Philosophy, History and Literature
GA 51
21 January 1905, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Über Philosophie Geschichte und Literatur
18. Schillers Leben und Eigenart
18. Schillers Leben und Eigenart
[ 1 ] Hundert Jahre sind am 9. Mai 1905 seit Schillers Tode dahingegangen. Die deutsche gebildete Welt wird ohne Zweifel die Erinnerung an dieses Ereignis in festlicher Weise begehen.
[ 1 ] Hundert Jahre sind am 9. Mai 1905 seit Schillers Tode dahingegangen. Die deutsche gebildete Welt wird ohne Zweifel die Erinnerung an dieses Ereignis in festlicher Weise begehen.
[ 2 ] Drei Generationen trennen uns von Schillers Tode. Da erscheint es notwendig, Umschau zu halten, was uns heute Schiller ist. Im Jahre 1859 fand die letzte große Schillerfeier statt in ganz anderer Weise, als es heute sein kann. Die Zeiten haben sich seitdem unermeßlich geändert: andere Bilder, Fragen, Gedanken sind es, die heute die Gemüter der Zeitgenossen beschäftigen. Als im Jahre 1859 die Schillerfeier stattfand, war sie etwas, was tief eingriff in die Herzen des deutschen Volkes. Damals gab es noch Persönlichkeiten, die selbst ganz in den Vorstellungen lebten, die durch Schillers dichterische Kraft hervorgebracht waren. Es ist möglich, daß diesmal rauschendere Festlichkeiten veranstaltet werden; eine solche Anteilnahme aus der Tiefe der Seele kann es nicht mehr geben. Die Frage drängt sich uns auf: Was ist seitdem vorgegangen und wie kann Schiller uns noch etwas sein? Der Schiller-Goethe-Zeit große Bilder sind dahingeschwunden. Damals waren jene Anschauungen noch verkörpert in Persönlichkeiten, die die älteren von uns in ihrer Jugendzeit kennengelernt haben. Diese führenden Geister, die ganz in den Traditionen jener Zeit wurzelten, sie gehören heute zu den Toten. Die Jüngsten kennen sie nicht mehr. In der Person meines Lehrers Schröer, der in begeisterter Weise uns die Goethezeit darstellte, war es mir vergönnt gewesen, einen Menschen kennenzulernen, der ganz wurzelte in den Traditionen jener Zeit. In Herman Grimm ist der letzte gestorben von denen, deren Seelen ganz verbunden waren mit jener Zeit.
[ 2 ] Drei Generationen trennen uns von Schillers Tode. Da erscheint es notwendig, Umschau zu halten, was uns heute Schiller ist. Im Jahre 1859 fand die letzte große Schillerfeier statt in ganz anderer Weise, als es heute sein kann. Die Zeiten haben sich seitdem unermeßlich geändert: andere Bilder, Fragen, Gedanken sind es, die heute die Gemüter der Zeitgenossen beschäftigen. Als im Jahre 1859 die Schillerfeier stattfand, war sie etwas, was tief eingriff in die Herzen des deutschen Volkes. Damals gab es noch Persönlichkeiten, die selbst ganz in den Vorstellungen lebten, die durch Schillers dichterische Kraft hervorgebracht waren. Es ist möglich, daß diesmal rauschendere Festlichkeiten veranstaltet werden; eine solche Anteilnahme aus der Tiefe der Seele kann es nicht mehr geben. Die Frage drängt sich uns auf: Was ist seitdem vorgegangen und wie kann Schiller uns noch etwas sein? Der Schiller-Goethe-Zeit große Bilder sind dahingeschwunden. Damals waren jene Anschauungen noch verkörpert in Persönlichkeiten, die die älteren von uns in ihrer Jugendzeit kennengelernt haben. Diese führenden Geister, die ganz in den Traditionen jener Zeit wurzelten, sie gehören heute zu den Toten. Die Jüngsten kennen sie nicht mehr. In der Person meines Lehrers Schröer, der in begeisterter Weise uns die Goethezeit darstellte, war es mir vergönnt gewesen, einen Menschen kennenzulernen, der ganz wurzelte in den Traditionen jener Zeit. In Herman Grimm ist der letzte gestorben von denen, deren Seelen ganz verbunden waren mit jener Zeit.
