Philosophy, History and Literature
GA 51
21 January 1905, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
18. Schillers Leben und Eigenart
18. Schiller's Life and Character
[ 1 ] Hundert Jahre sind am 9. Mai 1905 seit Schillers Tode dahingegangen. Die deutsche gebildete Welt wird ohne Zweifel die Erinnerung an dieses Ereignis in festlicher Weise begehen.
[ 1 ] On May 9, 1905, a hundred years will have passed since Schiller’s death. The educated German public will undoubtedly commemorate this event in a festive manner.
[ 2 ] Drei Generationen trennen uns von Schillers Tode. Da erscheint es notwendig, Umschau zu halten, was uns heute Schiller ist. Im Jahre 1859 fand die letzte große Schillerfeier statt in ganz anderer Weise, als es heute sein kann. Die Zeiten haben sich seitdem unermeßlich geändert: andere Bilder, Fragen, Gedanken sind es, die heute die Gemüter der Zeitgenossen beschäftigen. Als im Jahre 1859 die Schillerfeier stattfand, war sie etwas, was tief eingriff in die Herzen des deutschen Volkes. Damals gab es noch Persönlichkeiten, die selbst ganz in den Vorstellungen lebten, die durch Schillers dichterische Kraft hervorgebracht waren. Es ist möglich, daß diesmal rauschendere Festlichkeiten veranstaltet werden; eine solche Anteilnahme aus der Tiefe der Seele kann es nicht mehr geben. Die Frage drängt sich uns auf: Was ist seitdem vorgegangen und wie kann Schiller uns noch etwas sein? Der Schiller-Goethe-Zeit große Bilder sind dahingeschwunden. Damals waren jene Anschauungen noch verkörpert in Persönlichkeiten, die die älteren von uns in ihrer Jugendzeit kennengelernt haben. Diese führenden Geister, die ganz in den Traditionen jener Zeit wurzelten, sie gehören heute zu den Toten. Die Jüngsten kennen sie nicht mehr. In der Person meines Lehrers Schröer, der in begeisterter Weise uns die Goethezeit darstellte, war es mir vergönnt gewesen, einen Menschen kennenzulernen, der ganz wurzelte in den Traditionen jener Zeit. In Herman Grimm ist der letzte gestorben von denen, deren Seelen ganz verbunden waren mit jener Zeit.
[ 2 ] Three generations separate us from Schiller’s death. It therefore seems necessary to take stock of what Schiller means to us today. In 1859, the last major Schiller celebration took place in a manner quite different from what is possible today. Times have changed immeasurably since then: today, it is different images, questions, and thoughts that occupy the minds of our contemporaries. When the Schiller celebration took place in 1859, it was an event that touched the hearts of the German people deeply. Back then, there were still individuals who themselves lived entirely within the worlds of imagination brought to life by Schiller’s poetic power. It is possible that more lavish festivities will be held this time; yet such deep, heartfelt participation can no longer exist. The question presses itself upon us: What has happened since then, and how can Schiller still mean anything to us? The grand visions of the Schiller-Goethe era have faded away. Back then, those ideals were still embodied in individuals whom the older among us had known in our youth. These leading minds, who were deeply rooted in the traditions of that time, are now among the dead. The youngest among us no longer know them. In the person of my teacher Schröer, who enthusiastically brought the Goethe era to life for us, I was fortunate enough to get to know a man who was deeply rooted in the traditions of that time. With the death of Herman Grimm, the last of those whose souls were wholly connected to that era has passed away.
[ 3 ] Heute ist das alles Geschichte geworden. Andere Fragen beschäftigen uns heute. Politische Fragen, soziale Fragen sind so brennend geworden, daß wir jene intime Kunstbetrachtung nicht mehr verstehen. Sonderbar müßten uns die Schiller-Goethe-Zeitmenschen erscheinen. Verlorengegangen ist uns die intime seelenvolle Betrachtung der Kunst. Das soll kein Tadel sein; hart ist unsere Zeit geworden.
