Philosophy, History and Literature
GA 51
6 May 1902, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
2. William Shakespeare
2. William Shakespeare
[ 1 ] Einem Ausspruch des berühmten Schriftstellers Georg Brandes gemäß muß man Shakespeare den deutschen Klassikern hinzurechnen. Und wenn man den außerordentlichen Einfluß bedenkt, den Shakespeare, nachdem er in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland, besonders durch Lessing wieder bekanntgeworden war, auf Goethe, Schiller, auf die ganze Entwickelung der deutschen Literatur genommen hat — besonders nach der ausgezeichneten Übertragung seiner Werke durch Schlegel und Tieck —, muß man diesem Ausspruche zustimmen.
[ 1 ] According to a statement by the famous writer Georg Brandes, Shakespeare must be counted among the German classics. And when one considers the extraordinary influence that Shakespeare exerted on Goethe, Schiller, and the entire development of German literature after he was rediscovered in Germany in the mid-18th century—particularly through Lessing—especially following the excellent translations of his works by Schlegel and Tieck, one must agree with this statement.
[ 2 ] Es hat sich über Shakespeare eine ganze Legende gebildet; über jedes einzelne seiner Werke sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Die Gelehrten haben alles mögliche in seine Werke hineingelegt und herausgelesen. Schließlich ist eine Anzahl von Schriftstellern, die den nicht gelehrt gebildeten Schauspieler für unfähig hielten, alle die Gedanken zu erzeugen, die sie in den Werken Shakespeares fanden, auf die Hypothese verfallen, daß nicht der Schauspieler vom Globe-Theater, William Shakespeare, die Werke geschrieben habe, die seinen Namen tragen, sondern irgendein bedeutender hochgelehrter Mann, etwa Lord Francis Bacon von Verulam, sei der Dichter, der — bei der niedrigen Schätzung der literarischen Tätigkeit in damaliger Zeit — den Namen des Schauspielers geborgt habe. Diese Annahmen stützen sich darauf, daß man keine Manuskripte von Shakespeares Hand gefunden habe; dann auf ein in einer Londoner Bibliothek entdecktes Notizheft, in dem man einzelne Stellen finden wollte, die gewissen Stellen in Shakespeares Werken entsprechen und so weiter.
[ 2 ] An entire legend has grown up around Shakespeare; entire libraries have been written about each of his works. Scholars have read all sorts of things into his works and interpreted them in various ways. Ultimately, a number of writers—who considered the actor, lacking formal education, incapable of conceiving all the ideas they found in Shakespeare’s works—have arrived at the hypothesis that it was not the actor from the Globe Theatre, William Shakespeare, who wrote the works bearing his name, but rather some eminent, highly learned man—such as Lord Francis Bacon of Verulam—was the poet who, given the low regard for literary activity in those days, borrowed the actor’s name. These assumptions are based on the fact that no manuscripts in Shakespeare’s own hand have been found; furthermore, on a notebook discovered in a London library in which some sought to find individual passages corresponding to certain passages in Shakespeare’s works, and so on.
[ 3 ] Ein Zeugnis aber für die Autorschaft Shakespeares sind seine Werke selbst. Seine Dramen sprechen davon, daß sie von einem Manne geschrieben sind, der das Theater auf das genaueste kannte, für die schauspielerische Wirkung das feinste Verständnis hatte.
[ 3 ] Shakespeare’s works themselves, however, serve as evidence of his authorship. His plays reveal that they were written by a man who knew the theater intimately and possessed the finest understanding of dramatic effect.
[ 4 ] Es entsprach nur einer allgemeinen Sitte der damaligen Zeit, wenn Shakespeare selbst keine Ausgabe seiner Werke veranstaltete. Kein einziges seiner Dramen ist bei seinen Lebzeiten gedruckt. Die Stücke wurden ängstlich gehütet vor dem Bekanntwerden durch den Druck; die Leute sollten ins Theater kommen, um dort die Stücke zu sehen, nicht sie zu Hause lesen. Alles, was etwa damals entstehen konnte, waren Raubdrucke, die mit Hilfe der damals aufkommenden Stenographie während der Vorstellung nachgeschrieben wurden, und so nicht den authentischen Text, sondern mannigfache Verstümmelungen und Fehler enthielten.
