Philosophy, History and Literature
GA 51
5 March 1905, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
25. Was kann die Gegenwart von Schiller lernen?
25. What Can the Present Learn from Schiller?
[ 1 ] Man darf nicht verkennen, daß das Verhältnis des Publikums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Schiller ein ganz anderes werden mußte als in der ersten; schon durch die Erscheinungen war das bedingt, die ich Ihnen angedeutet habe. Schiller stand zur Wahrheit so, daß er sagen konnte: «Durch das Morgenrot des Schönen trittst du in der Erkenntnis Land.» Ihm war die Wahrheit das Schöne. Das Kunstwerk sollte sein eine Gestaltung der Idee; der Idee, von der man sich das Weltall durchflutet dachte. Es war eine ideale Weltanschauung, eine feine, subtile, die nur erfassen kann, wer sich zu subtilen, geistigen Höhen aufzuschwingen vermag. Die Grundlage für Schillers Verständnis bedingt etwas, was bedeutende Anforderungen stellt. Deshalb liegt in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in der Schiller-Verehrung etwas weniger Intensives; durch die heraufkommende Naturwissenschaft war ein kühleres Verhältnis bedingt. Man sah nun das Wahre nur in dem, was sinnlich ist. Das hat Schiller nie getan. Die Ideale Schillers waren immer Wahrheit, aber Wahrheiten auf geistiger Grundlage. Was dazumal den Leuten im Gefühl saß, ist heute nicht mehr greifbare Wirklichkeit. Die Größe und Weite des geistigen Horizonts war es, aus der Schiller herausgewachsen ist: es ist die Welt Goethes, Lessings, Herders und Winckelmanns. Als die äußere Wirklichkeit drängte mit ihren derberen Anforderungen, gab es zwischen dem Schönen und Wahren keinen rechten Zusammenhang mehr. Auf Grundlage der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse konnte ein Ludwig Büchner eine rein materialistische Weltanschauung konstruieren. Schiller aber ist nicht für ein materialistisches Zeitalter; es wird zur Phrase, wenn man sich in einem solchen auf seine Anschauungen beruft. So kam es, daß Schiller etwas in den Hintergrund trat. Goethe konnte für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts noch etwas sein, weil sich in ihm das Künstlerische abtrennen läßt von der Weltanschauung. Selbst bei Herman Grimm tönt alles aus in einen Panegyrikus auf Goethe, den Künstler. Zwar für den, der sich ganz genau mit Goethe beschäftigt, ist es fraglos, daß es auch bei ihm nicht angängig ist, ihn von seiner Weltanschauung zu trennen. Immerhin ist bei Goethe eine rein ästhetische Betrachtung möglich; bei Schiller ist ein solcher Standpunkt nicht möglich. Heute wird die Kunst betrachtet als etwas, was sich mit dem Gebiete der Phantasie beschäftigt. Darin liegt schon eine Ablehnung der Weltanschauung.
[ 1 ] One must not overlook the fact that the public’s attitude toward Schiller in the second half of the 19th century had to be quite different from that in the first; this was already determined by the developments I have hinted at to you. Schiller’s relationship to truth was such that he could say: “Through the dawn of beauty, you enter the realm of knowledge.” For him, truth was beauty. A work of art was to be a manifestation of the Idea—the Idea that was thought to permeate the entire universe. It was an ideal worldview, a refined and subtle one that only those capable of soaring to subtle, spiritual heights can grasp. The foundation of Schiller’s understanding demands something that places significant requirements on the mind. That is why, in the second half of the century, the veneration of Schiller became somewhat less intense; the rise of the natural sciences necessitated a more detached attitude. People now saw the true only in what is sensory. Schiller never did that. Schiller’s ideals were always truth, but truths grounded in the spiritual. What once resonated deeply with people’s emotions is no longer a tangible reality today. It was the grandeur and breadth of the intellectual horizon from which Schiller emerged: it is the world of Goethe, Lessing, Herder, and Winckelmann. When external reality pressed in with its cruder demands, there was no longer a true connection between the beautiful and the true. On the basis of scientific findings, a Ludwig Büchner was able to construct a purely materialistic worldview. Schiller, however, is not suited to a materialistic age; invoking his views in such an age becomes mere rhetoric. Thus it came to pass that Schiller receded somewhat into the background. Goethe could still mean something for the second half of the 19th century because, in his case, the artistic can be separated from his worldview. Even in Herman Grimm’s work, everything culminates in a panegyric to Goethe, the artist. Admittedly, for those who study Goethe in great detail, it is beyond question that it is not feasible to separate him from his worldview either. Nevertheless, a purely aesthetic consideration is possible with Goethe; with Schiller, such a standpoint is not possible. Today, art is regarded as something that deals with the realm of the imagination. This in itself already implies a rejection of worldview.
