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Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1

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2. Die Entstehung der Metamorphosenlehre

2. The Origin of the Theory of Metamorphosis

[ 1 ] Wenn man der Entstehungsgeschichte von Goethes Gedanken über die Bildung der Organismen nachgeht, so kommt man nur allzuleicht in Zweifel über den Anteil, den man der Jugend des Dichters, d. h. der Zeit vor seinem Eintritte in Weimar zuzuschreiben hat. Goethe selbst dachte sehr gering von seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen in dieser Zeit: «Von dem ..., was eigentlich äußere Natur heißt, hatte ich keinen Begriff und von ihren sogenannten drei Reichen nicht die geringste Kenntnis.» (Siehe Goethes Naturwissenschaftliche Schriften in Kürschners Deutscher National-Literatur, 4Im folgenden mit Natw. Schr. abgekürzt. 1. Band [S. 64].) Auf diese Äußerung gestützt, denkt man sich meistens den Beginn seines naturwissenschaftlichen Nachdenkens erst nach seiner Ankunft in Weimar. Dennoch erscheint es geboten, noch weiter zurückzugehen, wenn man nicht den ganzen Geist seiner Anschauungen unerklärt lassen will. Die belebende Gewalt, welche seine Studien in jene Richtung lenkte, die wir später darlegen wollen, zeigt sich schon in frühester Jugend.

[ 1 ] If one traces the history of the development of Goethe’s ideas on the formation of organisms, one is all too easily led to doubt the extent to which they can be attributed to the poet’s youth—that is, the period before his arrival in Weimar. Goethe himself thought very little of his knowledge of the natural sciences during this period: “I had no concept of what is actually called external nature, nor the slightest knowledge of its so-called three kingdoms.” (See Goethe’s Scientific Writings in Kürschner’s German National Literature, 4Hereinafter abbreviated as Natw. Schr. . Volume 1 [p. 64].) Based on this statement, people generally assume that his scientific reflections did not begin until after his arrival in Weimar. Nevertheless, it seems necessary to go back even further if one does not wish to leave the entire spirit of his views unexplained. The invigorating force that directed his studies in the direction we shall later describe is already evident in his earliest youth.

[ 2 ] Als Goethe an die Leipziger Hochschule kam, herrschte in den naturwissenschaftlichen Bestrebungen daselbst noch ganz jener Geist, der für einen großen Teil des achtzehnten Jahrhunderts charakteristisch ist und der die gesamte Wissenschaft in zwei Extreme auseinanderwarf, welche zu vereinigen man kein Bedürfnis fühlte. Auf der einen Seite stand die Philosophie Christian Wolffs (1679-1754), welche sich ganz in einem abstrakten Elemente bewegte; auf der anderen die einzelnen Wissenschaftszweige, welche in der äußerlichen Beschreibung unendlicher Einzelheiten sich verloren und denen jedes Bestreben mangelte, in der Welt ihrer Objekte ein höheres Prinzip aufzusuchen. Jene Philosophie konnte den Weg aus der Sphäre ihrer allgemeinen Begriffe in das Reich der unmittelbaren Wirklichkeit, des individuellen Daseins nicht finden. Da wurden die selbst-verständlichsten Dinge mit aller Ausführlichkeit behandelt. Man erfuhr, daß das Ding ein Etwas sei, welches keinen Widerspruch in sich habe, daß es endliche und unendliche Substanzen gebe usw. Trat man aber mit diesen Allgemeinheiten an die Dinge selbst heran, um deren Wirken und Leben zu verstehen, so stand man völlig ratlos da; man konnte keine Anwendung jener Begriffe auf die Welt, in der wir leben und die wir verstehen wollen, machen. Die uns umgebenden Dinge selbst aber beschrieb man in ziemlich prinziploser Weise, rein nach dem Augenschein, nach ihren äußerlichen Merkmalen. Es standen sich hier eine Wissenschaft der Prinzipien, welcher der lebendige Gehalt, die liebevolle Vertiefung in die unmittelbare Wirklichkeit fehlte, und eine prinziplose Wissenschaft, welche des ideellen Gehaltes ermangelte, gegenüber ohne Vermittlung, jede für die andere unfruchtbar. Goethes gesunde Natur fand sich von beiden Einseitigkeiten in gleicher Weise abgestoßen 5Siehe «Dichtung und Wahrheit«, II. Teil, 6. Buch. und im Widerstreite mit ihnen entwickelten sich bei ihm Vorstellungen, die ihn später zu jener fruchtbaren Naturauffassung führten, in welcher Idee und Erfahrung in allseitiger Durchdringung sich gegenseitig beleben und zu einem Ganzen werden.

[ 2 ] When Goethe arrived at the University of Leipzig, the spirit that had characterized much of the eighteenth century still prevailed in the natural sciences there—a spirit that divided all of science into two extremes, which no one felt the need to reconcile. On the one hand stood the philosophy of Christian Wolff (1679–1754), which operated entirely within an abstract realm; on the other, the individual branches of science, which lost themselves in the external description of endless details and lacked any effort to seek out a higher principle in the world of their objects. That philosophy could not find its way out of the sphere of its general concepts into the realm of immediate reality, of individual existence. There, even the most self-evident things were treated in great detail. One learned that the thing was a “something” that contained no contradiction within itself, that there were finite and infinite substances, and so on. But when one approached things themselves with these generalities in order to understand their workings and life, one was left completely at a loss; one could not apply those concepts to the world in which we live and which we wish to understand. The things surrounding us, however, were described in a rather unprincipled manner, purely according to appearances, based on their external characteristics. Here, a science of principles—which lacked living substance and a loving immersion in immediate reality—stood in opposition to a principle-less science—which lacked ideal substance—without any mediation, each remaining fruitless for the other. Goethe’s sound nature was equally repelled by both of these one-sided approaches 5See *Poetry and Truth*, Part II, Book 6. And in conflict with them, ideas developed within him that later led him to that fruitful conception of nature in which idea and experience, in mutual interpenetration, enliven one another and become a whole.

[ 3 ] Der Begriff, den jene Extreme am wenigsten erfassen konnten, entwickelte sich daher bei Goethe zuerst: der Begriff des Lebens. Ein lebendes Wesen stellt uns, wenn wir es seiner äußeren Erscheinung nach betrachten, eine Menge von Einzelheiten dar, die uns als dessen Glieder oder Organe erscheinen. Die Beschreibung dieser Glieder, ihrer Form, gegenseitigen Lage, Größe usw. nach, kann den Gegenstand weitläufigen Vortrages bilden, dem sich die zweite der von uns bezeichneten Richtungen hingab. Aber in dieser Weise kann man auch jede mechanische Zusammensetzung aus unorganischen Körpern beschreiben. Man vergaß völlig, daß bei dem Organismus vor allem festgehalten werden müsse, daß hier die äußere Erscheinung von einem inneren Prinzipe beherrscht wird, daß in jedem Organe das Ganze wirkt. Jene äußere Erscheinung, das räumliche Nebeneinander der Glieder kann auch nach der Zerstörung des Lebens betrachtet werden, denn sie dauert ja noch eine Zeitlang fort. Aber was wir an einem toten Organismus vor uns haben, ist in Wahrheit kein Organismus mehr. Es ist jenes Prinzip verschwunden, welches alle Einzelheiten durchdringt. Jener Betrachtung, welche das Leben zerstört, um das Leben zu erkennen, setzt Goethe frühzeitig die Möglichkeit und das Bedürfnis einer höheren entgegen. Wir sehen dies schon in einem Briefe aus der Straßburger Zeit vom 14. Juli 1770, wo er von einem Schmetterlinge spricht: «Das arme Tier zittert im Netz, streift sich die schönsten Farben ab; und wenn man es ja unversehrt erwischt, so steckt es doch endlich steif und leblos da; der Leichnam ist nicht das ganze Tier, es gehört noch etwas dazu, noch ein Hauptstück und bei der Gelegenheit, wie bei jeder andern, ein hauptsächliches Hauptstück: das Leben [WA 1, 238] Derselben Anschauung sind ja auch die Worte im «Faust» [1. Teil/Studierzimmer] entsprungen:

[ 3 ] The concept that those extremes were least able to grasp was therefore first developed by Goethe: the concept of life. When we observe a living being based on its outward appearance, it presents us with a multitude of details that appear to us as its limbs or organs. A description of these parts—their form, relative position, size, and so on—can form the subject of a lengthy lecture, to which the second of the schools of thought we have mentioned devoted itself. But in this way, one can also describe any mechanical composition of inorganic bodies. It was completely overlooked that, with regard to the organism, it must first and foremost be noted that here the external appearance is governed by an internal principle, that the whole is at work within every organ. That external appearance—the spatial juxtaposition of the parts—can still be observed even after life has ceased, for it does indeed persist for some time. But what we have before us in a dead organism is, in truth, no longer an organism. That principle which permeates all the details has vanished. Goethe early on countered that line of thought—which destroys life in order to understand it—with the possibility and necessity of a higher one. We see this already in a letter from his time in Strasbourg dated July 14, 1770, where he speaks of a butterfly: “The poor creature trembles in the net, shedding its most beautiful colors; and even if one catches it unharmed, it still ends up lying there stiff and lifeless; the corpse is not the whole creature; there is still something more to it, still a central element—and in this instance, as in every other, a principal element: life [WA 1, 238] The words in *Faust* [Part 1/Study] also sprang from this same perspective:

«Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist herauszutreiben;
Dann hat er die Teile in der Hand,
Fehlt, leider! nur das geistige Band.»

“Whoever wishes to recognize and describe something living,
Must first seek to drive out the spirit;
Then he has the parts in his hand,
But, alas, the spiritual bond is missing.”

[ 4 ] Bei dieser Negation einer Auffassung blieb aber Goethe, wie dies bei seiner Natur wohl vorauszusetzen ist, nicht stehen, sondern er suchte seine eigene immer mehr auszubilden, und wir erkennen in den Andeutungen, welche wir über sein Denken von 1769-1775 haben, gar oft schon die Keime für seine späteren Arbeiten. Er bildet sich hier die Idee eines Wesens aus, bei dem jeder Teil den andern belebt, bei dem ein Prinzip alle Einzelheiten durchdringt. Im «Faust» [1. Teil/Nacht] heißt es:

[ 4 ] However, as one might expect given his nature, Goethe did not stop at this rejection of a particular view, but sought to develop his own more and more; and in the hints we have about his thinking from 1769 to 1775, we often already recognize the seeds of his later works. Here he develops the idea of a being in which each part animates the others, in which a single principle permeates all details. In *Faust* [Part 1/Night], it reads:

«Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt.»