[ 3 ] Heute ist das alles Geschichte geworden. Andere Fragen beschäftigen uns heute. Politische Fragen, soziale Fragen sind so brennend geworden, daß wir jene intime Kunstbetrachtung nicht mehr verstehen. Sonderbar müßten uns die Schiller-Goethe-Zeitmenschen erscheinen. Verlorengegangen ist uns die intime seelenvolle Betrachtung der Kunst. Das soll kein Tadel sein; hart ist unsere Zeit geworden.
[ 3 ] Heute ist das alles Geschichte geworden. Andere Fragen beschäftigen uns heute. Politische Fragen, soziale Fragen sind so brennend geworden, daß wir jene intime Kunstbetrachtung nicht mehr verstehen. Sonderbar müßten uns die Schiller-Goethe-Zeitmenschen erscheinen. Verlorengegangen ist uns die intime seelenvolle Betrachtung der Kunst. Das soll kein Tadel sein; hart ist unsere Zeit geworden.
[ 4 ] Sehen wir uns drei führende Geister der Gegenwart an: wie anders sprechen sie über das, was die Zeit bewegt. Zunächst Ibsen: Wir sehen ihn, wie er in umfassender Art die Kulturprobleme der Gegenwart schildert, er, der die eindringlichsten Töne gefunden hat, gerade für das Herz der Gegenwart, für eine ins Chaotische gehende Zivilisation. Dann Zola: Wie soll sich die heutige Kunst zum Leben verhalten, das in sozialen Kämpfen emporlodert —, das ist die Frage, die er aufwirft. Dieses Leben erscheint uns so fest, so undurchdringlich, von ganz anderen Mächten bestimmt, als es unsere Phantasie und Seele sind. Endlich Tolstoi: Er, der ausgegangen ist von der Kunst und hieraus erst geworden ist zum Prediger und Sozialreformator. Unmöglich erscheint heute eine rein ästhetische Kultur, wie Schröer für die Schiller-Goethe-Zeit sie uns charakterisierte. Dazumal war das, was wir das ästhetische Gewissen nennen können, zur maßgebenden Lebensfrage geworden. Man nahm Schönheit, Geschmack, künstlerisches Empfinden für so ernste und wichtige Fragen, wie heute die Politik und die Freiheit. Man betrachtete die Kunst als etwas, das eingreifen sollte in das Räderwerk der Kultur. Heute ist das anders: Tolstoi, der auf dem Gebiete der Kunst selbst ein höchstes geleistet hat, verläßt die Kunst und sucht nach anderen Mitteln, um zu dem Empfinden seiner Zeitgenossen zu sprechen.
[ 4 ] Sehen wir uns drei führende Geister der Gegenwart an: wie anders sprechen sie über das, was die Zeit bewegt. Zunächst Ibsen: Wir sehen ihn, wie er in umfassender Art die Kulturprobleme der Gegenwart schildert, er, der die eindringlichsten Töne gefunden hat, gerade für das Herz der Gegenwart, für eine ins Chaotische gehende Zivilisation. Dann Zola: Wie soll sich die heutige Kunst zum Leben verhalten, das in sozialen Kämpfen emporlodert —, das ist die Frage, die er aufwirft. Dieses Leben erscheint uns so fest, so undurchdringlich, von ganz anderen Mächten bestimmt, als es unsere Phantasie und Seele sind. Endlich Tolstoi: Er, der ausgegangen ist von der Kunst und hieraus erst geworden ist zum Prediger und Sozialreformator. Unmöglich erscheint heute eine rein ästhetische Kultur, wie Schröer für die Schiller-Goethe-Zeit sie uns charakterisierte. Dazumal war das, was wir das ästhetische Gewissen nennen können, zur maßgebenden Lebensfrage geworden. Man nahm Schönheit, Geschmack, künstlerisches Empfinden für so ernste und wichtige Fragen, wie heute die Politik und die Freiheit. Man betrachtete die Kunst als etwas, das eingreifen sollte in das Räderwerk der Kultur. Heute ist das anders: Tolstoi, der auf dem Gebiete der Kunst selbst ein höchstes geleistet hat, verläßt die Kunst und sucht nach anderen Mitteln, um zu dem Empfinden seiner Zeitgenossen zu sprechen.
[ 5 ] Schiller ist daher für unsere Zeit nicht zu würdigen in der Weise, wie es im 18. Jahrhundert geschah. Was aber geblieben ist, das ist die eindringlichste Tiefe seiner Weltanschauung. Wir sehen zahlreiche Fragen in ganz neue Beleuchtung gerückt durch Schillers Weltbetrachtung. Versuchen wir sie von diesem Standpunkt aus zu betrachten. Es soll dies die Aufgabe dieser Vorträge sein.
