Philosophy, History and Literature
GA 51
25 March 1905, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Über Philosophie Geschichte und Literatur
26. Schiller und der Idealismus (Ästhetik und Moral)
26. Schiller und der Idealismus (Ästhetik und Moral)
[ 1 ] Ich möchte heute in der Schlußstunde eine spezielle Frage erledigen, die sich an den Vortrag über Schillers Wirkung auf die Gegenwart anreihen soll. Die Frage der deutschen Ästhetik kann uns hier interessieren, weil Schiller in enger Verbindung steht mit der Begründung der ästhetischen Wissenschaft. Ästhetik ist Wissenschaft des Schönen.
[ 1 ] Ich möchte heute in der Schlußstunde eine spezielle Frage erledigen, die sich an den Vortrag über Schillers Wirkung auf die Gegenwart anreihen soll. Die Frage der deutschen Ästhetik kann uns hier interessieren, weil Schiller in enger Verbindung steht mit der Begründung der ästhetischen Wissenschaft. Ästhetik ist Wissenschaft des Schönen.
[ 2 ] Wir haben gesehen, wie Schiller in verschiedenen Perioden seines Lebens sich zum Schönen stellt. Schiller sah in dem Schönen etwas, was einen ganz besonderen Kulturwert hat. Inwiefern damit etwas ganz Besonderes getan war, zeigt uns die ästhetische Wissenschaft, wie wir sie heute haben, und die erst etwa hundertfünfzig Jahre alt ist. Freilich hat schon Aristoteles über Poetik geschrieben, aber durch Jahrhunderte blieben die Anschauungen darüber auf demselben Standpunkt stehen. Wir wissen, daß selbst Lessing häufig noch auf Aristoteles zurückgriff. Erst im 18. Jahrhundert, aus der Wolffschen Philosophie, ging Baumgarten hervor, der ein Buch über das Schöne, «Ästhetica», 1750 schrieb. Er unterscheidet das Schöne vom Wahren dadurch, daß, wie er sagt, das Wahre eine klare Vorstellung enthält, während das Schöne unklare, verworrene Vorstellungen verkörpert. Es war noch nicht lange vor Schiller, daß solche Gedanken auftauchen konnten. Nun haben wir bei Kant selbst in der «Kritik der Urteilskraft» eine Art Ästhetik, aber bei ihm war alles nur Theorie; er hat nie einen lebendigen Begriff erhalten von dem, was Schönheit ist, er ist nicht über drei Meilen weit von seinem Geburtsort Königsberg hinweggekommen, hat kein bedeutendes Kunstwerk gesehen; hat also nur vom Standpunkte abstrakter Philosophie geschrieben. Schiller war es, der dies Problem zuerst lebensvoll erfaßte in seinem Werk «Ästhetische Briefe».
[ 2 ] Wir haben gesehen, wie Schiller in verschiedenen Perioden seines Lebens sich zum Schönen stellt. Schiller sah in dem Schönen etwas, was einen ganz besonderen Kulturwert hat. Inwiefern damit etwas ganz Besonderes getan war, zeigt uns die ästhetische Wissenschaft, wie wir sie heute haben, und die erst etwa hundertfünfzig Jahre alt ist. Freilich hat schon Aristoteles über Poetik geschrieben, aber durch Jahrhunderte blieben die Anschauungen darüber auf demselben Standpunkt stehen. Wir wissen, daß selbst Lessing häufig noch auf Aristoteles zurückgriff. Erst im 18. Jahrhundert, aus der Wolffschen Philosophie, ging Baumgarten hervor, der ein Buch über das Schöne, «Ästhetica», 1750 schrieb. Er unterscheidet das Schöne vom Wahren dadurch, daß, wie er sagt, das Wahre eine klare Vorstellung enthält, während das Schöne unklare, verworrene Vorstellungen verkörpert. Es war noch nicht lange vor Schiller, daß solche Gedanken auftauchen konnten. Nun haben wir bei Kant selbst in der «Kritik der Urteilskraft» eine Art Ästhetik, aber bei ihm war alles nur Theorie; er hat nie einen lebendigen Begriff erhalten von dem, was Schönheit ist, er ist nicht über drei Meilen weit von seinem Geburtsort Königsberg hinweggekommen, hat kein bedeutendes Kunstwerk gesehen; hat also nur vom Standpunkte abstrakter Philosophie geschrieben. Schiller war es, der dies Problem zuerst lebensvoll erfaßte in seinem Werk «Ästhetische Briefe».