[ 4 ] It was simply in keeping with the general custom of the time that Shakespeare himself did not publish an edition of his works. Not a single one of his plays was printed during his lifetime. The plays were jealously guarded against being made public through printing; people were meant to come to the theater to see the plays there, not to read them at home. All that could have been produced at the time were pirated editions, transcribed during performances using the then-emerging art of shorthand, and thus containing not the authentic text but numerous distortions and errors.
[ 5 ] Diese teilweisen Lücken und Fehler haben einzelne Forscher dazu geführt, zu behaupten, daß die Werke Shakespeares, so wie sie vorlägen, gar keine besonderen Kunstwerke seien, sondern daß sie ursprünglich ganz anders zusammengestellt gewesen seien. Ein Vertreter dieser Ansicht ist Eugen Reichel, der in dem Dichter der Shakespeare-Dramen den Vertreter einer bestimmten Weltanschauung glaubt sehen zu dürfen. Demgegenüber bleibt aber doch bestehen, daß diese Dramen, so wie sie sind, solch außerordentlichen Eindruck machen. Bei Werken, von denen wir bestimmt wissen, daß sie verstümmelt sind, wie zum Beispiel bei «Macbeth», sehen wir diese hinreißende Wirkung. Einen Beweis dafür bot die Aufführung von «Heinrich V.» bei der Eröffnung des Lessing-Theaters unter der Direktion Neumann-Hofer, die trotz spottschlechter Übersetzung und nicht guter Aufführung einen gewaltigen Eindruck hervorrief.
[ 5 ] These occasional gaps and errors have led some scholars to claim that Shakespeare’s works, as they currently stand, are not works of art in their own right, but that they were originally compiled quite differently. One proponent of this view is Eugen Reichel, who believes he can see in the author of the Shakespearean plays the representative of a particular worldview. Nevertheless, the fact remains that these plays, as they are, make such an extraordinary impression. We see this captivating effect even in works that we know for certain are incomplete, such as Macbeth. Proof of this was provided by the performance of Henry V at the opening of the Lessing Theater under the direction of Neumann-Hofer, which made a tremendous impression despite a dreadfully poor translation and a subpar performance.
[ 6 ] Die Dramen Shakespeares sind in erster Linie Charakterdramen. Nicht hauptsächlich in der Handlung, sondern in der großartigen Entwickelung der einzelnen Charaktere liegt das gewaltig Interessierende dieser Dichtungen. Gerade darin, daß der Dichter einen menschlichen Charakter vor uns hinstellt, ihn sich vor uns ausleben läßt, ihn schildert in all seinem Denken, seinem Empfinden, in dem Darstellen einer einzelnen Persönlichkeit.
[ 6 ] Shakespeare’s plays are, first and foremost, character-driven dramas. The tremendous appeal of these works lies not primarily in the plot, but in the magnificent development of the individual characters. It is precisely in the way the poet presents a human character before us, allows that character to live out his or her life before our eyes, and portrays him or her in all his or her thoughts and feelings—in the depiction of a single personality—that lies the work’s immense appeal.
[ 7 ] Diese Kunstentwickelung, die in Shakespeare ihre Vollendung erreichte, war erst möglich durch die vorhergegangene Kulturentwickelung der Renaissanceperiode. Erst durch die aus dieser Renaissancekultur sich ergebende höhere Bewertung der Einzelpersönlichkeit, war das Charakterdrama Shakespeares möglich. Im früheren Mittelalter sehen wir selbst bei Dante, trotz all seiner starken Persönlichkeit, doch im Grunde den Ausdruck der christlichen Ideen, wie sie sich damals darstellten. Der christliche Typus seiner Zeit trat in den Vordergrund gegenüber dem Einzelpersönlichen. Es lag dies eben in der allgemeinen Auffassung. Das christliche Prinzip hatte kein Interesse an der einzelnen Persönlichkeit. Erst allmählich bildete sich unter der neuen Anschauungsweise das Interesse am einzelnen Menschen heraus.
[ 7 ] This artistic development, which reached its pinnacle in Shakespeare, was made possible only by the preceding cultural developments of the Renaissance period. It was only through the greater appreciation of the individual personality that emerged from this Renaissance culture that Shakespeare’s character drama became possible. In the early Middle Ages, even in Dante—despite his strong personality—we see, at its core, the expression of Christian ideas as they were understood at the time. The Christian archetype of his era took precedence over the individual personality. This was simply the prevailing view. The Christian principle had no interest in the individual personality. Only gradually, under the new worldview, did an interest in the individual human being emerge.