[ 5 ] Schiller ist daher für unsere Zeit nicht zu würdigen in der Weise, wie es im 18. Jahrhundert geschah. Was aber geblieben ist, das ist die eindringlichste Tiefe seiner Weltanschauung. Wir sehen zahlreiche Fragen in ganz neue Beleuchtung gerückt durch Schillers Weltbetrachtung. Versuchen wir sie von diesem Standpunkt aus zu betrachten. Es soll dies die Aufgabe dieser Vorträge sein.
[ 6 ] Bei der Behandlung der Tages- und Kulturfragen, in der Wissenschaft wie im künstlerischen Streben, herrscht heute vielfach Verwirrung und Unklarheit. Jeder junge Schriftsteller glaubt sich berufen, eine neue Weltanschauung zu begründen. Die Literatur wird erfüllt mit Büchern über Fragen, die längst gelöst sind. Probleme werden aufgerollt, die sich, so wie sie uns entgegentreten, unreif ausnehmen, weil diejenigen, die sie zu lösen versuchen, sich nicht wirklich mit den Fragen beschäftigt haben. Oft werden die Fragen überhaupt nicht richtig gestellt. Das Problem liegt in der Fragestellung.
[ 6 ] Bei der Behandlung der Tages- und Kulturfragen, in der Wissenschaft wie im künstlerischen Streben, herrscht heute vielfach Verwirrung und Unklarheit. Jeder junge Schriftsteller glaubt sich berufen, eine neue Weltanschauung zu begründen. Die Literatur wird erfüllt mit Büchern über Fragen, die längst gelöst sind. Probleme werden aufgerollt, die sich, so wie sie uns entgegentreten, unreif ausnehmen, weil diejenigen, die sie zu lösen versuchen, sich nicht wirklich mit den Fragen beschäftigt haben. Oft werden die Fragen überhaupt nicht richtig gestellt. Das Problem liegt in der Fragestellung.
[ 7 ] Aus zwei Strömungen sehen wir die Persönlichkeit Schillers hervorwachsen. Es ist dies einerseits das Emporkommen des Materialismus, und andererseits die Sehnsucht nach der Behauptung der Persönlichkeit. Was wir Aufklärung nennen, wurzelt in diesen beiden Strömungen. Uralte Traditionen waren im 18. Jahrhundert ins Wanken gekommen. Im 16. und 17. Jahrhundert noch wurden die tiefsten Fragen des Menschengeistes aus der Tradition heraus gelöst. An dem Verhältnis des Menschen zur Welt, zum Urgrunde der Welt wurde nicht gerüttelt.
[ 7 ] Aus zwei Strömungen sehen wir die Persönlichkeit Schillers hervorwachsen. Es ist dies einerseits das Emporkommen des Materialismus, und andererseits die Sehnsucht nach der Behauptung der Persönlichkeit. Was wir Aufklärung nennen, wurzelt in diesen beiden Strömungen. Uralte Traditionen waren im 18. Jahrhundert ins Wanken gekommen. Im 16. und 17. Jahrhundert noch wurden die tiefsten Fragen des Menschengeistes aus der Tradition heraus gelöst. An dem Verhältnis des Menschen zur Welt, zum Urgrunde der Welt wurde nicht gerüttelt.
[ 8 ] Jetzt wurde es anders. Über das menschliche Geistesleben die Grundwahrheiten in dem Sinne zu lösen, wie sie Jahrhunderte gelöst, war unmöglich geworden. In Frankreich, angeregt durch den englischen Sensualismus, kam eine rationalistisch, materialistische Anschauung auf. Man begann die Seele abzuleiten aus materiellen Bedingungen, aus dem Stofflichen; man versuchte alles Geistige aus dem Physischen zu erklären. Die Enzyklopädisten ließen den Geist aus der Materie hervorgehen. Wirbel von Atombewegungen waren das Um und Auf, das man in der Welt sah. «Der Mensch ist eine Maschine», so ungefähr formuliert Lamettrie sein materialistisches Glaubensbekenntnis. Schon Goethe klagt, als ihm die Schriften dieser französischen Materialisten Holbachs «Syst&me de la nature» — bekannt werden, sein Unbehagen über die Anmaßung, mit ein paar hingepfahlten Begriffen die ganze Welt erklären zu wollen.
