Editorische Nachworte zu
Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften
in der Weimarer Ausgabe
1891–1896
GA 1f
1896, Weimar
Band 12: Zur Naturwissenschaft, Allgemeine Naturlehre II
[Einleitung zu den Lesarten, S. 173-176:]
Als wichtigster Bestandteil sind in diesem Bande Goethes Arbeiten über Meteorologie enthalten. Den Inhalt dieses meteorologischen Theiles bilden folgende Stücke:
1. Der Aufsatz: Wolkengestalt (5-13), der mit Anlehnung an Luke Howards «On the Modifications of Clouds. London 1803» geschrieben ist. Goethe kannte, als er diese Aufzeichnungen niederschrieb, nur ein Referat über Howards Arbeit, das in Gilberts Annalen 1815 enthalten ist, und auf das er durch den Grossherzog hingewiesen wurde. (Vergl. S. 6 des Textes.) Entstanden ist der Aufsatz im Herbst 1817. Die erste Niederschrift trägt das Datum: Jena, 13. Dezember 1817. Zuerst abgedruckt wurde er im 3. Heft des 1. Bandes «Zur Naturwissenschaft». An diese Arbeit schliesst sich in demselben Hefte der Text unseres Bandes S. 13-41. Das Folgende von S. 42-45,3 steht im 4. Heft des ersten, S. 45-58,10 im 1. Heft des zweiten Bandes «Zur Naturwissenschaft». Handschriftlich ist von diesem Theile des Textes nur 5-13,15 im Archiv vorhanden. 13,16-34,3 ist das auf der Reise nach Karlsbad 1820 angelegte, in den Tag- und Jahres-Heften (Bd. 36 S. 155) erwähnte Wolkendiarium.
2. Die Abhandlung: Über die Ursache der Barometerschwankungen. Sie steht im 2. Heft des zweiten Bandes «Zur Naturwissenschaft» und enthält eine vorläufige Mittheilung über die für Goethes naturwissenschaftliche Anschauungsweise besonders wichtige Hypothese, dass die Ursache der Barometerschwankungen nicht kosmisch, sondern tellurisch, und in dem Umstände zu suchen sei, dass die Erde ihre Anziehungskraft ändert, also in verschiedenen Zeiten den Dunstkreis mehr oder weniger anzieht. Wie aus den aufgenommenen empirischen Notizen S. 62 fg. und aus der Notiz 69,13-19 hervorgeht, ist dieser Aufsatz zwischen Juni und December 1822 entstanden. Auch die Tag- und Jahreshefte (Bd. 36, S. 212) zeigen, dass die angeführte Hypothese sich in diesem Jahre bei Goethe festsetzte.
3. Die ausführliche Darstellung von Goethes Gedanken über meteorologische Phänomene in systematischer Entwicklung unter dem Titel: Versuch einer Witterungslehre. Diese Abhandlung ist erst in den «Nachgelassenen Werken» erschienen. Sie ist handschriftlich vorhanden, und zwar in einer Niederschrift, die zum Theil von Eckermann, zum Theil von Goethes Schreiber John besorgt ist. Goethe selbst hat den grössten Theil noch sorgfältig durchcorrigirt. Entstanden ist die Abhandlung wahrscheinlich 1825. Am 10. Februar dieses Jahres enthält das Tagebuch die Eintragung: «Aufsatz über Meteorologie umdictirt.» An den folgenden Tagen, bis zum 17., wird die Fortsetzung dieser Arbeit verzeichnet. Einzelne Theile sind wohl später wieder vorgenommen und überarbeitet worden. Die Einleitung z. B. (S. 74-77), die in Eckermanns Handschrift mit Goethes Correcturen vorliegt, scheint am 8. Januar 1826 von Goethe dictirt worden zu sein. Im Tagebuch steht darüber: «Abends Dr. Eckermann; ihm die Einleitung zur Meteorologie dictirt.» Als Grundlage unseres Textes diente diese Niederschrift und der Druck in den «Nachgelassenen Werken».
An diese bereits gedruckten Theile des Bandes schliessen sich 4. die noch ungedruckten Aufsätze: Karlsbad (110-114), Zur Winderzeugung (115), Wolkenzüge (116-117), Concentrische Wolkensphären (118-119), Witterungskunde (120), Bisherige Beobachtung und Wünsche für die Zukunft (121-122), Meteorologische Beobachtungsorte (123-124). Den drei ersten ist die Zeit ihrer Entstehung beigefügt. Die drei letzten schliessen sich so eng an den Inhalt des «Versuchs einer Witterungslehre» an, dass man wohl auf eine gleichzeitige Entstehung mit diesem schliessen kann. Der letzte Aufsatz verhält sich zu den meteorologischen Arbeiten Goethes wie die methodologischen Skizzen am Schluss des siebenten und zehnten Bandes zu den morphologischen und geologischen Arbeiten. Er ist eine methodologische Rechtfertigung der Goethe’schen Anschauungsweise.