“How everything weaves itself into a whole,
Each part working and living within the other.”

[ 5 ] und im «Satyros» [4. Akt]:

[ 5 ] and in *Satyros* [Act 4]:

«Wie im Unding das Urding erquoll,
Lichtsmacht durch die Nacht scholl,
Durchdrang die Tiefen der Wesen all,
Daß aufkeimte Begehrungs-Schwall
Und die Elemente sich erschlossen,
Mit Hunger ineinander ergossen,
Alldurchdringend, alldurchdrungen.»

“As the primordial essence welled up from the absurd,
The power of light resounded through the night,
Penetrating the depths of all beings,
So that a surge of desire sprang forth
And the elements opened up,
Pouring into one another with hunger,
All-pervading, all-permeated.”

[ 6 ] Dieses Wesen wird so gedacht, daß es in der Zeit steten Veränderungen unterworfen ist, daß aber in allen Stufen der Veränderungen sich immer nur einWesen offenbart, das sich als das Dauernde, Beständige im Wechsel behauptet. Im «Satyros» heißt es von jenem Urdinge weiter:

[ 6 ] This being is conceived as being subject to constant change over time, yet at every stage of that change, only onebeing is revealed, which asserts itself as the enduring, constant element amidst the flux. In *Satyros*, the following is further stated about that primordial being:

«Und auf und ab sich rollend ging
Das all und ein' und ewig' Ding,
Immer verändert, immer beständig!»

“And rolling up and down went
That all-encompassing, one, and eternal thing,
Ever changing, ever constant!”

[ 7 ] Man vergleiche damit, was Goethe im Jahre 1807 als Einleitung zu seiner Metamorphosenlehre schrieb: «Betrachten wir aber alle Gestalten, besonders die organischen, so finden wir, daß nirgend ein Bestehendes, nirgend ein Ruhendes, ein Abgeschlossenes vorkommt, sondern daß vielmehr alles in einer steten Bewegung schwanke.» (Natw. Schr., 1. Bd. [S. 8]) Diesem Schwankenden stellt er dort die Idee oder «ein in der Erfahrung nur für den Augenblick Festgehaltenes» als das Beständige entgegen. Man wird aus obiger Stelle aus «Satyros» deutlich genug erkennen, daß der Grund zu den morphologischen Gedanken schon in der Zeit vor dem Eintritte in Weimar gelegt wurde.

[ 7 ] Compare this with what Goethe wrote in 1807 as an introduction to his theory of metamorphosis: “But if we consider all forms, especially organic ones, we find that nowhere does anything static, nothing at rest, nothing complete exist; rather, everything fluctuates in constant motion.” (Natw. Schr., Vol. 1 [p. 8]) He contrasts this fluctuating state with the idea—or “something captured in experience only for a moment”—as the constant . It is clear enough from the above passage from “Satyros” that the foundation for these morphological ideas was laid even before his arrival in Weimar.

[ 8 ] Das, was aber festgehalten werden muß, ist, daß jene Idee eines lebenden Wesens nicht gleich auf einen einzelnen Organismus angewendet, sondern daß das ganze Universum als ein solches Lebewesen vorgestellt wird. Hierzu ist freilich in den alchymistischen Arbeiten mit Fräulein von Klettenberg und in der Lektüre des Theophrastus Paracelsus nach seiner Rückkehr von Leipzig (1768/69) die Veranlassung zu suchen. Man suchte jenes das ganze Universum durchdringende Prinzip durch irgendeinen Versuch festzuhalten, es in einem Stoffe darzustellen. 6«Dichtung und Wahrheit«, II. Teil, 8. Buch. Doch bildet diese ans Mystische streifende Art der Weltbetrachtung nur eine vorübergehende Episode in Goethes Entwicklung und weicht bald einer gesunderen und objektiveren Vorstellungsweise. Die Anschauung von dem ganzen Weltall als einem großen Organismus, wie wir sie oben in den Stellen aus «Faust» und «Satyros» angedeutet fanden, bleibt aber noch aufrecht bis in die Zeit um 1780, wie wir später aus dem Aufsatze «Die Natur» sehen werden. Sie tritt uns im «Faust» noch einmal entgegen, und zwar da, wo der Erdgeist als jenes den All-Organismus durchdringende Lebensprinzip dargestellt wird [1. Teil/Nacht]:

[ 8 ] What must be noted, however, is that this idea of a living being is not immediately applied to a single organism, but rather that the entire universe is conceived as such a living being. The impetus for this, of course, is to be found in the alchemical work with Miss von Klettenberg and in the reading of Theophrastus Paracelsus following his return from Leipzig (1768/69). One sought to capture that principle permeating the entire universe through some experiment, to represent it in a substance. 6“Poetry and Truth,” Part II, Book 8. Yet this mystical view of the world, which borders on the mystical, constitutes only a temporary episode in Goethe’s development and soon gives way to a healthier and more objective way of thinking. The view of the entire universe as a great organism, as we found it hinted at above in the passages from “Faust” and “Satyros,” nevertheless persists until around 1780, as we shall see later in the essay “Nature.” It reappears in *Faust*, specifically where the Earth Spirit is portrayed as the life principle permeating the entire cosmic organism [Part 1/Night]:

«In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben.»

“In the floods of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
I weave to and fro!
Birth and grave,
An eternal sea,
A shifting weave,
A blazing life.”

[ 9 ] Während sich so bestimmte Anschauungen in Goethes Geist entwickelten, kam ihm in Straßburg ein Buch in die Hand, welches eine Weltanschauung, die der seinigen gerade entgegengesetzt ist, zur Geltung bringen wollte. Es war Holbachs «Système de la nature». 7«Dichtung und Wahrheit», III. Teil, 11. Buch. Hatte er bis dahin nur den Umstand zu tadeln gehabt, daß man das Lebendige wie eine mechanische Zusammenhäufung einzelner Dinge beschrieb, so konnte er in Holbach einen Philosophen kennenlernen, der das Lebendige wirklich für einen Mechanismus ansah. Was dort bloß aus einer Unfähigkeit, das Leben in seiner Wurzel zu erkennen, entsprang, das führte hier zu einem das Leben ertötenden Dogma. Goethe sagt darüber in «Dichtung und Wahrheit» (III. Teil, 11. Buch): «Eine Materie sollte sein von Ewigkeit, und von Ewigkeit her bewegt, und sollte nun mit dieser Bewegung rechts und links und nach allen Seiten, ohne weiteres, die unendlichen Phänomene des Daseins hervorbringen. Dies alles wären wir sogar zufrieden gewesen, wenn der Verfasser wirklich aus seiner bewegten Materie die Welt vor unseren Augen aufgebaut hätte. Aber er mochte von der Natur so wenig wissen als wir; denn indem er einige allgemeine Begriffe hingepfahlt, verläßt er sie sogleich, um dasjenige, was höher als die Natur, oder als höhere Natur in der Natur erscheint, zur materiellen, schweren, zwar bewegten, aber doch richtungs- und gestaltlosen Natur zu verwandeln, und glaubt dadurch recht viel gewonnen zu haben.» Goethe konnte darinnen nichts finden als «bewegte Materie» und im Gegensatze dazu bildeten sich seine Begriffe von Natur immer klarer aus. Wir finden sie im Zusammenhange dargestellt in seinem Aufsatz «Die Natur», 8Natw. Schr., 2. Bd., S. 5 ff.; bezüglich dieses Aufsatzes vgl. man auch die Ausführungen Rudolf Steiners in «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung», Gesamtausgabe Dornach 1960, S. 138 (Anm. zu S. 28) und «Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884-1901«, Gesamtausgabe Dornach 1961, S. 320ff. welcher um das Jahr 1780 geschrieben ist. Da in diesem Aufsatze alle Gedanken Goethes über die Natur, welche wir bis dahin nur zerstreut angedeutet finden, zusammengestellt sind, so gewinnt er eine besondere Bedeutung. Die Idee eines Wesens, welches in beständiger Veränderung begriffen ist und dabei doch immer identisch bleibt, tritt uns hier entgegen: «Alles ist neu und immer das Alte.» «Sie (die Natur) verwandelt sich ewig, und ist kein Moment Stillstehen in ihr,» aber «ihre Gesetze sind unwandelbar.» Wir werden später sehen, daß Goethe in der unendlichen Menge von Pflanzengestalten die eine Urpflanze sucht. Auch diesen Gedanken finden wir hier schon angedeutet: «Jedes ihrer (der Natur) Werke hat ein eigenes Wesen, jede ihrer Erscheinungen den isoliertesten Begriff, und doch macht alles Eins aus.» Ja sogar die Stellung, welche er später Ausnahmefällen gegenüber einnahm, nämlich sie nicht einfach als Bildungsfehler anzusehen, sondern aus Naturgesetzen zu erklären, spricht sich hier schon ganz deutlich aus: «Auch das Unnatürlichste ist Natur» und «ihre Ausnahmen sind selten.» 9Siehe über die Autorschaft dieses Aufsatzes Anmerkung 1 am Schlusse dieser Schrift. [Rudolf Steiner hatte die Absicht, für die Sonderausgabe sämtlicher Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», 1.-5. Aufl., Dornach 1926, an dieser und weiteren 35 bereits von ihm bezeichneten Stellen - diese Stellen tragen im vorliegenden Text sämtlich einen - Anmerkungen zu schreiben. Er konnte diese Absicht nicht mehr verwirklichen.

