Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51
7 Mai 1902, Berlin
28. Wahrheit und Wissenschaft
Einleitendes Referat Rudolf Steiners: «Vor welchem Forum kann über ‹einheitliche Weltanschauung› entschieden werden? — Versuch einer Antwort auf die Frage nach ‹Wahrheit und Wissenschaft›»; anschließend Diskussion.
[ 1 ] Dr. Rudolf Steiner, als Referent: Angeregt worden bin ich zu unserer Fragestellung «Vor welchem Forum muß einheitliche Weltanschauung entschieden werden» einmal durch die früheren Diskussionen unseres Bundes, der ja monistische Weltanschauung pflegen will, und auch durch meine persönliche Beteiligung an dem Streit um Haeckels «Welträtsel». Hier im Bunde wurden oft die Fragen erwogen: Was ist das Wesen einer einheitlichen Weltanschauung, worin besteht ihr Wert, haben wir eigentlich das Recht, von einer speziell monistischen zu sprechen? Es wurde einmal betont, daß wir nach dem heutigen Standpunkt der Wissenschaft kein Recht haben, von einer Einheit in stofflicher Beziehung zu sprechen, und ein andermal von Dr. Penzig ausgeführt, daß beim Streben nach einem einheitlichen, die ganze Natur und Geisteswelt umfassenden Weltbilde man gar nicht anders könne, als das objektiv von der Einzelwissenschaft gegebene Bild fälschend abzurunden, also den Tatsachen Gewalt anzutun. Ich habe schon damals bemerkt, daß von solchen vermeintlichen Fälschungen oft die größten Fortschritte ausgegangen sind. So war das Kopernikanische Weltsystem für seine Zeit eine «Fälschung» der vorliegenden Tatsachen, wie die LamarckDarwinsche Entwickelungstherorie nichts weiter ist. Wie Tycho de Brahe das für seine Zeit einzig mögliche Weltbild gab, so ist es dem Tatsachenfanatiker, der mit seinem Denken nicht über die objektiv gebotenen Tatsachen hinausgehen will, leicht, die «Fälschungen» nachzuweisen, die die Lamarck-Haeckelsche Entwickelungstheorie nach dem heutigen Stande der Wissenschaft enthält. Trotzdem glaube ich, wird wie Kopernikus Haeckel Recht behalten. Ich bin seinerzeit mit aller Entschiedenheit für die viel umstrittenen «Welträtsel» eingetreten, weil ich die Konsequenz und äußerste Kühnheit bewunderte, mit der ein Geist von einem einseitigen Standpunkte aus ein Weltbild entwirft und «fälscht». Obwohl meine philosophischen Grundanschauungen ihm nur entgegengesetzt sind in dem, was er darin bekämpft und ihm beistimmen in dem, was er Positives gibt. Zugleich wurde ich aber unter Heranziehung früherer Schriften als ein Hauptgegner Haeckels bezeichnet, eine Erfahrung, die mir symptomatisch scheint für unsere Zeit, insofern im Kopf eines anderen die Vorstellungswelt des Autors ein ganz anderes Bild annimmt. Wir führen eben mit unseren Begriffen, nach ihrer sonstigen Stellung im Geistesleben, Vorstellungen ins Feld, die etwas anderes besagen, als wir ausdrücken wollen.
[ 2 ] Bei diesen Auseinandersetzungen über Haeckel und in den Diskussionen des Bundes ist mir eine Frage wieder lebendig geworden, die ich mir schon oft vorlegte: Wie verhält sich Wahrheit zur Wissenschaft? Enthält die Wissenschaft Wahrheit, enthält sie irgendwelche Momente, die zum Aufbau einer einheitlichen Weltanschauung führen könnten? Haben wir das Recht, aus der Wissenschaft heraus eine einheitliche Weltanschauung oder überhaupt eine Weltanschauung aufbauen zu wollen?
[ 3 ] Bei dieser Frage, die schon Jahrhunderte beschäftigt hat, die ihrer Lösung näher waren als die Neuzeit, die sich den Weg der Lösung durch die sogenannte Erkenntnistheorie verbaut hat, muß man sich klar werden, vor welchem Forum überhaupt etwas ausgemacht werden kann in bezug auf Wahrheit und Wissenschaft, in bezug auf Wahrheitsgehalt der Wissenschaft.
