Philosophy, History and Literature
GA 51
5 November 1904, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Über Philosophie Geschichte und Literatur
Platonic Mystics and Docta Ignorantia II
Platonic Mystics and Docta Ignorantia II
[ 1 ] Wir haben gesehen, daß der Mystik des Mittelalters zugrunde liegt die Anschauung von der Dreiteilung der menschlichen Natur und des ganzen Universums. Wir haben gesehen, wie der Mystiker sich den Geist vorstellte und das Leibliche und Seelische. Es liegt in der Natur der mystischen Vorstellungsweise, daß der Mystiker im Geiste erlebt, was draußen in der Natur ist, daß er aus sich nachschafft, was draußen in der Natur schafft. In aller Erkenntnis, in allem innern Erleben sucht er ein Wiederaufleben des Universums aus der Seele des Menschen. In den Gesetzen, die das Universum beherrschen, sieht er die großen Weltgedanken, Weltideen. Damit steht er ganz auf dem Standpunkt der platonischen Weltanschauung. Plato war der große Mystiker des Altertums, und alle, die sich im Mittelalter in mystischer Anschauungsweise betätigt haben, fußen auf dem Platonismus. Wenn der Mystiker darum in der Natur den schaffenden Gedanken sieht, den kosmischen Gedanken, dann wird jedes einzelne, was den Mystiker umgibt, ein Ausdruck des Geistigen. Er unterscheidet: erstens die großen Weltgesetze, die schöpferischen Gedanken; zweitens die formlose Materie; drittens die Kraft, zu der die Materie wird dadurch, daß der Geist sich in ihr betätigt. Also: erstens Gesetz oder Weltgedanke; zweitens Materie; drittens Kraft. Die Kraft entsteht dadurch, daß der Weltgedanke sich in der Materie zum Ausdruck bringt. Nichts könnte mit den Sinnen wahrgenommen werden, wenn nicht die Kraft an die Sinne sich herandrängte und auf die Sinne eine Wirkung ausübte. Im äußeren Physischen gibt es also drei Glieder. In der Seele ersteht das Äußerliche innerlich wieder auf.
[ 1 ] Wir haben gesehen, daß der Mystik des Mittelalters zugrunde liegt die Anschauung von der Dreiteilung der menschlichen Natur und des ganzen Universums. Wir haben gesehen, wie der Mystiker sich den Geist vorstellte und das Leibliche und Seelische. Es liegt in der Natur der mystischen Vorstellungsweise, daß der Mystiker im Geiste erlebt, was draußen in der Natur ist, daß er aus sich nachschafft, was draußen in der Natur schafft. In aller Erkenntnis, in allem innern Erleben sucht er ein Wiederaufleben des Universums aus der Seele des Menschen. In den Gesetzen, die das Universum beherrschen, sieht er die großen Weltgedanken, Weltideen. Damit steht er ganz auf dem Standpunkt der platonischen Weltanschauung. Plato war der große Mystiker des Altertums, und alle, die sich im Mittelalter in mystischer Anschauungsweise betätigt haben, fußen auf dem Platonismus. Wenn der Mystiker darum in der Natur den schaffenden Gedanken sieht, den kosmischen Gedanken, dann wird jedes einzelne, was den Mystiker umgibt, ein Ausdruck des Geistigen. Er unterscheidet: erstens die großen Weltgesetze, die schöpferischen Gedanken; zweitens die formlose Materie; drittens die Kraft, zu der die Materie wird dadurch, daß der Geist sich in ihr betätigt. Also: erstens Gesetz oder Weltgedanke; zweitens Materie; drittens Kraft. Die Kraft entsteht dadurch, daß der Weltgedanke sich in der Materie zum Ausdruck bringt. Nichts könnte mit den Sinnen wahrgenommen werden, wenn nicht die Kraft an die Sinne sich herandrängte und auf die Sinne eine Wirkung ausübte. Im äußeren Physischen gibt es also drei Glieder. In der Seele ersteht das Äußerliche innerlich wieder auf.
