Philosophy, History and Literature
GA 51
18 October 1904, Berlin
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The History of the Middle Ages, tr. Unknown
Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen I
Celts, Teutons, and Slavs
[ 1 ] Goethe hat gesagt, das Beste in der Geschichte wäre der Enthusiasmus, den sie errege, der dazu führe, zu gleichen Taten zu ermuntern. In gewissem tieferem Sinne kann alles Wissen und alle Erkenntnis erst den rechten Wert erhalten, wenn es ins Leben hinaustritt. Es ist nötig, bei der Geschichte weit zurückzugreifen, um die Ursachen der späteren Entwickelung zu finden. Wie wir, um einzelne Zweige der äußeren Entwickelung der menschlichen Kultur zu verstehen, zum Beispiel beim Brücken- und Wegebau, daran festhalten müssen, daß dies die Früchte der Errungenschaften in den einzelnen Wissenschaften, der Physik und der Mathematik sind, so sehen wir auch in der eigentlichen Geschichte überall die Früchte der früheren Geschehnisse. In ferne Zeiten greift das zurück, was in unserem Leben zum Ausdruck kommt.
[ 1 ] Goethe has said that the best thing about History is the enthusiasm it arouses, leading to encouragement to like deeds. In a certain sense all knowledge and all understanding have their true value only when they emerge into life. In History, it is necessary to look very far back in order to find the causes of later developments. Just as, to understand individual branches of external evolution—for instance, in building of bridges and roads—we must cling to the fact that these are the fruits of achievements in individual sciences, such as Mathematics and Physics, so also we see everywhere in actual History the fruits of earlier happenings. What comes to expression in our lifetime has its origin in far back ages.
[ 2 ] Wir haben die Anfänge der Kultur, ihre Entwickelung im Griechen- und Römertum verfolgt. In dieser Geschichtsbetrachtung nähern wir uns der Gegenwart. Wir gehen jetzt daran, einen Zeitabschnitt zu betrachten, auf den viele nicht gerne zurückblicken, den sie als finsteres Mittelalter am liebsten auslöschen möchten aus der Geschichte. Und doch stehen wir da vor einem wichtigen Abschnitt der Geschichte: es treten auf den Schauplatz der Geschichte barbarische Völker, die nichts wissen von Gesittung und Kunst. Diese Völkerstämme werden durch mongolische Völker aus ihrem Wohnsitz im heutigen Rußland verdrängt und rücken weit nach Westen vor. Wir werden die Kämpfe und Schicksale dieser Völker verfolgen; dann wird uns unser Weg weiterführen bis zur Entdeckung Amerikas, bis zu jenem Zeitpunkt, wo sich Mittelalter und Neuzeit zusammenschließen, bis zur Zeit der großen Erfindungen und Entdeckungen, wo jene Erfindung geschah, die wohl die tiefgehendste Bedeutung hatte, die Erfindung der Buchdruckerkunst; jene Zeit, in der Kopernikus uns ein neues Weltbild gab. Diese Entwickelung des Menschen hat von der Völkerwanderung bis zu den Entdeckungen der Neuzeit geführt.
[ 2 ] We are now going to study a section of time, upon which many do not care to look back, a time which they would prefer to delete from History as “the dark Middle Ages.” And yet in it we are facing an important section of History—barbaric peoples, knowing nothing of Civilisation and Art, appear on the arena. These tribes, pressed back by the Mongols from their dwelling-place in the Russia of to-day, pushed on far towards the west. We will follow the struggles and destinies of these peoples; then our path will lead us on to the discovery of America, to that point of time at which the Middle Ages merge into the modern epoch, to the time of the great discoveries, when that invention took place which probably had the deepest significance of all, the invention of Printing; the time in which Copernicus gave us a new picture of the world. This evolution led mankind from the folk-migrations to the discoveries of the modern age.