[ 4 ] Heutzutage haben wir nach der ganzen Entwickelung des 19. Jahrhunderts von der Wahrheit etwa die Vorstellung, daß sie mit der objektiv vorliegenden Wirklichkeit übereinstimmen müsse. Wir befinden uns in einem intensiven Tatsachenfanatismus, der uns nicht gestattet, irgendeinen Schritt über die Registrierung hinauszugehen. Wenn Wahrheit nur eine begriffliche Wiederholung dessen ist, was außer uns vorhanden ist, so ist nach Empfindung derjenigen, die heute nach Weltanschauung streben, diese auch nichts anderes, als ein Gegenbild außer uns vorhandener Tatsachen, der außer uns in der Welt fertigen Wirklichkeit. Wenn es gelänge, von irgendeiner Ecke in möglichst günstiger Perspektive eine Photographie der Welt zu machen, so wäre das Ideal eines Weltbildes erreicht. Eine solche Weltanschauung aufzubauen wäre aber tatsächlich überflüssig, ein bloßer Luxus des Menschengeistes, wenn sie, wie die Wissenschaft, nichts anderes sein soll als eine bloße Wiederholung, eine Art photographisches Gegenbild dessen, was in der Welt vorgeht, was abgeschlossen vorliegt. Daß der Einzelne sich noch ein individuelles Gegenbild neben der Wissenschaft bildet, wäre vollkommen entbehrlich, für den ganzen Weltzusammenhang unendlich gleichgültig. Wenn die Natur alles bis auf den Schlußpunkt für uns besorgt und ausgebildet hat, so gehört das nicht zur Wirklichkeit, was der Menschengeist träumt und schafft. Für diesen Standpunkt, der in grotesker Weise in der heutigen Wissenschaft auch in Haeckels «Welträtsel» hervortritt, ist der Mensch nichts anderes als ein bloßes Staubkorn im Kosmos, das sich bloß quantitativ unterscheidet von dem Wurm. Macht er sich ein Weltbild, so lebt er ein Luxusleben, tut etwas, was nicht das Geringste hinzubringt zur Weltentwickelung. Vielmehr wird gefordert, daß er niemals etwas aus dem eigenen Geiste Genommenes, was in der übrigen Natur nicht gefunden wird, zubringen dürfe, sondern nur registrieren, vergleichen, logisch verknüpfen.
[ 5 ] Wir fragen: Stimmt dies Verfahren, bloß logisch der objektiven Natur gegenüberzutreten, niemals etwas über den derzeitigen Stand der Verhältnisse Hinausgehendes hinzuzufügen, überein mit dem Gange der Wesenheiten der Natur; liegt nicht vielleicht in der Entwickelungsrichtung der Natur etwas, das uns zwingt, irgend etwas der Wirklichkeit hinzuzufügen? Die Antwort gibt die Natur uns selbst. Besonders solle sie sie dem Entwickelungstheoretiker geben.
[ 6 ] Gestatten Sie mir, um Ihnen dies in prägnanter Weise darzulegen, die Annahme, die Natur befände sich in dem Stadium ihrer Entwickelung, daß es nur Affen und keine Menschen gegeben hätte, die Affen hätten nachgeforscht über die Erscheinungen der Welt, sie hätten gefunden, was unter ihnen liegt, und noch Affen dazu. Hätten sie sich auf den empirischen Standpunkt gestellt, so hätten sie sich bei der Erkenntnis beruhigt: die Welt schließt mit den Affen ab. Sie hätten vielleicht eine Affenethik gegründet auf Grund der allgemeinen Affenempfindung, so daß hier zu der Welt nichts Neues hinzugetan worden und sie auf ihrem Standpunkt stehen geblieben wäre. Doch von unserem Standpunkte der Erkenntnis wissen wir, daß im Entwickelungsprinzip allerdings etwas vorhanden war, was über die Affengattung hinausgeleitet hat, das, weil es ein produktives Prinzip war, weil es über dasjenige, was als abgeschlossene Wirklichkeit vorlag, hinauswies, zur Menschenbildung geführt hat, etwas, das sich nicht auf das Tatsächliche beschränkte, was, gleichsam als reale Phantasie, reale Intuition in der Natur vorhanden, diese über ihre einzelnen Stadien hinwegführt und über die unmittelbare Gegenwart hinaushebt.
