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Philosophy, History and Literature
GA 51

28 January 1905, Berlin

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19. Schillers Schaffen und seine Wandlungen

19. Schiller's Work and Its Evolution

[ 1 ] Wir haben gesehen, wie Schiller herausgewachsen ist aus den Ideen des 18. Jahrhunderts, wie die Ideale des Aufklärungszeitalters in seiner Seele wurzelten. Ihre besondere Gestalt hatten sie schon angenommen, als er von der Karlsschule abging und jene vorher erwähnten Abhandlungen geschrieben hatte. Wenn wir diese Anschauungen mit einem Worte charakterisieren wollen, können wir sagen, es handelte sich um die Emanzipation der Persönlichkeit. Dieses Freimachen von uralten Traditionen geht noch weiter.

[ 1 ] We have seen how Schiller grew out of the ideas of the 18th century, how the ideals of the Age of Enlightenment took root in his soul. They had already taken on their distinctive form by the time he left the Karlsschule and had written the essays mentioned earlier. If we want to characterize these views in a single word, we can say that they concerned the emancipation of the individual. This liberation from age-old traditions goes even further.

[ 2 ] Wenn der mittelalterliche Mensch vor der Aufklärungszeit nachgedacht hatte über sein Verhältnis zu sich, zur Natur, zum Universum, zu Gott, hat er sich hineingestellt gefunden in dieses Universum. Er verehrte denselben Gott draußen, der in der eigenen Seele lebte; dieselben Weltenmächte, die er in der Natur fand, waren in der eigenen Seele des Menschen tätig; es war eine gewisse Einheit, die man sah in den Gesetzen des Weltalls und in der Natur des Menschen. Man braucht sich nur an Geister wie Giordano Bruno zu erinnern. Diese monistische Überzeugung von dem Zusammenhang der Natur mit dem Menschen spricht aus seinen Schriften. So war keine Trennung zwischen dem, was man moralische Forderung nennt, und den objektiven Gesetzen in der Natur.

[ 2 ] When people in the Middle Ages, before the Enlightenment, reflected on their relationship to themselves, to nature, to the universe, and to God, they found themselves placed within this universe. They worshiped the same God outside who lived within their own souls; the same cosmic forces they found in nature were at work within the human soul; there was a certain unity that could be seen in the laws of the universe and in human nature. One need only recall figures such as Giordano Bruno. This monistic conviction regarding the connection between nature and humanity is evident in his writings. Thus, there was no separation between what is called a moral imperative and the objective laws of nature.

[ 3 ] Dieser Gegensatz ist erst später gekommen, als man die Natur von dem göttlichen Einfluß ausschloß. Das, was im Materialismus heraufgekommen ist, kannte keinen Zusammenhang zwischen der Natur und dem moralischen Empfinden, dem, was der Mensch als moralische Forderung in sich ausbildet. Aus diesem ging hervor, was man den Rousseauismus nannte. Er ist im tiefsten Grunde eine revolutionäre Empfindung, ein Protest gegen die ganze bisherige Entwickelung. Er lehrt, daß, wenn wir den Ruf des Menschen nach Freiheit, seine Forderung nach Moral betrachten, wir einen tiefen Mißklang finden. Er fragt: kann es denn einen Unterschied geben zwischen der objektiven Welt und der menschlichen Natur, daß die Menschen sich heraussehnen müssen, aus der ganzen Kultur heraus?

[ 3 ] This contrast arose only later, when nature was excluded from divine influence. The ideas that emerged from materialism recognized no connection between nature and moral sensibility—that which human beings develop within themselves as a moral imperative. From this arose what came to be called Rousseauism. At its very core, it is a revolutionary sentiment, a protest against the entire course of development up to that point. It teaches that when we consider humanity’s call for freedom and its demand for morality, we find a profound dissonance. It asks: Can there really be a difference between the objective world and human nature such that people must yearn to break free from the entirety of culture?

