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Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52

6 September 1903, Berlin

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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
  1. Spirituelle Seelenlehre und Weltbetrachtrung, 2nd ed.

1. Das Ewige und das Vergängliche des Menschen

1. The Eternal and the Transient in Human Beings

[ 1 ] Der Gegenstand, über den hier gesprochen werden soll, ist zweifellos einer, an dem das Interesse aller Menschen hängt. Wer könnte sagen, daß er nicht an der Frage der Unsterblichkeit mit allen seinen Gedanken interessiert sei? Wir brauchen uns nur klar zu machen, daß der Mensch bei dem Gedanken an den Tod ein Grauen empfindet. Und selbst die wenigen, die des Lebens überdrüssig sind, die im Tode Ruhe suchen vor dem Leben, können dieses Grauen nicht ganz verwinden.

[ 1 ] The subject to be discussed here is undoubtedly one that is of interest to all people. Who could say that they are not deeply interested in the question of immortality? We need only realize that the thought of death fills people with dread. And even the few who are weary of life, who seek in death a respite from life, cannot entirely overcome this dread.

[ 2 ] Man hat versucht, diese Frage auf die verschiedenste Weise zu beantworten. Denken Sie aber daran, daß niemand über etwas unbefangen sprechen kann, woran er mit seinem Interesse hängt. Wird er dann unbefangen über diese Frage sprechen können, die für sein ganzes Leben das tiefste Interesse hat? Und noch etwas müssen Sie dabei bedenken: wieviel für die Kultur davon abhängt. Wie diese Frage beantwortet wird, davon ist die Entwickelung unserer ganzen Kultur abhängig. Ganz anders wird die Stellung desjenigen zu allen Kulturfragen sein, der an ein Ewiges im Menschen glaubt.

[ 2 ] People have tried to answer this question in all sorts of ways. But remember that no one can speak impartially about something in which they have a vested interest. Will they then be able to speak impartially about this question, which is of the deepest interest to their entire life? And there is something else you must consider: how much of culture depends on this. The development of our entire culture depends on how this question is answered. The stance of someone who believes in an eternal aspect of humanity will be entirely different regarding all cultural issues.

[ 3 ] Man hört sagen, daß es ein Unrecht sei, daß dem Menschen diese Jenseitshoffnung gegeben wurde. Der Arme werde damit auf das Jenseits vertröstet und werde dadurch verhindert, sich hier ein besseres Leben zu schaffen. Andere sagen wieder, nur auf diese Weise sei das Dasein überhaupt zu ertragen. Wenn bei einer Sache die Wünsche der Menschen so stark mit in Betracht kommen, werden alle Gründe dafür hervorgesucht. Es hätte dem Menschen wenig ausgemacht, zu beweisen, daß zwei mal zwei nicht vier sei, wenn sein Glück von diesem Beweise hätte abhängen sollen. Und weil der Mensch nicht unterlassen konnte, bei dieser Frage nach der Unsterblichkeit seine Wünsche mitsprechen zu lassen, deshalb mußte sie immer wieder und wieder aufgeworfen werden. Denn des Menschen subjektives Glücksempfinden ist in diese Frage mit hereingezogen.

[ 3 ] It is said that it is unjust that humans were given this hope for the afterlife. The poor are thus consoled with the promise of the afterlife and thereby prevented from creating a better life for themselves here. Others say, however, that existence is bearable only in this way. When human desires play such a strong role in a matter, every possible reason is sought to justify it. It would have made little difference to man to prove that two plus two does not equal four, if his happiness had depended on that proof. And because man could not refrain from letting his desires have a say in this question of immortality, it had to be raised again and again. For man’s subjective sense of happiness is drawn into this question.

[ 4 ] Gerade dieser Umstand aber hat sie der modernen Naturwissenschaft so verdächtig gemacht. Und mit Recht. Gerade die bedeutendsten Männer dieser Wissenschaft haben sich gegen die Unsterblichkeit des Menschen ausgesprochen. Ludwig Feuerbach sagt: «Man hat die Unsterblichkeit erst geglaubt und dann bewiesen.» Damit deutet er an, daß der Mensch Beweise dafür zu finden gesucht hat, weil er sie wünscht. Ähnlich sprechen sich David Friedrich Strauß und neuerdings Ernst Haeckel in seinen «Welträtseln» aus. Wenn ich nun hier etwas sagen müßte, was gegen die moderne Naturwissenschaft verstößt, würde ich über diese Frage nicht sprechen können. Aber gerade die Verehrung von Haeckels großen Errungenschaften auf seinem Gebiete und für Haeckel als einem der monumentalsten Geister der Gegenwart läßt mich in seinem Sinne gegen seine Schlußfolgerungen Stellung nehmen. Etwas ganz anderes als die Bekämpfung der Naturwissenschaften ist heute meine Aufgabe.

[ 4 ] It is precisely this fact, however, that has made it so suspect to modern science. And rightly so. It is precisely the most eminent figures in this field who have spoken out against human immortality. Ludwig Feuerbach says: “People first believed in immortality and then proved it.” By this he implies that humans have sought to find evidence for it because they desire it. David Friedrich Strauss and, more recently, Ernst Haeckel in his The Riddles of the Universe express similar views. If I were now required to say something here that goes against modern natural science, I would be unable to speak on this question. But it is precisely my reverence for Haeckel’s great achievements in his field and for Haeckel as one of the most monumental minds of our time that leads me, in his spirit, to take a stand against his conclusions. My task today is something entirely different from combating the natural sciences.

