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Philosophy, History and Literature
GA 51

7 May 1902, Berlin

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Philosophy, History and Literature, tr. SOL
  1. Über Philosophie Geschichte und Literatur

28. Wahrheit und Wissenschaft

28. Truth and Science

Einleitendes Referat Rudolf Steiners: «Vor welchem Forum kann über ‹einheitliche Weltanschauung› entschieden werden? — Versuch einer Antwort auf die Frage nach ‹Wahrheit und Wissenschaft›»; anschließend Diskussion.

Introductory lecture by Rudolf Steiner: “Before what forum can a decision be made regarding a ‘unified worldview’? — An Attempt to Answer the Question of ‘Truth and Science’”; followed by a discussion.

[ 1 ] Dr. Rudolf Steiner, als Referent: Angeregt worden bin ich zu unserer Fragestellung «Vor welchem Forum muß einheitliche Weltanschauung entschieden werden» einmal durch die früheren Diskussionen unseres Bundes, der ja monistische Weltanschauung pflegen will, und auch durch meine persönliche Beteiligung an dem Streit um Haeckels «Welträtsel». Hier im Bunde wurden oft die Fragen erwogen: Was ist das Wesen einer einheitlichen Weltanschauung, worin besteht ihr Wert, haben wir eigentlich das Recht, von einer speziell monistischen zu sprechen? Es wurde einmal betont, daß wir nach dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft kein Recht haben, von einer Einheit in stofflicher Beziehung zu sprechen, und ein andermal von Dr. Penzig ausgeführt, daß beim Streben nach einem einheitlichen, die ganze Natur und Geisteswelt umfassenden Weltbilde man gar nicht anders könne, als das objektiv von der Einzelwissenschaft gegebene Bild fälschend abzurunden, also den Tatsachen Gewalt anzutun. Ich habe schon damals bemerkt, daß von solchen vermeintlichen Fälschungen oft die größten Fortschritte ausgegangen sind. So war das Kopernikanische Weltsystem für seine Zeit eine «Fälschung» der vorliegenden Tatsachen, wie die LamarckDarwinsche Entwickelungstherorie nichts weiter ist. Wie Tycho de Brahe das für seine Zeit einzig mögliche Weltbild gab, so ist es dem Tatsachenfanatiker, der mit seinem Denken nicht über die objektiv gebotenen Tatsachen hinausgehen will, leicht, die «Fälschungen» nachzuweisen, die die Lamarck-Haeckelsche Entwickelungstheorie nach dem heutigen Stande der Wissenschaft enthält. Trotzdem glaube ich, wird wie Kopernikus Haeckel Recht behalten. Ich bin seinerzeit mit aller Entschiedenheit für die viel umstrittenen «Welträtsel» eingetreten, weil ich die Konsequenz und äußerste Kühnheit bewunderte, mit der ein Geist von einem einseitigen Standpunkte aus ein Weltbild entwirft und «fälscht». Obwohl meine philosophischen Grundanschauungen ihm nur entgegengesetzt sind in dem, was er darin bekämpft und ihm beistimmen in dem, was er Positives gibt. Zugleich wurde ich aber unter Heranziehung früherer Schriften als ein Hauptgegner Haeckels bezeichnet, eine Erfahrung, die mir symptomatisch scheint für unsere Zeit, insofern im Kopf eines anderen die Vorstellungswelt des Autors ein ganz anderes Bild annimmt. Wir führen eben mit unseren Begriffen, nach ihrer sonstigen Stellung im Geistesleben, Vorstellungen ins Feld, die etwas anderes besagen, als wir ausdrücken wollen.

[ 1 ] Dr. Rudolf Steiner, as a speaker: I was inspired to address our question, “Before what forum must a unified worldview be decided?” both by the earlier discussions within our association—which, after all, seeks to cultivate a monistic worldview—and by my personal involvement in the controversy surrounding Haeckel’s The Riddle of the World. Here in the Association, the following questions have often been considered: What is the essence of a unified worldview? What is its value? Do we actually have the right to speak of a specifically monistic one? It was once emphasized that, according to the current state of science, we have no right to speak of unity in a material sense, and on another occasion Dr. Penzig argued that in the pursuit of a unified worldview encompassing the entire natural and spiritual world, one has no choice but to distort the picture objectively provided by the individual sciences—that is, to do violence to the facts. I noted even then that such supposed “distortions” have often been the source of the greatest advances. Thus, the Copernican system of the world was, for its time, a “distortion” of the available facts, just as the Lamarckian-Darwinian theory of evolution is nothing more than that. Just as Tycho Brahe provided the only possible worldview for his time, so it is easy for the fanatic of facts—who refuses to let his thinking extend beyond the objectively given facts—to point out the “fabrications” contained in the Lamarck-Haeckel theory of evolution according to the current state of science. Nevertheless, I believe that, like Copernicus, Haeckel will be proven right. At the time, I argued with the utmost conviction in favor of the much-contested “mysteries of the world,” because I admired the consistency and extreme boldness with which a mind, starting from a one-sided standpoint, devises and “fabricates” a worldview. Although my fundamental philosophical views are opposed to his only in what he opposes therein, and I agree with him in what he offers of value. At the same time, however, I was labeled a principal opponent of Haeckel on the basis of earlier writings—an experience that seems symptomatic of our times, insofar as the author’s conceptual world takes on an entirely different form in the mind of another. It is simply that, depending on their usual place in intellectual life, our concepts bring ideas into play that convey something different from what we intend to express.