[ 4 ] Diese geistigen Stürme lebten sich aus als Gesinnung des jungen Schiller. In seinen drei Jugenddramen erhält dieses Sehnen eine neue Gestaltung. In den «Räubern», in «Fiesco» und in «Kabale und Liebe» sehen wir ganz lebendig dargestellt, mit ungeheurem Pathos die Forderung, daß der Mensch etwas tun müsse, um diesen Einklang hervorzurufen. In der Figur des Karl Moor wird herausgearbeitet ein Mensch, der in sich selbst den Zwiespalt zwischen der objektiven Ordnung und den menschlichen Forderungen trägt, und der sich berufen fühlt, zwischen der Natur und sich diesen Einklang hervorzurufen. Seine Tragik entsteht, weil er glaubt, durch Gesetzlosigkeit und Willkür dem Gesetz wieder aufzuhelfen. — In «Fiesco» scheitert das Sehnen nach Freiheit an dem Ehrgeiz. Das Ideal der Freiheit geht unter durch diese Disharmonie in der Seele des ehrgeizigen Fiesco, der sich nicht hineinfinden kann in die Ordnung des moralischen Ideals. — In «Kabale und Liebe» steht die Forderung der menschlichen Natur im aufstrebenden Bürgerstande den Forderungen der Welt gegenüber, wie sie in den herrschenden Ständen zum Ausdruck kamen. — Es war verlorengegangen der Zusammenhang zwischen den moralischen Idealen und den universellen Weltenideen. Dieser Mißklang tönt grandios bei aller jugendlichen Unreife aus Schillers ersten Dramen.

[ 4 ] These intellectual storms found expression in the young Schiller’s worldview. In his three early plays, this yearning takes on a new form. In The Robbers, Fiesco, and Intrigue and Love, we see vividly portrayed, with immense pathos, the demand that human beings must take action to bring about this harmony. The character of Karl Moor is portrayed as a man who carries within himself the conflict between objective order and human demands, and who feels called upon to bring about this harmony between nature and himself. His tragedy arises because he believes he can restore the law through lawlessness and arbitrariness. — In Fiesco, the longing for freedom is thwarted by ambition. The ideal of freedom is lost due to this disharmony in the soul of the ambitious Fiesco, who cannot find his place within the order of the moral ideal. — In Kabale und Liebe, the demands of human nature among the rising bourgeoisie stand in opposition to the demands of the world as expressed by the ruling classes. — The connection between moral ideals and universal worldviews had been lost. This dissonance resounds magnificently, despite all the youthful immaturity, in Schiller’s early dramas.

[ 5 ] Solche Naturen wie Schiller finden sich schwerer selbst als gradlinige, einfache, naive Naturen, wie auch die natürliche Entwickelung zeigt, daß niedere Geschöpfe weniger lange Vorbereitungsstadien brauchen als hochentwickelte Tiere. Große Naturen haben das an sich, daß sie die verschiedensten Wandlungen durchmachen müssen, weil ihr Innerstes aus tiefen Schachten herausgeholt werden muß. In wem viel liegt, wer mit Anwartschaft auf Genie zur Welt kommt, wird schwer sich durchfinden, sich durch mannigfaltige Anfangsstadien durcharbeiten müssen, wie es uns als Analogie die embryonale Entwickelung höherstehender Tierarten zeigt.

[ 5 ] People of Schiller’s temperament find it harder to discover themselves than those of a straightforward, simple, and naive nature; just as natural development shows that lower creatures require fewer preparatory stages than highly developed animals. Great personalities are characterized by the fact that they must undergo the most diverse transformations, because their innermost essence must be drawn from deep within. Those who possess great potential—those born with the promise of genius—will find it difficult to find their way and will have to work their way through manifold initial stages, as embryonic development in higher animal species shows us by way of analogy.

[ 6 ] Was Schiller fehlte, war Welt- und Menschenkenntnis. Die ersten Dramen zeigen Schiller mit all seinen daraus entstehenden Mängeln, aber auch mit all seinen Vorzügen, wie sie sich später kaum so wiederfinden. — Dieses Urteil ist projiziert aus einer gewissen Höhe: man muß wissen, was man Schillers Größe schuldig ist. Doch es konnte nicht lange so bleiben. Schiller mußte über diesen kleinen Horizont hinauskommen, und nun sehen wir, wie er im vierten seiner Dramen, im «Don Carlos» sich hinarbeitet zu einem anderen Standpunkt. Wir können aus einer doppelten Perspektive «Don Carlos» betrachten: erstens von Carlos, zweitens von Marquis Posa aus. Schiller selbst erzählt uns, wie erst sein Interesse bei dem jugendlich-feurigen Carlos gestanden hat und dann übergegangen ist zum kosmopolitischen Posa. Es bedeutet dies eine tiefe Wandlung in Schillers eigener Persönlichkeit.