[ 3 ] Wie hat das Problem damals gestanden? Goethe blickte mit Wehmut auf Griechenland; so schaute auch Winckelmann sehnsüchtig in die Zeit zurück, in der der Mensch das Göttliche in seinen Kunstwerken nachbildete. Auch Schiller litt in seiner zweiten Periode an dieser Sehnsucht. In den «Göttern Griechenlands» kommt dies zum Ausdruck. Was ist es im Grunde anderes als ein religiöser Zug, der der griechischen Dramatik zugrunde lag? Ihr liegt das Mysterium zugrunde, das Geheimnis des Gottes, der Mensch wird, der als Mensch leidet, stirbt und aufersteht. Man faßte als eine Läuterung des Menschen auf, was dabei durch die Seele zog. Selbst durch Aristoteles’ Poetik zieht noch ein Hauch davon. Das Tragische sollte darin bestehen, wie Lessing sich ausdrückte, durch Vorführung von Handlungen, die Furcht und Mitleid erregen, die Reinigung von diesen Leidenschaften zu erstreben. Es war schwer zu verstehen, was damit gemeint sein sollte. Lessing selbst hat viel darüber nachgedacht. Im 19. Jahrhundert ist eine reiche Literatur darüber entstanden. Über das Wort Katharsis sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Es wurde deshalb nicht verstanden, weil man nicht wußte, woraus es hervorgegangen ist.
[ 3 ] Wie hat das Problem damals gestanden? Goethe blickte mit Wehmut auf Griechenland; so schaute auch Winckelmann sehnsüchtig in die Zeit zurück, in der der Mensch das Göttliche in seinen Kunstwerken nachbildete. Auch Schiller litt in seiner zweiten Periode an dieser Sehnsucht. In den «Göttern Griechenlands» kommt dies zum Ausdruck. Was ist es im Grunde anderes als ein religiöser Zug, der der griechischen Dramatik zugrunde lag? Ihr liegt das Mysterium zugrunde, das Geheimnis des Gottes, der Mensch wird, der als Mensch leidet, stirbt und aufersteht. Man faßte als eine Läuterung des Menschen auf, was dabei durch die Seele zog. Selbst durch Aristoteles’ Poetik zieht noch ein Hauch davon. Das Tragische sollte darin bestehen, wie Lessing sich ausdrückte, durch Vorführung von Handlungen, die Furcht und Mitleid erregen, die Reinigung von diesen Leidenschaften zu erstreben. Es war schwer zu verstehen, was damit gemeint sein sollte. Lessing selbst hat viel darüber nachgedacht. Im 19. Jahrhundert ist eine reiche Literatur darüber entstanden. Über das Wort Katharsis sind ganze Bibliotheken geschrieben worden. Es wurde deshalb nicht verstanden, weil man nicht wußte, woraus es hervorgegangen ist.
[ 4 ] In dem Drama des Äschylos erkennt man noch etwas von dem Drama des Gottes. In der Mitte der Handlung steht Dionysos als die große dramatische Figur; der ihn umgebende Chor begleitet die Handlung. So hat Edouard Schur& das Mysteriendrama neu erstehen lassen. Die dramatische Kulthandlung hatte die ganz bestimmte Aufgabe, den Menschen auf eine höhere Stufe des Daseins zu führen.