[ 3 ] Es ist in der Geschichte weit schwerer, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung nachzuweisen, als in der Chemie und Physik; denn oft liegen Ursache und Wirkung weit auseinander.
[ 3 ] It is much more difficult to point out, in History, the relation between cause and effect, than it is in Chemistry or Physics; for cause and effect often lie far apart.
[ 4 ] Heute erst erachtet man die Duldung verschiedenartiger Bekenntnisse untereinander für eine Forderung, die notwendig sei als eine Kulturbedingung. Und doch bestand bereits im 3. Jahrhundert vor Christo in Indien eine derartige gegenseitige Achtung und Duldung der verschiedensten Glaubensbekenntnisse, wie dies ein Denkstein des Königs Asoka beweist. Die im späteren römischen Reich auftauchende christliche Gesinnung hat ihre Wirkung über das ganze Mittelalter geäußert; ihre Ursachen liegen aber weder im Römerreich noch in Germanien, sondern in einer verschollenen Sekte des kleinen jüdischen Volkes in Palästina: bei den Essäern. Bei dem verhältnismäßig großen Programm kann jetzt nicht jeder Zeitpunkt ausführlich behandelt werden. Es muß gewissermaßen erst eine Kohlezeichnung entworfen werden, deren Linien dann weiter auszuführen sind. Wir müssen zunächst begreifen, was uns aus diesem Mittelalter zuströmt, wenn wir verstehen wollen, welche Wirkung diese Zeit für uns haben muß. Ein hervorragender römischer Schriftsteller, Tacitus, hat uns in seiner «Germania» ein Bild jener Stämme aufbewahrt, die sich in dem heutigen Deutschland niedergelassen hatten. Er schildert sie als einzelne Stämme, gleich durch ihre Sprache; und während sie sich selbst als verschiedene Völker betrachteten, erschienen sie ihm, dem Außenstehenden, sehr ähnlich. Er fand das Gemeinsame heraus und gab ihnen den gemeinsamen Namen Germanen.
[ 4 ] Not until to-day have men regarded mutual tolerance for the various confessions of faith, as a requisite condition of culture. Yet, as early as the 3rd century before Christ, there existed in India a reciprocal respect and tolerance for the most diverse faiths, as a monument of King Asoka proves. The Christian feeling which sprang up later, in the Roman Empire, shed its influence over the whole of the Middle Ages; but its origin lay neither in the Roman Empire nor in Germania, but in a closed order of the little Jewish race the Essenes. Before we can understand what influence the Middle Ages have upon us, we must first grasp what it is that flows to us from them. An eminent Roman writer, Tacitus, has preserved for us in his Germania, a picture of that race which settled in the Germany of to-day. He describes them as separate tribes, similar in speech, and, though regarding themselves as different races, yet appearing very much alike to the outsider. He found out what was common to them all and gave them the general name of Germani.
[ 5 ] Wenn wir nun die Volksseele dieser germanischen Völkerschaften prüfen, tritt uns der Unterschied zwischen ihnen und den Griechen und Römern entgegen. Bei der Bildung dieser seelischen Eigenschaften handelt es sich um einen wichtigen Zeitunterschied. Die griechische Kultur mit ihrer unvergleichlichen Kunst bestimmt einen besonderen Punkt in der Menschheitsentwickelung. Wir sahen dort vor der Eroberung durch die später eindringenden Hellenen ein uraltes Volk, ungefähr gleich den späteren Germanen, die Pelasger, die in einer Gemeinschaft von freien Menschen lebten. Dann nach der Einwanderung der Hellenen fanden wir die zwei Bevölkerungsschichten, Eroberer und Eroberte, diesen Gegensatz von Freien und Unfreien. Aus der Völkerwanderung und der Eroberung ging die griechische Herrschaft hervor. Hieraus ergibt sich, daß nur ein kleiner Teil der Bevölkerung teil hatte an den Gütern der Kultur. Es ergibt sich ferner daraus die niedrige Wertung der Arbeit; selbst die künstlerische war des freien griechischen Bürgers unwürdig. Griechenland ging unter an dieser Geringschätzung der Arbeit. Diese in vielen Punkten unerreichte Kultur der Griechen war eine Kultur, die nur möglich war unter Eroberern. Der römische Charakter bildete sich während der Eroberung; die Geschichte des Römerreiches ist eine Geschichte von fortwährenden Eroberungen; als es nichts mehr erobern konnte, ging es zugrunde.