[ 2 ] Wir unterscheiden im Sinne der Mystik: erstens das Vaterprinzip, die Summe aller Empfindungen und Wahrnehmungen; zweitens das, was die Empfindung empfängt in der Seele, nannte man die seelische Mutter; drittens das Bewußtsein selbst, worin die Empfindung auflebt, nannte man den Sohn. Dies ist der Zusammenhang von Empfindung, Vorstellung und Gedanke.
[ 2 ] Wir unterscheiden im Sinne der Mystik: erstens das Vaterprinzip, die Summe aller Empfindungen und Wahrnehmungen; zweitens das, was die Empfindung empfängt in der Seele, nannte man die seelische Mutter; drittens das Bewußtsein selbst, worin die Empfindung auflebt, nannte man den Sohn. Dies ist der Zusammenhang von Empfindung, Vorstellung und Gedanke.
[ 3 ] In der Seele selbst erlebt der Mystiker den Geist in seiner Innerlichkeit als Geist unmittelbar, in drei Gliedern: erstens den Vatergeist, den unbewegten Beweger des Aristoteles; zweitens die Sehnsucht nach dem unbewegten Beweger, die in der Seele lebte: das Wort oder Logos; drittens das Aufleben in der geistigen Welt: das ist der Geist.
[ 3 ] In der Seele selbst erlebt der Mystiker den Geist in seiner Innerlichkeit als Geist unmittelbar, in drei Gliedern: erstens den Vatergeist, den unbewegten Beweger des Aristoteles; zweitens die Sehnsucht nach dem unbewegten Beweger, die in der Seele lebte: das Wort oder Logos; drittens das Aufleben in der geistigen Welt: das ist der Geist.
[ 4 ] Die Seele kann sich in sich selbst versenken, geistig schauen, durch die Inspiration oder Intuition. Der Mystiker sagt: Wenn ich herausschaue in die Natur, wirkt die Kraft auf mich, und ich empfinde die Kraft, die auf mich wirkt — die Energetik genannt, das Kraftleben. — Indem die Seele sich in die Außenwelt versenkt, muß sie nach dem Satze des Aristoteles durch die Empfindung beseelt werden. Er sagt: Wenn ich den unbewegten Beweger sehen will, muß ich frei sein von aller äußeren Empfindung. Dies Versenken in die Seele nennt er die Katharsis, Reinigung. Nach der Katharsis vereinigt sich die Seele mit dem Geiste, wenn sie intuitiv wird, wenn sie mit der Empfindung aus der Außenwelt sich nicht vereinigt.
[ 4 ] Die Seele kann sich in sich selbst versenken, geistig schauen, durch die Inspiration oder Intuition. Der Mystiker sagt: Wenn ich herausschaue in die Natur, wirkt die Kraft auf mich, und ich empfinde die Kraft, die auf mich wirkt — die Energetik genannt, das Kraftleben. — Indem die Seele sich in die Außenwelt versenkt, muß sie nach dem Satze des Aristoteles durch die Empfindung beseelt werden. Er sagt: Wenn ich den unbewegten Beweger sehen will, muß ich frei sein von aller äußeren Empfindung. Dies Versenken in die Seele nennt er die Katharsis, Reinigung. Nach der Katharsis vereinigt sich die Seele mit dem Geiste, wenn sie intuitiv wird, wenn sie mit der Empfindung aus der Außenwelt sich nicht vereinigt.