[ 8 ] Jetzt wurde es anders. Über das menschliche Geistesleben die Grundwahrheiten in dem Sinne zu lösen, wie sie Jahrhunderte gelöst, war unmöglich geworden. In Frankreich, angeregt durch den englischen Sensualismus, kam eine rationalistisch, materialistische Anschauung auf. Man begann die Seele abzuleiten aus materiellen Bedingungen, aus dem Stofflichen; man versuchte alles Geistige aus dem Physischen zu erklären. Die Enzyklopädisten ließen den Geist aus der Materie hervorgehen. Wirbel von Atombewegungen waren das Um und Auf, das man in der Welt sah. «Der Mensch ist eine Maschine», so ungefähr formuliert Lamettrie sein materialistisches Glaubensbekenntnis. Schon Goethe klagt, als ihm die Schriften dieser französischen Materialisten Holbachs «Syst&me de la nature» — bekannt werden, sein Unbehagen über die Anmaßung, mit ein paar hingepfahlten Begriffen die ganze Welt erklären zu wollen.
[ 9 ] Daneben gab es eine andere Strömung, diejenige, die von Rousseau ausging. Rousseaus Schriften machten den größten Eindruck auf die bedeutendsten Männer jener Zeit. Es wird von Kant erzählt, daß er, der ein großer Pedant war, mit einer solchen Pünktlichkeit seinen täglichen Spaziergang unternahm, daß die Bewohner Königsbergs ihre Uhren darnach stellen konnten. Einmal aber blieb, zum größten Erstaunen der Bürger, der Philosoph für einige Tage aus; er hatte Rousseaus Schriften gelesen. Sie hatten ihn so gefesselt, daß er den gewohnten Spaziergang darüber vergaß.
[ 9 ] Daneben gab es eine andere Strömung, diejenige, die von Rousseau ausging. Rousseaus Schriften machten den größten Eindruck auf die bedeutendsten Männer jener Zeit. Es wird von Kant erzählt, daß er, der ein großer Pedant war, mit einer solchen Pünktlichkeit seinen täglichen Spaziergang unternahm, daß die Bewohner Königsbergs ihre Uhren darnach stellen konnten. Einmal aber blieb, zum größten Erstaunen der Bürger, der Philosoph für einige Tage aus; er hatte Rousseaus Schriften gelesen. Sie hatten ihn so gefesselt, daß er den gewohnten Spaziergang darüber vergaß.
[ 10 ] Die Grundlage der gesamten Kultur war in Zweifel gestellt durch Rousseau. Er hatte die Frage aufgeworfen, ob die Menschheit durch die Kultur höher gekommen sei, und er verneinte diese Frage. Seiner Ansicht nach waren die Menschen in dem Naturzustande glücklicher gewesen als jetzt, wo sie die Persönlichkeit in sich verkommen ließen. In den Zeiten, als der Mensch, in alten Traditionen fußend, noch etwas zu wissen glaubte von den Zusammenhängen der Welt, war er nicht so sehr auf die Persönlichkeit gestellt. Jetzt, wo die Persönlichkeit zerschnitten hatte die Verbindungsketten zwischen sich und der Welt, kam die Frage heran: Wie soll diese Persönlichkeit wieder feststehen in der Welt? Über den Urgrund der Welt und der Seele glaubte man nichts wissen zu können. Wenn aber so nichts fest stand in der Welt, mußte der Drang nach besseren Zuständen mächtig in allen Herzen werden. Das revolutionäre Streben des 18. Jahrhunderts ging von hier aus. Es hing zusammen mit der materialistischen Strömung. Ein guter Christ des 17. Jahrhunderts hätte nicht so von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sprechen können. Dieses Freiheitsstreben muß als ureigenste Strömung jener Zeit gelten.
