Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
8 December 1904, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
18. Ist die Theosophie Buddhistische Propaganda?
18. Is Theosophy Buddhist Propaganda?
[ 1 ] Der heutige Vortrag ist dazu bestimmt, eines der verbreitetsten Vorurteile über die theosophische Bewegung zu besprechen: es ist dasjenige, als ob die Theosophie nichts anderes wäre als eine Propaganda für den Buddhismus. Man hat sogar das Wort geprägt für diese Bewegung: Neubuddhismus. Nun ist es ohne Zweifel, daß unsere Zeitgenossen manches gegen die theosophische Bewegung einzuwenden haben müßten, wenn das in diesem Vorurteile Ausgesprochene in irgendeiner Weise richtig wäre. Derjenige, welcher zum Beispiel auf dem christlichen Standpunkt steht, wird sich mit Recht fragen: Was soll dem, der das Christentum zu seinem Bekenntnis gemacht hat, oder der im Christentum erzogen ist, eine Religion, welche auf ganz andere Verhältnisse hin, für ein ganz anderes Volk, für ganz andere Zustände bestimmt war? Und derjenige, der auf dem Standpunkte der modernen Wissenschaft steht, der mag sich wiederum sagen: Was kann uns, die wir mit den wissenschaftlichen Begriffen leben, welche im Laufe der letzten Jahrhunderte gewonnen worden sind, der Buddhismus irgend etwas Bedeutungsvolles bringen, da doch alles, was er in sich befaßt, einem Gedankenkreise angehört, welcher viele Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung entstanden ist? — Wir wollen uns heute mit der Frage beschäftigen, wie dieses Urteil hat entstehen können, und welchen Wert es eigentlich hat.
[ 1 ] Today’s lecture is intended to address one of the most widespread prejudices regarding the Theosophical Movement: namely, the notion that Theosophy is nothing more than propaganda for Buddhism. A term has even been coined for this movement: Neo-Buddhism. Now, there is no doubt that our contemporaries would have much to object to regarding the Theosophical Movement if what is expressed in this prejudice were in any way true. For example, someone who holds a Christian viewpoint will rightly ask: What use is a religion—intended for entirely different circumstances, for an entirely different people, and for entirely different conditions—to someone who has made Christianity their creed or who was raised in the Christian faith? And someone who stands on the standpoint of modern science may, in turn, ask: What can Buddhism offer us—who live with the scientific concepts gained over the course of the last few centuries—that is of any significance, since everything it deals with belongs to a sphere of thought that arose many centuries before our era? — Today we wish to address the question of how this judgment came about and what value it actually holds.
[ 2 ] Sie wissen, daß die theosophische Bewegung im Jahre 1875 durch Frau Helena Petrowna Blavatsky und Colonel Olcott ins Leben gerufen worden ist, daß sie sich seither verbreitet hat über alle gebildeten Länder der Erde, daß Tausende und aber Tausende von Leuten, welche nach den Lösungen der Fragen des Daseins suchen, im tiefsten Sinne in ihr Befriedigung gefunden haben, daß sie Forschungen gezeitigt hat, welche tief zu der Seele des modernen Menschen sprechen. Das alles ist nicht zu leugnen, und wir müssen uns fragen: Wie steht diese Bewegung, die eine reiche Literatur hat, die eine Anzahl von Männern und Frauen hervorgebracht hat, die in ihrem Sinne heute selbständig zu sprechen in der Lage sind, zu den Religionen des Ostens, zum Hinduismus, und namentlich zum Buddhismus?
[ 2 ] You know that the Theosophical Movement was founded in 1875 by Madame Helena Petrovna Blavatsky and Colonel Olcott, that it has since spread throughout all the civilized countries of the world, and that thousands upon thousands of people seeking answers to the questions of existence have found satisfaction in it in the deepest sense, and that it has produced research that speaks deeply to the soul of modern man. All this cannot be denied, and we must ask ourselves: How does this movement—which has a rich body of literature and has produced a number of men and women who are today capable of speaking independently in its spirit—relate to the religions of the East, to Hinduism, and especially to Buddhism?