[ 5 ] Die Henosis — Vereinigung — ist die Versenkung in den Geist, die Vereinigung mit dem göttlichen Urgeist. Diese kann nur vor sich gehen, wenn die Seele von der äußeren Empfindung gereinigt ist. Diese gereinigte, von äußerer Empfindung freie Seele nennt der Mystiker die jungfräuliche Seele, die nicht befruchtet ist durch die äußere Empfindung. So wie die Seele sonst von der Außenwelt befruchtet wird durch die Empfindung, so wird sie im Innern befruchtet durch die Idee. Wenn die Seele in sich die Idee erlebt, jungfräulich sich befruchten läßt von dem Geist, dann ist diese Empfängnis für den Mystiker die unbefleckte, jungfräuliche Empfängnis: die Conceptio immaculata. Die Idee wird in der Seele nicht nur den Sohn erzeugen, der wiedergibt die Außenwelt, sondern den Sohn, der der Geist selbst ist. Das Aufleben des zweiten Prinzips des Geistes, des Wortes oder Logos in der jungfräulichen Seele, nennt der Mystiker das Aufleben des Christus-Prinzips. So kann die Seele durch die Empfindung befruchtet werden und den Christus in sich auferstehen lassen, der in der Außenwelt begraben ist, oder sie kann von der Idee befruchtet werden, und dann gebiert die Seele in sich den geistigen Christus, das Wort oder Logos. Nur der ist im höheren Sinne für den Meister Eckhart ein wirklicher Teilnehmer am ChristusPrinzip, der in sich den Christus, den Logos erlebt. Nichts hilft es, wenn der Mensch sich mit seinem Gott vereinigt weiß, wenn er den Gott als äußere Wirklichkeit ansieht, sondern nur, wenn er in seiner Seele das Christus-Prinzip aufleben läßt. Der Meister Eckhart hat mit seiner Lehre die Herzen immer wieder erglühen lassen dadurch, daß er den Menschen gezeigt hat, daß der Mensch trunken werden kann, wenn er dies in sich erlebt. Die tiefste Geburt des Geistes muß aus der eigenen Seele geboren werden. Die Mystiker haben alle dies verstanden. Eckhart sagt, es kommt nicht auf das gegenwärtig gewordene Bild an, sondern auf das, was dem Menschen immer gegenwärtig ist. Gott und ich sind eins im Erkennen. Gott ist Mensch geworden, damit ich Gott werde. Er spricht ferner davon, wie in jedem einzelnen Menschen der höhere, innere Mensch, der zum Geiste hinaufführt, auflebt. In jedem wohnen zwei Menschen, der weltliche und der geistige Mensch. Der innere, geistige Mensch geht seine Wege für sich.
[ 5 ] Die Henosis — Vereinigung — ist die Versenkung in den Geist, die Vereinigung mit dem göttlichen Urgeist. Diese kann nur vor sich gehen, wenn die Seele von der äußeren Empfindung gereinigt ist. Diese gereinigte, von äußerer Empfindung freie Seele nennt der Mystiker die jungfräuliche Seele, die nicht befruchtet ist durch die äußere Empfindung. So wie die Seele sonst von der Außenwelt befruchtet wird durch die Empfindung, so wird sie im Innern befruchtet durch die Idee. Wenn die Seele in sich die Idee erlebt, jungfräulich sich befruchten läßt von dem Geist, dann ist diese Empfängnis für den Mystiker die unbefleckte, jungfräuliche Empfängnis: die Conceptio immaculata. Die Idee wird in der Seele nicht nur den Sohn erzeugen, der wiedergibt die Außenwelt, sondern den Sohn, der der Geist selbst ist. Das Aufleben des zweiten Prinzips des Geistes, des Wortes oder Logos in der jungfräulichen Seele, nennt der Mystiker das Aufleben des Christus-Prinzips. So kann die Seele durch die Empfindung befruchtet werden und den Christus in sich auferstehen lassen, der in der Außenwelt begraben ist, oder sie kann von der Idee befruchtet werden, und dann gebiert die Seele in sich den geistigen Christus, das Wort oder Logos. Nur der ist im höheren Sinne für den Meister Eckhart ein wirklicher Teilnehmer am ChristusPrinzip, der in sich den Christus, den Logos erlebt. Nichts hilft es, wenn der Mensch sich mit seinem Gott vereinigt weiß, wenn er den Gott als äußere Wirklichkeit ansieht, sondern nur, wenn er in seiner Seele das Christus-Prinzip aufleben läßt. Der Meister Eckhart hat mit seiner Lehre die Herzen immer wieder erglühen lassen dadurch, daß er den Menschen gezeigt hat, daß der Mensch trunken werden kann, wenn er dies in sich erlebt. Die tiefste Geburt des Geistes muß aus der eigenen Seele geboren werden. Die Mystiker haben alle dies verstanden. Eckhart sagt, es kommt nicht auf das gegenwärtig gewordene Bild an, sondern auf das, was dem Menschen immer gegenwärtig ist. Gott und ich sind eins im Erkennen. Gott ist Mensch geworden, damit ich Gott werde. Er spricht ferner davon, wie in jedem einzelnen Menschen der höhere, innere Mensch, der zum Geiste hinaufführt, auflebt. In jedem wohnen zwei Menschen, der weltliche und der geistige Mensch. Der innere, geistige Mensch geht seine Wege für sich.