[ 7 ] Auch der Mensch als Produkt der Entwickelung, als Wesen in der Natur, ist da, um der Entwickelung zu leben, nicht bloß, um zurückschauend sich ein Bild der Entwickelung zu machen und sich als den Schlußpunkt der Reihe zu betrachten. Eine Weltanschauung, die den Inhalt seines ganzen Denkens und Tuns zusammenfassen will, wird deshalb nicht bloß theoretisch-betrachtend, sondern auch praktisch-postulierend sein müssen. Der Mensch soll also nicht nur in irgendeiner Weise die Natur wiederholen, sondern sehen, ob nicht in ihm Kräfte liegen, die über das unmittelbar Gegebene hinausführen. Er soll die Entwickelung geistig, ideell lebendig in sich machen, soll die Kräfte suchen, die die Gattung weitertreiben, den Fortschritt hervorbringen, nicht bloß seine Geisteskräfte danach untersuchen, ob sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Die Frage «Können wir zum Ding an sich dringen, in das Wesen der Welt hineinsehen» ist ein Unheil, ein Hemmnis für den Menschen. Aber wenn er sich in die Entwickelung stellt, eingreifend in die Natur, um sie ein Stück weiterzuführen, kommt er zu einem Gefühl seiner erhabenen Aufgabe, seiner Stellung innerhalb der Welt.
[ 8 ] Es sind tatsächlich Ansätze zur Bildung dieses überwissenschaftlichen Standpunktes vorhanden, der die Wissenschaft durchaus gelten läßt, aber sich über das erhebt, was die Wissenschaft ihm als Gesetzmäßigkeit des logischen Gedankens bietet. Maeterlinck ist zum Beispiel mit ähnlichen Anschauungen hervorgetreten in einem seiner neueren Bücher, in dem er die Hochzeit der Bienen schildert. Man fragt: Können wir von Wahrheit im Sinne wissenschaftlicher Wahrheit, von Übereinstimmung mit der vorliegenden Wirklichkeit, die sich immer im materiellen Kleinkram befindet, reden, wenn sie Inhalt einer Weltanschauung sein soll, oder führt sie als Weltanschauungswahrheit in ähnlicher Weise über die rein objektive Wahrheit hinaus, wie die dichterische Wahrheit nach Anschauung derjenigen, die sie im Goetheschen Sinne auffassen, über die unmittelbare naturalistische Wahrheit hinausführt?
[ 9 ] Solche Ansätze sind in heutiger Zeit mehrfach zu finden zum Entzücken derer, die die Wahrheit im lebendigen Leben sehen, zum Greuel der Tatsachenfanatiker wie Tycho de Brahe oder der Gegner Haeckels. Doch gehört sie nicht vor deren Forum. Die Wahrheit, die befruchten will, wird immer ein Suchen sein, wird immer das Bild der Tatsachenfanatiker «fälschen» müssen; aber sie steht unendlich über dieser, indem sie etwas Intuitives, Geistiges im Menschen ausbildet, erwas Neues der Natur hinzufügt, was nicht wäre ohne den Menschengeist. Dadurch erhält das, was der Mensch in seinen Träumen hegt, in seinem Geiste schafft, mehr als die Bedeutung eines bloßen Luxus, erhält kosmische Wahrheit im Leben, als etwas, das der Mensch neu erzeugt hat. So steigt er auf dem Unterbau der Wissenschaft empor zu produktiver Arbeit, die frei aus seiner Seele hervorquillt als Originalintuition. Anschließend an die höchste Stufe der Entwickelung hat er eine Aufgabe, die kein anderes Wesen der Welt hat, fügt er etwas hinzu, was ohne ihn ewig nicht vorhanden wäre.
