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Introductions to Goethe's Scientific Writings
GA 1

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3. Die Entstehung von Goethes Gedanken über die Bildung der Tiere

3. The Origins of Goethe's Thoughts on Animal Development

[ 1 ] Lavaters großes Werk: «Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe» erschien in den Jahren 1775-1778. Goethe hatte daran regen Anteil genommen, nicht nur dadurch, daß er die Herausgabe leitete, sondern indem er auch selbst Beiträge lieferte. Besonders interessant ist es nun aber, daß wir in diesen Beiträgen schon den Keim zu seinen späteren zoologischen Arbeiten finden können.

[ 1 ] Lavater’s major work, *Physiognomic Fragments for the Advancement of Knowledge of Human Nature and Love of Mankind*, was published between 1775 and 1778. Goethe played an active role in its creation, not only by overseeing its publication but also by contributing articles himself. What is particularly interesting, however, is that we can already find the seeds of his later zoological work in these contributions.

[ 2 ] Die Physiognomik suchte in der äußeren Form des Menschen dessen Inneres, dessen Geist zu erkennen. Man behandelte die Gestalt nicht um ihrer selbst willen, sondern als Ausdruck der Seele. Goethes plastischer, zur Erkenntnis äußerer Verhältnisse geschaffener Geist blieb dabei nicht stehen. Mitten in jenen Arbeiten, welche die äußere Form nur als Mittel zur Erkenntnis des Inneren behandelten, ging ihm die Bedeutung der ersteren, der Gestalt, in ihrer Selbständigkeit auf. Wir sehen dieses aus seinen Arbeiten über die Tierschädel aus dem Jahre 1776, welche sich im 2. Bande, 2. Abschnitt der «Physiognomischen Fragmente» eingeschaltet finden. 25gl. Natw. Schr., 2. Bd., S. 68ff. Er liest in diesem Jahre Aristoteles über die Physiognomik, 26Brief an J. K. Lavater, etwa 20.März 1776; WA 3, 42. findet sich dadurch zu obigen Arbeiten angeregt, zugleich aber versucht er es, den Unterschied des Menschen von den Tieren zu untersuchen. Er findet diesen Unterschied in dem durch das Ganze des menschlichen Baues bedingten Hervortreten des Hauptes, in der hohen Ausbildung des menschlichen Gehirnes, zu dem alle Teile des Körpers als zu ihrer Zentralstätte hinweisen. «Wie die ganze Gestalt als Grundpfeiler des Gewölbes dasteht, in dem sich der Himmel bespiegeln soll.» 27Vgl. Natw. Schr., 2. Bd., S. 69 [Eingang]. Das Gegenteil davon findet er nun beim tierischen Baue. «Der Kopf an das Rückgrat nur angehängt! Das Gehirn, Ende des Rückenmarks, hat nicht mehr Umfang, als zur Auswirkung der Lebensgeister und zu Leitung eines ganz gegenwärtig sinnlichen Geschöpfes nötig ist.» 28Ebenda. Mit diesen Andeutungen hat sich Goethe über die Betrachtung einzelner Zusammenhänge des Äußeren mit dem Inneren des Menschen erhoben zur Auffassung eines großen Ganzen und zur Anschauung der Gestalt als solcher. Er ist zur Ansicht gekommen, daß das Ganze des menschlichen Baues die Grundlage bildet zu seinen höheren Lebensäußerungen, daß in der Eigentümlichkeit dieses Ganzen die Bedingung liegt, welche den Menschen an die Spitze der Schöpfung stellt. Was wir uns dabei vor allem gegenwärtig halten müssen, ist, daß Goethe die tierische Gestalt in der ausgebildeten menschlichen wieder aufsucht; nur daß dort die mehr den animalischen Verrichtungen dienenden Organe in den Vordergrund treten, gleichsam der Punkt sind, auf den die ganze Bildung hindeutet und dem sie dient, während die menschliche Bildung jene Organe besonders ausbildet, welche den geistigen Funktionen dienen. Schon hier finden wir: Was Goethe als tierischer Organismus vorschwebt, ist nicht mehr dieser oder jener sinnlichwirkliche, sondern ein ideeller, der sich bei den Tieren mehr nach einer niederen, bei dem Menschen nach einer höheren Seite ausbildet. Schon hier liegt der Keim zu dem, was Goethe später Typus nannte und womit er «kein einzelnes Tier», sondern die «Idee» des Tieres bezeichnen wollte. Ja noch mehr: Schon hier findet man einen Anklang an ein später von ihm ausgesprochenes, in seinen Konsequenzen wichtiges Gesetz, daß nämlich «die Mannigfaltigkeit der Gestalt daher entspringt, daß diesem oder jenem Teil ein Übergewicht über die andern zugestanden ist.» 29Siehe Natw. Schr., 1. Bd., S. 247. Es wird ja schon hier der Gegensatz von Tier und Mensch darinnen gesucht, daß sich eine ideelle Gestalt nach zwei verschiedenen Richtungen hin ausbildet, daß jedesmal ein Organsystem das Übergewicht gewinnt und das ganze Geschöpf davon seinen Charakter erhält.

[ 2 ] Physiognomy sought to discern a person’s inner self—their spirit—through their outward appearance. The form was not treated for its own sake, but as an expression of the soul. Goethe’s creative mind, designed to understand external conditions, did not stop there. In the midst of those works that treated external form merely as a means to understanding the inner self, he came to realize the significance of the former—the form—in its own right. We see this in his works on animal skulls from 1776, which are included in Volume 2, Section 2 of the “Physiognomic Fragments.” 25cf. Natw. Schr., Vol. 2, pp. 68ff. That year, he read Aristotle on physiognomy, 26Letter to J. K. Lavater, circa March 20, 1776; WA 3, 42. This inspired him to undertake the works mentioned above, but at the same time he attempted to investigate the difference between humans and animals. He found this difference in the prominence of the head, which is determined by the entirety of the human structure, and in the highly developed human brain, toward which all parts of the body point as their central focal point. “Just as the entire form stands as the cornerstone of the vault in which the heavens are to be reflected.” 27Cf. Natw. Schr., Vol. 2, p. 69 [beginning]. He now finds the opposite of this in the structure of animals. “The head is merely attached to the spine! The brain, at the end of the spinal cord, has no greater volume than is necessary for the expression of the vital spirits and for guiding a creature whose senses are entirely present.” 28Ibid. With these observations, Goethe rose above the consideration of individual connections between the external and internal aspects of the human being to arrive at a conception of a great whole and a view of form as such. He arrived at the view that the whole of the human structure forms the foundation for its higher expressions of life, and that the uniqueness of this whole constitutes the condition that places humanity at the pinnacle of creation. What we must bear in mind above all is that Goethe seeks out the animal form within the fully developed human form; only that there, the organs serving more animal functions come to the fore—they are, as it were, the point toward which the entire development points and which it serves—while human development particularly cultivates those organs that serve spiritual functions. Already here we find that what Goethe has in mind as an animal organism is no longer this or that sensually real entity, but an ideal one, which develops in animals more along a lower plane and in humans along a higher one. Already here lies the seed of what Goethe later called a “type,” by which he intended to denote not “a single animal” but the “idea” of the animal. Indeed, even more than that: even here one finds an echo of a law he later articulated—one of great significance in its implications—namely, that “the diversity of form arises from the fact that this or that part is granted a predominance over the others.” 29See Natw. Schr., Vol. 1, p. 247. Even here, the contrast between animal and human is sought in the fact that an ideal form develops in two different directions, such that in each case one organ system gains predominance and the entire creature derives its character from it.

[ 3 ] In demselben Jahre (1776) finden wir aber auch, daß Goethe Klarheit darüber gewinnt, wovon auszugehen ist, wenn man die Gestalt des tierischen Organismus betrachten will. Er erkannte, daß die Knochen die Grundfesten der Bildung sind, 30Siehe Natw. Schr., 2. Bd. [S. 68 f.]. ein Gedanke, den er später aufrechterhalten hat, indem er bei den anatomischen Arbeiten durchaus von der Knochenlehre ausging. In diesem Jahre schreibt er den in dieser Hinsicht wichtigen Satz nieder: 31Ebenda [S. 69]. «Die beweglichen Teile formen sich nach ihnen (den Knochen), eigentlicher zu sagen, mit ihnen und treiben ihr Spiel nur insoweit es die festen vergönnen.» Auch eine weitere Andeutung in Lavaters Physiognomik: «Man kann es schon bemerkt haben, daß ich das Knochensystem für die Grundzeichnung des Menschen - den Schädel für das Fundament des Knochensystems und alles Fleisch beinahe nur für das Kolorit dieser Zeichnung halte», 32Lavaters Fragmente II, 143. mag wohl auf Goethes Anregung, der sich mit Lavater oft über diese Dinge besprach, geschrieben worden sein. Sie sind ja mit den von Goethe verfaßten Andeutungen 33Siehe Natw. Schr., 2. Bd. [S. 69]. identisch. Nun macht aber Goethe eine weitere Bemerkung dazu, welche wir besonders berücksichtigen müssen: «Diese Anmerkung (daß man an den Knochen und namentlich am Schädel am stärksten sehen kann, wie die Knochen die Grundfesten der Bildung sind), die hier (bei Tieren) unleugbar ist, wird bei der Anwendung auf die Verschiedenheit der Menschenschädel großen Widerspruch zu leiden haben.» 34Ebenda. Was tut Goethe hier anderes, als das einfachere Tier im zusammengesetzten Menschen wieder aufsuchen, wie er sich später (1795) ausdrückt! Wir gewinnen hieraus die Überzeugung, daß die Grundgedanken, auf welchen später Goethes Gedanken über die Bildung der Tiere aufgebaut werden sollten, aus der Beschäftigung mit Lavaters Physiognomik heraus im Jahre 1776 sich bei ihm festsetzten.

[ 3 ] In that same year (1776), however, we also find that Goethe gained clarity regarding the starting point one must take when considering the structure of the animal organism. He recognized that the bones are the foundation of development, 30See Natw. Schr., Vol. 2 [pp. 68 ff.]. a notion he later upheld by consistently basing his anatomical work on osteology. That year, he wrote down the following statement, which is significant in this regard: 31Ibid. [p. 69]. “The movable parts take their shape from them (the bones)—or, more accurately, together with them—and perform their functions only to the extent that the fixed parts permit.” There is also another hint in Lavater’s *Physiognomics*: “One may already have noticed that I regard the skeletal system as the basic outline of the human being—the skull as the foundation of the skeletal system, and all flesh almost exclusively as the coloring of this outline,” 32Lavater’s Fragments II, 143. may well have been written at Goethe’s suggestion, as he often discussed these matters with Lavater. Indeed, they are identical to the remarks written by Goethe 33See Natw. Schr., Vol. 2 [p. 69].. However, Goethe makes a further comment on this that we must take special note of: “This observation (that it is most evident in the bones—and particularly in the skull—how the bones form the foundation of development), which is undeniable here (in animals), will face significant contradiction when applied to the diversity of human skulls .” 34Ibid. What else is Goethe doing here but seeking out the simpler animal within the complex human being, as he later (1795) puts it! From this we gain the conviction that the fundamental ideas upon which Goethe’s later thoughts on the formation of animals were to be based took root in him in 1776 as a result of his study of Lavater’s physiognomy.