[ 5 ] Now if we examine the folk-soul of these Germanic tribesmen, we are confronted by the difference between them and the Greeks and Romans. In the construction of their soul-qualities, there is an important chronological difference. Greek culture with its incomparable Art, marks a particular point in human evolution. We saw that before the conquest by the invading Hellenes, there was in Greece a very ancient race, something like the later Germani; these were the Pelasgi, who lived in a community of freedom. After the immigration of the Hellenes, we find two strata of population, victors and vanquished, the contrast of free and unfree. From the folk-migrations and the conquests sprang Greek authority. Hence it follows that only a small section of the population had any share in the assets of culture. Another result was the low value set upon work; even artistic work was considered unworthy of the free Greek citizen. It was through this contempt for work that Greece went under. This culture of the Greeks, unrivalled in many points; was a culture only possible among conquerors. The Roman Empire is a history of continual conquests; when it could conquer nothing more, it went to pieces.
[ 6 ] Der germanische Charakter prägte sich in allen seinen wesentlichen Bestandteilen vor der Eroberung aus, und er hat sich von den Berührungen mit anderen Völkern nicht unterjochen lassen. Seine Entwickelung stand fest vor dem Kampf. So sehen wir die Bildung des Volksgeistes sich vollziehen bei den Griechen nach, bei den Römern während und bei den Germanen vor den großen geschichtlichen Kämpfen. Wollen wir diese Charakterzüge betrachten, so werden wir diese Völkergruppen in Mitteleuropa genauer unterscheiden müssen. Drei Völker kommen in Betracht. In Spanien, Frankreich, Irland und Süddeutschland finden wir zunächst das alte Volk der Kelten. Es wird aus dem größten Teil seiner Wohnsitze durch die Germanen vertrieben. Von Osten her rücken die Slawen nach und drängen die Germanen weiter. So finden wir bei den Germanen, die von den beiden anderen Völkern umgeben sind, eine starke Vermischung mit keltischem und slawischem Blut. Auch auf die ganze Kultur des Mittelalters wirkt diese Mischung des germanischen mit dem keltischen und slawischen Element.
[ 6 ] The distinguishing Germanic characteristic impressed itself, in all its component parts, before conquest, and did not allow itself to be subjugated by contact with other races. Its evolution stood firm in face of conflict. Thus we see the development of the folk-spirit completed in the Greeks after, in the Romans during and in the Germanic before, the great historical struggles. If we are to study their characteristics, we must distinguish more accurately these racial groups in Central Europe. Three races come under consideration. In Spain, France, Ireland and Southern Germany, we find, first of all the ancient race of Celts. They were driven from their original dwelling-place by the Germani. Then came the Slavs, from the East, and forced the German tribes farther back. Thus we find in the Germani, hemmed in by the other two races, a strong intermingling of Celts and Slavonic blood. And this mixture of the Celtic and Slavonic element, influenced the whole culture of the Middle Ages.
[ 7 ] Wenn man in ferne Zeiten zurückgeht, so zeigt sich uns eine große merkwürdige Kultur der alten Kelten. Rührig, energisch, geistig angeregt, zu revolutionären Impulsen geneigt — so zeigt sich auch noch in späteren Zeiten das keltische Blut. Großartige Dichtungen, Gesänge, Wissenschaftsvorstellungen verdankt man dem keltischen Volke. Zu den Sagen, die im späteren Mittelalter von den deutschen Dichtern bearbeitet wurden — Roland, Tristan, Parzival und so weiter —, haben die Kelten die Anregung gegeben. Dieses merkwürdige Volk ist fast verschwunden, nachdem es immer weiter nach Westen verdrängt wurde oder sich mit den Germanen vermischte.
