Über Philosophie Geschichte und Literatur
GA 51
12 November 1904, Berlin
Platonic Mystics and Docta Ignorantia III
[ 1 ] Wir kommen heute zu einem Höhepunkt der mittelalterlichen Mystik, zu dem Mystiker, welcher zu gleicher Zeit einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit war: Nikolaus Chrypff oder Krebs, von Kues an der Mosel, der Kusaner genannt. Er war eine der interessantesten Persönlichkeiten seiner Zeit. Er lebte von 1401 bis 1464. Er stand auf der Höhe seiner Zeit in den verschiedenen Wissenschaften. Er war Mathematiker, Physiker, Jurist, zuerst Rechtsanwalt. Auch war er einer der führenden, der tonangebenden Männer seiner Zeit. Er war seiner Zeit außerordentlich vorausgeeilt. Etwa hundert Jahre später stellte Nikolaus Kopernikus die Weltanschauung der Astronomie auf eine neue Basis. Doch hat Nikolaus von Kues schon klar ausgesprochen, daß sich die Erde um die Sonne bewegt. Noch bedeutsamer scheint zu sein, daß der Kusaner nicht nur ein tiefer, führender Denker, sondern ein klarer Denker war. Er ist ein Denker, der die Scholastik ganz in sich aufgenommen hatte, Dasjenige, was durch die Scholastik zum Ausdruck gebracht wird, wird nur sehr wenig studiert. Die ungeheure Klarheit und Schärfe der Begriffsführung ist das Wesentliche daran. Niemals hat es eine so scharfe Führung der Begriffskonturen gegeben, niemals eine so strenge Begrenzung der auf das Geistesleben bezüglichen Begriffe. Wer sich schulen will in klarem Denken, derjenige, welcher arbeitet mit festen, begrifflichen Umrißzeichnungen, müßte sich in irgendeines der scholastischen Werke vertiefen. Cusanus machte diese Schulung durch.
[ 2 ] Er besaß auch alles auf die soziale Kenntnis seiner Zeit Bezügliche. Er hatte einen umfassenden Gesichtskreis. 1432, auf dem Basler Konzil, nahm er eine wichtige Stellung ein. Dann machte er weite Reisen durch Deutschland und die Niederlande, die namentlich der Reform des Erziehungswesens gewidmet waren. Er ging hervor aus der Schule der «Brüder des gemeinsamen Lebens». Es wurde dort auf eine gründliche Gemütsbildung und eine klare Verstandesbildung gesehen. Der Kusaner unternahm seine Reise im Dienst dieser Schule. Wissenschaftlich geschult, klar und scharf denkend — frei steht er da, als Persönlichkeit von imponierendem Charakter. Hätte er gewollt, so hätte er noch manches auf wissenschaftlichem Gebiete leisten können. Als Prediger wußte er die Zuhörer in der Tiefe des Gemütes durch seine Predigt zu fassen. Das, was seine Predigt so bedeutend machte, war der Strom, der aus der mittelalterlichen Mystik hervorging, der Strom, den wir bei Eckhart finden, bei Tauler und Suso, und in einer anderen Gestalt bei Giordano Bruno und Paracelsus.
[ 3 ] Tiefe des Gemüts, Feuer der Seele, paarte sich bei ihm mit einem ganz durchsichtigen, scharfen Begriffsvermögen. Alles, was der Verstand begreifen kann, was die Vernunft überschauen kann, das gab dem Kusaner nur den Unterbau für dasjenige, was er der Welt zu sagen hatte. Er wurde von dem Papst nach Konstantinopel geschickt, um dort eine Vereinigung zwischen der griechischen und römischen Kirche zu bewirken. Auf der Heimreise bekam er eine Erleuchtung, bei welcher er fühlte, daß es noch etwas ganz anderes gibt als das Verstandeswissen. Von da an sprach er nur dem den höchsten Wert zu, was höher als das Wissen ist. Das Werk: «De docta ignorantia» schrieb er aus dieser Stimmung heraus. Der Titel: «Von der gelehrten Unwissenheit» sollte bedeuten: etwas, was über das bloße Sinnesund Verstandeswissen hinausgeht, ein Schauen, ein ErJeuchtetsein. Will man dies ganz verstehen, so muß man manche Begriffe zu Hilfe nehmen, die erst das 19. Jahrhundert gebracht hat.