[ 10 ] Die Grundlage der gesamten Kultur war in Zweifel gestellt durch Rousseau. Er hatte die Frage aufgeworfen, ob die Menschheit durch die Kultur höher gekommen sei, und er verneinte diese Frage. Seiner Ansicht nach waren die Menschen in dem Naturzustande glücklicher gewesen als jetzt, wo sie die Persönlichkeit in sich verkommen ließen. In den Zeiten, als der Mensch, in alten Traditionen fußend, noch etwas zu wissen glaubte von den Zusammenhängen der Welt, war er nicht so sehr auf die Persönlichkeit gestellt. Jetzt, wo die Persönlichkeit zerschnitten hatte die Verbindungsketten zwischen sich und der Welt, kam die Frage heran: Wie soll diese Persönlichkeit wieder feststehen in der Welt? Über den Urgrund der Welt und der Seele glaubte man nichts wissen zu können. Wenn aber so nichts fest stand in der Welt, mußte der Drang nach besseren Zuständen mächtig in allen Herzen werden. Das revolutionäre Streben des 18. Jahrhunderts ging von hier aus. Es hing zusammen mit der materialistischen Strömung. Ein guter Christ des 17. Jahrhunderts hätte nicht so von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sprechen können. Dieses Freiheitsstreben muß als ureigenste Strömung jener Zeit gelten.
[ 11 ] Schiller war jung in der Zeit, als die Gedanken der Freiheit reiften. Rousseaus Ideale übten, wie gesagt, einen gewaltigen Eindruck auf die hervorragendsten deutschen Männer aus, wie Kant, Herder, Wieland und so weiter. Auch der junge Schiller wurde ergriffen von dieser Strömung. Wir finden ihn schon auf der Karlsschule damit beschäftigt, Rousseau, Voltaire und andere zu lesen. Es war die Zeit damals auf einen toten Punkt gekommen; die höheren Schichten hatten allen moralischen Halt verloren; die äußere Tyrannis herrschte auch auf der Schule. Bei Schiller finden wir eine eigentümliche Tiefe der Gemütsanlage, die schon im Knaben als Neigung zur Religion hervortrat. Ursprünglich beabsichtigte er daher auch, das theologische Studium zu wählen, sein ganzes Gemüt drängte ihn zu den tiefsten Fragen des Daseins. Es war eine Form jenes Freiheitsstrebens, das gerade in Deutschland diese besondere Gestaltung annahm: Frömmigkeit vereinigte sich mit unendlicher Sehnsucht nach Emanzipation. Der Persönlichkeits-Freiheitsdrang, nicht nur Religion, ist es auch, was aus Klopstocks «Messias» spricht. Gerade in seinem religiösen Empfinden wollte der Deutsche frei sein. Der «Messias» machte auf Schiller einen ungeheuren Eindruck.
[ 11 ] Schiller war jung in der Zeit, als die Gedanken der Freiheit reiften. Rousseaus Ideale übten, wie gesagt, einen gewaltigen Eindruck auf die hervorragendsten deutschen Männer aus, wie Kant, Herder, Wieland und so weiter. Auch der junge Schiller wurde ergriffen von dieser Strömung. Wir finden ihn schon auf der Karlsschule damit beschäftigt, Rousseau, Voltaire und andere zu lesen. Es war die Zeit damals auf einen toten Punkt gekommen; die höheren Schichten hatten allen moralischen Halt verloren; die äußere Tyrannis herrschte auch auf der Schule. Bei Schiller finden wir eine eigentümliche Tiefe der Gemütsanlage, die schon im Knaben als Neigung zur Religion hervortrat. Ursprünglich beabsichtigte er daher auch, das theologische Studium zu wählen, sein ganzes Gemüt drängte ihn zu den tiefsten Fragen des Daseins. Es war eine Form jenes Freiheitsstrebens, das gerade in Deutschland diese besondere Gestaltung annahm: Frömmigkeit vereinigte sich mit unendlicher Sehnsucht nach Emanzipation. Der Persönlichkeits-Freiheitsdrang, nicht nur Religion, ist es auch, was aus Klopstocks «Messias» spricht. Gerade in seinem religiösen Empfinden wollte der Deutsche frei sein. Der «Messias» machte auf Schiller einen ungeheuren Eindruck.
[ 12 ] Schiller wählte das Studium der Medizin. Die Art, wie er die Medizin ergriff, hängt zusammen mit den Fragen, die ihn vor allem beschäftigten. Durch ernstes Naturstudium suchte er sich Aufschluß zu verschaffen über diese ihm vorliegenden Fragen. Der Unterricht in der Karlsschule sollte in ganz umfassender Weise auf ihn einwirken. Die Schäden, die dem heutigen Gymnasialunterricht vielfach anhaften, bestanden in der Karlsschule nicht. Physik, Naturwissenschaften wurden eingehend behandelt; im Mittelpunkte des Studiums stand die Philosophie. Ernste Fragen der Metaphysik, der Logik wurden erörtert. Schiller trat mit philosophischem Geist in das medizinische Studium ein. Die Art und Weise, wie er es erfaßte, ist wichtig und bedeutungsvoll für sein Leben. Man verstehrt Schiller nicht ganz, wenn man nicht seine beiden Dissertationen liest, die er nach Absolvierung seines Studiums schrieb. Sie behandeln die Fragen: «Welches ist der Zusammenhang zwischen Materie und Geist?» — «Über den Zusammenhang der tierischen und geistigen Natur des Menschen.»