[ 4 ] In diesem Jahre beginnt auch Goethes Studium des Einzelnen der Anatomie. Am 22. Januar 1776 schreibt er an Lavater: «Der Herzog hat mir sechs Schädel kommen lassen, habe herrliche Bemerkungen gemacht, die Euer Hochwürden zu Diensten stehen, wenn dieselben Sie nicht ohne mich fanden.» [WA 3, 20] Die weiteren Anregungen zu einem eingehenderen Studium der Anatomie boten ihm die Beziehungen zur Universität Jena. Wir haben die ersten Andeutungen hierüber aus dem Jahre 1781. In dem von Keil herausgegebenen Tagebuche bemerkt er unter dem 15. Oktober 1781, daß er nach Jena mit dem alten Einsiedel ging und dort Anatomie trieb. Hier war ein Gelehrter, der Goethes Studien ungeheuer förderte: Loder. Derselbe führt ihn denn auch weiter in die Anatomie ein, wie er am 29. Oktober 1781 an Frau von Stein 35«Ein beschwerlicher Liebesdienst, den ich übernommen habe, führt mich meiner Liebhaberei näher. Loder erklärt mir alle Beine und Muskeln, und ich werde in wenig Tagen vieles fassen.» [WA 5, 207] und am 4. November an Karl August 36«Mir hat er (Loder) in diesen acht Tagen, die wir, freilich soviel als meine Wächterschaft litt, fast ganz dazu anwandten, Osteologie und Myologie durchdemonstriert.« [WA 5, 211] schreibt. In letzterem Briefe spricht er nun auch die Absicht aus, den «jungen Leuten» der Zeichenakademie «das Skelett zu erklären und sie zur Kenntnis des menschlichen Körpers anzuführen». Er setzt hinzu: «Ich tue es zugleich um meinet- und ihretwillen, die Methode, die ich gewählt habe, wird sie diesen Winter über völlig mit den Grundsäulen des Körpers bekannt machen.» Die Einzeichnungen im Tagebuch Goethes zeigen, daß er diese Vorlesungen wirklich gehalten und am 16. Januar beendet hat. Gleichzeitig wird wohl viel mit Loder über den Bau des menschlichen Körpers verhandelt worden sein. Unter dem 6. Januar bemerkt das Tagebuch: Demonstration des Herzens durch Loder. Haben wir nun gesehen, daß Goethe schon 1776 weitausblickende Gedanken über den Bau der tierischen Organisation hegte, so ist keinen Augenblick daran zu zweifeln, daß seine jetzigen eingehenden Beschäftigungen mit Anatomie über die Betrachtung der Einzelheiten hinaus sich zu höheren Gesichtspunkten erhoben. So schreibt er an Lavater und Merck am 14. November 1781, er behandele «die Knochen als einen Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt». [WA 5, 217 u. 220] Bei Betrachtung eines Textes bilden sich in unserem Geiste Bilder und Ideen, die von jenem hervorgerufen, erzeugt erscheinen. Als einen solchen Text behandelte Goethe die Knochen, d. h. indem er sie betrachtet, gehen ihm Gedanken über alles Leben und alles Menschliche auf. Es mußten sich bei ihm also bei diesen Betrachtungen bestimmte Ideen über die Bildung des Organismus geltend gemacht haben. Nun haben wir aus dem Jahre 1782 eine Ode von Goethe: «Das Göttliche», welche uns einigermaßen erkennen läßt, wie er über die Beziehung des Menschen zur übrigen Natur damals dachte. Die erste Strophe heißt:

[ 4 ] This year also marked the beginning of Goethe’s study of the details of anatomy. On January 22, 1776, he wrote to Lavater: “The Duke has sent me six skulls; I have made some wonderful observations, which are at Your Reverence’s disposal, should you find them without my assistance.” [WA 3, 20] His connections to the University of Jena provided him with further inspiration for a more in-depth study of anatomy. We have the first indications of this from the year 1781. In the diary published by Keil, he notes under October 15, 1781, that he went to Jena with the old Einsiedel and studied anatomy there. There was a scholar there who greatly advanced Goethe’s studies: Loder. Loder went on to introduce him further to anatomy, as he wrote to Mrs. von Stein on October 29, 1781 35“A laborious labor of love that I have undertaken is bringing me closer to my hobby. Loder is explaining all the bones and muscles to me, and in a few days I will have grasped a great deal.” [WA 5, 207] and on November 4 to Karl August 36“In these eight days—which, admittedly, were devoted almost entirely to this, as far as my guard duty allowed—he (Loder) has thoroughly demonstrated osteology and myology to me.” [WA 5, 211] he writes. In the latter letter, he also expresses his intention to “explain the skeleton to the ‘young people’ at the Academy of Drawing and introduce them to the human body.” He adds: “I am doing this both for my own sake and for theirs; the method I have chosen will thoroughly familiarize them with the fundamental structure of the body this winter.” The entries in Goethe’s diary show that he actually gave these lectures and concluded them on January 16. At the same time, he must have discussed the structure of the human body at length with Loder. Under the date of January 6, the diary notes: “Demonstration of the heart by Loder.” Since we have now seen that Goethe already harbored far-sighted ideas about the structure of the animal organism as early as 1776, there can be no doubt whatsoever that his current in-depth studies of anatomy rose beyond the consideration of details to higher perspectives. Thus, in a letter to Lavater and Merck dated November 14, 1781, he writes that he treats “the bones as a text to which all life and all that is human can be attached.” [WA 5, 217 and 220] When we contemplate a text, images and ideas form in our minds that appear to be evoked and generated by that text. Goethe treated the bones as such a text; that is, as he observed them, thoughts about all life and all that is human arose within him. Certain ideas about the formation of the organism must therefore have taken hold in his mind during these contemplations. Now we have an ode by Goethe from the year 1782, “The Divine,” which gives us some insight into how he thought at that time about the relationship between human beings and the rest of nature. The first stanza reads:

«Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.»

“Let man be noble,
Helpful and good!
For that alone
Distinguishes him
From all beings
That we know.”

[ 5 ] Indem in den ersten zwei Zeilen dieser Strophe der Mensch nach seinen geistigen Eigenschaften erfaßt wird, sagt Goethe, diese allein unterscheiden ihn von allen anderen Wesen der Welt. Dieses «allein» zeigt uns ganz klar, daß Goethe den Menschen seiner physischen Konstitution nach durchaus in Übereinstimmung mit der übrigen Natur auffaßte. Es wird bei ihm der Gedanke, auf den wir schon oben aufmerksam machten, immer lebendiger, daß eine Grundform die Gestalt des Menschen sowohl wie der Tiere beherrsche, daß sie bei ersterem sich nur zu einer solchen Vollkommenheit steigere, daß sie fähig ist, der Träger eines freien geistigen Wesens zu sein. Seinen sinnenfälligen Eigenschaften nach muß auch der Mensch, wie es in jener Ode weiter heißt:

[ 5 ] By describing human beings in terms of their spiritual qualities in the first two lines of this stanza, Goethe states that these alone distinguish them from all other beings in the world. This “alone” shows us quite clearly that Goethe viewed human beings, in terms of their physical constitution, as being entirely in harmony with the rest of nature. In his work, the idea—which we have already highlighted above—becomes increasingly vivid: that a fundamental form governs the structure of both humans and animals, and that in the former, this form is elevated to such a degree of perfection that it is capable of being the vessel of a free spiritual being. In terms of his sensory characteristics, however, man must also, as the ode goes on to say:

«Nach ewigen, ehrnen
Großen Gesetzen»
Seines ... «Daseins
Kreise vollenden.»

“According to eternal, iron
Great Laws”
Of his ... “Existence
Complete its cycles.”

[ 6 ] Aber diese Gesetze bilden sich bei ihm nach einer Seite aus, die es ihm möglich macht, daß er das «Unmögliche» vermag:

[ 6 ] But these laws take shape within him in a way that enables him to accomplish the “impossible”:

«Er unterscheidet,
Wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.»

“He distinguishes,
chooses, and judges;
He can give the moment
duration.”

[ 7 ] Nun muß man dazu noch bedenken, daß, während sich diese Anschauungen bei Goethe immer bestimmter ausbildeten, er in lebendigem Verkehre mit Herder stand, der im Jahre 1783 seine «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit» aufzuzeichnen begann. Dieses Werk ging beinahe hervor aus den Unterhaltungen der beiden, und manche Idee wird wohl auf Goethe zurückzuführen sein. Die Gedanken, welche hier ausgesprochen werden, sind oft ganz Goethisch, nur in Herders Weise gesagt, so daß wir aus denselben einen sicheren Schluß auf die damaligen Gedanken Goethes machen können.

[ 7 ] Now one must also bear in mind that, while these views were taking on an ever clearer form in Goethe’s mind, he was in close contact with Herder, who began writing down his “Ideas for a Philosophy of the History of Mankind” in 1783. This work arose almost entirely from their conversations, and many of the ideas can likely be attributed to Goethe. The thoughts expressed here are often distinctly Goethean, merely phrased in Herder’s style, so that we can draw a reliable conclusion from them about Goethe’s thinking at that time.

[ 8 ] Herder hat nun im ersten Teil 37Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1. Teil, 5. Buch, in: Herders Sämtliche Werke, hg. v. B. Suphan; Berlin 1877-1913, 13. Bd., S. 167. von dem Wesen der Welt folgende Auffassung. Es muß eine Hauptform vorausgesetzt werden, welche durch alle Wesen hindurchgeht und sich in verschiedener Weise verwirklicht. «Vom Stein zum Kristall, vom Kristall zu den Metallen, von diesen zur Pflanzenschöpfung, von den Pflanzen zum Tier, von diesem zum Menschen sahen wir die Form der Organisation steigen, mit ihr auch die Kräfte und Triebe des Geschöpfs vielartiger werden, und sich endlich alle in der Gestalt des Menschen, sofern diese sie fassen konnte, vereinen.» Der Gedanke ist ganz klar: Eine ideelle, typische Form, die als solche selbst nicht sinnenfällig wirklich ist, realisiert sich in einer unendlichen Menge räumlich voneinander getrennter und ihren Eigenschaften nach verschiedenen Wesen bis herauf zum Menschen. Auf den niederen Stufen der Organisation verwirklicht sie sich stets nach einer bestimmten Richtung; nach dieser bildet sie sich besonders aus. Indem diese typische Form bis zum Menschen heransteigt, nimmt sie alle Bildungsprinzipien, die sie bei den niederen Organismen immer nur einseitig ausgebildet hat, die sie auf verschiedene Wesen verteilt hat, zusammen, um eine Gestalt zu bilden. Daraus geht auch die Möglichkeit einer so hohen Vollkommenheit beim Menschen hervor. Bei ihm hat die Natur auf ein Wesen verwendet, was sie bei den Tieren auf viele Klassen und Qrdnungen zerstreut hat. Dieser Gedanke wirkte ungemein fruchtbar auf die nachherige deutsche Philosophie. Es sei hier die Darstellung, welche Oken später für dieselbe Vorstellung gegeben hat, zu ihrer Verdeutlichung erwähnt. Er sagt: 38Oken, Lehrbuch der Naturphilosophie. 2. Aufl., Jena 1831,S. 389. «Das Tierreich ist nur ein Tier, d. h. die Darstellung der Tierheit mit allen ihren Organen jedes für sich ein Ganzes. Ein einzelnes Tier entsteht, wenn ein einzelnes Organ sich vom allgemeinen Tierleib ablöst und dennoch die wesentlichen Tierverrichtungen ausübt. Das Tierreich ist nur das zerstückelte höchste Tier: Mensch. Es gibt nur eine Menschenzunft, nur ein Menschengeschlecht, nur eine Menschengattung, eben weil er das ganze Tierreich ist.» So gibt es z. B. Tiere, bei denen die Tastorgane ausgebildet sind, ja die ganze Organisation auf die Tätigkeit des Tastens hinweist und in ihr das Ziel findet, andere, bei denen besonders die Freßwerkzeuge ausgebildet sind usf., kurz bei jeder Tiergattung tritt einseitig ein Organsystem in den Vordergrund; das ganze Tier geht in demselben auf; alles übrige tritt bei ihm in den Hintergrund. In der menschlichen Bildung nun bilden sich alle Organe und Organsysteme so aus, daß eines dem andern Raum genug zur freien Entwicklung läßt, daß jedes einzelne in jene Schranken zurücktritt, welche nötig erscheinen, um alle andern in gleicher Weise zur Geltung kommen zu lassen. So entsteht ein harmonisches Ineinanderwirken der einzelnen Organe und Systeme zu einer Harmonie, welche den Menschen zum vollkommensten, die Vollkommenheiten aller übrigen Geschöpfe in sich vereinigenden Wesen macht. Diese Gedanken haben nun auch den Inhalt der Gespräche Goethes mit Herder gebildet, und Herder verleiht ihnen in folgender Weise Ausdruck: daß «das Menschengeschlecht als der große Zusammenfluß niederer organischer Kräfte» anzusehen ist, «die in ihm zur Bildung der Humanität kommen sollten». Und an einem anderen Orte: «Und so können wir annehmen: daß der Mensch ein Mittelgeschöpf unter den Tieren, d. i. die ausgearbeitete Form sei, in der sich die Züge aller Gattungen um ihn her im feinsten Inbegriff sammeln.» 39Herder, a. a. 0. 1. Teil, 5. Buch, bzw. I. Teil, 2. Buch.