[ 7 ] When we look back into the far past we see a great and remarkable culture of the ancient Celts. Even to this day the Celtic blood shows itself as active, energetic, mentally alert, inclined to revolutionary impulses. To the Celtic race we owe magnificent poems, songs and scientific ideas. It was the Celts who gave the stimulus for the legends elaborated by German poets in the Middle Ages—Roland, Tristan, Parsifal, etc. This remarkable race has almost disappeared, either pressed farther westward, or amalgamated with the Germanic.
[ 8 ] Der germanische Charakter zeigt als Hauptmerkmale Tapferkeit, Wanderlust, ein starkes Naturgefühl. In ihm entwickeln sich die häuslichen und kriegerischen Tugenden, die praktische Tüchtigkeit, die auf das Nützliche gerichtete Tätigkeit. Die Hauptbeschäftigungen der Germanen bilden Jagd und Viehzucht. Wenige einfache Dichtungen, die von einem älteren Volke übernommen sind, haben die Germanen. Der germanische Charakter bleibt in seinen Grundeigenschaften erhalten aus barbarischer Urzeit. Innerhalb des germanischen Elementes entstehen die treibenden Kräfte entgegengesetzter Entwickelung. Eine merkwürdige Wandlung vollzieht sich innerhalb des Mittelalters. Griechenland hatte seine hohe Kunst, Rom hatte sein Rechtsleben und den Staatsbegriff ausgebildet. Die einfachen Rechtsanschauungen der Germanen gingen von ganz anderen Voraussetzungen aus. In Rom waren die Besitzverhältnisse, besonders in bezug auf Grund und Boden, das Ausschlaggebende. Die komplizierten Rechtsbegriffe des römischen Staates gehen hervor aus dem Bestreben, Einklang zu bringen zwischen den freien Bürgern und den Besitzern des Bodens. Alle die Kämpfe zwischen den Plebejern und Patriziern, die Kämpfe der Gracchen, selbst die Parteikämpfe der späteren Republik, waren Kämpfe für das Recht des freien Bürgers gegenüber den durch den Grundbesitz auch im Besitze der Macht Befindlichen. Formell stand jedem römischen Bürger das gleiche Recht auf den Staat zu. Ja, selbst in den späteren Zeiten des Kaisertums besaßen nominell die Kaiser das Recht an den Staat, indem sie das Recht aller freien Bürger in ihrer Person vereinigten und es an ihrer Stelle ausübten.
[ 8 ] The outstanding features of the Germanic character are courage, the roaming spirit, and a strong feeling for Nature. In it are developed the domestic and martial virtues, practical efficiency and activity directed to useful ends. Hunting and cattle-rearing formed the chief occupations of the Germani; they had only a few simple poems, derived from older races. In its fundamental qualities, the Germanic character remained as it was in the age of barbarism. Within the Germanic element rise the driving forces of a contrasted evolution. A noticeable change took place during the Middle Ages. Greece had developed its sublime Art, Rome its life of Rights, and the concept of the state. The simple Germanic conception of law was based on quite different premises. In Rome, judgment was given on a basis of property-relationships, especially with reference to land or realty. The complicated ideas of justice in the Roman State were derived from the endeavor to bring harmony between the free citizen and the land-owner. All the contention between plebians and patricians, the fighting of the Gracchi, even the party-struggles of the later Republic, were struggles for the rights of the free citizen as opposed to those who gained possession of power because they were in possession of land. Nominally, equal rights in the State pertained to every Roman citizen. Yes, even in the later epoch of the Empire, every emperor possessed nominal rights in the State, because he united in his person, the rights of all free citizens, and exercised them in their stead.
