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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51

15 Oktober 1902, Berlin

30. Diskussion mit Voten Rudolf Steiners

[ 1 ] Zuerst erstattete O. Lehmann-Rußbüldt zur Orientierung ein Referat über den Vortrag Dr. R. Steiners und fügte hinzu, es wäre sein persönlicher Wunsch gewesen, daß nicht bloß die 250 bis 300 Hörer des Vortrags zugegen gewesen wären, sondern die 2000 bis 3000 Personen, die das geistig-öffentliche Leben in Deutschland ausmachen. Dr. Steiners Aufforderung, die Theosophie, wenn sie nach Duboc eine weibliche Philosophie sei, im kritischen Deutschland zu einer männlichen zu machen, müßte dick unterstrichen werden, so daß es im Druck allein eine Seite einnehmen würde, denn es läge in der theosophischen Bewegung sicher auch keine geringe Gefahr. Der Referent erkannte es an, daß unsere geistige Kultur trotz Elektrizität und Feinmechanik roh zu nennen sei gegenüber der Harmonie, die in den großen Kulturen des Altertums zwischen Wissenschaft und religiöser Welt bestand, aber, so fügte er nachdrücklich hinzu, wir wollen deshalb an uns nicht verzweifeln. Die offenbare Überlegenheit unserer Intelligenz, wie sie sich eben im Maschinenzeitalter äußere, könnte uns eine Bürgschaft dessen sein, daß wir vertiefen und ausbauen werden, was die Kultur des Altertums erst in der Ahnung, wenn auch in großartigster Weise besaß. Hierzu zitierte der Referent aus dem Rassenwerk des Grafen Gobineau einen Passus über die geistige Veranlagung des Ariers, der sich durchaus auch auf die Völker der atlantischen Welt, also auf Westeuropa und Nordamerika, anwenden lasse:

[ 2 ] «Der Arier ist also den übrigen Menschen hauptsächlich in dem Maße seiner Intelligenz und seiner Energie überlegen, und dank diesen beiden Anlagen ist es ihm, wenn es ihm gelingt, seine Leidenschaften und seine materiellen Bedürfnisse zu besiegen, ebenfalls vergönnt, zu einer unendlich viel höheren Moralität zu gelangen, wiewohl man im gewöhnlichen Lauf der Dinge bei ihm ebenso viele tadelnswerte Handlungen rügen kann, als bei den Individuen minderer Rassen.» Der Referent schloß mit der Bemerkung, daß nach seiner Voraussicht sich aus dem verlästerten Hypnotismus und Somnambulismus die Wissenschaft einer erweiterten und verfeinerten Psychologie entwickeln werde, die uns für die Seelenerkenntnis soviel bedeuten würde, wie es die Astronomie und Chemie für die Naturerkenntnis bedeuten, trotzdem sich diese Wissenschaften aus Astrologie und Alchimie entwickelt hätten.

[ 3 ] In der Diskussion bemängelt zunächst Nicolai, daß nicht ausgeführt sei, was denn die Theosophie eigentlich wolle und könne.

[ 4 ] Dr. Steiner entgegnete, sein Vortrag habe nur den Zusammenhang zwischen dem Monismus und der Weltanschauung hervorheben wollen, die schon in den Tagen der Vedantaphilosophie Indiens sich in modernen Gleisen bewegte. Darin bestände der seit dem 4. Jahrhundert im Christentum einsetzende Dualismus, daß er wohl für die Erkenntnis der Erscheinungswelt das Auge und die Sinne gelten lasse, aber für die Erkenntnis über unser Woher und Wohin nicht ebenfalls die Mittel unserer Erkenntnis zulasse, sondern uns auf den Glauben, auf die Offenbarungen alter Bücher und Propheten verweise. Der Monismus verheißt aber eine Erkenntnisentwickelung, ebenso wie er für die Lebewesen eine Artentwickelung habe feststellen können. In den Schriften der Vedantaphilosophie existiere ein Gespräch, worin ein Jünger den Lehrer fragt: Was geschieht, wenn ich sterbe?... Der Lehrer erwidert: Das Feste und Flüssige deines Leibes wird wieder zum Festen und Flüssigen, denn der Mensch ist wie ein Stein und Tier, auch die Äußerungen deines Denkens und Handelns lösen sich auf in deiner Umgebung, aber es bleibt übrig die «Entwicklung», der Grund dessen, was deine Persönlichkeit gebildet hat. — So monistisch im Keime denke schon die Vedantaphilosophie. Was im Tier nur im Unbewußten lebe, nämlich der Drang zur Entfaltung seiner Persönlichkeit, müsse im Menschen ins vollste Bewußtsein treten und im Bewußtsein als Ideal aufgehen.