[ 8 ] In the first part, 37Herder, *Ideas on the Philosophy of the History of Mankind*, Part 1, Book 5, in: Herder’s *Complete Works*, ed. by B. Suphan; Berlin 1877–1913, vol. 13, p. 167. the following view of the nature of the world. One must assume a primary form that pervades all beings and manifests itself in various ways. “From stone to crystal, from crystal to metals, from these to the plant kingdom, from plants to animals, and from animals to humans, we saw the form of organization rise, and with it the forces and instincts of creation become more diverse, finally uniting in the form of the human being, insofar as this form could encompass them.” The idea is quite clear: An ideal, typical form—which, as such, is not itself tangibly real—manifests itself in an infinite multitude of beings that are spatially separated from one another and differ in their properties, all the way up to human beings. At the lower levels of organization, it always manifests itself in a specific direction; it develops particularly along this line. As this typical form ascends to the human being, it brings together all the formative principles—which it had previously developed only one-sidedly in lower organisms and distributed among various beings—to form a figure. This also gives rise to the possibility of such a high degree of perfection in human beings. In humans, nature has applied a single being to what it has dispersed among many classes and orders in animals. This idea had an immensely fruitful influence on subsequent German philosophy. To illustrate this, we may mention here the exposition that Oken later provided for the same concept. He says: 38Oken, Textbook of Natural Philosophy. 2nd ed., Jena 1831, p. 389. “The animal kingdom is merely one animal, that is, the manifestation of animality with all its organs, each of which is a whole in itself. A single animal comes into being when a single organ separates itself from the general animal body and yet still performs the essential animal functions. The animal kingdom is merely the dismembered supreme animal: man. There is only one human order, only one human race, only one human genus—precisely because man is the entire animal kingdom.” Thus, for example, there are animals in which the tactile organs are highly developed—indeed, the entire organism is oriented toward the activity of touching and finds its purpose in it—while in others, the organs of ingestion are particularly well-developed, and so on; in short, in every animal species, one organ system comes to the fore; the entire animal is subsumed within it; everything else recedes into the background. In human development, however, all organs and organ systems develop in such a way that each leaves the others sufficient space for free development, so that each individual organ retreats within those limits that appear necessary to allow all the others to come into their own in the same way. Thus arises a harmonious interplay of the individual organs and systems, resulting in a harmony that makes human beings the most perfect creatures, uniting within themselves the perfections of all other creatures. These ideas also formed the substance of Goethe’s conversations with Herder, and Herder expresses them as follows: that “the human race is to be regarded as the great confluence of lower organic forces” , “which were to come together within it to form humanity.” And in another passage: “And so we may assume: that man is an intermediate creature among the animals, that is, the refined form in which the traits of all the species around him are gathered into the finest synthesis.” 39Herder, op. cit., Part 1, Book 5, and Part I, Book 2.

[ 9 ] Um den Anteil, welchen Goethe an Herders Werke «Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit» nahm, zu kennzeichnen, wollen wir folgende Stelle aus einem Briefe Goethes an Knebel vom 8. Dezember 1783 anführen: «Herder schreibt eine Philosophie der Geschichte, wie Du Dir denken kannst, von Grund aus neu. Die ersten Kapitel haben wir vorgestern zusammen gelesen, sie sind köstlich ... Welt- und Naturgeschichte rast jetzt recht bei uns.» [WA 6, 224] Die Ausführungen Herders im 3. Buch VI und im 4. Buch 1, daß die in der menschlichen Organisation bedingte aufrechte Haltung und was damit zusammenhängt, die Grundbedingung seiner Vernunfttätigkeit ist, erinnert direkt an das, was Goethe 1776 im 2. Abschnitt des zweiten Bandes der «Physiognomischen Fragmente» Lavaters über den Geschlechtsunterschied des Menschen von den Tieren angedeutet hat, und was wir schon oben erwähnt haben. Es ist nur eine Ausführung jenes Gedankens. Das alles berechtigt uns aber anzunehmen, daß Goethe und Herder in bezug auf ihre Ansichten über die Stellung des Menschen in der Natur in jener Zeit (1783ff.) der Hauptsache nach einig waren.

[ 9 ] To illustrate the extent to which Goethe drew on Herder’s work *Ideas for a Philosophy of the History of Mankind*, let us quote the following passage from a letter Goethe wrote to Knebel on December 8, 1783: “Herder is writing a philosophy of history, as you can imagine, from scratch. We read the first chapters together the day before yesterday; they are delightful... World history and natural history are really taking off for us now.” [WA 6, 224] Herder’s remarks in Book 3, Chapter VI, and Book 4, Chapter 1—that the upright posture inherent in human organization, and everything associated with it, is the fundamental condition for human rational activity—directly echo what Goethe hinted at in 1776 in the 2nd section of the second volume of Lavater’s *Physiognomic Fragments* regarding the distinction between humans and animals—and what we have already mentioned above. It is merely an elaboration of that idea. All of this, however, justifies our assumption that Goethe and Herder were, for the most part, in agreement regarding their views on the place of humans in nature at that time (1783 and onward).

[ 10 ] Nun bedingt eine solche Grundanschauung aber, daß jedes Organ, jeder Teil eines Tieres sich im Menschen müsse wiederfinden lassen, nur in die durch die Harmonie des Ganzen bedingten Schranken zurückgedrängt. Ein Knochen z. B. muß allerdings bei einer bestimmten Tiergattung zu seiner besonderen Ausbildung kommen, muß sich hier vordrängen, allein er muß sich bei allen übrigen auch wenigstens angedeutet finden, ja er darf beim Menschen nicht fehlen. Nimmt er dort jene Gestalt an, welche ihm vermöge seiner eigenen Gesetze zukommt, so hat er sich hier einem Ganzen zu fügen, seine eigenen Bildungsgesetze denen des ganzen Organismus anzupassen. Fehlen aber darf er nicht, wenn nicht in der Natur ein Riß geschehen soll, wodurch die konsequente Ausgestaltung eines Typus gestört würde.

[ 10 ] However, such a fundamental view implies that every organ, every part of an animal, must be found in humans, albeit confined within the limits dictated by the harmony of the whole. A bone, for example, must indeed develop its specific form in a particular animal species—it must come to the fore there—but it must also be found, at least in a rudimentary form, in all other species; indeed, it must not be absent in humans. While it assumes the form that befits it according to its own laws in those species, here it must conform to a whole, adapting its own laws of formation to those of the entire organism. Yet it must not be absent, lest a rupture occur in nature that would disrupt the consistent development of a type.

[ 11 ] So stand es mit den Anschauungen bei Goethe, als er auf einmal eine Ansicht gewahr wurde, welche diesen großen Gedanken durchaus widersprach. Den Gelehrten der damaligen Zeit war es vornehmlich darum zu tun, Kennzeichen zu finden, welche eine Tiergattung von der andern unterscheiden. Der Unterschied der Tiere von dem Menschen sollte darin bestehen, daß die ersteren zwischen den beiden symmetrischen Hälften des Oberkiefers einen kleinen Knochen, den Zwischenknochen haben, der die oberen Schneidezähne enthält, und welcher dem Menschen fehlen soll. Als Merck im Jahre 1782 anfing, sich lebhaft für die Knochenlehre zu interessieren und sich um Beihilfe an einige der bekanntesten Gelehrten damaliger Zeit wandte, erhielt er von einem derselben, dem bedeutenden Anatomen Sömmerring, am 8. Oktober 1782 folgende Auskunft über den Unterschied von Tier und Mensch: 40Briefe an J. H. Merck, Darmstadt 1835 [S. 354 f.]. «Ich wünschte, daß Sie Blumenbach nachsähen, wegen des ossis intermaxillaris, der ceteris paribus der einzige Knochen ist, den alle Tiere vom Affen an, selbst der Orang Utang eingeschlossen, haben, der sich hingegen nie beim Menschen findet; wenn Sie diesen Knochen abrechnen, so fehlt Ihnen nichts, um nicht alles vom Menschen auf die Tiere transferieren zu können. Ich lege deshalb einen Kopf von einer Hirschkuh bei, um Sie zu überzeugen, daß dieses os intermaxillare (wie es Blumenbach) oder os incisivum (wie es Camper nennt) selbst bei Tieren vorhanden ist, die keine Schneidezähne in der obern Kinnlade haben.» Obwohl Blumenbach an den Schädeln ungeborener oder junger Kinder eine Spur quasi rudimentum des ossis intermaxillaris fand, ja sogar an einem solchen Schädel einmal zwei völlig abgesonderte kleine Knochenkerne als wahren Zwischenknochen fand, so gab er die Existenz eines solchen doch nicht zu. Er sagt davon: «Es ist noch himmelweit vom wahren osse intermaxillari verschieden.» Camper, der berühmteste Anatom der Zeit, war derselben Ansicht. Der letztere sagt 41In: «Natuurkundige verhandelingen over den orang Outang.. .». Amsterdam 1782, p. 75, § 2. z. B. von den Zwischenknochen: «die nimmer by menschen gevonden wordt, zelfs niet by de Negers.» Merck war für Camper von der innigsten Verehrung durchdrungen und befaßte sich mit seinen Schriften.

[ 11 ] Such were Goethe’s views when he suddenly became aware of a perspective that completely contradicted this grand idea. Scholars of that time were primarily concerned with finding characteristics that distinguished one animal genus from another. The difference between animals and humans was thought to lie in the fact that the former have a small bone—the intermaxillary bone—between the two symmetrical halves of the upper jaw, which houses the upper incisors and is said to be absent in humans. When Merck began to take a keen interest in osteology in 1782 and turned to some of the most renowned scholars of the time for assistance, he received the following information regarding the difference between animals and humans from one of them, the eminent anatomist Sömmerring, on October 8, 1782: 40Letters to J. H. Merck, Darmstadt 1835 [pp. 354 ff.]. “I would urge you to consult Blumenbach regarding the os intermaxillare, which, ceteris paribus, is the only bone that all animals—starting with apes, including even the orangutan—possess, whereas it is never found in humans ; if you exclude this bone, you will lack nothing that would prevent you from transferring everything from humans to animals. I am therefore enclosing the skull of a doe to convince you that this os intermaxillare (as Blumenbach calls it) or os incisivum (as Camper calls it) is present even in animals that lack incisors in the upper jaw.” Although Blumenbach found a trace—quasi rudimentum—of the os intermaxillare in the skulls of unborn or young children, and even once found two completely separate small bone nuclei as true intermediate bones in one such skull, he did not admit the existence of such a bone. He says of it: “It is still a world away from the true os intermaxillare.” Camper, the most famous anatomist of the time, shared this view. The latter states 41In: “Natuurkundige verhandelingen over den orang Outang...”. Amsterdam 1782, p. 75, § 2. For example, regarding the intermaxillary bones: “which are never found in humans, not even among Negroes.” Merck was imbued with the deepest reverence for Camper and studied his writings.

