Editorische Nachworte zu
Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften
in der Weimarer Ausgabe
1891–1896
GA 1f
1894, Weimar
Band 10: Zur Naturwissenschaft überhaupt. Mineralogie und Geologie II
[Einleitung zu den Lesarten, S. 211-214:]
Der zehnte Band der naturwissenschaftlichen Schriften verhält sich zu seinem Vorgänger in ähnlicher Weise wie, in Bezug auf die Botanik, der siebente zum sechsten: ergänzend und erweiternd. Der Charakter der geologischen Arbeiten Goethes machte es sogar möglich, den früher befolgten Grundsatz hier noch strenger durchzuführen: in den einen Band alles zu verweisen, was aus Goethes allgemeiner Weltanschauung heraus in deductiver Weise begründet erscheint und zu einem organischen Ganzen sich zusammenschliesst, und in den andern das aufzunehmen, was auf inductivem Wege an Einzelobjecten gewonnen ist. Der vorliegende Band enthält daher alle Aufsätze, die sich damit beschäftigen, unmittelbar auf Grund der Erfahrung die Principien und die Terminologie des von Goethe im Gegensatz zum Atomismus vertretenen Dynamismus in der Geologie zu formuliren. Massgebend bei der Entscheidung, ob ein Aufsatz in den Text oder in die «Paralipomena» kommen solle, war der Umstand, ob er in methodischer Hinsicht eine selbständige Stellung durch seinen Inhalt oder durch die Beweisführung einnimmt, wie 32-36, 90-97 gegenüber Bd. 9, 10-34 und 253-258, oder ob er bloss als stilistische Vorarbeit zu einem andern überlieferten Aufsatz zu betrachten ist. Eigentliche Vorarbeiten wurden nur dann in den Text aufgenommen, wenn sie Gedanken enthalten, die ein nothwendiges Glied im Zusammenhange sind, und die eine abschliessende Bearbeitung entweder von Goethe nicht erfahren haben, oder uns in einer solchen nicht überliefert sind.
Der Natur des Stoffes gemäss erscheint der Band in drei Haupttheile gegliedert. 1. Mineralogische und geologische Grundbegriffe, im Anschluss an entsprechende Naturobjecte entwickelt. In diesem Abschnitt ist alles zusammengefasst, was Goethe vorgebracht hat, um seine geologische Terminologie zu rechtfertigen. 2. Grundgesetze des Wirkens in der unorganischen Natur von der Krystallisation angefangen bis zur Bildung ganzer Gebirgsformen. 3. Darstellungen über geologische Objecte und Phänomene unter bestimmten örtlichen Verhältnissen.
Den ersten Abschnitt beginnt der Aufsatz: «Über den Ausdruck Porphyrartig», den Goethe, nach dem Tagebuche, am 12. März 1812, im Anschluss an die Lectüre von v. Raumers Schrift «Geognostische Fragmente» zu dictiren begann. Der in dem Aufsatz ausgeführte Gedanke, dass ein zusammengesetztes Mineral nicht durch Aggregation der Theile entstanden sei, sondern durch Differenzirung einer ursprünglichen Einheit, ist der herrschende auch in den folgenden Partien des Abschnittes, die zum Theil nur noch weitere Belege dazu beibringen, wie S. 18-19, zum Theil zeigen, dass er auch dann noch festzuhalten ist, wenn die materiellen Bildungen durch äussere Störungen einen Verlauf nehmen, der die Differenzirung der Grundmasse nicht auf den ersten Blick erkennen lässt. In diese Reihe gehören S. 20-45 mit den Bemerkungen über: Gestörte Formation, Breccienbildung, scheinbare Conglomerate u.s.w. Sie erklären die Gesteinbildungen vom Gesichtspuncte der Scheidung ursprünglich ungesonderter Stoffe unter verschiedenen Verhältnissen, wie Vorherrschen des einen Bestandtheiles (S. 41), Bildung in vulkanischer oder neptunischer Umgebung und dergl. Eine Art Zusammenfassung des vorigen bildet der Aufsatz «King Coal». S. 52-53 vermittelt den Übergang von der Gestein- zur Gebirgsbildung. Mit Anlehnung an die Reisebeschreibung von Johann Rudolph Meyer und Hieronymus Meyer sucht Goethe die Folgeerscheinungen der Gletscher, die «Goufferlinien», als natürliche Wirkung der bei der Gletscherbewegung thätigen Kräfte zu erklären. An die Besprechung dieser einfachen Erscheinung wurden die Aufsätze über Schichtung der Gebirgsmassen, über Gangbildung und damit Zusammenhängendes, wie Zerreissen unorganischer Massen und dergl. angeschlossen: S. 54-75.
