Philosophy, History and Literature
GA 51
31 March 1902, Berlin
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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
27. Die Einheit der Welt
27. The Unity of the World
Diskussion im «Giordano Bruno-Bund für einheitliche Weltanschauung» mit Votum Rudolf Steiners
Discussion at the “Giordano Bruno Association for a Unified Worldview” featuring remarks by Rudolf Steiner
[ 1 ] Der Bruno-Bund hat den Zweck, einheitliche Weltanschauung zu fördern. Diese gilt ihm nicht als eine endgültig vollbrachte Leistung, sondern als eine Aufgabe, an deren Lösung er forschend und belehrend, organisierend und anregend mitzuwirken sucht. Dabei kommt es ihm besonders darauf an, die verschiedenen Standpunkte zur Verständigung und womöglich zu einigem Ausgleich zu bringen. Auch insofern bemüht er sich um Einigung, als er Naturwissenschaft, Philosophie, Kunst und Andacht harmonisch zusammenschließen möchte. Als eines der Mittel zu diesem Zwecke betrachtet der Bund neben größeren öffentlichen Vorträgen auch die Diskussion über Fragen der Weltanschauung im engeren Kreis sowie die Veröffentlichung solcher BundesverhandJungen durch den Druck.
[ 1 ] The Bruno League aims to promote a unified worldview. It does not regard this as a task that has been definitively accomplished, but rather as a challenge to which it seeks to contribute through research and education, organization, and inspiration. In doing so, it is particularly important to the Society to bring the various viewpoints into mutual understanding and, if possible, to some degree of balance. It also strives for unity by seeking to harmoniously unite the natural sciences, philosophy, art, and devotion. As one of the means to this end, the Society considers not only major public lectures but also discussions on questions of worldview within smaller circles, as well as the publication of such Society proceedings in print.
[ 2 ] Der erste Versuch, planmäßig über einheitliche Weltanschauung zu verhandeln, fand im März 1902 statt. Zur Diskussion stand das Thema: «Was bedeutet einheitliche Weltanschauung ihrem Begriffe und Werte nach?» Das einleitende Referat hatte der neue Schriftführer des Bundes, Herr Dr. Hermann Friedmann, übernommen, wegen Erkrankung jedoch einstweilen nicht halten können. Für ihn war freundlichst Herr Wolfgang Kirchbach eingesprungen, um seine eigenen Anschauungen improvisiert darzulegen. Nachdem der Bundesvorsitzende Dr. Bruno Wille auf den Zweck der Diskussionsabende hingewiesen hatte, sprach Fräulein Maria Holgers das ergreifende Gedicht von Hölderlin «An die Natur», Alsdann nahm Wolfgang Kirchbach das Wort:
[ 2 ] The first attempt to systematically discuss a unified worldview took place in March 1902. The topic under discussion was: “What does a unified worldview mean in terms of its concept and values?” The new secretary of the Federation, Dr. Hermann Friedmann, had been scheduled to give the introductory presentation but was temporarily unable to do so due to illness. Mr. Wolfgang Kirchbach kindly stepped in for him to present his own views off the cuff. After the Federation’s chairman, Dr. Bruno Wille, had outlined the purpose of the discussion evenings, Miss Maria Holgers recited Hölderlin’s moving poem “To Nature.” Wolfgang Kirchbach then took the floor:
[ 3 ] «Der Herr Vorsitzende hat soeben betont, es sei eine ebenso schwierige als reizvolle und bedeutende Aufgabe, monistische Weltanschauung zu begründen und ihr nachzustreben. Deshalb werde ich gleich heute bei unserer ersten Diskussion versuchen, Ihnen die ganze Schwierigkeit des Problems darzustellen, vor dem wir stehen. Dieser Hinweis auf die Schwierigkeit unserer Aufgabe soll aber nur ein rein akademischer sein.
[ 3 ] “The Chair has just emphasized that establishing and pursuing a monistic worldview is a task that is as difficult as it is appealing and significant. That is why, in our first discussion today, I will attempt to outline for you the full extent of the difficulty of the problem we face. However, this reference to the difficulty of our task is intended to be purely academic.
[ 4 ] Formuliert ist der Satz, über den ich zu sprechen habe: Was bedeutet uns, oder vielmehr mir, ‹einheitliche Weltanschauung› ihrem Begriffe und Werte nach? Ich will Ihnen in Kürze das Problem, wie es mich berührt, vorführen. Für diejenigen, denen es noch unbekannt sein sollte, betone ich, daß das Wort ‹einheitliche Weltanschauung› hier nur eine Übersetzung des Wortes ‹monistisch› ist, welches die Verarbeitung aller Begriffs- und sonstigen Erkenntnis zu einer Weltanschauung vom Einheits-Wesen, vom Dasein der Welt in einer Einheit ausdrückt. Das Wort EinheitsWeltanschauung würde den Sinn wohl treffender bezeichnen.
[ 4 ] The question I wish to address is phrased as follows: What does a “unified worldview”—in terms of its concept and values—mean to us, or rather, to me? I would like to briefly outline the problem as it affects me. For those who may not yet be familiar with it, I emphasize that the term “unified worldview” here is merely a translation of the word “monistic,” which expresses the synthesis of all conceptual and other knowledge into a worldview of the nature of unity—of the world’s existence as a unity. The term “unified worldview” would probably describe the meaning more accurately.
[ 5 ] Wir können aber, wenn wir eine Einheits-Weltanschauung begründen, uns auch die Frage nicht versagen nach dem Wert einer solchen, nach den Gebieten, in denen sie von Wert sei und in die sie zerfalle.
[ 5 ] However, when we establish a unified worldview, we cannot avoid asking ourselves about its value, about the areas in which it is valuable, and in which it breaks down.