[ 3 ] Today, all of that is history. We are preoccupied with other issues now. Political and social issues have become so pressing that we can no longer comprehend that intimate appreciation of art. People from the age of Schiller and Goethe must seem strange to us. We have lost that intimate, soulful appreciation of art. This is not meant as a criticism; our times have become harsh.
[ 4 ] Sehen wir uns drei führende Geister der Gegenwart an: wie anders sprechen sie über das, was die Zeit bewegt. Zunächst Ibsen: Wir sehen ihn, wie er in umfassender Art die Kulturprobleme der Gegenwart schildert, er, der die eindringlichsten Töne gefunden hat, gerade für das Herz der Gegenwart, für eine ins Chaotische gehende Zivilisation. Dann Zola: Wie soll sich die heutige Kunst zum Leben verhalten, das in sozialen Kämpfen emporlodert —, das ist die Frage, die er aufwirft. Dieses Leben erscheint uns so fest, so undurchdringlich, von ganz anderen Mächten bestimmt, als es unsere Phantasie und Seele sind. Endlich Tolstoi: Er, der ausgegangen ist von der Kunst und hieraus erst geworden ist zum Prediger und Sozialreformator. Unmöglich erscheint heute eine rein ästhetische Kultur, wie Schröer für die Schiller-Goethe-Zeit sie uns charakterisierte. Dazumal war das, was wir das ästhetische Gewissen nennen können, zur maßgebenden Lebensfrage geworden. Man nahm Schönheit, Geschmack, künstlerisches Empfinden für so ernste und wichtige Fragen, wie heute die Politik und die Freiheit. Man betrachtete die Kunst als etwas, das eingreifen sollte in das Räderwerk der Kultur. Heute ist das anders: Tolstoi, der auf dem Gebiete der Kunst selbst ein höchstes geleistet hat, verläßt die Kunst und sucht nach anderen Mitteln, um zu dem Empfinden seiner Zeitgenossen zu sprechen.
[ 4 ] Let’s take a look at three leading thinkers of our time: how differently they speak about the issues shaping our era. First, Ibsen: We see him comprehensively describing the cultural problems of the present—he who has found the most poignant tones, precisely for the very heart of the present, for a civilization descending into chaos. Then Zola: How should contemporary art relate to a life that is blazing with social struggles—that is the question he raises. This life seems to us so solid, so impenetrable, governed by forces entirely different from those of our imagination and soul. Finally, Tolstoy: He who began with art and only then became a preacher and social reformer. A purely aesthetic culture, as Schröer characterized it for the Schiller-Goethe era, seems impossible today. Back then, what we might call the aesthetic conscience had become the defining question of life. Beauty, taste, and artistic sensibility were regarded as matters as serious and important as politics and freedom are today. Art was viewed as something that should intervene in the workings of culture. Today, things are different: Tolstoy, who himself achieved the highest heights in the realm of art, turns away from art and seeks other means to speak to the sensibilities of his contemporaries.
[ 5 ] Schiller ist daher für unsere Zeit nicht zu würdigen in der Weise, wie es im 18. Jahrhundert geschah. Was aber geblieben ist, das ist die eindringlichste Tiefe seiner Weltanschauung. Wir sehen zahlreiche Fragen in ganz neue Beleuchtung gerückt durch Schillers Weltbetrachtung. Versuchen wir sie von diesem Standpunkt aus zu betrachten. Es soll dies die Aufgabe dieser Vorträge sein.
[ 5 ] Schiller, therefore, cannot be appreciated in our time in the same way he was in the 18th century. What has remained, however, is the profound depth of his worldview. We see numerous questions cast in an entirely new light by Schiller’s view of the world. Let us try to examine them from this perspective. This will be the focus of these lectures.
[ 6 ] Bei der Behandlung der Tages- und Kulturfragen, in der Wissenschaft wie im künstlerischen Streben, herrscht heute vielfach Verwirrung und Unklarheit. Jeder junge Schriftsteller glaubt sich berufen, eine neue Weltanschauung zu begründen. Die Literatur wird erfüllt mit Büchern über Fragen, die längst gelöst sind. Probleme werden aufgerollt, die sich, so wie sie uns entgegentreten, unreif ausnehmen, weil diejenigen, die sie zu lösen versuchen, sich nicht wirklich mit den Fragen beschäftigt haben. Oft werden die Fragen überhaupt nicht richtig gestellt. Das Problem liegt in der Fragestellung.