Der zweite Abschnitt beginnt mit einer Auseinandersetzung über die Bildung unorganischer Formen (S. 7582) der festen Materie; darauf folgen (S. 83-84) Gedanken über Bildung des Fest-Flüssigen (Gerinnen). Den Aufsatz über die «Bildung der Edelsteine» (S. 85-87) hat Goethe geschrieben, als er im März 1816 von dem Geologen Leonhard eine Anfrage bekam, wie er sich zur Frage nach der Entstehung dieser Naturobjecte verhalte. Die hier ausgesprochenen Gedanken leiten hinüber zu den Ausführungen über die bei der Gestein- und Gebirgsbildung in Betracht kommenden Kräfte chemischer Art, denen die Bemerkungen über «Chemische Kräfte bei der Gebirgsbildung» (S. 88-89) gewidmet sind. Das Capitel «Eiszeit» hat eine zusammenhängende Betrachtung von Goethe in den Skizzen S. 90-97 erfahren. Diese enthalten alle Daten, die Goethe zusammenzustellen in der Lage war, um seinen Ansichten über die wichtige geologische Periode die inductive Basis zu geben, während er seine diesbezüglichen Ideen in dem Aufsatz: «Geologische Probleme und Versuche ihrer Auflösung» rein deductiv aus seiner Weltanschauung im Allgemeinen entwickelt. Von dem letzten Haupttheile des Bandes wurde das auf den Leitmeritzer Kreis und besonders auf die Zinnformation Bezügliche als besonderes Capitel (S. 101-126) abgetrennt. Was in diesem sich findet, hat Goethe zu einem Actenfascikel zusammenheften lassen, um am 3. Januar 1814 mit einem einführenden Briefe an Knebel zur Durchsicht übersendet. Dieses Capitel bildet ein Ganzes, weil es eine Formation innerhalb eines bestimmten Gebietes behandelt, und wurde von Goethe selbst als geschlossene Einheit aufgefasst. S. 129-182 enthält das dem Gebiet der rein topographischen Geologie Angehörige. Blosse Verzeichnisse von Mineralien- und Gesteinsammlungen wurden in diesem Capitel nicht abgedruckt, sondern nur dasjenige, dem ein in Goethes geologischen Ansichten wurzelnder Gedanke als Princip der Aufzählung einzelner Objecte zu Grunde liegt, oder an das sich ein solcher als Folgerung knüpft. Die Aufzeichnungen über «Mineralogie von Thüringen und angränzender Länder» sind in der hier wiedergegebenen Folge zu einem Fascikel geheftet, das auch noch Notizen und Aufsätze über thüringische geologische Verhältnisse enthält, die nicht von Goethe selbst verfasst sind, und das aus dem Anfange der achtziger Jahre stammt. Die S. 135-137 enthaltenen geologischen Bemerkungen sind tagebuchartige Aufzeichnungen Goethes auf der im Mai 1782 durch Thüringen gemachten Reise. Die Angaben über böhmische Mineralien (S. 142-150) sind im Jahre 1822 in Eger niedergeschrieben. (Vergl. Tag- und Jahreshefte 1822.)
Was sich in keinem der drei Abschnitte unterbringen liess, wie die Gedanken über einen Brief und ein Buch des Geologen v. Eschwege (S. 183-185), ein paläontologischer Aufsatz (S. 186-188) und die Abhandlung über das am Tempel des Jupiter Serapis bei Puzzuoli zu betrachtende Naturphänomen, endlich eine Auseinandersetzung über geologische Methoden, wurde anhangsweise an den Schluss des Bandes gestellt. Der Aufsatz über geologische Methoden findet hier seine passende Stelle, weil er darauf hindeutet, wie sich Goethe die deductive und inductive Methode einheitlich in einer höheren Naturansicht aufgehend denkt. Er schliesst auf diese Weise auch die Bände neun und zehn zu einem Ganzen zusammen.
Herausgeber des Bandes ist Rudolf Steiner; als Redactor ist Bernhard Suphan betheiligt.
[Ausgewählte Texte in den Lesarten:]
[5.231] Über die Bildung von Edelsteinen. [...] Leonhard legte am 15. Februar 1816 in einem Briefe an Goethe diesem einige Fragen in Bezug auf die Bildung der Edelsteine vor. Er fragte zunächst, ob die Edelsteine, «diese Blüthen der unorganischen Welt, nicht als Gebilde der primordialen Epoche zu betrachten seien?» Er meinte: «Es liegt etwas tiefes darin, in jenen vollendeten, durch mannigfach vorspringende Merkmale so bestimmt bezeugenden Erscheinungen die Erzeugnisse einer Zeit zu suchen, welche dem jugendlichen Alter unsers Planeten angehört. Und wo finden wir die Beweise zu Behauptung jener Hypothese? Die Gebirgsarten, welche die Edelsteine aufnehmen, die Lagerstätten, welche sie beherbergen, die Fossilien, von denen sie bereitet erscheinen, zu welchen Schlüssen berechtigen sie, und welche Anhaltspuncte bieten sie dar? Was lässt sich aus der Betrachtung der Theile der Mischung zu Gunsten jener Ansicht entnehmen? Worauf deutet ihre klimatische Verbreitung, worauf das örtliche ihres Vorkommens? Wie legen wir das spärliche Erscheinen dieser lieblichen Gaben der sonst so verschwenderischen Natur aus?»
Goethe legte in seiner Antwort vom 29. April 1816 den Hauptwerth auf die Frage: «ob man die Edelsteine für sich behandeln und ihnen in der Natur eine gewisse Entstehungsepoche anweisen könne.» Er ist der Ansicht, dass sich die Edelsteine noch immer bilden können, dass es eine feste Grenze zwischen Edelsteinen und Nicht-Edelsteinen überhaupt nicht gibt, und dass die Edelsteine nur in empirischer Hinsicht als ein Ganzes betrachtet werden können, nicht in wissenschaftlicher. Er räth Leonhard, ihre Behandlung an das Vorkommen anzuschliessen. Dieser Brief ist auf Grund des im Text abgedruckten vorher geschriebenen Aufsatzes verfasst.
[Vorbemerkung zum folgenden Text von Goethe: WA II 10, 85-87; LA 111, 171-172]