[ 10 ] Mögen diese Anschauungen dem reinen Naturforscher ein Greuel sein, ich halte es für eine richtige Erkenntnis, daß der Mensch ein Recht hat, produktiv in seiner Weltanschauung zu sein, ein Gefühl, das zu verschiedenen Zeiten lebendig war, als uns noch nicht Tatsachenfanatismus und Erkenntnistheorie Scheuklappen angelegt hatten, Zeiten, die von vornherein von dem kosmischen Charakter dieser Hinzufügung überzeugt waren.
[ 11 ] Lassen Sie mich schließen mit den Worten des Angelus Silesius, die die Erkenntnis der einzigartigen Bedeutung des Menschengeistes in der Welt ausdrücken:
[ 12 ] Ohn’ mich könnt’ Gott kein einzig Würmlein schaffen; Würd’ ich zu nichts, müßt’ es im Nichts zerkrachen.
[ 13 ] Schäfer, früher Sprecher der freireligiösen und der humanistischen Gemeinde zu Berlin, beanstandet den Ausdruck «Fälschung» für den Irrtum des Kopernikus. Wenn er anstatt einer Ellipseneine Kreisbewegung annahm, so sei das eine mangelhafte Anschauung, die wie viele ähnliche durch den fortschreitenden Menschengeist geklärt worden, wie es denn immer das Los des Menschen sein werde, vor Unvollkommenheiten seiner Anschauungen stehenbleiben zu müssen, die erst später gelöst werden.
[ 14 ] Redner hätte das Thema lieber gefaßt gesehen: «Von welchem Forum, welchem Gerichtshof kann geurteilt werden über eine Weltanschauung, über Wahrheit und Unwahrheit, und damit über ihr Recht und Unrecht?»
[ 15 ] Dieses Forum kann nur die Persönlichkeit, ihre Souveränität sein. Aus dieser Stellung fließt dann das Gefühl der Verantwortlichkeit.
[ 16 ] Dr. Stern: «Eine Grundlage, die von Wichtigkeit ist für unsere Diskussion, lautet: Ist eine Weltanschauung, das heißt, eine allgemeine philosophische Anschauung vom wahren Wesen der Welt und alles Seienden überhaupt möglich? Diese Frage ist sehr verschieden beantwortet worden. Während es einerseits für unbedenklich gehalten wird, nach den gemachten Erfahrungen sich ein dogmatisches Weltbild zu verschaffen, so ist eine andere Meinung, zu der ich mich bekenne, der kritische Positivismus, der von wissenschaftlicher Erkenntnis ausgehend zwar nicht bei der einzelnen Tatsache stehenbleibt, es aber doch nicht für möglich hält, ein Bild des letzten Sachverhaltes, ein wahres Bild des Kosmos zu gewinnen.
[ 17 ] Um die dogmatische Methode zu rechtfertigen, wird auf den metaphysischen Trieb hingewiesen, der unzweifelhaft im Menschen existiert, schon im Kinde, das das Spielzeug zerbricht, um hinter den Kern der Sache zu kommen.
[ 18 ] Bei der Bildung metaphysischer Systeme zur Befriedigung dieses Triebes haben sich aber zwei psychologische Fehler eingeschlichen: die griechische Philosophie griff einseitig einen der verschiedenen Teile des Weltalls heraus und machte ihn zum Subjekt, dem wahren Wesen der Natur. So Thales das Wasser. In neuerer Zeit ist man darauf verfallen, verschiedene psychologische Fähigkeiten der Menschennatur einzeln ins Auge zu fassen und, phantastisch vergrößert, der Natur als Wesenheit unterzuschieben. So macht Hegel die Vernunft zum Weltprinzip, Schopenhauer den blinden Willen. Lotze nimmt ein umfassendes Bewußtsein an, das alle Wechselwirkung vermittelt. So ist die Philosophie glücklich wieder da angelangt, wo sie ausging, im Hylozoismus.