[ 2 ] So hat sich eine Kluft gebildet zwischen dem Geiste der Zeit, in der Schiller lebte, und dem der unsrigen, aus der heraus es möglich war, daß ein neuer Schiller-Biograph, Otto Brahm, der aus der Scherer-Schule hervorgegangen ist, sein Buch mit den Worten beginnen konnte: «Ich war in meiner Jugend ein Schillerhasser.» Er hat sich erst nach und nach durch Gelehrsamkeit, durch Erkenntnis, zu einer Verehrung Schillers hindurchgerungen. Schiller hat gelehrte Biographen gefunden, aber das Fühlen der Zeit ist schon fremd geworden den eigentlich Schillerschen Aufgaben. Es kann nicht verstehen, wie man das, was man heute Erkenntnis nennt, in Einklang bringen kann mit dem, was Schiller vertritt. Wie schon gesagt, die Künstler einer früheren Zeit, ein Raffael, ein Michelangelo, sie sind herausgewachsen aus dem Leben ihrer Epoche. So war es nicht mehr nach Goethes Tode. Wir sehen, wie ein Künstler, wie Peter Cornelius, ganz aus dem Gedanken heraus schafft; er stand nicht mehr in irgendeinem Zusammenhange mit der geistigen Substanz seiner Zeit. Er fühlte sich besonders in Berlin immer fremd; hingezogen zu dem Katholizismus, in dem er sein Kunstideal gegründet glaubte, stand er dem Leben seiner Zeit teilnahmslos gegenüber.
[ 2 ] Thus, a gulf has formed between the spirit of the age in which Schiller lived and that of our own, making it possible for a new Schiller biographer, Otto Brahm—who emerged from the Scherer school—to begin his book with the words: “In my youth, I hated Schiller.” It was only gradually, through scholarship and insight, that he worked his way toward a reverence for Schiller. Schiller has found scholarly biographers, but the sensibility of our time has already become alien to Schiller’s true concerns. It cannot comprehend how what is today called “knowledge” can be reconciled with what Schiller stands for. As already mentioned, the artists of an earlier era—a Raphael, a Michelangelo—grew out of the life of their epoch. This was no longer the case after Goethe’s death. We see how an artist like Peter Cornelius creates entirely from thought; he no longer stood in any connection with the spiritual substance of his time. He always felt like an outsider, especially in Berlin; drawn to Catholicism, in which he believed he had founded his artistic ideal, he remained indifferent to the life of his time.
[ 3 ] So wird die Kluft zwischen Leben und Kunst immer größer. Wie fremd steht daher Schiller in dem Leben des 19. Jahrhunderts. Wohl hat Jakob Minor dicke Bände über Schillers Jugend geschrieben, aber alles weist darauf hin, wie fremd geworden Schillers Anschauungen unserer Zeit sind. Was man heute als wahr erkennt, ist aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung herausgewachsen. So ist auch die Ästhetik aus einer idealistischen in eine realistische Richtung hineingekommen. Dieser Umschwung war ein so starker, daß sich Vischer nicht zu einer zweiten Auflage seiner «Ästhetik» entschließen konnte, die in idealistischem Sinne geschrieben war; jetzt war er irre geworden an dem, was er bisher vertreten. So fremd waren für führende Geister die Empfindungen der ersten Hälfte des Jahrhunderts geworden, daß ein solcher Mann sich in dieser Weise selbst kritisiert.