[ 6 ] When it comes to addressing contemporary and cultural issues—in both scholarship and artistic endeavors—there is often confusion and ambiguity today. Every young writer believes he is called upon to establish a new worldview. Literature is flooded with books on questions that have long since been resolved. Problems are raised that, as they present themselves to us, seem immature because those who attempt to solve them have not truly engaged with the questions. Often, the questions are not even posed correctly. The problem lies in the way the questions are framed.
[ 7 ] Aus zwei Strömungen sehen wir die Persönlichkeit Schillers hervorwachsen. Es ist dies einerseits das Emporkommen des Materialismus, und andererseits die Sehnsucht nach der Behauptung der Persönlichkeit. Was wir Aufklärung nennen, wurzelt in diesen beiden Strömungen. Uralte Traditionen waren im 18. Jahrhundert ins Wanken gekommen. Im 16. und 17. Jahrhundert noch wurden die tiefsten Fragen des Menschengeistes aus der Tradition heraus gelöst. An dem Verhältnis des Menschen zur Welt, zum Urgrunde der Welt wurde nicht gerüttelt.
[ 7 ] We see Schiller’s personality emerging from two currents. On the one hand, there is the rise of materialism; on the other, the longing to assert one’s individuality. What we call the Enlightenment is rooted in these two currents. Ancient traditions had begun to falter in the 18th century. In the 16th and 17th centuries, the deepest questions of the human spirit were still resolved within the framework of tradition. The relationship between humanity and the world—and the very foundation of the world—remained unshaken.
[ 8 ] Jetzt wurde es anders. Über das menschliche Geistesleben die Grundwahrheiten in dem Sinne zu lösen, wie sie Jahrhunderte gelöst, war unmöglich geworden. In Frankreich, angeregt durch den englischen Sensualismus, kam eine rationalistisch, materialistische Anschauung auf. Man begann die Seele abzuleiten aus materiellen Bedingungen, aus dem Stofflichen; man versuchte alles Geistige aus dem Physischen zu erklären. Die Enzyklopädisten ließen den Geist aus der Materie hervorgehen. Wirbel von Atombewegungen waren das Um und Auf, das man in der Welt sah. «Der Mensch ist eine Maschine», so ungefähr formuliert Lamettrie sein materialistisches Glaubensbekenntnis. Schon Goethe klagt, als ihm die Schriften dieser französischen Materialisten Holbachs «Syst&me de la nature» — bekannt werden, sein Unbehagen über die Anmaßung, mit ein paar hingepfahlten Begriffen die ganze Welt erklären zu wollen.
[ 8 ] Now things had changed. It had become impossible to understand the fundamental truths of human spiritual life in the same way they had been understood for centuries. In France, inspired by English sensualism, a rationalist, materialist worldview emerged. People began to derive the soul from material conditions, from the physical world; they attempted to explain everything spiritual in terms of the physical. The Encyclopedists posited that the spirit arose from matter. Vortices of atomic movements were the be-all and end-all that one saw in the world. “Man is a machine”—this is roughly how Lamettrie formulated his materialist creed. Even Goethe, upon becoming acquainted with the writings of these French materialists—Holbach’s Système de la nature—lamented his unease at the presumption of wanting to explain the entire world with a few hastily cobbled-together concepts.
[ 9 ] Daneben gab es eine andere Strömung, diejenige, die von Rousseau ausging. Rousseaus Schriften machten den größten Eindruck auf die bedeutendsten Männer jener Zeit. Es wird von Kant erzählt, daß er, der ein großer Pedant war, mit einer solchen Pünktlichkeit seinen täglichen Spaziergang unternahm, daß die Bewohner Königsbergs ihre Uhren darnach stellen konnten. Einmal aber blieb, zum größten Erstaunen der Bürger, der Philosoph für einige Tage aus; er hatte Rousseaus Schriften gelesen. Sie hatten ihn so gefesselt, daß er den gewohnten Spaziergang darüber vergaß.