[ 19 ] Ich halte es überhaupt für unmöglich, eine allgemeine, wahre und richtige Weltanschauung zu finden, einmal wegen der subjektiven Beschaffenheit des menschlichen Geistes, der alles und jedes durch eine subjektive Brille sieht und nach Kant das Ding an sich nie erkennen kann, anderseits aus dem objektiven Grunde, daß alle unsere Forschung nur einen so kleinen Teil des Weltalls umfaßt und es überhaupt unmöglich ist, daß jemals ein so großer Teil des Geschehens in den Kreis unserer Erfahrung tritt, daß wir allgemein gültige Schlüsse auf die Gesamtwelt daraus ziehen können.»
[ 20 ] Benedikt Lachmann: «Dr. Steiner scheint mir einen Gegensatz zwischen Mensch und Natur aufzustellen. Das Wesen des Menschen wie jeder anderen Existenzform läßt sich auflösen in ein Spiel von Kräften, von Bewegung und Widerstand, die zwecklos miteinander kämpfen. Es kann sich für den Menschen nicht darum handeln, sich über diese Kräfte zu erheben, sondern er muß suchen, so gut wie möglich mit ihnen sich auseinanderzusetzen.»
[ 21 ] Wolfgang Kirchbach: «Dr. Steiner hat gesagt, es sei eine Gefahr, ja eine Notwendigkeit des menschlichen Geistes, zu einer Fälschung zu gelangen, wenn er sich nicht begnügen will, ein einfaches Abbild, einen Abklatsch der Wirklichkeit zu geben. Im Gegensatz dazu glaubte Baco von Verulam, ein richtiges Weltbild aufbauen zu können allein auf den perceptionibus sensuum, und das Kopernikanische System verwarf er, weil es seiner Vorstellung von den perceptiones widersprach.
[ 22 ] Es kommt doch bei der Feststellung der Wahrheit auf die Kenntnis an, die der Mensch überhaupt von seinen Kräften und Vermögen hat, die ihm zur Beurteilung der Wirklichkeit gegeben sind. Darunter gehört zum Beispiel auch die mathematische Beurteilung, die die Wahrnehmungen korrigiert. Von einer Fälschung kann man wohl nur in dem Sinne reden, daß der Mensch einseitig auf die eine oder andere Fähigkeit verzichtet. Es hat doch auch Köpfe gegeben, die im Vollbesitz aller ihrer geistigen Fähigkeiten in einer gewissen Reife, die wir Vernunft nennen, dachten. Wenn Herr Schäfer sagt, das Forum einer Weltanschauung sei die, Souveränität meiner Persönlichkeit, so meinte er sicherlich, daß dieses Forum der Gesamtbesitz der geistigen Kräfte meiner Persönlichkeit sei, und wir können uns auf den Namen Vernunft einigen.
[ 23 ] Der Vernunfibegrlff der Wahrheit fordert Uberemsummung des Urteils mit der Wirklichkeit für jedes Denken, in Wissenschaft wie Weltanschauung, verlangt nach Beobachtung, Wahrnehmung, Korrektur der Wahrnehmung, den Begriff, den Ausdruck zu finden, der die größte Summe der bekannten Tatsachen nach dem jeweiligen Stande der Erkenntnis ausdrückt, die größte Zusammenstimmung unserer Urteile mit der Wirklichkeit ausdrückt.
[ 24 ] Dieser Weg allein macht Forschung und Phantasie produktiv, schützt sich vor Irrtum, der von der Wirklichkeit widerlegt, inhaltslos und unproduktiv ist. So allein ist es möglich, der Natur etwas produktiv hinzuzufügen. Auch wenn der Dichter uns ein Weltbild gibt, halten wir es für besser, daß er realistische Gestalten schafft, in seinem Werke ein gesellschaftliches oder sonstiges allgemeines Gesetz zu beobachten gibt. Sein Werk ist auch nur das Abbild der Wirklichkeit, aber allein das Auffinden des wirklichen innern Symbols ist eine eminent produktive Tätigkeit, wie in der Wissenschaft das Auffinden des zusammenfassenden, in seiner Anwendung fruchtbaren Oberbegriffs aus der Summe der entgegenstehenden und einschränkenden Data.