[ 6 ] Auf dem Gebiete des «Kosmos», wie man populärerweise die Natur in ihrer Gesetzmäßigkeit nennt, die Einheit aller Erscheinungen zu suchen, würde die eine Seite eines einheitlichen Forschens und Denkens sein. Die Naturwissenschaft, wie sie augenblicklich liegt, gibt aber demjenigen, der tiefer in sie eingedrungen ist, zur Zeit noch kein Recht, objektiv von einer Einheit im Kosmos zu reden. Wir sind populärerweise gewöhnt, dieses Weltganze, quantitativ dargestellt, als Materie und in Verbindung damit den Begriff Kraft zu denken. Der Dualismus, der dieser Begriffsverbindung anhängt, hat zu Versuchen geführt, ihn in eine Einheit aufzulösen. Man sagte, Kraft ist eine Funktion, eine Außerung der Materie und hatte so eine gewisse Einheit gewonnen, indem man sich die Materie als etwas Wesenhaft-Eines vorstellte. Auf eine ganz andere Weise hat die tatsächliche Naturwissenschaft den Begriff Materie ausgebildet. Mit Hilfe ihrer analytischen Methoden hat sie immer mehr Elemente aus dem umgebenden Kosmos herausgelöst und hat so durch empirische Arbeit an Stelle einer monistischen Materie etwa siebzig verschiedene Elemente, das heißt Materien gefunden. So hat der Begriff «Materie» nur noch den Wert einer sprachlichen Abstraktion wie der Begriff «Tier». Es entspricht ihm kein reales Einzelwesen, sondern die Einheit dieser siebzig Elemente ist vorderhand nur eine Hypothese.
[ 6 ] Seeking the unity of all phenomena within the realm of the “cosmos”—as nature, with its inherent laws, is popularly called—would constitute one aspect of unified research and thought. However, natural science, as it currently stands, does not yet give those who have delved deeper into it the right to speak objectively of a unity in the cosmos. We are commonly accustomed to conceiving of this whole world, when represented quantitatively, as matter and, in connection with it, the concept of force. The dualism inherent in this conceptual pairing has led to attempts to resolve it into a unity. It was said that force is a function, a manifestation of matter, and in this way a certain unity was achieved by conceiving of matter as something essentially one. Actual natural science, however, has developed the concept of matter in an entirely different way. With the help of its analytical methods, it has increasingly isolated elements from the surrounding cosmos and, through empirical work, has thus discovered—in place of a monistic matter—some seventy different elements, that is, forms of matter. Thus, the concept of “matter” now has only the value of a linguistic abstraction, much like the concept of “animal.” It does not correspond to any real individual entity; rather, the unity of these seventy elements is, for the time being, merely a hypothesis.
[ 7 ] Dasselbe finden wir in betreff des Begriffs Kraft seit Robert Mayers Entdeckung von der Einheit der Kraft und der Umwandlungsfähigkeit der Energie. Sie stehen vor dem ungeheuren Rätsel, daß die mechanische Kraft und vielleicht dieselbe Kraft, die den Erdball und die Sonne in dauernde Beziehung setzt und die Umdrehung der Gestirne bewirkt, daß vielleicht dieselbe Kraft, umgesetzt und verwandelt, jene Erscheinungen darstellt, welche uns zum Beispiel ein Gewitter vorführt. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß diese Erscheinung der Elektrizität doch anders sich äußert als etwa die Kraft, die einen Stein nach dem Mittelpunkt der Erde treibt. So hat denn die Wissenschaft noch nicht dargelegt, daß man eine Einheit der Natur in dem Sinne annehmen müsse, als seien die verschiedenen Energieformen eins. Die unterschiedlichen Phänomene sind eben noch nicht überbrückt; wir stehen auch hier erst vor Hypothesen.
[ 7 ] We find the same to be true regarding the concept of force since Robert Mayer’s discovery of the unity of force and the convertibility of energy. We are faced with the immense mystery that mechanical force—and perhaps the very same force that maintains the constant relationship between the Earth and the Sun and causes the rotation of the celestial bodies—that perhaps this very same force, when converted and transformed, gives rise to the phenomena we observe, for example, in a thunderstorm. But the fact remains that this phenomenon of electricity manifests itself differently than, say, the force that drives a stone toward the center of the Earth. Thus, science has not yet demonstrated that we must assume a unity of nature in the sense that the various forms of energy are one. The different phenomena have simply not yet been reconciled; here, too, we are still dealing only with hypotheses.
[ 8 ] Dasselbe gilt von einer ganzen Reihe anderer Erscheinungen. So weiß man zum Beispiel nicht, wo man den höheren Lebensbegriff des Organischen von dem Begriff des Unorganischen abgrenzen soll. Die gesamte Naturerklärung ist darüber in einem lebhaften Streit begriffen.
[ 8 ] The same applies to a whole range of other phenomena. For example, it is not clear where to draw the line between the higher concept of life in the organic realm and the concept of the inorganic. The entire field of natural science is currently embroiled in a lively debate on this issue.
[ 9 ] Da wir bei dieser Seite der Weltanschauung anknüpfen müssen an das Material, das uns die Naturwissenschaft liefert, müssen wir somit wohl zugeben: Objektiv ist die Einheit des Universums noch nicht als Tatsache nachgewiesen.
[ 9 ] Since, in this aspect of our worldview, we must rely on the evidence provided by the natural sciences, we must therefore admit that the unity of the universe has not yet been objectively proven as a fact.