[ 12 ] Nicht nur Merck, sondern auch Blumenbach und Sömmerring standen mit Goethe im Verkehre. Der Briefwechsel mit ersterem zeigt uns, daß Goethe an dessen Knochenuntersuchungen den innigsten Anteil nahm und über diese Dinge seine Gedanken mit ihm austauschte. Am 27. Oktober 1782 ersuchte er Merck, ihm etwas von Campers Inkognito zu schreiben und ihm dessen Briefe zu schicken. 42[WA 6,75] Ferner haben wir im April des Jahres 1783 einen Besuch Blumenbachs in Weimar zu verzeichnen. Im September desselben Jahres geht Goethe nach Göttingen, um dort Blumenbach und alle Professoren zu besuchen. Am 28. September schreibt er an Frau von Stein: «Ich habe mir vorgenommen alle Professoren zu besuchen und Du kannst denken, was das zu laufen gibt, um in ein paar Tagen herumzukommen.» [WA 6, 202] Er geht hierauf nach Kassel, wo er mit Forster und Sömmerring zusammentrifft. Von dort aus schreibt er an Frau von Stein am 2. Oktober: «Ich sehe sehr schöne und gute Sachen und werde für meinen stillen Fleiß belohnt. Das Glücklichste ist, daß ich nun sagen kann, ich bin auf dem rechten Wege und es geht mir von nun an nichts verloren.» [WA 6, 204]

[ 12 ] Not only Merck, but also Blumenbach and Sömmerring were in contact with Goethe. The correspondence with the former shows us that Goethe took a keen interest in his studies of bones and exchanged thoughts on these matters with him. On October 27, 1782, he asked Merck to write to him about Camper’s *Inkognito* and to send him Camper’s letters. 42[WA 6,75] Furthermore, we have a record of a visit by Blumenbach to Weimar in April of 1783. In September of the same year, Goethe traveled to Göttingen to visit Blumenbach and all the professors there. On September 28, he wrote to Mrs. von Stein: “I have resolved to visit all the professors, and you can imagine how much walking that entails to get around in just a few days.” [WA 6, 202] He then went on to Kassel, where he met with Forster and Sömmerring. From there, he wrote to Mrs. von Stein on October 2: “I am seeing very beautiful and good things and am being rewarded for my quiet diligence. The happiest thing is that I can now say I am on the right path, and from now on, nothing will be lost to me.” [WA 6, 204]

[ 13 ] In diesem Verkehr wird Goethe wohl zuerst auf die herrschenden Ansichten über den Zwischenknochen aufmerksam geworden sein. Bei seinen Anschauungen mußten ihm diese sofort als ein Irrtum erscheinen. Die typische Grundform, nach welcher alle Organismen gebaut sein müssen, wäre damit vernichtet. Bei Goethe konnte kein Zweifel obwalten, daß auch dieses Glied, welches bei allen höheren Tieren mehr oder weniger ausgebildet zu finden ist, auch an der Bildung der menschlichen Gestalt teil haben müsse, und hier nur zurücktreten werde, weil die Organe der Nahrungsaufnahme überhaupt hinter denen, welche geistigen Funktionen dienen, zurücktreten. Goethe konnte vermöge seiner ganzen Geistesrichtung nicht anders denken, als daß ein Zwischenknochen auch beim Menschen vorhanden sei. Es handelte sich nur um den empirischen Nachweis desselben, nur darum, welche Gestalt er bei dem Menschen annimmt, inwiefern er sich in das Ganze des Organismus hier einfügt. Dieser Nachweis gelang ihm nun im Frühling des Jahres 1784 in Gemeinschaft mit Loder, mit dem er in Jena Menschen- und Tierschädel verglich. Goethe kündigte die Sache am 27. März sowohl der Frau von Stein 43«Es ist mir ein köstliches Vergnügen geworden, ich habe eine anatomische Entdeckung gemacht, die wichtig und schön ist.» [WA 6, 259] wie auch Herder an. 44«Ich habe gefunden - weder Gold noch Silber, aber was mir eine unsägliche Freude macht - das os intermaxillare am Menschen!» [WA 6, 258]

[ 13 ] It was probably through these circles that Goethe first became aware of the prevailing views on the intervertebral bone. Given his own views, these must have immediately struck him as a mistake. They would have destroyed the typical basic form according to which all organisms must be constructed. Goethe could have no doubt that this structure—which is found to a greater or lesser extent in all higher animals—must also play a role in the formation of the human form, and that it is only less prominent here because the organs of nutrition generally take a back seat to those serving mental functions. Given his overall intellectual orientation, Goethe could not help but conclude that an intermediate bone must also be present in humans. The only question was empirical proof of its existence—specifically, what form it takes in humans and to what extent it fits into the organism as a whole. He succeeded in providing this proof in the spring of 1784, in collaboration with Loder, with whom he compared human and animal skulls in Jena. Goethe announced the discovery on March 27 to both Mrs. von Stein 43“It has been a delightful pleasure for me; I have made an anatomical discovery that is both important and beautiful.” [WA 6, 259] as well as to Herder. 44“I have found—neither gold nor silver, but something that gives me unspeakable joy—the os intermaxillare in humans!” [WA 6, 258]

[ 14 ] Man darf nun diese einzelne Entdeckung gegenüber den großen Gedanken, von denen sie getragen ist, nicht überschätzen; sie hatte auch für Goethe nur den Wert, ein Vorurteil hinwegzuräumen, welches hinderlich erschien, wenn seine Ideen bis in die äußersten Kleinigkeiten eines Organismus konsequent verfolgt werden sollten. Als einzelne Entdeckung erblickte sie auch Goethe nie, immer nur im Zusammenhange mit seiner großen Naturanschauung. So haben wir es zu verstehen, wenn er in dem obenerwähnten Briefe an Herder sagt: «Es soll Dich auch recht herzlich freuen, denn es ist wie der Schlußstein zum Menschen, fehlt nicht, ist auch da! Aber wie!» Und gleich erinnert er den Freund an weitere Ausblicke: «ich habe mir's auch in Verbindung mit Deinem Ganzen gedacht, wie schön es da wird.» Die Behauptung: die Tiere haben einen Zwischenknochen, der Mensch aber keinen, konnte für Goethe keinen Sinn haben. Liegt es in den einen Organismus bildenden Kräften, bei den Tieren zwischen den beiden Oberkieferknochen einen Zwischenknochen einzuschieben, so müssen dieselben bei dem Menschen an jener Stelle, wo sich bei den Tieren jener Knochen befindet, in wesentlich derselben, nur der äußeren Erscheinung nach verschiedenen Weise tätig sein. Weil Goethe sich den Organismus nie als tote, starre Zusammensetzung, sondern immer als aus seinen inneren Bildungskräften hervorgehend dachte, so mußte er sich fragen: Was machen diese Kräfte im Oberkiefer des Menschen? Es konnte sich gar nicht darum handeln, ob der Zwischenknochen vorhanden, sondern wie er beschaffen ist, was für eine Bildung er annimmt. Und dieses mußte empirisch gefunden werden.

[ 14 ] One must not overestimate this single discovery in relation to the great ideas of which underpin it; for Goethe, too, it served only to dispel a prejudice that seemed to stand in the way of consistently pursuing his ideas down to the minutest details of an organism. Goethe never viewed it as an isolated discovery either, but always in connection with his grand view of nature. This is how we must understand it when, in the aforementioned letter to Herder, he says: “You should also be truly delighted, for it is like the keystone of humanity—it is not missing; it is there! And how!” And immediately he reminds his friend of further prospects: “I have also thought of it in connection with your overall vision—how beautiful it will be there.” The claim that animals have an intermediate bone but humans do not made no sense to Goethe. If the forces that form an organism cause an intermediate bone to be inserted between the two upper jawbones in animals, then those same forces must be at work in humans at the very spot where that bone is located in animals—in essentially the same way, differing only in their outward appearance. Because Goethe never conceived of the organism as a dead, rigid composition, but always as emerging from its inner formative forces, he had to ask himself: What do these forces do in the human upper jaw? The question could not be whether the intermediate bone was present, but rather what its nature was and what form it took. And this had to be determined empirically.

[ 15 ] Bei Goethe wurde nun der Gedanke immer reger, ein größeres Werk über die Natur auszuarbeiten. Wir können dies aus verschiedenen Äußerungen entnehmen. So schreibt er im November 1784 an Knebel, als er ihm die Abhandlung über seine Entdeckung überschickt: «Ich habe mich enthalten, das Resultat, worauf schon Herder in seinen Ideen deutet, schon jetzo merken zu lassen, daß man nämlich den Unterschied des Menschen vom Tier in nichts einzelnem finden könne.» [WA 6, 389] Hier ist vor allem wichtig, daß Goethe sagt, er habe sich enthalten, den Grundgedanken schon jetzo merken zu lassen; er will das also später in einem größeren Zusammenhange tun. Ferner zeigt uns diese Stelle, daß die Grundgedanken, die uns bei Goethe vor allem interessieren: die großen Ideen über den tierischen Typus längst vor jener Entdeckung vorhanden waren. Denn Goethe gesteht hier selbst, daß sie sich schon in Herders Ideen angedeutet finden; die Stellen aber, in denen dies geschieht, sind vor der Entdeckung des Zwischenknochens geschrieben. Die Entdeckung des Zwischenknochens ist somit nur eine Folge jener großen Anschauungen. Für jene, welche diese Anschauungen nicht hatten, mußte sie unverständlich bleiben. Es war ihnen das einzige naturhistorische Merkmal genommen, wodurch sie den Menschen von den Tieren schieden. Von jenen Gedanken, welche Goethe beherrschten und die wir früher andeuteten, daß die bei den Tieren zerstreuten Elemente sich in der einen menschlichen Gestalt zu einer Harmonie vereinigen und so trotz der Gleichheit alles Einzelnen eine Differenz im Ganzen begründen, welche dem Menschen seinen hohen Rang in der Reihe der Wesen anweist, davon hatten sie wenig Ahnung. Ihr Betrachten war kein ideelles, sondern ein äußerliches Vergleichen; und für das letztere war allerdings der Zwischenknochen beim Menschen nicht da. Was Goethe verlangte: mit den Augen des Geistes zu sehen, dafür hatten sie wenig Verständnis. Das begründete denn auch den Unterschied des Urteiles zwischen ihnen und Goethe. Während Blumenbach, der die Sache doch auch ganz deutlich sah, zu dem Schlusse kam: «Es ist doch himmelweit verschieden vom wahren osse intermaxillari», urteilt Goethe: Wie läßt sich eine noch so große äußere Verschiedenheit bei der notwendigen inneren Identität erklären. Goethe wollte nun offenbar diesen Gedanken konsequent ausarbeiten und er hat sich besonders in den nun folgenden Jahren viel damit beschäftigt. Am 1. Mai 1784 schreibt Frau von Stein an Knebel: 45Wir führten ihre Worte schon oben [S. 26] in anderem Zusammenhange an. «Herders neue Schrift macht wahrscheinlich, daß wir erst Pflanzen und Tiere waren ... Goethe grübelt jetzt gar denkreich in diesen Dingen und jedes, was erst durch seine Vorstellung gegangen ist, wird äußerst interessant.» In welchem Grade in Goethe der Gedanke lebte, seine Anschauungen über die Natur in ein einem größeren Werke darzustellen, das wird uns besonders anschaulich, wenn wir sehen, daß er bei jeder neuen Entdeckung, die ihm gelingt, nicht umhin kann, Freunden gegenüber die Möglichkeit einer Ausdehnung seiner Gedanken auf die ganze Natur ausdrücklich hervorzuheben. Im Jahre 1786 schreibt er an Frau von Stein, er wolle seine Ideen über die Weise, wie die Natur mit einer Hauptform gleichsam spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt, «auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich» ausdehnen. Und da in Italien der Metamorphosengedanke für die Pflanze bis in alle Einzelheiten plastisch vor seinem Geiste steht, schreibt er in Neapel am 17. Mai 1787 nieder: «Dasselbe Gesetz wird sich auf alles ... Lebendige anwenden lassen.» 46Italienische Reise. Der erste Aufsatz der «Morphologischen Hefte» (1817) enthält die Worte: «Mag daher das, was ich mir in jugendlichem Mute öfters als ein Werk träumte, nun als Entwurf, ja als fragmentarische Sammlung hervortreten.» Daß ein solches Werk von Goethes Hand nicht zustande kam, müssen wir beklagen. Nach alledem, was vorliegt, wäre es eine Schöpfung geworden, welche alles, was von dergleichen in der neueren Zeit geleistet wurde, weit hinter sich gelassen hätte. Es wäre ein Kanon geworden, von dem jede Bestrebung auf naturwissenschaftlichem Gebiete ausgehen müßte und an dem man ihren geistigen Gehalt prüfen könnte. Der tiefste philosophische Geist, welchen nur Oberflächlichkeit Goethe absprechen kann, hätte sich hier verbunden mit einer liebevollen Versenkung in das sinnlicherfahrungsgemäß Gegebene; fern von jeder einseitigen Systemsucht, welche durch ein allgemeines Schema alle Wesen zu umfassen glaubt, würde hier jeder einzelnen Individualität ihr Recht widerfahren sein. Wir hätten es hier mit dem Werke eines Geistes zu tun, bei dem nicht ein einzelner Zweig menschlichen Strebens mit Zurücksetzung aller anderen sich hervortut, sondern bei dem die Totalität menschlichen Seins immer im Hintergrunde schwebt, wenn er ein einzelnes Gebiet behandelt. Dadurch bekommt jede einzelne Tätigkeit ihre gehörige Stelle im Zusammenhange des Ganzen. Die objektive Versenkung in die betrachteten Gegenstände verursacht, daß der Geist in ihnen völlig aufgeht, so daß uns Goethes Theorien so erscheinen, als ob sie nicht ein Geist von den Gegenständen abstrahierte, sondern als ob sie die Gegenstände selbst in einem Geiste bildeten, der sich bei der Betrachtung selbst vergißt. Diese strengste Objektivität würde Goethes Werk zum vollendetsten Werke der Naturwissenschaft machen; es wäre ein Ideal, dem jeder Naturforscher nachstreben müßte; es wäre für den Philosophen ein typisches Musterbild für die Auffindung der Gesetze objektiver Weltbetrachtung. Man kann annehmen, daß die Erkenntnistheorie, welche jetzt als eine philosophische Grundwissenschaft allerwärts auftritt, erst dann wird fruchtbar werden können, wenn sie ihren Ausgangspunkt von Goethes Betrachtungs- und Denkweise nehmen wird. Goethe selbst gibt den Grund, warum dieses Werk nicht zustande kam, in den Annalen zu 1790 mit den Worten an: «Die Aufgabe war so groß, daß sie in einem zerstreuten Leben nicht gelöst werden konnte.»