[ 6 ] Der äußere Mensch kann ein Leben für sich führen; aber das innere Leben nimmt seinen eigenen Gang dadurch, daß es sich im Innern durch den Logos befruchten läßt. Immer wieder hielt Eckhart dies durch seine gewaltigen Predigten dem Menschen vor. Das Fünklein in der Seele ist das Wesentliche. Das Fünklein ist ein ewig Eins.
[ 6 ] Der äußere Mensch kann ein Leben für sich führen; aber das innere Leben nimmt seinen eigenen Gang dadurch, daß es sich im Innern durch den Logos befruchten läßt. Immer wieder hielt Eckhart dies durch seine gewaltigen Predigten dem Menschen vor. Das Fünklein in der Seele ist das Wesentliche. Das Fünklein ist ein ewig Eins.
[ 7 ] Wenn der Mensch das Aufleben des Fünkleins erlebt, so fühlt er Gott selbst in der Seele. Es gibt bei den Mystikern einen Kunstausdruck: Die Seele hat sich in den Grund gelassen. — Es ist dies eine Anknüpfung an das Bild der Tür mit dem Angel. Wie der Angel, auf dem sich die Tür dreht, unbewegt bleibt, so bleibt auch der innere Mensch unbewegt; im Innern führt er ein eigenes Leben. Das innere ErJeben Gottes ist das, was zustande kommt, wenn die Seele sich in ihren Grund läßt. Das Gewahrwerden des göttlichen Lebens in sich selbst nennt der Mystiker die Gelassenheit (Angelus Silesius). Der Mystiker erlebt den Gott in seinem Innern. Dadurch ist Gott wie in einer Wohnung in dem Menschen gegenwärtig. Der Mystiker fühlt sich als Vermittler Gottes und der Welt; er führt die in die Seele gesenkten Befehle der Gottheit aus. Er hat die Vorstellung, daß Gott den Menschen braucht; diese Vorstellung zieht sich wie ein Leitmotiv durch die ganze Mystik des Mittelalters hindurch. Das macht das Weihevolle der Mystik aus.
[ 7 ] Wenn der Mensch das Aufleben des Fünkleins erlebt, so fühlt er Gott selbst in der Seele. Es gibt bei den Mystikern einen Kunstausdruck: Die Seele hat sich in den Grund gelassen. — Es ist dies eine Anknüpfung an das Bild der Tür mit dem Angel. Wie der Angel, auf dem sich die Tür dreht, unbewegt bleibt, so bleibt auch der innere Mensch unbewegt; im Innern führt er ein eigenes Leben. Das innere ErJeben Gottes ist das, was zustande kommt, wenn die Seele sich in ihren Grund läßt. Das Gewahrwerden des göttlichen Lebens in sich selbst nennt der Mystiker die Gelassenheit (Angelus Silesius). Der Mystiker erlebt den Gott in seinem Innern. Dadurch ist Gott wie in einer Wohnung in dem Menschen gegenwärtig. Der Mystiker fühlt sich als Vermittler Gottes und der Welt; er führt die in die Seele gesenkten Befehle der Gottheit aus. Er hat die Vorstellung, daß Gott den Menschen braucht; diese Vorstellung zieht sich wie ein Leitmotiv durch die ganze Mystik des Mittelalters hindurch. Das macht das Weihevolle der Mystik aus.