[ 8 ] Der Umstand, daß Shakespeares Ruhm sich so bald verbreitete, beweist, daß er eine Zuhörerschaft fand, die ein großes Theaterinteresse besaß, also Sinn und Verständnis in reichem Maße mitbrachte für die Darstellung der Persönlichkeit, wie sie Shakespeare ihnen bot. Es ist Shakespeare eben auf diese Charakterdarstellung angekommen; ihm lag es fern, seinen Zuhörern eine ethische oder moralische Idee zu entwickeln. Die Idee einer tragischen Schuld beispielsweise, mit der Schiller glaubte seinen Helden belasten zu müssen, um seinen Untergang zu rechtfertigen, lag Shakespeare vollständig fern. Er läßt die Ereignisse sich entwickeln, so wie sich Naturvorgänge abspielen, folgerichtig eines aus dem anderen hervorgehend, doch nicht von dem Gedanken an Schuld und Sühne beeinflußt. Es würde schwer sein, einen Schuldbegriff in diesem Sinne bei einem der Shakespeare-Dramen nachzuweisen.
[ 8 ] The fact that Shakespeare’s fame spread so quickly proves that he found an audience that took a keen interest in theater—an audience that thus possessed a rich sense of and understanding for the portrayal of character that Shakespeare offered them. It was precisely this characterization that mattered to Shakespeare; he was far from seeking to instill any ethical or moral ideas in his audience. The idea of tragic guilt, for example—which Schiller believed he had to impose on his heroes to justify their downfall—was completely foreign to Shakespeare. He allows events to unfold just as natural processes do, each arising logically from the next, yet without being influenced by the notion of guilt and atonement. It would be difficult to identify a concept of guilt in this sense in any of Shakespeare’s plays.
[ 9 ] Auch nicht um die Darstellung einer Idee war es Shakespeare zu tun, nicht die Eifersucht im «Othello», nicht den Ehrgeiz im «Macbeth», nein, den bestimmten Charakter des Othello, des Hamlet, des Macbeth wollte er darstellen. Dadurch gerade konnte er so große Charaktere schaffen, weil er seine Gestalten nicht mit einer Theorie beschwerte. Er kannte die Bühne von Grund aus, er wußte, wie ein Vorgang sich wirksam darstellte, und gerade er als Praktiker konnte den Vorgang so entwickeln, daß er die Hörer mit sich fortriß. — Es gibt keine Dramen in der ganzen Weltliteratur, die so sehr vom schauspielerischen Standpunkt aus gedacht sind. Das sichert dem Schauspieler Shakespeare den Ruhm, diese Dramen gedichtet zu haben.
[ 9 ] Nor was Shakespeare concerned with portraying an idea—not jealousy in Othello, not ambition in Macbeth—no, he wanted to portray the specific character of Othello, of Hamlet, of Macbeth. It was precisely this approach that allowed him to create such great characters, because he did not burden his figures with theory. He knew the stage inside and out; he knew how to present a scene effectively, and it was precisely as a practitioner that he was able to develop the action in such a way that it swept the audience along. — There are no plays in the entire canon of world literature that are so thoroughly conceived from the actor’s perspective. This is what ensures Shakespeare’s fame as the playwright who wrote these plays.
[ 10 ] Shakespeare wurde im Jahre 1564 in Stratford geboren, sein Vater war ein wohlhabender Bürger, und er besuchte die Lateinschule seiner Heimatstadt. Um sein Jugendleben haben sich vielfach Legenden gebildet; man behauptet, er sei ein Wilddieb gewesen und habe ein Abenteurerleben geführt. All das ist auch gegen die Autorschaft Shakespeares geltend gemacht worden, und doch ist all das gerade seiner Dichtung zugute gekommen. Schon der Umstand, daß er, zwar mit einer guten Bildung ausgerüstet, doch von dem eigentlichen Studium verschont geblieben war, sicherte ihm die Möglichkeit, den Dingen viel freier und unbefangener gegenüberzustehen, sie unbeschwert von dem Wust der Büchergelehrsamkeit zu sehen. Und gerade aus der Abenteurernatur des Dichters erklären sich einige der größten Vorzüge seiner Werke. Der kühne Flug der Phantasie, der jähe Wechsel der Begebenheiten, die Leidenschaft und Kühnheit, all das spricht für einen Menschen, der auch im Leben viel herumgeworfen worden war, der selbst ein bewegtes Leben geführt haben mußte.