[ 5 ] Fritz Sänger polemisierte gegen Dr. Steiner. Die Theosophen gäben stets vor, die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft schon voraus besessen zu haben und noch zu besitzen, aber Proben solcher Überlegenheit hätten sie noch nie gegeben. Er befürchte, daß eine solche Bewegung nur zu sehr geeignet sei, die Resultate der modernen Naturwissenschaft wieder zu untergraben; trotz ruhigster Beobachtung habe er im Spiritismus nur den Ausdruck des Blödsinnes finden können, die Tatsache des Hypnotismus müsse er jedoch anerkennen.

[ 6 ] Nachdem noch Köhn in warmen eindringlichen Worten für Herrn Dr. Steiner eingetreten war, bemerkte O. Lehmann-Rußbüldt, daß die Ausführungen Herrn Sängers typisch wären für die Vertreter der sogenannten Naturwissenschaft aller Zeiten. Vor fünfzehn Jahren hätte mit ihr Sänger noch die von Krafft-Ebing unter anderem demonstrierte Tatsache für Unsinn erklärt, daß ein einem Hypnotisierten aufgelegtes Lindenblatt wie ein glühendes Stück Eisen eine Brandwunde zieht, wenn der Hypnotisierte es für ein solches ansehen soll; ebenso wie vor hundert Jahren die französischen Materialisten es für Humbug erklärten, daß Meteorsteine aus dem Weltenraum auf die Erde fallen können.

[ 7 ] Dr. Steiner wandte sich sodann noch einmal energisch gegen die Verwechslung von Theosophie und Spiritismus. Wenn Herr Sänger solchen Theosophen begegnet sei, die dazu Veranlassung geben, so möge er sich an diese halten, er, Dr. Steiner, lehne das entschieden ab. Er halte es für unmoralisch im philosophischen Geiste, wenn man durch die Manifestationen sogenannter Geister Belehrungen über Schicksal und Menschennatur erlangen wolle, das wäre grober Materialismus. Er lege auch keinen besonderen Wert auf den Namen Theosophie. Vor allem sei ihm bedeutsam die hohe Ethik der Theosophie in seinem Sinne, die zum Beispiel in der Pädagogik zu den ernstesten Konsequenzen führe. Welche Perspektive für das Gemüt des Erziehers, wenn er sich bewußt sei, daß er im Kinde einen Keim der Göttlichkeit zu entfalten habe! 1Unser Berichterstatter, Herr Otto Lehmann-Rußbüldt, der zweite Vorsitzende des Bruno-Bundes, hat das Bedürfnis, dem Berichte hier beizufügen, daß er auch diesen Vortrag neben so vielen anderen bedeutsamen Erscheinungen im Geistesleben als eine Keimzelle neuer Edelkultur ansehe. «Zeiten großer Umwälzung kommen ja nicht wie ein mystisches Etwas über uns; wenn wir sie schaffen, so sind sie da. Die ‹theosophische› Bewegung wäre mir mit einem Programm, wie es Dr. Steiner formuliert, willkommen. Hoffen wir, daß frisch einsetzende Lebenskräfte der Verjüngung vor allem lebendigere, dichterisch zündende Worte schaffen können; was sollen uns alle ‹ismem›! Jedenfalls ist der goldene Weizen einer echten Theosophie leider verschüttet worden unter soviel Spreu der Nachplapperei indischer Vokabeln, daß der philosophische Held hochwillkommen sein soll, der ihn in eine neue Scheuer, das heißt unter neuem Namen, sammeln kann.»