[ 2 ] Bei diesen Auseinandersetzungen über Haeckel und in den Diskussionen des Bundes ist mir eine Frage wieder lebendig geworden, die ich mir schon oft vorlegte: Wie verhält sich Wahrheit zur Wissenschaft? Enthält die Wissenschaft Wahrheit, enthält sie irgendwelche Momente, die zum Aufbau einer einheitlichen Weltanschauung führen könnten? Haben wir das Recht, aus der Wissenschaft heraus eine einheitliche Weltanschauung oder überhaupt eine Weltanschauung aufbauen zu wollen?

[ 2 ] During these debates about Haeckel and in the discussions within the Federation, a question I had often asked myself came to the forefront once again: What is the relationship between truth and science? Does science contain truth? Does it contain any elements that could lead to the development of a unified worldview? Do we have the right to seek to construct a unified worldview—or indeed any worldview at all—based on science?

[ 3 ] Bei dieser Frage, die schon Jahrhunderte beschäftigt hat, die ihrer Lösung näher waren als die Neuzeit, die sich den Weg der Lösung durch die sogenannte Erkenntnistheorie verbaut hat, muß man sich klar werden, vor welchem Forum überhaupt etwas ausgemacht werden kann in bezug auf Wahrheit und Wissenschaft, in bezug auf Wahrheitsgehalt der Wissenschaft.

[ 3 ] Regarding this question, which has preoccupied people for centuries—and which was closer to being resolved in earlier times than in the modern era, which has blocked its own path to a solution through so-called epistemology—one must clarify in what forum anything can be determined at all with regard to truth and science, and with regard to the truth content of science.

[ 4 ] Heutzutage haben wir nach der ganzen Entwickelung des 19. Jahrhunderts von der Wahrheit etwa die Vorstellung, daß sie mit der objektiv vorliegenden Wirklichkeit übereinstimmen müsse. Wir befinden uns in einem intensiven Tatsachenfanatismus, der uns nicht gestattet, irgendeinen Schritt über die Registrierung hinauszugehen. Wenn Wahrheit nur eine begriffliche Wiederholung dessen ist, was außer uns vorhanden ist, so ist nach Empfindung derjenigen, die heute nach Weltanschauung streben, diese auch nichts anderes, als ein Gegenbild außer uns vorhandener Tatsachen, der außer uns in der Welt fertigen Wirklichkeit. Wenn es gelänge, von irgendeiner Ecke in möglichst günstiger Perspektive eine Photographie der Welt zu machen, so wäre das Ideal eines Weltbildes erreicht. Eine solche Weltanschauung aufzubauen wäre aber tatsächlich überflüssig, ein bloßer Luxus des Menschengeistes, wenn sie, wie die Wissenschaft, nichts anderes sein soll als eine bloße Wiederholung, eine Art photographisches Gegenbild dessen, was in der Welt vorgeht, was abgeschlossen vorliegt. Daß der Einzelne sich noch ein individuelles Gegenbild neben der Wissenschaft bildet, wäre vollkommen entbehrlich, für den ganzen Weltzusammenhang unendlich gleichgültig. Wenn die Natur alles bis auf den Schlußpunkt für uns besorgt und ausgebildet hat, so gehört das nicht zur Wirklichkeit, was der Menschengeist träumt und schafft. Für diesen Standpunkt, der in grotesker Weise in der heutigen Wissenschaft auch in Haeckels «Welträtsel» hervortritt, ist der Mensch nichts anderes als ein bloßes Staubkorn im Kosmos, das sich bloß quantitativ unterscheidet von dem Wurm. Macht er sich ein Weltbild, so lebt er ein Luxusleben, tut etwas, was nicht das Geringste hinzubringt zur Weltentwickelung. Vielmehr wird gefordert, daß er niemals etwas aus dem eigenen Geiste Genommenes, was in der übrigen Natur nicht gefunden wird, zubringen dürfe, sondern nur registrieren, vergleichen, logisch verknüpfen.

[ 4 ] Today, after all the developments of the 19th century, we have come to view truth as something that must correspond to objectively existing reality. We find ourselves caught up in an intense fanaticism for facts that does not allow us to take any step beyond mere observation. If truth is merely a conceptual repetition of what exists outside of us, then—in the view of those who today seek a worldview—such a worldview is nothing more than a mirror image of facts existing outside of us, of the reality that is already complete in the world outside of us. If one could take a photograph of the world from some vantage point with the most favorable perspective, the ideal of a worldview would be achieved. However, constructing such a worldview would in fact be superfluous, a mere luxury of the human spirit, if—like science—it were to be nothing more than a mere repetition, a kind of photographic reflection of what is happening in the world, of what already exists in a completed form. The fact that the individual still forms an individual reflection alongside science would be completely dispensable, infinitely irrelevant to the overall context of the world. If nature has taken care of and shaped everything for us right down to the final detail, then what the human spirit dreams and creates does not belong to reality. From this standpoint—which is grotesquely evident in contemporary science, including in Haeckel’s The Riddle of the Universe—humanity is nothing more than a mere speck of dust in the cosmos, differing from a worm only in quantitative terms. If he constructs a worldview for himself, he is living a life of luxury, doing something that contributes not the slightest bit to the development of the world. Rather, it is demanded that he never contribute anything derived from his own mind—anything not found in the rest of nature—but only record, compare, and logically connect.

[ 5 ] Wir fragen: Stimmt dies Verfahren, bloß logisch der objektiven Natur gegenüberzutreten, niemals etwas über den derzeitigen Stand der Verhältnisse Hinausgehendes hinzuzufügen, überein mit dem Gange der Wesenheiten der Natur; liegt nicht vielleicht in der Entwickelungsrichtung der Natur etwas, das uns zwingt, irgend etwas der Wirklichkeit hinzuzufügen? Die Antwort gibt die Natur uns selbst. Besonders solle sie sie dem Entwickelungstheoretiker geben.