[ 3 ] Thus, the gap between life and art grows ever wider. How alien, then, Schiller appears in 19th-century life. Jakob Minor may well have written thick volumes on Schiller’s youth, but everything points to how foreign Schiller’s views have become to our time. What is recognized as true today has grown out of the scientific worldview. Aesthetics, too, has shifted from an idealistic to a realistic direction. This shift was so profound that Vischer could not bring himself to publish a second edition of his Aesthetics, which had been written from an idealistic perspective; he had now come to question what he had previously advocated. The sensibilities of the first half of the century had become so alien to leading minds that a man of his stature would criticize himself in this way.
[ 4 ] Nach dieser Entwickelung werden wir verstehen, wie Schiller in unserer Gegenwart steht. So war es möglich, daß ein Mann wie E. Dw« Bois-Reymond, der doch selbst ganz in Schillers Diktion wurzelte, in einer Rede über Goethes «Faust» sagen konnte, «Faust» sei eigentlich ein verfehltes Werk, von Rechts wegen müsse Faust Gretchen heiraten, bedeutende Erfindungen machen, und so ein nützliches Dasein führen — und so weiter. Alles, was den Faust ausmacht, verstand ein bedeutender Mann des 19. Jahrhunderts nicht mehr.
[ 4 ] In light of this development, we will understand how Schiller relates to our present day. Thus it was possible for a man like E. Dw« Bois-Reymond—who was himself deeply rooted in Schiller’s style—to say in a speech on Goethe’s Faust that Faust was actually a failed work, that by right Faust ought to marry Gretchen, make significant discoveries, and lead a useful life—and so on. Everything that defines Faust was no longer understood by a prominent man of the 19th century.
[ 5 ] Diese Richtung war ausschlaggebend geworden. Keiner wagt ihr zu widersprechen, niemand wagt das Recht des Idealen zu betonen. Selbst die Kunst nennt sich realistisch. Eine idealistische Deutung findet wenig Anklang bei dem Publikum. Ehrlich sind diejenigen, die gestehen, daß Schiller ihnen nicht sympathisch ist. Daß das Schöne eine Ausprägung des Wahren sei, gilt nicht mehr. Das Wahre wird genannt, was mit Augen gesehen, mit Händen getastet werden kann. Das Alltägliche wird das Wahre genannt. So war es nicht für Schiller; ihm lag das Wahre in den großen, ideellen Gesetzen. Die Kunst war für ihn die Wiedergabe des im Wirklichen verborgenen Geistigen, nicht des Alltäglichen. Das Wahre, das Schiller suchte, wird heute weder von der Wissenschaft noch von der Kunst anerkannt; niemand versteht heute, was Schiller unter dem Wahren verstand. Deshalb dieser Gegensatz. Man versteht heute unter dem Wahren das, was Schiller das Sinnlich-Notdürftige nannte. In der Harmonie zwischen dem Geistigen und dem Sinnlich-Notwendigen sucht Schiller das Freiheitsideal. Was man heute das Künstlerische nennt, kann man nimmermehr im Sinne Schillers das Künstlerische nennen. Noch eine Kluft liegt zwischen den heutigen und Schillers Anschauungen. Unsere Zeit hat nicht mehr den tiefen intensiven Drang nach einem Eindringen in den inneren Kern der Welt. Dieser tiefe Ernst, der wie ein Duft über Schillers Anschauungen liegt, dieser tiefe Ernst ist nirgends mehr vorhanden.