[ 3 ] Ein gutes Stück Schuld an diesem Vorurteil, das ich erwähnt habe, hat der Titel, den eines der verbreitetsten Bücher auf unserem Gebiet trägt. Es ist das Buch, durch welches unzählige Menschen für die Bewegung gewonnen worden sind, der «Esoterische Buddhismus», von Sinnett. Es ist ein merkwürdig unglücklicher Zufall, daß der Titel dieses Buches so gründlich mißverstanden werden konnte. Frau Blavatsky sagt über dieses Buch, es sei weder Buddhismus, noch sei es esoterisch, obwohl es «Esoterischer Buddhismus» heißt. Und dieses Urteil ist außerordentlich wichtig für die Beurteilung der theosophischen Bewegung. Buddhismus steht allerdings auf dem Titelblatt des Sinnettschen Buches, aber dieser Buddhismus müßte geschrieben werden nicht mit zwei d, als ob es von Buddha käme, sondern mit einem d, denn es kommt von Budhi, dem sechsten menschlichen Prinzip, dem Prinzip der Erleuchtung, der Erkenntnis. Budhi bedeutet nichts anderes, als was in den ersten christlichen Jahrhunderten Gnosis genannt wurde. Erkenntnis durch das innere Licht des Geistes, Weisheitslehre.
[ 3 ] The title of one of the most widely read books in our field is largely to blame for the prejudice I mentioned. It is the book that has won countless people over to the movement: *Esoteric Buddhism* by Sinnett. It is a strangely unfortunate coincidence that the title of this book could be so thoroughly misunderstood. Madame Blavatsky says of this book that it is neither Buddhism nor is it esoteric, even though it is called “Esoteric Buddhism.” And this judgment is extraordinarily important for the assessment of the Theosophical Movement. Buddhism does indeed appear on the title page of Sinnett’s book, but this Buddhism should be written not with two d’s, as if it came from Buddha, but with one d, for it comes from Budhi, the sixth human principle, the principle of enlightenment, of knowledge. Budhi means nothing other than what was called Gnosis in the early Christian centuries. Knowledge through the inner light of the spirit, the teaching of wisdom.
[ 4 ] Wenn wir den Ausdruck «Budhismus» so auffassen, dann werden wir uns bald gestehen können, daß die Lehre des Buddha nichts anderes ist als eine der mannigfaltigen Formen, in denen diese Weisheitslehre in der Welt verbreitet ist. Nicht allein Buddha, sondern alle großen Weisheitslehrer haben diesen Budhismus verbreitet: der ägyptische Hermes, die alten indischen Rishis, Zarathustra, die chinesischen Weisheitslehrer Laotse und Konfuzius, die Eingeweihten der alten Juden, ferner Pythagoras und Plato, und endlich die Lehrer des Christentums selbst. Nichts anderes haben sie in diesem Sinne verbreitet als Budhismus, und esoterischer Buddhismus heißt nichts anderes als die innere Lehre, im Gegensatz zur äußeren Lehre. Alle großen Religionsbekenntnisse der Welt haben diesen Unterschied gemacht zwischen innerer und äußerer Lehre. Auch das Christentum kannte, namentlich in den ersten Jahrhunderten, diesen Unterschied zwischen esoterischem und exoterischem Gehalt.
[ 4 ] If we understand the term “Buddhism” in this way, we will soon be able to admit that the Buddha’s teachings are nothing other than one of the many forms in which this wisdom teaching is spread throughout the world. Not only the Buddha, but all the great teachers of wisdom have spread this Buddhism: the Egyptian Hermes, the ancient Indian Rishis, Zarathustra, the Chinese sages Laozi and Confucius, the initiates of the ancient Jews, furthermore Pythagoras and Plato, and finally the teachers of Christianity themselves. In this sense, they have spread nothing other than Buddhism, and esoteric Buddhism means nothing other than the inner teaching, in contrast to the outer teaching. All the great religious traditions of the world have made this distinction between inner and outer teaching. Christianity, too, recognized this distinction between esoteric and exoteric content, particularly in the first centuries.