[ 4 ] Das 19. Jahrhundert hat eine eigentümliche Sinnesphysiologie herausgebildet, zum Beispiel bei dem berühmten Gesetze der Sinnesenergien des Physiologen Johannes Müller. Er sagt, daß wir eine Farbe sehen, Licht aufnehmen können, das rührt davon her, daß unser Auge in einer bestimmten Weise gebaut ist. Hätten wir nicht das Auge, so würde die in Licht und Farben erglänzende Welt lichtlos sein, ohne die Wahrnehmung von Farben. Dasselbe läßt sich sagen über die Einrichtung unseres Ohres. Es hängt von der Einrichtung unserer Sinne ab, wie die äußere Welt in uns eindringt. Von den spezifischen Energien unserer Sinne hängt es ab, wie wir die Welt wahrnehmen. Helmholtz hat sich darüber ausgesprochen, wie er das Verhältnis sich denkt. Er sagt: Wie kann ich wissen, wie das Licht an sich, der Ton an sich gestaltet ist? Nur Zeichen der äußeren Welt sind unsere Sinnesempfindungen.
[ 5 ] Das «Wissen» nennt der Kusaner auch in diesem Sinne Wissen, nämlich als die durch den Verstand verarbeiteten Eindrücke.
[ 6 ] Wir fragen nun: Haben denn unsere Sinne kein intimes Verhältnis zu dem, was wir sehen, hören und so weiter? Wir haben uns vorzustellen, daß das Auge selbst vom Licht gebaur ist, daß die Sinne nicht nur für die Außenwelt da sind, sondern aus der Außenwelt. Das Auge ist durch das Licht gebildet worden. Wer sind denn diejenigen, die bauen an unseren Sinnen? Wäre nicht der Mensch begrenzt in den Grenzen seines gewöhnlichen Bewußtseins, so würde er dies wissen.
[ 7 ] Im einzelnen Individuum muß die Kraft sein, welche die Sinne bildet. Im Embryonalleben muß das Licht wirksam sein, muß der Ton wirksam sein. Sie müssen im Embryonalleben im Individuum selbst arbeiten und die Organe bilden. Das Licht schließt das Auge von innen auf, der Ton das Ohr. Die äußeren Qualitäten nehmen wir erst wahr durch die Sinne. Diese äußeren Qualitäten haben die Sinne auch gebildet. Sie sind die Baumeister der eigenen Organe. Wir sind selbst Licht vom Weltenlichte; wir sind Ton vom Weltenton.
[ 8 ] Der Mystiker lebt sich ein in das, was um ihn und in ihm lebt und webt. Das schaffende Licht, das draußen wirkt und innen schafft, empfindet er. Er ist selbst leuchtend und tönend in einer leuchtenden und tönenden Welt. Wenn er im schöpferischen Lichte lebt, im schöpferischen Ton lebt, dann hat er mystisches Leben. Dann überkommt den Menschen etwas, was anders ist als das Licht von außen und der Ton von außen. Wer das einmal erfahren hat, der empfindet es als Wahrheit. Von dem schaffenden Lichte sprechen die Gnostiker, die ägyptischen Mystiker, die Mystiker des Mittelalters. Sie nennen es das Äonenlicht. Es ist ein Licht, welches vom Mystiker aus die Gegenstände um ihn her zu lebendigem Leben erweckt. Das ist das Pleroma der Gnostiker. So fühlt sich der Mystiker in dem Weltenlicht beseligt. Er fühlt sich beseligt verwebt mit diesem Äonenlicht. Da ist er nicht getrennt von der Wesenheit der Dinge; da ist er teilhaftig der unmittelbaren Schöpferkraft. Das ist, was der Mystiker als seine Beseligung in dem schöpferischen Lichte bezeichnet. Die Vedantaweisheit bezeichnet die Weltenweisheit als Chit, aber die Beseligung, wo der Mystiker untertaucht in die Dinge, wo die Seele ganz mit den Dingen verschmilzt, bezeichnet die Vedantalehre als Anânda. Chit ist Weltenweisheit, Anânda die Weisheit, die unmittelbar mit dem Äonenlicht verschmilzt, die eins sich fühlt mit dem die Welt durchleuchtenden All-Licht. Diese Stimmung bezeichnet der Kusaner als «Docta ignorantia».