[ 5 ] This trend had become dominant. No one dares to contradict it; no one dares to emphasize the validity of the ideal. Even art calls itself realistic. An idealistic interpretation finds little favor with the public. Those who admit that they do not find Schiller appealing are being honest. The notion that beauty is an expression of truth no longer holds. Truth is defined as that which can be seen with the eyes or touched with the hands. The everyday is called truth. This was not the case for Schiller; for him, truth lay in the great, ideal laws. For him, art was the representation of the spiritual hidden within reality, not of the everyday. The “true” that Schiller sought is recognized today neither by science nor by art; no one today understands what Schiller meant by the “true.” Hence this contrast. Today, the “true” is understood to be what Schiller called the “sensual and makeshift.” Schiller sought the ideal of freedom in the harmony between the spiritual and the sensual-necessary. What is called “artistic” today can never be called “artistic” in Schiller’s sense. Another gulf lies between today’s views and Schiller’s. Our time no longer has that deep, intense urge to penetrate to the inner core of the world. That profound seriousness, which hangs like a fragrance over Schiller’s views—that profound seriousness is nowhere to be found anymore.
[ 6 ] So versucht unsere Zeit, große Geister von so grundsätzlicher Verschiedenheit wie Tolstoi und Nietzsche in ganz oberflächlicher Weise nebeneinander zu stellen. Der Materialismus ist zur Weltanschauung geworden, er ist ein Evangelium geworden, ein integrierender Bestandteil unserer Zeit. Besonders die großen Massen stehen auf rein materialistischer Grundlage, sie wollen keine andere Weltanschauung gelten lassen. Wahr gilt ihnen nur, was die Naturwissenschaft erlaubt, wirklich zu nennen. Zu welchen Vorkommnissen das führt, dafür eine kleine Episode. Es war zum letztenmal, da eine idealistisch gefärbte, wenn auch pessimistische Weltanschauung auf die Welt wirkte: Eduard von Hartmanns «Philosophie des Unbewußten».
[ 6 ] Thus, our age attempts to juxtapose great minds as fundamentally different as Tolstoy and Nietzsche in a thoroughly superficial manner. Materialism has become a worldview; it has become a gospel, an integral part of our time. The masses, in particular, stand on a purely materialistic foundation; they refuse to accept any other worldview. For them, the only truth is what natural science permits to be called “real.” To illustrate the consequences this leads to, here is a brief anecdote. It was the last time that an idealistic—albeit pessimistic—worldview had an impact on the world: Eduard von Hartmann’s Philosophy of the Unconscious.
[ 7 ] Die Schrift erfuhr zahlreiche Angriffe. So erschien auch eine scharfe Kritik unter dem Titel: «Das Unbewußte vom Standpunkte der Deszendenztheorie und des Darwinismus.» Das Buch trug keinen Verfassernamen. Von seiten der Naturwissenschafter wurde es als beste Widerlegung der Schrift E. von Hartmanns bezeichnet. Bei der zweiten Auflage nannte sich der Verfasser: er war E. von Hartmann selbst. Er hatte zeigen wollen, daß es leicht ist, sich zu dem materialistischen Standpunkt herunter zu schrauben, wenn man einen höheren erklommen hat. Die auf einem höheren Standpunkt stehen, können einen niedrigeren, die auf niederem nicht den höheren verstehen. Es ist durchaus so, daß derjenige, der auf idealistischem Standpunkte steht, ganz bereit ist, in gewisser Weise den materialistischen anzuerkennen. Derjenige, der auf dem Standpunkt Schillers steht, kann Büchner, kann die moderne Kunst in ihrer materialistischen Anschauung beurteilen, nicht aber kann umgekehrt der Materialist den Idealisten durchschauen.
[ 7 ] The work was the target of numerous attacks. Among them was a scathing critique titled: “The Unconscious from the Perspective of the Theory of Descent and Darwinism.” The book bore no author’s name. Natural scientists described it as the best refutation of E. von Hartmann’s work. In the second edition, the author revealed his identity: it was E. von Hartmann himself. He had wanted to show that it is easy to descend to the materialist standpoint once one has ascended to a higher one. Those who stand on a higher standpoint can understand a lower one, but those on a lower one cannot understand the higher one. It is certainly true that those who stand on an idealistic standpoint are quite prepared, in a certain sense, to acknowledge the materialistic one. Those who stand on Schiller’s standpoint can assess Büchner and modern art from their materialistic perspective; conversely, however, the materialist cannot see through the idealist.
