Philosophy, History and Literature
GA 51
19 July 1904, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
3. Über römische Geschichte
3. On Roman History
[ 1 ] Wir haben gesehen, daß etwa achthundert Jahre vor dem Beginn unserer Zeitrechnung von Rom aus ein Reich sich ausbreitete, das ursprünglich seinen Ausgang genommen hat von einer Art von Priesterkönigtum; wie dieses Priesterkönigtum dann übergegangen ist durch etwa zweieinhalb Jahrhunderte in eine Republik. Dann sehen wir den römischen Staat durch fünf Jahrhunderte hindurch sich ausbreiten über die ganze damals in Betracht kommende Welt. Wir sehen also etwa siebenhundert Jahre vor Christi Geburt in Rom einen König herrschen, welcher bekleidet ist zu gleicher Zeit mit der höchsten damaligen priesterlichen Würde. Dieses Amt hat sich erhalten. Der Träger desselben, dem damals die Königswürde mit zukam in den älteren Zeiten, bevor es weltliche Könige in Rom gab, hieß Pontifex Maximus. Einen Pontifex Maximus sehen wir also an der Spitze des römischen Staates stehen, im Aufgange dieses Staates. Wir sehen dann, wie die Würde des Pontifex Maximus allmählich herabgedrückt wird, so daß ihm nur noch die priesterlichen Formen verbleiben. Wir sehen, daß der Rex, der König noch besteht, der aber eigentlich nur noch ein Schatten der ursprünglichen Persönlichkeit ist. Nun sehen wir die Republik immer mehr und mehr sich ausdehnen und in der Zeit, in der im Osten das Christentum gestiftet wird, sehen wir in Rom wieder eine Persönlichkeit alle Gewalt, alle Macht in Händen haben in dem Kaiser Augustus. Er findet es angemessen, notwendig damals, sich übertragen zu lassen, neben anderen Ämtern der Republik, die Würde des Pontifex Maximus. So haben wir im Anfange unserer Zeitrechnung in Rom wieder den Pontifex Maximus mit der höchsten Gewalt. Aber das ist ein Pontifex Maximus, ein Oberpriester, dessen Gewalt nicht auf dem Priesteramt, sondern dessen Gewalt einzig und allein auf seiner weltlichen Macht beruht.
[ 1 ] We have seen that, about eight hundred years before the beginning of our era, an empire spread out from Rome that originally arose from a kind of priest-kingship; and how this priest-kingship then evolved into a republic over the course of about two and a half centuries. We then see the Roman state expand over the course of five centuries to encompass the entire known world of that time. Thus, we see a king reigning in Rome about seven hundred years before the birth of Christ, who simultaneously held the highest priestly office of the time. This office has been preserved. The holder of this office, who in earlier times—before there were secular kings in Rome—also held the royal title, was called the Pontifex Maximus. We thus see a Pontifex Maximus standing at the head of the Roman state during its rise. We then see how the dignity of the Pontifex Maximus is gradually diminished, so that only the priestly rites remain to him. We see that the Rex, the king, still exists, though he is in fact merely a shadow of his original persona. Now we see the Republic expanding more and more, and at the time when Christianity was founded in the East, we see in Rome once again a single figure holding all authority and all power in his hands: Emperor Augustus. He deemed it appropriate and necessary at that time to have the office of Pontifex Maximus conferred upon him, in addition to other offices of the Republic. Thus, at the beginning of our era, we once again have the Pontifex Maximus in Rome wielding supreme authority. But this is a Pontifex Maximus, a high priest, whose authority is not based on the priestly office, but rests solely and exclusively on his secular power.
[ 2 ] Und wir sehen wenige Jahrhunderte, etwa fünfhundert Jahre darnach, diese weltliche Macht des römischen Gewalthabers vollständig vernichtet. Dafür aber sehen wir wieder einen Pontifex Maximus, einen Oberpriester, einen römischen Bischof, den späteren Papst, der wieder die Würde des Pontifex Maximus trägt. Und etwa im Jahre 800 n. Chr. empfing derjenige Fürst, der am meisten genannt wird, der herrschte über diejenigen, die den weltlichen Pontifex Maximus in Rom gestürzt haben, die weltliche Königskrone von diesem Pontifex Maximus. Er unterwarf die weltliche Herrschaft vollständig der priesterlichen Herrschaft, der priesterlichen Gewalt. Und nun beginnt das römische Reich, das Heilige Römische Reich.
[ 2 ] And a few centuries—about five hundred years—later, we see this secular power of the Roman ruler completely destroyed. Instead, however, we see once again a Pontifex Maximus, a high priest, a Roman bishop—the future pope—who once again holds the title of Pontifex Maximus. And around the year 800 A.D., the prince who is most often mentioned—the one who ruled over those who had overthrown the secular Pontifex Maximus in Rome—received the secular royal crown from this Pontifex Maximus. He completely subordinated secular rule to priestly rule, to priestly authority. And now the Roman Empire, the Holy Roman Empire, begins.
[ 3 ] So sehen wir eine Wandlung in der Geschichte sich vollziehen. Wir sehen, das einzige was geblieben ist, was sich fortgepflanzt hat, ‚das ist die Würde des Oberpriesters in Rom. Ringsherum haben sich Wandlungen von einer weltgeschichtlich einschneidenden Bedeutung vollzogen, die man auch einmal von einem höheren Gesichtspunkt aus überblicken muß, um sie vollständig zu verstehen.
[ 3 ] Thus we see a transformation taking place in history. We see that the only thing that has remained, the only thing that has endured, is “the dignity of the High Priest in Rome.” All around it, transformations of far-reaching significance in world history have taken place, which must also be viewed from a higher perspective in order to be fully understood.
[ 4 ] Wir werden uns vor allen Dingen fragen müssen: wie hat sich diese Wandlung vollzogen in dem Zeitpunkt, in dem wir jetzt stehen, in dem das Christentum seinen Anfang genommen hat, also im Anfange unserer Zeitrechnung? Wie ist es gekommen, auf der einen Seite, daß ein weltlicher Machthaber die ganze Herrschaft über die damalige Welt hatte, und daß diese ungeheure Macht vollständig zerstört war wenige Zeit hernach; daß das Volk, auf dem diese Macht beruht hat, aufgehört hat eine Rolle zu spielen, eine Macht zu sein? Wie kommt es, daß fünfhundert Jahre nach dem Beginn unserer Zeitrechnung das römische Kaisertum zerstört war, und daß in Rom der römische Priester als ein Fürst saß, mit ebensolcher Macht über die Seelen, wie sie einstmals der römische Kaiser, der Cäsar, in weltlicher Beziehung hatte?
[ 4 ] Above all, we must ask ourselves: How did this transformation take place at the very moment in which we now find ourselves—the moment when Christianity began, that is, at the beginning of our calendar? How did it come to be, on the one hand, that a secular ruler held complete dominion over the world of that time, and that this immense power was completely destroyed shortly thereafter; that the people upon whom this power was based ceased to play a role, to be a force? How is it that five hundred years after the beginning of our era, the Roman Empire had been destroyed, and that in Rome the Roman priest sat as a prince, wielding just as much power over souls as the Roman emperor, Caesar, had once wielded in secular matters?
[ 5 ] Zwei große Strömungen sind es, die das bewirken, zwei Strömungen von einer Wichtigkeit und einer Bedeutung, wie sie wenige in der Geschichte haben. Es ist auf der einen Seite die Ausbreitung des Christentums von Osten her, und auf der anderen Seite sind es die wandernden Kriegszüge der Germanen. Das römische Reich wird von zwei Seiten bedroht: in geistiger Beziehung von Osten und in weltlicher Beziehung von Norden. Alles das, was früher die Größe des Römerreiches ausgemacht hat, war nicht mehr da in einer gewissen Beziehung. Aber etwas anderes war da. Es waren die äußeren Formen dieses römischen Reiches geblieben. Es war dasjenige geblieben, was die eigentliche Bedeutung dieses römischen Reiches ausmachte, das was ursprünglich die Größe des römischen Weltreiches bedingte. Es war das römische Denken, die römische Weltanschauung in bezug auf die äußeren Einrichtungen geblieben. Wir werden sehen, bis zu welchem Grade diese erhalten geblieben sind. Zwar war aller frühere Inhalt aus diesem Reiche ausgetrieben. Aber die bloße Form, das äußere Kleid war geblieben. Und hineingegossen in diese Form war etwas anderes, nämlich das Christentum, das jetzt in denselben Formen auftritt wie das römische Kaisertum. Das, worauf die Herrschaft der Römer beruhte, das hatten die nordischen Völkerschaften zerstört. Es ist das eine eigentümliche Geschichte, denn es ist vom römischen Reiche mindestens soviel geblieben als zugrunde gegangen ist. Und was davon geblieben ist, davon erzählt die Geschichte der katholischen Kirche, was davon ferner geblieben ist, das erzählt das, was wir täglich erleben können. Gehen Sie in einen Gerichtssaal und sehen Sie, wie da angeklagt, verteidigt und Recht gesprochen wird. Das ist das römische Recht. Dieses Recht ist in Rom geschaffen worden und heute noch vorhanden. Wir leben in Einrichtungen, welche ganz durchsetzt sind von Anschauungen dieses römischen Reiches. Alles, was wir noch denken von Rechts-, Eigentums- und Besitzverhältnissen, was wir denken über Familienverhältnisse und so weiter, das führt seinem Ursprung nach, wenn wir es entwickelungs-geschichtlich verfolgen, auf das alte römische Reich zurück, trotzdem das Volk, aus dem das alles hervorgegangen ist, fünfhundert Jahre nach Christi Geburt seine äußere Macht und Bedeutung in der Weltgeschichte verloren hat.