[ 5 ] Nicht gegen die Naturwissenschaft, sondern mit den Naturwissenschaften geht auch die Theosophie. Aber sie bleibt dabei nicht stehen. Sie glaubt nicht, daß wir erst im 19. Jahrhundert es so herrlich weit gebracht haben; während in all den Jahrhunderten vorher nur Unverstand und Aberglauben geherrscht hätten, sei nun erst durch die Wissenschaft unserer Zeit die Wahrheit ans Licht gebracht worden. Stünde die Wahrheit auf so schwachen Füßen, so könnte man wenig Vertrauen dazu haben. Wir wissen aber, daß die Wahrheit den Wesenskern bildete auch in den Weisheitslehren des Buddha, der jüdischen Priester und so weiter. Diesen Wesenskern in all den verschiedenen Theorien zu suchen, ist die Aufgabe der Theosophie. Aber sie macht auch nicht halt vor der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Und weil das so ist, dürfen wir zweifellos die Frage auch vom Standpunkt der Wissenschaft aus behandeln. So kann sie die Grundlage bilden, von der wir ausgehen, wenn wir das Ewige im Menschen suchen.

[ 5 ] Theosophy does not oppose the natural sciences, but rather aligns itself with them. But it does not stop there. It does not believe that we have only now, in the 19th century, made such magnificent progress; that while ignorance and superstition reigned supreme in all the centuries before, the truth has only now been brought to light through the science of our time. If the truth stood on such shaky ground, one could have little confidence in it. But we know that truth formed the very core of the wisdom teachings of the Buddha, the Jewish priests, and so on. To seek this core in all the various theories is the task of theosophy. But it does not stop at 19th-century science either. And because this is so, we may undoubtedly also approach the question from the standpoint of science. Thus, it can form the foundation from which we proceed when we seek the eternal in the human being.

[ 6 ] Feuerbach hat zweifellos Recht mit seinem vorher zitierten Ausspruch, wenn er sich gegen die Methode der Wissenschaft der letzten etwa vierzehn Jahrhunderte wendet. Unrecht aber hat er der Weisheit noch früherer Zeiten gegenüber. Denn grundverschieden war die Art, wie in den alten Weisheitsschulen zu der Erkenntnis der Wahrheit hingeführt wurde, Erst in den späteren Jahrhunderten des Christentums wurde zuerst der Glaube gefordert, zu dem dann die Gelehrten die Beweise erbrachten. Nicht so war es in den Mysterien des Altertums. Jene Weisheit, die nicht ohne weiteres verbreitet wurde, die ein Besitz von wenigen blieb, die an heiligen Tempelstätten dem Eingeweihten durch Unterweisungen der Priester überliefert ward, hatte einen anderen Weg, ihre Schüler zur Wahrheit zu führen. Geheim hielt man dies Wissen vor der Menge der nicht Vorbereiteten; für profaniert würde man es gehalten haben, wenn man es allen ohne Auswahl mitgeteilt hätte. Nur den hielt man für würdig, der sich durch lange Übung herauforganisiert hatte in seinem Geistesleben, um die Wahrheit in höherem Sinne zu verstehen.

[ 6 ] Feuerbach is undoubtedly correct in his previously quoted statement when he opposes the scientific method of the last fourteen centuries or so. However, he is wrong regarding the wisdom of even earlier times. For the manner in which the ancient schools of wisdom led to the knowledge of truth was fundamentally different. It was only in the later centuries of Christianity that faith was first demanded, for which the scholars then provided the evidence. This was not the case in the mysteries of antiquity. That wisdom, which was not readily disseminated, which remained the possession of the few, which was handed down to the initiate in sacred temple sites through the teachings of the priests, had a different way of leading its students to the truth. This knowledge was kept secret from the uninitiated masses; it would have been considered profaned had it been imparted to all without distinction. Only those were deemed worthy who, through long practice, had elevated their spiritual lives to understand the truth in a higher sense.

[ 7 ] Es wird in den Überlieferungen des Judentums erzählt, daß, als einst ein Rabbi etwas von den geheimen Erkenntnissen aussprach, ihm von seinen Zuhörern Vorwürfe gemacht wurden: «O Greis, hättest du geschwiegen! Was hast du getan! Du verwirrest das Volk.» — Eine große Gefahr sah man in dem Verrat der Mysterien, wenn sie entweiht und entstellt in aller Munde wären. Nur in heiliger Scheu trat man an sie heran. Die Prüfung war strenge, die die Jünger der Mysterien durchzumachen hatten. Unsere Zeit kann sich die schweren Prüfungen kaum vorstellen, die man dem Schüler auferlegte. Bei den Pythagoreern finden wir, daß die Schüler sich Hörer nennen. Jahrelang sind sie nur schweigende Zuhörer, und es ist ganz im Geiste dieser Zeit, daß dies Schweigen sich bis zu fünf Jahren ausdehnte. Schweigend sind sie in dieser Zeit. Schweigen, das heißt in diesem Falle: Verzicht auf jede Auseinandersetzung, jegliche Kritik, Heute, wo der Grundsatz gilt: «Prüfet alles und behaltet das Beste» —, wo jeder glaubt, über alles urteilen zu können, wo mit Hilfe des Journalismus sich jeder schnell sein Urteil auch über dasjenige bildet, was er gar nicht versteht, hat man keine Ahnung von dem, was man damals von einem Schüler forderte. Jedes Urteil sollte schweigen; man mußte erst sich fähig machen, alles in sich aufzunehmen. Wenn einer ohne diese Vorbedingung ein Urteil fällt, anfängt Kritik zu üben, lehnt er sich auf gegen jede weitere Belehrung. Derjenige, der etwas davon versteht, der weiß, daß er nötig hat, jahrelang nur zu lernen und lange Zeit darüber hingehen zu lassen. Heute will man das nicht glauben. Aber nur der, der innerlich schon die Dinge begriffen hat, wird zu einem richtigen eigenen Urteil kommen.

