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Philosophy, History and Literature
GA 51

29 December 1904, Berlin

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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
  1. Über Philosophie Geschichte und Literatur

Geschichte Des Mittelalters bis zu den großen Erfindungen und Entdeckungen X

History of the Middle Ages Up to the Great Inventions and Discoveries X

[ 1 ] Wir schreiten immer mehr in der Betrachtung der Geschichte fort zu den Zeiten, in denen die großen Erfindungen und Entdeckungen geschahen im 15. Jahrhundert.

[ 1 ] As we continue our exploration of history, we are moving further and further back in time to the 15th century, when the great inventions and discoveries took place.

[ 2 ] Die neue Zeit beginnt. Für eine geschichtliche Betrachtung hat diese neue Zeit besonderes Interesse; in charakteristischen Merkmalen vollzieht sich der Übergang zu den großen Staatenbildungen Europas. Wir haben gesehen, wie aus der Feudalmacht der Übergang zu der neuzeitlichen Fürstenmacht sich entwickelt. Sie bedeutet auf der einen Seite eine Reaktion von alten Überbleibseln aus früherer Zeit und nur in gewisser Weise eine Erneuerung. Dasjenige, was geblieben ist von den alten Ansprüchen von Fürsten und Herzögen, was übriggeblieben war, sammelt wieder seine Kräfte und bestimmt durch seine familiären privaten Verhältnisse die Landkarte Europas.

[ 2 ] A new era is beginning. This new era is of particular interest from a historical perspective; its defining characteristics mark the transition to the formation of Europe’s great states. We have seen how the transition from feudal power to modern princely power has unfolded. On the one hand, this represents a reaction to old remnants from earlier times and, only to a certain extent, a renewal. What remains of the old claims of princes and dukes—what was left behind—is regaining its strength and, through its private family ties, is shaping the map of Europe.

[ 3 ] Der Grundbesitz war in seiner Vorherrschaft durch die Städte abgelöst worden, das Bürgertum blühte und alle eigentlichen Kulturfaktoren gingen von den Städten aus. Das Kaisertum war zu einer Schattenmacht herabgesunken; nach langem Interregnum wurde Rudolf von Habsburg zwar gewählt, aber der Kaiser war im Reich sehr unnötig geworden, er brauchte sich dort kaum mehr sehen lassen. Die habsburgische Dynastie ist nur bestrebt, durch diese kaiserliche Gewalt ihre Hausmacht zu mehren, überall, wo außerhalb der Städtemacht ihr Rechte geblieben sind. Es ist ein einfacher Prozeß, der sich hier vollzieht, auch die übrigen — Fürsten und Herzöge — sammeln, was ihnen geblieben ist, um ihre Hausmacht zu stärken, und schaffen so die Grundlage für große politische Gebiete.

[ 3 ] The dominance of the landed gentry had been supplanted by that of the cities; the bourgeoisie was flourishing, and all the true forces of culture emanated from the cities. The empire had been reduced to a shadow of its former self; after a long interregnum, Rudolf of Habsburg was indeed elected, but the emperor had become largely superfluous in the empire—he hardly needed to make an appearance there anymore. The Habsburg dynasty sought only to use this imperial authority to expand its power base wherever it still held rights outside the sphere of urban power. It is a simple process that is unfolding here; the others—princes and dukes—are also gathering what remains to them in order to strengthen their domestic power, thereby laying the foundation for large political territories.

[ 4 ] Der Mongoleneinbruch, später die Einfälle der Türken, geben dazu Anlaß. Nur größere Fürsten sind imstande, ihre Gebiete zu verteidigen; es schließen sich die kleineren dem mächtigeren an und bilden so die Grundlage für künftige Staaten. Der neue Kaiser bedeutete nur noch sehr wenig. Wie erwähnt, war Rudolf von Habsburg nur bestrebt, sich eine Hausmacht zu gründen. Nach der Überwindung Ottokars von Böhmen wurde sein Sohn mit dessen Ländern belehnt, später wurde die habsburgische Hausmacht dadurch verstärkt, daß immer neue Gebiete dazu erheiratet wurden.

[ 4 ] The Mongol invasion, and later the Turkish incursions, were the catalyst for this. Only the larger princes were able to defend their territories; the smaller ones aligned themselves with the more powerful ones, thus laying the foundation for future states. The new emperor had very little influence by this point. As mentioned, Rudolf of Habsburg was concerned only with establishing a power base for his house. After the defeat of Ottokar of Bohemia, his son was enfeoffed with Ottokar’s lands; later, the Habsburg power base was strengthened as new territories were continually acquired through marriage.