[ 6 ] What Schiller lacked was knowledge of the world and of human nature. His early plays reveal Schiller with all the shortcomings that resulted from this, but also with all his virtues, which are rarely seen in the same way later on. — This judgment is made from a certain vantage point: one must recognize what one owes to Schiller’s greatness. Yet it could not remain that way for long. Schiller had to move beyond this narrow horizon, and now we see how, in the fourth of his dramas, Don Carlos, he works his way toward a different perspective. We can view Don Carlos from a dual perspective: first, from Carlos’s point of view, and second, from that of the Marquis Posa. Schiller himself tells us how his interest initially lay with the youthful, fiery Carlos and then shifted to the cosmopolitan Posa. This signifies a profound transformation in Schiller’s own personality.

[ 7 ] Schiller war von seinem Freunde Körner nach Dresden gerufen worden, um dort ruhig zu arbeiten. Er wurde da bekannt mit einer Weltanschauung, die auf seine eigene Persönlichkeit einen tiefen Einfluß ausüben sollte, mit dem Kantianismus. Schillers Wesenheit war so, daß ihm diese Beschäftigung mit Kant notwendig wurde und wir werden dadurch seinen Standpunkt noch tiefer verstehen lernen, wenn wir uns mit dem beschäftigen, was damals auf ihn einwirkte.

[ 7 ] Schiller had been invited to Dresden by his friend Körner so that he could work in peace there. It was there that he became acquainted with a worldview that would have a profound influence on his own personality: Kantianism. Schiller’s nature was such that this engagement with Kant became essential for him, and we will come to understand his point of view even more deeply as we examine the influences that shaped him at that time.

[ 8 ] Wir haben zu jener Zeit zwei ganz bestimmte Strömungen im deutschen Geistesleben. Die eine Strömung ist diejenige, die sich am gründlichsten ausdrückt in Herders «Ideen zur Geschichte der Philosophie der Menschheit». Die zweite ist die Kantsche Philosophie. Bei Herder haben wir die Sehnsucht, den Menschen hereinzustellen in die ganze Natur, und ihn von da heraus zu begreifen. Es ist dieses Einheitsstreben, was uns Herder als modernen Geist erscheinen läßt. Was sich heute aufbäumt gegen den zwar als Kathederphilosophie noch viel geltenden Kantianismus mit seinem Dualismus, lebt schon bei Herder in seiner Metakritik. Alles schließt eine Fülle von großen Ideen ein; da ist ein Streben nach Einheitlichkeit zwischen Natur und Mensch. Vom untersten Naturprodukt, bis herauf zu dem Gedanken des Menschen, lebt ein Gesetz. Was im Menschen als Sittengesetz sich darstellt, ist im Kristall sich selbst Gesetz der Gestaltung. Eine Grundentwickelung zieht sich durch alles Bestehende hindurch, so daß, was an der Pflanze sich zur Blüte gestaltet, in dem Menschen sich zur Humanität entwickelt. Es ist das Weltbild, das auch bei Goethe herausgetreten ist, das er in seinem Faust ausgedrückt hat in den Worten:

[ 8 ] At that time, there were two very distinct currents in German intellectual life. One current is that which finds its most thorough expression in Herder’s Ideas on the History of the Philosophy of Mankind. The second is Kantian philosophy. In Herder, we find the longing to place humanity within the whole of nature and to understand it from that perspective. It is this striving for unity that makes Herder appear to us as a modern thinker. What today rebels against Kantianism—which, as academic philosophy, still holds great sway—with its dualism, is already present in Herder’s metacriticism. Everything encompasses a wealth of great ideas; there is a striving for unity between nature and humanity. From the lowest product of nature all the way up to human thought, a law prevails. What manifests itself in humanity as the moral law is, in a crystal, the very law of form. A fundamental development runs through all that exists, so that what takes shape as a flower in a plant develops into humanity in human beings. It is the worldview that also emerged in Goethe, which he expressed in his Faust with the words:

Wie alles sich zum ganzen webt!
Eins in dem andern wirkt und lebt...

How everything weaves itself into a whole!
One thing works within the other and lives...

[ 9 ] und das er in seinem «Hymnus an die Natur» darstellt.

[ 9 ] and which he depicts in his “Hymn to Nature.”