An die meteorologischen Theile schliessen sich die «Naturwissenschaftlichen Einzelheiten»: Betrachtungen über eine Sammlung krankhaften Elfenbeins, Über die Anforderungen an naturhistorische Abbildungen im Allgemeinen und an osteologische insbesondere, Johann Kunckel, Jenaische Museen und Sternwarte. Diese Aufsätze lassen sich nicht in eines der gebräuchlichen naturwissenschaftlichen Fächer einreihen. Die Betrachtungen über «Elfenbein» und «Johann Kunckel» sind deshalb auch in den «Nachgelassenen Werken» schon in dem besondern Kapitel «Naturwissenschaftliche Einzelheiten» untergebracht (Bd. 60). Die beiden andern Aufsätze forderten, durch ihren Inhalt, eine gleiche Behandlung. Die übrigen in den «Naturwissenschaftlichen Einzelheiten» enthaltenen Aufsätze der «Nachgelassenen Werke» gehören ihrem Inhalte nach in frühere Bände und finden sich auch an den ihnen entsprechenden Stellen in dieser Ausgabe. Die Abhandlung über «krankhaftes Elfenbein» ist im März 1798 (vergl. Tagebuch) entstanden, die über «Kunckel» ist, wie das Tagebuch ergiebt, am 15. und 16. August 1822, gelegentlich eines Besuches bei Fikentscher in Redwitz, angeregt und in der Zeit vom 22. bis 27. September desselben Jahres ausgeführt worden. Die Entstehungszeit der Bemerkungen über «Jenaische Museen und Sternwarte» fällt, wie sich aus den Notizen in den «Lesarten» ergiebt, in den Februar 1814. Den Schluss des Textes bilden einige an den Inhalt früherer Bände sich anreihende, aber erst nach dem Druck derselben aufgefundene Skizzen.
Den Anfang der «Paralipomena» bildet die von Goethe bei meteorologischen Beobachtungen zu Grunde gelegte «Instruction». Er hat diese mit Beihilfe der Jenenser Meteorologen im Jahre 1817 ausgearbeitet und 1820 verbessert. Er wünschte, dass nach dieser Instruction die Beobachtungen an einzelnen Orten gemacht würden. (Vergl. S. 123). Die übrigen Theile der Paralipomena bilden Einzelheiten, die dem Gebiet der Meteorologie angehören, und die sich dem systematischen Ganzen des Textes nicht eingliedern liessen. Mit dem zwölften Bande schliesst die zweite, grössere Hälfte der naturwissenschaftlichen Abtheilung, die Sammlung der Schriften zur Morphologie, Geologie, Naturwissenschaft im Allgemeinen. Es wird diesem Bande deshalb, auf Anordnung der Redaction, ein die Bände 6-12 umfassendes Register beigegeben.
Herausgeber des Bandes ist Rudolf Steiner; als Redactor ist Bernhard Suphan betheiligt.
[Ausgewählte Texte in den Lesarten:]
[S. 234] Das Folgende schickte Goethe dem 1. Heft des zweiten Bandes: «Zur Naturwissenschaft überhaupt» voraus. Es gehört nicht zu dem wissenschaftlichen Inhalt der Hefte, sondern bezieht sich auf deren äusserliche Einrichtung. Daher erscheint es hier als «Paralipomenon» mitgetheilt.
[Vorbemerkung zum folgenden Text von Goethe: WA II 12, 234-235; LA 18, 285-286]
[S. 238] Bemerkung. Im Jahre 1813 erschien in den von F. J. Bertuch herausgegebenen «Allgemeinen geographischen Ephemeriden» Bd. 41 (S. 1-8) vom 8. April eine bildliche Darstellung: «Höhen der alten und neuen Welt bildlich verglichen» mit einer Vorbemerkung von Bertuch und einem erklärenden Brief Goethes, an Bertuch gerichtet, vom 8. April 1813. Davon wurde auch ein Separatdruck ausgegeben. Zu dem bildlichen Tableau sind im Goethe-Nationalmuseum die Vorlagen vorhanden. Goethe wurde dazu angeregt durch die Lectüre der ihm zugeeigneten Schrift Alexander von Humboldts: «Ideen zu einer Geographie der Pflanzen». Ein Brief Goethes an A. v. Humboldt vom 8. Februar 1813 (vergl. Goethes Briefwechsel mit den Gebrüdern von Humboldt S. 248 f.) lehrt, dass Goethe ursprünglich auch den Plan hatte, eine Welt-Sprachenkarte auszuführen. Diese kam aber nicht zur Ausführung. Die Höhenkarte ist colorirt ausgeführt. Goethe schildert sie in dem obgenannten Briefe in folgender Weise:
[Vorbemerkung zum folgenden Text von Goethe: WA II 12, 238-240; LA 111, 159-161]
[S. 240] Wir sehen von der Wiedergabe des Tableaus ab, das Goethe auch im Briefe an Bertuch vom 7. April 1813 (Goethe Jahrbuch IV, 219) nur als eine «heitere Recapitulation» der Humboldtschen Ideen bezeichnet; wissenschaftliche Bedeutung kann ihm nicht zugesprochen werden. In späteren Jahren hat Goethe ein Exemplar davon vorgenommen und aus Papier geschnittene und bemalte Wolkenformen darauf geklebt, so dass einer bestimmten Höhe über der Meeresfläche die ihr zugehörige Wolkenform zugetheilt ist. Stratus findet sich von der Meereshöhe bis 1200 Toisen, Cumulus von 1200-2200 Toisen; Cirrus von 2200-3500 Toisen; ein abregnender Nimbus 450-1000 Toisen.
[Nachbemerkung zum voranstehenden Text von Goethe: WA II 12, 238-240; LA I 11, 159-161]