[ 5 ] Nur der Vorgang kann bei all diesen rein privaten Unternehmungen uns interessieren, daß es dabei zu dem Aufstande der Schweizer Eidgenossen kam, die frei sein wollten von den Ansprüchen, die der Nachfolger Rudolf von Habsburgs, Kaiser Albrecht I, an sie machte. Durch harte Kämpfe erlangten sie es, nur abhängig von kaiserlicher Gewalt — reichsunmittelbar — zu sein; sie wollten nichts wissen von fürstlicher Gewalt.

[ 5 ] The only aspect of all these purely private ventures that is of interest to us is that they led to the uprising of the Swiss Confederates, who wanted to be free from the claims made upon them by Rudolf of Habsburg’s successor, Emperor Albrecht I. Through fierce battles, they succeeded in becoming subject only to imperial authority—as imperial subjects—and rejected any form of princely authority.

[ 6 ] Das Bestreben, die eigene Hausmacht zu vergrößern, setzt sich fort unter den folgenden Kaisern; so bemächtigt sich Adolf von Nassau eines großen Teiles von Thüringen, das er den schwächlichen Fürsten entreißt. Auch Albrecht von Österreich und dessen Nachfolger Heinrich von Luxemburg suchen sich in dieser Weise zu bereichern, letzterer, indem er seinen Sohn mit einer böhmischen Prinzessin vermählte. Dies ist ein typischer Fall für die Entwickelung der damaligen Verhältnisse.

[ 6 ] The drive to expand one’s own power base continued under the subsequent emperors; thus, Adolf of Nassau seized a large part of Thuringia, which he wrested from its weak princes. Albrecht of Austria and his successor, Henry of Luxembourg, also sought to enrich themselves in this manner, the latter by marrying his son to a Bohemian princess. This is a typical example of how conditions developed at that time.

[ 7 ] Diese Strömung setzte sich fort unter neuem Anwachsen der kirchlichen Gewalt, aber zugleich war auch ein Anwachsen der Strömung vorhanden, die nichts mit der Kirche zu tun haben wollte. Die Lehren der Waldenser oder Katharer wirkten aufreizend, es gab gewaltige Kämpfe gegen die wieder aufkommende Fürstenmacht. Die Lage der Bauern, die sich gehoben hatte durch die Städte-Entstehung, wurde jetzt immer drückender durch das feudale und Raubrittertum, die Bistümer und Abteien, denen sie fronen mußten. Die Städte hatten eine Zeit der Blüte gehabt, damals hatte der Grundsatz gegolten: Stadtluft macht frei. — Doch mit der Zeit waren viele Städte in Abhängigkeit geraten, besonders war es den Hohenstaufen gelungen, viele Städte in Abhängigkeit zu bringen. Jetzt bestrebten sich die Städte, weiteren Zufluß abzuhalten, sie machten Schluß damit und suchten auch hier sich fürstlichen Schutz. Die Bauernbevölkerung geriet dadurch in erhöhte Abhängigkeit von ihren Grundherren. Die Stimmung der Unterdrückten wurde aufgestachelt von den Waldensern und Ketzern, denen die Kirche nicht mehr genügte.

[ 7 ] This trend continued amid a resurgence of ecclesiastical power, but at the same time there was also a growing movement that wanted nothing to do with the Church. The teachings of the Waldensians and Cathars were provocative, and there were fierce struggles against the resurgent power of the princes. The situation of the peasants, which had improved with the rise of the cities, now became increasingly oppressive due to feudalism and robber barons, as well as the bishoprics and abbeys to which they were bound by serfdom. The cities had enjoyed a period of prosperity; back then, the principle had held true: “City air sets you free.” — But over time, many towns had fallen into dependency; the Hohenstaufen dynasty, in particular, had succeeded in bringing many towns under their control. Now the towns sought to stem the further influx of settlers; they put an end to it and sought princely protection here as well. As a result, the peasant population became increasingly dependent on their landlords. The mood among the oppressed was stirred up by the Waldensians and heretics, for whom the Church was no longer sufficient.