[ 5 ] We ask: Does this method—simply approaching objective nature logically, without ever adding anything that goes beyond the current state of affairs—correspond to the course of nature’s essences? is there not perhaps something in the direction of nature’s development that compels us to add something to reality? Nature itself provides us with the answer. It should provide it especially to the developmental theorist.

[ 6 ] Gestatten Sie mir, um Ihnen dies in prägnanter Weise darzulegen, die Annahme, die Natur befände sich in dem Stadium ihrer Entwickelung, daß es nur Affen und keine Menschen gegeben hätte, die Affen hätten nachgeforscht über die Erscheinungen der Welt, sie hätten gefunden, was unter ihnen liegt, und noch Affen dazu. Hätten sie sich auf den empirischen Standpunkt gestellt, so hätten sie sich bei der Erkenntnis beruhigt: die Welt schließt mit den Affen ab. Sie hätten vielleicht eine Affenethik gegründet auf Grund der allgemeinen Affenempfindung, so daß hier zu der Welt nichts Neues hinzugetan worden und sie auf ihrem Standpunkt stehen geblieben wäre. Doch von unserem Standpunkte der Erkenntnis wissen wir, daß im Entwickelungsprinzip allerdings etwas vorhanden war, was über die Affengattung hinausgeleitet hat, das, weil es ein produktives Prinzip war, weil es über dasjenige, was als abgeschlossene Wirklichkeit vorlag, hinauswies, zur Menschenbildung geführt hat, etwas, das sich nicht auf das Tatsächliche beschränkte, was, gleichsam als reale Phantasie, reale Intuition in der Natur vorhanden, diese über ihre einzelnen Stadien hinwegführt und über die unmittelbare Gegenwart hinaushebt.

[ 6 ] To illustrate this point succinctly, allow me to posit the following: suppose nature were at a stage in its development where there were only apes and no humans; suppose the apes had investigated the phenomena of the world, discovered what lay beneath them—and found nothing but more apes. Had they adopted an empirical standpoint, they would have been satisfied with the realization that the world ends with the apes. They might have established an ape ethic based on the general sensibility of apes, so that nothing new would have been added to the world and they would have remained at their current level. Yet from our standpoint of knowledge, we know that within the principle of development there was indeed something that led beyond the monkey species—something that, because it was a productive principle, because it pointed beyond what existed as a closed reality, led to the formation of humanity—something that was not limited to the factual, something that as it were, exists in nature as real imagination, real intuition, guiding it beyond its individual stages and elevating it above the immediate present.

[ 7 ] Auch der Mensch als Produkt der Entwickelung, als Wesen in der Natur, ist da, um der Entwickelung zu leben, nicht bloß, um zurückschauend sich ein Bild der Entwickelung zu machen und sich als den Schlußpunkt der Reihe zu betrachten. Eine Weltanschauung, die den Inhalt seines ganzen Denkens und Tuns zusammenfassen will, wird deshalb nicht bloß theoretisch-betrachtend, sondern auch praktisch-postulierend sein müssen. Der Mensch soll also nicht nur in irgendeiner Weise die Natur wiederholen, sondern sehen, ob nicht in ihm Kräfte liegen, die über das unmittelbar Gegebene hinausführen. Er soll die Entwickelung geistig, ideell lebendig in sich machen, soll die Kräfte suchen, die die Gattung weitertreiben, den Fortschritt hervorbringen, nicht bloß seine Geisteskräfte danach untersuchen, ob sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Die Frage «Können wir zum Ding an sich dringen, in das Wesen der Welt hineinsehen» ist ein Unheil, ein Hemmnis für den Menschen. Aber wenn er sich in die Entwickelung stellt, eingreifend in die Natur, um sie ein Stück weiterzuführen, kommt er zu einem Gefühl seiner erhabenen Aufgabe, seiner Stellung innerhalb der Welt.

[ 7 ] Human beings, too—as a product of evolution, as beings within nature—exist to live out that evolution, not merely to look back and form a picture of it, nor to regard themselves as the final point in the sequence. A worldview that seeks to summarize the content of all human thought and action must therefore be not merely theoretical and contemplative, but also practical and assertive. Human beings should therefore not merely repeat nature in some way, but should examine whether there are forces within them that lead beyond what is immediately given. They should make evolution spiritually and ideologically alive within themselves; they should seek out the forces that drive the species forward and bring about progress, rather than merely examining their mental faculties to see if they correspond to reality. The question “Can we penetrate to the thing-in-itself, look into the essence of the world?” is a calamity, an obstacle for humankind. But when humans place themselves within the process of development, intervening in nature to advance it a step further, they come to a sense of their sublime task, of their place within the world.

[ 8 ] Es sind tatsächlich Ansätze zur Bildung dieses überwissenschaftlichen Standpunktes vorhanden, der die Wissenschaft durchaus gelten läßt, aber sich über das erhebt, was die Wissenschaft ihm als Gesetzmäßigkeit des logischen Gedankens bietet. Maeterlinck ist zum Beispiel mit ähnlichen Anschauungen hervorgetreten in einem seiner neueren Bücher, in dem er die Hochzeit der Bienen schildert. Man fragt: Können wir von Wahrheit im Sinne wissenschaftlicher Wahrheit, von Übereinstimmung mit der vorliegenden Wirklichkeit, die sich immer im materiellen Kleinkram befindet, reden, wenn sie Inhalt einer Weltanschauung sein soll, oder führt sie als Weltanschauungswahrheit in ähnlicher Weise über die rein objektive Wahrheit hinaus, wie die dichterische Wahrheit nach Anschauung derjenigen, die sie im Goetheschen Sinne auffassen, über die unmittelbare naturalistische Wahrheit hinausführt?