[ 15 ] Goethe’s desire to write a major work on nature was now growing ever stronger. We can infer this from various statements he made. For example, in November 1784, he wrote to Knebel, when sending him the treatise on his discovery: “ I have refrained from pointing out the result—to which Herder already alludes in his *Ideen*—jetzo , namely that the difference between humans and animals cannot be found in any single feature.” [WA 6, 389] What is particularly important here is that Goethe says he refrained from pointing out the fundamental idea jetzo ; he thus intends to do so later in a broader context. Furthermore, this passage shows us that the fundamental ideas that interest us most in Goethe—the grand ideas concerning the animal type—had long existed prior to that discovery. For Goethe himself admits here that they are already hinted at in Herder’s *Ideen*; yet the passages in which this occurs were written before the discovery of the intermediate bone. The discovery of the intermediate bone is thus merely a consequence of those grand conceptions. For those who did not share these conceptions, it had to remain incomprehensible. They had been deprived of the sole natural-historical characteristic by which they distinguished humans from animals. They had little inkling of those ideas that dominated Goethe—and which we hinted at earlier—namely, that the elements scattered among animals unite in harmony within the human form , and thus, despite the similarity of all individual parts, establish a distinction in the whole that assigns humanity its high rank in the hierarchy of beings. Their observation was not an ideal one, but rather an external comparison; and for the latter, the intermaxillary bone in humans was indeed absent. They had little understanding of what Goethe demanded: to see with the eyes of the spirit . This, then, accounted for the difference in judgment between them and Goethe. While Blumenbach, who nevertheless saw the matter quite clearly, came to the conclusion: “It is, after all, worlds apart from the true osse intermaxillari,” Goethe judges: How can such a great external difference be explained in the face of the necessary internal identity? Goethe evidently wanted to work out this idea consistently, and he devoted himself to it extensively, particularly in the years that followed. On May 1, 1784, Mrs. von Stein wrote to Knebel: 45We have already quoted her words above [p. 26] in a different context. “Herder’s new work makes it plausible that we were once plants and animals … Goethe is now pondering these matters with great depth, and everything that has first passed through his imagination becomes extremely interesting.” The extent to which Goethe harbored the idea of presenting his views on nature in a larger work becomes particularly clear to us when we see that, with every new discovery he makes, he cannot help but explicitly emphasize to his friends the possibility of extending his thoughts to encompass all of nature. In 1786, he wrote to Mrs. von Stein that he wished to extend his ideas about the way in which nature, as it were, playfully brings forth manifold life from a single archetype “to all the realms of nature, to its entire realm.” And since, in Italy, the concept of metamorphosis in plants stood vividly before his mind in every detail, he wrote in Naples on May 17, 1787: “The same law will apply to all … living things.” 46Italian Journey. The first essay in the “Morphological Notebooks” (1817) contains the words: “May what I often dreamed of as a work in the boldness of my youth now emerge as a draft, indeed as a fragmentary collection.” We must lament that such a work did not come to fruition from Goethe’s hand. Judging by all that is available, it would have been a creation that would have far surpassed everything of its kind achieved in more recent times. It would have become a canon from which every endeavor in the field of natural science would have to proceed and against which one could test its intellectual content. The deepest philosophical spirit—which only superficiality can deny Goethe possessed—would have been combined here with a loving immersion in what is given through sensory experience; far removed from any one-sided obsession with systematization, which believes it can encompass all beings through a general schema, every single individuality would have been accorded its due here. We would be dealing here with the work of a mind in which no single branch of human endeavor stands out at the expense of all others, but in which the totality of human existence always hovers in the background whenever he addresses a particular field. As a result, every individual activity finds its proper place within the context of the whole. The objective immersion in the objects under consideration causes the mind to be completely absorbed in them, so that Goethe’s theories appear to us not as if a mind were abstracting from the objects, but as if the objects themselves were forming a mind that forgets itself in the very act of contemplation. This utmost objectivity would make Goethe’s work the most perfect work of natural science; it would be an ideal toward which every natural scientist must strive; for the philosopher, it would serve as a quintessential model for discovering the laws of objective worldview. One may assume that the theory of knowledge, which now appears everywhere as a fundamental branch of philosophy, will only be able to bear fruit when it takes its starting point from Goethe’s mode of observation and thought. Goethe himself explains why this work was never completed in the Annals for 1790, stating: “The task was so great that it could not be accomplished in a distracted life.”

[ 16 ] Wenn man von diesem Gesichtspunkte ausgeht, so gewinnen die einzelnen Fragmente, welche uns von Goethes Naturwissenschaft vorliegen, eine ungeheure Bedeutung. Ja wir lernen sie erst recht schätzen und verstehen, wenn wir sie als hervorgehend aus jenem großen Ganzen betrachten.

[ 16 ] From this perspective, the individual fragments of Goethe’s work on the natural sciences that have come down to us take on immense significance. Indeed, we come to appreciate and understand them all the more when we view them as emerging from that greater whole.

[ 17 ] Im Jahre 1784 sollte aber, gleichsam bloß als Vorübung, die Abhandlung über den Zwischenknochen ausgearbeitet werden. Veröffentlicht sollte sie zunächst nicht werden, denn Goethe schreibt am 6. März 1785 an Sömmerring darüber: «Da meine kleine Abhandlung gar keinen Ansprach an Publizität hat und bloß als ein Konzept anzusehen ist, so würde mir alles, was Sie mir über diesen Gegenstand mitteilen wollen, sehr angenehm sein.» [WA 7, 21] Dennoch wurde sie mit aller Sorgfalt und mit Zuhilfenahme aller nötigen Einzelstudien ausgeführt. Es wurden sogleich junge Leute zu Hilfe genommen, welche nach Campers Methode osteologische Zeichnungen unter Goethes Leitung auszuführen hatten. Er bittet deshalb am 23. April [1784] Merck [WA 6, 267f.] um Auskunft über diese Methode und läßt sich von Sömmerring [WA 6, 277] Campersche Zeichnungen schicken. Merck, Sömmerring und andere Bekannte werden um Skelette und Knochen aller Art ersucht. Am 23. April schreibt er an Merck, daß ihm folgende Skelette sehr angenehm sein würden: « ... eine Myrmecophaga, Bradypus, Löwen, Tiger oder dergleichen.» [WA 6, 268] Am 14. Mai [WA 6, 278] ersucht er Sömmerring um den Schädel von dessen Elefantenskelett und den Schädel des Nilpferdes, am 16. September um die Schädel von folgenden Tieren: «Wilde Katze, Löwe, junger Bär, Incognitum, Ameisenbär, Kamel, Dromedar, Seelöwe.» [WA 6, 357] Auch um einzelne Auskünfte werden die Freunde ersucht, so Merck um die Beschreibung des Gaumenteiles seines Rhinozeros und insbesondere um Aufklärung darüber, «wie eigentlich das Horn des Rhinoceros auf dem Nasenknochen sitzt». [WA 6, 267] Goethe ist in dieser Zeit ganz in jene Studien vertieft. Der erwähnte Elefantenschädel wird durch Waitz von vielen Seiten nach Campers Methode gezeichnet [WA 6, 356], von Goethe mit einem großen Schädel seines Besitzes und mit anderen Tierschädeln verglichen, da er entdeckte, daß an jenem Schädel die meisten Suturen noch unverwachsen waren. [WA 6, 293 f.] Er macht an diesem Schädel noch eine wichtige Bemerkung. Man nahm bis dahin an, daß bei allen Tieren bloß die Schneidezähne im Zwischenknochen eingefügt seien, während die Eckzähne dem Oberkieferbein angehörten; nur der Elefant sollte eine Ausnahme machen. Bei ihm sollten die Eckzähne im Zwischenknochen enthalten sein. Daß dies nicht der Fall ist, zeigt ihm nun ebenfalls jener Schädel, wie er in einem Brief an Herder schreibt. [WA 6, 308] Auf einer Reise nach Eisenach [WA 6, 278] und Braunschweig, die Goethe in diesem Sommer [1784] unternimmt, begleiten ihn seine osteologischen Studien. Auf letzterer will er in Braunschweig einem «ungeborenen Elefanten in das Maul sehen und mit Zimmermann ein wackeres Gespräch führen». [WA 6, 332] Er schreibt von diesem Fötus weiter an Merck: «Ich wollte, wir hätten den Fötus, den sie in Braunschweig haben, in unserm Kabinette, er sollte in kurzer Zeit seziert, skelettiert und präpariert sein. Ich weiß nicht, wozu ein solches Monstrum in Spiritus taugt, wenn man es nicht zergliedert und den innern Bau erklärt.» [WA 6, 332 u. 333] Aus diesen Studien ging denn jene Abhandlung hervor, welche im 1. Bande [S. 277] der Naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners National-Literatur mitgeteilt wird. Bei Abfassung derselben ist Goethen Loder sehr behilflich. Unter dessen Beistande kommt eine lateinische Terminologie zustande. Loder besorgt ferner eine lateinische Übersetzung. [WA 6, 407] Im November 1784 schickt Goethe die Abhandlung an Knebel [WA 6, 389 f.] und schon am 19. Dezember an Merck [WA 6, 409 f.], obwohl er noch kurz vorher (2. Dezember) glaubt, daß vor Ende des Jahres nicht viel daraus werden wird. [WA 6, 400 f.] Das Werk war mit den nötigen Zeichnungen versehen. Wegen Camper war die erwähnte lateinische Übersetzung beigefügt. Merck sollte das Werk an Sömmerring schicken. Dieser erhielt es im Januar 1785. Von da ging die Sache an Camper. Wenn wir nun einen Blick auf die Art der Aufnahme werfen, die Goethes Abhandlung gefunden, so tritt uns ein recht unerquickliches Bild entgegen. Niemand hat anfangs das Organ, ihn zu verstehen außer Loder, mit dem er zusammen gearbeitet, und Herder. Merck hat über die Abhandlung Freude, ist aber von der Wahrheit des Asserti nicht durchdrungen. [WA 7, 11 f.] Sömmerring schreibt in dem Briefe, mit dem er die Ankunft der Abhandlung Merck anzeigt: «Die Hauptidee hatte schon Blumenbach.» Im, der sich anfängt: «Es wird also kein Zweifel [übrig bleiben]», sagt er [Goethe], «da die übrigen (Grenzen) verwachsen»; schade nur, daß diese niemals da gewesen. Ich habe nun Kinnbacken von Embryonen, von drei Monaten bis zum Adulto vor mir, und an keinem ist jemals eine Grenze vorwärts zu sehen gewesen. Und durch den Drang der Knochen gegen einander die Sache zu erklären? Ja, wenn die Natur als ein Schreiner mit Keil und Hammer arbeitete!» 47Briefe an J. H. Merck, S. 438. Am 13. Februar 1785 schreibt Goethe an Merck: «Von Sömmerring habe ich einen sehr leichten Brief. Er will mir's gar ausreden. Ohe!» [WA 7, 12] - Und Sömmerring schreibt am 11. Mai 1785 an Merck: «Goethe will, wie ich aus seinem gestrigen Briefe sehe, von seiner Idee in Ansehung des ossis intermaxillaris noch nicht ab.» 48Ebenda S. 448.