[ 8 ] Der Schrei nach Freiheit und die christlich-ketzerische Stimmung gingen Hand in Hand; es verquickte sich religiöse Stimmung mit politischer Bewegung und diese Volksstimmung fand ihren Ausdruck in den Bauernkriegen. Wer sie erfassen will, diese geistige Ketzerstimmung unabhängig von äußerer Kirchlichkeit und Fürstengewalt, der muß sich vergegenwärtigen, daß besonders in den Rheingegenden — «des Heiligen römischen Reiches Pfaffengasse» — durch Jahrzehnte hindurch harte Kämpfe von der fürstlichen Macht gegen diese Strömung geführt wurden. Volkstümliche Prediger, die namentlich dem Dominikanerorden entstammten, widersetzten sich, ja, es kommt zum Streite der Prediger, weil sich diese Prediger nicht fügen wollen der Bedrückung des Volkes durch die päpstliche Gewalt. Sie sind nicht einverstanden mit der politischen Machtentfaltung des Papsttums und der Ausbreitung der Macht der Fürsten.

[ 8 ] The cry for freedom and the Christian-heretical sentiment went hand in hand; religious sentiment became intertwined with political movement, and this popular sentiment found its expression in the Peasants’ Wars. Anyone who wishes to grasp this spirit of heresy—independent of outward religiosity and princely authority—must bear in mind that, especially in the Rhine regions—“the clergy’s alley of the Holy Roman Empire”—fierce battles were waged for decades by the princely powers against this movement. Folk preachers, particularly those from the Dominican Order, resisted; indeed, a conflict arose among the preachers because they refused to submit to the oppression of the people by papal authority. They disagreed with the papacy’s expansion of political power and the growth of princely authority.

[ 9 ] Die französischen Könige sahen in dem Papsttum eine Unterstützung im Kampfe mit der deutschen Fürstenmacht. So wurde der Papst nach Avignon geführt und während etwa siebzig Jahren hatten die Päpste dort ihren Sitz. Heinrich von Luxemburg kämpft mit dem Papst, dem der König von Frankreich seine Unterstützung leiht. So beherrscht nun der Papst von Avignon, von Frankreich aus, die Christenheit, und wie die Fürsten ihren Lehensleuten gegenüber immer mehr ihre Macht zur Geltung bringen, so streben die Päpste nach immer größerer Ausbreitung ihrer Gewalt. Der weltliche Klerus, die machtbesitzenden Abteien und Bistümer waren abhängig vom Papst. Währenddessen gestalteten die Fürsten willkürlich die Landkarte Europas. Kaiser Karl IV. vereinigt unter seiner Hausmacht Brandenburg, Ungarn und Böhmen. Die Kaiserwürde ist zur Titulatur geworden, die Kaiser begnügen sich damit, ihre Privatländer zu verwalten, der Kaisertitel wird von den Fürsten verschachert.

[ 9 ] The French kings saw the papacy as an ally in their struggle against German princely power. Thus, the pope was led to Avignon, and for about seventy years the popes had their seat there. Henry of Luxembourg fought against the pope, whom the King of France supported. Thus, the Pope of Avignon now ruled Christendom from France, and just as the princes increasingly asserted their power over their vassals, so too did the popes strive for ever greater expansion of their authority. The secular clergy, as well as the powerful abbeys and bishoprics, were dependent on the Pope. Meanwhile, the princes arbitrarily reshaped the map of Europe. Emperor Charles IV united Brandenburg, Hungary, and Bohemia under his personal rule. The imperial title had become a mere formality; the emperors were content to administer their private lands, and the imperial title was traded away by the princes.

[ 10 ] Wollen wir die eigentliche Geschichte verstehen, müssen wir uns vorhalten, wie der große Umschwung vom Mittelalter zur neuen Zeit darin bestand, daß die Fürsten für ihre Privatinteressen jene unzufriedene Stimmung benutzt haben; die Staaten, die sich bilden, sehen wir ihre Fangarme ausbreiten über eine jahrhundertlange populäre Strömung, und es wird diese Strömung für religiöse Freiheit benutzt, um zuerst das Papsttum zu bekämpfen und seine Macht zu unterbinden und sich selber dann in diese Machtstellung hineinzuschleichen.

[ 10 ] If we are to understand the true course of history, we must bear in mind that the great turning point from the Middle Ages to the modern era consisted in the fact that the princes exploited that discontent for their own private interests; we see the emerging states spreading their tentacles over a centuries-long popular movement, and this movement is exploited in the name of religious freedom—first to combat the papacy and curtail its power, and then to insinuate themselves into that position of power.