[ 9 ] Den einfachen Rechtsanschauungen der Germanen waren solche kunstvolle Begriffe fremd. Der besondere Wert des freien Bürgers kam zu keiner rechtlichen Anerkennung. Was sich aus diesen Anschauungen heraus entwickelte, war das Faustrecht, das Recht des Stärkeren; der war der Mächtige, der sein Recht durch seine Kraft geltend machen konnte. Zunächst war es die physische Kraft, die sich behauptete; da mußte sich jeder fügen und fügte sich auch dem Stärkeren. Die Frucht dessen aber, was sich im germanischen Zeitalter vorbereitet hatte, tritt später hervor als das Recht der freien, durch nichts als durch die selbsterworbene Tüchtigkeit bedingten Persönlichkeit. Es prägt sich dies aus in der Städtegründung. Diese Kultur der Städte, die sich im 11. Jahrhundert im ganzen westlichen Europa vollzieht, stellt eine bedeutsame Erscheinung dar. Woraus waren sie entstanden? Daraus, daß die, welche sich bedrückt fühlten von ihren Grundherren, eine Stätte suchten, wo sie das, was sie ihrer Tätigkeit, ihrer persönlichen Geschicklichkeit verdankten, ungestört genießen konnten. Der freie Bürger des alten Rom fußte auf einem Titel. Wer ihn hatte, hatte dadurch das Recht. Im Mittelalter galt nicht ein Titel des Bürgers, sondern nur das, was man sich erwarb. In den Kämpfen, die die Städte mit den Fürsten und Rittern um ihre Freiheit und Unabhängigkeit führten, drückt sich nichts anderes aus als der Kampf der freien Persönlichkeit. So war es nicht im alten Griechenland, nicht im alten Rom. Das war ein bedeutsames Übergangsstadium.
[ 9 ] Such factitious ideas were alien to the simple Germanic conception of justice. The special value of free citizenship met with no legal recognition. What evolved from these points of view was club-law, the right of the stronger; he was the mightiest who could make his right felt by force. To begin with, it was physical strength which asserted itself; then everyone must submit and adapt himself to the stronger. The fruit, however, of what was prepared in the Germanic age, appeared later as the right of the free personality, conditioned by nothing but self-acquired proficiency. This is clearly marked in the founding of the Cities. This development of the cities, which took place in the 11th century throughout the whole of Western Europe, presents a significant phenomenon. Whence did they arise? They were founded by those who, feeling themselves oppressed by the land-owners, sought a place where they could enjoy, undisturbed, what they owed to their own activity, to their personal activity. The free citizen of ancient Rome relied upon his title; his rights depended upon it. In the Middle Ages, the title of citizen was of no value; only that counted, which a man acquired for himself. The struggles for independence and freedom which the princes and knights carried on, were merely the expression of a struggle for free personality. It was not like this either in ancient Greece or in ancient Rome. It was a significant transition stage.
[ 10 ] Was war denn der Grund, daß sich die Leute in den Städten zusammenfanden? Das materielle Interesse war es zunächst, das Freiseinwollen von den Bedrückungen; so zeigte sich auch zunächst die Tätigkeit auf den Nutzen, auf den materiellen Erwerb gerichtet.
[ 10 ] Why then did people gather together in the Cities? The reason was, in the first place, a material consideration; they wished to be free from oppression, in order to direct their activity to what was useful, to material gain.