[ 10 ] Wie aber steht es mit der anderen Frage, die bei unserer Gesamtfrage nach einer einheitlichen Weltanschauung zu behandeln ist? Es ist die Frage: Wie verhält sich unser eigenes, auf Einheit ausgehendes Denken zu seinem Objekt, der Welt? Hier stehen wir vor einem scheinbaren Dualismus. Wir sehen: da ist etwas außen, und hier ist etwas, was dieses Außen in sich aufnimmt. Da haben wir zunächst eine Zweiheit. Wir fragen nun aber: Wie weit können und dürfen wir annehmen, daß die Funktionen unseres Gehirns, die Aussageformen, Kategorien unseres Geistes eine Einheit bilden mit der Welt? Die Tatsache, daß Sie alle Funktionen Ihres Geistes auf eine Einheit beziehen, könnte allenfalls daraus abgeleitet werden, daß Sie sie gemeinsam in Ihrem Körper lokalisieren. Zunächst ist die Tätigkeit, die Sie vollbringen, wenn Sie nach der Ursache forschen, die einen Stein dazu bringt, nach der Erde zu fallen, eine ganz andere, als wenn Sie fragen: Ist es unter den jetzt gegebenen Bedingungen möglich, daß dieser Fall eintritt? Es könnte ja sein, daß die von den verschiedenen Geistestätigkeiten gelieferten Vorstellungen miteinander in Widerstreit treten und somit schon in Ihrem Inneren keine Einheit bestände. Eine weitere Frage wäre, wie das einheitliche Bild der Welt, das Sie in sich tragen, übereinstimmt mit der objektiven Wirklichkeit. Wie weit wirken die Gesetze, die in meinem Geiste walten, auch in der äußeren Welt? Wir werden dabei zunächst dualistisch denken müssen. Diesen Dualismus in einen Monismus aufzulösen, ist allerdings ein höchster Trieb im Denken selbst; aber die Erkenntnistheorie steht hier vor einem großen Problem. Die Beschäftigung mit ihm ist seit Kant Pflicht für jeden, der sich mit Fragen der Weltanschauung beschäftigt.
[ 10 ] But what about the other question that must be addressed in our broader inquiry into a unified worldview? The question is: How does our own thinking—which is oriented toward unity—relate to its object, the world? Here we are faced with an apparent dualism. We see: there is something outside, and here is something that encompasses this outside within itself. Here we have, at first, a duality. But we now ask: To what extent can and should we assume that the functions of our brain, the forms of expression, and the categories of our mind form a unity with the world? The fact that you relate all the functions of your mind to a single unity could, at best, be inferred from the fact that you locate them collectively within your body. To begin with, the mental activity you engage in when you investigate the cause that causes a stone to fall to the ground is quite different from when you ask: Is it possible, under the current conditions, for this fall to occur? It could well be that the ideas produced by the various mental activities conflict with one another, and thus no unity would exist even within you. Another question would be how the unified picture of the world that you carry within yourself corresponds to objective reality. To what extent do the laws that govern my mind also operate in the external world? In addressing this, we will first have to think in dualistic terms. Resolving this dualism into monism is, however, a supreme impulse within thought itself; but epistemology faces a major problem here. Since Kant, engaging with this problem has been a duty for anyone concerned with questions of worldview.
[ 11 ] Wir haben also beim Aufbau einer einheitlichen Weltanschauung zwei Operationen zu vollziehen, einmal auf empirischem Wege die unendliche Vielheit der Welt bis in ihre kleinsten Differenzierungen zu verfolgen, und anderseits dabei immer unser Denken in erkenntnistheoretischem Sinne zu einem Monismus, zur Zusammenfassung jener Vielheit zur Einheit zu bilden.
[ 11 ] Thus, in constructing a unified worldview, we must carry out two operations: on the one hand, to trace the infinite diversity of the world down to its smallest distinctions through empirical means; and on the other hand, to constantly shape our thinking—in an epistemological sense—toward monism, that is, toward synthesizing that diversity into unity.
[ 12 ] Bei der Bearbeitung des Materials in dieser Richtung würden uns bald nicht mindergewichtige Schwierigkeiten aufstoßen auf ethischem Gebiet. Es würde bald die Frage vor uns entstehen, wieweit können wir das sittliche Leben im Menschen selbst und die Vorgänge im Kosmos unter dem Gesichtspunkte einheitlicher sittlicher Gesetze beurteilen. Denn wir können keinen Vorgang dieser Welt auf uns wirken lassen, ohne ihn zugleich ethisch zu verarbeiten. Die Freude am Kosmos, die Betrachtung der Harmonie in der unendlichen Vielheit ist zugleich eine sittliche Auseinandersetzung. Es würde sich also fragen: Können wir zu einem Monismus im ethischen Denken selbst kommen und ihn mit der übrigen monistischen Betrachtung verbinden? — Damit tritt zugleich die Frage an uns: Könnte unser sittliches Gefühl nicht auch durch eine anderweitige Betrachtung Befriedigung finden? Weshalb hält zum Beispiel der kirchlich denkende Christ seine Lehre, die nur einen Gott kennt, für so etwas unendlich Höheres gegenüber dem Heidentum, das mehrere Gottheiten hat? Und wie ist der Christ gleichwohl zu einem Dualismus, ja zur Annahme einer noch größeren Vielheit in der übernatürlichen Welt gekommen?
[ 12 ] If we were to approach the material from this perspective, we would soon encounter no less significant difficulties in the ethical realm. We would soon be faced with the question of to what extent we can evaluate human moral life itself and the processes in the cosmos from the standpoint of uniform moral laws. For we cannot allow any event in this world to affect us without simultaneously processing it ethically. The joy of the cosmos, the contemplation of harmony in infinite diversity, is at the same time a moral engagement. The question would therefore arise: Can we arrive at a monism in ethical thought itself and connect it with the rest of our monistic perspective? — This simultaneously raises the question for us: Could our moral sensibility not also find satisfaction through a different mode of contemplation? Why, for example, does the Christian who thinks in terms of the Church consider his doctrine—which recognizes only one God—to be something infinitely superior to paganism, which has multiple deities? And how has the Christian nevertheless come to embrace dualism, indeed, to accept an even greater multiplicity in the supernatural world?