[ 7 ] Jewish tradition recounts that when a rabbi once spoke of the secret teachings, his listeners reproached him: “O old man, you should have remained silent! What have you done! You are confusing the people.” — A great danger was seen in the betrayal of the mysteries, should they be desecrated and distorted and become common knowledge. They were approached only with sacred reverence. The trials the disciples of the mysteries had to undergo were severe. Our time can scarcely imagine the arduous trials imposed upon the student. Among the Pythagoreans, we find that the students call themselves listeners. For years they are merely silent listeners, and it is entirely in the spirit of that time that this silence extended to as long as five years. They are silent during this time. Silence, in this case, means: abstaining from any debate, any criticism. Today, when the principle applies: “Test everything and keep the best”—where everyone believes they can judge everything, where, with the help of journalism, everyone quickly forms an opinion even about what they do not understand at all—one has no idea of what was demanded of a student back then. Every judgment was to remain silent; one first had to make oneself capable of taking everything in. If one passes judgment without this prerequisite, if one begins to criticize, one rebels against any further instruction. The one who understands something of this knows that he needs to spend years simply learning and allowing it to sink in over a long period of time. Today, people do not want to believe this. But only the one who has already grasped things inwardly will arrive at a true judgment of his own.

[ 8 ] Es war damals nicht die Aufgabe, jemandem den Glauben durch Unterricht beizubringen; man führte ihn hinauf zu dem Wesen der Dinge. Zum Anschauen wurde ihm das geistige Auge gegeben; wollte er, so mochte er hingehen und es erproben. Vor allem war der Unterricht ein reinigender; die reinigenden Tugenden waren es, die man von dem Schüler verlangte. Die Sympathien und Antipathien des täglichen Lebens, die dort berechtigt sind, mußte er erst ablegen. Alle persönlichen Wünsche mußten vorher ausgetilgt sein. Keiner wurde zum Unterrichte eingeführt, der nicht auch den Wunsch nach dem Fortleben seiner Seele von sich abgestreift hatte. Deshalb gilt der Satz Feuerbachs für diese Zeit nicht. Nein, erst wurde der Glaube an die profane Unsterblichkeit in den Schülern ausgetilgt, ehe sie zu den höheren Problemen fortschreiten konnten. So angesehen wird es verständlich, weshalb sich die moderne Naturwissenschaft mit einem gewissen Recht gegen die Unsterblichkeitslehre wendet. Doch nur so weit.

[ 8 ] Back then, the task was not to teach someone the faith through instruction; rather, one guided them up to the essence of things. They were given the spiritual eye to see; if they wished, they could go and test it. Above all, the instruction was a purifying one; it was the purifying virtues that were demanded of the student. He first had to cast off the sympathies and antipathies of daily life, which are justified there. All personal desires had to be eradicated beforehand. No one was admitted to the instruction who had not also cast off the desire for the survival of his soul. That is why Feuerbach’s statement does not apply to this era. No, first the belief in profane immortality was eradicated in the students before they could proceed to the higher problems. Viewed in this light, it becomes understandable why modern natural science turns against the doctrine of immortality with a certain justification. But only to that extent.

[ 9 ] David Friedrich Strauß sagt, der Augenschein widerspräche dem Gedanken der Unsterblichkeit. Nun, dem Augenschein widerspricht vieles, was eine anerkannte wissenschaftliche Wahrheit ist. Solange man die Bewegung der Erde und der Sonne nach dem Augenschein beurteilte, kam man zu keinem richtigen Urteil darüber. Wir haben sie erst im richtigen Sinne erkannt, als man nicht dem Auge allein mehr traute. Und vielleicht ist eben der Augenschein gar nicht das, an das wir uns in dieser Frage zu halten haben.

[ 9 ] David Friedrich Strauss says that appearances contradict the idea of immortality. Well, appearances contradict many things that are accepted scientific truths. As long as people judged the motion of the Earth and the Sun based on appearances, they could not reach a correct conclusion about it. We only came to understand them correctly when we no longer trusted the eye alone. And perhaps appearances are not at all what we should rely on in this matter.

[ 10 ] Wir müssen uns klar werden: Ist es das Ewige im Menschen, was wir in ihm sich vererben und sich wandeln sehen? Oder finden wir es draußen? Die einzelne Blume blüht und vergeht, aber nur das, was sich in jeder Blume der Gattung wieder ausprägt, bleibt bestehen. Ebensowenig finden wir das Ewige draußen in der Geschichte der Staaten. Dasjenige, was einst die äußeren Formen des Staates ausmachte, ist vergangen, das, was als leiteinde Idee sich darstellte, ist geblieben.

[ 10 ] We must ask ourselves: Is it the eternal in human beings that we see being passed down and transformed within them? Or do we find it outside? The individual flower blooms and fades, but only that which is re-expressed in every flower of the species endures. Nor do we find the eternal outside, in the history of states. That which once constituted the external forms of the state has passed away; that which presented itself as the guiding idea has remained.

[ 11 ] Prüfen wir, wie Vergängliches und Ewiges sich in der Natur ausweist. Sie alle wissen, daß vor sieben bis acht Jahren alle die Stoffe, die heute Ihren Körper bilden, nicht in Ihrem Körper darin waren. Dasjenige, was vor acht Jahren meinen Körper bildete, ist zerstreut durch die Welt und hat ganz andere Aufgaben zu erfüllen. Und doch stehe ich vor Ihnen, derselbe, der ich war. Wenn Sie nun fragen: Was ist geblieben von dem, was auf das Auge einen Eindruck machte? — Nichts. Geblieben ist das, was Sie nicht sehen und was doch den Menschen zu dem macht, was er ist. Was bleibt von menschlichen Einrichtungen, von den Staaten? Die Individuen, die sie geschaffen, sind verschwunden, der Staat ist geblieben. So sehen Sie, daß wir unrecht tun, wenn wir das Auge für das Wesentliche halten, das nur sieht, was sich verändert, während das Wesentliche das Ewige ist. Und dieses Ewige zu verstehen, ist das Amt des Geistigen. Was ich war, erfüllt andere Aufgaben. Auch die Stoffe, die heute meinen Körper bilden, bleiben nicht dieselben, gehen andere Verbindungen ein und sind doch das, was heute meinen physischen Körper ausmacht. Das, was sie zusammenhiält, ist das Geistige. Wenn wir diesen Gedanken festhalten, werden wir das erkennen, was das Ewige im Men sehen bildet.