[ 11 ] Auch aus der Städtekultur — aber nicht aus diesen neuen Begründungen — in Italien, auf dem Schauplatz einer alten absterbenden Kultur, geht die gewaltige Dichterpersönlichkeit des Mittelalters, Dante hervor. In den germanischen Städten entstehen zunächst praktische Erfindungen: der Kompaß, das Schießpulver, bis zu dem bedeutsamen Ereignis der Erfindung der Buchdruckerkunst. Alles dies, was hinüberführt in eine völlige Umgestaltung der Verhältnisse, war herausgeboren aus dem, was man praktisch errungen hatte. Das mag auf den ersten Blick sehr weit hergeholt erscheinen, aber, wie schon betont, liegen in der Geschichte Ursache und Wirkung weit auseinander. Möge dies ein Beispiel erläutern:
[ 11 ] And it was from this city-culture—but not from these new foundations—that there arose in Italy, on the scene of an ancient dying civilisation, the mighty poet-personality of the Middle Ages—Dante. In the Germanic cities, the first inventions were practical: the compass, gunpowder, and finally, the fruit-bearing event of the invention of printing. All this, which led to a complete transformation of conditions, was born out of the practical achievements of man. At first sight, that may seem very far-fetched, but—as already emphasised—cause and effect in History lie far asunder. An example may illustrate this.
[ 12 ] Franz Palacký, der tschechische Historiker, hat im Jahre 1846 in seinem Werke über das tschechische Volk im 15. Jahrhundert auf die Reformbewegung des Mittelalters hingewiesen, auf diese Bewegungen, die lange vor der sogenannten Reformation die Gedanken einer Neugestaltung der Kirche versuchten. Besonders an der hussitischen Bewegung, die Palacký, der selber an der Revolution 1848 tätigen Anteil nahm, mit großer Sympathie behandelte, macht er auf die Strömungen aufmerksam. Er charakterisiert in ihnen in ganz eigentümlicher Weise, was sich in den Herzen ausgebildet hat in der Städtekultur. Es ist eine den keltischen, germanischen und slawischen Stämmen gemeinsame Eigenschaft. Wir verstehen sie, wenn wir die Sagen und Lieder dieser Völker betrachten. Von alten griechischen und römischen Sagen unterscheiden sie sich dadurch, daß sie schildern, was das Menschenherz leiden kann und was es erlöst.
[ 12 ] In 1846, Franz Palecky, the Czech historian, referred to the reform movement of the Middle Ages, in his work on the Czech race in the 15th century. Long before the so-called Reformation, this movement was tentatively considering a re-organisation of the Church. Dealing with the Hussite movement most sympathetically, Polacky, who had himself taken an active part in the Revolution of 1848, called particular attention to these currents. In a quite original way, he pointed out in them what had been developed in the days of city-culture. It is a common property of the Celtic, Germanic and Slavonic tribes. If we study the sagas and songs of these peoples, we understand it. They are distinguished form the sagas of ancient Greece and Rome in that they depict what the human heart can suffer, and what redeems it.
[ 13 ] Es ist dies der Sinn für das Tragische. Bei dem griechischen und römischen Volk war derjenige der Held der Sage, der äußerlich siegte, nicht der, welcher seine Seele aufrecht erhielt. Immer war das Herz des Volkes bei denjenigen, die äußerlich vom Glück begünstigt waren. Anders bei den germanischen Völkern. Für die Helden, die äußerlich untergehen, aber die Seele aufrecht erhalten, schlägt das Herz der germanischen und slawischen Völker. Sie leben in der Seele, im Geiste. Helden wie Siegfried und Roland oder der Königssohn Marko werden in der Dichtung dieser Völker gefeiert. Nicht der äußere Sieg dieser Helden, sondern ihr Mut im Leiden und Untergang, ihr ungebeugter Geist wird gefeiert. Alles tritt zurück vor. dem Rechte des Geistes und der Seele. Im Imperium Romanum sehen wir die Tapferkeit, das Rechtsbewußtsein, in Griechenland die Kunst blühen; das Leben der Seele tritt uns bei den Germanen entgegen. Sie hatten keine Bilder ihrer Götter; nicht wie bei den Griechen treten uns herrliche Bilder ihrer Göttergestalten plastisch entgegen. Ihre Seele hat gearbeitet an den Bildern ihrer Götter, tief im Innern des Gemütes bildete der Deutsche sich seinen Gott.