[ 5 ] Das Esoterische unterscheidet sich ganz wesentlich von dem Exoterischen. Das Exoterische ist dasjenige, was ein Lehrer verkündigt vor der Gemeinde, das, was durch das Wort, durch das Buch verbreitet wird. Es ist dasjenige, was jeder versteht, der auf einer gewissen Stufe der Bildung steht. Die esoterische Lehre wird nicht durch Bücher verbreitet; der esoterische Teil jeder Weisheitsreligion wird nur von Mund zu Ohr und noch auf ganz andere Weise verbreitet. Es gehört, um einen esoterischen Inhalt an einen Menschen heranzubringen, ein intimes Verhältnis des Lehrers, der zugleich Führer sein muß, zu seinem Schüler dazu; es gehört dazu, daß ein unmittelbares persönliches Band vorhanden ist zwischen Lehrer und Schüler; es gehört dazu, daß in diesem Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler selbst ausgesprochen ist, was über die bloße Mitteilung, über das bloße Wort weit hinausgeht. Es muß in diesem Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler etwas Spirituelles sein; es muß die Geisteskraft des Lehrers auf den Schüler wirken. Der in Weisheit geübte Wille muß etwas einströmen lassen, was unmittelbar auf den Schüler oder die kleine Gemeinde übergeht, welche einzig und allein als kleine Gemeinde einen esoterischen Unterricht genießen soll. Und weiter gehört zum esoterischen Unterricht, daß diese kleine Gemeinde stufenweise hinaufgeführt wird zu den höheren Stufen. Man kann nicht die dritte Stufe erkennen, wenn man sich die erste und zweite nicht völlig zu eigen gemacht hat. Was das Esoterische in sich schließt, ist nicht nur ein Lernen, sondern eine völlige Verwandlung des Menschen, eine Höherbildung und Zucht seiner ganzen Seelenkräfte. Der Mensch, der durch die esoterische Schule gegangen ist, hat nicht nur etwas gelernt, er ist ein anderer geworden nach Temperament, Gemüt und Charakter, nicht nur nach Einsicht und Wissen.
[ 5 ] The esoteric differs quite significantly from the exoteric. The exoteric is what a teacher proclaims before the congregation, that which is disseminated through the spoken word and through books. It is what anyone with a certain level of education can understand. Esoteric teaching is not disseminated through books; the esoteric aspect of every wisdom religion is transmitted only by word of mouth and in entirely different ways. In order to convey esoteric content to a person, an intimate relationship is required between the teacher—who must also be a guide—and his or her student; it requires the existence of a direct personal bond between teacher and student; it requires that within this relationship between teacher and student, something be expressed that goes far beyond mere communication, beyond the mere word. There must be something spiritual in this relationship between teacher and student; the teacher’s spiritual power must act upon the student. The will, trained in wisdom, must allow something to flow in that passes directly to the student or the small community, which is to enjoy esoteric instruction solely and exclusively as a small community. Furthermore, part of esoteric instruction is that this small community is gradually led up to the higher levels. One cannot recognize the third level unless one has fully mastered the first and second. What the esoteric encompasses is not merely learning, but a complete transformation of the human being, a higher education and discipline of all his soul forces. The person who has passed through the esoteric school has not merely learned something; he has become a different person in temperament, disposition, and character, not merely in insight and knowledge.
[ 6 ] Dasjenige, was der äußeren Welt oder einem äußeren Buche anvertraut wird, kann nur ein schwacher Abglanz einer eigentlichen esoterischen Unterweisung sein. Daher sagt Frau Blavatsky mit Recht, daß Sinnetts Buch kein esoterischer Buddhismus sei, denn in dem Augenblicke, wo irgendeine Lehre überhaupt durch ein Buch, oder öffentlich, mitgeteilt wird, ist sie nicht mehr esoterisch; da ist sie exoterisch geworden, denn die eigentümliche Schattierung durch das Gemüt, die Schattierung durch die feineren Seelenkräfte, der ganze spirituelle Hauch, welcher durchströmen muß, durchwärmen muß dasjenige, was die Esoterik in sich schließt, das alles muß herausgeschwunden sein aus dem bloß durch ein Buch Mitgeteilten.
[ 6 ] That which is entrusted to the outer world or to an external book can only be a faint reflection of true esoteric instruction. Hence, Madame Blavatsky rightly says that Sinnett’s book is not esoteric Buddhism, for the moment any teaching is communicated through a book or publicly, it is no longer esoteric; it has become exoteric, for the unique coloring imparted by the mind, the coloring imparted by the finer soul forces, the entire spiritual breath that must permeate and warm what esotericism encompasses—all of this must have faded away from what is communicated merely through a book.