[ 8 ] Eckhart vergleicht die Welt mit einem Bau, und die Menschen mit den Bausteinen. Der Mensch soll als Baustein sich nicht dem Weltenall entziehen. Der Mystiker fühlt sich vereint mit dem urgöttlichen Leben: das ist das Durchleuchtetsein, das man in der Mystik als Selbsterkenntnis des Menschen bezeichnet. Es zeigt, daß, so wie der Mathematiker die Zahlen, der Mensch das Höchste aus sich erzeugen kann. Selbsterkenntnis wird zum unmittelbaren Enthusiasmus, weil die Selbsterkenntnis Hingabe an die Gottheit bedeutet.
[ 8 ] Eckhart vergleicht die Welt mit einem Bau, und die Menschen mit den Bausteinen. Der Mensch soll als Baustein sich nicht dem Weltenall entziehen. Der Mystiker fühlt sich vereint mit dem urgöttlichen Leben: das ist das Durchleuchtetsein, das man in der Mystik als Selbsterkenntnis des Menschen bezeichnet. Es zeigt, daß, so wie der Mathematiker die Zahlen, der Mensch das Höchste aus sich erzeugen kann. Selbsterkenntnis wird zum unmittelbaren Enthusiasmus, weil die Selbsterkenntnis Hingabe an die Gottheit bedeutet.
[ 9 ] Bei Johannes Tauler kommt dieses Stimmungsvolle des Mystikers in seinem ganzen Leben heraus: sein Leben war eine Darlegung des göttlichen Lebens. Er sagt, so lange ich die höchste göttliche Weisheit nur bespreche und darstelle, habe ich nicht das Richtige erreicht. Ich muß selbst ganz verschwinden und muß Gott aus mir sprechen lassen. Er sagt, Gott sieht seine eigenen Gesetze, durch die er die Welt geschaffen hat, durch mich an, mein Selbst ist das Selbstleben: Ich muß Gott in mir sich erleben lassen.
[ 9 ] Bei Johannes Tauler kommt dieses Stimmungsvolle des Mystikers in seinem ganzen Leben heraus: sein Leben war eine Darlegung des göttlichen Lebens. Er sagt, so lange ich die höchste göttliche Weisheit nur bespreche und darstelle, habe ich nicht das Richtige erreicht. Ich muß selbst ganz verschwinden und muß Gott aus mir sprechen lassen. Er sagt, Gott sieht seine eigenen Gesetze, durch die er die Welt geschaffen hat, durch mich an, mein Selbst ist das Selbstleben: Ich muß Gott in mir sich erleben lassen.
[ 10 ] Die Mystik Eckharts ist eine mystische Erkenntnis; bei Tauler finden wir mystisches Leben. Von der Zeit an findet sich ein besonderer Kunstausdruck des Mystikers: der, der in sich Gott erlebt, wird «Gottesfreund» genannt.
[ 10 ] Die Mystik Eckharts ist eine mystische Erkenntnis; bei Tauler finden wir mystisches Leben. Von der Zeit an findet sich ein besonderer Kunstausdruck des Mystikers: der, der in sich Gott erlebt, wird «Gottesfreund» genannt.