[ 13 ] Ergäben die wissenschaftlichen Betrachtungen den Beweis für einen Dualismus, so müßten wir uns damit befriedigt erklären. Einen Monismus zu etablieren, nur um monistisch zu sein, wäre wertlos. Aber wir haben im Geiste ein Monon, ein Wesen der Dinge selbst, nach dem wir den Wert aller unserer Anschauungen messen können: das Wahre, die Wahrheit. Es gibt für jede einzelne Wissenschaft, für jedes Erkennen nur die eine dauernde Bewertung, daß ihre Aussagen wahr sind, das heißt, mit den objektiven Vorgängen übereinstimmen. Auch für eine Weltanschauung kann nur diese Wertung zutreffend sein. Nur wenn eine monistische Erklärungsweise in allen objektiven Verhältnissen wie in unserem subjektiven Wirken, in allen Manifestationen der Verschiedenartigkeit des Lebens sich als wahr bewährte, wäre sie wertvoll; nichts anderes könnte ich als Kriterium des Wertes dieser Weltanschauung ansehen. Dieses Monon der Wahrheit, die nie unwahr werden kann, ist bis jetzt die einzig erkennbare ewige Einheit, zu der die objektiven Erscheinungen in ihrer Vielheit und Vergänglichkeit mit dem Geiste zusammenwirken.»
[ 13 ] If scientific considerations were to provide proof of dualism, we would have to be satisfied with that. Establishing monism merely for the sake of being monistic would be pointless. But we have in our minds a “monon,” an essence of things themselves, by which we can measure the value of all our views: the True, the Truth. For every individual science, for every form of knowledge, there is only one enduring criterion: that its statements are true—that is, that they correspond to objective processes. This criterion of value must also apply to a worldview. Only if a monistic mode of explanation were to prove itself true in all objective circumstances as well as in our subjective actions, in all manifestations of the diversity of life, would it be valuable; I could regard nothing else as the criterion of value for this worldview. This “monon” of truth, which can never become untrue, is, to date, the only discernible eternal unity with which objective phenomena, in their multiplicity and transience, interact with the spirit.”
[ 14 ] Nach diesen Worten Kirchbachs erhob sich Herr Dr. Rudolf Steiner zu folgenden Ausführungen:
[ 14 ] Following these remarks by Kirchbach, Dr. Rudolf Steiner rose to make the following remarks:
[ 15 ] «Ich möchte mich streng an die Frage halten: Was bedeutet einheitliche Weltanschauung ihrem Begriffe und Werte nach? Ich stehe dabei in geradem Gegensatz zu meinem Herrn Vorredner. Wenn ich mir die Frage vorlege: Sind wir vom Standpunkt unserer modernen Natur- und Geisteswissenschaft berechtigt, die Welt für eine Einheit zu halten, so muß ich sagen, wir sind es, wir sind jedenfalls in die Notwendigkeit versetzt, danach zu suchen. Gegenüber der Mannigfaltigkeit, in die uns ohne Zweifel die Spezialisierung der Wissenschaften geführt hat, frage ich: Worin haben wir die Einheit zu suchen? Von vornherein zu sagen, dieses oder jenes müsse als Einheit vorerst nachgewiesen werden, erscheint mir als übertriebene Forderung einer extremen Erkenntnistheorie. Für mich ist das Streben nach einheitlicher Weltanschauung schon darin berechtigt, daß es einfach ein unauslöschliches Bedürfnis des menschlichen Geistes ist, das zu allen Zeiten vorhanden war, deutlicher vielleicht in den vorchristlichen Zeiten, als es noch nicht zurückgedrängt war von den Dogmen und Anschauungen der Kirche, gegen die anzukämpfen vor allem die Pflicht eines Bundes ist, der an Giordano Bruno anknüpfen will.
[ 15 ] “I would like to stick strictly to the question: What does a unified worldview mean in terms of its concept and values? In this regard, I stand in direct opposition to the previous speaker. When I ask myself: From the standpoint of our modern natural and human sciences, are we justified in regarding the world as a unity? I must say that we are; in any case, we are compelled to seek it. In the face of the diversity into which the specialization of the sciences has undoubtedly led us, I ask: Where should we seek this unity? To claim from the outset that this or that must first be proven as a unity strikes me as an exaggerated demand of an extreme theory of knowledge. For me, the pursuit of a unified worldview is justified simply because it is an indelible need of the human spirit that has existed at all times—perhaps more clearly in pre-Christian times, when it had not yet been suppressed by the dogmas and views of the Church, against which it is, above all, the duty of a federation that seeks to carry on the legacy of Giordano Bruno to fight.
[ 16 ] Indessen finde ich, daß auch die Ergebnisse der Naturwissenschaften diesem Bedürfnisse entgegenkommen. Zwar hat die Chemie siebzig Elemente gefunden und wird diese Mannigfaltigkeit vielleicht noch vermehren; zugleich aber etwas ganz Besonderes dazu: Zwischen diesen Elementen hat sie zum Beispiel hinsichtlich des Atomgewichtes bestimmte Verhältnisse gefunden, nach denen sich eine Skala der Elemente aufbauen läßt, die zugleich eine Gliederung dieser Elemente nach ihren akustischen, optischen und anderen physischen Eigenschaften ist. Man hat aus einem Zwischenraum in dieser Skala auf fehlende Elemente geschlossen, ihre Eigenschaften zum Teil vorhergesagt und sie hinterher tatsächlich entdeckt. So stellen die phänomenal allerdings verschiedenen Elemente dennoch eine große Einheit dar, die wir mit der Rechnung verfolgen können.
[ 16 ] However, I find that the findings of the natural sciences also meet this need. Although chemistry has identified seventy elements and may yet increase this diversity, it has also revealed something quite remarkable: for example, it has discovered certain relationships among these elements with regard to atomic weight, according to which a scale of elements can be constructed—a scale that simultaneously classifies these elements according to their acoustic, optical, and other physical properties. Based on a gap in this scale, scientists have inferred the existence of missing elements, predicted some of their properties, and subsequently discovered them. Thus, the elements—which are indeed phenomenally diverse—nevertheless constitute a great unity that we can trace through calculation.