[ 5 ] Two major trends are responsible for this—two trends of such importance and significance as few others in history have had. On the one hand, there is the spread of Christianity from the East, and on the other, the migratory military campaigns of the Germanic tribes. The Roman Empire is threatened from two sides: spiritually from the East and secularly from the North. Everything that had previously defined the greatness of the Roman Empire was, in a certain sense, no longer there. But something else was there. The outward forms of this Roman Empire had remained. What had remained was the very essence of the Roman Empire—that which had originally determined the greatness of the Roman world empire. Roman thought and the Roman worldview, as reflected in its outward institutions, had endured. We shall see to what extent these have been preserved. True, all of the empire’s former substance had been driven out. But the mere form, the outer shell, had remained. And poured into this form was something else, namely Christianity, which now appears in the same forms as the Roman Empire. The very foundation upon which Roman rule rested had been destroyed by the Nordic peoples. It is a peculiar story, for at least as much of the Roman Empire has survived as has perished. And what has survived is recounted by the history of the Catholic Church; what has further survived is evident in what we experience every day. Go into a courtroom and see how people are prosecuted, defended, and justice is administered. That is Roman law. This law was created in Rome and still exists today. We live within institutions that are thoroughly permeated by the ideas of that Roman Empire. Everything we still think about legal, property, and ownership relationships—what we think about family relationships and so on—traces its origins, if we trace its historical development, back to the ancient Roman Empire, even though the people from whom all this emerged lost their external power and significance in world history five hundred years after the birth of Christ.
[ 6 ] Wir haben die Ausbreitung Roms über den Erdkreis beschrieben, wir haben gesehen, wie von diesem damaligen Weltmittelpunkt aus Rom in alle bekannten, damals in Betracht kommenden Länder seine Herrschaft ausdehnte. Wir haben aber auch gesehen, worauf eigentlich die Möglichkeit beruhte, daß Rom so mächtig wurde. Wir haben das römische Volk nach und nach in seiner ganzen Entwikkelung betrachtet, und wir haben gesehen, daß mit einer gewissen Notwendigkeit aus der ganzen Anlage und dem ganzen Charakter dieses Volkes, sich die Art entwickelte, wie dieses Volk seine Weltherrschaft begründete. Wir haben zu gleicher Zeit gesehen, wie gerade aus dieser Art zuletzt der Verfall der römischen Weltherrschaft hervorgehen mußte, und dieser hängt so innig zusammen mit der Entstehung, daß wir dieselben Gedanken gebrauchen müssen, die wir gebrauchten, als wir von der Entstehung sprachen. Wir haben gesehen, daß der römische Grundbesitz, in unermeßlicher Gier erworben, den Reichtum ins Unermeßliche steigern und dagegen auf der anderen Seite eine Armut, ebenso ins Unermeßliche gesteigert, hervorbringen mußte, so daß wir auf der einen Seite Luxus und Reichtum und auf der anderen Seite Unzufriedenheit sehen.
[ 6 ] We have described Rome’s expansion across the globe; we have seen how, from this center of the world at that time, Rome extended its rule over all known lands that were relevant at the time. But we have also seen what actually made it possible for Rome to become so powerful. We have examined the Roman people step by step throughout their entire development, and we have seen that the manner in which this people established its world domination developed, as it were, out of a certain necessity arising from the entire nature and character of this people. At the same time, we have seen how it was precisely this method that ultimately led to the decline of Roman world domination, and this decline is so intimately connected with its rise that we must employ the same line of reasoning we used when discussing its rise. We have seen that Roman land ownership, acquired with boundless greed, was bound to increase wealth to immeasurable proportions and, conversely, to produce poverty that was likewise increased to immeasurable proportions, so that we see luxury and wealth on the one hand and discontent on the other.
[ 7 ] Wir haben auch gesehen, worauf alles das beruhte, wodurch Rom groß geworden ist. Wir haben gesehen, was es hieß, ein römischer Bürger zu sein. In diese Denkweise müssen wir uns hineinversetzen. Wir haben gesehen, wie die Cives, die römischen Bürger, ihr Interesse am Staate hatten, wie jeder römische Bürger sich berufen fühlt mitzureden, mitzuraten, wie also die Stimme des einzelnen in Betracht kam. Das drückt sich darin aus, wie in Rom regiert wurde, wie die sämtlichen Ämter so aufgefaßt wurden, daß die Regierungsgewalt in den Händen der gesamten Bürgerschaft lag. Diejenigen, welche während der republikanischen Zeit der Römer das Reich verwalteten, waren nichts anderes als Verweser der bürgerlichen Gewalt. Übertragen war ihnen für Jahresfrist, aber auch für andere Fristen, das, was die Bedeutung ihres Amtes ausmachte. Niemals dachte ein römischer Bürger anders als daß das, was der Prätor tat, eigentlich ihm zugut kommt und daß jener es nur in seiner Vertretung tat. Als Stellvertreter sah der Römer den Konsul, den Quästor, den Prätor an. Und worauf beruhte dieses? Es beruhte darauf, daß die denkbar kürzesten Wahlperioden eingeführt waren, so daß im Grunde genommen niemals einer ein Amt längere Zeit inne hatte. Etwas anderes als Vertrauen zwischen denjenigen, die gewählt waren, und denjenigen, die wählten, war nicht vorhanden. Es konnte ein Mißtrauen zwischen einer regierenden Persönlichkeit und dem Volke nicht geben. Es konnten Zwischenfälle vorkommen während der kurzen Regierungszeit eines Tribuns, aber im großen und ganzen war diese Regierung ganz auf das Vertrauen aufgebaut. Es war eine übertragene Gewalt, und der Römer verstand das. Er verstand, was das heißt, daß er der Herr ist und der andere, dem die Regierungsgewalt übertragen war, diese nur in Vertretung führte. Das geht daraus hervor, wie der Römer das Glied eines Rechtsvolkes war. Erst in späterer Zeit wurde es etwas anders. Versuchen Sie heute einmal einen Gebildeten — er kann sogar sehr gebildet sein — zu fragen, welches der juristische Unterschied ist zwischen dem Begriff «Eigentum» und dem Begriff «Besitz». Das sind zwei Begriffe, die aus dem römischen Recht stammen. Ich bin überzeugt, Sie können weit herumgehen, selbst bei Leuten, die viel gelernt haben, und man wird Ihnen den Unterschied kaum sagen können. Hätten Sie einen römischen Bauern gefragt, der hätte ganz gewiß gewußt den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum. So wie man im Mittelalter die Zehn Gebote gelernt hat, so hat jeder römische Knabe die zwölf Gesetzestafeln schon in der Schule gelernt. Die Römer waren ein Rechtsvolk, und. in Fleisch und Blut ging ihnen das Recht über.
