Editorische Nachworte zu
Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften
in der Weimarer Ausgabe
1891–1896
GA 1f
1893, Weimar
Band 8: Zur Morphologie III
[Einleitung zu den Lesarten, S. 279-282:]
Der achte Band der naturwissenschaftlichen Schriften, der dritte der «Morphologie», enthält alle auf die Zoologie im weitesten Sinne bezüglichen Arbeiten Goethes. Seit dem Jahre 1790 hatte derselbe die Absicht, seine, namentlich auf Grund der Entdeckung des Zwischenknochens 1784 gewonnenen Anschauungen und Erfahrungen über die Bildung und Umbildung der thierischen Organismen in systematischem Zusammenhange darzustellen. 1790 machte er einen Ansatz dazu, wofür das handschriftlich erhaltene Fragment: «Über die Gestalt der Thiere» (S. 261-275) den Beweis liefert; und 1795 dictirte er Max Jacobi die einleitenden Aufsätze einer solchen Darstellung in die Feder, unter dem Titel: «Erster Entwurf einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie» (S. 5-58. Vergl. Tag- und Jahres-Hefte. 35. Band 45,13-28). Zur vollständigen Durchführung dieser Idee ist es nicht gekommen. Nur einzelne Theile davon sind ausgearbeitet worden, selbst diese oft nur fragmentarisch. Goethe hat sie zum Theile in den Heften: «Zur Morphologie» (181724) veröffentlicht, zum Theile fanden sie sich in den Beständen des Goethe-Archivs handschriftlich vor.
Die Anordnung der einzelnen Aufsätze und Fragmente dieses Bandes entspricht nicht der zufälligen Folge ihrer Entstehung, sondern sie ist eine solche, dass hierdurch, soweit es möglich ist, ein Bild von Goethes anatomisch-zoologischem Systeme geliefert wird. Das aus den einzelnen Ausführungen erkennbare Goethe’sche Schema wurde zum Grunde gelegt, und dem entsprechend die Arbeiten aneinander gegliedert
Den Anfang macht der bereits erwähnte «Erste Entwurf» (S. 5-60), der die Principien und den Plan des Ganzen enthält. Das S. 58-60 abgedruckte Gedicht, AYgotoyog, das (nach Tagebuch III 178,25) wenigstens der Conception nach, in das Jahr 1806 zurückführt, ergänzt die Gedanken des «Entwurfs» und giebt zugleich die allgemeinen Ideen der Metamorphosenlehre, insofern sie sich auf die Thierwelt bezieht. Die «Vorträge» (S. 61-89) sind eine ausführlichere Darstellung der drei ersten Capitel des «Entwurfs» aus dem Jahre 1796. Hierauf folgt der im Jahre 1784 zuerst concipirte «Versuch aus der vergleichenden Knochenlehre, dass der Zwischenknochen der obern Kinnlade dem Menschen mit den übrigen Thieren gemein sei». Die in diesem Aufsatz beschriebene, von Goethe gemachte Entdeckung war wohl eine der wichtigsten Grundlagen der ganzen Goethe’schen Morphologie. Sie ermuthigte ihn, den Gedanken einer einheitlichen Organisation aller Lebewesen, den Menschen miteingeschlossen, zu fassen, und, soweit es ihm Zeit und Kräfte gestatteten, im Einzelnen durchzuführen. Die Gestalt, in der der Aufsatz hier gedruckt ist, ist die von Goethe selbst in den morphologischen Heften (1820) gegebene. Eine Ausnahme macht nur der Theil, der sich auf die am Schluss des Bandes angeführten Tafeln bezieht S. 97101. Derselbe entspricht nämlich dem Abdruck in den «Nova Acta» (1830), weil wir auch die Tafeln daher, wo sie zum ersten Male erschienen sind, nehmen mussten. Der Abdruck von 1820 enthält keine Abbildungen. Die erste Conception des Aufsatzes über den Zwischenknochen drucken wir in den Paralipomena ab. Die nächste Abhandlung: «Beschreibung des Zwischenknochens mehrerer Thiere bezüglich auf die beliebte Eintheilung und Terminologie» (S. 140-164) behandelt den Zwischenknochen nach der vergleichenden Methode, wie sie sich aus den Grundvorstellungen der vorangehenden Aufsätze ergiebt, bei einer Reihe von Thieren und auch beim Menschen. Diese bisher ungedruckte Arbeit, die in Seidels Handschrift vorhanden ist, entstammt jedenfalls den Jahren 1784-86, der Zeit unmittelbar nach Entdeckung des Zwischenknochens. S. 165-166 enthalten eine in’s Allgemeine gehende, sich an das Vorhergehende anschliessende Notiz, die im Jahre 1824 (in den morphologischen Heften) gedruckt wurde. S. 167-169 bringen die auch 1824 gedruckte kurze Darstellung von Goethes Ansichten über die Wirbelnatur der Schädelknochen, die er 1790 bei Betrachtung eines Schafschädels in Venedig gemacht hatte; das hier Gesagte bildet eine Ergänzung zu den Bemerkungen auf S. 138-139.