[ 4 ] In dem Drama des Äschylos erkennt man noch etwas von dem Drama des Gottes. In der Mitte der Handlung steht Dionysos als die große dramatische Figur; der ihn umgebende Chor begleitet die Handlung. So hat Edouard Schur& das Mysteriendrama neu erstehen lassen. Die dramatische Kulthandlung hatte die ganz bestimmte Aufgabe, den Menschen auf eine höhere Stufe des Daseins zu führen.
[ 5 ] Man sagte, der Mensch ist mit Leidenschaften behaftet; durch das niedere Leben gehört er ihnen an; er kann aber darüber hinauskommen, wenn das höhere, das in ihm lebt, geläutert wird; er kann sich herausheben durch die Anschauung des göttlichen Vorbildes. Diese Art der Darstellung sollte die Menschen leichter dazu bringen, sich zu veredeln, als dies durch Lehren erreicht wird. Denn wie Schopenhauer sagt: Moral läßt sich leicht predigen, aber es ist schwer, Moral zu begründen. — Es war eine spätere Epoche der Menschheit, als die Anschauung des Sokrates auftrat, daß die Tugend lehrbar sei. Sie ist aber etwas, was im Menschen lebt, was ihm natürlich ist wie das Essen und Trinken; er kann dazu geführt werden, wenn das Göttliche in ihm erweckt wird durch das Vorbild des leidenden Gottes. Diese Reinigung durch das göttliche Vorbild nennt man die «Katharsis». So sollte Furcht und Mitleid hervorgerufen werden. Das gewöhnliche Mitleid, das am Persönlichen hängt, soll zum großen unpersönlichen Mitleid erhoben werden, wenn man den Gott leiden sieht für die Menschheit.
[ 5 ] Man sagte, der Mensch ist mit Leidenschaften behaftet; durch das niedere Leben gehört er ihnen an; er kann aber darüber hinauskommen, wenn das höhere, das in ihm lebt, geläutert wird; er kann sich herausheben durch die Anschauung des göttlichen Vorbildes. Diese Art der Darstellung sollte die Menschen leichter dazu bringen, sich zu veredeln, als dies durch Lehren erreicht wird. Denn wie Schopenhauer sagt: Moral läßt sich leicht predigen, aber es ist schwer, Moral zu begründen. — Es war eine spätere Epoche der Menschheit, als die Anschauung des Sokrates auftrat, daß die Tugend lehrbar sei. Sie ist aber etwas, was im Menschen lebt, was ihm natürlich ist wie das Essen und Trinken; er kann dazu geführt werden, wenn das Göttliche in ihm erweckt wird durch das Vorbild des leidenden Gottes. Diese Reinigung durch das göttliche Vorbild nennt man die «Katharsis». So sollte Furcht und Mitleid hervorgerufen werden. Das gewöhnliche Mitleid, das am Persönlichen hängt, soll zum großen unpersönlichen Mitleid erhoben werden, wenn man den Gott leiden sieht für die Menschheit.
[ 6 ] Dann wurde die dramatische Handlung vermenschlicht, und im Mittelalter sehen wir, wie die Moral sich emanzipiert und selbständig auftritt. So wird später im Christentum einseitig ausgebildet, was im Mysterium leibhaftig lebte. Der Grieche sah mit eigenen Augen den Gott, der aufstieg aus der Erniedrigung. Es wurde in den Mysterien die Tugend nicht bloß gepredigt, sondern dem Menschen zur Anschauung gebracht.
[ 6 ] Dann wurde die dramatische Handlung vermenschlicht, und im Mittelalter sehen wir, wie die Moral sich emanzipiert und selbständig auftritt. So wird später im Christentum einseitig ausgebildet, was im Mysterium leibhaftig lebte. Der Grieche sah mit eigenen Augen den Gott, der aufstieg aus der Erniedrigung. Es wurde in den Mysterien die Tugend nicht bloß gepredigt, sondern dem Menschen zur Anschauung gebracht.