[ 9 ] So wie der Mensch die Erfahrung machen kann, daß er verschmilzt mit dem Äonenlichte zu dem Pleroma, so kann er auch verschmelzen mit dem kosmischen Weltgedanken. Dann fühlt er die Weltgedanken in seinem eigenen Innern auftönen. Wenn der Mensch gewahr wird den Gedanken, der das Gesetz zum Dasein bringt in den Dingen, und dies als eigenes Gesetz in sich aufquillen fühlt, dann tönen die Dinge in ihrem eigenen Wesen in seiner Seele wider, daß er intim mit den Dingen wird, wie der Freund mit dem Freunde intim wird. Dieses Wahrnehmen der ganzen Welt bezeichneten die Pythagoräer als Sphärenharmonie. Das ist das Widerklingen des Wesens der Dinge in der eigenen Seele des Menschen. Da fühlt er sich vereinigt mit der Gotteskraft. Das ist das Hören der Sphärenharmonie, des schaffenden Weltgesetzes; das ist das Verwobensein mit dem Sein der Dinge, das ist das, wo die Dinge selbst reden, und die Dinge sprechen durch die Sprache seiner Seele aus ihm selbst heraus. Dann hat er erreicht, wovon der Kusaner sagt, daß keine Worte fähig sind, dies auszudrücken.
[ 10 ] Das Seiende ist das Gesehene. Das drückt nicht die erhabene Existenz aus, welche als Prädikat den Dingen zukommt, wenn der Mystiker sich in der tiefsten Weise mit den Dingen vereinigt. Diese erhabene Existenz ist das Sat der Inder.
[ 11 ] Die pythagoräische Schule unterscheidet drei Stufen: Erstens die äußere Wahrnehmung = Chit; zweitens das Pleroma = Anânda; drittens die Sphärenharmonie = Sat.
[ 12 ] Dies sind die drei Stufen der Erkenntnis bei dem Cusanus: Erstens das Wissen; zweitens das Überwissen oder die Beseligung; drittens die Vergottung. So nennt er sie in der «Docta ignorantia».
[ 13 ] Daß er diese Zustände kennt, gibt seinen Schriften einen Schmelz, eine Weichheit, daß man sagen kann, sie sind völlig süß vor Reife. Außerdem sind seine Schriften wunderbar klar, durchsichtig, voll gewaltiger Ideen.
[ 14 ] Er war ein führender Geist. Alle, die ihm folgen, stehen dann auf der Grundlage, die er geschaffen hat. So auch Giordano Bruno. Cusanus hat seine Weisheit aus der pythagoräischen Schule geschöpft. Er hat verstanden, was mit dem Pleroma, dem Äonenlicht und der Sphärenharmonie gemeint war. — Auch Ruysbroek und Suso sind in ihrer feinen und geistestrunkenen Art die Vorläufer des Cusanus.
[ 15 ] Wie eine Ouvertüre nimmt sich zu dem, was der Kusaner geschrieben hat, die «Theologia deutsch» aus. Ein Neudruck derselben ist nach einer Handschrift von 1497 durch Franz Pfeiffer besorgt worden. Tiefe, gemütvolle Töne von einer historisch unbekannt gebliebenen Persönlichkeit sind in dieser Schrift enthalten. Will jemand das Sat der Vedantaphilosophie verstehen, so muß er, wie er bei Anânda sich ausgießen muß in die Welt, bei Sat seinen Willen ganz ausgießen. Bei der Vergottung (Sat) muß das selbstlose Wollen da sein; sein Wille muß unpersönlich geworden sein. — Der die «Theologia deutsch» geschrieben hat, hat dafür gesorgt, daß sein Name nicht auf die Nachwelt kam. Er nennt sich nur «der Frankfurter». Der Mensch muß sein Wollen hingeben an das Göttliche, als Bote der Gottheit, und dasjenige, was der Mensch von sich aus will, nennt er die Schrift, ein Entgegenbringen.
[ 16 ] Vor Cusanus strebte die Mystik aus dem bloßen Wissen in das Einführen in das Pleroma, das schaffende Weltenlicht. In dem gelehrten Nichtwissen kam das dann auf eine gelehrte und scharfsinnige Weise heraus. Wissen und Verstand wurden zu unmittelbarem, neuem Leben erweckt.
[ 17 ] Das Nichtwissen des Kusaners ist zugleich ein Überwissen. Er unterscheidet drei Stufen: Wissen, Beseligung, Vergottung — Chit, Anânda, Sat. Er ist zugleich der größte Gelehrte und einer der tiefsten Menschen.