[ 12 ] Schiller wählte das Studium der Medizin. Die Art, wie er die Medizin ergriff, hängt zusammen mit den Fragen, die ihn vor allem beschäftigten. Durch ernstes Naturstudium suchte er sich Aufschluß zu verschaffen über diese ihm vorliegenden Fragen. Der Unterricht in der Karlsschule sollte in ganz umfassender Weise auf ihn einwirken. Die Schäden, die dem heutigen Gymnasialunterricht vielfach anhaften, bestanden in der Karlsschule nicht. Physik, Naturwissenschaften wurden eingehend behandelt; im Mittelpunkte des Studiums stand die Philosophie. Ernste Fragen der Metaphysik, der Logik wurden erörtert. Schiller trat mit philosophischem Geist in das medizinische Studium ein. Die Art und Weise, wie er es erfaßte, ist wichtig und bedeutungsvoll für sein Leben. Man verstehrt Schiller nicht ganz, wenn man nicht seine beiden Dissertationen liest, die er nach Absolvierung seines Studiums schrieb. Sie behandeln die Fragen: «Welches ist der Zusammenhang zwischen Materie und Geist?» — «Über den Zusammenhang der tierischen und geistigen Natur des Menschen.»
[ 13 ] Von der ersteren Dissertation ist uns wenig nur erhalten geblieben. In der zweiten stellt sich Schiller die Frage: Wie haben wir uns das Wirken des Stofflichen im menschlichen Körper zu deuten?
[ 13 ] Von der ersteren Dissertation ist uns wenig nur erhalten geblieben. In der zweiten stellt sich Schiller die Frage: Wie haben wir uns das Wirken des Stofflichen im menschlichen Körper zu deuten?
[ 14 ] Für Schiller ist schon im materiellen Körper etwas Geistiges. Es gibt Menschen, die im Körper nur etwas Niedriges, Tierisches sehen. Es ist keine tiefe, gehaltvolle Weltanschauung, wenn man das Körperliche so erniedrigt und verabscheut. Es war nicht die Weltanschauung des jungen Schiller. Für Schiller ist der Körper der Tempel des Geistes, von Weisheit auferbaut, und hat nicht umsonst Einfluß auf das Geistige. Welche Bedeutung hat der Körper für das Seelische? — Diese Frage hat Schiller, dem das Physische auch heilig war, sich zu lösen gesucht. Er schildert zum Beispiel, wie im Affekt, in der Geste, sich das Seelische ausdrückt; er sucht sich das Bleibende der seelischen Bewegung im Ausdruck in feiner geistvoller Weise zu erklären. Er sagt am Schlusse seiner Abhandlung:
[ 14 ] Für Schiller ist schon im materiellen Körper etwas Geistiges. Es gibt Menschen, die im Körper nur etwas Niedriges, Tierisches sehen. Es ist keine tiefe, gehaltvolle Weltanschauung, wenn man das Körperliche so erniedrigt und verabscheut. Es war nicht die Weltanschauung des jungen Schiller. Für Schiller ist der Körper der Tempel des Geistes, von Weisheit auferbaut, und hat nicht umsonst Einfluß auf das Geistige. Welche Bedeutung hat der Körper für das Seelische? — Diese Frage hat Schiller, dem das Physische auch heilig war, sich zu lösen gesucht. Er schildert zum Beispiel, wie im Affekt, in der Geste, sich das Seelische ausdrückt; er sucht sich das Bleibende der seelischen Bewegung im Ausdruck in feiner geistvoller Weise zu erklären. Er sagt am Schlusse seiner Abhandlung:
[ 15 ] «Die Materie zerfällt (beim Tode) in ihre letzten Elemente wieder, die nun in anderen Formen und Verhältnissen, durch die Reiche der Natur wandern, anderen Absichten zu dienen. Die Seele fährt fort, in anderen Kreisen ihre Denkkraft zu üben und das Universum von anderen Seiten zu beschauen. Man kann freilich sagen, daß sie diese Sphäre im geringsten noch nicht erschöpft hat, daß sie solche vollkommener hätte verlassen können, aber weiß man denn, daß diese Sphäre für sie verloren ist? Wir legen jetzt manches Buch weg, das wir nicht verstehen, aber vielleicht verstehen wir es in einigen Jahren besser.»