[ 11 ] Auf dem Grunde der Volksseele entwickelte sich jene Strömung; sie erstrebte etwas ganz anderes, als was dann die Reformation brachte. Der verweltlichte Klerus war ein ebensolcher Bedrücker geworden wie die weltlichen Fürsten. Die städtische Bevölkerung sah sich in ihrem Egoismus nicht genötigt, sich auf die Seite der Bedrückten zu stellen, nur wenn ihre eigene Freiheit bedroht wurde, sahen wir sie bemüht, sich diese Freiheit zu erhalten. So gelang es ihnen im schwäbischen Städtebund und in der Pfalz doch nicht, sich zu behaupten, so daß sich auch hier neue Fürstenmacht herausbildete.

[ 11 ] That movement took root in the depths of the people’s soul; it sought something entirely different from what the Reformation ultimately brought. The secularized clergy had become just as oppressive as the secular princes. The urban population, in its self-interest, did not feel compelled to side with the oppressed; only when their own freedom was threatened did we see them striving to preserve that freedom. Thus, they were ultimately unable to assert themselves in the Swabian League of Cities and in the Palatinate, with the result that new princely power emerged there as well.

[ 12 ] Schon während der Regierung des Kaisers Sigismund kam es zum Ausbruch in Böhmen in einer eigentümlichen religiösen Bewegung. Eine Bewegung, die sich ausbreitet unter einem Manne, der — man mag anerkennen oder leugnen, was er vertrat — doch nur sich auf seine eigene Überzeugung verließ; eine Überzeugung, die sich stützte auf den reinsten Willen, auf das Feuer in der eigenen Brust. Dieser Mann war Johannes Hus von Hussonetz, der Prediger und Professor an der Universität Prag. Gestützt auf etwas, was in ganz Europa sich ausbreitete — denn schon vorher war in England durch Wiclif auf Herstellung des ursprünglichen Christentums gedrungen worden —, was aber besonderen Glanz erhielt durch die feurige Beredsamkeit des hervorragenden Mannes, fand Hus überall Zustimmung. Überall fanden seine Worte dadurch Eingang, daß man nur hinzuweisen brauchte auf das schmähliche Verhalten des weltlichen Klerus, auf den Verkauf der Bistümer und so weiter. Es waren zu Herzen gehende Worte, denn sie verkündeten etwas, was als Stimmung durch ganz Europa ging und nur dort hervortrat, wo eine Persönlichkeit sich fand, die ihr Ausdruck verlieh. Durch die Päpste und die Gegenpäpste war die Kirche in Unordnung geraten, die Päpste selbst mußten etwas tun. So wurde das Konzil von Konstanz einberufen. Es bildete einen Wendepunkt des mittelalterlichen Lebens. Eine Umwandlung in eine reine Kirche wurde angestrebt. Dieses Vorhaben setzte eine lebhafte Opposition in Bewegung. Politische Beweggründe spielten mit, Kaiser Sigismund selbst war lebhaft interessiert. Die ärgsten Mißstände der Kirche sollten abgestellt werden, denn der Klerus war vollständig verwahrlost, auch in den Klöstern waren unglaubliche Mißbräuche eingerissen. In Italien hatte Savonarola seine machtvolle Agitation gegen die Verweltlichung der Kirche begonnen. Auch damit wollte das Konzil abrechnen. Der Vorsitzende des Konzils war Gerson, der oberste Leiter der Pariser Universität, ein zweiter Tauler für die romanischen Länder, Diese Tatsache war für den Ausgang des Konzils bedeutsam, denn mit Hilfe des Gerson war es dem Kaiser möglich geworden, die Führung den Päpstlichen zu entreißen und dem Hussitismus den Garaus zu machen. Weil diese Strömung nichts zu tun hatte mit politischer Machtentfaltung, sondern aus tiefster Volksseele hervorging, deshalb war sie den geistlichen und auch besonders den weltlichen Machthabern so gefährlich. Es ist nicht Rom allein, es ist die heraufkommende Fürstengewalt, der Hus zum Opfer gefallen ist. Die Hussiten führten ihren Krieg für ein republikanisches Christentum nicht nur gegen die Kirche, er wurde geführt gegen die herannahende Fürstenmacht.