[ 11 ] Let us examine how the transitory and the eternal manifest themselves in nature. You all know that seven or eight years ago, none of the substances that make up your bodies today were present in your bodies. What made up my body eight years ago has been scattered throughout the world and has entirely different tasks to fulfill. And yet I stand before you, the same person I was. If you now ask: What remains of what made an impression on the eye? — Nothing. What remains is what you do not see and yet makes a person what he is. What remains of human institutions, of states? The individuals who created them have disappeared; the state has remained. So you see that we are wrong to regard the eye as the essential, for it sees only what changes, whereas the essential is the eternal. And to understand this eternal is the task of the spiritual. What I was fulfills other tasks. Even the substances that today make up my body do not remain the same; they form different compounds and yet are what today constitutes my physical body. What holds them together is the spiritual. If we hold fast to this thought, we will recognize what constitutes the eternal in man.

[ 12 ] In anderer Weise zeigt sich uns das Ewige im Tier-, Pflanzen- und Mineralreich. Aber auch dort können wir das Dauernde betrachten. Zerstoßen wir eine Kristallbildung, zum Beispiel Kochsalz, zu Pulver, geben es in eine entsprechende Lösung und lassen wir das wieder auskristallisieren, so nehmen die Teile von selbst wieder die ihnen eigentümliche Form an. Die ihnen innewohnende Gestaltungskraft war das Dauernde; sie ist gleichsam wie keimend geblieben, um zu neuem Wirken zu erwachen, wenn die Veranlassung dazu gegeben ist. So sehen wir auch aus der Pflanze unzählige Samenkörner entstehen, aus denen, wenn sie dem Acker anvertraut werden, neue Pflanzen hervorgehen. Die ganze Gestaltungskraft ruhte unsichtbar im Samenkorn. Diese Kraft war imstande, die Pflanzen zu neuem Leben zu erwecken. Und das geht herauf durch Tier- und Menschenwelt. Auch das, was sich uns als Menschengestalt darstellt, kommt aus einer winzigen Zelle. Es führt uns aber nicht zu dem, was wir als menschliche Unsterblichkeit ansprechen. Und doch, bei näherem Betrachten werden wir auch hier Ahnliches finden. Leben entwickelt sich aus Leben; hindurch geht der unsichtbare Strom. Indessen wird sich wohl niemand mit der Unsterblichkeit der Art begnügen. In ihr geht von Geschlecht zu Geschlecht das Prinzip des Menschentums. Aber sie ist nur eine der Arten, wie sich das Dauernde erhält. Es gibt auch noch andere Arten, wo sich die Wechselbeziehung zeigt. Nehmen wir, um dies zu veranschaulichen, ein Beispiel aus der Pflanzenwelt.

[ 12 ] The eternal manifests itself to us in a different way in the animal, plant, and mineral kingdoms. But even there we can observe what endures. If we crush a crystal formation—such as table salt—into powder, place it in a suitable solution, and allow it to recrystallize, the particles will spontaneously resume their characteristic form. The formative power inherent in them was the enduring element; it has, as it were, remained in a dormant state, ready to awaken to new activity when the right conditions arise. In the same way, we see countless seeds emerging from the plant, from which, when entrusted to the field, new plants spring forth. The entire formative power lay invisibly within the seed. This power was capable of awakening the plants to new life. And this extends through the animal and human worlds. Even what appears to us as the human form originates from a tiny cell. Yet this does not lead us to what we refer to as human immortality. And yet, upon closer inspection, we will find something similar here as well. Life develops from life; the invisible current flows through it. However, no one will likely be satisfied with the immortality of the species. In it, the principle of humanity passes from generation to generation. But it is only one of the ways in which the enduring is preserved. There are also other ways in which this interrelationship manifests itself. To illustrate this, let us take an example from the plant world.

[ 13 ] Ungarischer Weizen, den man nach Mähren gebracht und dort ausgesät hat, wird bald dem dort heimischen ganz ähnlich. Das Gesetz der Anpassung tritt hier in Kraft. Er behält nun auch fernerhin die einmal erworbenen Eigenschaften. Wir sehen, wie hier etwas Neues eintritt: Der Begriff der Entwickelung. Die gesamte Welt der Organismen untersteht diesem Gesetz. Eine Idee der Entwickelung liegt hier zugrunde, nach der sich die unvollkommenen Lebewesen zu vollkommeneren umbilden. Sie verändern sich ihrer äußeren Beschaffenheit nach, erhalten andere Organe, so daß sich das, was sich erhält, fortschreitend entwickelt.

[ 13 ] Hungarian wheat that has been brought to Moravia and sown there soon becomes very similar to the native variety. The law of adaptation comes into play here. It now retains the characteristics it has acquired. We see something new emerging here: the concept of development. The entire world of organisms is subject to this law. Underlying this is an idea of development, according to which imperfect living beings transform into more perfect ones. They change in their external constitution, acquire different organs, so that what is preserved develops progressively.