[ 8 ] Schiller war ein Gläubiger des Ideals. Ein tiefer Spruch von ihm lautet: «Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, die du mir nennst. — Und warum keine? — Aus Religion.»
[ 8 ] Schiller was a believer in the ideal. One of his profound sayings goes: “Which religion do I profess? None of those you name. — And why none? — Out of religion.”
[ 9 ] Das ist das Große an ihm, daß sein ästhetisches Bekenntnis zugleich sein religiöses, daß sein künstlerisches Schaffen sein Kultus war. Daß so sein Ideal in ihm lebte, das ist ein Bestandteil seiner Größe. Und so fragen wir nicht: «Kann uns Schiller heute etwas sein?» Im Gegenteil, er muß uns wieder etwas werden, darum, weil wir verlernt haben, das über das rein materielle Hinausgehende zu verstehen. Man wird dann eine Kunst wieder verstehen, welche die Geheimnisse des Daseins enthüllen will.
[ 9 ] That is what is so great about him: that his aesthetic commitment was at the same time his religious one, that his artistic creation was his worship. The fact that his ideal lived within him in this way is an integral part of his greatness. And so we do not ask, “Can Schiller mean anything to us today?” On the contrary, he must mean something to us again, precisely because we have forgotten how to understand that which transcends the purely material. We will then once again understand an art that seeks to reveal the mysteries of existence.
[ 10 ] Aber auch ein neues Freiheitsideal werden wir durch ihn verstehen lernen. Heute hört man viel von Freiheit reden, frei von staatlichen, von ökonomischen Fesseln wünscht man zu sein. Schiller hat die Freiheit anders aufgefaßt. Wie wird der Mensch in sich selber frei? Wie wird er frei von seinen niedrigen Begierden, frei von dem Zwange der Logik und Vernunft? Schiller, der über den Staat und das Leben in der Gesellschaft geschrieben hat, kommt da zu einem neuen Ziele, zu einem Hinweis auf Zukunftsideale. Wenn man in unserer Zeit mit Recht fordern will, daß das Individuum sich frei entfalten könne, muß man die Harmonie im Sinne Schillers auffassen. Messen wir, was man heute verlangt, an dem was Schiller gefordert hat. Zwei Erscheinungen wollen wir ins Auge fassen: Max Stirner und Schiller. Was kann unähnlicher, entgegengesetzter erscheinen, als Stirners «Der Einzige und sein Eigentum» und Schillers «Ästhetische Briefe». In der Zeit, als Schillers Einfluß in den Hintergrund trat, kam Stirners Einfluß herauf. Stirner, der unberücksichtigt geblieben war die ganze Zeit hindurch, wurde in den neunziger Jahren neu entdeckt, sein Werk bildete die Grundlage dessen, was als Individualismus herumschwirrt. Diese Empfindung unserer Zeit hat etwas Berechtigtes, muß aber, wie sie jetzt erscheint, als etwas Ungezügeltes erscheinen. In Schillers «Ästhetischen Briefen» wird die Forderung der Befreiung der menschlichen Persönlichkeit fast noch radikaler erhoben. Weniger spießbürgerlich als Stirner hat Schiller dieses Ideal aufgestellt. Das Ideal des Zusammenwirkens der Menschen, die innerlich frei geworden sind, tritt für andere Menschen als eine Mahnung auf. Gebote, Zwangsvorschriften, gibt es nicht, wo Menschen so leben. Heute scheint man zu glauben, es müsse alles in Unordnung geraten, wenn die Menschen nicht von Polizeimaßregeln eingeengt sind. Und doch muß man sich klar sein: Unzähliges in der Weltgeschichte geht ohne Gesetze. Täglich kann man beobachten, wie ganz von selbst in den belebtesten Straßen die Menschen einander ausweichen, ohne daß eine Vorschrift darüber besteht. Achtundneunzig Prozent unseres Lebens gehen ohne Gesetze vor sich. Und es wird einst möglich sein, ganz ohne Gesetze, ohne Zwang auszukommen. Dazu aber muß der Mensch innerlich frei geworden sein.
