal kingdom—becomes apparent only when one attempts to bring it to life in one’s mind, when one undertakes to reflect upon it. One then becomes aware that it is the very nature of the plant, translated into the idea , which lives in our spirit just as it does in the object; one also notices that one enlivens an organism down to its smallest parts, conceiving it not as a dead, closed object, but as something developing, coming into being, as a constant restlessness within itself.

[ 3 ] Indem wir nun im folgenden versuchen, alles hier Angedeutete eingehend darzulegen, wird sich uns zugleich das wahre Verhältnis der Goetheschen Naturanschauung zu jener unserer Zeit offenbaren, namentlich zur Entwicklungstheorie in moderner Gestalt.

[ 3 ] As we now attempt to explain in detail everything hinted at here, the true relationship between Goethe’s view of nature and that of our time—namely, the theory of evolution in its modern form—will become clear to us.