[ 7 ] Dies den Menschen wieder zum Verständnis zu bringen, diese beiden Dinge miteinander wieder zu vereinen, war etwas, was in Schiller ganz intensiv lebte. Der Nerv seiner Dichtungen war die Sehnsucht, diese beiden zu versöhnen: Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Die strenge Sittlichkeit ist durch Kant so aufgefaßt worden, daß die Pflicht hinweggeführt hatte von allem, was als Neigung erschien. Schiller forderte dagegen, daß die Pflicht zur Neigung werde. So gereinigt wissen wollte Schiller die Leidenschaft, daß sie selbst als Pflicht erscheine. Deshalb verehrte er auch Goethe so, indem er bei ihm eine vollkommene Vereinigung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit sah. Im Schönen suchte er diese Vereinigung von Sinnlichem und Sittlichem. Denn weil Schiller in besonderem Maße eine deutsche Eigenschaft hatte, das ästhetische Gewissen, wollte er, daß die Kunst dazu da sein sollte, um den Menschen zu höherem Dasein zu erheben. In unserer klassischen Zeit lebte ein starkes Gefühl dafür, daß das Schöne nicht zur Ausfüllung müßiger Stunden da sei, sondern daß es die Brücke sei zwischen dem Göttlichen und Sinnlichen. Und Schiller rang sich durch dazu, daß er die Freiheit hier fand. Die Neigung wird nicht mehr unterdrückt; er sagt, daß der Mensch noch niedrig stehe, der gegen seine Neigungen tugendhaft sein müsse. Nein, seine Neigungen müssen so ausgebildet sein, daß er von selbst tugendhaft handle. Früher, in der Schrift «Die Schaubühne als moralische Anstalt» hat er noch etwas Ähnliches wie die herbe kantische Moral gepredigt.
[ 7 ] Dies den Menschen wieder zum Verständnis zu bringen, diese beiden Dinge miteinander wieder zu vereinen, war etwas, was in Schiller ganz intensiv lebte. Der Nerv seiner Dichtungen war die Sehnsucht, diese beiden zu versöhnen: Sinnlichkeit und Sittlichkeit. Die strenge Sittlichkeit ist durch Kant so aufgefaßt worden, daß die Pflicht hinweggeführt hatte von allem, was als Neigung erschien. Schiller forderte dagegen, daß die Pflicht zur Neigung werde. So gereinigt wissen wollte Schiller die Leidenschaft, daß sie selbst als Pflicht erscheine. Deshalb verehrte er auch Goethe so, indem er bei ihm eine vollkommene Vereinigung von Sinnlichkeit und Sittlichkeit sah. Im Schönen suchte er diese Vereinigung von Sinnlichem und Sittlichem. Denn weil Schiller in besonderem Maße eine deutsche Eigenschaft hatte, das ästhetische Gewissen, wollte er, daß die Kunst dazu da sein sollte, um den Menschen zu höherem Dasein zu erheben. In unserer klassischen Zeit lebte ein starkes Gefühl dafür, daß das Schöne nicht zur Ausfüllung müßiger Stunden da sei, sondern daß es die Brücke sei zwischen dem Göttlichen und Sinnlichen. Und Schiller rang sich durch dazu, daß er die Freiheit hier fand. Die Neigung wird nicht mehr unterdrückt; er sagt, daß der Mensch noch niedrig stehe, der gegen seine Neigungen tugendhaft sein müsse. Nein, seine Neigungen müssen so ausgebildet sein, daß er von selbst tugendhaft handle. Früher, in der Schrift «Die Schaubühne als moralische Anstalt» hat er noch etwas Ähnliches wie die herbe kantische Moral gepredigt.