[ 7 ] Eines ist allerdings möglich: es kann derjenige, dessen schlummernde Fähigkeiten leicht erweckt werden können, und der den Willen und die Neigung hat, nicht nur zwischen den Zeilen eines Buches zu lesen, sondern an den Worten gleichsam zu saugen, der kann das, was als Esoterik einem exoterischen Buche zugrunde liegt, aus diesem Buche heraussaugen. Man kann unter Umständen bis zu einem hohen Grad in die esoterischen Lehren hineinkommen, ohne daß man unmittelbaren persönlichen esoterischen Unterricht erhält. Aber das ändert nichts daran, daß ein gewaltiger Unterschied ist zwischen allem Esoterischen und Exoterischen. Die christlichen Gnostiker der ersten Jahrhunderte erzählen, wie in den Worten des Origenes, des Clemens von Alexandrien, wenn sie zu ihren intimen Schülern sprachen, das unmittelbare Seelenfeuer, die unmittelbare spirituelle Kraft wirkte, und wie diese Worte dann ein ganz anderes Leben hatten, als wenn sie vor einer großen Gemeinde gesprochen wurden. Diejenigen, die den intimen Unterricht dieser großen christlichen Lehrer genossen haben, wissen davon zu erzählen, wie ihre ganze Seele verwandelt worden ist, und wie ihre ganze Seele anders geworden ist.
[ 7 ] One thing is possible, however: those whose dormant abilities can be easily awakened, and who have the will and inclination not only to read between the lines of a book but to, as it were, soak up the words, can extract from that book what lies at the heart of its esoteric content. Under certain circumstances, one can penetrate deeply into the esoteric teachings without receiving direct personal esoteric instruction. But this does not alter the fact that there is a vast difference between all that is esoteric and all that is exoteric. The Christian Gnostics of the first centuries recount, as in the words of Origen and Clement of Alexandria, how when they spoke to their innermost disciples, the direct fire of the soul, the direct spiritual power, was at work, and how these words then had a completely different life than when they were spoken before a large congregation. Those who have enjoyed the intimate instruction of these great Christian teachers can tell how their entire soul has been transformed, and how their entire soul has become different.
[ 8 ] Es war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Notwendigkeit heraufgezogen, in der Menschheit das spirituelle Leben zu wecken als Gegengewicht für die materialistische Weltanschauung, die ‚nicht nur die wissenschaftlichen, sondern auch die religiösen Kreise ergriffen hat, denn die Religionen haben ein ganz materialistisches Gepräge angenommen. Es war notwendig geworden, das innere spirituelle Leben wieder zu erwecken. Dieses innere Leben kann nur von demjenigen erweckt werden, der in seinen Worten ausgeht von der Kraft, die in der Esoterik geschaffen wird. Es war notwendig geworden, daß wiederum einige von den Dingen sprachen, die nicht nur aus Büchern und Unterweisungen, sondern aus unmittelbarer persönlicher Anschauung etwas wußten von den Welten, die über dem physischen Plan liegen. Genau ebenso wie jemand ein Erfahrener auf dem Gebiete der Naturwissenschaft sein kann, so kann auch jemand ein Erfahrener sein auf dem Gebiete des Seelenlebens und des Geisteslebens. Man kann unmittelbare Erkenntnis von diesen Welten haben.
[ 8 ] In the last third of the 19th century, the need arose to awaken spiritual life within humanity as a counterweight to the materialistic worldview that had “taken hold not only of scientific but also of religious circles, for the religions had taken on a thoroughly materialistic character.” It had become necessary to reawaken the inner spiritual life. This inner life can only be awakened by one who, in his words, draws upon the power created in esotericism. It had become necessary for some to speak once again of things they knew not only from books and teachings, but from direct personal experience of the worlds that lie above the physical plane. Just as one can be an expert in the field of natural science, so too can one be an expert in the field of soul life and spiritual life. One can have direct knowledge of these worlds.
[ 9 ] Zu allen Zeiten hat es solche Menschen gegeben, die geistige Erfahrungen hatten; und diejenigen, die solche Erfahrungen hatten, waren die wichtigen Lenker und Führer der Menschheit. Was an Religionsbekenntnissen eingeflossen ist in die Menschheit, ist hervorgegangen aus der geistigen und seelischen Erfahrung dieser Religionsstifter. Diese Religionsstifter waren nichts anderes als Abgesandte der großen Brüderschaften von Weisen, die die eigentliche Führung in der Menschheitsentwickelung haben. Sie senden ihre Weisheit, ihr spirituelles Wissen von Zeit zu Zeit in die Welt, um einen neuen Impuls, einen neuen Einschlag im Fortschritt der Menschheit zu geben. Für die große Menge der Menschen ist nicht sichtbar, woher diese Einströmungen in die Menschheit kommen. Diejenigen aber, welche eigene Erfahrungen machen können, die den Zusammenhang haben mit den fortgeschrittenen Brüdern der Menschheit, die eine Stufe erreicht haben, welche die Menschheit erst in fernen Zeiten erreichen wird, die wissen, woher diese Impulse kommen. Dieser Zusammenhang, durch welchen das Wort des Geistes zu den Mitbrüdern und Mitschwestern von innen spricht durch die fortgeschrittenen Brüder der Menschheit, ist selbst ein esoterischer, der nicht durch eine äußere Gesellschaft geknüpft werden kann, der unmittelbar durch die geistige Kraft geknüpft wird.