[ 25 ] Es bedarf allerdings einer produktiven Einbildungskraft aber diese ebenso eines Regulators der Vernunft, eine Einschränkung der Phantasie durch die Wirklichkeit.
[ 26 ] Diese Methode hat durch Schaffung neuer Organe etwas zur Welt hinzugefügt. Durch methodisch-vernünftige Betrachtung hat Kant auf sittlichem Gebiet dem, was wir hier gemeinhin Natur nennen, der Welt der Empfindung und Lustgefühle, ein ganz neues Moment hinzugesellt, das weit über die empirische Natur hinausragt, den kategorischen Imperativ.»
[ 27 ] Dr. Steiner: «Ich muß gestehen, daß die Angriffe das, was ich heute gesprochen habe, gar nicht getroffen haben. Ich habe nicht von einem Gegensatz zwischen Mensch und Natur gesprochen. Ich habe mich vielmehr auf den konsequentesten Standpunkt der Entwickelungstheorie gestellt, daß ich alle Stufen der Natürlichkeit, von den tiefsten bis hinauf zu den höchsten Regungen des Geistes, als einheitliche betrachte, die nur in verschiedenen Formen zum Vorschein kommen. Aber eine Amöbe ist schließlich kein Mensch, und es handelt sich nicht darum, alle Unterschiede zu verwischen. Wenn ich aber sage, in der Natur ist alles nur Kraft, Widerstand, Bewegung, so erinnert das zu sehr an den Satz: In der Nacht sind alle Katzen grau. Es ist nicht so im Handumdrehen mit der Welt fertig zu werden. Erst wenn ich die Dinge unterschieden habe, kann ich nach einem einheitlichen, verbindenden Prinzip suchen. Im Sinne des verbindenden Entwickelungsprinzips habe ich von der Aufgabe des Menschen gesprochen als einer innerhalb der Natur liegenden, durch die Entwickelungstatsachen gegebenen.
[ 28 ] Daß wir uns an die Wirklichkeit halten müssen, wenn wir produktiv sein wollen, und an ihr unsere Phantasie korrigieren, darin stimme ich vollkommen bei. Ich führte nur aus, daß die Bemühungen, ein Weltbild zu geben, das nur ein Abklatsch der Wirklichkeit ist, wie Büchner will, diesen Anforderungen bisher nicht genügten, und zum Beispiel auch dieser gezwungen ist, den Tatsachen Gewalt anzutun. Man muß hier nicht auf den Willen sehen, sondern auf das Resultat. Man benimmt sich so, als wenn man ein Bild des real Vorliegenden geben wolle, kann es aber nicht. Mein Prinzip ist daher nicht ein theoretisches, sondern ein praktisches Hinausgehen über die Wirklichkeit im Sinne, wie ich sie im Entwickelungsprinzip sehe, wo Geschöpfe über ihre eigene Gattung hinausgehen. Diese Stellung des Problems ist in der Diskussion gar nicht berührt worden.
[ 29 ] Das Wort Fälschung habe ich nicht im Sinne der Unvollkommenheit einer Vorstellung gebraucht, die erst später geklärt wird, sondern meinte, daß die Forscher immer um des Systems willen zu bewußt falscher Darstellung gezwungen werden, wenn sie eine umfassende Einheit suchen, und habe deshalb gefragt, ob überhaupt das, was wir im höchsten Sinne Wirklichkeit zu nennen berechtigt sind, sich mit dem deckt, was der Naturforscher sich unter Wirklichkeit denkt. Wenn Haeckel drei Stufen des embryonalen Entwikkelungsstandes mit demselben Klischee abdruckt, so ist er, um den Beweis nach naturwissenschaftlicher Methode liefern zu können, zu einer Fälschung gezwungen. Ich meine mit Ironie, daß solche Fälscher trotzdem Recht behalten, wie Haeckel gegenüber seinen Gegnern, die am rein Tatsächlichen der naturwissenschaftlichen Methode hängen, denn sie sehen in intuitiver Weise hinaus über die Einzeltatsachen, nicht in phantastischer.