Der folgende «Versuch einer allgemeinen Knochenlehre» (S. 171-208) dehnt die erst nur auf den Zwischenkiefer angewandte Methode auf einige andere Knochen des Kopfes aus. Er ist bisher ungedruckt und im Archiv in einer Handschrift Götzes enthalten. Nur das Capitel über das Gaumenbein (S. 182-185) ist, nach Suphans Beobachtung, von der Hand des Sohnes Herders, August, geschrieben. Der letztere Umstand (August Herder ging im Herbste 1794 nach Neuenburg, während Goethe August 1793 von der Belagerung von Mainz heimkehrte) führt zu der Ansicht, dass diese Abhandlung im Jahre 1794 entstanden ist. «Die Knochen der Gehörwerkzeuge» (S. 209-213) erschienen zuerst in den morphologischen Heften 1824. Von andern Partien des Organismus behandelte Goethe ausführlich noch «Ulna und Radius» und «Tibia und Fibula» (S. 214 bis 222), die sich hier anschliessen und 1824 zuerst gedruckt sind. Hieran gliedern wir die Aufsätze, die in Anlehnung an zoologische Werke von Goethes Zeitgenossen entstanden, mit denen er sich auseinandersetzte. Es sind: «Die Faulthiere und die Dickhäutigen» (S. 223-232), «Fossiler Stier» (S. 233243), «Zweiter Urstier» (S. 244-245), «Die Skelette der Nagethiere» (S. 246-254), «Die Lepaden» (S. 255-259). Neben Bemerkungen über Einzelheiten sind hier auch allgemeine Ideen und Erörterungen über Grundfragen der Zoologie enthalten, die den Übergang bilden zu dem handschriftlich vorhandenen «Versuch über die Gestalt der Thiere», der den Band beschliesst. Er spricht Goethes Überzeugungen in tiefgehendster und umfassendster Weise aus. Obwohl er bereits 1790 entstanden ist, muss er doch sachlich als die letzte Consequenz gelten, die Goethe aus den in diesem Bande enthaltenen morphologischen Erfahrungen und Ansichten gezogen hat. Für die Entstehung im Jahre 1790 in Breslau während des militärischen Getümmels, sprechen die Annalen 1790, das Papier und die Hand Götzes, von der der Aufsatz nach einem Goethe’schen Dictat geschrieben ist. Auch innere Gründe können dafür angeführt werden. Einzelne in dem «Ersten Entwurf» ausgeführte Gedanken haben entschieden hier ihre ältere Gestalt.
Was an Vorarbeiten, einzelnen Erfahrungen und Notizen noch vorhanden ist und sich der systematischen Folge an keinem Puncte entsprechend eingliedern liess, ist in die Paralipomena verwiesen. Aus den hierbei auch gedruckten Fragmenten geht hervor, dass sich Goethe nicht nur mit der Osteologie, sondern auch mit Beobachtungen aus den Gebieten der Bänder-, Muskel- und Nervenlehre beschäftigt hat.
Herausgeber des Bandes ist Karl von Bardeleben, der bei Herstellung des Textes und der Lesarten vom Goethe- und Schiller-Archiv aus durch Rudolf Steiner unterstützt wurde. Redactor ist Bernhard Suphan.