[ 8 ] There are, in fact, attempts to develop this supra-scientific standpoint, which certainly acknowledges science but rises above what science offers it as the laws of logical thought. Maeterlinck, for example, has put forward similar views in one of his more recent books, in which he describes the mating of bees. One asks: Can we speak of truth in the sense of scientific truth—of correspondence with the reality at hand, which is always found in the minutiae of the material world— if it is to be the content of a worldview, or does it, as a worldview truth, transcend purely objective truth in much the same way that poetic truth—according to those who understand it in the Goethean sense—transcends immediate naturalistic truth?

[ 9 ] Solche Ansätze sind in heutiger Zeit mehrfach zu finden zum Entzücken derer, die die Wahrheit im lebendigen Leben sehen, zum Greuel der Tatsachenfanatiker wie Tycho de Brahe oder der Gegner Haeckels. Doch gehört sie nicht vor deren Forum. Die Wahrheit, die befruchten will, wird immer ein Suchen sein, wird immer das Bild der Tatsachenfanatiker «fälschen» müssen; aber sie steht unendlich über dieser, indem sie etwas Intuitives, Geistiges im Menschen ausbildet, erwas Neues der Natur hinzufügt, was nicht wäre ohne den Menschengeist. Dadurch erhält das, was der Mensch in seinen Träumen hegt, in seinem Geiste schafft, mehr als die Bedeutung eines bloßen Luxus, erhält kosmische Wahrheit im Leben, als etwas, das der Mensch neu erzeugt hat. So steigt er auf dem Unterbau der Wissenschaft empor zu produktiver Arbeit, die frei aus seiner Seele hervorquillt als Originalintuition. Anschließend an die höchste Stufe der Entwickelung hat er eine Aufgabe, die kein anderes Wesen der Welt hat, fügt er etwas hinzu, was ohne ihn ewig nicht vorhanden wäre.

[ 9 ] Such approaches can be found in many places today, to the delight of those who see the truth in living reality, and to the horror of fact fanatics like Tycho de Brahe or Haeckel’s opponents. Yet they do not belong in their forum. The truth that seeks to inspire will always be a quest; it will always have to “distort” the picture presented by the fanatics of facts; yet it stands infinitely above them by developing something intuitive and spiritual within human beings, adding something new to nature that would not exist without the human spirit. Through this, what human beings cherish in their dreams and create in their minds takes on more than the significance of a mere luxury; it acquires cosmic truth in life as something that human beings have newly created. Thus, building upon the foundation of science, they rise to productive work that springs freely from their souls as original intuition. Having reached the highest stage of development, he has a task that no other being in the world has; he adds something that would never exist without him.

[ 10 ] Mögen diese Anschauungen dem reinen Naturforscher ein Greuel sein, ich halte es für eine richtige Erkenntnis, daß der Mensch ein Recht hat, produktiv in seiner Weltanschauung zu sein, ein Gefühl, das zu verschiedenen Zeiten lebendig war, als uns noch nicht Tatsachenfanatismus und Erkenntnistheorie Scheuklappen angelegt hatten, Zeiten, die von vornherein von dem kosmischen Charakter dieser Hinzufügung überzeugt waren.

[ 10 ] While these views may be an abomination to the pure natural scientist, I consider it a valid insight that human beings have a right to be creative in their worldview—a sentiment that was alive at various times, before fanaticism for facts and epistemology had put blinders on us, times that were convinced from the outset of the cosmic nature of this addition.

[ 11 ] Lassen Sie mich schließen mit den Worten des Angelus Silesius, die die Erkenntnis der einzigartigen Bedeutung des Menschengeistes in der Welt ausdrücken:

[ 11 ] Let me conclude with the words of Angelus Silesius, which express the recognition of the unique significance of the human spirit in the world:

[ 12 ] Ohn’ mich könnt’ Gott kein einzig Würmlein schaffen; Würd’ ich zu nichts, müßt’ es im Nichts zerkrachen.

[ 12 ] Without me, God could not create a single little worm; if I were to cease to exist, it would crumble into nothingness.

[ 13 ] Schäfer, früher Sprecher der freireligiösen und der humanistischen Gemeinde zu Berlin, beanstandet den Ausdruck «Fälschung» für den Irrtum des Kopernikus. Wenn er anstatt einer Ellipseneine Kreisbewegung annahm, so sei das eine mangelhafte Anschauung, die wie viele ähnliche durch den fortschreitenden Menschengeist geklärt worden, wie es denn immer das Los des Menschen sein werde, vor Unvollkommenheiten seiner Anschauungen stehenbleiben zu müssen, die erst später gelöst werden.

[ 13 ] Schäfer, former spokesperson for the Free Religious and Humanist Community in Berlin, objects to the use of the term “forgery” to describe Copernicus’s error. If he assumed a circular motion instead of an ellipse, this was a flawed conception that, like many similar ones, has been clarified by the advancing human spirit; for it will always be the lot of humankind to be held back by the imperfections of their conceptions, which are only resolved later.

[ 14 ] Redner hätte das Thema lieber gefaßt gesehen: «Von welchem Forum, welchem Gerichtshof kann geurteilt werden über eine Weltanschauung, über Wahrheit und Unwahrheit, und damit über ihr Recht und Unrecht?»

[ 14 ] The speaker would have preferred the topic to be addressed more concisely: “By what forum, by what court can a worldview, truth, and falsehood—and thus right and wrong—be judged?”

[ 15 ] Dieses Forum kann nur die Persönlichkeit, ihre Souveränität sein. Aus dieser Stellung fließt dann das Gefühl der Verantwortlichkeit.

[ 15 ] This forum can only be the individual, in their sovereignty. It is from this position that a sense of responsibility arises.