[ 15 ] «Die Materie zerfällt (beim Tode) in ihre letzten Elemente wieder, die nun in anderen Formen und Verhältnissen, durch die Reiche der Natur wandern, anderen Absichten zu dienen. Die Seele fährt fort, in anderen Kreisen ihre Denkkraft zu üben und das Universum von anderen Seiten zu beschauen. Man kann freilich sagen, daß sie diese Sphäre im geringsten noch nicht erschöpft hat, daß sie solche vollkommener hätte verlassen können, aber weiß man denn, daß diese Sphäre für sie verloren ist? Wir legen jetzt manches Buch weg, das wir nicht verstehen, aber vielleicht verstehen wir es in einigen Jahren besser.»
[ 16 ] So versucht sich Schiller das Ewige des Geistes im Verhältnis zur physischen Natur klarzulegen, ohne aber das Physische zu unterschätzen. Diese Frage blieb nun die Grund- und Kernfrage Schillers für das ganze Leben: «Wie ist der Mensch herausgeboren aus dem Physischen, und wie stellt sich seine Seele, die Freiheit seiner Persönlichkeit, zur Welt?» «Wie soll die Seele ihren Mittelpunkt finden, da die alten Traditionen dahin sind?»
[ 16 ] So versucht sich Schiller das Ewige des Geistes im Verhältnis zur physischen Natur klarzulegen, ohne aber das Physische zu unterschätzen. Diese Frage blieb nun die Grund- und Kernfrage Schillers für das ganze Leben: «Wie ist der Mensch herausgeboren aus dem Physischen, und wie stellt sich seine Seele, die Freiheit seiner Persönlichkeit, zur Welt?» «Wie soll die Seele ihren Mittelpunkt finden, da die alten Traditionen dahin sind?»
[ 17 ] Nachdem er in seinen Jugenddramen herausgebraust hat seinen ganzen Emanzipationsdrang, und damit das Herz des Volkes gewonnen hatte, vertiefte er sich in Geschichte und Philosophie, und wir berühren die tiefsten kulturgeschichtlichen Fragen, wenn wir die Schillerschen Dramen betrachten. Jeder Mensch hatte damals ein Stück Marquis Posa in sich. Dadurch gewann Schillers Problem ein neues Gesicht. Tiefe Fragen werden aufgerollt über die Menschenseele, über die Bedeutung des Lebens. Schiller sah, wie wenig auf dem äußeren Plane sich hatte erreichen lassen. Man versuchte nun in Deutschland das Problem der Freiheit auf künstlerische Art zu lösen, und das ergab die Bedeutung des «ästhetischen Gewissens». Auch Schiller hatte sich die Frage jetzt in diesem Sinne gestellt. Es war ihm klar, daß der Künstler den Menschen das Höchste zu bringen habe. Er hat dieses Problem in späteren Jahren behandelt. In seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» sagt er: Der Mensch handelt unfrei in der Sinnenwelt aus Notwendigkeit; in der Vernunftwelt ist er unterworfen der Notwendigkeit der Logik. So ist der Mensch eingeschränkt von der Wirklichkeit und dem Vernunftideale. Es gibt aber einen anderen, mittleren Zustand zwischen Vernunft und Sinnenwelt, den ästhetischen. Derjenige, der künstlerisch empfindet, genießt den Geist im Sinnlichen; er sieht den Geist in die Natur hineinverwoben. Die Natur ist ihm ein schönheitsvolles Bild des Geistigen. Das Sinnliche ist dann nur der Abdruck des Geistes; im Kunstwerk ist das Sinnliche durch den Geist geadelt. Der Geist ist herabgeholt aus dem Reiche der Notwendigkeit. In der Schönheit lebt der Mensch als in der Freiheit. Die Kunst ist also die Vermittlerin zwischen dem Sinnlichen und dem Vernünftigen im Reiche der Freiheit.