[ 13 ] This is the feeling for tragedy. Among the Greeks and Romans, the hero of the story was he who was externally victorious, not he, who maintained his soul in uprightness. The heart of the people was always with him who was outwardly favoured by fortune. It was different with the Germanic peoples. The heart of the Germanic and Slavonic races beat for the heroes who externally failed, but whose souls stood firm. They lived in the soul, in the spirit. Heroes like Siegfried or Roland, or the king's son Mark, were extolled in the poems of these races. It is not to the external victories of these heroes, but ih their courage in suffering and failure, their unbowed spirit, that homage is paid. Everything gives place to the rectitude of spirit and soul. In the Imperium Romanum we see courage and consciousness of justice flourishing; in Greece we see Art; but with the Germani, it is the life of the soul that confronts us. They had no images of their gods; no splendid statues, such as the Greeks had. Their souls worked out the images of their gods; deep within their hearts they formed their God.
[ 14 ] Aus dieser Volksanlage entsprang auch der reformatorische Gedanke. Selbst mittätig sein an dem, was sein Glaube sein sollte, das verlangten diese Völker. Hundert Jahre vor Luther hatte Wichf in England eine reformatorische Bewegung eingeleitet. Der Volksgeist fordert, selbst die Bibel in die Hand zu nehmen. Aus diesem Geiste stammte auch die hussitische Bewegung. Schon im frühen Mittelalter waren Ansätze in dieser Richtung vorhanden. Kaiser Heinrich II. aus sächsischem Geschlecht, dem die katholische Kirche später den Namen «der Heilige» gegeben hat, forderte eine «ecclesia non romana». Militsch, der nicht genug gewürdigte Gelehrte, der im Kerker von Prag schmachtete, schrieb sein Buch über den Antichrist. Die römische Kirche mit ihrer äußeren Organisation war ihm der Antichrist. Das, was in solchen Forderungen und Bewegungen zutage trat, die Loslösung vom äußeren Zwang, die innerliche Vertiefung, das nimmt Palacký für das slawische Volk in Anspruch; den Gedanken der Humanität wie ihn Herder ausgesprochen hat, er sieht ihn dargestellt in den Brüdergemeinden wie sie auf böhmischem Boden sich entwickelten. Tief in unserem Volk liegt es, eine zwanglose Organisation als Ideal zu betrachten.
[ 14 ] From this tendency of the races sprang, too, the thought of reformation. To be themselves collaborators in what faith was to be—that is what these people desired. A hundred years before Luther, Wycliffe had introduced a reform movement in England. The folk-spirit demanded that men should take the Bible into their own hands. From this spirit the Huss movement also arose. As far back as the early Middle Ages there were already preliminary efforts in this direction. The Emperor Henry II, of Saxon lineage, who was later canonised by the Catholic Church, demanded an ecclesia non romana. Militz, the inadequately appreciated savant, wrote his book on Antichrist, while pining in a prison in Prague. That which came to light in such demands and movements—the emancipation from external coercion, the spiritual deepening—was claimed by Palacky for the Slavs: he sees the thought of human kindness, as expressed by Herder, represented in the Fraternal Fellowship, developed on Bohemian soil. It lies deep in the nature of the Germanic races to regard an untrammelled organisation as the ideal.
[ 15 ] Nicht nach, nicht während der Eroberung bildete es seinen Volkscharakter, sondern der Zug, der vor dieser Zeit in ihm lag, hat sich durch dieses Stadium hindurch erhalten und zu diesem Ideale endlich sich entwickelt. Der Freiheitsgedanke bildet sich während des Mittelalters aus, trotz all der Unterdrückung, trotz all der Gegenströmungen, die das ausmachen, was man das dunkle Mittelalter nennt. Mag auch vielen das Mittelalter heute als eine finstere Zeit erscheinen, so hat sich doch im Mittelalter das entwickelt, was später die Dichter suchten: das Freiheitsbewußtsein, für welches das 18. Jahrhundert kaum mehr als die Definition fand, um das man im 19. Jahrhundert erbittert kämpfte, und welchem das Ringen der Gegenwart gilt.
