The Philosophy of Spiritual Activity
GA 4
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The Philosophy of Spiritual Activity, tr. SOL
Zweiter Anhang
Appendix II
Remarks regarding the opening Chapter to the First Edition
[ 1 ] In dem Folgenden wird in allem Wesentlichen wiedergegeben, was als eine Art «Vorrede» in der ersten Auflage dieses Buches stand. Da es mehr die Gedankenstimmung gibt, aus der ich vor fünfundzwanzig Jahren das Buch niederschrieb, als daß es mit dem Inhalte desselben unmittelbar etwas zu tun hätte, setze ich es hier als «Anhang» her. Ganz weglassen möchte ich es aus dem Grunde nicht, weil immer wieder die Ansicht auftaucht, ich habe wegen meiner späteren geisteswissenschaftlichen Schriften etwas von meinen früheren Schriften zu unterdrücken.
[ 1 ] The following essentially reproduces what served as a kind of “preface” in the first edition of this book. Since it reflects more the intellectual mood in which I wrote the book twenty-five years ago than it has to do directly with its content, I am including it here as an “Appendix.” I do not wish to omit it entirely, however, because the view is repeatedly expressed that I have suppressed some of my earlier writings in favor of my later works in the field of Spiritual Science.
[ 2 ] Unser Zeitalter kann die Wahrheit nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens schöpfen wollen. 1Ganz weggelassen sind hier nur die allerersten Eingangssätze (der ersten Auflage) dieser Ausführungen, die mir heute ganz unwesentlich erscheinen. Was aber des weiteren darin gesagt ist, scheint mir auch gegenwärtig trotz der naturwissenschaftlichen Denkart unserer Zeitgenossen, ja gerade wegen derselben, zu sagen notwendig. Von Schillers bekannten zwei Wegen:
[ 2 ] Our age can only seek to draw the truth from the depths of the human being. 1The only parts omitted here are the very first introductory sentences (of the first edition) of these remarks, which seem entirely irrelevant to me today. But what is said further on seems to me necessary to state even now, despite the scientific mindset of our contemporaries—indeed, precisely because of it. Of Schiller’s well-known two paths:
«Wahrheit suchen wir beide, du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt»
“We both seek truth—you in the world outside, I within
In the heart—and so each of us is sure to find it.
If the eye is sound, it encounters the Creator outside;
If it is the heart, then surely it reflects the world within”
wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen. Eine Wahrheit, die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit an sich. Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.
The present moment is best served by the second of the pious. A truth that comes to us from outside always bears the mark of uncertainty. We may believe only in what appears to each of us as truth within our own hearts.
[ 3 ] Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens finden.
[ 3 ] Only the truth can give us the confidence to develop our individual powers. Those tormented by doubt find their powers paralyzed. In a world that is a mystery to them, they cannot find a purpose for their work.
[ 4 ] Wir wollen nicht mehr bloß glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das Wissen befriedigt uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der Persönlichkeit entspringt.
[ 4 ] We no longer want to merely believe; we want to know. Faith demands acceptance of truths that we do not fully understand. But what we do not fully comprehend is repugnant to the individual, who wants to experience everything with his deepest inner self. Only knowledge satisfies us, knowledge that does not submit to any external norm, but springs from the inner life of the personality.
[ 5 ] Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrorenen Schulregeln sich ein für allemal ausgestaltet hat, und in für alle Zeiten gültigen Kompendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder berechtigt, von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen. Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.
[ 5 ] Nor do we want knowledge that has been set in stone once and for all in rigid school rules and preserved in compendia valid for all time. We believe everyone is entitled to start from their immediate experiences and, from there, ascend to an understanding of the entire universe. We strive for certain knowledge, but each in his own way.
[ 6 ] Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten Zwanges wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte: «Sonnenklarer Bericht an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten Philosophie. Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen.» Heute soll niemand zum Verstehen gezwungen werden. Wen nicht ein besonderes, individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern wir keine Anerkennung, noch Zustimmung. Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde, wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern verstehen will.
[ 6 ] Nor should our scientific teachings take on a form that suggests their acceptance is a matter of absolute compulsion. None of us would wish to give a scientific work a title like the one once chosen by Fichte: “A Crystal-Clear Report to the General Public on the True Nature of the Latest Philosophy. An Attempt to Compel Readers to Understand.” Today, no one should be compelled to understand. From those whom no particular, individual need drives toward a certain view, we demand neither recognition nor agreement. Nor do we currently wish to cram knowledge into the still immature person, the child; rather, we seek to develop their abilities so that they no longer need to be forced to understand, but want to understand.