[ 16 ] Dr. Stern: «Eine Grundlage, die von Wichtigkeit ist für unsere Diskussion, lautet: Ist eine Weltanschauung, das heißt, eine allgemeine philosophische Anschauung vom wahren Wesen der Welt und alles Seienden überhaupt möglich? Diese Frage ist sehr verschieden beantwortet worden. Während es einerseits für unbedenklich gehalten wird, nach den gemachten Erfahrungen sich ein dogmatisches Weltbild zu verschaffen, so ist eine andere Meinung, zu der ich mich bekenne, der kritische Positivismus, der von wissenschaftlicher Erkenntnis ausgehend zwar nicht bei der einzelnen Tatsache stehenbleibt, es aber doch nicht für möglich hält, ein Bild des letzten Sachverhaltes, ein wahres Bild des Kosmos zu gewinnen.

[ 16 ] Dr. Stern: “A fundamental question of importance to our discussion is this: Is a worldview—that is, a general philosophical conception of the true nature of the world and of all that exists—even possible? This question has been answered in very different ways. While, on the one hand, it is considered unobjectionable to form a dogmatic worldview based on experience, another view—to which I subscribe—is critical positivism, which, while proceeding from scientific knowledge and not stopping at individual facts, nevertheless does not consider it possible to arrive at a picture of the ultimate reality, a true picture of the cosmos.

[ 17 ] Um die dogmatische Methode zu rechtfertigen, wird auf den metaphysischen Trieb hingewiesen, der unzweifelhaft im Menschen existiert, schon im Kinde, das das Spielzeug zerbricht, um hinter den Kern der Sache zu kommen.

[ 17 ] To justify the dogmatic method, reference is made to the metaphysical impulse that undoubtedly exists in human beings—even in a child who breaks a toy to get to the heart of the matter.

[ 18 ] Bei der Bildung metaphysischer Systeme zur Befriedigung dieses Triebes haben sich aber zwei psychologische Fehler eingeschlichen: die griechische Philosophie griff einseitig einen der verschiedenen Teile des Weltalls heraus und machte ihn zum Subjekt, dem wahren Wesen der Natur. So Thales das Wasser. In neuerer Zeit ist man darauf verfallen, verschiedene psychologische Fähigkeiten der Menschennatur einzeln ins Auge zu fassen und, phantastisch vergrößert, der Natur als Wesenheit unterzuschieben. So macht Hegel die Vernunft zum Weltprinzip, Schopenhauer den blinden Willen. Lotze nimmt ein umfassendes Bewußtsein an, das alle Wechselwirkung vermittelt. So ist die Philosophie glücklich wieder da angelangt, wo sie ausging, im Hylozoismus.

[ 18 ] However, two psychological errors have crept into the formation of metaphysical systems designed to satisfy this impulse: Greek philosophy singled out one of the various parts of the universe in a one-sided manner and made it the subject, the true essence of nature. Thus, Thales chose water. In more recent times, people have fallen into the habit of focusing individually on various psychological faculties of human nature and, after fantastically exaggerating them, attributing them to nature as an entity. Thus, Hegel makes reason the principle of the world, and Schopenhauer makes it the blind will. Lotze posits a comprehensive consciousness that mediates all interactions. Thus, philosophy has happily returned to where it began: hylozoism.

[ 19 ] Ich halte es überhaupt für unmöglich, eine allgemeine, wahre und richtige Weltanschauung zu finden, einmal wegen der subjektiven Beschaffenheit des menschlichen Geistes, der alles und jedes durch eine subjektive Brille sieht und nach Kant das Ding an sich nie erkennen kann, anderseits aus dem objektiven Grunde, daß alle unsere Forschung nur einen so kleinen Teil des Weltalls umfaßt und es überhaupt unmöglich ist, daß jemals ein so großer Teil des Geschehens in den Kreis unserer Erfahrung tritt, daß wir allgemein gültige Schlüsse auf die Gesamtwelt daraus ziehen können.»

[ 19 ] I consider it utterly impossible to find a universal, true, and correct worldview, firstly because of the subjective nature of the human mind, which views everything through a subjective lens and, according to Kant, can never perceive the thing-in-itself, and second, for the objective reason that all our research encompasses only such a small part of the universe, and it is simply impossible that such a large portion of what occurs will ever fall within the scope of our experience that we could draw universally valid conclusions about the world as a whole from it.”

[ 20 ] Benedikt Lachmann: «Dr. Steiner scheint mir einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur aufzustellen. Das Wesen des Menschen wie jeder anderen Existenzform läßt sich auflösen in ein Spiel von Kräften, von Bewegung und Widerstand, die zwecklos miteinander kämpfen. Es kann sich für den Menschen nicht darum handeln, sich über diese Kräfte zu erheben, sondern er muß suchen, so gut wie möglich mit ihnen sich auseinanderzusetzen.»

[ 20 ] Benedikt Lachmann: “Dr. Steiner seems to me to posit a contrast between humanity and nature. The essence of the human being, like that of any other form of existence, can be reduced to an interplay of forces—of movement and resistance—that struggle against one another without purpose. For the human being, the goal cannot be to rise above these forces; rather, he must seek to engage with them as best he can.”

[ 21 ] Wolfgang Kirchbach: «Dr. Steiner hat gesagt, es sei eine Gefahr, ja eine Notwendigkeit des menschlichen Geistes, zu einer Fälschung zu gelangen, wenn er sich nicht begnügen will, ein einfaches Abbild, einen Abklatsch der Wirklichkeit zu geben. Im Gegensatz dazu glaubte Baco von Verulam, ein richtiges Weltbild aufbauen zu können allein auf den perceptionibus sensuum, und das Kopernikanische System verwarf er, weil es seiner Vorstellung von den perceptiones widersprach.