[ 7 ] We have also seen what lay at the foundation of everything that made Rome great. We have seen what it meant to be a Roman citizen. We must put ourselves in that frame of mind. We have seen how the cives, the Roman citizens, took an interest in the state, how every Roman citizen felt called upon to have a say and to participate in deliberations, and thus how the voice of the individual was taken into account. This is reflected in how Rome was governed, in how all public offices were conceived in such a way that governing power lay in the hands of the entire citizenry. Those who administered the empire during the Roman Republic were nothing more than stewards of civic authority. The responsibilities that defined their offices were entrusted to them for a term of one year, or for other periods as well. No Roman citizen ever thought otherwise than that what the praetor did was actually for his benefit and that the praetor was merely acting on his behalf. The Romans regarded the consul, the quaestor, and the praetor as their representatives. And on what was this based? It was based on the fact that the shortest possible terms of office had been introduced, so that, in essence, no one ever held office for a long period of time. There was nothing other than trust between those who were elected and those who elected them. There could be no mistrust between a governing figure and the people. Incidents might occur during the brief term of a tribune, but on the whole, this government was built entirely on trust. It was delegated authority, and the Roman understood this. He understood what it meant that he was the master and that the other, to whom governing power was delegated, exercised it only on his behalf. This is evident from the way the Roman was a member of a community governed by law. It was only in later times that things changed somewhat. Try asking an educated person today—even someone who is highly educated—what the legal difference is between the concept of “ownership” and the concept of “possession.” These are two concepts that originate in Roman law. I am convinced that you could ask around widely, even among people who are highly educated, and they would hardly be able to explain the difference to you. If you had asked a Roman peasant, he would certainly have known the difference between possession and ownership. Just as people in the Middle Ages learned the Ten Commandments, every Roman boy learned the Twelve Tables of Law in school. The Romans were a people of law, and the law was ingrained in their very being.
[ 8 ] Nun dehnte sich aber die römische Herrschaft über unermeßliche Gebiete und viele Provinzen aus. Sie können sich denken, daß ein solches Staatsgefüge nur so lange zusammenhalten kann in der Weise, wie wir es kennengelernt haben, als es eine bestimmte Größe nicht übersteigt. In dem Augenblicke aber, wo die vielen Provinzen erobert worden waren, konnte das nicht mehr so sein. Es tauchte der Unterschied zwischen dem römischen Urstaat und den Provinzen auf. Das römische Bürgerrecht wird den Provinzen versagt. Die Provinzen haben keine Rechte, sie sind Unterjochte. Das geht Hand in Hand mit den übrigen EntwickeJungsstadien, mit der Ausdehnung des Großgrundbesitzes und den damit verknüpften Problemen der Vererbung. Es geht Hand in Hand mit dem Heraufkommen eines ungeheuren Proletariats. Das Überhandnehmen des Proletariats hängt damit zusammen, daß das alte Bürgerheer sich allmählich verwandelte in ein Heer von Söldnertruppen, welche einzelne führende Persönlichkeiten wie Marius und so weiter anwarben. So sehen wir, daß neben dem alten römischen Bürger sich entwickelte eine Art von Militärmacht, die demjenigen gefügig ist, der gerade die Gunst dieser Militärmacht erringen kann. Wir sehen ferner, daß Menschen wie Gracchus bemüht sind, den Untergang des römischen Reiches dadurch aufzuhalten, daß sie eine Art von Mittelpartei schaffen wollen. Ich habe Ihnen die Gracchen-Bewegung ja geschildert. Jetzt hat noch das Bedeutung, daß der jüngere Gracchus eine Mittelpartei hat schaffen wollen. — Diese sollte aus solchen Leuten bestehen, die Senatoren waren und ausgetreten sind. Es war also eine Art von Ritterschaft. Diese Ritterschaft war es, die von den Proletariern befeindet worden war.
[ 8 ] Roman rule, however, expanded to encompass vast territories and many provinces. You can imagine that such a state structure can only hold together in the way we have come to know it as long as it does not exceed a certain size. But once the many provinces had been conquered, this could no longer be the case. A distinction emerged between the original Roman state and the provinces. Roman citizenship was denied to the provinces. The provinces had no rights; they were subjugated. This went hand in hand with the other stages of development, with the expansion of large-scale landownership and the associated problems of inheritance. It went hand in hand with the emergence of a vast proletariat. The rise of the proletariat is linked to the fact that the old citizen army gradually transformed into an army of mercenary troops recruited by individual leaders such as Marius and others. Thus, we see that alongside the old Roman citizen, a kind of military power developed that was subservient to whoever could win the favor of that military power at any given time. We also see that men like Gracchus are striving to halt the decline of the Roman Empire by seeking to create a kind of centrist party. I have already described the Gracchi movement to you. It is also significant that the younger Gracchi sought to create a centrist party—one that was to consist of people who had been senators but had resigned. It was, in other words, a kind of knighthood. It was this knighthood that had become the enemy of the proletarians.
[ 9 ] Nun hatte sich etwas ganz Besonderes in Rom zugetragen in der Zeit, in der die Cäsarenmacht heraufkam. Diese Ritterschaft sollte eine Macht bilden gegen die großen Grundbesitzer, gegen die sogenannten Optimaten. Es sollten die alten Ackergesetze erneuert werden. Niemand sollte mehr als fünfhundert Morgen Land haben, höchstens noch für erwachsene Söhne zweihundertfünfzig Morgen dazu, jedenfalls höchstens tausend Morgen. Der andere Boden sollte als kleinere Besitzungen diesem Mittelstande übergeben werden. Dadurch glaubte man eine Mittelschicht zu schaffen zwischen den Großgrundbesitzern und dem Proletariat. Das ist aber mißglückt, weil das Proletariat mißtrauisch geworden war und weil es eine Partei zwischen sich selbst und den eigentlichen Besitzern nicht dulden wollte. Die Mittelpartei schlug sich zuletzt auch zu den Optimaten. Dadurch haben wir also jetzt das Proletariat auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine Art von Ordnungspartei. Das hat sich herausgebildert in der letzten Zeit. Die republikanische Gewalt ist ganz allmählich, fast unbemerkt in die cäsarische Gewalt übergegangen. Octavius, der römische Kaiser, war selbst eine Art von republikanischem Machthaber, und er hat sich nach und nach zu der — man kann nicht sagen — Würde aufgeschwungen, denn ganz mit Notwendigkeit ging aus den römischen Verhältnissen diese eigentümliche Machtfülle des Octavius-Augustus hervor. Er hat einfach die alten römischen Verhältnisse fortgesetzt, hat sich alle die Ämter nach und nach übertragen lassen. Und daß er imstande war als eine Art von Alleinherrscher diese Ämter auszufüllen, kam davon her, daß der Unterschied zwischen den römischen Verhältnissen und denen in der Provinz draußen ein so großer geworden war. In der Provinz hatte man längst in einer Art edelmännischer Weise regiert. Das hatte den römischen Bürgern gar nicht widerstrebt. Sie fühlten sich als römische Bürger, und es war ihnen gar nicht darum zu tun, daß die draußen in der Provinz dasselbe Recht hätten wie sie. So war man damit zufrieden, daß sich von Rom aus eine Art absoluter Regierungsgewalt gegenüber der Provinz entwickelte. Namentlich ließen die römischen Alleinherrscher sich alle die sogenannten prokonsularischen Gewalten in den Provinzen übertragen. So ist es gekommen, daß die ersten Konsuln Herrscher ganz eigener Art und Kraft waren. In Rom wußten sie aufrechtzuerhalten die Gewalt, die ihnen übertragen war wie in früherer Zeit, und draußen im Sinne eines zum Staate Halten der Provinzen. So entwickelte sich, man kann sagen mit Übereinstimmung der römischen Bürgerschaft, die römische Gewalt.
[ 9 ] Now, something quite extraordinary had taken place in Rome during the rise of imperial power. This class of knights was intended to form a counterforce against the large landowners, against the so-called Optimates. The old agrarian laws were to be renewed. No one was to own more than five hundred acres of land, with an additional two hundred fifty acres at most for adult sons—in any case, no more than one thousand acres. The remaining land was to be distributed as smaller holdings to this middle class. It was believed that this would create a middle class between the large landowners and the proletariat. However, this failed because the proletariat had become suspicious and because it would not tolerate a party standing between itself and the actual landowners. The moderate party ultimately sided with the Optimates as well. As a result, we now have the proletariat on one side and, on the other, a sort of party of order. This has developed in recent times. Republican power has very gradually, almost imperceptibly, given way to Caesarian power. Octavius, the Roman Emperor, was himself a sort of republican ruler, and he gradually rose to—one cannot say—dignity, for this peculiar concentration of power in Octavius-Augustus arose quite necessarily from Roman circumstances. He simply continued the old Roman system, having all the offices gradually transferred to him. And the fact that he was able to fill these offices as a sort of sole ruler stemmed from the fact that the difference between conditions in Rome and those in the provinces had become so great. In the provinces, governance had long been carried out in a sort of aristocratic manner. This had not at all bothered the Roman citizens. They identified as Roman citizens, and they were not at all concerned that those out in the provinces should have the same rights as they did. Thus, people were content to see a kind of absolute governmental authority develop from Rome over the provinces. In particular, the Roman autocratic rulers had all the so-called proconsular powers transferred to them in the provinces. This is how it came to be that the first consuls were rulers of a very distinct kind and power. In Rome, they were able to maintain the authority entrusted to them as in earlier times, and in the provinces, they exercised it in a manner designed to keep the provinces under the control of the state. Thus, Roman authority developed—one might say with the consent of the Roman citizenry.