[ 17 ] Allerdings ist der Chemiker gezwungen, die Einheit anderswo zu suchen als in dem brutalen Begriff einer wesenseinheitlichen Materie, nämlich in einem System gesetzmäßiger Beziehungen. Professor Ostwald hat sich auf einem Naturforscherkongreß in dieser Richtung ausgesprochen. Auch ist neuerdings eine Zeitschrift gegründet worden zur Weiterbildung des veralteten Materialismus in diesem neuen naturphilosophischen Sinne. So stehen wir denn vor einem neuen Weltbild, das wir zwar noch nicht abschließen können, zu dem uns aber eine Perspektive eröffnet ist, und zwar eine Perspektive zur Einheit.
[ 17 ] However, the chemist is compelled to seek unity elsewhere than in the crude concept of a substance with a uniform essence—namely, in a system of lawful relationships. Professor Ostwald spoke out in this vein at a natural scientists’ congress. A journal has also recently been founded to further develop outdated materialism in this new sense of natural philosophy. Thus, we are faced with a new worldview that, while we cannot yet finalize it, opens up a perspective for us—namely, a perspective toward unity.
[ 18 ] So steht es auch mit der Einheitlichkeit der Kraft. Dem Phänomene nach werden wir Elektrizität wohl niemals zurückführen können auf reine Gravitation, aber in der mathematischen Formel, nach der wir sie berechnen und umrechnen, haben wir etwas Reales, Grundlegendes; und somit ist uns auch zur Einheit der Kraft eine Perspektive eröffnet.
[ 18 ] The same is true of the unity of force. Phenomenally speaking, we will probably never be able to reduce electricity to pure gravity, but in the mathematical formula by which we calculate and convert it, we have something real and fundamental; and thus a perspective on the unity of force is also opened up to us.
[ 19 ] Ohne mich genau auf den Standpunkt von Goethes Metamorphosenlehre stellen zu wollen, der auf organischem Gebiete zum ersten Male ein Einheitsprinzip suchte, meine ich doch, daß auch sie einen bedeutenden Schritt zur einheitlichen Weltanschauung darstellt. Hinzu kommt das biogenetische Grundgesetz, wonach jedes Wesen bei seinem embryonalen Bildungsgange die Formen der Wesensarten noch einmal durchläuft, von denen es abstammt. Seitdem es vollends gelungen ist, organische Stoffe im Laboratorium herzustellen, ist uns auch hier eine freie Aussicht auf Einheit geboten.
[ 19 ] Without wishing to adopt exactly the same standpoint as Goethe’s theory of metamorphosis—which, in the realm of biology, sought a principle of unity for the first time—I nevertheless believe that it, too, represents a significant step toward a unified worldview. Added to this is the biogenetic law, according to which every organism, during its embryonic development, passes once more through the forms of the species from which it descends. Since it has now been fully successful in synthesizing organic substances in the laboratory, we are also offered a clear prospect of unity in this area.
[ 20 ] Wenn man nicht die Einheit geradezu im Phänomenalen verlangen will, so zeigt uns diese Perspektive, wo wir das Monon zu suchen haben. Und immer deutlicher enthüllt sich, was für alle großen Philosophen keinen Zweifel hatte: Daß das, was wir in der Außenwelt erleben, sich als gleichbedeutend darstellt mit dem, was wir im Geiste erfahren. Wenn wir von der äußeren zur inneren Erfahrung fortschreiten, werden wir ein einheitliches Weltbild zustande bringen. Für einen nach Einheit Suchenden sind die letzten Jahrzehnte der Wissenschaft recht trostreich, denn aus allen Gebieten strömen ihm Elemente zu, die ihm einheitliche Weltanschauung eröffnen.
[ 20 ] Unless one wishes to demand unity directly within the phenomenal realm, this perspective shows us where to look for the One. And what was beyond doubt for all the great philosophers is becoming increasingly clear: That what we experience in the external world is equivalent to what we experience in the mind. As we progress from external to internal experience, we will arrive at a unified worldview. For those seeking unity, the last few decades of science have been quite encouraging, for elements are pouring in from all fields, opening up a unified worldview.
[ 21 ] Ihr Wert besteht darin, daß sie einem geistigen Bedürfnisse genügt, das ebenso notwendig wie Luft und Licht zum Glück eines Geistes gehört, der dieses Bedürfnis in sich ausbildet.»
[ 21 ] “Their value lies in the fact that they satisfy an intellectual need that is just as essential to the happiness of a mind that cultivates this need within itself as air and light are.”
[ 22 ] Herr Kirchbach replizierte in folgendem Sinne: «Zu der Frage: Wie kommen wir zu einheitlicher Weltanschauung und wie stellen wir sie uns vor? — hat Herr Dr. Steiner viele Anregungen gegeben, mit denen ich durchaus einverstanden bin. Doch kann man in einzelnen Punkten streiten. So ist die vom Herrn Vorredner erwähnte Lehre Goethes von der Metamorphose der Pflanzen ein Beispiel dafür, wie selbst ein so großer Geist glauben konnte, eine Einheitssache gefunden zu haben in einem Punkt, der sich später als fraglich darstellte. Goethe glaubte, im Chlorophyllblatt walte dasselbe morphologische Prinzip wie im Stengel, und er sah das Prinzip der Blätter in der Gestalt der Blumenblätter und in dem Pistille wiederkehren, so daß ihm alle Teile der Pflanze nur Modifikationen eines und desselben morphologischen Gestaltungsprinzips waren. Dagegen ist es Tatsache, daß bei der Rose das Stengelblatt nur einen mittleren Kanal hat, während das Blütenblatt deren drei besitzt, also besteht doch ein fundamentaler Unterschied im morphologischen Aufbau der Rose, ebenso wie ein chemischer zugrunde liegt.