[ 21 ] Wolfgang Kirchbach: “Dr. Steiner said that it is a danger—indeed, a necessity—for the human spirit to arrive at a falsification if it is not content to provide a mere image, a copy, of reality. In contrast, Bacon of Verulam believed he could construct a correct worldview based solely on the perceptionibus sensuum, and he rejected the Copernican system because it contradicted his conception of the perceptiones.

[ 22 ] Es kommt doch bei der Feststellung der Wahrheit auf die Kenntnis an, die der Mensch überhaupt von seinen Kräften und Vermögen hat, die ihm zur Beurteilung der Wirklichkeit gegeben sind. Darunter gehört zum Beispiel auch die mathematische Beurteilung, die die Wahrnehmungen korrigiert. Von einer Fälschung kann man wohl nur in dem Sinne reden, daß der Mensch einseitig auf die eine oder andere Fähigkeit verzichtet. Es hat doch auch Köpfe gegeben, die im Vollbesitz aller ihrer geistigen Fähigkeiten in einer gewissen Reife, die wir Vernunft nennen, dachten. Wenn Herr Schäfer sagt, das Forum einer Weltanschauung sei die, Souveränität meiner Persönlichkeit, so meinte er sicherlich, daß dieses Forum der Gesamtbesitz der geistigen Kräfte meiner Persönlichkeit sei, und wir können uns auf den Namen Vernunft einigen.

[ 22 ] After all, determining the truth depends on the knowledge a person has of the powers and abilities with which they are endowed to assess reality. This includes, for example, mathematical reasoning, which corrects perceptions. One can probably speak of a “falsification” only in the sense that a person unilaterally renounces one ability or another. After all, there have also been minds that thought while in full possession of all their intellectual faculties, at a certain level of maturity that we call reason. When Mr. Schäfer says that the forum of a worldview is the “sovereignty of my personality,” he certainly meant that this forum is the total possession of the intellectual powers of my personality, and we can agree on the term “reason.”

[ 23 ] Der Vernunfibegrlff der Wahrheit fordert Uberemsummung des Urteils mit der Wirklichkeit für jedes Denken, in Wissenschaft wie Weltanschauung, verlangt nach Beobachtung, Wahrnehmung, Korrektur der Wahrnehmung, den Begriff, den Ausdruck zu finden, der die größte Summe der bekannten Tatsachen nach dem jeweiligen Stande der Erkenntnis ausdrückt, die größte Zusammenstimmung unserer Urteile mit der Wirklichkeit ausdrückt.

[ 23 ] The rational concept of truth requires, for all thinking—whether in science or worldview—a reconciliation of judgment with reality; it demands observation, perception, correction of perception, and the discovery of the concept and expression that best encapsulate the sum of known facts according to the current state of knowledge, and that best express the greatest harmony between our judgments and reality.

[ 24 ] Dieser Weg allein macht Forschung und Phantasie produktiv, schützt sich vor Irrtum, der von der Wirklichkeit widerlegt, inhaltslos und unproduktiv ist. So allein ist es möglich, der Natur etwas produktiv hinzuzufügen. Auch wenn der Dichter uns ein Weltbild gibt, halten wir es für besser, daß er realistische Gestalten schafft, in seinem Werke ein gesellschaftliches oder sonstiges allgemeines Gesetz zu beobachten gibt. Sein Werk ist auch nur das Abbild der Wirklichkeit, aber allein das Auffinden des wirklichen innern Symbols ist eine eminent produktive Tätigkeit, wie in der Wissenschaft das Auffinden des zusammenfassenden, in seiner Anwendung fruchtbaren Oberbegriffs aus der Summe der entgegenstehenden und einschränkenden Data.

[ 24 ] This path alone makes research and imagination productive, and protects against error—error that is refuted by reality and is meaningless and unproductive. Only in this way is it possible to make a productive contribution to nature. Even if the poet presents us with a worldview, we consider it better for him to create realistic characters and to allow a social or other general law to be observed in his work. His work is also merely a reflection of reality, but the very act of discovering the true inner symbol is an eminently productive activity—just as in science, the discovery of a unifying, conceptually fruitful general concept from the sum of conflicting and limiting data.

[ 25 ] Es bedarf allerdings einer produktiven Einbildungskraft aber diese ebenso eines Regulators der Vernunft, eine Einschränkung der Phantasie durch die Wirklichkeit.

[ 25 ] However, a productive imagination is necessary, but this, in turn, requires a regulatory force of reason—a restraint on the imagination imposed by reality.

[ 26 ] Diese Methode hat durch Schaffung neuer Organe etwas zur Welt hinzugefügt. Durch methodisch-vernünftige Betrachtung hat Kant auf sittlichem Gebiet dem, was wir hier gemeinhin Natur nennen, der Welt der Empfindung und Lustgefühle, ein ganz neues Moment hinzugesellt, das weit über die empirische Natur hinausragt, den kategorischen Imperativ.»

[ 26 ] This method has added something to the world by creating new faculties. Through methodical and rational reflection, Kant has added, in the moral realm, a completely new element to what we commonly call nature—the world of sensation and pleasurable feelings—an element that extends far beyond empirical nature: the categorical imperative.”