[ 10 ] Und dann kam während der Cäsarenzeit das Folgende. Es war tatsächlich so, daß durch die absolute Gewalt in den Provinzen die Cäsaren sich die gesamte Steuereinrichtung angeeignet hatten und die gesamte Militärgewalt. Daher kam es, daß sie ungeheure Einkünfte aus den Provinzen zu ziehen vermochten. So entwickelte sich neben dem römischen Staatsfiskus eine Art von kaiserlichem Fiskus. Und mit der oktavianischen Gewalt entwickelte sich dann die römisch-cäsarische Alleinherrschaft in der folgenden Art: Es waren die römischen Bürger, welche übereinkamen, alles das, was in der Provinz zu tun war, nicht mehr zu leisten mit der römischen Staatskasse. Es waren oft Dinge, die notwendig geworden waren. Aber auch diese waren nicht mehr aus der Staatskasse zu bezahlen. Die Einkünfte flossen nämlich nicht in die Staatskasse, sondern in die Kasse der Cäsaren. Und so kam es, daß sich die Cäsaren zu einer Art von Wohltätern aufwerfen konnten. Dadurch entwickelte sich die cäsarische Gewalt und Macht, und alle übrigen Ämter mußten zu einer Art von Schattenämtern zusammensinken. Von innen heraus eroberte die römische Cäsarenmacht die Macht im Staat. Und so begreifen wir es auch, daß im Grunde genommen nur die ersten Kaiser echte Römer waren. Wir begreifen, daß später im Grunde genommen nicht mehr wirkliche Römer auf dem Stuhle der Cäsaren saßen, sondern Leute, die in den Provinzen gewählt worden waren, und die so wie Hadrian und Caracalla die Herrschaft an sich reißen konnten. Vom Umkreis aus wurde Rom dem Absolutismus zugeführt. So ging durch eine Art innerer Notwendigkeit der Entwickelung das, was auf die römischen Bürger verteilt war, in die Hände eines Alleinherrschers über. Es wird nun ganz selbstverständlich, daß das ganze römische Rechts- und Begriffssystem sich überträgt auf den einen inneren Mittelpunkt. Was früher die römischen Bürger besorgt haben, besorgen jetzt einzelne Beamte, und nicht bloß in den Provinzen, sondern auch in Rom selbst.
[ 10 ] And then, during the Caesarian era, the following occurred. It was in fact the case that, through their absolute power in the provinces, the Caesars had appropriated the entire tax system and all military power. Consequently, they were able to draw enormous revenues from the provinces. Thus, alongside the Roman state treasury, a kind of imperial treasury developed. And with Octavian’s rise to power, Roman-Caesarian autocracy then developed in the following manner: It was the Roman citizens who agreed to no longer finance, through the Roman state treasury, everything that needed to be done in the provinces. These were often things that had become necessary. But even these were no longer to be paid for out of the state treasury. For the revenues did not flow into the state treasury, but into the treasury of the Caesars. And so it came to pass that the Caesars were able to present themselves as a kind of benefactor. As a result, Caesar’s authority and power grew, and all other offices were reduced to mere shadow positions. From within, the power of the Roman Caesars seized control of the state. And so we also come to understand that, fundamentally, only the first emperors were true Romans. We realize that later on, essentially, it was no longer true Romans who sat on the throne of the Caesars, but rather people who had been elected in the provinces and who, like Hadrian and Caracalla, were able to seize power. From the periphery, Rome was led toward absolutism. Thus, through a kind of internal necessity of development, what had been distributed among the Roman citizens passed into the hands of a single ruler. It now becomes entirely natural that the entire Roman legal and conceptual system is transferred to this single central point. What the Roman citizens used to handle is now handled by individual officials, and not only in the provinces but also in Rome itself.
[ 11 ] Da geht etwas vor, was man verstehen muß, wenn man die Zeit richtig verstehen will. Blicken wir einen Augenblick zurück nach Griechenland und nach Rom in der Zeit des alten Königtums, da werden wir sehen, daß überall mitspricht ein unmittelbares Verhältnis der Regierenden zu den Regierten. Sei nun dieses Vertrauensverhältnis in dieser oder jener Art gebildet, es war von den älteren Zeiten an, von denen wir bei der letzten Geschichtsbetrachtung ausgegangen sind, ein natürliches Verhältnis, weil sie in dieser oder jener Weise von den Regierten anerkannt waren, so daß man an sie glaubte. Im Prinzip war es so. Derjenige, welcher regierte, mußte gewisse Eigenschaften sich erwerben, namentlich in den älteren Priesterstaaten. Da glaubte niemand an jenseits der Welt schwebende göttliche Mächte. Aber man glaubte an eine Art Vergöttlichung des Menschen, weil man in dem Menschen das Entwickelungsprinzip suchte. Man erkannte den Priesterkönig in Rom nur dann an, wenn er sich geistige und moralische Eigenschaften der Götter erworben hatte, wenn er sich innerlich dahin entwickelt hatte. Man konnte sich das erwerben, man konnte es dahin bringen, eine Art vergöttlichter Person zu sein, die Verehrung verdiente. Es war kein Unterwürfigkeitsverhältnis, es war Vertrauen. Das muß jeder sagen, der die Dinge kennt. Das beruhte auf etwas, das immer da war im Herzen und es pflanzte sich auch noch fort in der Republik.
[ 11 ] There is something at work here that one must understand if one is to grasp this era correctly. Let us look back for a moment to Greece and Rome during the era of the ancient monarchies; there we will see that everywhere there is a direct relationship between the rulers and the ruled. Whether this relationship of trust was formed in one way or another, it was, from the earliest times—from which we began our last historical examination—a natural relationship, because the rulers were recognized in one way or another by the ruled, so that people believed in them. In principle, this was the case. The one who ruled had to acquire certain qualities, particularly in the ancient priestly states. No one believed in divine powers floating beyond the world. But people believed in a kind of deification of the human being, because they sought the principle of development within the human being. The priest-king in Rome was recognized only if he had acquired the spiritual and moral qualities of the gods, if he had developed himself inwardly to that point. One could acquire these qualities; one could become a kind of deified person who deserved veneration. It was not a relationship of subservience; it was trust. Anyone who understands these matters must acknowledge this. It was based on something that had always been present in the heart, and it continued to take root even in the Republic.