[ 8 ] In der Besiegung des Stoffes durch die Form liegt das Geheimnis des Meisters. Was ist der Stoff der Dichtung überhaupt? In welcher Auffassung liegt der rechte Standpunkt zur Betrachtung des Schönen? — Solange ich mich interessiere für ein einzelnes besonderes Gesicht, habe ich nicht die wahre künstlerische Anschauung erworben; es ist noch ein Am-Stoffe-Hängen da. — «Das «Was» bedenke, mehr bedenke «wie!» — Solange der Dichter noch zeigt, daß er den Bösewicht haßt, in der Art des persönlichen Interesses, hängt er noch am Stoffe, nicht an der Form, er ist noch nicht zu der ästhetischen Anschauung gekommen. Erst dann ist er zu dieser Anschauung fortgeschritten, wenn der Bösewicht so hingestellt ist, daß die Naturordnung das Strafgericht vollzieht, nicht der Dichter selbst. Dann vollzieht sich das Weltenkarma, dann wird die Weltgeschichte zum Weltgericht. Der Dichter schaltet sich aus und betrachtet objektiv die Weltgeschichte. Damit vollzieht sich, was schon Aristoteles ausspricht, daß die Dichter wahrer sind als die Geschichte. In der Geschichte kann man nicht immer das ganze Geschehen überblicken; es ist ein Ausschnitt, der vor uns liegt, so daß wir oft den Eindruck des Ungerechten empfangen. Insofern ist daher das Kunstwerk wahrer als die Geschichte.
[ 8 ] In der Besiegung des Stoffes durch die Form liegt das Geheimnis des Meisters. Was ist der Stoff der Dichtung überhaupt? In welcher Auffassung liegt der rechte Standpunkt zur Betrachtung des Schönen? — Solange ich mich interessiere für ein einzelnes besonderes Gesicht, habe ich nicht die wahre künstlerische Anschauung erworben; es ist noch ein Am-Stoffe-Hängen da. — «Das «Was» bedenke, mehr bedenke «wie!» — Solange der Dichter noch zeigt, daß er den Bösewicht haßt, in der Art des persönlichen Interesses, hängt er noch am Stoffe, nicht an der Form, er ist noch nicht zu der ästhetischen Anschauung gekommen. Erst dann ist er zu dieser Anschauung fortgeschritten, wenn der Bösewicht so hingestellt ist, daß die Naturordnung das Strafgericht vollzieht, nicht der Dichter selbst. Dann vollzieht sich das Weltenkarma, dann wird die Weltgeschichte zum Weltgericht. Der Dichter schaltet sich aus und betrachtet objektiv die Weltgeschichte. Damit vollzieht sich, was schon Aristoteles ausspricht, daß die Dichter wahrer sind als die Geschichte. In der Geschichte kann man nicht immer das ganze Geschehen überblicken; es ist ein Ausschnitt, der vor uns liegt, so daß wir oft den Eindruck des Ungerechten empfangen. Insofern ist daher das Kunstwerk wahrer als die Geschichte.
[ 9 ] Damit war geschaffen eine reine edle Auffassung der Kunst; die Reinigung, Katharsis selbst, ist über Sympathie und Antipathie stehend. Mit reinem, beinah göttlichem Gefühl soll der Beschauer vor dem Kunstwerk stehen und so vor sich sehen ein objektives Abbild der Welt, sich einen Mikrokosmos schaffen. Der Dramatiker zeigt uns im engen Rahmen, wie sich Schuld und Sühne verketten, stellt im einzelnen dar, was Wahrheit ist, aber gibt dieser Wahrheit ein allgemein gültiges Gepräge. Goethe gibt dem Ausdruck, indem er das Schöne eine Manifestation der Naturgesetze nennt, die ohne das Schöne nie zum Ausdruck gelangten.
[ 9 ] Damit war geschaffen eine reine edle Auffassung der Kunst; die Reinigung, Katharsis selbst, ist über Sympathie und Antipathie stehend. Mit reinem, beinah göttlichem Gefühl soll der Beschauer vor dem Kunstwerk stehen und so vor sich sehen ein objektives Abbild der Welt, sich einen Mikrokosmos schaffen. Der Dramatiker zeigt uns im engen Rahmen, wie sich Schuld und Sühne verketten, stellt im einzelnen dar, was Wahrheit ist, aber gibt dieser Wahrheit ein allgemein gültiges Gepräge. Goethe gibt dem Ausdruck, indem er das Schöne eine Manifestation der Naturgesetze nennt, die ohne das Schöne nie zum Ausdruck gelangten.