[ 14 ] Sie sehen, daß wir zu einer neuen Art des Dauernden gekommen sind. Wenn der Naturforscher heute eine Lebensform erklärt, gibt er sich nicht die Antwort der Naturforscher des 18. Jahrhunderts, die sagten: Es gibt so viele Arten von Lebewesen, als einst von Gott geschaffen worden sind. — Das war eine leichte Antwort. Alles, was entstanden war, war durch ein Schöpfungswunder ins Leben gerufen. Die Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts hat uns auf ihrem Gebiete vom Begriffe des Wunders befreit. Die Naturformen verdanken ihre Entstehung der Entwickelung. Wir verstehen heute, wie sich die Tiere bis zum Affen hinauf zu höheren Daseinsformen umwandelten. Wenn wir die verschiedenen Tierformen als zeitliche Aufeinanderfolge betrachten, so erkennen wir, daß sie nicht als solche erschaffen, sondern durch Entwickelung auseinander entstanden sind. Wir sehen aber noch mehr.

[ 14 ] You can see that we have arrived at a new understanding of permanence. When a naturalist today explains a form of life, he does not give the same answer as the naturalists of the 18th century, who said: There are as many species of living beings as were once created by God. — That was an easy answer. Everything that came into being was brought to life by a miracle of creation. Nineteenth-century natural science has freed us from the concept of the miracle in its field. Natural forms owe their origin to evolution. Today we understand how animals evolved into higher forms of life, up to the level of the ape. When we view the various animal forms as a chronological sequence, we recognize that they were not created as such, but arose through evolution. But we see even more.

[ 15 ] Die Blüten mancher Pflanzen erleiden unter Umständen so beträchtliche Umwandlungen, daß man sie gar nicht mehr als der gleichen Art angehörig bezeichnen möchte. Die Natur macht eben doch Sprünge, und so läßt sie auch unter gegebenen Umständen eine Art aus der anderen hervorgehen. Aber in jeder Art bleibt etwas, was an das Vorhergehende erinnert; wir verstehen sie nur auseinander, nicht aus sich selbst, sondern aus ihren Vorfahren. Wenn man die zeitliche Entwickelung der Arten verfolgt, so versteht man, was im Raume vor uns steht. Wir sehen die Entwickelung durch Millionen von Jahren und wissen, daß in Millionen von Jahren alles wieder anders aussehen wird. Die Stoffe werden fortwährend ausgewechselt; fortwährend ändern sie sich. In Tausenden von Jahren entwickelte sich der Affe aus dem Beuteltier. Aber etwas bleibt, was den Affen mit dem Beuteltier verbindet. Es ist dasselbe, was den Menschen zusammenhält. Es ist das unsichtbare Prinzip, was wir als Dauerndes in uns sahen, das tätig war vor Jahrtausenden und heute noch unter uns fortwirkt. Die äußere Ahnlichkeit der Organismen entspricht dem Prinzip der Vererbung. Wir sehen nun aber auch, wie sich die Form der Lebewesen nicht nur vererbt, sondern auch verändert. Wir sagen: Etwas vererbt, etwas verändert sich; es gibt etwas Vergängliches und etwas, das sich im Wechsel der Zeiten erhält.

[ 15 ] The flowers of some plants undergo such significant changes under certain circumstances that one would no longer wish to classify them as belonging to the same species. Nature does indeed take leaps, and so, under certain circumstances, it allows one species to emerge from another. But in every species, something remains that recalls its predecessor; we understand them only in relation to one another, not in and of themselves, but through their ancestors. If one traces the temporal evolution of species, one understands what lies before us in space. We see the evolution over millions of years and know that in millions of years everything will look different again. Matter is constantly being replaced; it is constantly changing. Over thousands of years, the monkey evolved from the marsupial. But something remains that connects the monkey to the marsupial. It is the same thing that holds humanity together. It is the invisible principle that we saw as enduring within us, which was active millennia ago and continues to work among us today. The external resemblance of organisms corresponds to the principle of heredity. But we now also see how the form of living beings is not only inherited but also changes. We say: Something is inherited, something changes; there is something transitory and something that endures through the changing times.

[ 16 ] Sie wissen, daß der Mensch, was seine physischen Eigenschaften betrifft, seinen Vorfahren entspricht. Gestalt, Gesicht, Temperament, auch Leidenschaften gehen zurück auf Vorfahren. Die Handbewegung, die mir eigen ist, verdanke ich einem Vorfahren. So ragt das Gesetz der Vererbung aus Tier- und Pflanzenreich hinein in die Menschenwelt. Kann nun dieses Gesetz in gleicher Weise auch auf allen Gebieten der Menschenwelt angewendet werden? Wir müssen auf jedem Gebiete die eigenen Gesetze suchen. Würde Haeckel seine großartigen Entdeckungen auf biologischem Gebiete gemacht haben, hätte er sich darauf beschränkt, etwa nur chemisch die Gehirne der verschiedenen Tiere zu untersuchen?

[ 16 ] You know that, as far as physical characteristics are concerned, human beings resemble their ancestors. Physical form, facial features, temperament, and even passions can be traced back to ancestors. The way I move my hands is something I inherited from an ancestor. Thus, the law of heredity extends from the animal and plant kingdoms into the human world. Can this law now be applied in the same way to all areas of the human world? We must seek out the specific laws in each field. If Haeckel had made his magnificent discoveries in the biological realm, would he have limited himself, for example, to merely chemically examining the brains of various animals?

[ 17 ] Die großen Gesetze sind überall vorhanden, aber auf jedem Gebiete auf eigene Weise. Übertragen Sie diese Frage auf das menschliche Leben, auf das Gebiet, auf dem die Menschen noch heute die schlimmsten Wundergläubigen sind. Bei den Affen weiß heute ein jeder, daß er sich aus unvollkommeneren Daseinsformen entwickelt hat. Nur bei der Menschenseele stehen die Menschen noch heute auf dem Boden des blühendsten Wunderglaubens. Wir sehen verschiedene Menschenseelen; wir wissen, daß es unmöglich ist, die Seele durch physische Vererbung zu erklären. Wer könnte zum Beispiel das Genie Michelangelos aus seinen Vorfahren erklären wollen? Wer seine Kopfform, seine Gestalt erklären wollte, möchte wohl aus den Bildern seiner Vorfahren gute Aufschlüsse ziehen. Was aber deutet an ihnen auf das Genie Michelangelos? Und dies gilt nicht nur für das Genie, für alle Menschen gilt es in gleicher Weise, wenn man auch das Genie wählt, um am deutlichsten daran zu beweisen, daß seine Eigenschaften nicht der physischen Vererbung zu verdanken sind.