[ 9 ] While certain ideas were taking shape in Goethe’s mind, a book came into his hands in Strasbourg that sought to promote a worldview directly opposed to his own. It was Holbach’s *Système de la nature*. 7“Poetry and Truth,” Part III, Book 11. Whereas until then he had only had cause to criticize the fact that living things were described as a mechanical aggregation of individual things , in Holbach he was able to encounter a philosopher who truly regarded living things as a mechanism . What there arose merely from an inability to recognize life at its root led here to a dogma that killed life. Goethe says the following about this in “Poetry and Truth” (Part III, Book 11): “There was to be a matter that existed from eternity and had been in motion from eternity, and this matter was now to produce, through this motion—to the right and left and in all directions, without further ado—the infinite phenomena of existence. We would even have been satisfied with all this if the author had truly constructed the world before our eyes out of his moving matter. But he knew as little about nature as we do; for, having staked out a few general concepts, he immediately abandons them in order to transform that which appears higher than nature—or as a higher nature within nature—into material, heavy nature that is indeed in motion but nonetheless directionless and formless, and thereby believes he has gained quite a great deal.” Goethe could find nothing in it but “moving matter,” and in contrast to this, his concepts of nature took on ever clearer form. We find them presented in context in his essay “Nature,” 8Natw. Schr., Vol. 2, p. 5 ff.; regarding this essay, see also Rudolf Steiner’s remarks in “Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung,” Complete Edition, Dornach 1960, p. 138 (note on p. 28) and “Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884–1901,” Complete Works, Dornach 1961, p. 320 ff. which was written around the year 1780. Since this essay brings together all of Goethe’s thoughts on nature—which we had previously found only scattered and hinted at—it takes on special significance. The idea of a being that is in a state of constant change yet always remains the same is presented to us here: “Everything is new and yet always the same.” “She (Nature) is eternally transforming, and there is not a single moment of stillness in her,” but “her laws are immutable.” We shall see later that Goethe seeks, within the infinite variety of plant forms, the one primordial plant. We find this idea hinted at here as well: “Each of its (Nature’s) works has its own essence, each of its manifestations its most isolated concept, and yet everything constitutes the One.” Indeed, even the position he later took regarding exceptional cases—namely, not to regard them simply as developmental errors but to explain them in terms of natural laws—is already quite clearly expressed here: “Even the most unnatural is nature” and “its exceptions are rare.” 9See note 1 at the end of this text regarding the authorship of this essay. [Rudolf Steiner had intended to write notes for the special edition of all the introductions to Goethe’s *Scientific Writings*, 1st–5th eds., Dornach 1926—he intended to write notes on this and 35 other passages he had already designated—all of which bear a note in the present text. He was unable to carry out this intention.

[ 10 ] Wir haben gesehen, daß Goethe sich schon vor seinem Eintritte in Weimar einen bestimmten Begriff von einem Organismus ausgebildet hatte. Denn wenngleich der erwähnte Aufsatz «Die Natur» erst lange nach demselben entstanden ist, so enthält er doch größtenteils frühere Anschauungen Goethes. Auf eine bestimmte Gattung von Naturobjekten, auf einzelne Wesen hatte er diesen Begriff noch nicht angewendet. Dazu bedurfte es der konkreten Welt der lebenden Wesen in unmittelbarer Wirklichkeit. Der durch den menschlichen Geist hindurchgegangene Abglanz der Natur War durchaus nicht das Element, welches Goethe anregen konnte. Die botanischen Gespräche bei Hofrat Ludwig in Leipzig blieben ebenso ohne tiefere Wirkung, wie die Tischgespräche mit den medizinischen Freunden in Straßburg. In bezug auf die wissenschaftlichen Studien erscheint uns der junge Goethe ganz als der die Frische ursprünglichen Anschauens der Natur entbehrende Faust, welcher seine Sehnsucht nach derselben mit den Worten ausspricht [1. Teil/Nacht]:

[ 10 ] We have seen that Goethe had already developed a specific concept of an organism before his arrival in Weimar. For although the aforementioned essay “Nature” was written long after that time, it nevertheless contains, for the most part, Goethe’s earlier views. He had not yet applied this concept to a specific class of natural objects or to individual beings. This required the concrete world of living beings in immediate reality. The reflection of nature filtered through the human mind was by no means the element that could inspire Goethe. The botanical discussions at Court Councilor Ludwig’s in Leipzig had just as little profound effect as the dinner conversations with his medical friends in Strasbourg. With regard to scientific studies, the young Goethe appears to us entirely as Faust, who lacks the fresh, original perception of nature and who expresses his longing for it with the words [Part 1/Night]:

«Ach! könnt' ich doch auf Bergeshöhn
In deinem (des Mondes) lieben Lichte gehn,
Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,
Auf Wiesen in deinem Dämmer weben.»

“Oh! If only I could walk upon the mountain’s heights
In your (the moon’s) lovely light,
Hover around mountain caves with spirits,
Weave upon meadows in your twilight.”

[ 11 ] Wie eine Erfüllung dieser Sehnsucht erscheint es uns, wenn ihm bei seinem Eintritte in Weimar gegönnt ist, «Stuben-und Stadtluft mit Land-, Wald- und Gartenatmosphäre zu vertauschen» (Natw. Schr., 1. Bd., S. 64).

[ 11 ] It seems to us that this longing is fulfilled when, upon his arrival in Weimar, he is able to “exchange the air of rooms and the city for the atmosphere of the countryside, the forest, and the garden” (Natw. Schr., Vol. 1, p. 64).

[ 12 ] Als die unmittelbare Anregung zum Studium der Pflanzen haben wir des Dichters Beschäftigung mit dem Pflanzen von Gewächsen in den ihm von dem Herzoge Karl August geschenkten Garten zu betrachten. Die Empfangnahme desselben von seiten Goethes erfolgte am 21. April 1776 und das von R. Keil herausgegebene «Tagebuch» meldet uns von nun an oft von Goethes Arbeiten in diesem Garten, die eines seiner Lieblingsgeschäfte werden. Ein weiteres Feld für Bestrebungen in dieser Richtung bot ihm der Thüringerwald, wo er Gelegenheit hatte, auch die niederen Organismen in ihren Lebenserscheinungen kennenzulernen. Es interessieren ihn besonders die Moose und Flechten. Am 31. Oktober 1777 bittet er Frau von Stein um Moose von allen Sorten und womöglich mit den Wurzeln und feucht, damit sie sich wieder fortpflanzen. Es muß uns höchst bedeutsam erscheinen, daß Goethe sich hier schon mit dieser tiefstehenden Organismenwelt beschäftigte und später die Gesetze der Pflanzenorganisation doch von den höheren Pflanzen ableitete. Wir haben dies in Erwägung dieses Umstandes nicht, wie viele tun, einer Unterschätzung der Bedeutung der weniger entwickelten Wesen, sondern vollbewußter Absicht zuzuschreiben.

[ 12 ] We should regard the poet’s engagement in planting vegetation in the garden given to him by Duke Karl August as the immediate inspiration for his study of plants. Goethe received the garden on April 21, 1776, and the “Diary” edited by R. Keil frequently reports from this point on about Goethe’s work in this garden, which became one of his favorite pastimes. The Thuringian Forest offered him another arena for pursuits in this direction, where he had the opportunity to become acquainted with the life processes of lower organisms as well. He was particularly interested in mosses and lichens. On October 31, 1777, he asked Mrs. von Stein for mosses of all varieties, if possible with their roots and still moist, so that they might reproduce. It must strike us as highly significant that Goethe was already engaged here with this lower realm of organisms and yet later derived the laws of plant organization from the higher plants. In light of this circumstance, we must attribute this—unlike many others—not to an underestimation of the significance of less developed organisms, but to a fully conscious intention.

[ 13 ] Nun verläßt der Dichter das Reich der Pflanzen nicht mehr. Schon sehr früh mögen wohl Linnés Schriften vorgenommen worden sein. Wir erfahren von der Bekanntschaft mit denselben zuerst aus den Briefen an Frau von Stein im Jahre 1782.

[ 13 ] From this point on, the poet no longer leaves the realm of plants. It is likely that he had already read Linnaeus’s writings quite early on. We first learn of his familiarity with them from the letters to Mrs. von Stein in 1782.

[ 14 ] Linnés Bestrebungen gingen dahin, eine systematische Übersichtlichkeit in die Kenntnis der Pflanzen zu bringen. Es sollte eine gewisse Reihenfolge gefunden werden, in der jeder Organismus an einer bestimmten Stelle steht, so daß man ihn jederzeit leicht auffinden könne, ja daß man überhaupt ein Mittel der Orientierung in der grenzenlosen Menge der Einzelheiten hätte. Zu diesem Zwecke mußten die Lebewesen nach Graden ihrer Verwandtschaft untersucht und diesen entsprechend in Gruppen zusammengestellt werden. Da es sich dabei vor allem darum handelte, jede Pflanze zu erkennen und ihren Platz im Systeme leicht aufzufinden, so mußte man insbesondere auf jene Merkmale Rücksicht nehmen, welche die Pflanzen voneinander unterscheiden. Um eine Verwechslung einer Pflanze mit einer anderen unmöglich zu machen, suchte man vorzüglich diese unterscheidenden Kennzeichen auf. Dabei wurden von Linné und seinen Schülern äußerliche Kennzeichen, Größe, Zahl und Stellung der einzelnen Organe als charakteristisch angesehen. Die Pflanzen waren auf diese Weise wohl in eine Reihe geordnet, aber so, wie man auch eine Anzahl unorganischer Körper hätte ordnen können: nach Merkmalen, welche dem Augenscheine, nicht der inneren Natur der Pflanze entnommen waren. Sie erschienen in einem äußerlichen Nebeneinander, ohne inneren, notwendigen Zusammenhang. Bei dem bedeutsamen Begriffe, den Goethe von der Natur eines Lebewesens hatte, konnte ihm diese Betrachtungsweise nicht genügen. Es war da nirgends nach dem Wesen der Pflanze geforscht. Goethe mußte sich die Frage vorlegen: Worin besteht dasjenige «Etwas», welches ein bestimmtes Wesen der Natur zu einer Pflanze macht? Er mußte ferner anerkennen, daß dieses Etwas in allen Pflanzen in gleicher Weise vorkomme. Und doch war die unendliche Verschiedenheit der Einzelwesen da, welche erklärt sein wollte. Wie kommt es, daß jenes Eine sich in so mannigfaltigen Gestalten offenbart? Dies waren wohl die Fragen, welche Goethe beim Lesen der Linnéschen Schriften aufwarf, denn er sagt ja selbst von sich: «Das, was er - Linné - mit Gewalt auseinanderzuhalten suchte, mußte, nach dem innersten Bedürfnis meines Wesens, zur Vereinigung anstreben.» 10Vgl. Natw. Schr., 1. Bd. [S. 68].