[ 11 ] Eine unbekannte Persönlichkeit erschien während der Predigt Taulers; sie wird der «Gottesfreund aus dem Oberland» genannt. Er begegnet uns nie anders, als daß er gleichsam als Spiegel der anderen Persönlichkeiten erscheint, die von ihm beeinflußt werden. Johannes Tauler stellt in seinem Meisterbuch dar, daß er Gotteserkenntnis den Menschen mitteilte, aber er konnte das Leben noch nicht überfließen lassen; da kam der Gottesfreund und ließ Johannes Tauler seine Erleuchtung zuteil werden. Der Urquell selbst ging in ihm lebendig auf. Lange Zeit gab er alles Predigen auf und zog sich zurück mit dem Unbekannten aus dem Oberland, um sich in die Geistesverfassung zu bringen, in der dieses Geistesleben aufging, so daß er sich selbst zum Kanale der göttlichen Weisheit machte und diese durch ihn in andere überfloß. Seine Rede gewann an Feuer, er machte den größten Eindruck; die Leute wurden durch seine Worte verwandelt, wodurch die Menschen das Fünklein in sich angefacht fanden. Das Ersterben für alles, was lebt in der Außenwelt, das ist das Aufleben des neuen Menschen: das konnte Johannes Tauler jetzt bewirken durch die Kraft seines Wortes. Goethe sagt: «Denn solang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.» Das Erleben der Conceptio immaculata ist das Stirb und Werde, im niederen Sinn und im höheren Sinn. Es erlebten die, welche Tauler zuhörten, die Unio mystica. Wie der Mensch alle äußeren Schönheiten empfindet, die von außen herankommen, durch die Empfindung, so empfindet der Mystiker die Schönheit der geistigen Welt durch Christus, den er erlebt; es ist ein ErJebnis, das ihn trunken macht: dies ist die wahre Sphärenmusik. So wie der Mensch in der Empfindungswelt die sinnliche Harmonie empfindet, so empfindet der Mystiker in der Seele den Zusammenhang der großen Weltgesetze, das Walten, das Schaffen des Logos, des Gottes selbst, die Sphärenmusik. Durch die Menschenseele spricht der ewige Gott in seinem Logos sich aus. Johannes Ruysbroek, der belgische Mystiker, hebt diesen Gedanken in besonders intensiver Weise hervor. Der Mystiker versteht in der Mystik das Aufleuchten des göttlichen Urquells in seiner eigenen Seele. Der Mystiker fühlte in sich, in der Selbsterkenntnis, die Gottheit. Dadurch fand er solch flammende Worte dafür.
[ 11 ] Eine unbekannte Persönlichkeit erschien während der Predigt Taulers; sie wird der «Gottesfreund aus dem Oberland» genannt. Er begegnet uns nie anders, als daß er gleichsam als Spiegel der anderen Persönlichkeiten erscheint, die von ihm beeinflußt werden. Johannes Tauler stellt in seinem Meisterbuch dar, daß er Gotteserkenntnis den Menschen mitteilte, aber er konnte das Leben noch nicht überfließen lassen; da kam der Gottesfreund und ließ Johannes Tauler seine Erleuchtung zuteil werden. Der Urquell selbst ging in ihm lebendig auf. Lange Zeit gab er alles Predigen auf und zog sich zurück mit dem Unbekannten aus dem Oberland, um sich in die Geistesverfassung zu bringen, in der dieses Geistesleben aufging, so daß er sich selbst zum Kanale der göttlichen Weisheit machte und diese durch ihn in andere überfloß. Seine Rede gewann an Feuer, er machte den größten Eindruck; die Leute wurden durch seine Worte verwandelt, wodurch die Menschen das Fünklein in sich angefacht fanden. Das Ersterben für alles, was lebt in der Außenwelt, das ist das Aufleben des neuen Menschen: das konnte Johannes Tauler jetzt bewirken durch die Kraft seines Wortes. Goethe sagt: «Denn solang du das nicht hast, dieses Stirb und Werde, bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.» Das Erleben der Conceptio immaculata ist das Stirb und Werde, im niederen Sinn und im höheren Sinn. Es erlebten die, welche Tauler zuhörten, die Unio mystica. Wie der Mensch alle äußeren Schönheiten empfindet, die von außen herankommen, durch die Empfindung, so empfindet der Mystiker die Schönheit der geistigen Welt durch Christus, den er erlebt; es ist ein ErJebnis, das ihn trunken macht: dies ist die wahre Sphärenmusik. So wie der Mensch in der Empfindungswelt die sinnliche Harmonie empfindet, so empfindet der Mystiker in der Seele den Zusammenhang der großen Weltgesetze, das Walten, das Schaffen des Logos, des Gottes selbst, die Sphärenmusik. Durch die Menschenseele spricht der ewige Gott in seinem Logos sich aus. Johannes Ruysbroek, der belgische Mystiker, hebt diesen Gedanken in besonders intensiver Weise hervor. Der Mystiker versteht in der Mystik das Aufleuchten des göttlichen Urquells in seiner eigenen Seele. Der Mystiker fühlte in sich, in der Selbsterkenntnis, die Gottheit. Dadurch fand er solch flammende Worte dafür.