[ 27 ] Dr. Steiner: «Ich muß gestehen, daß die Angriffe das, was ich heute gesprochen habe, gar nicht getroffen haben. Ich habe nicht von einem Gegensatz zwischen Mensch und Natur gesprochen. Ich habe mich vielmehr auf den konsequentesten Standpunkt der Entwickelungstheorie gestellt, daß ich alle Stufen der Natürlichkeit, von den tiefsten bis hinauf zu den höchsten Regungen des Geistes, als einheitliche betrachte, die nur in verschiedenen Formen zum Vorschein kommen. Aber eine Amöbe ist schließlich kein Mensch, und es handelt sich nicht darum, alle Unterschiede zu verwischen. Wenn ich aber sage, in der Natur ist alles nur Kraft, Widerstand, Bewegung, so erinnert das zu sehr an den Satz: In der Nacht sind alle Katzen grau. Es ist nicht so im Handumdrehen mit der Welt fertig zu werden. Erst wenn ich die Dinge unterschieden habe, kann ich nach einem einheitlichen, verbindenden Prinzip suchen. Im Sinne des verbindenden Entwickelungsprinzips habe ich von der Aufgabe des Menschen gesprochen als einer innerhalb der Natur liegenden, durch die Entwickelungstatsachen gegebenen.

[ 27 ] Dr. Steiner: “I must admit that the attacks did not address what I spoke about today at all. I did not speak of a contrast between human beings and nature. Rather, I adopted the most consistent standpoint of evolutionary theory, viewing all stages of naturalness—from the deepest to the highest stirrings of the spirit—as a unified whole that manifests itself only in different forms. But an amoeba is, after all, not a human being, and the point is not to blur all distinctions. Yet when I say that in nature everything is merely force, resistance, and movement, this is too reminiscent of the saying: ‘All cats are gray in the dark.’ One cannot come to terms with the world in the blink of an eye. Only after I have distinguished between things can I seek a unified, unifying principle. In the sense of the unifying principle of development, I have spoken of humanity’s task as one that lies within nature and is determined by the facts of development.

[ 28 ] Daß wir uns an die Wirklichkeit halten müssen, wenn wir produktiv sein wollen, und an ihr unsere Phantasie korrigieren, darin stimme ich vollkommen bei. Ich führte nur aus, daß die Bemühungen, ein Weltbild zu geben, das nur ein Abklatsch der Wirklichkeit ist, wie Büchner will, diesen Anforderungen bisher nicht genügten, und zum Beispiel auch dieser gezwungen ist, den Tatsachen Gewalt anzutun. Man muß hier nicht auf den Willen sehen, sondern auf das Resultat. Man benimmt sich so, als wenn man ein Bild des real Vorliegenden geben wolle, kann es aber nicht. Mein Prinzip ist daher nicht ein theoretisches, sondern ein praktisches Hinausgehen über die Wirklichkeit im Sinne, wie ich sie im Entwickelungsprinzip sehe, wo Geschöpfe über ihre eigene Gattung hinausgehen. Diese Stellung des Problems ist in der Diskussion gar nicht berührt worden.

[ 28 ] I completely agree that we must stick to reality if we want to be productive, and use it to correct our imagination. I merely pointed out that efforts to present a worldview that is merely a pale imitation of reality—as Büchner advocates—have so far failed to meet these requirements, and that even he, for example, is forced to distort the facts. One must look not at the intention here, but at the result. One acts as if one wanted to present an image of what actually exists, but is unable to do so. My principle, therefore, is not a theoretical one, but a practical transcendence of reality in the sense that I see it in the principle of development, where creatures transcend their own species. This formulation of the problem was not addressed at all in the discussion.

[ 29 ] Das Wort Fälschung habe ich nicht im Sinne der Unvollkommenheit einer Vorstellung gebraucht, die erst später geklärt wird, sondern meinte, daß die Forscher immer um des Systems willen zu bewußt falscher Darstellung gezwungen werden, wenn sie eine umfassende Einheit suchen, und habe deshalb gefragt, ob überhaupt das, was wir im höchsten Sinne Wirklichkeit zu nennen berechtigt sind, sich mit dem deckt, was der Naturforscher sich unter Wirklichkeit denkt. Wenn Haeckel drei Stufen des embryonalen Entwikkelungsstandes mit demselben Klischee abdruckt, so ist er, um den Beweis nach naturwissenschaftlicher Methode liefern zu können, zu einer Fälschung gezwungen. Ich meine mit Ironie, daß solche Fälscher trotzdem Recht behalten, wie Haeckel gegenüber seinen Gegnern, die am rein Tatsächlichen der naturwissenschaftlichen Methode hängen, denn sie sehen in intuitiver Weise hinaus über die Einzeltatsachen, nicht in phantastischer.

[ 29 ] I did not use the word “falsification” in the sense of the imperfection of a concept that is only clarified later, but rather meant that researchers are always forced, for the sake of the system, to present a deliberately false representation when they seek a comprehensive unity, and I therefore asked whether what we are justified in calling “reality” in the highest sense even corresponds to what the natural scientist understands by “reality.” When Haeckel prints three stages of embryonic development using the same plate, he is forced to commit a falsification in order to provide proof according to the scientific method. I mean, with a touch of irony, that such falsifiers are nevertheless proven right—as Haeckel was against his opponents, who cling to the purely factual nature of the scientific method—because they intuitively look beyond individual facts, not in a fanciful way.

[ 30 ] Wenn aber Herr Dr. Stern die Möglichkeit eines Weltbildes, einer Gesamtanschauung im Prinzip verwirft und dabei die Verschiedenheit der philosophischen Systeme zur Unterstützung seiner Ansicht heranzieht, so ist das eine Fable convenue, die auf unvollständigen Vorstellungen von den einzelnen Systemen beruht. Die bedeutendsten Wahrheitsversuche, die gemacht worden sind, von der Vedantaphilosophie durch die griechische bis zur deutschen, sind Annäherungen an die Wahrheit in verschiedenen Graden.

[ 30 ] But when Dr. Stern rejects in principle the possibility of a worldview, of a comprehensive perspective, and in doing so cites the diversity of philosophical systems to support his view, this is a cliché based on incomplete understandings of the individual systems. The most significant attempts at truth that have been made—from Vedanta philosophy through Greek philosophy to German philosophy—are approximations of the truth to varying degrees.