[ 17 ] The great laws are present everywhere, but in each realm in their own way. Apply this question to human life, the realm in which people are still, even today, the most ardent believers in miracles. When it comes to apes, everyone today knows that they evolved from less perfect forms of life. Only when it comes to the human soul do people still stand on the ground of the most flourishing belief in miracles. We see different human souls; we know that it is impossible to explain the soul through physical heredity. Who, for example, would try to explain Michelangelo’s genius through his ancestors? Anyone wishing to explain the shape of his head or his physique might well seek to draw meaningful conclusions from the portraits of his ancestors. But what in them points to Michelangelo’s genius? And this applies not only to the genius; it applies equally to all human beings, even if one chooses the genius as the clearest example to demonstrate that his characteristics are not due to physical heredity.

[ 18 ] Goethe selbst hat so empfunden, wenn er in dem bekannten Verse davon spricht, was er seinen Eltern verdanke:

[ 18 ] Goethe himself felt this way when, in his famous verse, he spoke of what he owed to his parents:

Vom Vater hab’ ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen,
Von Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.

From my father I inherited my stature,
And a serious approach to life,
From my dear mother, her cheerful nature
And a love of storytelling.

[ 19 ] Es sind, selbst das Fabuliertalent, im Grunde alles äußere Eigenschaften. Unmöglich aber konnte er sein Genie von Vater oder Mutter herleiten, sonst müßte man dieses auch an ihnen spüren. Temperament, Neigungen, Leidenschaften mögen wir unseren Eltern verdanken. Das, was dem Menschen am wesentlichsten ist, was ihn zu seiner eigentlichen Individualität macht, können wir nicht bei seinen leiblichen Vorfahren suchen. Unsere Naturwissenschaft kennt aber nur die äußerlichen Eigenschaften des Menschen. Diese nur sucht sie zu erforschen. So kommt sie zu dem Wunderglauben von der menschlichen Seele. Sie untersucht, wie des Menschen Gehirn beschaffen ist. Kann sie aber aus der physischen Beschaffenheit des Gehirns und so weiter die menschliche Seele erklären? Ist nun Goethes Seele deshalb ein Wunder? Unsere Ästhetik möchte am liebsten diesen Standpunkt für den allein richtigen ansehen, den man dem Genie gegenüber einnehmen darf, und meint, allen Zauber würde das Genie durch das Erklären verlieren. Aber wir können uns mit dieser Auskunft nicht zufriedengeben. Versuchen wir, in derselben Art die Natur der Seele zu erklären, wie wir die Pflanzen- und Tierarten erforschten; das heißt, zu erklären, wie sich die Seele von Niederem zu Höherem entwickelt. Goethes Seele stammt ebenso von einem Vorfahren ab wie sein physischer Körper. Wie wollte jemand sonst den Unterschied etwa einer Hottentottenseele von der Seele Goethes erklären? Jede Menschenseele führt zurück auf ihre Vorfahren, aus denen sie sich entwickelt. Und sie wird Nachfolger haben, die aus ihr entstehen. Diese Seelenfortentwickelung aber fällt nicht zusammen mit dem Gesetz der physischen Vererbung. Jede Seele ist der Vorfahr späterer Seelennachfolger. Wir werden verstehen, daß das Gesetz der Vererbung, das im Raume herrscht, nicht in gleicher Weise auf die Seele angewendet werden kann. Die niedere Gesetzmäßigkeit bleibt aber neben den höheren Gesetzen bestehen. Die chemisch-physikalischen Gesetze, die im Raume herrschen, bestimmen den äußeren Organismus. Auch wir sind mit unserem Körper eingesponnen in dieses Leben. Mitten in der organischen Entwickelung stehend, unterliegen wir denselben Gesetzen wie Tier und Pflanze.

[ 19 ] Even his talent for storytelling is, at its core, merely an external trait. Yet he could not possibly have inherited his genius from his father or mother; otherwise, one would have to perceive it in them as well. We may owe our temperament, inclinations, and passions to our parents. But what is most essential to a human being—what makes him truly individual—we cannot find in his biological ancestors. Yet our natural science knows only the external characteristics of human beings. It seeks to investigate only these. Thus it arrives at a belief in the miracle of the human soul. It examines the structure of the human brain. But can it explain the human soul based on the physical structure of the brain and so on? Is Goethe’s soul therefore a miracle? Our aesthetics would prefer to regard this as the only correct standpoint one may take toward genius, and believes that genius would lose all its magic through explanation. But we cannot be satisfied with this explanation. Let us try to explain the nature of the soul in the same way we have studied plant and animal species; that is, to explain how the soul develops from the lower to the higher. Goethe’s soul descends from an ancestor just as his physical body does. How else could one explain the difference between, say, a Hottentot soul and Goethe’s soul? Every human soul traces back to its ancestors from whom it developed. And it will have successors who arise from it. This further development of the soul, however, does not coincide with the law of physical heredity. Every soul is the ancestor of later soul successors. We will understand that the law of heredity, which prevails in the physical realm, cannot be applied in the same way to the soul. The lower laws, however, continue to exist alongside the higher laws. The chemical and physical laws that govern the physical world determine the external organism. We, too, are woven into this life through our bodies. Standing in the midst of organic development, we are subject to the same laws as animals and plants.