[ 7 ] Ich gebe mich keiner Illusion hin in bezug auf diese Charakteristik meines Zeitalters. Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum lebt und sich breit macht. Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen. Sie soll nicht «den einzig möglichen» Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu tun ist.
[ 7 ] I harbor no illusions regarding this characteristic of my age. I know how much unindividualistic conformity exists and is spreading. But I also know that many of my contemporaries are trying to organize their lives in the direction I have indicated. To them I would like to dedicate this work. It is not intended to lead to “the only possible” path to truth, but it is meant to tell the story of the one
[ 8 ] Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke scharfe Konturen ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen. Aber der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete Leben geführt. Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch in das Ätherreich der Begriffe sich erheben muß, wenn man das Dasein nach allen Richtungen durchleben will. Wer nur mit den Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre eines entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie selbst wissen. Das Abendland fordert zur Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen Gedankenwelt sich zu begeben.
[ 8 ] The text first leads us into more abstract realms, where thought must draw sharp contours in order to arrive at certain points. But the reader is also led out of these dry concepts and into concrete life. I am firmly of the opinion that one must also rise into the ethereal realm of concepts if one wishes to experience existence in all its dimensions. Those who know only how to enjoy with the senses do not know the delights of life. Oriental scholars first have their students spend years living a life of renunciation and asceticism before they impart to them what they themselves know. The West no longer demands pious exercises or asceticism for the sake of science, but it does require the willingness to withdraw for a short time from the immediate impressions of life and to enter the realm of the pure world of thought.
[ 9 ] Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes einzelne entwickeln sich besondere Wissenschaften. Das Leben selbst aber ist eine Einheit, und je mehr die Wissenschaften be strebt sind, sich in die einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es muß ein Wissen geben, das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der wissenschaftliche Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft. Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten. Der Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige Vorbedingung des Komponierens ist. Im Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit. Genau in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst. Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
[ 9 ] There are many fields of life. Specific sciences develop for each one. Life itself, however, is a unity, and the more the sciences strive to delve into individual fields, the further they distance themselves from a view of the living world as a whole. There must be a form of knowledge that seeks out the elements within the individual sciences in order to lead humanity back to a full life. The specialized scientific researcher seeks to acquire, through his findings, an awareness of the world and its effects; in this work, the goal is a philosophical one: science itself is to become organically alive. The individual sciences are preliminary stages of the science sought here. A similar relationship prevails in the arts. The composer works on the basis of the theory of composition. The latter is a body of knowledge, the possession of which is a necessary prerequisite for composing. In composition, the laws of the theory of composition serve life, real reality. In exactly the same sense, philosophy is an art. All true philosophers were conceptual artists. For them, human ideas became artistic material and the scientific method became artistic technique. Abstract thought thereby gains concrete, individual life. Ideas become life forces. We then do not merely have knowledge of things, but we have made knowledge into a real, self-governing organism; our real, active consciousness has risen above a merely passive reception of truths.
[ 10 ] Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am nächsten liegenden Fragen. Eine «Philosophie der Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.
[ 10 ] How philosophy, as an art, relates to human freedom, what the latter is, and whether we share in it or can come to share in it: that is the central question of my work. All other scholarly discussions are included here only because they ultimately shed light on those questions which, in my opinion, are closest to the human condition. A “Philosophy of Freedom” is to be presented in these pages.
[ 11 ] Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwickelung aller in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur.
[ 11 ] All science would be nothing more than the gratification of idle curiosity if it did not strive to enhance the value of human existence. The sciences derive their true value only through a presentation of the human significance of their results. The ultimate goal of the individual cannot be the refinement of a single faculty of the soul, but rather the development of all the abilities that lie dormant within us. Knowledge has value only insofar as it contributes to the all-round development of the whole human nature.
[ 12 ] Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
[ 12 ] This work therefore does not conceive of the relationship between science and life in such a way that human beings must bow to the idea and devote their energies to its service, but rather in the sense that they take control of the world of ideas in order to use it for their human goals, which go beyond the merely scientific.
[ 13 ] Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.
[ 13 ] One must be able to confront the idea through experience; otherwise one falls under its bondage.