[ 22 ] Mr. Kirchbach responded as follows: “Regarding the question: How do we arrive at a unified worldview, and how do we envision it? — Dr. Steiner has offered many insights with which I am in complete agreement. However, there are individual points that are open to debate. For example, Goethe’s theory of plant metamorphosis, mentioned by the previous speaker, illustrates how even such a great mind could believe he had found a principle of unity in a matter that later proved to be questionable. Goethe believed that the same morphological principle governed the chlorophyll-bearing leaf as the stem, and he saw this principle of the leaves recurring in the form of the petals and the pistil, so that to him all parts of the plant were merely modifications of one and the same morphological principle of form. In contrast, it is a fact that in the rose, the stem leaf has only one central canal, while the petal has three; thus, there is indeed a fundamental difference in the morphological structure of the rose, just as there is an underlying chemical difference.
[ 23 ] Die neuere Zellentheorie sucht ja auch die Einheit auf einem ganz anderen Gebiete als in dieser Scheinmorphologie. Hier ist die Zelle das Bildungsprinzip und bringt den Gesamtaufbau durch die Summe aller Faktoren hervor, denen sie unterworfen ist. Vielleicht wird es ähnlich gehen mit manchen Begriffen des Darwinismus.
[ 23 ] The more recent cell theory, after all, also seeks unity in a field entirely different from that of this pseudo-morphology. Here, the cell is the organizing principle and gives rise to the overall structure through the sum of all the factors to which it is subject. Perhaps the same will be true of some concepts of Darwinism.
[ 24 ] Ich habe das Beispiel herangezogen, um zu zeigen, wie schwierig das Suchen einer Einheit selbst auf natürlichem Gebier ist, weil wir erst die Phänomene richtig der bloßen Anschauung nach gruppieren lernen müssen, ehe wir auf ihre Wesens-Einheit durch mathematische oder sonstige logische Vermittlung schließen dürfen.»
[ 24 ] I have used this example to show how difficult it is to find unity even in the natural world, because we must first learn to group phenomena correctly based on mere observation before we can infer their essential unity through mathematical or other logical means.»
[ 25 ] Dr. Bruno Wille: «Sie haben soeben zwei Vertreter von Weltanschauungen gehört, die, wie ich meine, abgesehen von einzelnen Differenzpunkten, in den Grundzügen doch übereinstimmen. Es ist zunächst auf gewisse Schwierigkeiten hingewiesen worden, die der Ausbildung einer einheitlichen Weltanschauung scheinbar im Wege stehen. Allerdings erleben wir die Natur zunächst als eine Vielheit, als eine ungeheure Menge von verschiedenen Empfindungen. Erst wenn wir diese Mannigfaltigkeit im Einheit suchenden Geiste vergleichen und die Unterschiede teils überbrücken, teils auflösen, können wir einer einheitlichen Weltanschauung näherkommen.
[ 25 ] Dr. Bruno Wille: “You have just heard two representatives of worldviews which, in my opinion, despite a few points of difference, are essentially in agreement. Certain difficulties have been pointed out that seemingly stand in the way of developing a unified worldview. However, we initially experience nature as a multiplicity, as an immense array of different sensations. Only when we compare this diversity in a spirit that seeks unity—and partly bridge the differences and partly resolve them—can we come closer to a unified worldview.
[ 26 ] Solche Einheit zu suchen ist in der Tat, wie Dr. Steiner sagt, ein allgemein menschliches Bedürfnis; zunächst ein logisches Bedürfnis. Unser Erkenntnisapparat, der die Welt begreifen möchte, hat die Tendenz, alles Vielfache zur Einheit zusammenzudenken. So sehen wir an den Bäumen unserer märkischen Wälder trotz aller Verschiedenheit eine gewisse Gemeinsamkeit und schließen sie zum Beispiel in dem Begriffe «Kiefer» zu einer Einheit zusammen. Die Kiefern wiederum ordnen wir mit den Birken, Eichen und Espen, mit den Heidelbeeren, Farnen und Moosen zu einer noch höheren Einheit, zum Begriffe «Pflanze» zusammen. Vergleichen wir eine Pflanze mit uns selbst, so ist hier wieder eine Einheit vorhanden; wir haben es mit organischen Lebewesen zu tun. So ist unser Denken beständig auf der Suche nach übergeordneten Zusammenschlüssen und Zusammenhängen. Hier entsteht nun freilich die bedeutsame Frage der Erkenntnistheorie: Entspricht unserem Denken die von uns unabhängige Welt? Ist die Einheit der Natur mehr als ein bloß subjektives, intellektuales Erlebnis? Die Antwort ist höchst verwickelt. Heute begnüge ich mich mit einem einfachen ‹Ja›, indem ich noch bemerke: Ich suche den Monismus auch darin, daß ich, anders wie Kant, Subjekt und Objekt, Geist und Natur als eine untrennbare Einheit auffasse und wie die mittelalterlichen ‹Realisten› im Begriffe eine wirkliche, nicht bloß namentliche Identität sehe.
[ 26 ] Seeking such unity is, in fact, as Dr. Steiner says, a universal human need; first and foremost, a logical need. Our cognitive apparatus, which seeks to understand the world, has a tendency to synthesize all that is diverse into a single unity. Thus, despite all their differences, we see a certain commonality in the trees of our Markish forests and group them together into a single unit, for example, under the concept of “pine.” We, in turn, group the pines together with the birches, oaks, and aspens, along with the blueberries, ferns, and mosses, into an even higher unity: the concept of “plant.” If we compare a plant to ourselves, a unity is present here as well; we are dealing with organic living beings. Thus, our thinking is constantly in search of higher-order groupings and connections. Here, of course, the significant question of epistemology arises: Does the world, independent of us, correspond to our thinking? Is the unity of nature more than a merely subjective, intellectual experience? The answer is highly complex. Today I will content myself with a simple “yes,” while noting that I also seek monism in the fact that, unlike Kant, I conceive of subject and object, mind and nature, as an inseparable unity and, like the medieval “realists,” see in the concept a real—not merely nominal—identity.