[ 31 ] Das Forum, vor dem die Berechtigung der einen oder der anderen Anschauungsweise entschieden wird, kann allein das Forum des Menschen, seine souveräne Persönlichkeit sein, wie ich mit Dr. Schäfer übereinstimmend meine. Dieser Satz scheint mir ein wahrhaft realer, der geflossen ist — nicht aus theoretischen Spintisierereien, sondern aus der Erfahrung von Männern, die praktisch gewirkt haben. Aber so wahr es ist, daß die Persönlichkeit das letzte Forum ist, so sicher ist es wahr, daß dann die Persönlichkeit immerdar die Verantwortlichkeit dieser Stellung fühlen muß und die Pflicht, sich stetig zu entwickeln, die Tiefen der Persönlichkeit auszubilden. Das Kind kann nicht ebenso Forum sein wie der, der auf der Höhe der Erkenntnis steht. Es entsteht daher die Frage: Wo liegt in uns Menschen das zu Entwickelnde, das Produktive? Was entspricht in uns dem, das die Natur vorwärtstreibt, die Affen aus ihrer Gattung hinausgehen ließ und zum Menschen machte?

[ 31 ] The forum in which the validity of one view or another is decided can only be the forum of the individual, his sovereign personality, as I believe, in agreement with Dr. Schäfer. This statement strikes me as a truly genuine one, arising not from theoretical speculations but from the experience of men who have acted in practical ways. But just as it is true that the individual is the ultimate forum, so it is equally true that the individual must always feel the responsibility of this position and the duty to continually develop and cultivate the depths of the individual. A child cannot be a forum in the same way as one who stands at the pinnacle of knowledge. This raises the question: Where within us humans lies that which is to be developed, that which is productive? What within us corresponds to that which drives nature forward—that which led apes to transcend their species and become human?

[ 32 ] Betrachte ich den Menschen als Entwickelungsprodukt, so kann ich ihn allerdings als das höchste vorhandene Forum ansehen. Aber ich habe auch die Verpflichtung, das höchste Menschliche in mir immer zum Dasein zu rufen und habe in keinem Momente meines Lebens das Recht, mich als Forum in voller und letzter Instanz anzuerkennen, wohl aber kann ich mich, als in der Entwickelung stehend, der Erwartung hingeben, daß mir in jedem Augenblick meines Daseins ein höherer Punkt der Erkenntnis, als ich jetzt habe, aufgehen kann. Die Fortentwickelung der Persönlichkeit hat sich auf der Wissenschaft aufzubauen, aber auch darüber hinauszugehen, wie Kunst und Poesie es tut, und so wenig Kunst und Poesie in blinde Phantasmen hineinkommen, wird, wenn die Menschen am Entwickelungsprinzip ihre Persönlichkeit kontrollieren, wenn sie auch noch so weit hinausgehen über die objektive Natur, in den verschiedensten Menschen Übereinstimmung entstehen, wie die Übereinstimmung philosophischer Systeme aller Zeiten das zeigt.

[ 32 ] If I regard human beings as the product of evolution, I can indeed view them as the highest existing forum. But I also have an obligation to constantly summon the highest human qualities within myself, and at no moment in my life do I have the right to recognize myself as the ultimate and final authority; rather, as one who is still developing, I can devote myself to the expectation that at every moment of my existence, a higher level of understanding than I currently possess may dawn upon me. The further development of the personality must be based on science, but it must also go beyond it, as art and poetry do; and just as art and poetry do not stray into blind fantasies, so too, when people guide their personalities according to the principle of development—even if they venture far beyond objective nature—harmony will arise among the most diverse individuals, as demonstrated by the harmony of philosophical systems throughout the ages.

[ 33 ] In dieser souveränen Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit liegt die Lösung der Frage: Inwiefern enthält die Wissenschaft Wahrheit? Kann sie allein zur Wahrheit führen?

[ 33 ] The solution to the question—“To what extent does science contain truth? Can it alone lead to the truth?”—lies in this sovereign significance of the human personality.

[ 34 ] Die Welt, besonders für die Wissenschaft, ist in mancher Beziehung dualistisch gebaut. Die Entwickelung ist nur möglich, indem die Natur zwiespältig das Künftige in ihr vorbereitet hat. Als ein scheinbarer, für die Wissenschaft zunächst nicht auflösbarer Gegensatz tritt die Natur dem Menschen entgegen, als Kraft, Materie und so weiter.

[ 34 ] The world, especially from a scientific perspective, is structured in a dualistic way in many respects. Development is only possible because nature has, in a contradictory manner, laid the groundwork for the future within itself. Nature presents itself to humanity as an apparent contradiction—one that science cannot initially resolve—in the form of force, matter, and so on.

[ 35 ] Hier tritt nun die Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit ein. Vereinigend, monistisch, kann allein die Lebenstätigkeit des Menschen sein. Sie besteht im Auflösen dieser scheinbaren Gegensätze in eine höhere, produktiv aus dem Menschen erzeugte Anschauung, im Leben der Entwickelung, im Vereinen der Gegensätze, im lebendigen Tun.

[ 35 ] This is where the significance of the human personality comes into play. Only human life activity can be unifying and monistic. It consists in resolving these apparent opposites into a higher perspective—one productively generated by human beings—in the life of development, in the unification of opposites, and in living action.

[ 36 ] Deshalb ist die Frage nach Gültigkeit der Weltanschauung vor dem Forum des Lebens, nicht vor dem Forum der Erkenntnis zu entscheiden.»

[ 36 ] “Therefore, the question of the validity of a worldview must be decided in the context of life, not in the context of knowledge.”