[ 14 ] Linnaeus’s efforts were aimed at bringing systematic clarity to the study of plants. The goal was to establish a certain order in which each organism would occupy a specific place, so that it could be easily located at any time—indeed, so that one would have a means of orientation within the boundless mass of details. To this end, living organisms had to be examined according to their degrees of kinship and grouped accordingly. Since the primary concern was to identify each plant and easily locate its place in the system, particular attention had to be paid to those characteristics that distinguish plants from one another. To make it impossible to confuse one plant with another, these distinguishing characteristics were sought out above all else. In doing so, Linnaeus and his students regarded external characteristics, as well as the size, number, and position of the individual organs, as characteristic. In this way, the plants were indeed arranged in a sequence, but in the same manner that one might have arranged a number of inorganic objects: according to characteristics derived from outward appearance, not from the plant’s inner nature. They appeared in an external juxtaposition, without any necessary internal connection. Given Goethe’s profound understanding of the nature of a living being, this approach could not satisfy him. Nowhere had the essence of the plant been investigated. Goethe had to ask himself: What is that “something” that makes a particular entity of nature a plant? He also had to acknowledge that this “something” was present in all plants in the same way. And yet there was the infinite diversity of individual beings, which demanded an explanation. How is it that this one essence manifests itself in such manifold forms? These were likely the questions Goethe raised while reading Linnaeus’s writings, for he himself says: “What he—Linnaeus—sought to separate by force, according to the innermost need of my being, had to strive toward union.” 10Cf. Natw. Schr., Vol. 1 [p. 68].

[ 15 ] Ungefähr in dieselbe Zeit, wie die erste Bekanntschaft mit Linné, fällt auch die mit den botanischen Bestrebungen des Rousseau. Am 16. Juni 1782 schreibt Goethe an [Herzog] Karl August: «In Rousseaus Werken finden sich ganz allerliebste Briefe über die Botanik, worin er diese Wissenschaft auf das faßlichste und zierlichste einer Dame vorträgt. Es ist recht ein Muster, wie man unterrichten soll und eine Beilage zum Emil. Ich nehme daher den Anlaß, das schöne Reich der Blumen meinen schönen Freundinnen aufs neue zu empfehlen.» [WA 5, 347] Rousseaus Bestrebungen in der Pflanzenkunde mußten auf Goethe einen tiefen Eindruck machen. Das Hervorheben einer aus dem Wesen der Pflanzen hervorgehenden und ihm entsprechenden Nomenklatur, die Ursprünglichkeit des Beobachtens, das Betrachten der Pflanze um ihrer selbst willen, abgesehen von. allen Nützlichkeitsprinzipien, die uns bei Rousseau entgegentreten, alles das war ganz im Sinne Goethes. Beide hatten ja auch das gemeinsam, daß sie nicht durch ein speziell herangezogenes wissenschaftliches Bestreben, sondern durch allgemein menschliche Motive zum Studium der Pflanze gekommen waren. Dasselbe Interesse fesselte sie an denselben Gegenstand.

[ 15 ] Goethe’s first encounter with Rousseau’s botanical pursuits occurred around the same time as his first acquaintance with Linnaeus. On June 16, 1782, Goethe wrote to [Duke] Karl August: “In Rousseau’s works there are some most delightful letters on botany, in which he presents this science to a lady in the most accessible and elegant manner. It is truly a model of how one should teach and a supplement to *Emile*. I therefore take this opportunity to once again recommend the beautiful realm of flowers to my lovely female friends.” [WA 5, 347] Rousseau’s endeavors in botany must have made a deep impression on Goethe. The emphasis on a nomenclature derived from and corresponding to the nature of plants, the originality of observation, the contemplation of the plant for its own sake, apart from all principles of utility that we encounter in Rousseau—all of this was entirely in keeping with Goethe’s thinking. After all, both had in common that they had come to the study of plants not through a specifically scientific endeavor but through generally human motives. The same interest bound them to the same subject.