[ 17 ] Nachdem er in seinen Jugenddramen herausgebraust hat seinen ganzen Emanzipationsdrang, und damit das Herz des Volkes gewonnen hatte, vertiefte er sich in Geschichte und Philosophie, und wir berühren die tiefsten kulturgeschichtlichen Fragen, wenn wir die Schillerschen Dramen betrachten. Jeder Mensch hatte damals ein Stück Marquis Posa in sich. Dadurch gewann Schillers Problem ein neues Gesicht. Tiefe Fragen werden aufgerollt über die Menschenseele, über die Bedeutung des Lebens. Schiller sah, wie wenig auf dem äußeren Plane sich hatte erreichen lassen. Man versuchte nun in Deutschland das Problem der Freiheit auf künstlerische Art zu lösen, und das ergab die Bedeutung des «ästhetischen Gewissens». Auch Schiller hatte sich die Frage jetzt in diesem Sinne gestellt. Es war ihm klar, daß der Künstler den Menschen das Höchste zu bringen habe. Er hat dieses Problem in späteren Jahren behandelt. In seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» sagt er: Der Mensch handelt unfrei in der Sinnenwelt aus Notwendigkeit; in der Vernunftwelt ist er unterworfen der Notwendigkeit der Logik. So ist der Mensch eingeschränkt von der Wirklichkeit und dem Vernunftideale. Es gibt aber einen anderen, mittleren Zustand zwischen Vernunft und Sinnenwelt, den ästhetischen. Derjenige, der künstlerisch empfindet, genießt den Geist im Sinnlichen; er sieht den Geist in die Natur hineinverwoben. Die Natur ist ihm ein schönheitsvolles Bild des Geistigen. Das Sinnliche ist dann nur der Abdruck des Geistes; im Kunstwerk ist das Sinnliche durch den Geist geadelt. Der Geist ist herabgeholt aus dem Reiche der Notwendigkeit. In der Schönheit lebt der Mensch als in der Freiheit. Die Kunst ist also die Vermittlerin zwischen dem Sinnlichen und dem Vernünftigen im Reiche der Freiheit.
[ 18 ] Auch Goethe empfand so vor den Kunstwerken in Italien. Im Schönen fand der Freiheitsdrang dieser Menschen seine Befriedigung; hier ist er der ehernen Notwendigkeit enthoben. Nicht durch Zwang, durch staatliche Gesetze: im ästhetischen Genusse sah Schiller eine Erziehung zur Harmonie. Als Mensch fühlt er sich frei durch die Kunst: so möchte Schiller die ganze Welt in ein Kunstwerk umwandeln.
[ 18 ] Auch Goethe empfand so vor den Kunstwerken in Italien. Im Schönen fand der Freiheitsdrang dieser Menschen seine Befriedigung; hier ist er der ehernen Notwendigkeit enthoben. Nicht durch Zwang, durch staatliche Gesetze: im ästhetischen Genusse sah Schiller eine Erziehung zur Harmonie. Als Mensch fühlt er sich frei durch die Kunst: so möchte Schiller die ganze Welt in ein Kunstwerk umwandeln.
[ 19 ] Wir sehen hier den Unterschied jener Zeit von der unseren. Heute steht die Kunst im Winkel; damals wollte Schiller dem Leben durch die Kunst einen unmittelbaren Eindruck geben. Tolstoi muß heute die Kunst verdammen, Ibsen wird in seiner Kunst zum Kritiker des gesellschaftlichen Lebens: Damals wollte Schiller durch seine Kunst eingreifen in das Leben selbst. Als er, während seiner Tätigkeit als Mannheimer Theaterreferent, seine Abhandlung über die «Schaubühne als moralische Anstalt» schrieb, geschah es, um durch die Kunst unmittelbar einen Kulturimpuls zu geben.
[ 19 ] Wir sehen hier den Unterschied jener Zeit von der unseren. Heute steht die Kunst im Winkel; damals wollte Schiller dem Leben durch die Kunst einen unmittelbaren Eindruck geben. Tolstoi muß heute die Kunst verdammen, Ibsen wird in seiner Kunst zum Kritiker des gesellschaftlichen Lebens: Damals wollte Schiller durch seine Kunst eingreifen in das Leben selbst. Als er, während seiner Tätigkeit als Mannheimer Theaterreferent, seine Abhandlung über die «Schaubühne als moralische Anstalt» schrieb, geschah es, um durch die Kunst unmittelbar einen Kulturimpuls zu geben.