[ 12 ] Even during the reign of Emperor Sigismund, a peculiar religious movement broke out in Bohemia. A movement that spread under the leadership of a man who—whether one agrees with or rejects what he stood for—relied solely on his own convictions; convictions grounded in the purest will, in the fire within his own breast. This man was John Hus of Hussonetz, the preacher and professor at the University of Prague. Drawing on a movement that was spreading throughout Europe—for even before that, Wycliffe in England had already pressed for a return to original Christianity—but which gained particular brilliance through the fiery eloquence of this outstanding man, Hus found support everywhere. His words found acceptance everywhere simply by pointing out the shameful conduct of the secular clergy, the sale of bishoprics, and so on. They were words that touched the heart, for they proclaimed a sentiment that was sweeping through all of Europe and emerged only where a personality was found to give it expression. The Church had fallen into disarray because of the popes and antipopes; the popes themselves had to take action. Thus, the Council of Constance was convened. It marked a turning point in medieval life. The goal was to transform the Church into a pure institution. This endeavor sparked vigorous opposition. Political motives were at play; Emperor Sigismund himself took a keen interest. The most egregious abuses within the Church were to be rectified, for the clergy had become completely derelict, and even in the monasteries, unbelievable abuses had taken hold. In Italy, Savonarola had begun his powerful campaign against the secularization of the Church. The Council sought to address this issue as well. The chairman of the Council was Gerson, the chancellor of the University of Paris—a second Tauler for the Romance-speaking lands. This fact was significant for the outcome of the Council, for with Gerson’s help, the emperor had been able to wrest leadership from the papal faction and put an end to Hussitism. Because this movement had nothing to do with the exercise of political power but sprang from the very depths of the people’s souls, it was so dangerous to the spiritual and, in particular, the secular rulers. It was not Rome alone, but the rising power of the princes to which Hus fell victim. The Hussites waged their war for a republican Christianity not only against the Church; it was waged against the encroaching power of the princes.

[ 13 ] Im Protestantismus verbündet sich aber diese Macht mit der religiösen Unzufriedenheit, um sie für seine Zwecke auszunützen. Die Taten der Nachfolger des Hus waren damit zum Tode verurteilt, daß die Fürstengewalt gesiegt hatte. Sonst hatten die Kaiser in jener Zeit nicht besondere Macht: den Kaiser Friedrich II. zum Beispiel nannte man allgemein den «unnützen Kaiser».

[ 13 ] In Protestantism, however, this power allies itself with religious discontent in order to exploit it for its own purposes. The actions of Hus’s followers were thus doomed to failure because princely power had prevailed. Otherwise, the emperors of that time held no particular power: Emperor Frederick II, for example, was commonly referred to as the “useless emperor.”

[ 14 ] So gibt sich uns ein Bild der eigentümlichen Entwickelung in jener Zeit. In den immer mehr heraufkommenden Städten ein blühendes Leben, dahingegen dort, wo die feudale Macht sich behauptete, fortwährend zunehmende Bedrückung; auf dem Gebiete tieferen religiösen Lebens zugleich, von diesen beiden Faktoren beeinflußt, eine starke Bewegung, wie sie im Auftreten eines Wiclif, eines Hus hervortrat. Italien bietet uns ein glänzendes Bild jenes städtischen Lebens in seinen Städterepubliken; so waren es in Florenz die Mediceer-Kaufleute, die grundlegend wirkten für die Kultur Italiens. Alle diese Städte waren maßgebende Kulturfaktoren.

[ 14 ] This gives us a picture of the unique developments of that era. In the cities that were increasingly coming to the fore, life was flourishing; in contrast, where feudal power persisted, oppression continued to grow; and in the realm of deeper religious life, influenced by both of these factors, a powerful movement emerged, as evidenced by the rise of figures such as Wycliffe and Hus. Italy offers us a brilliant picture of that urban life in its city-states; in Florence, for example, it was the Medici merchants who played a fundamental role in Italian culture. All of these cities were influential cultural forces.

[ 15 ] So werden Sie begreifen, daß die Mittel, durch die man sonst zur Macht gelangte, nicht mehr ausreichten. Im Mittelalter hatte außer der Anzahl von Geistlichen, die in den Klöstern und in den Beamtenstellen wirkten, niemand lesen und schreiben können. Nun ist dies Verhältnis ein anderes geworden. Lesen und Schreiben findet Verbreitung durch die neuen Strömungen, die nun über die Volksmengen dahinfluten. Die großen Schreibinstitute verbreiteten in Abschriften, was früher dem Volke verboten war, und diese Abschriften wurden gekauft wie später Bücher: Schriften des Neuen Testamentes, populärwissenschaftliche Bücher, Sagen-, Legenden-, Helden- und Arzneibücher wurden im 14. Jahrhundert ins Volk geworfen.