[ 30 ] Wenn aber Herr Dr. Stern die Möglichkeit eines Weltbildes, einer Gesamtanschauung im Prinzip verwirft und dabei die Verschiedenheit der philosophischen Systeme zur Unterstützung seiner Ansicht heranzieht, so ist das eine Fable convenue, die auf unvollständigen Vorstellungen von den einzelnen Systemen beruht. Die bedeutendsten Wahrheitsversuche, die gemacht worden sind, von der Vedantaphilosophie durch die griechische bis zur deutschen, sind Annäherungen an die Wahrheit in verschiedenen Graden.
[ 31 ] Das Forum, vor dem die Berechtigung der einen oder der anderen Anschauungsweise entschieden wird, kann allein das Forum des Menschen, seine souveräne Persönlichkeit sein, wie ich mit Dr. Schäfer übereinstimmend meine. Dieser Satz scheint mir ein wahrhaft realer, der geflossen ist — nicht aus theoretischen Spintisierereien, sondern aus der Erfahrung von Männern, die praktisch gewirkt haben. Aber so wahr es ist, daß die Persönlichkeit das letzte Forum ist, so sicher ist es wahr, daß dann die Persönlichkeit immerdar die Verantwortlichkeit dieser Stellung fühlen muß und die Pflicht, sich stetig zu entwickeln, die Tiefen der Persönlichkeit auszubilden. Das Kind kann nicht ebenso Forum sein wie der, der auf der Höhe der Erkenntnis steht. Es entsteht daher die Frage: Wo liegt in uns Menschen das zu Entwickelnde, das Produktive? Was entspricht in uns dem, das die Natur vorwärtstreibt, die Affen aus ihrer Gattung hinausgehen ließ und zum Menschen machte?
[ 32 ] Betrachte ich den Menschen als Entwickelungsprodukt, so kann ich ihn allerdings als das höchste vorhandene Forum ansehen. Aber ich habe auch die Verpflichtung, das höchste Menschliche in mir immer zum Dasein zu rufen und habe in keinem Momente meines Lebens das Recht, mich als Forum in voller und letzter Instanz anzuerkennen, wohl aber kann ich mich, als in der Entwickelung stehend, der Erwartung hingeben, daß mir in jedem Augenblick meines Daseins ein höherer Punkt der Erkenntnis, als ich jetzt habe, aufgehen kann. Die Fortentwickelung der Persönlichkeit hat sich auf der Wissenschaft aufzubauen, aber auch darüber hinauszugehen, wie Kunst und Poesie es tut, und so wenig Kunst und Poesie in blinde Phantasmen hineinkommen, wird, wenn die Menschen am Entwickelungsprinzip ihre Persönlichkeit kontrollieren, wenn sie auch noch so weit hinausgehen über die objektive Natur, in den verschiedensten Menschen Übereinstimmung entstehen, wie die Übereinstimmung philosophischer Systeme aller Zeiten das zeigt.
[ 33 ] In dieser souveränen Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit liegt die Lösung der Frage: Inwiefern enthält die Wissenschaft Wahrheit? Kann sie allein zur Wahrheit führen?
[ 34 ] Die Welt, besonders für die Wissenschaft, ist in mancher Beziehung dualistisch gebaut. Die Entwickelung ist nur möglich, indem die Natur zwiespältig das Künftige in ihr vorbereitet hat. Als ein scheinbarer, für die Wissenschaft zunächst nicht auflösbarer Gegensatz tritt die Natur dem Menschen entgegen, als Kraft, Materie und so weiter.
[ 35 ] Hier tritt nun die Bedeutung der menschlichen Persönlichkeit ein. Vereinigend, monistisch, kann allein die Lebenstätigkeit des Menschen sein. Sie besteht im Auflösen dieser scheinbaren Gegensätze in eine höhere, produktiv aus dem Menschen erzeugte Anschauung, im Leben der Entwickelung, im Vereinen der Gegensätze, im lebendigen Tun.
[ 36 ] Deshalb ist die Frage nach Gültigkeit der Weltanschauung vor dem Forum des Lebens, nicht vor dem Forum der Erkenntnis zu entscheiden.»