[ 12 ] Aber bei der Art und Weise, wie sich das römische Recht entwickelt hat, war es geeignet dieses persönliche, lebendige Verhältnis von Regierenden und Regierten vollständig auszulöschen. Es war geeignet anstelle des persönlichen ein abstraktes, gedachtes Verhältnis zu setzen. Wenn Sie in diese Zeiten Roms zurückgehen könnten, so würden Sie sehen, daß der, welcher als Prätor zu Rom zu Gericht saß, wenn er auch die zwölf Tafelgesetze vor sich hatte, er doch durch die persönliche Einsicht etwas tun konnte, was auf Vertrauen beruhte. Es hing da von der Persönlichkeit noch etwas ab. Das wurde später ganz anders. Später wurde das ganze Rechtssystem allmählich zu dem rein abstrakten Gedankensystem. Es kam lediglich darauf an, das Gesetz seinen Paragraphen nach durch logische Schärfe auszulegen. Der Jurist sollte ein bloßer Denker sein, ein bloß logisch geschulter Mann. Allein auf das Denken kam es an. Nichts vom unmittelbaren Leben sollte da einfließen, nichts vom Gemüt und nichts von persönlichem Einfluß. Nur an den Buchstaben sollte man sich halten. Und nach dem Buchstaben wurde immer mehr und mehr das Gesetz ausgelegt. Nur Beamte waren es, die den Buchstaben draußen in den Provinzen und später auch in Rom zu handhaben hatten. Da handelte es sich darum, die Paragraphen zu studieren und abgesehen von jedem unmittelbaren Leben lediglich durch Gedanken — und das ging herüber bis in die sophistischen Gedanken — zu entscheiden. Die ganze Denkweise, die sich in der Verwaltung und Regierung ausdrückte, hatte etwas angenommen, das die ganzen Einrichtungen wie ein Rechenexempel behandelte. Das müssen Sie festhalten, dann werden Sie verstehen, was es heißt, wenn man sagt, daß das ganze römische Leben sich verwandelt hatte in ein Dogmensystem. Der römische Staat, der ein Recht geschaffen hatte aus dem freien Entschluß, aus der Seele der Bürger heraus, der hatte es allmählich verwandelt in Dogmen. Zur Zeit der Entstehung des Christentums kam keine persönliche Regierung mehr in Betracht, sondern nur geschriebenes Gesetz. Es war ein richtiges Dogmenrecht. Die Cäsaren konnten da und dort her genommen werden, alles das, worauf es für sie ankam, war, den ganzen Staat in ein Rechtssystem einzuzwängen, das von einem Mittelpunkt aus straff gespannt werden konnte. Der ganze römische Staat wurde allmählich dogmatisiert. Wir sehen ihn eingeteilt in kleinere Gebiete, an deren Spitze Verwaltungsbeamte juristischer Art standen. Diese Gebiete wurden wieder zusammengefaßt zu Diözesen. So sehen wir den römischen Staat allmählich eine Form annehmen, die wir später wieder erblicken in der Einteilung, die die katholische Kirche angenommen hat. Nicht das Christentum hat diese Formen geschaffen; das ist ganz nach der Schablone des römisch-dogmatisierten Staates geschehen.
[ 12 ] But the way Roman law developed was such that it was capable of completely eradicating this personal, living relationship between rulers and the ruled. It was suited to replacing the personal relationship with an abstract, conceptual one. If you could go back to those times in Rome, you would see that the praetor presiding over a court in Rome, even though he had the Twelve Tables before him, could still, through personal insight, do something based on trust. Something still depended on the individual’s character. That changed completely later on. Later, the entire legal system gradually became a purely abstract system of thought. The only thing that mattered was interpreting the law according to its provisions with logical rigor. The jurist was to be a mere thinker, a man trained solely in logic. Thinking alone was what mattered. Nothing from immediate life was to be allowed to influence it—nothing from the heart and nothing from personal influence. One was to adhere only to the letter of the law. And the law was interpreted more and more strictly according to the letter. It was only civil servants who had to apply the letter of the law out in the provinces and later also in Rome. There, the task was to study the provisions and, detached from any direct experience of life, to decide solely through thought—and this extended all the way to sophistical reasoning. The entire way of thinking, as expressed in administration and government, had taken on a character that treated the entire institutional framework as if it were a mathematical problem. You must bear this in mind; then you will understand what is meant when it is said that the whole of Roman life had been transformed into a system of dogma. The Roman state, which had created law out of free will, from the very soul of its citizens, had gradually transformed it into dogma. By the time Christianity emerged, personal rule was no longer an option; only written law remained. It was a true legal system based on dogma. The Caesars could be set aside here and there; all that mattered to them was to force the entire state into a legal system that could be tightly controlled from a central point. The entire Roman state was gradually dogmatized. We see it divided into smaller territories, each headed by administrative officials of a legal nature. These areas were in turn grouped into dioceses. Thus we see the Roman state gradually taking on a form that we later recognize again in the organizational structure adopted by the Catholic Church. It was not Christianity that created these forms; they were modeled entirely on the Roman state as it had been dogmatized.
[ 13 ] In diesen Staat hinein, mit dem ganzen Aussehen, das Sie jetzt kennen, verpflanzte sich das Christentum von Osten herüber. Da müssen wir freilich auf Persönlichkeiten eingehen. Wir können aber nicht auf einzelne römische Kaiser eingehen. Im Grunde genommen ist diese Geschichte auch ziemlich langweilig. Es genügt vielleicht, wenn wir Caligula — Kommißstiefelchen — erwähnen. Aber eines ist wichtig. Wir müssen uns klarmachen, was mit oder aus der römischen Kultur geworden ist. Diese römische Kultur hatte etwas, was Sie an die Kultur einer anderen Zeit erinnern wird. Ich möchte Ihnen eine Persönlichkeit schildern, die typisch, repräsentativ ist und die sich hier zum Vergleich anführen läßt, das ist Lucian. Er stammte aus Asien und wird eingeführt als ein ganz besonderes Licht. Er erzählt uns selbst von sich in einem bemerkenswerten Werk «Der Traum». Ich erwähne das, nicht weil es ein bedeutendes literarisches Produkt ist, sondern weil es als ein charakteristisches Zeichen für die Denkweise des damaligen römischen Reiches gelten kann. Zwei Frauengestalten erschienen ihm im Traume, die eine war die Kunst, die andere war die Bildung. Die Kunst verlangte von ihm, daß er nach harter Arbeit strebe. Die Bildung forderte von alledem nichts. Er brauchte sich nur anzueignen ein paar Kunstgriffe, wie man möglichst gut die Leute überreden kann. Und im alten Rom bedeutete reden soviel wie heute Zeitungschreiben. Er sagte sich daher, warum soll ich Phidias nachfolgen, warum dem Homer? Da bleibe ich ja ein armer Kerl. Er folgte der zweiten Frauengestalt und wurde Wanderredner, ein Redner ganz eigentümlicher Art, ein Redner ohne Bildungsgrundlage. Bildung hieß dazumal: ohne etwas zu wissen, ohne ernstlich studiert zu haben, zu den Leuten zu reden so wie man heute in der Zeitung schreibt.
[ 13 ] Christianity spread from the East into this state, with all the characteristics you are now familiar with. Of course, we must discuss specific figures here. However, we cannot go into detail about individual Roman emperors. After all, this history is actually quite boring. Perhaps it suffices to mention Caligula—Little Commissioner Boots. But one thing is important. We must understand what became of Roman culture. This Roman culture had something that will remind you of the culture of another era. I would like to describe a figure who is typical, representative, and who can be cited here for comparison: Lucian. He came from Asia and is introduced as a truly exceptional figure. He tells us about himself in a remarkable work, The Dream. I mention this not because it is a significant literary work, but because it can be seen as a characteristic sign of the mindset of the Roman Empire at that time. Two female figures appeared to him in a dream: one was Art, the other was Education. Art demanded that he strive for hard work. Education demanded nothing of the sort. He only needed to master a few tricks of the trade—how to persuade people as effectively as possible. And in ancient Rome, public speaking was much like writing for a newspaper today. He therefore asked himself, why should I follow in the footsteps of Phidias, or of Homer? I’d just end up a poor fellow. He followed the second female figure and became an itinerant orator—an orator of a very peculiar sort, an orator without any educational foundation. In those days, “education” meant speaking to people—without knowing anything, without having studied seriously—just as one writes in the newspaper today.
[ 14 ] So ging er in die Welt hinaus. Und nun sehen wir, wie er über Religion und Politik redet, wie er auftritt als eine Persönlichkeit, von der die Geschichte nichts meldet, die aber die Rede in einem Gespräch, wie in einem Leitartikel, bis zum Himmel hinauf zu heben vermochte. Überall war er in dieser Weise tätig. Er kam bis nach Frankreich, war eine Persönlichkeit ohne Halt, ohne inneren Gehalt und Inhalt. So war überhaupt die Bildung in diesem damaligen großen römischen Reich beschaffen. Das waren die Gebildeten. Derjenige, welcher einen Kern hatte, wie Apollonius, ein Zeitgenosse des Lucian, der konnte nicht zu einer irgendwie erheblichen Bedeutung kommen. Das war damals ganz unmöglich. Aber das ganze weite Reich seufzte. Es war die Unzufriedenheit und die Sittenlosigkeit, unter denen man litt. Ich kann Ihnen nicht schildern die Art von Vergnügungen grausiger und unmoralischer Art. Ein Drittel des Jahres wurde verbracht mit Gladiatorenspielen, mit Stierkämpfen oder mit Schaustellungen der ausgelassensten Art. Und das breitete sich immer mehr und mehr aus. Wir haben da auf der einen Seite äußersten Luxus und daneben eine Armut und ein Elend, wie es ganz unbeschreiblich ist.