[ 20 ] Unabhängig davon aber vollzieht sich das Gesetz der seelischen Veredlung. So muß Goethes Seele einmal dagewesen sein in einer anderen Form und hat sich aus dieser Seelenform weiter entwickelt, unabhängig von der äußeren Form, wie das Samenkorn sich zu einer anderen Art entwickelt, abhängig von dem Gesetze der Veränderung. Ebenso aber wie die Pflanze ein Bleibendes hat, das die Veränderung überdauert, ebenso ist das, was in der Seele Bleibendes war, in einen Keimzustand eingegangen, wie das Korn in der Ackerkrume, um, wenn die Bedingungen dazu gekommen sind, in neuer Form zu erscheinen. Dies ist die Lehre von der Reinkarnation. Und nun werden wir die Naturforscher besser verstehen.

[ 20 ] Regardless of this, however, the law of spiritual refinement takes its course. Thus, Goethe’s soul must once have existed in another form and has evolved from that form, independent of its outward appearance, just as a seed develops into a different species, subject to the law of change. But just as the plant has an enduring element that survives the change, so too has that which was enduring in the soul entered a germinal state, like the seed in the soil, to appear in a new form when the conditions are right. This is the doctrine of reincarnation. And now we will better understand the natural scientists.

[ 21 ] Wie soll das bleibend sein, was früher noch nicht war? Aber was ist das Bleibende? Alles, was des Menschen Persönlichkeit ausmacht, sein Temperament, seine Leidenschaften, können wir nicht als das Bleibende betrachten; nur das eigentlich Individuelle, das vor seiner physischen Erscheinung war und daher auch nach seinem Tode bleibt. Die menschliche Seele zieht ein in den Körper und verläßt ihn wieder, um nach der Zeit der Reife sich wieder einen neuen Körper zu schaffen und in ihn einzuziehen. Was physischen Ursachen entstammt, wird mit unserer Persönlichkeit, mit dem Tode vergehen; das, wofür wir keine physischen Ursachen zu finden vermögen, werden wir als die Wirkung einer früheren Vergangenheit ansehen müssen. Das Dauernde des Menschen ist seine Seele, die aus tiefstem Inneren heraus wirkt und alle Veränderungen überlebt. Der Mensch ist ein Bürger der Ewigkeit, weil er in sich selbst etwas Ewiges trägt. Der menschliche Geist nährt sich von den ewigen Gesetzen des Weltalls, und nur dadurch ist er imstande, die ewigen Gesetze der Natur zu verstehen. Der Mensch würde nur das Vergängliche in der Welt erkennen, wenn er nicht selbst ein Bleibender wäre. Das wird bleiben von dem, was wir heute sind, was wir unserem Unvergänglichen einverleiben. Die Pflanzen wandeln sich unter gegebenen Bedingungen. Auch die Seele hat sich angepaßt; sie hat vieles in sich aufgenommen und sich veredelt. Das, was wir als Ewiges erleben, werden wir weitertragen in eine andere Verkörperung. Nur, wenn die Seele zum erstenmal eintritt in einen Körper, gleicht sie einem unbeschriebenen Blatt, und wir übertragen auf sie das, was wir tun und in uns aufnehmen. So wahr das Gesetz der physischen Vererbung in der Natur herrscht, so wahr herrscht das Gesetz der seelischen Vererbung auf geistigem Gebiet. Und so wenig die physischen Gesetze für das Geistige gelten, so wenig herrschen die Gesetze der körperlichen Vererbung für das Fortbestehen der Seele. Die alten Weisen, die nicht das Glauben forderten, ehe sie es durch Erkenntnis begründet hatten, waren sich dieser Tatsache voll bewußt.

[ 21 ] How can something that did not exist before be permanent? But what is permanent? We cannot regard everything that constitutes a person’s personality—their temperament, their passions—as permanent; only that which is truly individual, which existed before their physical appearance and therefore remains even after their death. The human soul enters the body and leaves it again, only to create a new body for itself after the time of maturity and to enter it. What stems from physical causes will pass away with our personality, with death; that for which we cannot find any physical causes, we must regard as the effect of a past existence. What endures in a human being is the soul, which acts from the deepest inner self and survives all changes. A human being is a citizen of eternity because they carry something eternal within themselves. The human spirit feeds on the eternal laws of the universe, and only through this is it able to understand the eternal laws of nature. Human beings would perceive only the transitory in the world if they themselves were not enduring. That which remains of what we are today is what we incorporate into our immortal self. Plants transform under given conditions. The soul, too, has adapted; it has absorbed much within itself and refined itself. What we experience as eternal, we will carry forward into another incarnation. Only when the soul first enters a body does it resemble a blank slate, and we transfer to it what we do and take in. Just as the law of physical heredity reigns in nature, so does the law of spiritual heredity reign in the spiritual realm. And just as physical laws do not apply to the spiritual, so too do the laws of physical heredity not govern the soul’s continued existence. The ancient sages, who did not demand belief until they had grounded it in knowledge, were fully aware of this fact.

[ 22 ] Die Frage: Wie verhält sich in ihrem jetzigen Zustande die Seele zu ihrem früheren Zustand? —, die sich einem hier aufdrängen könnte, möchte ich Ihnen in folgender Weise beantworten. Die Seelen befinden sich in fortwährender Entwickelung. Dadurch ergeben sich Unterschiede zwischen den einzelnen Seelen. Eine höhere Individualität kann sich nur dadurch entwickeln, daß sie durch viele Verkörperungen geht. Im gewöhnlichen Bewußtseinszustande haben die Menschen keine Erinnerung an die früheren Zustände ihrer Seele, aber nur deshalb, weil diese Erinnerung noch nicht erworben ist. Die Möglichkeit dafür ist gegeben. Spricht doch selbst Haeckel von einer Art unbewußtem Gedächtnis, das durch die Welt der Organismen gehe und ohne welches eine Reihe von Naturerscheinungen unerklärlich sei. Daher ist dieses Erinnern nur eine Frage der Entwickelung. Der Mensch denkt bewußt und handelt danach, während der Affe unbewußt handelt. Und wie er sich allmählich von dem Bewußtseinsstadium des Affen zu bewußtem Denken erhoben hat, so wird er sich später bei fortschreitender Vervollkommnung des Bewußtseins an die früheren Verkörperungen erinnern. So wie Buddha von sich sagt: Ich blicke zurück auf unzählige Verkörperungen —, ebenso wie es wahr ist, daß in der Zukunft einst jeder Mensch das Gedächtnis von so und so viel früheren Verkörperungen haben wird, wenn sich dieses Ich-Bewußtsein bei jedem einzelnen entwickelt hat, ebenso gewiß ist das bei einzelnen Fortgeschrittenen schon heute vorhanden. Diese Fähigkeit wird sich bei fortschreitender Vervollkommnung immer mehr Menschen mitteilen.