[ 9 ] In addition, there was another school of thought, the one that originated with Rousseau. Rousseau’s writings made the greatest impression on the most prominent figures of that time. It is said of Kant, who was a great stickler for detail, that he took his daily walk with such punctuality that the residents of Königsberg could set their clocks by it. Once, however, to the great astonishment of the citizens, the philosopher failed to appear for several days; he had been reading Rousseau’s writings. They had captivated him so completely that he forgot his usual walk.
[ 10 ] Die Grundlage der gesamten Kultur war in Zweifel gestellt durch Rousseau. Er hatte die Frage aufgeworfen, ob die Menschheit durch die Kultur höher gekommen sei, und er verneinte diese Frage. Seiner Ansicht nach waren die Menschen in dem Naturzustande glücklicher gewesen als jetzt, wo sie die Persönlichkeit in sich verkommen ließen. In den Zeiten, als der Mensch, in alten Traditionen fußend, noch etwas zu wissen glaubte von den Zusammenhängen der Welt, war er nicht so sehr auf die Persönlichkeit gestellt. Jetzt, wo die Persönlichkeit zerschnitten hatte die Verbindungsketten zwischen sich und der Welt, kam die Frage heran: Wie soll diese Persönlichkeit wieder feststehen in der Welt? Über den Urgrund der Welt und der Seele glaubte man nichts wissen zu können. Wenn aber so nichts fest stand in der Welt, mußte der Drang nach besseren Zuständen mächtig in allen Herzen werden. Das revolutionäre Streben des 18. Jahrhunderts ging von hier aus. Es hing zusammen mit der materialistischen Strömung. Ein guter Christ des 17. Jahrhunderts hätte nicht so von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sprechen können. Dieses Freiheitsstreben muß als ureigenste Strömung jener Zeit gelten.
[ 10 ] Rousseau called into question the very foundation of all culture. He had raised the question of whether humanity had advanced through culture, and he answered in the negative. In his view, people had been happier in the state of nature than they are now, having allowed their individuality to degenerate. In times when people, grounded in ancient traditions, still believed they knew something about the workings of the world, they were not so focused on the individual. Now that the individual had severed the bonds connecting it to the world, the question arose: How can this individual reestablish its place in the world? People believed they could know nothing about the origins of the world and the soul. But if nothing was certain in the world, the urge for better conditions was bound to grow powerful in all hearts. The revolutionary striving of the 18th century sprang from this. It was linked to the materialist current. A devout Christian of the 17th century could not have spoken in such terms of liberty, equality, and fraternity. This striving for liberty must be regarded as a current unique to that era.
[ 11 ] Schiller war jung in der Zeit, als die Gedanken der Freiheit reiften. Rousseaus Ideale übten, wie gesagt, einen gewaltigen Eindruck auf die hervorragendsten deutschen Männer aus, wie Kant, Herder, Wieland und so weiter. Auch der junge Schiller wurde ergriffen von dieser Strömung. Wir finden ihn schon auf der Karlsschule damit beschäftigt, Rousseau, Voltaire und andere zu lesen. Es war die Zeit damals auf einen toten Punkt gekommen; die höheren Schichten hatten allen moralischen Halt verloren; die äußere Tyrannis herrschte auch auf der Schule. Bei Schiller finden wir eine eigentümliche Tiefe der Gemütsanlage, die schon im Knaben als Neigung zur Religion hervortrat. Ursprünglich beabsichtigte er daher auch, das theologische Studium zu wählen, sein ganzes Gemüt drängte ihn zu den tiefsten Fragen des Daseins. Es war eine Form jenes Freiheitsstrebens, das gerade in Deutschland diese besondere Gestaltung annahm: Frömmigkeit vereinigte sich mit unendlicher Sehnsucht nach Emanzipation. Der Persönlichkeits-Freiheitsdrang, nicht nur Religion, ist es auch, was aus Klopstocks «Messias» spricht. Gerade in seinem religiösen Empfinden wollte der Deutsche frei sein. Der «Messias» machte auf Schiller einen ungeheuren Eindruck.