[ 15 ] It was neither after, nor during, conquest, that the Germanic character was formed; but the quality which marked it before this time, was maintained throughout this stage, and eventually developed to these ideals. The thought of freedom was evolved during the Middle Ages in spite of all the counter-currents which gave this period the name of “the dark Middle Ages.” If to many to-day the Middle Ages appear as a gloomy epoch, yet it was in the Middle Ages that that was developed which later, the poets sought, namely, the consciousness of freedom, a consciousness for which the 18th century fought bitterly, and with which the struggles of the present day are concerned.
[ 16 ] Freimachen müssen wir uns von den Zwangsverhältnissen, in denen auch heute noch die Menschen gebunden sind. Das Bewußtsein, daß der Mensch dem Menschen in bezug auf das Freiheitsgefühl gleich sei, hat sich immer mehr verbreitet. Das haben die Menschen begriffen, daß rechtlich ein Mensch nicht Sklave, nicht Höriger sein könne. Rechtlich fühlt sich der Mensch heute frei. Aber eine andere Form der Unfreiheit hat sich noch erhalten, die materielle. Unfrei war im alten Griechenland der Unterdrückte, der Überwundene, der Sklave. Unfrei war im alten Rom der nicht zum Bürgertum Gehörende, der keinen Teil an dem Staate hatte. Im Mittelalter waren die Menschen unfrei durch die physische Gewalt. Alle diese Formen haben sich nicht erhalten können, erhalten hat sich nur die ökonomische Unfreiheit.
[ 16 ] We must free ourselves from the state of coercion which many are still bound to-day, though the consciousness that, as regards the feeling of freedom, all men are equal, has spread more and more. Men have grasped that by right no man can be a slave or a bondsman. To-day man feels himself free by right. But another form of unfreedom, material unfreedom, has persisted. In ancient Greece, the oppressed, the vanquished, the slaves, were unfree. Unfree in ancient Rome were those who had no claim to citizenship, no share in the State. In the Middle Ages men were made unfree by physical force. None of these forms could be maintained; economic unfreedom alone persists.
[ 17 ] Immer deutlicher gibt sich das Bestreben nach voller Befreiung der Persönlichkeit kund. Der alte Grieche legte Wert auf die Vornehmheit der Rasse, der Römer auf die Vornehmheit der Person. Bei dem Germanen lag der Wert in der Kraft und Stärke der Person. Der moderne Mensch legt Wert auf den Kapitalismus, auf den Schein des Besitzes. So weist uns die Entwickelung darauf hin, daß immer mehr die Schranken fallen, die von außen die Persönlichkeit hemmen. Dann wird der Boden frei sein für das neue Ideal. Daß der freie Mensch aus dem Geist heraus einen neuen Wert erhält, lehrt uns die Geschichte. Der idealerfüllte Mensch wird derjenige sein, der befreit ist von all diesen Formen der Unterdrückung, der gelöst von der Erdenschwere, seinen Blick aufwärts richten kann. Dann erst wird das Wort Hegels zur vollen Wahrheit werden: Die Geschichte ist der Fortschritt der Menschheit zum Bewußtsein der Freiheit!
[ 17 ] More and more clearly has the striving for complete freedom of personality shown itself. The ancient Greek valued distinction or race; the Roman, distinction of person; modern man attaches value to capitalism, to a show of wealth. Thus evolution points to the fall of more and more of those barriers which shut the personality off from the outside. Then the ground becomes free for the new ideal. History teaches us that the free man acquires a new value from out the spirit. The man who fulfils the ideal will be he who is freed from all these forms of oppression, he who, released from earthly gravity, can direct his gaze upwards. Only then will Hegel's words become wholly true: “History is the progress of humanity to consciousness of freedom.”