[ 10 ] Goethe ist ganz durchglüht von diesem Einheitsstreben, wie es sich in Giordano Bruno, dem Pythagoräer, ausdrückt. Er stellt sich vollkommen in diese Strömung hinein:

[ 10 ] Goethe is completely consumed by this quest for unity, as expressed by Giordano Bruno, the Pythagorean. He places himself entirely within this current of thought:

Was wär’ ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe,
Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen.
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt.

What would a God be who merely pushed from the outside,
Who made the universe run in circles on His finger,
It befits Him to move the world from within,
To cherish nature within Himself, and Himself within nature.
So that what lives, weaves, and is within Him,
Never lacks His power, never His spirit.

[ 11 ] Das ist die monistische Strömung, der Schiller in jener Zeit noch fremd gegenübersteht. Für ihn ist noch die Zweiheit da, der Dualismus.

[ 11 ] This is the monistic school of thought, which was still foreign to Schiller at that time. For him, duality—dualism—still prevailed.

[ 12 ] Kant hat in seiner «Kritik der reinen Vernunft» und in seiner «Kritik der praktischen Vernunft» dem menschlichen Erkenntnisvermögen eine entschiedene Grenze gesetzt. So weit der Verstand reicht, geht menschliches Erkenntnisvermögen. Es kann nur äußeres geben, reicht aber nicht zu dem Wesen der Dinge. Was das Ding an sich ist, verbirgt sich hinter den Erscheinungen; der Mensch darf gar nicht darüber sprechen. Aber es lebt etwas im Menschen, was unmöglich nur Erscheinung sein kann. Das ist das Sittengesetz. Auf der einen Seite: die Welt der Erscheinungen; auf der anderen Seite: das Sittengesetz, der kategorische Imperativ, das «Du sollst», an dem nicht zu mäkeln ist, das erhaben ist über Erkenntnis und nicht als Erscheinung aufzufassen. So tritt uns in Kants Philosophie nicht nur die Zweiheit, die wir früher sahen, entgegen, sondern die ganze Welt menschlichen Geisteslebens trennt sich in zwei Hälften: das, was erhaben sein soll über alle Kritik, das Sittengesetz, soll überhaupt nicht Wissen sein, sondern praktischer Glaube, der keine Erkenntnisgesetze hat, sondern lediglich sittliche Postulate. So erscheint der Kantianismus als die schroffste Darlegung des Dualismus.

[ 12 ] In his Critique of Pure Reason and his Critique of Practical Reason, Kant set a clear limit on human cognitive capacity. Human cognitive capacity extends only as far as the understanding reaches. There can only be the external world, but it does not extend to the essence of things. What a thing-in-itself is remains hidden behind appearances; humans must not even speak of it. But there is something within human beings that cannot possibly be merely an appearance. This is the moral law. On the one hand: the world of appearances; on the other hand: the moral law, the categorical imperative, the “Thou shalt,” which is beyond reproach, which is sublime beyond cognition and cannot be conceived as an appearance. Thus, in Kant’s philosophy, we are confronted not only with the duality we saw earlier, but the entire world of human intellectual life is divided into two halves: that which is to be transcendent above all criticism—the moral law—is not to be knowledge at all, but practical faith, which has no laws of knowledge, but merely moral postulates. Thus, Kantianism appears as the most stark exposition of dualism.

[ 13 ] Vor Kant gab es eine Wissenschaft über die äußeren Erscheinungen, dann eine Vernunftwissenschaft, die durch eingepflanzte Tätigkeit bis zu Gott, Seele und Unsterblichkeit dringen konnte: so stellt sich die Wolffsche Philosophie dar. Kant, der die englischen Sensualisten Hume und Locke studierte, kam dadurch zum Zweifel in diesem Punkt. Er sagte sich: Wohin will man kommen, wenn man die höchsten Begriffe, Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, immer wieder prüfen muß auf ihre Vernünftigkeit hin? — Er erklärt in der Einleitung zu seiner «Kritik der reinen Vernunft»: Ich mußte also das Wissen aufheben um zum Glauben Platz zu bekommen. Weil man glauben soll und damit man glauben kann, hat er das Wissen vom Throne gestürzt. Er wollte von zweifellosen Grundlagen ausgehen und sagt daher: das Wissen kann überhaupt nicht bis zu diesen Dingen vordringen, aber das «Du sollst» spricht so streng, daß der Einklang, den der Mensch zu finden ohnmächtig ist, durch Gott muß bewirkt werden. Das führt dazu, einen Gott zu postulieren. Wir sind als physische Wesen zwischen Schranken eingeschlossen, müssen aber als moralische Wesen frei sein. Dies gibt einen unüberbrückbaren Dualismus, aber keinen Ausgleich zwischen Mensch und Natur.