[ 14 ] And so he went out into the world. And now we see how he speaks about religion and politics, how he presents himself as a figure of whom history makes no mention, but who was able to elevate discourse—whether in conversation or in an editorial—to the heavens. He was active in this way everywhere. He made it all the way to France; he was a figure without substance, without inner depth or substance. Such was the nature of education in the great Roman Empire of that time. These were the educated classes. Anyone who had substance, like Apollonius, a contemporary of Lucian, could not achieve any significant prominence. That was entirely impossible back then. But the entire vast empire was sighing. It was discontent and moral decay that people suffered from. I cannot describe to you the nature of the entertainments, which were gruesome and immoral. A third of the year was spent on gladiatorial games, bullfights, or spectacles of the most riotous kind. And this spread more and more. On the one hand, we have extreme luxury, and alongside it, poverty and misery that are simply indescribable.
[ 15 ] Nun sehen Sie, wie es dazu kam, wie in diesem ganzen römischen Reich ein Element mehr und mehr Ausbreitung gewann, welches sich von allen anderen dadurch unterschied, daß es mehr Ernst hatte, daß es einen tieferen Gehalt hatte. Das war das Judentum. Die Juden konnten Sie im römischen Reiche damals überall finden. Es wäre ganz ungeschichtlich, wenn man glauben wollte, daß damals die Juden nur auf Palästina beschränkt waren. In ganz Nordafrika, in Rom und in Frankreich, überall finden Sie schon damals die Juden ausgebreitet. Ihre Religion war noch viel gehaltvoller als das, was die Bildung der römischen Zeit bot. Sie bestand neben den Strömungen niederer Geistesart. Dadurch, daß die Römer in alle Welt kamen, breiteten sie auch die Kultus-, die Opferhandlungen, die heiligen Handlungen der verschiedenen Provinzen aus. In Rom konnte man persische, arabische, ägyptische Gottesdienste halten sehen. Das hatte eine ungeheure Veräußerlichung zur Folge.
[ 15 ] Now you can see how it came to be that, throughout the entire Roman Empire, a certain element gained ground more and more—one that differed from all others in that it was more serious and had a deeper substance. That was Judaism. At that time, Jews could be found everywhere in the Roman Empire. It would be completely ahistorical to believe that the Jews were confined solely to Palestine back then. Throughout North Africa, in Rome, and in France—everywhere, you can see that the Jews were already widespread at that time. Their religion was far more substantial than what the education of the Roman era had to offer. It existed alongside currents of a lower spiritual nature. As the Romans spread throughout the world, they also disseminated the religious rites, sacrificial ceremonies, and sacred practices of the various provinces. In Rome, one could witness Persian, Arabic, and Egyptian religious services being held. This resulted in an immense externalization.
[ 16 ] In der römischen Cäsarenzeit ist die Religion zu einem solchen Grad von Äußerlichkeit gekommen, daß sie sich mit nichts früherem vergleichen läßt. Der Priester der älteren Zeit war eine Art von Eingeweihtem, nachdem er vorher überwunden hatte alles Niedere. Dann nannte man ihn auch eine vergöttlichte Persönlichkeit. Das erreichte man in den verschiedenen Schulen der verschiedensten Länder. Soweit diese Würde erhaben war — sie war eine der heiligsten des Altertums —, so weit war diese nun herabgezogen. Es war so, daß die römischen Cäsaren als sogenannte Eingeweihte verehrt wurden, ja sogar göttlich verehrt wurden. Lucretia erlangte sogar göttliche Verehrung, weil bei ihr, durch äußere Handlungen und Schulung vorbereitet, eine Einweihung vollzogen worden war.
[ 16 ] During the Roman imperial era, religion had become so superficial that it could not be compared to anything that had come before. The priest of earlier times was a kind of initiate, having first overcome all that was base. He was then also called a deified figure. This was achieved in the various schools of the most diverse countries. To the extent that this dignity had once been exalted—it was one of the holiest of antiquity—to that extent had it now been debased. It was the case that the Roman Caesars were venerated as so-called initiates, indeed even worshipped as gods. Lucretia even attained divine veneration because, having been prepared through external actions and training, she had undergone an initiation.
[ 17 ] Aber das war ganz äußerlich. Als Augustus den Titel Pontifex Maximus angenommen hatte, da hatte er äußerlich angenommen alles das, was früher das innerliche Zeichen der Priester war. Dadurch, daß das allen Zusammenhang mit seinem Ursprung verloren hatte, hatte es auch alle Bedeutung und das richtige Verhältnis verloren.
[ 17 ] But that was purely external. When Augustus assumed the title of Pontifex Maximus, he had outwardly adopted all that had previously been the inner symbol of the priests. Because it had lost all connection to its origin, it had also lost all meaning and its proper context.
[ 18 ] So sah es in Rom aus in der Zeit, als es von Osten herüber eine völlige Erneuerung der religiösen Anschauung bekam. Eine Erneuerung der religiösen Anschauung kam, welche wir ja dem Inneren nach, weil wir ja keine Religionsgeschichte, sondern Allgemeingeschichte vortragen, dem Inhalte nach nicht zu schildern brauchen, aber den äußeren Formen nach schildern müssen. Vor allen Dingen verpflanzte sich eine Weisheitsreligion. Die ersten Verbreiter dieser christlichen Religion waren tatsächlich die gelehrtesten, die tiefsten und bedeutsamsten Männer der damaligen Zeit. Sie hatten zu dem Stifter des Christentums, von dem ganzen Grunde dieser Gelehrsamkeit aus, aufgesehen. Man lese sie nach: Klemens von Alexandrien, Origenes und so weiter, und man wird sehen, was sie an Weisheit in der damaligen Wissenschaftlichkeit geleistet haben. Das alles haben sie in den Dienst dieser neuen Idee gestellt. Alles, was sie versuchen wollten, war nichts anderes als eine völlige Erneuerung des religiösen Gefühls, das gleichzeitig verknüpft war mit einer Durchdringung des ganzen Menschseins.
[ 18 ] This was the situation in Rome at the time when it underwent a complete renewal of its religious outlook from the East. A renewal of religious thought took place, the inner essence of which—since we are presenting general history rather than the history of religion—we need not describe in terms of content, but must describe in terms of its external forms. Above all, a religion of wisdom took root. The first propagators of this Christian religion were, in fact, the most learned, the most profound, and the most significant men of that time. They had looked up to the founder of Christianity from the very foundation of this scholarship. One need only read their works—Clement of Alexandria, Origen, and so on—to see what they contributed to wisdom within the scholarly tradition of their time. They placed all of this at the service of this new idea. All they sought to achieve was nothing less than a complete renewal of religious sentiment, which was simultaneously intertwined with a profound understanding of the entirety of human existence.
[ 19 ] Nun stellen Sie sich vor, daß, während in Rom drüben alles Äußerlichkeit geworden war, alle Religiosität dem Cäsar wie ein Mantel umgehängt war, und alles unter Beimischung von Spott beredet wurde, wie Lucian es tat, da sollte mit Verzicht auf jegliches Weltliche, bloß aus dem Innersten des Menschen, des menschlichen Gemüts heraus das Religiöse erneuert werden. Und das Religiöse wird so erneuert, daß tief veranlagte, gelehrteste Männer in den Dienst dieser Idee gestellt sind. Es war so — das darf man nicht verkennen —, daß die Leute des ersten Christentums nicht Leute waren, etwa wie die gewöhnlichen Glieder der Völkermassen, sondern es waren die Gescheitesten jener Zeit. Das verbreitete sich mit Blitzesschnelle, deshalb, weil die ganze Religion nichts von Asketismus, nichts von Jenseitigkeit an sich hatte. Die Menschen im unmittelbaren Alltagsleben griffen sie auf. Alles das, was man als römisch empfunden hatte, alles das, was in Rom zum Luxus, zum Wohlleben geführt hatte, das war dem Kern dieser Religion im Innersten fremd. Was von dem ganzen Menschen, von dem Menschen des Alltags aufgefaßt und eingefaßt worden ist durch dieses Bekenntnis, das sich mit großer Schnelligkeit ausbreitete, das können Sie sehen, wenn Sie die Schilderung des christlichen Prinzips bei Tertullian lesen, der da sagt: Wir Christen kennen nichts, was dem menschlichen Leben fremd ist. Wir ziehen uns nicht zurück von dem Alltagsleben, wir wollen dem Menschen, wie er alltäglich ist, etwas bringen, wir wollen die Welt vertreten, wir wollen das, was in der Welt ist, genießen. Nur wollen wir nichts wissen von den Ausschweifungen Roms.