[ 10 ] Goethe und Schiller wollten einen Realismus finden, aber einen idealistischen Realismus. Heute glaubt man, durch genaue Abbildung der Natur den Realismus zu finden. Schiller und Goethe würden gesagt haben: Das ist nicht die ganze Wahrheit; die sinnliche Natur stellt nur einen Teil dessen dar, was wahrnehmbar ist; es fehle das Geistige darinnen; nur dann könne man sie als Wahrheit gelten lassen, wenn man das ganze Naturtableau auf einmal in ein Werk hineinbrächte; die sinnliche Natur sei aber doch immer nur ein Ausschnitt des Wirklichen. Weil sie nach Wahrheit strebten, haben sie die unmittelbare Naturwahrheit nicht gelten lassen.
[ 10 ] Goethe und Schiller wollten einen Realismus finden, aber einen idealistischen Realismus. Heute glaubt man, durch genaue Abbildung der Natur den Realismus zu finden. Schiller und Goethe würden gesagt haben: Das ist nicht die ganze Wahrheit; die sinnliche Natur stellt nur einen Teil dessen dar, was wahrnehmbar ist; es fehle das Geistige darinnen; nur dann könne man sie als Wahrheit gelten lassen, wenn man das ganze Naturtableau auf einmal in ein Werk hineinbrächte; die sinnliche Natur sei aber doch immer nur ein Ausschnitt des Wirklichen. Weil sie nach Wahrheit strebten, haben sie die unmittelbare Naturwahrheit nicht gelten lassen.
[ 11 ] So bemühen sich Schiller und Goethe, in ihrer Zeit den Idealismus zu erwecken. Früher war dieser Idealismus vorhanden; in Dante finden wir dargestellt nicht die äußere Wirklichkeit, wie sie uns umgibt, sondern das, was sich in der menschlichen Seele vollzieht. Später wollte man das Geistige veräußerlicht vor sich sehen. Goethe hat im «Großkophta» dargestellt, wie der, welcher den Geist vermaterialisiert, Verirrungen ausgesetzt ist. Auch Schiller hat sich mit der Materialisation des Spirituellen beschäftigt. In der damaligen Zeit wurde nach dieser Richtung auch vieles gesucht. Vieles von dem, was heute als Spiritismus auftritt, beschäftigte damals weite Kreise. So entstand der tiefe «Geisterseher», eine Auseinandersetzung mit diesen Strömungen. Vor der Zeit, als er durch den Kantianismus und das Künstlerische sich zu höheren Anschauungen durchgerungen hatte, schilderte Schiller die Gefahren, denen derjenige, der das Geistige in der äußeren Welt sucht, statt in sich selbst, ausgesetzt ist. So entsteht der «Geisterseher».
[ 11 ] So bemühen sich Schiller und Goethe, in ihrer Zeit den Idealismus zu erwecken. Früher war dieser Idealismus vorhanden; in Dante finden wir dargestellt nicht die äußere Wirklichkeit, wie sie uns umgibt, sondern das, was sich in der menschlichen Seele vollzieht. Später wollte man das Geistige veräußerlicht vor sich sehen. Goethe hat im «Großkophta» dargestellt, wie der, welcher den Geist vermaterialisiert, Verirrungen ausgesetzt ist. Auch Schiller hat sich mit der Materialisation des Spirituellen beschäftigt. In der damaligen Zeit wurde nach dieser Richtung auch vieles gesucht. Vieles von dem, was heute als Spiritismus auftritt, beschäftigte damals weite Kreise. So entstand der tiefe «Geisterseher», eine Auseinandersetzung mit diesen Strömungen. Vor der Zeit, als er durch den Kantianismus und das Künstlerische sich zu höheren Anschauungen durchgerungen hatte, schilderte Schiller die Gefahren, denen derjenige, der das Geistige in der äußeren Welt sucht, statt in sich selbst, ausgesetzt ist. So entsteht der «Geisterseher».