[ 13 ] Before Kant, there was a science of external phenomena, followed by a science of reason that, through an innate faculty, could penetrate to God, the soul, and immortality: this is how Wolff’s philosophy presents itself. Kant, who studied the English sensualists Hume and Locke, consequently began to harbor doubts on this point. He asked himself: Where does this lead if one must constantly examine the highest concepts—God, freedom, and immortality—for their rationality? — He explains in the introduction to his Critique of Pure Reason: “I therefore had to set aside knowledge in order to make room for faith.” Because one ought to believe—and so that one may believe—he dethroned knowledge. He wanted to proceed from unquestionable foundations and therefore says: Knowledge cannot penetrate to these things at all, but the “Thou shalt” speaks so sternly that the harmony which man is powerless to find must be brought about by God. This leads to postulating a God. As physical beings, we are confined within limits, yet as moral beings we must be free. This creates an irreconcilable dualism, but no balance between humanity and nature.

[ 14 ] Schiller, der seiner Anlage nach damals an dem Gegensatz zwischen Natur und Menschen festhielt, schildert im «Don Carlos» das Herauswachsen des Menschen über alle Natur zu den Idealen hinauf. Er stellt nicht die Frage nach dem, was möglich ist, sondern nur die Frage nach dem: «Du sollst». Im Carlos ist es nicht eine Kritik des Hoflebens, die uns Schiller gibt. Diese tritt zurück hinter praktisch sittlichen Postulaten. «Mensch werde so, daß die Gesetze deines Handelns allgemeine Gesetze der Menschheit werden könnten», hatte Kant gefordert, — und in dem Marquis Posa, dem kosmopolitischen Idealisten, stellt Schiller die Forderung nach der Unabhängigkeit des Ideals von allem, was aus der Natur herauswächst.

[ 14 ] Schiller, who at that time, by his very nature, clung to the contrast between nature and humanity, depicts in Don Carlos humanity’s rise above all of nature toward the ideals. He does not ask what is possible, but only asks: “You must.” In Don Carlos, Schiller does not offer us a critique of court life. This takes a back seat to practical moral postulates. “Become the kind of person whose principles of action could become universal laws of humanity,” Kant had demanded—and in the Marquis Posa, the cosmopolitan idealist, Schiller articulates the demand for the independence of the ideal from everything that springs from nature.

[ 15 ] Als «Don Carlos» fertig war, stand Schiller in größtmöglichstem Gegensatz zu der Weltanschauung Goethes und Herders, und im Anfang seines Lebens in Weimar konnte sich deshalb keine Annäherung an diese vollziehen. Nun ist aber Schiller zum Reformator des Kantianismus geworden: er strebt jetzzt zum Monismus, findet aber die Einheitlichkeit nur auf ästhetischem Gebiete: im Problem der Schönheit. Er zeigt uns, wie der Mensch sich erst da auslebt, wo er die Natur heraufadelt zu sich und das Sittliche von oben in seine Natur aufnimmt. Der kategorische Imperativ zwingt ihn nicht unter ein Joch, sondern freiwillig dient er dem, was im «Du sollst» enthalten ist. So stellt sich Schiller auf seine Höhe, indem er über Kant hinauswächst. Er wendet sich gegen Kant, der den Menschen nicht zum freien Wesen, sondern zum Sklaven machen will, gebeugt unter das Joch der Pflicht. Es wurde ihm klar, daß im Menschen etwas ganz anderes lebt, als dieses Beugen unter ein «Du sollst». In monumentalen Sätzen kommt zum Ausdruck, wie er sich dem nähert, was Goethes und Herders Anschauung ausmacht: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.»

[ 15 ] By the time Don Carlos was completed, Schiller stood in the sharpest possible contrast to the worldviews of Goethe and Herder, and at the beginning of his life in Weimar, no rapprochement with them could therefore take place. Now, however, Schiller has become a reformer of Kantianism: he now strives for monism, but finds unity only in the aesthetic realm—in the problem of beauty. He shows us how human beings only fully realize themselves when they elevate nature to their own level and incorporate morality from above into their nature. The categorical imperative does not force him under a yoke; rather, he voluntarily serves what is contained in the “Thou shalt.” Thus Schiller rises to his full stature by transcending Kant. He turns against Kant, who seeks to make man not a free being but a slave, bowed under the yoke of duty. It became clear to him that something entirely different lives within human beings than this submission to a “Thou shalt.” In monumental sentences, he expresses how he approaches what constitutes Goethe’s and Herder’s worldview: “I gladly serve my friends, yet I do so, alas, out of inclination, and so it often gnaws at me that I am not virtuous.”