[ 15 ] Thus you will understand that the means by which power was otherwise attained were no longer sufficient. In the Middle Ages, apart from the clergy who served in monasteries and held public offices, no one could read or write. Now this situation has changed. Literacy is spreading through the new movements that are now sweeping across the masses. The great writing institutes disseminated, in the form of manuscripts, what had previously been forbidden to the people, and these manuscripts were purchased just as books would be later: writings from the New Testament, popular science books, books of myths, legends, heroic tales, and medical treatises were made widely available to the people in the 14th century.

[ 16 ] Namentlich von den Brüdern vom gemeinsamen Leben waren, wie schon erwähnt, überall Schulen errichtet worden. Den Rhein entlang namentlich wurde, was früher in Klöstern verborgen war, jetzt ans Licht geholt. Eine förmliche Abschriftenindustrie entstand in Hagenau im Elsaß, deren Ankündigungen wie zum Beispiel die von Lamberts, einem heutigen Kataloge ähnlich sind. Auch von Köln ging ein nachhaltiger Handschriftenhandel aus und die Brüder vom gemeinsamen Leben wurden auch genannt «Brödder von de penne».

[ 16 ] As already mentioned, schools had been established everywhere, particularly by the Brothers of the Common Life. Along the Rhine in particular, what had previously been hidden away in monasteries was now brought to light. A formal manuscript copying industry emerged in Hagenau, Alsace, whose advertisements—such as those of the Lamberts—resemble modern catalogs. A thriving manuscript trade also originated in Cologne, and the Brothers of the Common Life were also known as the “Brödder von de penne.”

[ 17 ] Hier haben wir das Vorbereitungsstadium der Buchdrukkerkunst. Sie entsprang einem tiefen Bedürfnis, sie ist nicht wie aus der Pistole geschossen entstanden, sondern war dadurch vorbereitet, daß sie zum Bedürfnis geworden war, indem die Bücher, die durch Abschrift hergestellt wurden, zu teuer waren, aber auch die ärmeren Volksklassen nach Büchern verlangten. Sie war ein Mittel damals, das Volk aufzurütteln.

[ 17 ] Here we have the preparatory stage of the art of book printing. It arose from a deep-seated need; it did not emerge suddenly, but was brought about by the fact that it had become a necessity—since books produced by hand copying were too expensive, yet even the poorer classes of society were demanding books. At that time, it was a means of stirring up the people.

[ 18 ] Die Männer, die dazumal die Sache der Bauern führten, konnten nur dadurch diese Flugschriften im Volk verbreiten, daß ihnen die Verhältnisse entgegenkamen. So entstanden damals die Bauernbündnisse, der «Arme Konrad», der «Bundschuh» mit dem Wahlspruch: «Wir mögen von Pfaffen und Adel nicht genesen». Von allen Seiten ging damals das Bedürfnis nach etwas Neuem aus und als um 1445 Gutenberg die beweglichen Lettern erfand, war das Mittel gegeben, das dazumalige Kulturleben ausgestalten zu können. Die Empfänglichkeit war vorbereitet für die Erweiterung des Gesichtskreises. Unter dem Einfluß solcher Stimmungen entwickelt sich die Verweltlichung von Künsten und Wissenschaften, und dadurch die Periode der Erfindungen und Entdeckungen. Während früher die Kirche allein die Trägerin der Künste und Wissenschaften gewesen ist, sind jetzt die Städte und das Bürgertum die Träger der Kultur; aus der früheren bloß kirchlichen Kultur ist sie herübergebracht und verweltlicht worden.

[ 18 ] The men who led the peasants’ cause at that time were able to distribute these pamphlets among the people only because circumstances were favorable to them. This is how the peasant alliances emerged at that time—the “Arme Konrad” and the “Bundschuh”—with the slogan: “We shall not be cured by priests and the nobility.” At that time, the need for something new was felt on all sides, and when Gutenberg invented movable type around 1445, the means were provided to shape the cultural life of the era. The groundwork had been laid for broadening people’s horizons. Under the influence of such sentiments, the secularization of the arts and sciences developed, giving rise to the period of inventions and discoveries. Whereas the Church had previously been the sole patron of the arts and sciences, the cities and the bourgeoisie are now the bearers of culture; it has been transferred from the former, purely ecclesiastical culture and secularized.