[ 11 ] Schiller was young at a time when ideas of freedom were taking shape. As mentioned, Rousseau’s ideals made a profound impression on the most outstanding German thinkers, such as Kant, Herder, Wieland, and so on. The young Schiller, too, was swept up in this movement. We find him already at the Karlsschule engrossed in reading Rousseau, Voltaire, and others. Things had reached a dead end at that time; the upper classes had lost all moral grounding; external tyranny reigned even at the school. In Schiller we find a peculiar depth of character that manifested itself even as a boy in a inclination toward religion. Originally, therefore, he also intended to pursue theological studies; his whole being drew him toward the deepest questions of existence. It was a form of that striving for freedom which took on this particular shape in Germany: piety was united with an infinite longing for emancipation. It is this personal drive for freedom—not merely religion—that also speaks through Klopstock’s Messiah. It was precisely in his religious sensibility that the German sought to be free. The Messiah made an immense impression on Schiller.
[ 12 ] Schiller wählte das Studium der Medizin. Die Art, wie er die Medizin ergriff, hängt zusammen mit den Fragen, die ihn vor allem beschäftigten. Durch ernstes Naturstudium suchte er sich Aufschluß zu verschaffen über diese ihm vorliegenden Fragen. Der Unterricht in der Karlsschule sollte in ganz umfassender Weise auf ihn einwirken. Die Schäden, die dem heutigen Gymnasialunterricht vielfach anhaften, bestanden in der Karlsschule nicht. Physik, Naturwissenschaften wurden eingehend behandelt; im Mittelpunkte des Studiums stand die Philosophie. Ernste Fragen der Metaphysik, der Logik wurden erörtert. Schiller trat mit philosophischem Geist in das medizinische Studium ein. Die Art und Weise, wie er es erfaßte, ist wichtig und bedeutungsvoll für sein Leben. Man verstehrt Schiller nicht ganz, wenn man nicht seine beiden Dissertationen liest, die er nach Absolvierung seines Studiums schrieb. Sie behandeln die Fragen: «Welches ist der Zusammenhang zwischen Materie und Geist?» — «Über den Zusammenhang der tierischen und geistigen Natur des Menschen.»
[ 12 ] Schiller chose to study medicine. The way he approached medicine was closely tied to the questions that most preoccupied him. Through serious study of nature, he sought to gain insight into these questions that faced him. The instruction at the Karlsschule was to have a profound and comprehensive impact on him. The shortcomings that are often associated with today’s high school education did not exist at the Karlsschule. Physics and the natural sciences were covered in depth; philosophy was at the center of the curriculum. Serious questions of metaphysics and logic were discussed. Schiller entered his medical studies with a philosophical mindset. The way in which he approached his studies is important and significant for his life. One cannot fully understand Schiller without reading the two dissertations he wrote after completing his studies. They address the questions: “What is the relationship between matter and spirit?” — “On the relationship between the animal and spiritual nature of man.”
[ 13 ] Von der ersteren Dissertation ist uns wenig nur erhalten geblieben. In der zweiten stellt sich Schiller die Frage: Wie haben wir uns das Wirken des Stofflichen im menschlichen Körper zu deuten?
[ 13 ] Very little of the former dissertation has survived. In the second, Schiller asks himself: How are we to interpret the influence of the material on the human body?