[ 17 ] In 1784, however, the treatise on the intermediate bone was to be drafted, as it were, merely as a preliminary exercise. It was not initially intended to be published, for Goethe wrote to Sömmerring about it on March 6, 1785: “Since my little treatise is not intended for publication at all and is to be regarded merely as a draft, I would greatly appreciate anything you might wish to share with me on this subject.” [WA 7, 21] Nevertheless, it was carried out with the utmost care and with the aid of all necessary individual studies. Young people were immediately enlisted to assist, and they were tasked with producing osteological drawings under Goethe’s direction, following Camper’s method. He therefore wrote to Merck on April 23 [1784] [WA 6, 267f.] requesting information about this method and had Sömmerring [WA 6, 277] send him some of Camper’s drawings. Merck, Sömmerring, and other acquaintances were asked to provide skeletons and bones of all kinds. On April 23, he wrote to Merck that he would very much appreciate the following skeletons: “... a Myrmecophaga, Bradypus, lions, tigers, or the like.” [WA 6, 268] On May 14 [WA 6, 278], he asks Sömmerring for the skull from his elephant skeleton and the skull of the hippopotamus; on September 16, he asks for the skulls of the following animals: “wildcat, lion, young bear, incognitum, anteater, camel, dromedary, sea lion.” ” [WA 6, 357] The friends are also asked for specific information; for example, Merck is asked to describe the palate of his rhinoceros and, in particular, to explain “how exactly the rhinoceros’s horn is attached to the nasal bone.” [WA 6, 267] During this period, Goethe was completely absorbed in these studies. The aforementioned elephant skull was drawn by Waitz from many angles using Camper’s method [WA 6, 356] and compared by Goethe with a large skull in his possession and with other animal skulls, as he discovered that most of the sutures on that skull were still unfused. [WA 6, 293 f.] He makes another important observation regarding this skull. Until then, it had been assumed that in all animals only the incisors were embedded in the intermaxillary bone, while the canines belonged to the maxilla; only the elephant was thought to be an exception. In the elephant, the canines were believed to be contained within the intermaxillary bone. That this is not the case is now also demonstrated to him by that skull, as he writes in a letter to Herder. [WA 6, 308] On a trip to Eisenach [WA 6, 278] and Braunschweig, which Goethe undertook that summer [1784], his osteological studies accompanied him. During the latter trip, he intends to “look into the mouth of an unborn elephant in Braunschweig and have a lively conversation with Zimmermann .” [WA 6, 332] He goes on to write to Merck about this fetus: “I wish we had the fetus they have in Braunschweig in our cabinet; it should be dissected, skeletonized, and prepared in a short time. I do not know what use such a monstrosity in formalin is if one does not dissect it and explain its internal structure.” [WA 6, 332 and 333] These studies then gave rise to the treatise published in Volume 1 [p. 277] of the *Naturwissenschaftliche Schriften* in Kürschner’s *National-Literatur*. Loder was of great assistance to Goethe in drafting it. With Loder’s help, a Latin terminology was established. Loder also provided a Latin translation. [WA 6, 407] In November 1784, Goethe sent the treatise to Knebel [WA 6, 389 f.] and, as early as December 19, to Merck [WA 6, 409 f.], although shortly before that (December 2) he had believed that not much would come of it before the end of the year. [WA 6, 400 f.] The work was accompanied by the necessary illustrations. Because of Camper, the aforementioned Latin translation was included. Merck was to send the work to Sömmerring, who received it in January 1785. From there, it was forwarded to Camper. If we now take a look at the reception Goethe’s treatise received, a rather disheartening picture emerges. At first, no one had the capacity to understand it except Loder, with whom he had collaborated, and Herder. Merck is pleased with the treatise but is not fully convinced of the truth of the assertion. [WA 7, 11 f.] Sömmerring writes in the letter in which he informs Merck of the treatise’s arrival: “Blumenbach had already had the main idea.” ” In the letter that begins: ‘There will therefore be no doubt [left],’ he [Goethe] says, ‘since the remaining (boundaries) have fused’; it’s just a pity that these were never there to begin with. I now have the lower jaws of embryos, ranging from three months to adulthood, before me, and on none of them has a boundary ever been visible. And to explain the matter by the pressure of the bones against one another? Yes, if nature worked like a carpenter with a wedge and a hammer!” 47Letters to J. H. Merck, p. 438. On February 13, 1785, Goethe writes to Merck: “I have received a very brief letter from Sömmerring . He wants to talk me out of it entirely. Oh dear!” [WA 7, 12] — And Sömmerring writes to Merck on May 11, 1785: “As I can see from his letter of yesterday, Goethe does not yet wish to abandon his idea regarding the ossis intermaxillaris.” 48Ibid., p. 448.

[ 18 ] Und nun Camper. 49Man nahm bisher an, daß Camper die Abhandlung anonym erhalten habe. Sie kam ihm auf einem Umwege zu: Goethe schickte sie erst an Sömmerring, dieser an Merck und der letztere sollte sie an Camper gelangen lassen. Nun befindet sich aber unter den Briefen Mercks an Camper, die noch ungedruckt sind, und die sich im Originale in der «Bibliothèque de la société néelandaise pour les progrès la médecine» zu Amsterdam befinden, ein Brief vom 17. Januar 1785 mit folgender Stelle (wir zitieren buchstäblich): «Monsieur de Goethe, Poète cèlèbre, conseiller intime du Duc de Weimar, vient de m'envoier un specimen osteologicum, que dost vous être envoié après que Mr. Sömring l'aura vû... C'est un petit traité sur l'os intermaxillaire, qui nous apprend entre autres la vérité, que le Triche(chus) a 4 dents incisives et que le Chameau a en deux.» Ein Brief vom 10. März 1785 zeigt an, daß Merck die Abhandlung demnächst an Camper schicken wird, wobei wieder der Name Goethe ausdrücklich vorkommt: «J'aurai l'honneur de vous envoier le specimen osteolog. de Mr. de Goethe, mon ami, par une voie, qui ne sera pas conteuse un de ces jours.» Am 28. April 1785 spricht Merck die Hoffnung aus, daß Camper die Sache erhalten habe, wobei wieder «Goethe» vorkommt. Es ist somit wohl kein Zweifel, daß Camper den Verfasser kannte. Am 16. September 1785 50Briefe an J. H. Merck, S. 466. teilte er Merck mit, daß die beigegebenen Tafeln durchaus nicht nach seiner Methode gezeichnet seien. Er findet dieselben sogar recht tadelnswert. Das Äußere des schönen Manuskriptes wird gelobt, die lateinische Übersetzung getadelt, ja dem Autor sogar der Rat erteilt, sich hierinnen auszubilden. Drei Tage später 51Ebenda, S. 469. schreibt er, daß er eine Zahl von Beobachtungen über den Zwischenknochen gemacht habe, daß er aber fortfahren müsse zu behaupten, der Mensch habe keinen Zwischenknochen. Er gibt alle Beobachtungen Goethes zu, nur nicht die auf den Menschen bezüglichen. Am 21. März 1786 52Ebenda S. 481. schreibt er noch einmal, daß er aus einer großen Zahl von Beobachtungen zu dem Schlusse gekommen sei: der Zwischenknochen existiere beim Menschen nicht. Campers Briefe zeigen deutlich, daß er den besten Willen hatte in die Sache einzudringen, daß er aber nicht imstande war, Goethe auch nur im geringsten zu verstehen.

[ 18 ] And now Camper. 49It had previously been assumed that Camper had received the treatise anonymously. It reached him through a roundabout route: Goethe first sent it to Sömmerring, who then sent it to Merck, and the latter was supposed to pass it on to Camper. However, among Merck’s letters to Camper—which remain unpublished and whose originals are housed in the “Bibliothèque de la société néerlandaise pour les progrès de la médecine” in Amsterdam—there is a letter dated January 17, 1785, containing the following passage (we quote verbatim): “Monsieur de Goethe, famous poet and close advisor to the Duke of Weimar, has just sent me an osteological specimen, which you must have sent to him after Mr. Sömring had seen it... It is a short treatise on the intermaxillary bone, which teaches us, among other things, the truth that the Triche(chus) has four incisors and the camel has two.” A letter dated March 10, 1785, indicates that Merck will soon send the treatise to Camper, with Goethe’s name again appearing explicitly: “I shall have the honor of sending you the osteological specimen from Mr. de Goethe, my friend, by a means that will not be revealed one of these days.” On April 28, 1785, Merck expresses the hope that Camper has received the item, with “Goethe” appearing once again. There is thus likely no doubt that Camper knew the author. On September 16, 1785 50Letters to J. H. Merck, p. 466. he informed Merck that the enclosed plates were by no means drawn according to his method. He even finds them quite reprehensible. He praises the appearance of the beautiful manuscript, criticizes the Latin translation, and even advises the author to improve his skills in this area. Three days later 51Ibid., p. 469. he writes that he has made a number of observations regarding the intervertebral bone, but that he must continue to maintain that humans do not have an intervertebral bone. He acknowledges all of Goethe’s observations, except those pertaining to humans. On March 21, 1786 52Ibid., p. 481. he writes once again that, based on a large number of observations, he had come to the conclusion: the interdigital bone does not exist in humans. Camper’s letters clearly show that he had the best of intentions to get to the bottom of the matter, but that he was unable to understand Goethe in the slightest.

[ 19 ] Loder sah Goethes Entdeckung sogleich in dem rechten Lichte. Er hebt sie in seinem «Anatomischen Handbuch» von 1788 53Goethes Annalen zu 1790. hervor und behandelt sie von nun an in allen seinen Schriften wie eine der Wissenschaft vollgültig angehörige Sache, an welcher nicht der mindeste Zweifel sein kann.

[ 19 ] Loder immediately saw Goethe’s discovery in the proper light. He highlights it in his *Anatomical Handbook* of 1788 53Goethe’s *Annalen* for 1790. and from then on treats it in all his writings as a matter that is fully established in science, about which there can be not the slightest doubt.