[ 12 ] Ein Fürst, der seinem Glauben entfremdert ist und nicht die Kraft besitzt, in seiner eigenen Seele das Geistige zu erwecken, wird durch eine seltsame Prophezeiung, die ihm ein geheimnisvoller Fremder verkündet, und die bald darauf in Erfüllung geht, in eine heftige Aufregung versetzt. Er fällt in dieser Stimmung Gauklern in die Hände, die durch geschickte Ausnutzung gewisser Umstände ihn in die Seelenverfassung versetzen, die für eine Geistererscheinung empfänglich macht. Die Beschwörung geht vor sich, aber plötzlich tritt ein Fremder dazwischen, entlarvt den Beschwörer, läßt aber selbst nun eine Erscheinung an die Stelle jener des Betrügers treten, die eine wichtige Mitteilung an den Prinzen macht. Der Prinz wird von Zweifeln hin und her geworfen, der Fremde ist derselbe, der ihm die Prophezeiung machte; aber bald vermutet der Zweifler, daß die beiden unter einer Decke steckten, da der erste Beschwörer zwar verhaftet wird, aber bald verschwindet. Neue, unerklärliche Vorfälle bringen ihn zu einem Streben nach der Lösung all des Geheimnisvollen; er gerät dabei vollständig in Abhängigkeit von einer geheimen Gesellschaft; er verliert aber allen sittlichen Halt. Der Roman ist nicht vollendet worden, aber in erschütternder Weise erscheint hier das Ringen eines Geistersuchers dargestellt; wir sehen, wie die Sehnsucht nach dem Geistigen den Menschen herunterführt, wenn er es im Äußeren sucht. Nicht derjenige, der an dem Sinnlichen hängt, auch nicht in der Weise, daß er verlangt, das Geistige als Sinnliches erscheinen zu sehen, kann zum Geistigen vordringen. Das Geistige soll sich in der Seele des Menschen enthüllen.
[ 12 ] Ein Fürst, der seinem Glauben entfremdert ist und nicht die Kraft besitzt, in seiner eigenen Seele das Geistige zu erwecken, wird durch eine seltsame Prophezeiung, die ihm ein geheimnisvoller Fremder verkündet, und die bald darauf in Erfüllung geht, in eine heftige Aufregung versetzt. Er fällt in dieser Stimmung Gauklern in die Hände, die durch geschickte Ausnutzung gewisser Umstände ihn in die Seelenverfassung versetzen, die für eine Geistererscheinung empfänglich macht. Die Beschwörung geht vor sich, aber plötzlich tritt ein Fremder dazwischen, entlarvt den Beschwörer, läßt aber selbst nun eine Erscheinung an die Stelle jener des Betrügers treten, die eine wichtige Mitteilung an den Prinzen macht. Der Prinz wird von Zweifeln hin und her geworfen, der Fremde ist derselbe, der ihm die Prophezeiung machte; aber bald vermutet der Zweifler, daß die beiden unter einer Decke steckten, da der erste Beschwörer zwar verhaftet wird, aber bald verschwindet. Neue, unerklärliche Vorfälle bringen ihn zu einem Streben nach der Lösung all des Geheimnisvollen; er gerät dabei vollständig in Abhängigkeit von einer geheimen Gesellschaft; er verliert aber allen sittlichen Halt. Der Roman ist nicht vollendet worden, aber in erschütternder Weise erscheint hier das Ringen eines Geistersuchers dargestellt; wir sehen, wie die Sehnsucht nach dem Geistigen den Menschen herunterführt, wenn er es im Äußeren sucht. Nicht derjenige, der an dem Sinnlichen hängt, auch nicht in der Weise, daß er verlangt, das Geistige als Sinnliches erscheinen zu sehen, kann zum Geistigen vordringen. Das Geistige soll sich in der Seele des Menschen enthüllen.