[ 16 ] Die nächsten eingehenden Beobachtungen der Pflanzenwelt fallen in das Jahr 1784. Wilhelm Freiherr von Gleichen, genannt Rußwurm, hatte damals zwei Schriften herausgegeben, welche Untersuchungen zum Gegenstande hatten, die Goethe lebhaft interessierten: «Das Neueste aus dem Reiche der Pflanzen» (Nürnberg 1764) und «Auserlesene mikroskopische Entdeckungen bei Pflanzen, Blumen und Blüten, Insekten und anderen Merkwürdigkeiten» (Nürnberg 1777-81). Beide Schriften behandelten die Befruchtungsvorgänge an der Pflanze. Der Blütenstaub, die Staubfäden und Stempel wurden sorgfältig untersucht und die dabei stattfindenden Prozesse auf schön ausgeführten Tafeln dargestellt. Diese Untersuchungen machte nun Goethe nach. Am 12. Januar 1785 schreibt er an Frau von Stein: «Ein Mikroskop ist aufgestellt, um die Versuche des v. Gleichen, genannt Rußwurm, mit Frühlingsantritt nachzubeobachten und zu kontrollieren.» [WA 7, 8] In demselben Frühlinge wurde auch die Natur des Samens studiert, wie uns ein Brief an Knebel vom 2. April 1785 zeigt: «Die Materie vom Samen habe ich durchgedacht, soweit meine Erfahrungen reichen.» [WA 7, 36] Bei allen diesen Untersuchungen handelt es sich bei Goethe nicht um das Einzelne; das Ziel seiner Bestrebungen ist, das Wesen der Pflanze zu erforschen. Er meldet davon am 8. April 1785 an Merck, daß er in der Botanik «hübsche Entdeckungen und Kombinationen gemacht hat». [WA 7, 41] Auch der Ausdruck Kombinationen beweist uns hier, daß er darauf ausgeht, denkend sich ein Bild der Vorgänge in der Pflanzenwelt zu entwerfen. Das Studium der Botanik näherte sich jetzt rasch einem bestimmten Ziele. Wir müssen dabei nun freilich daran denken, daß Goethe im Jahre 1784 den Zwischenknochen entdeckt hat, wovon wir unten ausdrücklich sprechen wollen und daß er damit dem Geheimnis, wie die Natur bei der Bildung organischer Wesen verfährt, um eine bedeutende Stufe nähergerückt war. Wir müssen ferner daran denken, daß der erste Teil von Herders «Ideen zur Philosophie der Geschichte» 1784 abgeschlossen wurde und daß Gespräche über Gegenstände der Natur zwischen Goethe und Herder damals sehr häufig waren. So berichtet Frau von Stein an Knebel am 1. Mai 1784: «Herders neue Schrift macht wahrscheinlich, daß wir erst Pflanzen und Tiere waren ... Goethe grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen ist, wird äußerst interessant.» [Zur deutschen Literatur und Geschichte, hrsg. von H. Düntzer, Bd. 1, Nürnberg 1857, S. 120.] Wir sehen daraus, welcher Art Goethes Interesse für die größten Fragen der Wissenschaft damals war. Es muß uns also jenes Nachdenken über die Natur der Pflanze und die Kombinationen, die er darüber im Frühling 1785 macht, ganz erklärlich erscheinen. Mitte April dieses Jahres geht er nach Belvedere eigens um seine Zweifel und Fragen zur Lösung zu bringen und am 15. Juni [1786!] macht er an Frau von Stein folgende Mitteilung: «Wie lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich dir nicht ausdrücken, mein langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt ruckts auf einmal, und meine stille Freude ist unaussprechlich.» [WA 7, 229] Kurz vorher will er sogar eine kleine botanische Abhandlung für Knebel schreiben, um ihn für diese Wissenschaft zu gewinnen. 11«Gerne schickte ich dir eine kleine botanische Lektion, wenn sie nur schon geschrieben wäre.» [Brief an Knebel vom] 2. April 1785. [WA 7, 36] Die Botanik zieht ihn so an, daß seine Reise nach Karlsbad, die er am 20. Juni 1785 antritt, um den Sommer dort zuzubringen, zu einer botanischen Studienreise wird. Knebel begleitete ihn. In der Nähe von Jena treffen sie einen 17-jährigen Jüngling, [Friedrich Gottlieb] Dietrich, dessen Blechtrommel zeigte, daß er eben von einer botanischen Exkursion heimkehrt. Über diese interessante Reise erfahren wir näheres aus Goethes «Geschichte meines botanischen Studiums» und aus einigen Mitteilungen von [Ferdinand] Cohn 12«Deutsche Rundschau» (Berlin etc.) Bd. XXVIII (Juli-Sept.) 1881, S. 34 f. in Breslau, der dieselben einem Manuskripte Dietrichs entlehnen konnte. In Karlsbad bieten nun gar oft botanische Gespräche eine angenehme Unterhaltung. Nach Hause zurückgekehrt widmet Goethe sich mit großer Energie dem Studium der Botanik; er macht an der Hand von Linnés Philosophia 13Karl von Linné «philosophia botanica«, Stockholm 1751. Beobachtungen über Pilze, Moose, Flechten und Algen, wie wir solches aus seinen Briefen an Frau von Stein ersehen. Erst jetzt, wo er bereits selbst vieles gedacht und beobachtet, wird ihm Linné nützlicher, er findet bei ihm Aufschluß über viele Einzelheiten, die ihm bei seinen Kombinationen vorwärts helfen. Am 9. November 1785 berichtet er an Frau von Stein: «Ich lese im Linné fort, denn ich muß wohl, ich habe kein ander Buch. Es ist die beste Art ein Buch gewiß zu lesen, die ich öfters praktizieren muß, besonders da ich nicht leicht ein Buch auslese. Dieses ist aber vorzüglich nicht zum Lesen, sondern zum Rekapitulieren gemacht und tut mir nun die trefflichsten Dienste, da ich über die meisten Punkte selbst gedacht habe.» [WA 7, 118] Während dieser Studien wurde ihm immer klarer, daß es doch nur eine Grundform sei, welche in der unendlichen Menge einzelner Pflanzenindividuen erscheint, es wurde ihm auch diese Grundform selbst immer anschaulicher, er erkannte ferner, daß in dieser Grundform die Fähigkeit unendlicher Abänderung liege, wodurch die Mannigfaltigkeit aus der Einheit erzeugt wird. Am 9. Juli 1786 schreibt er an Frau von Stein: «Es ist ein Gewahrwerden der. . . Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt.» [WA 7, 242] Nun handelte es sich vor allem darum, das Bleibende, Beständige, jene Urform, mit welcher die Natur gleichsam spielt, im einzelnen zu einem plastischen Bilde auszubilden. Dazu bedurfte es einer Gelegenheit, das wahrhaft Konstante, Dauernde in der Pflanzenform von dem Wechselnden, Unbeständigen zu trennen. Zu Beobachtungen dieser Art hatte Goethe noch ein zu kleines Gebiet durchforscht. Er mußte eine und dieselbe Pflanze unter verschiedenen Bedingungen und Einflüssen beobachten; denn nur dadurch fällt das Veränderliche so recht in die Augen. Bei Pflanzen verschiedener Art fällt es uns weniger auf. Dieses alles brachte die beglükkende Reise nach Italien, welche er am 3. September von Karlsbad aus angetreten hatte. Schon an der Flora der Alpen ward manche Beobachtung gemacht. Er fand hier nicht bloß neue von ihm noch nie gesehene Pflanzen, sondern auch solche, die er schon kannte, aber verändert. «Wenn in der tiefern Gegend Zweige und Stengel stärker und mastiger waren, die Augen näher aneinanderstanden und die Blätter breit waren, so wurden höher ins Gebirg hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen rückten auseinander, so daß von Knoten zu Knoten ein größerer Zwischenraum stattfand und die Blätter sich lanzenförmiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer Weide und einer Gentiana und überzeugte mich, daß es nicht etwa verschiedene Arten wären. Auch am Walchensee bemerkte ich längere und schlankere Binsen als im Unterlande». 14Italienische Reise, 8. Okt. 1786. Ähnliche Beobachtungen wiederholten sich. In Venedig am Meere entdeckt er verschiedene Pflanzen, welche ihm Eigenschaften zeigen, die ihnen nur das alte Salz des Sandbodens, mehr aber die salzige Luft geben konnte. Er fand da eine Pflanze, die ihm wie unser «unschuldiger Huflattich» erschien, «hier aber mit scharfen Waffen bewaffnet und das Blatt wie Leder, so auch die Samenkapseln, die Stiele, alles war mastig und fett.» 15Italienische Reise, 8. Sept. 1786. Da sah Goethe alle äußeren Merkmale der Pflanze, alles was an ihr dem Augenscheine angehört, unbeständig, wechselnd. Er zieht daraus den Schluß, daß also in diesen Eigenschaften das Wesen der Pflanze nicht liege, sondern tiefer gesucht werden müsse. Von ähnlichen Beobachtungen, wie hier Goethe, ging auch Darwin aus, als er seine Zweifel über die Konstanz der äußeren Gattungs- und Art-formen zur Geltung brachte. Die Resultate aber, welche von den beiden gezogen werden, sind durchaus verschieden. Während Darwin in jenen Eigenschaften das Wesen des Organismus in der Tat für erschöpft hält und aus der Veränderlichkeit den Schluß zieht: Also gibt es nichts Konstantes im Leben der Pflanzen ,geht Goethe tiefer und zieht den Schluß: Wenn jene Eigenschaften nicht konstant sind, so muß das Konstante in einem anderen, welches jenen veränderlichen Äußerlichkeiten zugrunde liegt, gesucht werden. Dieses letztere auszubilden wird Goethes Ziel, während Darwins Bestrebungen dahin gehen, die Ursachen jener Veränderlichkeit im einzelnen zu erforschen und darzulegen. Beide Betrachtungsweisen sind notwendig und ergänzen einander. Man geht ganz fehl, wenn man Goethes Größe in der organischen Wissenschaft darinnen zu finden glaubt, daß man in ihm den bloßen Vorläufer Darwins sieht. Seine Betrachtungsweise ist eine viel breitere; sie umfaßt zwei Seiten: 1. Den Typus, d. i. die sich im Organismus offenbarende Gesetzlichkeit, das Tier-Sein im Tiere, das sich aus sich herausbildende Leben, das Kraft und Fähigkeit hat, sich durch die in ihm liegenden Möglichkeiten in mannigfaltigen, äußeren Gestalten (Arten, Gattungen) zu entwickeln. 2. Die Wechselwirkung des Organismus und der unorganischen Natur und der Organismen untereinander (Anpassung und Kampf ums Dasein). Nur die letztere Seite der Organik hat Darwin ausgebildet. Man kann also nicht sagen: Darwins Theorie sei die Ausbildung von Goethes Grundideen, sondern sie ist bloß die Ausbildung einer Seite der letzteren. Sie blickt nur auf jene Tatsachen, welche veranlassen, daß sich die Welt der Lebewesen in einer gewissen Weise entwickelt, nicht aber auf jenes «Etwas», auf welches jene Tatsachen bestimmend einwirken. Wenn die eine Seite allein verfolgt wird, so kann sie auch durchaus nicht zu einer vollständigen Theorie der Organismen führen, sie muß wesentlich im Geiste Goethes verfolgt werden, sie muß durch die andere Seite von dessen Theorie ergänzt und vertieft werden. Ein einfacher Vergleich wird die Sache deutlicher machen. Man nehme ein Stück Blei, mache es durch Erhitzen flüssig und gieße es dann in kaltes Wasser. Das Blei hat zwei aufeinander folgende Stadien seines Zustandes durchgemacht; das erste wurde bewirkt durch die höhere, das zweite durch die niedrigere Temperatur. Wie sich die beiden Stadien gestalten, das hängt nun nicht allein von der Natur der Wärme, sondern ganz wesentlich auch von jener des Bleies ab. Ein anderer Körper würde, durch dieselben Medien gebracht, ganz andere Zustände zeigen. Auch die Organismen lassen sich von den sie umgebenden Medien beeinflussen, auch sie nehmen, durch letztere veranlaßt, verschiedene Zustände an und zwar durchaus ihrer Natur entsprechend, entsprechend jener Wesenheit, die sie zu Organismen macht. Und diese Wesenheit findet man in Goethes Ideen. Derjenige, der ausgerüstet mit dem Verständnisse dieser Wesenheit ist, der wird erst imstande sein zu begreifen, warum die Organismen auf bestimmte Veranlassungen gerade in einer solchen und keiner andern Weise antworten (reagieren). Ein solcher wird erst imstande sein, sich über die Veränderlichkeit der Erscheinungsformen der Organismen und die damit zusammenhängenden Gesetze der Anpassung und des Kampfes ums Dasein die richtigen Vorstellungen zu machen. 16Unnötig wohl ist es zu sagen, daß die moderne Deszendenatheorje damit durchaus nicht bezweifelt werden soll, oder daß ihre Behauptungen damit eingeschränkt werden sollen; im Gegenteil, es wird ihnen erst eine sichere Basis geschaffen.