[ 19 ] Wir kommen zu den Entdeckungen, die wir nur kurz aufzählen können, die den Schauplatz der Menschengeschichte über weite unbekannte Gebiete hin erstreckte. Dazu kam der Einfall der Türken in Griechenland, wodurch die dort noch vorhandene Kultur Einfluß auf Europa gewann. Es wanderte eine große Anzahl von griechischen Künstlern und Gelehrten nach den anderen Ländern, namentlich nach Italien aus und fand in den Städten Unterkunft. Sie befruchteten den Geist des Abendlandes. Diese Reformation nennt man die Renaissance. Das alte Griechenland stand wieder auf, jetzt erst konnte man die Schriften kennenlernen, auf denen das Christentum fußte. Das alte hebräische Testament wurde gelesen, namentlich Reuchlin verdanken wir das und durch ihn und Desiderius Erasmus von Rotterdam wurde die Bewegung in die Welt gesetzt, die wir als Humanismus kennen. Aus den Bestrebungen, die durch diese Einwirkungen eingeleitet waren, ging die Morgenröte der neuen Zeit hervor. Noch etwas hatte die Ausbreitung der türkischen Gewalt zur Folge. Lange schon hatte das Abendland mit dem Orient in Verbindung gestanden. Durch die Herrschaft der italischen Städte über die Meere, deren Mittelpunkt Venedig war, hatte man die Produkte des Orients, namentlich indische Spezereien, nach Europa verfrachten können. Als nun durch den Einfall der Türken den Handelsleuten die Möglichkeit dieser Verbindung erschwert worden war, entsprang daraus das Bedürfnis, um Afrika herum einen anderen Weg nach Indien zu finden. Von Portugal und anderen südlichen Ländern gingen Sendungen aus, um die Gegenden um Afrika zu erforschen, und es gelang Bartolomeo Diaz, das Kap der Stürme, später Kap der Guten Hoffnung, und Vasco da Gama 1498 den Seeweg nach Indien zu finden. Damit war eine neue Epoche für das europäische Wirtschaftsleben angebrochen, die ihren Gipfelpunkt 1492 in der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus fand. Doch das gehört zu der Geschichte der neueren Zeit.

[ 19 ] We now turn to the discoveries—which we can only briefly list—that expanded the stage of human history to encompass vast, unknown territories. Added to this was the Turkish invasion of Greece, through which the culture still existing there came to influence Europe. A large number of Greek artists and scholars emigrated to other countries, notably Italy, and found refuge in the cities. They enriched the spirit of the West. This renewal is known as the Renaissance. Ancient Greece rose again; only now could people become acquainted with the writings upon which Christianity was founded. The Old Testament was read; we owe this in particular to Reuchlin, and through him and Desiderius Erasmus of Rotterdam, the movement we know as Humanism was set in motion. From the aspirations sparked by these influences, the dawn of a new era emerged. The spread of Turkish power had yet another consequence. The West had long been in contact with the East. Through the maritime dominance of the Italian city-states—with Venice at their center—it had been possible to transport the products of the East, notably Indian spices, to Europe. When the Turkish incursions made it more difficult for merchants to maintain this connection, the need arose to find an alternative route to India by sailing around Africa. Expeditions were sent out from Portugal and other southern countries to explore the regions around Africa, and Bartolomeu Dias succeeded in reaching the Cape of Storms—later renamed the Cape of Good Hope—while Vasco da Gama discovered the sea route to India in 1498. This marked the dawn of a new era in European economic life, which reached its peak in 1492 with Columbus’s discovery of the Americas. But that belongs to the history of more recent times.

[ 20 ] So haben wir den Ausgang des Mittelalters kennengelernt und die Faktoren, die hinüberführen zu einer neuen Zeit. Erschüttert sehen wir das ganze Leben in seinen Grundlagen. Und wenn man oft meint, daß die Einschnitte bei der Geschichtsbetrachtung willkürlich gewählt seien, dieser Einschnitt ist wirklich bedeutsam. Es geschah einer von jenen «Rucken», wie wir das in der Mitte des Mittelalters bei der Städtegründung, im Anfang bei der Völkerwanderung haben verfolgen können.