[ 13 ] Das ist das wahre Geheimnis des Geistigen. Darum sieht es der Künstler zuerst als Schönheit. Das Schöne dann, besiegt und durchdrungen vom Geiste, wird wirklich im Kunstwerk. So ist das Schöne das würdige Material des Geistigen. Zunächst war für Schiller das Schöne das einzige, wodurch sich das Geistige offenbaren kann. Mit Wehmut blickte er zurück auf die Griechenzeit, wo die Möglichkeit zu einer anderen Erweckung des Geistigen vorhanden war. Der Mensch hatte sich zu dem Gott erhoben, indem er ihn herabholte, ihn Mensch werden und sich durch ihn erheben ließ. Jetzt sollte der Mensch sich wieder zum Göttlichen erheben durch Besiegung des Stofflichen. So hat Schiller in seinen Dramen zu immer Höherem gestrebt, bis das Physische immer mehr von ihm abfiel, bis das: «Weit hinter ihm in wesenlosem Scheine / lag, was uns alle bändigt, das Gemeine», das ihm Goethe nachrief, volle Wahrheit bei ihm geworden war. Nicht in verächtlichem, niederem Sinn hat hier Goethe dieses Wort «gemein» gebraucht; das allgemein Menschliche, die gewöhnliche Art des Menschen ist hier gemeint, über die sich Schiller erhoben hatte. So hat Schiller als ein echter Geisterseher sich emporgehoben zur Anschauung des Geistigen.
[ 13 ] Das ist das wahre Geheimnis des Geistigen. Darum sieht es der Künstler zuerst als Schönheit. Das Schöne dann, besiegt und durchdrungen vom Geiste, wird wirklich im Kunstwerk. So ist das Schöne das würdige Material des Geistigen. Zunächst war für Schiller das Schöne das einzige, wodurch sich das Geistige offenbaren kann. Mit Wehmut blickte er zurück auf die Griechenzeit, wo die Möglichkeit zu einer anderen Erweckung des Geistigen vorhanden war. Der Mensch hatte sich zu dem Gott erhoben, indem er ihn herabholte, ihn Mensch werden und sich durch ihn erheben ließ. Jetzt sollte der Mensch sich wieder zum Göttlichen erheben durch Besiegung des Stofflichen. So hat Schiller in seinen Dramen zu immer Höherem gestrebt, bis das Physische immer mehr von ihm abfiel, bis das: «Weit hinter ihm in wesenlosem Scheine / lag, was uns alle bändigt, das Gemeine», das ihm Goethe nachrief, volle Wahrheit bei ihm geworden war. Nicht in verächtlichem, niederem Sinn hat hier Goethe dieses Wort «gemein» gebraucht; das allgemein Menschliche, die gewöhnliche Art des Menschen ist hier gemeint, über die sich Schiller erhoben hatte. So hat Schiller als ein echter Geisterseher sich emporgehoben zur Anschauung des Geistigen.
[ 14 ] Er soll als ein Vorbild vor uns stehen. Nur das sollte der Zweck dieser Vorträge sein, soweit dies in so wenigen Stunden möglich war, diese ringende Seele Schillers zu verfolgen, wie sie sich emporhebt zu immer erhöhter geistiger Anschauung, das Geistige zu erfassen suchend, um es einzuprägen in das Sinnliche. In diesem Ringen erkennt man Schiller, indem sich bei ihm persönlich wahrhaft Goethes Wort erfüllt:
[ 14 ] Er soll als ein Vorbild vor uns stehen. Nur das sollte der Zweck dieser Vorträge sein, soweit dies in so wenigen Stunden möglich war, diese ringende Seele Schillers zu verfolgen, wie sie sich emporhebt zu immer erhöhter geistiger Anschauung, das Geistige zu erfassen suchend, um es einzuprägen in das Sinnliche. In diesem Ringen erkennt man Schiller, indem sich bei ihm persönlich wahrhaft Goethes Wort erfüllt:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
[ 15 ] So hat sich Schiller emporgerungen zum Meister der ästhetischen, geisterfüllten Form.
[ 15 ] So hat sich Schiller emporgerungen zum Meister der ästhetischen, geisterfüllten Form.