[ 16 ] The next detailed observations of the plant world date back to the year 1784. Wilhelm Freiherr von Gleichen, known as Rußwurm, had published two works at that time that dealt with subjects of great interest to Goethe: “The Latest from the Kingdom of Plants” (Nuremberg 1764) and “Selected Microscopic Discoveries in Plants, Flowers, Insects, and Other Curiosities” (Nuremberg 1777–81). Both works dealt with the processes of fertilization in plants. The pollen, stamens, and pistils were carefully examined, and the processes taking place were illustrated in beautifully executed plates. Goethe then replicated these experiments. On January 12, 1785, he wrote to Mrs. von Stein: “A microscope has been set up to observe and verify the experiments of von Gleichen, known as ‘Rußwurm,’ with the onset of spring.” [WA 7, 8] That same spring, he also studied the nature of seeds, as a letter to Knebel dated April 2, 1785, shows: “I have reflected on the nature of seeds to the extent of my experience.” [WA 7, 36] In all these investigations, Goethe was not concerned with individual details; the goal of his efforts was to explore the essence of the plant. On April 8, 1785, he reported to Merck that in botany he had “made some nice discoveries and combinations .” [WA 7, 41] The term “combinations” here also demonstrates that he was seeking to mentally construct a picture of the processes occurring in the plant world. The study of botany was now rapidly approaching a specific goal. We must, of course, bear in mind that Goethe had discovered the interosseous bone in 1784—a topic we will discuss in detail below—and that this had brought him a significant step closer to unraveling the mystery of how nature proceeds in the formation of organic beings. We must also bear in mind that the first part of Herder’s *Ideas on the Philosophy of History* was completed in 1784 and that discussions between Goethe and Herder on topics related to nature were very frequent at that time. For example, Mrs. von Stein wrote to Knebel on May 1, 1784: “Herd’s new work suggests that we were once plants and animals … Goethe is now pondering these matters with great depth, and everything that has first passed through his imagination becomes extremely interesting.” [On German Literature and History, ed. by H. Düntzer, Vol. 1, Nuremberg 1857, p. 120.] From this we can see the nature of Goethe’s interest in the greatest questions of science at that time. His reflections on the nature of plants and the speculations he made on the subject in the spring of 1785 must therefore seem entirely understandable to us. In mid-April of that year, he went to Belvedere specifically to resolve his doubts and questions, and on June 15 [1786!], he sent the following message to Mrs. von Stein: “I cannot express to you how legible the book of nature has become to me; my long process of deciphering it has helped me, and now it all clicks into place at once, and my quiet joy is indescribable.” [WA 7, 229] Shortly before that, he even intended to write a short botanical treatise for Knebel in order to win him over to this science. 11“I would gladly send you a short botanical lesson, if only it were already written.” [Letter to Knebel dated] April 2, 1785. [WA 7, 36] Botany attracted him so much that his trip to Karlsbad, which he undertook on June 20, 1785, to spend the summer there, turned into a botanical study trip. Knebel accompanied him. Near Jena, they met a 17-year-old youth, [Friedrich Gottlieb] Dietrich, whose tin drum indicated that he was just returning home from a botanical excursion. We learn more about this interesting journey from Goethe’s “History of My Botanical Studies” and from several accounts by [Ferdinand] Cohn 12“Deutsche Rundschau” (Berlin, etc.) Vol. XXVIII (July–Sept.) 1881, p. 34 ff. in Breslau, who was able to obtain them from one of Dietrich’s manuscripts. In Karlsbad, botanical discussions now often provide pleasant entertainment. Upon returning home, Goethe devotes himself with great energy to the study of botany; using Linnaeus’s *Philosophia* 13Carl Linnaeus, *Philosophia botanica*, Stockholm 1751. observations on fungi, mosses, lichens, and algae, as we can see from his letters to Mrs. von Stein. Only now, having already thought through and observed so much himself, does Linnaeus become more useful to him; he finds in Linnaeus’s work clarification on many details that help him advance his own combinations. On November 9, 1785, he reports to Mrs. von Stein: “I continue to read Linnaeus, for I must; I have no other book. It is certainly the best way to read a book, one I must practice more often, especially since I do not easily finish a book. This one, however, is intended not so much for reading as for reviewing, and it is now serving me most excellently, since I have thought through most of the points myself.” [WA 7, 118] During these studies, it became increasingly clear to him that there is, after all, only one basic form, which appears in the infinite multitude of individual plants; this basic form itself also became ever more vivid to him, and he further recognized that within this basic form lies the capacity for infinite variation, through which diversity is generated from unity. On July 9, 1786, he wrote to Mrs. von Stein: “It is a realization of the . . . form with which nature, as it were, is always at play, and through which it playfully brings forth the manifold life.” [WA 7, 242] Now the primary task was to develop the enduring, the constant—that primordial form with which nature, as it were, plays—into a concrete image in detail. This required an opportunity to separate the truly constant and enduring aspects of plant form from the changing and impermanent ones. Goethe had not yet explored a sufficiently broad range of subjects for observations of this kind. He had to observe one and the same plant under various conditions and influences; for only in this way does the changeable truly stand out. With plants of different species, this is less noticeable to us. All of this was made possible by the delightful journey to Italy, which he had begun on September 3 from Karlsbad. Many observations had already been made regarding the flora of the Alps. Here he found not only new plants he had never seen before, but also those he already knew, though altered. “While in the lower regions the branches and stems were sturdier and more robust, the nodes were closer together, and the leaves were broad, higher up in the mountains the branches and stems became more delicate, the nodes moved farther apart—so that there was a greater space between them—and the leaves took on a more lance-shaped form. I noticed this in a willow and a gentian and convinced myself that they were not, in fact, different species. At Lake Walchensee, too, I noticed longer and slimmer rushes than in the lowlands.” 14Italian Journey, Oct. 8, 1786. Similar observations were repeated. In Venice, by the sea, he discovered various plants that exhibited characteristics which could only be attributed to the ancient salt in the sandy soil—but even more so to the salty air. There he found a plant that seemed to him like our “innocent coltsfoot,” “but here it was armed with sharp spines, and its leaves were like leather, as were the seed capsules and the stems; everything was fleshy and rich.” 15Italian Journey, Sept. 8, 1786. There, Goethe saw all the plant’s external characteristics—everything about it that is visible to the eye—as impermanent and changeable. He concludes from this that the essence of the plant does not lie in these characteristics, but must be sought deeper. Darwin, too, drew on observations similar to Goethe’s here when he expressed his doubts about the constancy of external generic and specific forms. The conclusions drawn by the two, however, are entirely different. While Darwin indeed considers the essence of the organism to be exhausted in those characteristics and concludes from their variability: “Thus, there is nothing constant in the life of plants,” Goethe delves deeper and concludes: “If those characteristics are not constant, then the constant must be sought in something else that underlies those variable external manifestations.” Developing this latter aspect becomes Goethe’s goal, whereas Darwin’s efforts are directed toward investigating and elucidating the causes of that variability in detail. Both approaches are necessary and complement one another. One is entirely mistaken if one believes that Goethe’s greatness in organic science lies in viewing him merely as Darwin’s precursor. His approach is much broader; it encompasses two aspects: 1. The type, i.e., the regularity manifested in the organism—the animal nature within the animal, the life that forms itself from within and possesses the power and capacity to develop into manifold external forms (species, genera) through the potentials inherent within it. 2. The interaction between the organism and inorganic nature, and among organisms themselves (adaptation and the struggle for existence). Darwin developed only the latter aspect of organic theory. One cannot therefore say that Darwin’s theory is the elaboration of Goethe’s fundamental ideas; rather, it is merely the elaboration of one aspect of the latter. It focuses only on those facts that cause the world of living beings to develop in a certain way, but not on that “something” upon which those facts exert a determining influence. If only one aspect is pursued, it cannot possibly lead to a complete theory of organisms; it must be pursued essentially in the spirit of Goethe, and it must be supplemented and deepened by the other aspect of his theory. A simple comparison will make the matter clearer. Take a piece of lead, melt it by heating, and then pour it into cold water. The lead has undergone two successive stages of its state; the first was brought about by the higher temperature, the second by the lower temperature. How these two stages manifest themselves depends not only on the nature of heat, but also, quite significantly, on that of the lead. Another substance, subjected to the same conditions, would exhibit entirely different states. Organisms, too, are influenced by their surrounding environment; they, too, assume various states as a result of these conditions, and these states correspond entirely to their nature—to that essence which makes them organisms. And this essence is found in Goethe’s ideas. Only those equipped with an understanding of this essence will be able to grasp why organisms respond (react) to certain stimuli in precisely this way and no other. Only such a person will be able to form correct conceptions of the variability of the forms of appearance of organisms and the associated laws of adaptation and the struggle for existence. 16Needless to say, this is by no means intended to cast doubt on the modern theory of descent, nor to limit its assertions; on the contrary, it provides them with a firm foundation.

[ 17 ] Der Gedanke der Urpflanze bildet sich immer bestimmter, klarer in Goethes Geist aus. Im botanischen Garten zu Padua (Italienische Reise, 27. Sept. 1786), wo er unter einer ihm fremden Vegetation einhergeht, wird ihm der «Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer entwickeln könne». Am 17. November 1786 schreibt er an Knebel: «So freut mich doch mein bißchen Botanik erst recht in diesen Landen, wo eine frohere, weniger unterbrochene Vegetation zu Hause ist. Ich habe schon recht artige, ins allgemeine gehende Bemerkungen gemacht, die auch dir in der Folge angenehm sein werden.» [WA 8, 58] Am 19. Februar 1787 (siehe Italienische Reise) schreibt er in Rom, daß er auf dem Wege sei, «neue schöne Verhältnisse zu entdecken, wie die Natur solch ein Ungeheures, das wie nichts aussieht, aus dem Einfachen das Mannigfaltigste entwickelt.» Am 25. März bittet er, Herdern zu sagen, daß er mit der Urpflanze bald zustande ist. Am 17. April (siehe Italienische Reise) schreibt er in Palermo von der Urpflanze die Worte nieder: «Eine solche muß es doch geben! Woran würde ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet wären.» Er hat im Auge den Komplex von Bildungsgesetzen, welcher die Pflanze organisiert, sie zu dem macht, was sie ist und wodurch wir bei einem bestimmten Objekte der Natur zu dem Gedanken kommen: Dieses ist eine Pflanze -, das ist die Urpflanze. Als solche ist sie ein Ideelles, nur im Gedanken Festzuhaltendes; sie gewinnt aber Gestalt, sie gewinnt eine gewisse Form, Größe, Farbe, Zahl ihrer Organe usw. Diese äußere Gestalt ist nichts Festes, sondern sie kann unendliche Veränderungen erleiden, welche alle jenem Komplexe von Bildungsgesetzen gemäß sind, aus ihm mit Notwendigkeit: folgen. Hat man jene Bildungsgesetze, jenes Urbild der Pflanze erfaßt, so hat man das in der Idee festgehalten, was bei jedem einzelnen Pflanzenindividuum die Natur gleichsam zugrunde legt und woraus sie dasselbe als eine Folge ableitet und entstehen läßt. Ja man kann selbst jenem Gesetze gemäß Pflanzengestalten erfinden, welche aus dem Wesen der Pflanze mit Notwendigkeit folgen und existieren könnten, wenn die notwendigen Bedingungen dazu einträten. Goethe sucht so gleichsam das im Geiste nachzubilden, was die Natur bei der Bildung ihrer Wesen vollzieht. Er schreibt am 17. Mai 1787 17Italienische Reise. an Herder: «Ferner muß ich Dir vertrauen, daß ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und Organisation ganz nahe bin und daß es das einfachste ist, was nur gedacht werden kann... Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konsequent sein müssen, das heißt: die, wenn sie auch nicht existieren, doch existieren könnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich auf alles übrige Lebendige anwenden lassen.» Es tritt nun hier noch eine weitere Verschiedenheit der Goetheschen Auffassung von der Darwins hervor, namentlich, wenn man berücksichtigt, wie letztere gewöhnlich vertreten wird. 18Wir haben hier weniger die Entwicklungslehre derjenigen Naturforscher, die auf dem Boden der sinnenfälligen Empirie stehen, vor Augen, als vielmehr die theoretischen Grundlagen, die Prinzipien, die dem Darwinismus zugrunde gelegt werden. Vor allem natürlich die Jenaische Schule mit Haeckel an der Spitze; in diesem Geiste ersten Ranges hat wohl die Darwinsche Lehre mit aller ihrer Einseitigkeit ihre konsequente Ausgestaltung gefunden. Diese nimmt an, daß die äußeren Einflüsse wie mechanische Ursachen auf die Natur eines Organismus einwirken und ihn dementsprechend verändern. Bei Goethe sind die einzelnen Veränderungen verschiedene Äußerungen des Urorganismus, der in sich selbst die Fähigkeit hat, mannigfache Gestalten anzunehmen und in einem bestimmten Falle jene annimmt, welche den ihn umgebenden Verhältnissen der Außenwelt am angemessensten ist. Diese äußeren Verhältnisse sind bloß Veranlassung, daß die inneren Gestaltungskräfte in einer besonderen Weise zur Erscheinung kommen. Diese letzteren allein sind das konstitutive Prinzip, das Schöpferische in der Pflanze. Daher nennt es Goethe am 6. September 1787 19Italienische Reise. auch ein, - 7(51) (Ein und Alles) der Pflanzenwelt.