[ 19 ] Now imagine that, while over in Rome everything had become mere outward form, all religiosity had been draped over Caesar like a cloak, and everything was discussed with a touch of mockery, as Lucian did—that in such a context, religiosity was to be renewed by renouncing all worldly things, arising solely from the innermost depths of the human being, from the human soul. And religion was renewed in such a way that deeply committed, highly educated men were placed in the service of this idea. It was the case—and this must not be overlooked—that the people of early Christianity were not like the ordinary members of the masses, but rather the most intelligent people of that time. It spread with lightning speed, precisely because the entire religion had nothing of asceticism, nothing of otherworldliness about it. People embraced it in their immediate, everyday lives. Everything that had been perceived as “Roman,” everything that had led to luxury and a life of ease in Rome, was fundamentally alien to the very core of this religion. You can see what aspects of the whole human being—of the person living everyday life—were embraced and encompassed by this creed, which spread with great speed, when you read Tertullian’s description of the Christian principle, in which he says: “We Christians know of nothing that is foreign to human life.” We do not withdraw from everyday life; we want to offer something to people as they are in their daily lives; we want to represent the world; we want to enjoy what is in the world. We simply want nothing to do with the debauchery of Rome.
[ 20 ] Und um zu zeigen, wie diese Christen miteinander lebten, wo das römische Imperium noch nicht zerstört hatte die Marktherrschaften, da brauche ich nur die Worte anzuführen aus der Apostelgeschichte, nicht etwa als Predigt und nicht als ermahnendes Wort: «Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele. Auch keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein . . . Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte, denn, wieviel ihrer waren, die da Äcker oder Häuser hatten, die verkauften sie und brachten das Geld des verkauften Gutes und legten es zu der Apostel Füßen, und man gab einem jeglichen, was ihm not war. Joses aber, mit dem Zunamen von den Aposteln genannt Barnabas, von Geschlecht ein Levit aus Cypern, der hatte einen Akker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es zu der Apostel Füßen.» Das ist nicht eine Predigt, das ist eine Schilderung dessen, was man beabsichtigte, und was man auch vielfach verwirklichte. Das war es, was man entgegensetzte dem römischen Staatsleben. Das war ein Grund, warum das Christentum sich mit solcher Schnelligkeit eingeführt hat. Daher schaltete sich das Christentum so schnell ein in die Herzen derjenigen, welche nichts zu hoffen hatten. Nicht allein das haben sie gehört damals, daß es kein Dogma gibt, das lebendige Wort war es, das lebendige Wirken, was sie empfanden.
[ 20 ] And to show how these Christians lived together—at a time when the Roman Empire had not yet destroyed the local authorities—I need only quote the words from the Acts of the Apostles, not as a sermon or an exhortation: “The community of believers was of one heart and one soul. Nor did anyone claim that any of his possessions were his own, but they had everything in common . . . There was also no one among them who was in need, for as many as owned fields or houses would sell them, bring the proceeds from the sale, and lay them at the apostles’ feet, and each was given whatever he needed. But Joseph, who was surnamed Barnabas by the apostles, a Levite by birth from Cyprus, owned a field; he sold it, brought the money, and laid it at the apostles’ feet.” This is not a sermon; it is a description of what they intended to do—and what they often put into practice. That was what they set against Roman public life. That was one reason why Christianity took hold so quickly. That is why Christianity so quickly found its way into the hearts of those who had nothing to hope for. It was not merely that they heard at that time that there was no dogma; it was the living Word, the living work, that they experienced.
[ 21 ] Derjenige, welcher sprach, sprach das, was er wußte und als Wahrheit erkannt hatte. Das konnte er heute in der Form und morgen in einer anderen Form sagen. Es gab kein festgestelltes christliches Dogma. Die Gesinnung, das innere Leben, war es, das diese christliche Gemeinde zusammenhielt. Und das war es auch, was die ersten Christen predigten. Das war es auch, warum man in den ersten Jahren des Christentums frei über die Wahrheit hin und her diskutierte. Es gibt keine freiere Besprechung, keine freiere Diskussion, als sie in der ersten Zeit dieses Christentums vorhanden war. Von einer Gewalt wird nur nach und nach geredet. Das Wichtige, was dabei zu berücksichtigen ist, was dann später zur Vergewaltigung führt, was überhaupt zum Entstehen des Dogmatismus des Christentums führt, ist die Tatsache, daß das römische Reich dogmatisiert war. Das ganze römische Reich war in ein Dogmensystem verwandelt. Man konnte nichts anderes begreifen als Verstandessachen, nichts anderes als steifes, abstraktes Dogma. So kam es, daß die ersten Christen verfolgt wurden, daß sie aber immer mehr an Bedeutung zunahmen, und daß sich die Cäsaren endlich nach des Konstantin Vorgehen, und die Konstantiner selbst gezwungen sahen, die Christen anzuerkennen. Aber wie erkannten sie sie an? Sie ließen sie hineinwachsen in den römischen Staat, in dasjenige, was erfüllt war von dem Dogma und von weltlicher Macht, die im römischen Staate begründet waren. Dafür mußte es seinen ganzen Einfluß den römischen Machthabern zur Verfügung stellen; und die ursprüngliche Einteilung ging in die Bistümer und Diözesen über.
[ 21 ] The one who spoke said what he knew and had recognized as the truth. He might express this in one way today and in another way tomorrow. There was no established Christian dogma. It was the spirit, the inner life, that held this Christian community together. And that was also what the first Christians preached. That was also why, in the early years of Christianity, people freely debated the truth back and forth. There is no freer exchange of views, no freer discussion, than existed in the early days of Christianity. Talk of coercion only emerged gradually. The crucial factor to consider here—which later led to oppression and ultimately to the emergence of Christian dogmatism—is the fact that the Roman Empire was dogmatized. The entire Roman Empire had been transformed into a system of dogma. One could comprehend nothing but matters of the intellect, nothing but rigid, abstract dogma. Thus it came to pass that the early Christians were persecuted, yet they grew ever more significant, and that the Caesars—following Constantine’s example—and the Constantinian faction itself were finally compelled to recognize the Christians. But how did they recognize them? They allowed them to become integrated into the Roman state—into that very state which was imbued with the dogma and secular power that were rooted in the Roman state. In return, Christianity had to place all its influence at the disposal of the Roman rulers; and the original division was transformed into bishoprics and dioceses.
[ 22 ] Nicht zu verwundern ist es, daß im Jahre 325 das nicäische Konzil so ausfiel, wie es eben ausgefallen ist. Damals standen die zwei Strömungen des Christentums sich noch gegenüber in dem Presbyter Arius und dem ganz im römischen Geiste erzogenen Athanasiius. Arius glaubte an die allmähliche Entwickelung des Menschen. Er sah sie unbegrenzt; Vergöttlichung nannte er sie. Der Mensch kann sich Gott anähneln; das ist der wahre Arianismus. Dem stand gegenüber der römische Dogmatiker Athanasius, der da sagt: Die Gottheit Christi muß über alles, was mit Menschentum zusammenhängt, hinausgehoben werden zu der Abstraktheit, der Jenseitigkeit des im römischen Reiche sich allmählich herausentwickelnden Dogmatismus. So verwandelte sich das arianische Christentum zum athanasischen Christentum, und das letztere siegte. Worauf kam es dem römischen Cäsar an? Er tritt spräter selbst zum Christentum über, aber nicht zum athanasischen, sondern zum arianischen. Er wußte aber, daß das athanasische wenigstens scheinbar das alte römische Reich stützen konnte. Das Christentum sollte eine Stütze des römischen Reiches werden; das war die wichtige Frage, die sich im Beginne des 4. Jahrhunderts entschieden hat. Das war aber zu gleicher Zeit die Epoche der Weltgeschichte, wo die Germanen immer mächtiger und mächtiger geworden waren, und es nichts mehr half, durch Umwandlung und Ummodelung das alte römische Reich zu stützen; es wurde hinweggefegt von den Germanen. Davon wollen wir das nächste Mal sprechen, wie die Germanen das alte römische Reich stürzten.