[ 27 ] Auch für unser sittliches Streben kann der Zweifel über das sittlich Wahre, das Rechte und Heilsame nur beseitigt werden, wenn wir aus einer höchsten Einheit heraus die einzelnen sittlichen Ideen ableiten können. Gäbe es zwei oder mehrere Weltprinzipien, die in absolutem Gegensatz ständen, so würden sich auch widerspruchsvolle Grundsätze für unser sittliches Leben daraus ableiten lassen; und überhaupt auf allen Gebieten unseres Lebens gerieten wir in heillose Widersprüche. Also unser ganzer Idealismus weist uns auf den Monismus hin, auf das Suchen nach dem ewig Einen.
[ 27 ] Even in our moral pursuits, doubt regarding what is morally true, right, and wholesome can only be dispelled if we can derive individual moral ideas from a supreme unity. If there were two or more world principles that stood in absolute opposition to one another, contradictory principles for our moral life could also be derived from them; and in all areas of our lives, we would find ourselves caught in irreconcilable contradictions. Thus, our entire idealism points us toward monism, toward the search for the eternally One.
[ 28 ] Worin wir das Eine in der mannigfaltig erscheinenden Welt zu suchen haben, darüber gibt die Naturwissenschaft freilich noch nicht klipp und klar Antwort; aber die großartig entfaltete Naturwissenschaft des vorigen Jahrhunderts war, wie Dr. Steiner sehr richtig betonte, so fruchtbar auch für die Sache der einheitlichen Weltanschauung, daß der monistische Philosoph nicht unterlassen darf, den vollen Nutzen aus diesen Früchten zu ziehen. Allerdings sollte ebensowenig der Naturforscher verächtlich auf die jahrtausendalte Arbeit der Philosophie blicken, vielmehr die von philosophischer Seite erhobenen Zweifel ernst nehmen und zu beantworten suchen. Es freut mich, daß Herr Dr. Steiner anerkannt hat, der alte Materialismus sei unhaltbar geworden. Diese Einsicht ist eine Frucht der philosophischen Kritik. Und so gehören Philosophie und Naturwissenschaft zusammen als Betrachtungsweisen, die einander ergänzen.
[ 28 ] Natural science, of course, does not yet provide a clear-cut answer as to where we are to seek the One in the seemingly diverse world; but the magnificent development of natural science in the previous century was, as Dr. Steiner quite rightly emphasized, so fruitful for the cause of a unified worldview that the monist philosopher must not fail to reap the full benefits of these fruits. However, the natural scientist should not look down upon the millennia-old work of philosophy; rather, he should take the doubts raised by philosophy seriously and seek to answer them. I am pleased that Dr. Steiner has acknowledged that the old materialism has become untenable. This insight is a fruit of philosophical criticism. And so philosophy and natural science belong together as modes of inquiry that complement one another.
[ 29 ] Zur Ergänzung der naturwissenschaftlichen Tatsachen, in denen Herr Dr. Steiner mit Recht wichtige Momente des Monismus erblickt, möchte ich noch auf folgende Seiten meiner einheitlichen Weltanschauung hinweisen. Ich möchte vor allem betonen, daß wir ein umfassendes Naturgesetz in sämtlichen Weltvorgängen und Erscheinungen vorfinden, für das wir noch niemals eine Ausnahme haben feststellen können: das Gesetz der Kausalität. Es ist eine Tatsache, daß jeder Vorgang denknotwendig aus einem anderen folgt, den wir die Ursache des folgenden nennen können. Ich meine nun, Ursache und Wirkung bedeutet in dieser Verbindung nichts als das, was wir Entwicklung nennen. Das Hervorgehen der Wirkung aus dem System ihrer Bedingungen können wir nämlich als die Fortentwicklung der Ursache auffassen. Das Gesetz der Kausalität also durchzieht sämtliche Weltvorgänge, für die wir wiederum besondere Regeln, die speziellen Naturgesetze feststellen können. Nach solchen ‹ewigen, ehernen, großen Gesetzem› schließt sich für uns die Welt zur Einheit zusammen, im Gegensatz zu der dualistischen Weltanschauung, die Wunder, also Ausnahmen von den Naturgesetzen zugesteht, die sie ohne ‹höhern Ratschluß›, das heißt ohne Geständnis der menschlichen Unwissenheit, nicht plausibel machen kann.
[ 29 ] To supplement the scientific facts in which Dr. Steiner rightly discerns important aspects of monism, I would like to draw attention to the following aspects of my unified worldview. Above all, I would like to emphasize that we find a comprehensive natural law in all worldly processes and phenomena, for which we have never been able to identify an exception: the law of causality. It is a fact that every process necessarily follows from another, which we can call the cause of the subsequent one. I believe, then, that cause and effect in this context mean nothing other than what we call development. Indeed, we can understand the emergence of the effect from the system of its conditions as the further development of the cause. The law of causality thus permeates all worldly processes, for which we can in turn identify specific rules—the particular laws of nature. According to such “eternal, ironclad, great laws,” the world coalesces into a unity for us, in contrast to the dualistic worldview, which admits of miracles—that is, exceptions to the laws of nature—which it cannot make plausible without a “higher decree,” that is, without an admission of human ignorance.