[ 17 ] The idea of the primordial plant takes shape more and more distinctly and clearly in Goethe’s mind. In the botanical garden in Padua (Italian Journey, Sept. 27, 1786), where he walks among vegetation unfamiliar to him, “the idea becomes ever more vivid to him that all plant forms might perhaps be derived from a single one.” On November 17, 1786, he wrote to Knebel: “My little knowledge of botany delights me all the more in these lands, where a more cheerful, less interrupted vegetation is at home. I have already made some quite decent, general observations that will also be of interest to you in the future.” [WA 8, 58] On February 19, 1787 (see Italian Journey), he wrote from Rome that he was on his way to “discovering new and beautiful relationships, such as how nature develops from the simple the most diverse forms—a monstrosity that looks like nothing.” On March 25, he asks that Herdern be told that he will soon have finished his work on the “primordial plant.” On April 17 (see *Italian Journey*), he writes the following words about the primordial plant from Palermo: “There must surely be such a thing! How else would I recognize that this or that form is a plant, if they were not all formed according to a single pattern?” He has in mind the complex of formative laws that organizes the plant, makes it what it is, and through which, when faced with a specific object of nature, we arrive at the thought: “This is a plant”—that is the primordial plant. As such, it is an ideal, something that can be grasped only in thought; yet it takes on a shape, acquiring a certain form, size, color, number of organs, and so on. This external form is not fixed, but can undergo infinite variations, all of which conform to that complex of formative laws and necessarily follow from it. Once one has grasped those laws of formation, that archetype of the plant, one has captured in the idea what nature, as it were, lays as the foundation for every individual plant and from which it derives and brings about that same plant as a consequence. Indeed, one can even invent plant forms in accordance with those laws—forms that necessarily follow from the essence of the plant and could exist if the necessary conditions were met. Goethe thus seeks, as it were, to recreate in the mind what nature accomplishes in the formation of its beings. On May 17, 1787 17Italian Journey. he wrote to Herder: “Furthermore, I must confide in you that I am very close to the secret of plant generation and organization, and that it is the simplest thing that can possibly be conceived... The primordial plant will be the most wondrous creature in the world, one for which nature itself will envy me. With this model and the key to it, one can then go on to invent an infinite number of plants that must be consistent—that is to say, plants that, even if they do not exist, could exist, and are not merely picturesque or poetic shadows and illusions, but possess an inner truth and necessity. “The same law will apply to all other living things.” Here, yet another difference between Goethe’s conception and Darwin’s becomes apparent, particularly when one considers how the latter is usually presented. 18We have in mind here not so much the theory of evolution espoused by those naturalists who stand on the ground of sensory empiricism, but rather the theoretical foundations—the principles—upon which Darwinism is based. Above all, of course, the Jena School, with Haeckel at its head; it is in this preeminent spirit that Darwin’s theory, with all its one-sidedness, has found its consistent formulation. This theory assumes that external influences, like mechanical causes, act upon the nature of an organism and alter it accordingly. For Goethe, the individual changes are various manifestations of the primordial organism, which possesses within itself the capacity to assume manifold forms and, in a given case, assumes the form that is most appropriate to the surrounding conditions of the external world. These external conditions are merely the occasion for the inner formative forces to manifest themselves in a particular way. These inner forces alone are the constitutive principle, the creative element in the plant. That is why, on September 6, 1787, Goethe 19Italian Journey. also refers to them as — 7(51) (the One and All) of the plant world.

[ 18 ] Wenn wir nun auf diese Urpflanze selbst eingehen, so ist darüber folgendes zu sagen. Das Lebendige ist ein in sich beschlossenes Ganze, welches seine Zustände aus sich selbst setzt. Sowohl im Nebeneinander der Glieder, wie in der zeitlichen Aufeinanderfolge der Zustände eines Lebewesens ist eine Wechselbeziehung vorhanden, welche nicht durch die sinnenfälligen Eigenschaften der Glieder bedingt erscheint, nicht durch mechanischkausales Bedingtsein des Späteren von dem Früheren, sondern welche von einem höheren über den Gliedern und Zuständen stehenden Prinzipe beherrscht wird. Es ist in der Natur des Ganzen bedingt, daß ein bestimmter Zustand als der erste, ein anderer als der letzte gesetzt wird; und auch die Aufeinanderfolge der mittleren ist in der Idee des Ganzen bestimmt; das Vorher ist von dem Nachher und umgekehrt abhängig; kurz, im lebendigen Organismus ist Entwicklung des einen aus dem andern, ein Übergang der Zustände ineinander, kein fertiges, abgeschlossenes Sein des Einzelnen, sondern stetes Werden. In der Pflanze tritt dieses Bedingtsein jedes einzelnen Gliedes durch das Ganze insofern auf, als alle Organe nach derselben Grundform gebaut sind. Am 17. Mai 1787 20Italienische Reise. schreibt Goethe diesen Gedanken an Herder mit den Worten: «Es war mir nämlich aufgegangen, daß in demjenigen Organ (der Pflanze), welches wir gewöhnlich als Blatt ansprechen, der wahre Proteus verborgen liege, der sich in allen Gestaltungen verstecken und offenbaren könne. Rückwärts und vorwärts ist die Pflanze immer nur Blatt, mit dem künftigen Keime so unzertrennlich vereint, daß man sich eins ohne das andere nicht denken darf.» Während beim Tiere jenes höhere Prinzip, das jedes Einzelne beherrscht, uns konkret entgegentritt als dasjenige, welches die Organe bewegt, seinen Bedürfnissen gemäß gebraucht usw., entbehrt die Pflanze noch eines solchen wirklichen Lebensprinzipes; bei ihr offenbart sich dasselbe erst in der unbestimmteren Weise, daß alle Organe nach demselben Bildungstypus gebaut sind, ja daß in jedem Teile der Möglichkeit nach die ganze Pflanze enthalten ist und durch günstige Umstände aus demselben auch hervorgebracht werden kann. Goethe wurde dieses besonders klar, als in Rom Rat Reiffenstein bei einem Spaziergange mit ihm hier und da einen Zweig abreißend behauptete, derselbe müsse in die Erde gesteckt, fortwachsen und sich zur ganzen Pflanze entwickeln. Die Pflanze ist also ein Wesen, welches in aufeinanderfolgenden Zeiträumen gewisse Organe entwickelt, welche alle sowohl untereinander, wie jedes einzelne mit dem Ganzen nach ein und derselben Idee gebaut sind. Jede Pflanze ist ein harmonisches Ganze von Pflanzen. 21In welchem Sinne diese Einzelheiten zum Ganzen stehen, werden wir an verschiedenen Stellen Gelegenheit haben auszuführen. Wollten wir einen Begriff der heutigen Wissenschaft für ein solches Zusammenwirken von belebten Teilwesen zu einem Ganzen entlehnen, so wäre es etwa der eines Stockes» in der Zoologie. Es ist dies eine Art Staat von Lebewesen, ein Individuum, das wieder aus selbständigen Individuen besteht, ein Individuum höherer Art. Als Goethe dieses klar vor Augen stand, handelte es sich für ihn nur noch um die Einzelbeobachtungen, die es ermöglichten, die verschiedenen Stadien der Entwicklung, welche die Pflanze aus sich heraus setzt, im besonderen darzulegen. Auch dazu war schon das Nötige geschehen. Wir haben gesehen, daß Goethe schon im Frühjahr 1785 Samen untersucht hat; von Italien aus meldet er Herdern am 17. Mai 1787, daß er den Punkt, wo der Keim steckt, ganz klar und zweifellos gefunden habe. Damit war für das erste Stadium des Pflanzenlebens gesorgt. Aber auch die Einheit des Baues aller Blätter zeigte sich bald anschaulich genug. Neben zahlreichen anderen Beispielen fand Goethe in dieser Hinsicht vor allem am frischen Fenchel den Unterschied der unteren und oberen Blätter, die aber trotzdem immer dasselbe Organ sind. Am 25. März 22Italienische Reise. bittet er Herdern zu melden, daß seine Lehre von den Kotyledonen so sublimiert sei, daß man schwerlich wird weitergehen können. Es war nur noch ein kleiner Schritt zu tun, um auch die Blütenblätter, die Staubgefäße und Stempel als metamorphosierte Blätter anzusehen. Dazu konnten die Untersuchungen des englischen Botanikers Hill führen, welche damals allgemeiner bekannt wurden und die Umbildungen einzelner Blütenorgane in andere zum Gegenstande haben.