[ 14 ] Für Schiller ist schon im materiellen Körper etwas Geistiges. Es gibt Menschen, die im Körper nur etwas Niedriges, Tierisches sehen. Es ist keine tiefe, gehaltvolle Weltanschauung, wenn man das Körperliche so erniedrigt und verabscheut. Es war nicht die Weltanschauung des jungen Schiller. Für Schiller ist der Körper der Tempel des Geistes, von Weisheit auferbaut, und hat nicht umsonst Einfluß auf das Geistige. Welche Bedeutung hat der Körper für das Seelische? — Diese Frage hat Schiller, dem das Physische auch heilig war, sich zu lösen gesucht. Er schildert zum Beispiel, wie im Affekt, in der Geste, sich das Seelische ausdrückt; er sucht sich das Bleibende der seelischen Bewegung im Ausdruck in feiner geistvoller Weise zu erklären. Er sagt am Schlusse seiner Abhandlung:
[ 14 ] For Schiller, there is something spiritual even in the physical body. There are people who see only something base and animalistic in the body. It is not a profound, meaningful worldview to debase and despise the physical in this way. This was not the worldview of the young Schiller. For Schiller, the body is the temple of the spirit, built upon wisdom, and it exerts an influence on the spiritual realm for good reason. What significance does the body hold for the soul? — Schiller, for whom the physical realm was also sacred, sought to answer this question. He describes, for example, how the soul expresses itself in emotion and gesture; he seeks to explain, in a subtle and spiritual way, the enduring aspect of the soul’s movement as it is expressed. At the end of his treatise, he says:
[ 15 ] «Die Materie zerfällt (beim Tode) in ihre letzten Elemente wieder, die nun in anderen Formen und Verhältnissen, durch die Reiche der Natur wandern, anderen Absichten zu dienen. Die Seele fährt fort, in anderen Kreisen ihre Denkkraft zu üben und das Universum von anderen Seiten zu beschauen. Man kann freilich sagen, daß sie diese Sphäre im geringsten noch nicht erschöpft hat, daß sie solche vollkommener hätte verlassen können, aber weiß man denn, daß diese Sphäre für sie verloren ist? Wir legen jetzt manches Buch weg, das wir nicht verstehen, aber vielleicht verstehen wir es in einigen Jahren besser.»
[ 15 ] “Matter disintegrates (at death) back into its ultimate elements, which then wander through the realms of nature in other forms and relationships, serving other purposes. The soul continues to exercise its power of thought in other spheres and to contemplate the universe from other perspectives. One might, of course, say that it has by no means exhausted this sphere, that it could have left it more fully, but do we really know that this sphere is lost to it? We now set aside many a book that we do not understand, but perhaps we will understand it better in a few years.”
[ 16 ] So versucht sich Schiller das Ewige des Geistes im Verhältnis zur physischen Natur klarzulegen, ohne aber das Physische zu unterschätzen. Diese Frage blieb nun die Grund- und Kernfrage Schillers für das ganze Leben: «Wie ist der Mensch herausgeboren aus dem Physischen, und wie stellt sich seine Seele, die Freiheit seiner Persönlichkeit, zur Welt?» «Wie soll die Seele ihren Mittelpunkt finden, da die alten Traditionen dahin sind?»
[ 16 ] In this way, Schiller attempts to clarify the eternal nature of the spirit in relation to physical nature, without, however, underestimating the physical. This question remained Schiller’s fundamental and central question throughout his life: “How is man born out of the physical world, and how does his soul—the freedom of his personality—relate to the world?” “How is the soul to find its center, now that the old traditions are gone?”
[ 17 ] Nachdem er in seinen Jugenddramen herausgebraust hat seinen ganzen Emanzipationsdrang, und damit das Herz des Volkes gewonnen hatte, vertiefte er sich in Geschichte und Philosophie, und wir berühren die tiefsten kulturgeschichtlichen Fragen, wenn wir die Schillerschen Dramen betrachten. Jeder Mensch hatte damals ein Stück Marquis Posa in sich. Dadurch gewann Schillers Problem ein neues Gesicht. Tiefe Fragen werden aufgerollt über die Menschenseele, über die Bedeutung des Lebens. Schiller sah, wie wenig auf dem äußeren Plane sich hatte erreichen lassen. Man versuchte nun in Deutschland das Problem der Freiheit auf künstlerische Art zu lösen, und das ergab die Bedeutung des «ästhetischen Gewissens». Auch Schiller hatte sich die Frage jetzt in diesem Sinne gestellt. Es war ihm klar, daß der Künstler den Menschen das Höchste zu bringen habe. Er hat dieses Problem in späteren Jahren behandelt. In seinen «Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen» sagt er: Der Mensch handelt unfrei in der Sinnenwelt aus Notwendigkeit; in der Vernunftwelt ist er unterworfen der Notwendigkeit der Logik. So ist der Mensch eingeschränkt von der Wirklichkeit und dem Vernunftideale. Es gibt aber einen anderen, mittleren Zustand zwischen Vernunft und Sinnenwelt, den ästhetischen. Derjenige, der künstlerisch empfindet, genießt den Geist im Sinnlichen; er sieht den Geist in die Natur hineinverwoben. Die Natur ist ihm ein schönheitsvolles Bild des Geistigen. Das Sinnliche ist dann nur der Abdruck des Geistes; im Kunstwerk ist das Sinnliche durch den Geist geadelt. Der Geist ist herabgeholt aus dem Reiche der Notwendigkeit. In der Schönheit lebt der Mensch als in der Freiheit. Die Kunst ist also die Vermittlerin zwischen dem Sinnlichen und dem Vernünftigen im Reiche der Freiheit.