[ 10 ] Shakespeare was born in Stratford in 1564; his father was a wealthy citizen, and he attended the Latin school in his hometown. Many legends have sprung up around his early life; it is claimed that he was a poacher and led the life of an adventurer. All of this has also been cited as evidence against Shakespeare’s authorship, and yet all of it has actually benefited his poetry. The very fact that, although well-educated, he had been spared formal academic study ensured that he could approach things much more freely and impartially, viewing them unburdened by the clutter of bookish learning. And it is precisely the poet’s adventurous nature that explains some of the greatest merits of his works. The bold flight of imagination, the sudden shifts in events, the passion and daring—all of this speaks to a man who had been tossed about in life, who must himself have led an eventful life.
[ 11 ] Nachdem die Vermögensverhältnisse von Shakespeares Vater sich verschlechtert hatten, kam Shakespeare im Jahre 1585 nach London. In der denkbar untergeordnetsten Tätigkeit begann er seine Laufbahn beim Theater; er hielt die Pferde der Theaterbesucher, während diese der Vorstellung beiwohnten. Später rückte er zum Aufseher einer Anzahl solcher Pferdejungen auf, bis er endlich auf der Bühne selbst Verwendung fand und im Jahre 1592 seine erste größere Rolle spielen durfte.
[ 11 ] After Shakespeare’s father’s financial situation had deteriorated, Shakespeare came to London in 1585. He began his career in the theater in the most menial of jobs; he looked after the horses of theatergoers while they attended the performances. Later, he was promoted to supervisor of a number of such stable boys, until he was finally given a role on stage himself and was allowed to play his first major role in 1592.
[ 12 ] Nun breitete sich sein Ruhm bald aus: als Schauspieler, als Theaterdichter; mit ihm wuchs sein Wohlstand, so daß er im Jahre 1597 schon ein Haus in Stratford kaufen konnte. Besonders, nachdem er Mitbesitzer des Globe-Theaters geworden ‚war, wurde er zu einem sehr wohlhabenden Mann.
[ 12 ] His fame soon spread—as an actor and as a playwright—and his wealth grew along with it, so that by 1597 he was already able to buy a house in Stratford. Especially after he became a co-owner of the Globe Theatre, he became a very wealthy man.
[ 13 ] Die Dramen der ersten Periode Shakespeares «Verlorene Liebesmüh», «Wie es euch gefällt», einige der Königsdramen sind noch nicht so wesentlich verschieden von anderen Dramen der gleichen Zeit, wie sie von Marlowe und anderen geschaffen wurden; auch wurde noch die Kraft des Ausdrucks, die Reinheit und Natürlichkeit durch eine der damaligen Mode entsprechende gewisse Künstlichkeit der Sprache beeinträchtigt. Erst allmählich folgten dann die großen Charakterdramen: «Othello», «Hamlet», «Macbeth», «König Lear», «Julius Cäsar», «Coriolan», die für alle Zeiten den Ruhm Shakespeares begründen sollten. Aus einer Anzahl seiner letzten Werke wollen dann einige seiner Biographen und Schilderer auf trübe Erfahrungen und Erlebnisse schließen, die der Dichter in jener Zeit gehabt, und die ihn zu einer bitteren Lebensauffassung geführt hätten. Doch ist eine solche Folgerung bei Shakespeare gerade sehr schwer zu begründen, da er wie kein anderer Dichter hinter seinen Figuren zurücktritt. Nicht was er über eine Sache denkt, bringt er durch den Murtd seiner Gestalten zum Ausdruck, sondern er läßt jede einzelne ihrem Charakter gemäß denken und handeln.