[ 20 ] This is how we have come to understand the end of the Middle Ages and the factors that led to a new era. We are shaken to see the very foundations of life itself. And while one often thinks that the dividing lines in historical analysis are chosen arbitrarily, this dividing line is truly significant. It was one of those “jolts,” as we have seen in the middle of the Middle Ages with the founding of cities and, earlier, during the Migration Period.

[ 21 ] Jetzt unter der Ägide der Städtekultur in Verbindung aller dieser Erfindungen mit der großen wissenschaftlichen Eroberung, die die Tat des Kopernikus ist, wird eine ganz neue Kultur hervorgerufen. Die Verweltlichung der Kultur, eine Erstarkung der Fürstenmacht wird herbeigeführt durch diese Strömung. Kleinere Gebiete hatten nicht Widerstand leisten können gegen die verheerenden Züge der Türken, sie hatten sich Mächtigeren angeschlossen. All diesen Faktoren ist die Ausbreitung der großen Staaten zuzuschreiben. In mannigfaltigen Bildern haben wir die Verhältnisse sich wandeln gesehen, wir haben gesehen, wie das Bürgertum ersteht, wie es emporblüht und wie ihm in der Fürstenmacht ein gefährlicher Gegner entgegentritt.

[ 21 ] Now, under the auspices of urban culture—combining all these inventions with the great scientific breakthrough that was Copernicus’s achievement—an entirely new culture is emerging. This trend brings about the secularization of culture and a strengthening of princely power. Smaller territories had been unable to resist the devastating campaigns of the Turks; they had aligned themselves with more powerful entities. The expansion of the great states is attributable to all these factors. Through a variety of examples, we have seen conditions change; we have seen how the bourgeoisie emerged, how it flourished, and how it faced a dangerous adversary in the form of princely power.

[ 22 ] Sie wissen, daß die Gegenwart das Ergebnis der Vergangenheit ist, wir werden daher Geschichte treiben in richtiger Weise, wenn wir von der Vergangenheit für die Gegenwart und Zukunft lernen in der Art, wie es uns in dem Ausspruch eines alten keltischen Barden entgegentritt, der sagt, daß es ihm die schönste Musik sei, wenn er die großen Taten der Vorzeit höre, die ihn aufrütteln und begeistern. So wahr es ist, daß das menschliche Dasein das wichtigste Phänomen und damit der Mensch selbst das würdigste Studium ist, so wahr ist es auch, daß der Mensch sich ein großes Rätsel bleibt. Wenn der Mensch sich klar wird, daß er sich selbst ein Geheimnis bleibt, wird er zu dem rechten Studium gelangen. Denn nur dann wird der Mensch sich in rechter Würdigung gegenüberstehen, wenn er weiß, daß dies sein Geheimnis ist: sein eigenes Dasein im Zusammenhange stehend mit dem Allsein. Das gibt ihm die rechte Grundlage für all sein Tun und Handeln.

[ 22 ] You know that the present is the result of the past; we will therefore engage with history in the proper way if we learn from the past for the present and the future, in the manner expressed by an ancient Celtic bard, who said that the most beautiful music to him was hearing of the great deeds of antiquity that stir and inspire him. Just as it is true that human existence is the most important phenomenon—and thus that human beings themselves are the most worthy subject of study—so too is it true that human beings remain a great mystery. When a person realizes that he remains a mystery to himself, he will arrive at the true object of study. For only then will a person view himself with proper appreciation—when he knows that this is his mystery: his own existence in connection with the universe. This provides him with the proper foundation for all his deeds and actions.

[ 23 ] Will er aber etwas erfahren über dieses Geheimnis seines eigenen Daseins, so muß er sich wenden an die Wissenschaft, die von seinem eigenen Streben erzählt. In der Weltgeschichte sehen wir, wie Gefühle und Gedanken in Handlungen übergehen. Darum sollen wir Weltgeschichte lernen, daß wir an ihr beflügeln unsere Hoffnungen, unsere Gedanken und Gefühle. Bringen wir herüber aus der Vorzeit, was wir brauchen für die Zukunft, was wir brauchen für das Leben, für die Tat!

[ 23 ] But if he wishes to learn anything about this mystery of his own existence, he must turn to the science that tells of his own striving. In world history, we see how feelings and thoughts give rise to actions. That is why we should study world history—so that it may inspire our hopes, our thoughts, and our feelings. Let us bring over from the past what we need for the future, what we need for life, for action!