[ 17 ] After giving full vent to his urge for emancipation in his early plays—and thereby winning the hearts of the people—he immersed himself in history and philosophy, and we touch upon the deepest questions of cultural history when we consider Schiller’s dramas. Back then, every person had a bit of the Marquis Posa in them. This gave Schiller’s problem a new dimension. Profound questions are raised about the human soul and the meaning of life. Schiller saw how little had been achieved on the external plane. In Germany, people were now attempting to solve the problem of freedom through art, and this gave rise to the concept of the “aesthetic conscience.” Schiller, too, had now posed the question to himself in this sense. It was clear to him that the artist must bring the highest to humanity. He addressed this problem in his later years. In his “Letters on the Aesthetic Education of Man,” he says: In the world of the senses, human beings act unfreely out of necessity; in the world of reason, they are subject to the necessity of logic. Thus, human beings are constrained by reality and the ideal of reason. But there is another, intermediate state between reason and the sensory world: the aesthetic. Those who perceive artistically enjoy the spirit within the sensory; they see the spirit woven into nature. Nature is for them a beautiful image of the spiritual. The sensory realm is then merely the imprint of the spirit; in the work of art, the sensory is ennobled by the spirit. The spirit is brought down from the realm of necessity. In beauty, human beings live as if in freedom. Art is thus the mediator between the sensory and the rational in the realm of freedom.
[ 18 ] Auch Goethe empfand so vor den Kunstwerken in Italien. Im Schönen fand der Freiheitsdrang dieser Menschen seine Befriedigung; hier ist er der ehernen Notwendigkeit enthoben. Nicht durch Zwang, durch staatliche Gesetze: im ästhetischen Genusse sah Schiller eine Erziehung zur Harmonie. Als Mensch fühlt er sich frei durch die Kunst: so möchte Schiller die ganze Welt in ein Kunstwerk umwandeln.
[ 18 ] Goethe, too, felt this way when viewing works of art in Italy. In beauty, these people’s yearning for freedom found its fulfillment; here, it is freed from ironclad necessity. Not through coercion or state laws: Schiller saw aesthetic enjoyment as an education in harmony. As a human being, he feels free through art: thus, Schiller would like to transform the entire world into a work of art.
[ 19 ] Wir sehen hier den Unterschied jener Zeit von der unseren. Heute steht die Kunst im Winkel; damals wollte Schiller dem Leben durch die Kunst einen unmittelbaren Eindruck geben. Tolstoi muß heute die Kunst verdammen, Ibsen wird in seiner Kunst zum Kritiker des gesellschaftlichen Lebens: Damals wollte Schiller durch seine Kunst eingreifen in das Leben selbst. Als er, während seiner Tätigkeit als Mannheimer Theaterreferent, seine Abhandlung über die «Schaubühne als moralische Anstalt» schrieb, geschah es, um durch die Kunst unmittelbar einen Kulturimpuls zu geben.
[ 19 ] Here we see the difference between that era and our own. Today, art is relegated to the sidelines; back then, Schiller sought to give life a direct impact through art. Today, Tolstoy must condemn art, and Ibsen becomes a critic of social life through his art: Back then, Schiller wanted to intervene in life itself through his art. When he wrote his treatise on “The Theater as a Moral Institution” while serving as theater critic in Mannheim, his aim was to provide a direct cultural impetus through art.