[ 22 ] It is not surprising that the Council of Nicaea in the year 325 turned out the way it did. At that time, the two currents of Christianity were still pitted against one another in the person of the presbyter Arius and Athanasius, who had been educated entirely in the Roman spirit. Arius believed in the gradual development of humanity. He saw this process as unlimited; he called it deification. Humanity can become like God; that is true Arianism. Opposed to this was the Roman dogmatist Athanasius, who asserted: The divinity of Christ must be elevated above everything connected with humanity to the abstractness and otherworldliness of the dogmatism that was gradually developing within the Roman Empire. Thus, Arian Christianity transformed into Athanasian Christianity, and the latter prevailed. What mattered to the Roman Caesar? He himself later converted to Christianity, but not to the Athanasian form, rather to the Arian one. He knew, however, that Athanasian Christianity could, at least in appearance, prop up the old Roman Empire. Christianity was to become a pillar of the Roman Empire; that was the crucial question that was decided at the beginning of the 4th century. At the same time, however, this was the era in world history when the Germanic tribes had grown ever more powerful, and it was no longer possible to sustain the old Roman Empire through reform and restructuring; it was swept away by the Germanic tribes. Next time, we will discuss how the Germanic tribes overthrew the old Roman Empire.
[ 23 ] Dann wollen wir noch zeigen, wie das römische Reich im letzten Todeszucken noch eine Macht gewesen ist. Das war die Aufgabe, die Lehre des Christentums so umzuformen, daß diese Lehre eine politische Gestalt annahm und geeignet war, Träger eines politischen Systems zu sein. Mächtig war diese Idee allerdings, die dazumal das führende Christentum aus dem ursprünglichen Christentum herauszuholen wußte. Macht war es, was sie zu dem römischen Cäsarengedanken und dem verwandelten Christentum hinzubrachte. Macht war es. Das politische System war so mächtig, daß, als Germanien dieses römische Reich zerstörte, als das germanische Ländergebiet sich immer mehr ausbreitete, der sogenannte bedeutende Herrscher des beginnenden Mittelalters, Karl der Große, aus den Händen des Papstes, des Pontifex Maximus, die Kaiserkrone erhielt. So waren die Wirkungen, als von dem alten römischen Reich nur wenig übriggeblieben war. Sie sehen, wie eigentümlich die Geschicke der Welt sich verketten, Sie sehen, daß wir vor allen Dingen wissen müssen, daß wir es das ganze Mittelalter hindurch mit einer politischen Macht zu tun haben, deshalb, weil in das ursprüngliche Christentum die römische Staatsidee hineingeflossen ist. In die römische Staatsidee wurde nicht das eigentliche Christentum eingefügt; und immer war es so, daß sich das Christentum in dem Mönchstum aufgebäumt hat gegen die politische Gestalt des Christentums.
[ 23 ] Let us now show how the Roman Empire, even in its final death throes, remained a power to be reckoned with. The task at hand was to reshape Christian doctrine so that it took on a political form and was capable of serving as the foundation for a political system. Powerful, indeed, was this idea, which at that time managed to extract the dominant form of Christianity from its original roots. It was power that led them to the Roman concept of the Caesars and to a transformed Christianity. It was power. The political system was so powerful that, when Germania destroyed the Roman Empire and the Germanic territories continued to expand, the so-called great ruler of the early Middle Ages, Charlemagne, received the imperial crown from the hands of the Pope, the Pontifex Maximus. Such were the consequences when little remained of the old Roman Empire. You see how strangely the fates of the world are intertwined; you see that, above all, we must realize that throughout the entire Middle Ages we were dealing with a political power, precisely because the Roman concept of the state had been incorporated into early Christianity. It was not Christianity itself that was incorporated into the Roman concept of the state; and it was always the case that Christianity, in the form of monasticism, rebelled against the political structure of Christianity.
[ 24 ] Eine Idee hängt damit zusammen. Es ist eine Idee, die schwer zu begreifen ist, weil sie gar nicht im ursprünglichen Christentum begründet war. Sie finden nichts von dem Mönchswesen im Christentum, weil diese Art von Vereinsamung, von Zurückziehen von der Welt, ihm ganz fremd war. Demjenigen, der das Christentum ernst nahm, war die Form, die politische Form, fremd. So zog er sich, um die Religion des Christentums zu führen, in das Kloster zurück. Alles was sich als solche Vereinigungen, als Mönchstum, durch die Jahrhunderte hindurch geltend gemacht hat — wenn es auch ausartete, weil die katholische Kirche jeden solchen Versuch unterdrücken wollte —, das war ein lebendiger Aufschrei des Christentums gegen die politische Macht. So haben wir also die Entwickelung der Macht.
[ 24 ] There is an idea connected to this. It is an idea that is difficult to grasp because it had no basis in early Christianity. You will find no trace of monasticism in Christianity, because this kind of isolation, this withdrawal from the world, was completely foreign to it. To those who took Christianity seriously, this form—the political form—was foreign. So, in order to practice the Christian faith, they withdrew to the monastery. Everything that has asserted itself over the centuries as such associations—as monasticism—even if it degenerated because the Catholic Church sought to suppress every such attempt—was a living outcry of Christianity against political power. This, then, is the development of power.
[ 25 ] Jetzt steht uns noch bevor zu erkennen, was das germanische Element für eine Bedeutung hat in dieser Zeit, zu erkennen, was das Christentum in dem germanischen Elemente für eine Rolle spielt. Wir haben auch noch zu erkennen, was sich aus dem alten römischen Reich herausentwikkelt und zu sehen, wie diese alte römische Ruine zusammenstürzt, wie aber etwas daraus hervorging, unter dem die Völker noch lange zu seufzen hatten. Es beginnt mit dem Ruf nach Freiheit und endigt mit der Unterdrückung der Freiheit. Das ist der Ruf, daß jeder dem anderen sich gleich achtet, und der endet, daß jeder unterdrückt wird. Es ist merkwürdig, daß sich in unserer Zeit Geschichtsschreiber gefunden haben, die Caracalla in Schutz nahmen, weil er dem ganzen römischen Reich die sogenannte Gleichberechtigung gegeben hat. Er hat als einer der unbedeutendsten und schädlichsten Cäsaren diejenigen, die draußen in den Provinzen waren, gleichberechtigt mit den Römern gemacht. Aber, er hat sie dann alle zusammen unterdrückt! Diese Gestalt hat die ursprüngliche römische Freiheit angenommen.
[ 25 ] Now we must still determine what significance the Germanic element held during this period, and understand what role Christianity played within that Germanic element. We must also discern what emerged from the old Roman Empire and observe how these ancient Roman ruins collapsed—yet how something arose from them that would cause the peoples to groan for a long time to come. It begins with the call for freedom and ends with the suppression of freedom. It is the call for everyone to regard one another as equals, and it ends with everyone being oppressed. It is remarkable that, in our time, historians have emerged who defended Caracalla because he granted so-called equality to the entire Roman Empire. As one of the most insignificant and harmful Caesars, he granted those in the provinces equal rights with the Romans. But then he oppressed them all together! This is the form that original Roman freedom took.
[ 26 ] Wenn wir sehen, daß das Schicksal der Freiheit ein solches sein kann, dann gewinnen wir wohl wirklich aus der Geschichte das, was wir eine Art Erziehung durch die Geschichte nennen können. Dann lernen wir, daß es einen wirklichen Felsen gibt, wie Petrus ihn hatte, einen Felsen auf der Grundlage des ursprünglichen Stifters, auf den die menschliche Entwickelung wirklich gebaut werden kann. Dieser Fels ist und muß sein: die menschliche Freiheit und die menschliche Würde. Diese können zu Zeiten unterdrückt werden, so stark unterdrückt werden, wie es durch die Verhältnisse, die sich mit wenigen vergleichen lassen, im alten römischen Reiche geschehen ist. Jedoch ist die Erziehung des Menschen zur Freiheit in der Geschichte gegeben. Das ist eine wichtige Tatsache, daß, als die Gewalt herrschte im alten Rom, im Gipfel, zugleich das Fundament unterwühlt war, und der ganze Bau zusammenstürzte, so daß von der Freiheit gesagt werden muß, daß, wenn sie noch so tief unterdrückt ist, für sie und von ihr gilt das wahre Wort:
[ 26 ] When we see that the fate of freedom can be such, then we truly gain from history what we might call a kind of education through history. Then we learn that there is a true rock, like the one Peter had—a rock founded on the original Creator—upon which human development can truly be built. This rock is, and must be, human freedom and human dignity. These can at times be suppressed—suppressed as severely as they were in the ancient Roman Empire, under circumstances that few can compare to. However, the education of human beings toward freedom is a given in history. It is an important fact that, when violence reigned in ancient Rome at its zenith, the very foundation was simultaneously being undermined, and the entire structure collapsed—so that it must be said of freedom that, no matter how deeply it is suppressed, the true words apply to it and from it:
Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,
Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
The old is crumbling, times are changing,
And new life blossoms from the ruins.