[ 20 ] Herder schreibt darüber an Knebel: «Goethe hat uns seine Abhandlung vom Knochen vorgelegt, die sehr einfach und schön ist; der Mensch geht auf dem wahren Naturwege, und das Glück geht ihm entgegen». 54Knebels Literarischer Nachlaß etc., hg. v. Varnhagen v. Ense u. Th. Mundt, Leipzig 1835, II. Bd., S.236. Herder war eben imstande, die Sache mit dem «geistigen Auge», mit dem sie Goethe ansah, zu betrachten. Ohne dieses konnte man mit ihr nichts anfangen. Man kann dies am besten aus folgendem sehen. Wilhelm Josephi (Privatdozent an der Universität Göttingen) schreibt in seiner «Anatomie der Säugetiere» 1787: «Man nimmt die ossa intermaxillaria mit als ein Hauptunterscheidungszeichen der Affen vom Menschen an; indes meinen Beobachtungen nach hat der Mensch ebenfalls solche ossa intermaxillaria wenigstens in den ersten Monaten seines Seins, welche aber gewöhnlich schon früh, und zwar schon im Mutterleibe mit den wirklichen Oberkiefern vorzüglich nach außen verwachsen, so daß öfters noch gar keine merkliche Spur davon zurückbleibt.» Hier ist Goethes Entdeckung allerdings auch vollkommen ausgesprochen, aber nicht als eine aus der konsequenten Durchführung des Typus geforderte, sondern als der Ausdruck eines unmittelbar in die Augen fallenden Tatbestandes. Wenn man bloß auf letzteren angewiesen ist, dann hängt es allerdings nur vom glücklichen Zufalle ab, ob man gerade solche Exemplare findet, an denen man die Sache genau sehen kann. Faßt man aber die Sache in Goethes ideeller Weise, so dienen diese besonderen Exemplare bloß zur Bestätigung des Gedankens, bloß dazu das, was die Natur sonst verbirgt, offen zu demonstrieren; es kann aber die Idee selbst an jedem beliebigen Exemplare verfolgt werden, jedes zeigt einen besonderen Fall derselben. Ja, wenn man die Idee besitzt, ist man imstande, durch dieselbe gerade jene Fälle zu finden, in denen sie sich besonders ausprägt. Ohne dieselbe aber ist man dem Zufalle anheimgegeben. Man sieht in der Tat, daß, nachdem Goethe durch seinen großen Gedanken die Anregung gegeben hatte, man durch Beobachtung zahlreicher Fälle sich von der Wahrheit seiner Entdeckung allmählich überzeugt hat.

[ 20 ] Herder writes to Knebel about this: “Goethe has presented us with his treatise on bones, which is very simple and beautiful; man follows the true path of nature, and happiness comes to meet him.” 54Knebel’s Literary Estate, etc., ed. by Varnhagen von Ense and Th. Mundt, Leipzig 1835, Vol. II, p. 236. Herder was precisely capable of viewing the matter through the “spiritual eye” with which Goethe regarded it. Without this, one could make no headway with it. This is best illustrated by the following. Wilhelm Josephi (private lecturer at the University of Göttingen) writes in his *Anatomy of Mammals* (1787): “The ossa intermaxillaria are generally regarded as a primary distinguishing feature between apes and humans; however, according to my observations, humans also possess such ossa intermaxillaria, at least during the first months of their existence, though these usually fuse outwardly with the actual upper jaws at an early stage—indeed, even while still in the womb—so that often no discernible trace of them remains at all. ” Here, Goethe’s discovery is indeed stated quite clearly, but not as one required by the consistent development of the type, rather as the expression of a fact that immediately catches the eye. If one relies solely on the latter, then it depends, of course, only on a fortunate coincidence whether one happens to find precisely those specimens in which one can see the matter clearly. But if one grasps the matter in Goethe’s ideal way, these particular specimens serve merely to confirm the idea, merely to openly demonstrate what nature otherwise conceals; yet the idea itself can be traced in any specimen whatsoever, for each one illustrates a particular instance of it. Indeed, once one possesses the idea, one is able, through it, to find precisely those cases in which it manifests itself most clearly. Without it, however, one is at the mercy of chance. One sees, in fact, that after Goethe had provided the inspiration through his great idea, people gradually became convinced of the truth of his discovery through the observation of numerous cases.

[ 21 ] Merck blieb wohl stets schwankend. Am 13. Februar 1785 schickt ihm Goethe eine gesprengte obere Kinnlade vom Menschen und vom Trichechus und gibt ihm Anhaltspunkte, die Sache zu verstehen. Aus Goethes Brief vom 8. April scheint es, daß Merck einigermaßen gewonnen war. Bald aber änderte er seine Ansicht wieder, denn am 11. November 1786 schreibt er an Sömmerring: 55[Rudolf Wagner, Samuel Thomas von Sömmerrings Leben und Verkehr mit seinen Zeitgenossen, 1. Abt.:] Briefe berühmter Zeitgenossen an Sömmerring [Leipzig 1844] S. 293. «Wie ich höre, hat Vicq d'Azyr sogar Goethes sogenannte Entdekkung in sein Werk aufgenommen.»

[ 21 ] Merck seems to have remained indecisive throughout. On February 13, 1785, Goethe sent him a split upper jawbone from a human and from a Trichechus and provided him with clues to help him understand the matter. From Goethe’s letter of April 8, it appears that Merck was somewhat convinced. Soon, however, he changed his mind again, for on November 11, 1786, he wrote to Sömmerring: 55[Rudolf Wagner, Samuel Thomas von Sömmerring’s Life and Interactions with His Contemporaries, Part 1:] Letters from Famous Contemporaries to Sömmerring [Leipzig 1844], p. 293. “As I hear, Vicq d’Azyr has even included Goethe’s so-called discovery in his work.”

[ 22 ] Sömmerring stand nach und nach von seinem Widerstande ab. In seinem Werke: «Vom Baue des menschlichen Körpers» sagt er (S. 160): «Goethes sinnreicher Versuch aus der vergleichenden Knochenlehre, daß der Zwischenknochen der Oberkinnlade dem Menschen mit den übrigen Tieren gemein sei, von 1785, mit sehr richtigen Abbildungen, verdiente öffentlich bekannt zu sein.»

[ 22 ] Sömmerring gradually abandoned his opposition. In his work, *On the Structure of the Human Body*, he states (p. 160): “Goethe’s ingenious experiment in comparative osteology from 1785—demonstrating that the intermaxillary bone of the upper jaw is common to humans and other animals—accompanied by very accurate illustrations, deserved to be made known to the public.”

[ 23 ] Schwerer war wohl Blumenbach zu gewinnen. In sei- nem «Handbuch der vergleichenden Anatomie», 1805, 56Ebenda - s. Anm. 55 -S. 22. sprach er noch die Behauptung aus: der Mensch habe keinen Zwischenknochen. In seinem 1830-32 geschriebenen Aufsatze: «Principes de Philosophie Zoologique» kann aber Goethe schon von Blumenbachs Bekehrung sprechen. 57Natw. Schr., 1. Bd., S.405. Er trat nach persönlichem Verkehre auf Goethes Seite. 58Gespräche mit Eckermann, 2. Aug. 1830. Am 15. Dezember 1825 liefert er Goethe sogar ein schönes Beispiel zur Bestätigung seiner Entdeckung. Ein Athlet aus dem Hessischen suchte bei Blumenbachs Kollegen Langenbeck Hilfe wegen eines «ganz tierisch prominierenden os intermaxillare». 59Goethes Naturwissenschaftliche Korrespondenz (1812-1832), hg. v. F. Th. Bratranek, 1. Bd., S. 51. Von späteren Anhängern Goethescher Ideen werden wir noch zu sprechen haben. Hier sei nur noch erwähnt, daß M. J. Weber die Trennung des bereits mit der Oberkinnlade verwachsenen Zwischenknochens durch verdünnte Salpetersäure gelungen ist. 60Froriep, Notizen aus dem Gebiet der Natur- und Heilkunde, Bd. 19, 1828, S.283.

[ 23 ] It was probably more difficult to win over Blumenbach . In his *Handbuch der vergleichenden Anatomie* (Handbook of Comparative Anatomy), 1805, 56Ibid. — see note 55 — p. 22. he still asserted that humans have no intervertebral bone. In his essay “Principes de Philosophie Zoologique,” written in 1830–32, however, Goethe can already speak of Blumenbach’s conversion. 57Natw. Schr., Vol. 1, p. 405. After personal contact, he sided with Goethe. 58Conversations with Eckermann, Aug. 2, 1830. On December 15, 1825, he even provided Goethe with a fine example to confirm his discovery. An athlete from Hesse sought help from Blumenbach’s colleague Langenbeck regarding a “quite monstrously prominent os intermaxillare.” 59Goethe’s Scientific Correspondence (1812–1832), ed. by F. Th. Bratranek, Vol. 1, p. 51. We will discuss later followers of Goethe’s ideas in due course. For now, it suffices to mention that M. J. Weber succeeded in separating the intermaxillary bone—which had already fused with the upper jaw—using dilute nitric acid. 60Froriep, Notes from the Field of Natural Science and Medicine, Vol. 19, 1828, p. 283.

[ 24 ] Goethe setzte seine Knochenstudien auch nach Vollendung jener Abhandlung fort. Die gleichzeitigen Entdeckungen in der Pflanzenkunde machen sein Interesse an der Natur noch zu einem regeren. Fortwährend borgt er einschlägige Objekte von seinen Freunden. Am 7. Dezember 1785 61Briefe an J. H. Merck, S. 476. ist Sömmerring sogar schon ärgerlich, «daß ihm Goethe nicht seine Köpfe wieder schickt». Aus einem Briefe Goethes an Sömmerring vom 8. Juni 1786 erfahren wir, daß er bis dahin noch immer Schädel von letzterem hatte.

[ 24 ] Goethe continued his studies of bones even after completing that treatise. Contemporary discoveries in botany further heightened his interest in nature. He constantly borrowed relevant specimens from his friends. On December 7, 1785 61Letters to J. H. Merck, p. 476. Sömmerring was even annoyed “that Goethe had not sent his skulls back to him.” From a letter Goethe wrote to Sömmerring on June 8, 1786, we learn that he still had some of Sömmerring’s skulls at that time.

[ 25 ] Auch in Italien begleiteten ihn seine großen Ideen. Während sich der Gedanke der Urpflanze in seinem Geiste ausgestaltete, kommt er auch zu Begriffen über die Gestalt des Menschen. Am 20. Januar 1787 schreibt Goethe in Rom: «Auf Anatomie bin ich so ziemlich vorbereitet, und ich habe mir die Kenntnis des menschlichen Körpers, bis auf einen gewissen Grad, nicht ohne Mühe erworben. Hier wird man durch die ewige Betrachtung der Statuen immerfort, aber auf eine höhere Weise, hingewiesen. Bei unserer medizinischchirurgischen Anatomie kommt es bloß darauf an, den Teil zu kennen, und hierzu dient auch wohl ein kümmerlicher Muskel. In Rom aber wollen die Teile nichts heißen, wenn sie nicht zugleich eine edle schöne Form darbieten.

[ 25 ] His grand ideas accompanied him in Italy as well. As the concept of the primordial plant took shape in his mind, he also began to form ideas about the form of the human being. On January 20, 1787, Goethe wrote from Rome: “I am fairly well prepared in anatomy, and I have acquired knowledge of the human body, to a certain extent, not without effort. Here, one is constantly reminded of this—though in a higher way—through the ceaseless contemplation of statues. In our medical and surgical anatomy, the only thing that matters is knowing the part, and even a puny muscle serves this purpose well. In Rome, however, the parts mean nothing unless they also present a noble, beautiful form.

[ 26 ] In dem großen Lazarett San Spirito hat man den Künstlern zulieb einen sehr schönen Muskelkörper dergestalt bereitet, daß die Schönheit desselben in Verwunderung setzt. Er könnte wirklich für einen geschundenen Halbgott, für einen Marsyas gelten.

[ 26 ] At the large San Spirito military hospital, a very beautiful, muscular body has been prepared for the artists in such a way that its beauty is truly astonishing. It could truly be taken for a tormented demigod, for a Marsyas.

[ 27 ] So pflegt man auch, nach Anleitung der Alten, das Skelett nicht als eine künstlich zusammengereihte Knochenmasse zu studieren, vielmehr zugleich mit den Bändern, wodurch es schon Leben und Bewegung erhält.» 62Italienische Reise.

[ 27 ] Thus, following the guidance of the ancients, one should not study the skeleton as an artificially assembled mass of bones, but rather in conjunction with the ligaments, through which it already gains life and movement.» 62Italian Journey.