[ 18 ] If we now turn our attention to this primordial plant itself, the following can be said about it. The living being is a self-contained whole that brings its states into being from within itself. Both in the coexistence of the parts and in the temporal succession of a living being’s states, there is an interrelationship that does not appear to be determined by the sensually perceptible properties of the parts, nor by a mechanical-causal dependence of the later on the earlier, but which is governed by a higher principle standing above the parts and states. It is inherent in the nature of the whole that a particular state is established as the first and another as the last; and the sequence of the intermediate states is also determined within the idea of the whole; what comes before depends on what comes after, and vice versa; in short, in the living organism, development of one from the other—a transition of states into one another—is not a finished, completed existence of the individual, but rather constant becoming. In the plant, this dependence of each individual part on the whole occurs insofar as all organs are constructed according to the same basic form. On May 17, 1787 20Italian Journey. Goethe wrote this thought to Herder with the words: “It had occurred to me, in fact, that in that organ (of the plant) which we usually refer to as a leaf, the true Proteus lies hidden, capable of concealing and revealing itself in all forms. Whether looking backward or forward, the plant is always and only a leaf, so inseparably united with the future bud that one cannot conceive of one without the other.” While in animals that higher principle, which governs each individual, presents itself to us concretely as the one that moves the organs, uses them according to its needs, and so on, the plant still lacks such a real principle of life; in the plant, this principle reveals itself only in a more indeterminate way, in that all organs are constructed according to the same pattern of formation; indeed, every part potentially contains the entire plant and, under favorable circumstances, can bring the whole plant forth from itself. This became particularly clear to Goethe when, during a walk with him in Rome, Rat Reiffenstein, snapping off a twig here and there, claimed that it must be planted in the ground, where it would continue to grow and develop into a whole plant. The plant is thus a being that develops certain organs over successive periods of time, all of which are structured according to one and the same idea—both in relation to one another and individually in relation to the whole. Every plant is a harmonious whole composed of plants. 21We will have the opportunity to elaborate in various places on the relationship of these individual parts to the whole. If we were to borrow a term from modern science to describe such an interaction of animate parts forming a whole, it would be something like that of a “colony” in zoology. This is a kind of state of living beings, an individual that in turn consists of independent individuals, an individual of a higher order. Once this was clearly before Goethe’s eyes, his focus shifted solely to the individual observations that made it possible to describe in detail the various stages of development that the plant undergoes from within itself. The necessary groundwork for this had already been laid. We have seen that Goethe had already examined seeds in the spring of 1785; writing from Italy on May 17, 1787, he reported to Herdern that he had found the point where the embryo is located quite clearly and beyond doubt. This took care of the first stage of plant life. But the unity of structure among all leaves also soon became sufficiently evident. Among numerous other examples, Goethe found in this regard—particularly in fresh fennel—the difference between the lower and upper leaves, which are nevertheless always the same organ. On March 25 22Italian Journey., he asked Herdern to report that his theory of the cotyledons had been so refined that it would be difficult to go any further. It was only a small step to regard the petals, stamens, and pistils as metamorphosed leaves as well. The studies of the English botanist Hill, which were becoming more widely known at the time and dealt with the transformation of individual floral organs into others, could lead to this conclusion.

[ 19 ] Indem die Kräfte, welche das Wesen der Pflanze organisieren, ins wirkliche Dasein treten, nehmen sie eine Reihe räumlicher Gestaltungsformen an. Es handelt sich nun um den lebendigen Begriff, welcher diese Formen rückwärts und vorwärts verbindet.

[ 19 ] As the forces that organize the essence of the plant enter into actual existence, they take on a series of spatial forms. What is at work here is the living concept that connects these forms both backward and forward.

[ 20 ] Wenn wir die Metamorphosenlehre Goethes, wie sie uns aus dem Jahre 1790 vorliegt, betrachten, so finden wir darinnen, daß bei Goethe dieser Begriff der des wechselnden Ausdehnens und Zusammenziehens ist. Im Samen ist die Pflanzenbildung am stärksten zusammengezogen (konzentriert). Mit den Blättern erfolgt hierauf die erste Entfaltung, Ausdehnung der Bildungskräfte. Was im Samen auf einen Punkt zusammengedrängt ist, das tritt in den Blättern räumlich auseinander. Im Kelche ziehen sich die Kräfte wieder an einem Achsenpunkte zusammen; die Krone wird durch die nächste Ausdehnung bewirkt; Staubgefäße und Stempel entstehen durch die nächste Zusammenziehung; die Frucht durch die letzte (dritte) Ausdehnung, worauf sich die ganze Kraft des Pflanzenlebens (dies entelechische Prinzip) wieder im höchst zusammengezogenen Zustande im Samen verbirgt. Während wir nun so ziemlich alle Einzelheiten des Metamorphosengedankens bis zur endlichen Verwertung in dem 1790 erschienenen Aufsatze verfolgen können, wird es mit dem Begriffe der Ausdehnung und Zusammenziehung nicht so leicht gehen. Doch wird man nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß dieser übrigens tief in Goethes Geist wurzelnde Gedanke auch schon in Italien mit dem Begriffe der Pflanzenbildung verwebt wurde. Da der Inhalt dieses Gedankens die durch die bildenden Kräfte bedingte größere oder geringere räumliche Entfaltung ist, also in dem liegt, was sich an der Pflanze dem Auge unmittelbar darbietet, so wird er wohl dann am leichtesten entstehen, wenn man den Gesetzen der natürlichen Bildung gemäß die Pflanze zu zeichnen unternimmt. Nun fand Goethe in Rom einen strauchartigen Nelkenstock, welcher ihm die Metamorphose besonders klar zeigte. Darüber schreibt er nun: «Zur Aufbewahrung dieser Wundergestalt kein Mittel vor mir sehend, unternahm ich es, sie genau zu zeichnen, wobei ich immer zu mehrerer Einsicht in den Grundbegriff der Metamorphose gelangte.» 23Italienische Reise / Störende Naturbetrachtungen; vgl. auch den Brief Goethes an Knebel vom 18. Aug. 1787 (WA 8, 251). Solche Zeichnungen sind vielleicht noch öfters gemacht worden und dies konnte dann zu dem in Rede stehenden Begriff führen.*

[ 20 ] When we examine Goethe’s theory of metamorphosis, as it appears to us from the year 1790, we find that, for Goethe, this concept involves alternating expansion and contraction. In the seed, the plant’s formative forces are most strongly contracted (concentrated). With the leaves, the first unfolding—the expansion of these formative forces—takes place. What is compressed into a single point within the seed spreads out spatially in the leaves. In the calyx, the forces contract again at a central point; the corolla is brought about by the next expansion; the stamens and pistil arise from the next contraction; the fruit from the final (third) expansion, after which the entire force of plant life (this entelechial principle) is once again concealed in the seed in its most highly contracted state. While we can now trace virtually all the details of the idea of metamorphosis up to its final elaboration in the essay published in 1790, the same cannot be said so easily for the concepts of expansion and contraction. Yet one would not be mistaken in assuming that this idea—which, incidentally, was deeply rooted in Goethe’s mind—had already been interwoven with the concept of plant formation during his time in Italy. Since the essence of this idea is the greater or lesser spatial unfolding brought about by formative forces—that is, it lies in what the plant immediately presents to the eye—it will likely arise most easily when one undertakes to draw the plant in accordance with the laws of natural formation. Now, in Rome, Goethe came across a shrub-like carnation plant that illustrated the metamorphosis to him with particular clarity. He writes about it as follows: “Seeing no other way to preserve this wondrous form, I undertook to draw it precisely, thereby gaining ever greater insight into the fundamental concept of metamorphosis.” 23Italian Journey / Disturbing Observations of Nature; see also Goethe’s letter to Knebel dated Aug. 18, 1787 (WA 8, 251). Such drawings may have been made more often, and this could then have led to the concept in question.*

[ 21 ] Im September 1787 bei seinem zweiten Aufenthalte in Rom trägt Goethe seinem Freunde Moritz die Sache vor; er findet dabei, wie lebendig, anschaulich die Sache bei einem solchen Vortrage wird. Es wird immer auf geschrieben, wie weit sie gekommen sind. Aus dieser Stelle und einigen anderen Äußerungen Goethes erscheint es wahrscheinlich, daß auch die Niederschrift der Metamorphosenlehre wenigstens aphoristisch noch in Italien geschehen ist. Er sagt weiter: «Auf diese Art - im Vortrage mit Moritz - konnt' ich allein etwas von meinen Gedanken zu Papier bringen.» 24Italienische Reise, 28. Sept. 1787. Es ist nun keine Frage, daß am Ende des Jahres 1789 und am Anfange des Jahres 1790 die Arbeit in der Gestalt, wie sie uns jetzt vorliegt, niedergeschrieben wurde; allein Inwieweit diese letztere Niederschrift bloß redaktioneller Natur war und was noch hinzukam, das wird schwer zu sagen sein. Ein für die nächste Ostermesse angekündigtes Buch, welches etwa dieselben Gedanken hätte enthalten können, verleitete ihn im Herbste 1789, seine Ideen vorzunehmen und ihre Veröffentlichung zu befördern. Am 20. November schreibt er dem Herzoge, daß er angespornt sei, seine botanischen Ideen zu schreiben. Am 18. Dezember überschickt er die Schrift bereits dem Botaniker Batsch in Jena zur Durchsicht; am 20. geht er selbst dorthin, um sich mit Batsch zu besprechen; am 22. meldet er Knebel, daß Batsch die Sache gut aufgenommen habe. Er kehrt nach Hause zurück, arbeitet die Schrift noch einmal durch, überschickt sie dann wieder an Batsch, der sie am 19. Januar 1790 zurückschickt. Welche Erlebnisse nun die Handschrift sowohl wie die Druckschrift machte, hat Goethe selbst ausführlich erzählt (siehe Natw. Schr., 1. Bd. [S. 91ff.]). Die große Bedeutung der Metamorphosenlehre, sowie das Wesen derselben im einzelnen werden wir unten [570ff.] in dem Aufsatze: «Über das Wesen und die Bedeutung von Goethes Schriften über organische Bildung» abhandeln.

[ 21 ] In September 1787, during his second stay in Rome, Goethe presented the subject to his friend Moritz; in doing so, he realized how vivid and vividly the subject came to life in such a presentation. It is always written down, how far they have come. From this passage and several other remarks by Goethe, it seems likely that the writing down of the theory of metamorphosis—at least in aphoristic form—also took place while he was still in Italy. He goes on to say: “In this way—in conversation with Moritz—I was able to put some of my thoughts down on paper.” 24Italian Journey, Sept. 28, 1787. There is no question that at the end of 1789 and the beginning of 1790, the work was written down in the form in which it now stands before us; but to what extent this final draft was merely of an editorial nature and what else was added will be difficult to say. A book announced for the upcoming Easter season, which might have contained roughly the same ideas, prompted him in the fall of 1789 to organize his ideas and push for their publication. On November 20, he wrote to the Duke that he felt inspired to put his botanical ideas into writing. On December 18, he had already sent the manuscript to the botanist Batsch in Jena for review; on the 20th, he traveled there himself to discuss the matter with Batsch; on the 22nd, he informed Knebel that Batsch had received the work favorably. He returned home, revised the manuscript once more, and then sent it back to Batsch, who returned it on January 19, 1790. Goethe himself recounted in detail the various stages the manuscript and the printed work went through (see Natw. Schr., Vol. 1 [pp. 91ff.]). We will discuss the great significance of the theory of metamorphosis, as well as its nature in detail, below [570ff.] in the essay: “On the Nature and Significance of Goethe’s Writings on Organic Formation.”