[ 13 ] The plays of Shakespeare’s early period—“Love’s Labour’s Lost,” “As You Like It,” and some of the royal plays—are not yet significantly different from other plays of the same period, such as those written by Marlowe and others; and the power of expression, purity, and naturalness were still compromised by a certain artificiality of language that was in keeping with the fashion of the time. Only gradually did the great character dramas follow: Othello, Hamlet, Macbeth, King Lear, Julius Caesar, and Coriolanus, which were to establish Shakespeare’s fame for all time. Based on a number of his later works, some of his biographers and critics have sought to infer that the poet had undergone gloomy experiences and events during that period, which they claim led him to a bitter view of life. Yet such a conclusion is particularly difficult to justify in Shakespeare’s case, since he, like no other poet, steps back behind his characters. He does not express his own thoughts on a matter through the mouths of his characters, but rather allows each one to think and act in accordance with their own character.
[ 14 ] Müßig erscheint daher auch die Frage, welchen Standpunkt Shakespeare selbst den verschiedenen Fragen gegenüber einnahm. Nicht Shakespeare... Hamlet grübelt über Sein oder Nichtsein; er erschrickt vor dem Geiste des Vaters, wie Macbeth vor den Hexen auf der Heide. Ob Shakespeare an Hexen, an Geister geglaubt, ob er ein Gläubiger, ein Freigeist gewesen, es kommt hierbei gar nicht in Betracht. Er stellte sich die Frage: Wie muß ein Geist, eine Hexe auf der Bühne sich darstellen, um die Wirkung auf den Zuhörer auszuüben, die er beabsichtigte. Und daß die Wirkung der Shakespeareschen Gestalten bis heute die gleich große geblieben ist, beweist eben, wie er sich diese Frage beantwortete.
[ 14 ] It therefore seems pointless to ask what position Shakespeare himself took on these various questions. It is not Shakespeare... Hamlet ponders “To be or not to be”; he is terrified by his father’s ghost, just as Macbeth is by the witches on the moor. Whether Shakespeare believed in witches or ghosts, whether he was a man of faith or a free spirit, is entirely irrelevant here. He asked himself: How must a ghost or a witch be portrayed on stage in order to have the effect on the audience that he intended? And the fact that the impact of Shakespeare’s characters has remained just as great to this day proves exactly how he answered that question.
[ 15 ] Dabei darf nicht vergessen werden, daß eigentlich die Verhältnisse unserer heutigen Bühne der Wirkung der Shakespeareschen Dramen nicht besonders günstig sind. Der Wert, der heute auf die Ausstattung, auf allerlei Beiwerk gelegt wird, der häufige Szenenwechsel, all das beeinträchtigt die Wirkung der Charakterschilderung, die eben die Hauptsache bleibt. Zu Shakespeares Zeiten, als man eine Änderung der Szene einfach durch eine ausgehängte Tafel andeutete, als ein Stuhl und Tisch für die Ausstattung eines königlichen Palastes genügten, mußte in dieser Hinsicht die Wirkung eine noch bedeutend größere sein.
[ 15 ] It should not be forgotten that, in fact, the conditions of today’s stage are not particularly conducive to the impact of Shakespeare’s plays. The emphasis placed today on set design and all manner of props, along with frequent scene changes—all of this detracts from the portrayal of character, which remains the essential element. In Shakespeare’s time, when a change of scene was simply indicated by a sign being hung up, and when a chair and a table were sufficient to represent the furnishings of a royal palace, the impact in this regard must have been even greater.
[ 16 ] Während aber bei einem heutigen Dichter so unendlich vieles in der Aufführung von all dem Beiwerk abhängt — wie ja auch heute die Dichter meist ganz genau die Ausstattung der Räume und so weiter bis in alle Details vorschreiben, so daß bei einer schlechten Aufführung die Wirkung vollständig versagt —, wirken Shakespeares Dramen gewaltig auch in der mangelhaftesten Aufführung.
[ 16 ] But while for a modern playwright so much depends on the staging of all these details—just as even today playwrights usually prescribe the set design and so on down to the smallest details, so that a poor production completely fails to have the desired effect—Shakespeare’s plays are powerful even in the most inadequate productions.
[ 17 ] Und wenn eine Zeit kommt, in der wir wieder mehr auf das Wesentliche sehen, als es heute der Fall ist, dann wird die Wirkung von Shakespeares Kunst eine immer gewaltigere werden: durch die Kraft der Charakterschilderung, in der sie durch die Jahrhunderte lebendig und unerreicht geblieben ist.
[ 17 ] And when the time comes that we once again focus more on what is essential than we do today, the impact of Shakespeare’s art will become ever more powerful: through the power of his character portrayals, which have remained vivid and unrivaled throughout the centuries.