[ 10 ] But through him we will also come to understand a new ideal of freedom. Today, people speak a great deal about freedom; they wish to be free from governmental and economic constraints. Schiller understood freedom differently. How does a person become free within themselves? How do they become free from their base desires, free from the constraints of logic and reason? Schiller, who wrote about the state and life in society, arrives at a new goal here—a pointer toward future ideals. If, in our time, we wish to rightly demand that the individual be able to develop freely, we must understand harmony in Schiller’s sense. Let us measure what is demanded today against what Schiller demanded. Let us consider two figures: Max Stirner and Schiller. What could seem more dissimilar, more opposed, than Stirner’s The Ego and Its Own and Schiller’s Aesthetic Letters? At the time when Schiller’s influence receded into the background, Stirner’s influence rose to prominence. Stirner, who had been overlooked throughout that period, was rediscovered in the 1890s; his work formed the basis of what is now referred to as individualism. This sentiment of our time has some merit, but, as it currently appears, it must seem somewhat unrestrained. In Schiller’s “Aesthetic Letters,” the demand for the liberation of the human personality is raised in an even more radical manner. Schiller articulated this ideal in a less petty-bourgeois manner than Stirner. The ideal of cooperation among people who have become inwardly free serves as a reminder to others. There are no commandments or coercive regulations where people live in this way. Today, people seem to believe that everything must descend into chaos if people are not constrained by police regulations. And yet one must be clear: countless events in world history take place without laws. Every day, one can observe how, all on their own, people give way to one another in the busiest streets without any rule governing it. Ninety-eight percent of our lives proceed without laws. And one day it will be possible to get by entirely without laws, without coercion. But for that to happen, people must first become free within themselves.
[ 11 ] Ein Ideal von unermeßlicher Größe ist es, das Schiller vor uns hinstellt. Die Kunst soll den Menschen zur Freiheit führen. Die Kunst, herausgewachsen aus der Kultursubstanz, soll zur großen Welterzieherin werden. Nicht Photographien der äußeren Welt sollten die Künstler liefern: sie sollten Boten sein einer höheren geistigen Wirklichkeit. Dann werden die Künstler wieder schaffen wie früher, aus dem Ideal heraus. Durch die Kunst hindurch zu einer neuen Erfassung der Wirklichkeit wollte Schiller leiten; er meinte es ernst damit.
[ 11 ] Schiller presents us with an ideal of immeasurable magnitude. Art is meant to lead humanity to freedom. Art, having grown out of the substance of culture, is to become the great educator of the world. Artists should not provide mere photographs of the external world; they should be messengers of a higher spiritual reality. Then artists will once again create as they did in the past, drawing from the ideal. Schiller wanted to guide us through art toward a new understanding of reality; he was serious about this.
[ 12 ] Wenn unsere Zeit Schiller recht verstehen will, muß sie zusammenfassen, was sie errungen hat an Erkenntnissen, zu einem höheren Idealismus, der sie emporhebt zu der geistigen Wirklichkeit. Dann werden auch diejenigen kommen, die wieder aus der Tiefe ihres Herzens aus Schillers Geiste heraus sprechen können.
[ 12 ] If our age is to truly understand Schiller, it must synthesize the insights it has gained into a higher idealism that elevates it to spiritual reality. Then there will also be those who can once again speak from the depths of their hearts, in the spirit of Schiller.
[ 13 ] Wenig nützt es, zu Schillers Ehren die Theater zu öffnen, wenn die Leute, die darinnen sitzen, kein Verständnis für Schiller haben. Erst wenn wir uns so zum Verständnis Schillers erheben, werden auch Leute da sein, die, wie Herman Grimm über Goethe, so aus tiefstem Herzen über Schiller sprechen können.
[ 13 ] It is of little use to open the theaters in Schiller’s honor if the people sitting inside have no appreciation for Schiller. Only when we rise to such a level of understanding of Schiller will there be people who, like Herman Grimm speaking of Goethe, can speak of Schiller from the bottom of their hearts.