[ 16 ] Kant hat das herabgewürdigt, was der Mensch aus Neigung, was er freiwillig tut, und dagegen was er aus Pflicht tut, als das Höhere gepriesen. Kant wendet sich in pathetischer Apostrophe an die strenge Pflicht, die nichts Verlokkendes haben soll. Schiller holt den Menschen aus seiner Schwäche heraus, indem er das Sittengesetz zum Gesetze seiner eigenen Natur werden läßt. Durch das Studium der Geschichte, durch aufrichtige Neigung und Hingabe an das menschliche Leben, kam er zu dem verlorenen Einklang und damit zu dem Verständnis Goethes.

[ 16 ] Kant disparaged what people do out of inclination—what they do voluntarily—and, in contrast, praised what they do out of duty as the higher. Kant addresses, in a passionate apostrophe, the strict duty that is not supposed to hold any allure. Schiller lifts humanity out of its weakness by allowing the moral law to become the law of its own nature. Through the study of history, through sincere affection and devotion to human life, he arrived at that lost harmony and, with it, an understanding of Goethe.

[ 17 ] Herrlich beschreibt Schiller Goethes Weise in dem denkwürdigen Brief vom 23. August 1794: «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen, und den Weg, den Sie sich vorgezeichnet haben, mit immer erneuter Bewunderung bemerkt. Sie suchen das Notwendige der Natur, aber Sie suchen es auf dem schwersten Wege, vor welchem jede schwächere Kraft sich wohl hüten wird. Sie nehmen die ganze Natur zusammen, um über das einzelne Licht zu bekommen; in der Allheit ihrer Erscheinungsarten suchen Sie den Erklärungsgrund für das Individuum auf.»

[ 17 ] Schiller beautifully describes Goethe’s approach in his memorable letter of August 23, 1794: “For a long time now, though from a considerable distance, I have been observing the course of your mind and noting the path you have charted for yourself with ever-renewed admiration. You seek the essence of nature, but you seek it by the most arduous path, one that any weaker force would surely avoid. You take all of nature as a whole in order to arrive at the individual light; in the totality of its manifestations, you seek the basis for explaining the individual.”

[ 18 ] Damit war Schiller auf der Höhe angekommen, zu der er sich entwickeln mußte. War er selbst ausgegangen von der Zweiheit, so war er jetzt gekommen zu der Einheit zwischen Mensch und Natur. So kam er zu der Art des Schaffens, die ihm in der letzten Zeit, seit der Mitte der neunziger Jahre eigen war, und zur Freundschaft mit Goethe. Es war eine geschichtliche Freundschaft, weil sie nicht nur nach Glück für die beiden allein suchte, sondern fruchtbringend war für die Welt, für die Menschheit. In dem, was wir an Goethe und Schiller haben, haben wir nicht nur Goethe und Schiller, sondern wir haben noch ein Drittes: Goethe pl/us Schiller. — Wer den Gang des Geisteslebens verfolgt, sieht darin ein Wesen, das nur dadurch entstehen konnte, daß in der selbstlosen Freundschaft, aus der gegenseitigen Hingabe, sich etwas entfaltete, was als neues Wesen über der Einzelpersönlichkeit stand. Diese Stimmung wird uns den rechten Übergang zu Goethe und dem, was er für Schiller bedeuten sollte, ergeben.

[ 18 ] Schiller had thus reached the height to which he was destined to develop. While he himself had started from duality, he had now arrived at the unity between humanity and nature. This led him to the style of creativity that had characterized him in recent years, since the mid-1890s, and to his friendship with Goethe. It was a historic friendship, because it sought not only happiness for the two of them alone, but was also fruitful for the world, for humanity. In what we have in Goethe and Schiller, we have not only Goethe and Schiller, but we also have a third element: Goethe plus Schiller. — Anyone who follows the course of spiritual life sees in this a being that could only come into being because, within the selfless friendship and mutual devotion, something unfolded that stood as a new being above the individual personality. This mood will provide us with the proper transition to Goethe and what he was to mean for Schiller.