[ 22 ] The question: How does the soul in its present state relate to its former state? — a question that might naturally arise here — I would like to answer as follows. Souls are in a state of constant development. This results in differences between individual souls. A higher individuality can only develop by passing through many incarnations. In the ordinary state of consciousness, people have no memory of their soul’s earlier states, but only because this memory has not yet been acquired. The potential for it exists. Haeckel himself speaks of a kind of unconscious memory that pervades the world of organisms and without which a number of natural phenomena would be inexplicable. Therefore, this recollection is merely a matter of development. Man thinks consciously and acts accordingly, while the ape acts unconsciously. And just as he has gradually risen from the ape’s stage of consciousness to conscious thinking, so will he later, with the progressive perfection of consciousness, remember his past incarnations. Just as the Buddha says of himself: “I look back upon countless incarnations”—just as it is true that in the future every human being will have the memory of so many past incarnations once this sense of self has developed in each individual, so too is it certain that this ability is already present in some advanced individuals today. As perfection progresses, this ability will become available to more and more people.

[ 23 ] Dies ist der Begriff von Unsterblichkeit, wie ihn der Theosoph gibt. Das ist ein neuer und ein alter Begriff. So haben einst die gelehrt, die nicht bloß Glauben, sondern Wissen lehren wollten. Wir wollen nicht glauben und dann beweisen, sondern wir wollen die Menschen fähig machen, die Beweise selbst zu suchen und zu finden. Nur der, der an der Entwickelung seiner Seele mitarbeiten will, wird dazu gelangen. Er wird von Leben zu Leben zur Vervollkommnung schreiten, denn weder ist die Seele bei der Geburt entstanden, noch wird sie daher beim Tode verschwinden.

[ 23 ] This is the concept of immortality as presented by theosophy. It is both a new and an ancient concept. This is how those who sought to teach not merely faith but knowledge once taught. We do not wish to believe and then prove, but rather to enable people to seek and find the evidence for themselves. Only those who are willing to cooperate in the development of their souls will achieve this. They will progress toward perfection from life to life, for the soul neither came into being at birth nor will it therefore vanish at death.

[ 24 ] Einer der Einwände, die oft gegen diese Anschauung erhoben werden, ist der, sie mache den Menschen untüchtig für das Leben. Lassen Sie mich noch mit einigen Worten darauf eingehen. Nein, nicht untüchtig macht die Theosophie zum Leben, sondern tüchtiger, gerade weil wir wissen, was das Dauernde und was das Vergängliche ist. Freilich, wer denkt, daß der Körper ein Kleid ist, das die Seele nur anzieht und wieder auszieht, wie es manchmal gesagt wird, der wird untüchtig zum Leben werden. Aber das ist ein falsches Bild, das von keinem Forscher gebraucht werden sollte. Nicht Kleid, sondern Werkzeug ist der Körper für die Seele. Ein Werkzeug, dessen sich die Seele bedient, um mit ihm in der Welt zu wirken. Und der, der das Dauernde kennt und in sich stärkt, wird besser das Werkzeug führen als derjenige, der nur das Vergängliche kennt. Er wird sich bestreben, durch unausgesetzte Tätigkeit das Ewige in sich zu stärken. Diese Tätigkeit wird er hinübertragen in ein anderes Leben, und er wird immer tüchtiger werden. Durch dieses Bild wird der Gedanke in nichts verschwinden, daß der Mensch durch die Erkenntnis untüchtig zum Leben werde. Wir verstehen erst um so tüchtiger und dauernder zu wirken, wenn wir erkennen, daß wir nicht nur für dieses eine kurze Leben, sondern für alle künftigen Zeiten arbeiten.

[ 24 ] One of the objections often raised against this view is that it renders people incapable of living. Let me address this briefly. No, theosophy does not render us incapable of living; rather, it makes us more capable, precisely because we know what is enduring and what is transitory. Of course, anyone who thinks that the body is a garment that the soul merely puts on and takes off, as is sometimes said, will indeed become incapable of living. But that is a false image that no researcher should use. The body is not a garment but a tool for the soul. A tool that the soul uses to work in the world. And the one who knows what is enduring and strengthens it within himself will wield the tool better than the one who knows only what is transitory. He will strive to strengthen the eternal within himself through unceasing activity. He will carry this activity over into another life, and he will become ever more capable. Through this image, the notion that knowledge renders a person incapable of life will vanish. We understand how to act all the more capably and enduringly when we recognize that we are working not only for this one brief life, but for all future times.

[ 25 ] Die Kraft, die aus diesem Ewigkeitsbewußtsein erwächst, lassen Sie mich ausdrücken durch die Worte, die Lessing an den Schluß seiner bedeutsamen Abhandlung über «Die Erziehung des Menschengeschlechts» stellte: «Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?»

[ 25 ] Let me express the power that arises from this awareness of eternity through the words that Lessing placed at the end of his significant treatise on The Education of the Human Race: “Is not all eternity mine?”