[ 30 ] Eine weitere Einheit der Welt finde ich in der Tatsache, daß alles, was ich vom Universum kenne, ein Erlebnis ist, entweder ein Erlebnis für mich oder ein Erlebnis für andere Wesen, sowie ein Selbsterlebnis. Wenn man darunter nicht nur das Ideenerlebnis versteht, womit man sich der idealistischen Anschauung nähern würde, die eben nur die Idee als das Reale der Welt betrachtet, so meine ich, können wir uns alle auf diesen Satz einigen; denn niemand würde wohl nachweisen können, es gebe ein Dasein, das nicht Erlebnis wäre. In diesem Grundsatze meiner Weltanschauung habe ich den Ausgleich bedeutender Gegensätze gewonnen, die jedem einseitig materialistischen oder mechanistischen Monismus bedenklich werden. So habe ich den Gegensatz von Materie und Geist überwunden, die ich einige, indem ich alles Physische als Erlebnis auffasse, freilich nicht etwa als bloßes Phänomen für unsere Sinne, sondern als eine Art, in der sich das ewig Eine erlebt. — Überhaupt leugnet mein Monismus alle absoluten Gegensätze. Der Tod bedeutet für mich eine andere Seite des Lebens. Das Entstehen des Organischen aus dem Unorganischen kann ich mir nur vorstellen, wenn kein absoluter Gegensatz zwischen beiden Naturreichen besteht. Im sittlichen Leben betrachte ich das Böse nur als eine unreife Form, eine niedere Stufe des Guten; also kein absolut, nur ein relativ Böses lasse ich gelten. So ist auch der Irrtum nur eine unreife Wahrheit, eine bestimmte Entwicklungsstufe auf dem Wege zur Erkenntnis.
[ 30 ] I find another unity of the world in the fact that everything I know about the universe is an experience—either an experience for me, an experience for other beings, or an experience of the self. If by this we do not mean solely the experience of ideas—which would bring us closer to the idealist view that regards only the idea as the reality of the world—then I believe we can all agree on this statement; for no one could probably prove that there is any existence that is not an experience. In this fundamental principle of my worldview, I have achieved a balance between significant opposites that give cause for concern in any one-sidedly materialistic or mechanistic monism. Thus, I have overcome the opposition between matter and spirit, which I reconcile by conceiving of everything physical as experience—not, of course, as a mere phenomenon for our senses, but as a mode in which the eternally One is experienced. — In general, my monism denies all absolute opposites. For me, death represents another aspect of life. I can only conceive of the emergence of the organic from the inorganic if there is no absolute opposition between the two realms of nature. In moral life, I regard evil merely as an immature form, a lower stage of the good; thus, I acknowledge no absolute evil, only a relative evil. Similarly, error is merely an immature truth, a specific stage of development on the path to knowledge.
[ 31 ] Ich suche einheitliche Weltanschauung, wie Sie sehen, auch in der Weise, daß ich eine subjektive Einheit, eine Einheit zwischen meinen verschiedenen geistigen Bestrebungen, meinen mannigfaltigen Erlebnissen und Persönlichkeitskräften erstrebe. Überwunden ist für mich der Gegensatz zwischen Kopf und Herz, Gemüt und Verstand, zwischen wahrer Religiosität und wissenschaftlicher Erkenntnis, wie auch die Meinung, daß die Kunst nur eine Illusion, eine holde Täuschung sei, die der kühlen Einsicht im Wege stehe. So habe ich denn schon bei der Gründung unseres Bundes betont, man solle bei der Pflege einheitlicher Weltanschauung den Menschen anleiten, in seinem Innenleben die zerreißenden Feindseligkeiten zur Harmonie zu gestalten — zu einer Versöhnung; nicht freilich zu einer Versöhnungsduselei, sondern zur klaren Einheit seiner höchsten Geistesberätigungen.»
[ 31 ] As you can see, I am seeking a unified worldview, including in the sense that I strive for a subjective unity—a unity among my various intellectual pursuits, my diverse experiences, and the forces of my personality. For me, the opposition between head and heart, emotion and reason, between true religiosity and scientific knowledge has been overcome, as has the view that art is merely an illusion, a sweet delusion that stands in the way of cool insight. Thus, as I emphasized when our association was founded, in fostering a unified worldview, one should guide people to transform the tearing hostilities within their inner lives into harmony—into a reconciliation; not, of course, into sentimental reconciliation, but into the clear unity of their highest spiritual deliberations.”
[ 32 ] Wolfgang Kirchbach: «Zum Beschluß dieser Diskussion möchte ich Sie bitten, die Unterhaltung, die zwischen den drei Herren geführt worden ist, zu betrachten als die Vorrede zu den Diskussionen, die weiter folgen. Bei den bevorstehenden Unterredungen werden wir vielleicht davon absehen, sie in dieser allgemeinen Weise weiterzuführen. Es sind Linien beschrieben worden, an denen ein innerer Konsensus verfolgt werden kann. Wir wollen in den nächsten Diskussionen konkrete Fragen herausnehmen. Alle Redner sind ja darin einig, eine einheitliche Weltanschauung sei ein unabweisbares Bedürfnis. So hätten wir denn hauptsächlich nur die Aufgabe, festzustellen, wie weit diese Bestrebungen gekommen sind, und hätten die Frage auf bestimmte Punkte zu beschränken. Ich möchte darüber noch keine näheren Angaben machen und so den Roman mit einem «Fortsetzung folgt» für heute beschließen, damit Sie begierig sind: «Wie wird das weitergehen?› »
[ 32 ] Wolfgang Kirchbach: “To conclude this discussion, I would like to ask you to consider the conversation that took place among the three gentlemen as a preface to the discussions that will follow. In the upcoming discussions, we may refrain from continuing in this general manner. Guidelines have been outlined along which an internal consensus can be pursued. In the next discussions, we want to focus on specific questions. All speakers agree, after all, that a unified worldview is an undeniable necessity. Thus, our main task would be to determine how far these efforts have progressed and to limit the discussion to specific points. I don’t want to go into further detail just yet, so I’ll conclude today’s discussion with a “To be continued,” to keep you eager to find out: “How will this unfold?”