[ 28 ] Es handelte sich bei Goethe hier vor allem darum, die Gesetze kennenzulernen, nach denen die Natur die organischen und vorzüglich die menschlichen Gestalten bildet, die Tendenz, welche sie bei der Formung derselben verfolgt. So wie er in der Reihe der unendlichen Pflanzengestalten die Urpflanze aufsucht, mit der man noch Pflanzen ins Unendliche erfinden kann, die konsequent sein müssen, d. h. welche jener Naturtendenz vollkommen gemäß sind und welche existieren würden, wenn die geeigneten Bedingungen da wären; ebenso hatte es Goethe in bezug auf die Tiere und den Menschen darauf angelegt, «ideale Charaktere zu entdecken», welche den Gesetzen der Natur vollkommen gemäß sind. Bald nach seiner Rückkehr aus Italien erfahren wir, daß Goethe «fleißig in anatomicis» ist und im Jahre 1789 schreibt er an Herder: «Ich habe eine neuentdeckte Harmoniam naturae vorzutragen.» Was hier neu entdeckt wurde, dürfte nun ein Teil der Wirbeltheorie des Schädels sein. Die Vollendung dieser Entdeckung fällt aber in das Jahr 1790. Was er bis dahin wußte, war, daß alle Knochen, welche das Hinterhaupt bilden, drei modifizierte Rückenmarkswirbel darstellen. Goethe dachte sich die Sache folgendermaßen. Das Gehirn stellt nur eine Rückenmarksmasse zur höchsten Stufe vervollkommnet dar. Während im Rückenmarke die vorzugsweise den niedrigeren organischen Funktionen dienenden Nerven enden und von dort ausgehen, enden und beginnen im Gehirne die den höheren (geistigen) Funktionen dienenden Nerven, vorzugsweise die Sinnesnerven. Im Gehirne erscheint nur ausgebildet, was im Rückenmarke der Möglichkeit nach schon angedeutet ist. Das Gehirn ist ein vollkommen ausgebildetes Mark, das Rückenmark ein noch nicht zur vollen Entfaltung gekommenes Gehirn. Nun sind den Partien des Rückenmarkes die Wirbelkörper der Wirbelsäule vollkommen angebildet, sind deren notwendige Umhüllungsorgane. Es erscheint nun auf das höchste wahrscheinlich, daß wenn das Gehirn ein Rückenmark auf höchster Potenz ist, auch die dasselbe umhüllenden Knochen nur höher ausgebildete Wirbelkörper seien. Das ganze Haupt erscheint auf diese Weise schon vorgebildet in den niedrigerstehenden körperlichen Organen. Es sind die auch schon auf untergeordneter Stufe tätigen Kräfte auch hier wirksam, nur bilden sie sich im Kopfe zu der höchsten in ihnen liegenden Potenz aus. Wieder handelte es sich für Goethe nur um den Nachweis, wie sich denn die Sache der sinnenfälligen Wirklichkeit nach eigentlich gestaltet? Vom Hinterhauptbein, dem hinteren und vorderen Keilbein, sagt Goethe, erkannte er diese Verhältnisse sehr bald; daß aber auch das Gaumbein, die obere Kinnlade und der Zwischenknochen modifizierte Wirbelkörper seien, erkannte er auf seiner Reise nach Norditalien, als er auf den Dünen des Lido einen geborstenen Schafschädel fand. Dieser Schädel war so glücklich auseinandergefallen, daß in den einzelnen Stücken genau die einzelnen Wirbelkörper zu erkennen waren. Goethe zeigte diese schöne Entdeckung am 30. April 1790 der Frau von Kalb an mit den Worten: «Sagen Sie Herdern, daß ich der Tiergestalt und ihren mancherlei Umbildungen um eine ganze Formel näher gerückt bin und zwar durch den sonderbarsten Zufall.» [WA 9, 202]

[ 28 ] Goethe’s primary concern here was to understand the laws by which nature forms organic and, above all, human forms, the tendency it follows in shaping them. Just as he sought, within the infinite variety of plant forms, the primordial plant from which one could continue to invent plants ad infinitum—plants that must be consistent, that is, that are perfectly in accordance with that natural tendency and that would exist if the appropriate conditions were present; Goethe had similarly set out, with regard to animals and humans, to “discover ideal characters” that are perfectly in accordance with the laws of nature. Soon after his return from Italy, we learn that Goethe is “diligent in anatomy,” and in 1789 he writes to Herder: “I have a newly discovered *Harmoniam naturae* to present.” What was newly discovered here is likely to be part of the vertebral theory of the skull. The completion of this discovery, however, dates to the year 1790. What he knew up to that point was that all the bones forming the occiput represent three modified spinal vertebrae. Goethe conceived of the matter as follows. The brain is merely a mass of spinal cord perfected to the highest degree. While the nerves serving primarily the lower organic functions terminate in and originate from the spinal cord, the nerves serving the higher (mental) functions—primarily the sensory nerves—terminate in and originate from the brain. In the brain, only that which is already hinted at as a possibility in the spinal cord appears fully developed. The brain is a fully developed medulla, while the spinal cord is a brain that has not yet reached its full development. Now, the segments of the spinal cord are perfectly reflected in the vertebral bodies of the spine; they are the necessary enveloping structures of the spinal cord. It now seems highly probable that if the brain is a spinal cord at its highest potential, then the bones enveloping it are likewise merely more highly developed vertebral bodies. In this way, the entire head appears to be already prefigured in the lower-level physical organs. The forces already at work at a lower level are also active here; they simply develop in the head to the highest potential inherent in them. Once again, Goethe was concerned only with demonstrating how the matter actually takes shape in sensory reality. Goethe says that he recognized these relationships very early on in the occipital bone, the posterior and anterior sphenoid bones; but he realized that the palatine bone, the upper jaw, and the intermaxillary bone were also modified vertebral bodies during his trip to northern Italy, when he found a shattered sheep skull on the dunes of the Lido. This skull had broken apart in such a fortunate way that the individual vertebral bodies could be clearly recognized in the separate pieces. Goethe showed this wonderful discovery to Mrs. von Kalb on April 30, 1790, saying: “Tell Herdern that I have come a whole step closer to understanding the structure of animals and their various transformations—and through the strangest of coincidences.” [WA 9, 202]

[ 29 ] Dies war eine Entdeckung von der weittragendsten Bedeutung. Es war damit bewiesen, daß alle Glieder eines organischen Ganzen der Idee nach identisch sind und daß «innerlich ungeformte» organische Massen sich nach außen in verschiedener Weise aufschließen, daß es ein und dasselbe ist, was auf niederer Stufe als Rückenmarksnerv, auf höherer als Sinnesnerv sich zu dem die Außenwelt aufnehmenden, ergreifenden, erfassenden Sinnesorgane aufschließt. Jedes Lebendige war damit in seiner von innen heraus sich formenden, gestaltenbildenden Kraft aufgezeigt; es war als wahrhaft Lebendiges jetzt erst begriffen. Goethes Grundideen waren jetzt auch in bezug auf die Tier- bildung zu einem Abschlusse gekommen. Es war die Zeit zur Ausarbeitung derselben gekommen, obwohl er den Plan dazu schon früher hatte, wie uns der Briefwechsel Goethes mit F. H. Jacobi beweist. Als er im Juli 1790 dem Herzoge in das schlesische Lager folgte, war er dort (in Breslau) vorzugsweise mit seinen Studien über die Bildung der Tiere beschäftigt. Er begann dort auch wirklich seine diesbezüglichen Gedanken aufzuzeichnen. Am 31. August 1790 schreibt er an Friedrich von Stein: «In allem dem Gewühle hab' ich angefangen, meine Abhandlung über die Bildung der Tiere zu schreiben.» [WA 9, 223]

[ 29 ] This was a discovery of the most far-reaching significance. It thus proved that all parts of an organic whole are identical in concept, and that “internally unformed” organic masses open up to the outside in various ways; that it is one and the same thing which, at a lower level as a spinal nerve and at a higher level as a sensory nerve, opens up to the sensory organs that perceive, grasp, and comprehend the external world. Every living being was thus revealed in its power to form and shape itself from within; it was only now truly understood as truly living . Goethe’s fundamental ideas had now also reached a conclusion with regard to animal formation. The time had come to elaborate on them, although he had already conceived the plan earlier, as Goethe’s correspondence with F. H. Jacobi demonstrates. When he followed the Duke to the Silesian camp in July 1790, he was primarily occupied there (in Breslau) with his studies on the formation of animals. It was there that he actually began to record his thoughts on the subject. On August 31, 1790, he wrote to Friedrich von Stein: “Amid all the commotion, I have begun to write my treatise on the formation of animals.” [WA 9, 223]

[ 30 ] In einem umfassenden Sinn enthält die Idee des Tiertypus das Gedicht: «Die Metamorphose der Tiere», das 1820 im zweiten der «Morphologischen Hefte» zuerst erschienen ist. 63Vgl. Natw. Schr., 1. Bd., S. 344ff., wo einzelnes noch in Anmerkungen gesagt ist. In den Jahren 1790-95 nahm von naturwissenschaftlichen Arbeiten die Farbenlehre Goethe vorzüglich in Anspruch. Zu Anfang des Jahres 1795 war Goethe in Jena, wo auch die Gebrüder v. Humboldt, Max Jacobi und Schiller anwesend waren. In dieser Gesellschaft brachte Goethe seine Ideen über vergleichende Anatomie vor. Die Freunde fanden seine Darstellungen so bedeutsam, daß sie ihn aufforderten, seine Gedanken zu Papier zu bringen. Wie aus einem Schreiben Goethes an Jacobi den Älteren hervorgeht [WA 10, 232], hat Goethe dieser Aufforderung sogleich in Jena Genüge getan, indem er das im 1. Bande von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners National-Literatur [S. 241-275] abgedruckte Schema einer vergleichenden Knochenlehre Max Jacobi diktierte. Die einleitenden Kapitel wurden 1796 weiter ausgeführt [Ebenda S. 325 ff.]. In diesen Abhandlungen sind Goethes Grundanschauungen über Tierbildung ebensosehr wie in seiner Schrift: «Versuch, die Metamorphose der Pflanze zu erklären» jene über Pflanzenbildung enthalten. Im Verkehre mit Schiller - seit 1794 - trat ein Wendepunkt seiner Anschauungen ein, indem er sich von nun an seiner eigenen Verfahrungs- und Forschungsweise gegenüber betrachtend verhielt, wobei ihm seine Anschauungsweise gegenständlich wurde. Wir wollen nach diesen historischen Betrachtungen uns nun zum Wesen und der Bedeutung von Goethes Anschauungen über die Bildung der Organismen wenden.

[ 30 ] In a broad sense, the idea of the animal type is embodied in the poem “The Metamorphosis of Animals,” which first appeared in 1820 in the second volume of the “Morphological Notebooks.” 63See *Natw. Schr.*, Vol. 1, pp. 344ff., where further details are provided in the notes. Between 1790 and 1795, Goethe devoted himself primarily to his work on the theory of colors among his scientific writings. At the beginning of 1795, Goethe was in Jena, where the von Humboldt brothers, Max Jacobi, and Schiller were also present. In this circle, Goethe presented his ideas on comparative anatomy. His friends found his explanations so significant that they urged him to put his thoughts on paper. As is evident from a letter Goethe wrote to Jacobi the Elder [WA 10, 232], Goethe complied with this request immediately in Jena by dictating the diagram of comparative osteology printed in the first volume of Goethe’s Scientific Writings in Kürschner’s National Literature [pp. 241–275], which was printed in the first volume of Goethe’s *Natural Science Writings* in Kürschner’s *National Literature*. The introductory chapters were further elaborated in 1796 [Ibid., pp. 325 ff.]. These treatises contain Goethe’s fundamental views on animal development just as much as his work “An Attempt to Explain the Metamorphosis of Plants” contains those on plant development. In his correspondence with Schiller—beginning in 1794—a turning point in his views occurred, in that he henceforth adopted a reflective stance toward his own methods and research, whereby his way of thinking became concrete . Following these historical observations, we shall now turn to the nature and significance of Goethe’s views on the formation of organisms.