[ 9 ] Throughout history, there have always been people who have had spiritual experiences; and those who had such experiences were the key guides and leaders of humanity. The religious beliefs that have taken root in humanity have emerged from the spiritual and psychological experiences of these religious founders. These religious founders were nothing other than emissaries of the great brotherhoods of sages who hold the actual leadership in human evolution. From time to time, they send their wisdom and spiritual knowledge into the world to provide a new impulse, a new impetus in the progress of humanity. For the vast majority of people, it is not apparent where these inflows into humanity come from. But those who are able to have their own experiences, who have a connection with the advanced brothers of humanity—who have reached a level that humanity will only attain in distant times—know where these impulses come from. This connection, through which the Word of the Spirit speaks from within to fellow brothers and sisters through the advanced brothers of humanity, is itself an esoteric one that cannot be established through an external society, but is established directly through spiritual power.
[ 10 ] Von einer solchen Brüderschaft vorgerückter Individualitäten mußte wiederum ein Strom von Weisheit, eine neue spirituelle Welle im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in die Menschheit einfließen. Nichts anderes war Frau Blavatsky als ein Sendbote solcher höheren menschlichen Individualitäten, die einen hohen Grad von Weisheit und göttlichem Willen erlangt haben. Und von solcher Art, wie sie kommen von solchen vorgeschrittenen Menschenbrüdern, waren auch die Mitteilungen, die dem «Esoterischen Buddhismus» zugrunde liegen.
[ 10 ] From such a brotherhood of advanced individuals, a stream of wisdom—a new spiritual wave—was bound to flow into humanity during the last third of the 19th century. Madame Blavatsky was nothing other than a messenger of such higher human individuals who have attained a high degree of wisdom and divine will. And the communications that form the basis of “Esoteric Buddhism” were of the same nature as those that come from such advanced human brothers.
[ 11 ] Nun kam es durch eine notwendige, aber noch nicht leicht überschaubare Verkettung von weltgeschichtlichen geistigen Ereignissen, daß die ersten Einflüsse der theosophischen Bewegung vom Orient, von orientalischen Meistern ausgingen. Aber schon als Helena Petrowna Blavatsky ihre «Geheimlehre» verfaßte, waren es nicht mehr solche orientalische Weisen allein, welche als große Eingeweihte die Lehren, welche Sie in der «Geheimlehre» finden können, an Frau Blavatsky vermittelten. Ein ägyptischer und ein ungarischer Eingeweihter hatten bereits dasjenige, was sie beizutragen hatten, zu dem neuen großen Einschlag hinzugegeben. Und seit jener Zeit ist noch manche neue Strömung in diese theosophische Bewegung eingeflossen, so daß für denjenigen, der aus eigenem Wissen weiß, was hinter den Kulissen vorgeht — notwendig hinter den Kulissen vorgeht, weil es nur langsam in die theosophische Strömung eindringen kann —, es heute keinen Sinn mehr hat, davon zu sprechen, daß in dieser theosophischen Bewegung nur ein Neubuddhismus enthalten sei.
[ 11 ] It was through a necessary, though not yet fully comprehensible, chain of spiritual events in world history that the first influences of the Theosophical Movement originated in the East, from Eastern masters. But even when Helena Petrovna Blavatsky was writing her *Esoteric Doctrine*, it was no longer such Oriental sages alone who, as great initiates, conveyed to Mrs. Blavatsky the teachings that you can find in the *Esoteric Doctrine*. An Egyptian and a Hungarian initiate had already added what they had to contribute to this new major development. And since that time, many new currents have flowed into this theosophical movement, so that for those who know from their own knowledge what goes on behind the scenes—necessarily behind the scenes, because it can only slowly penetrate the theosophical current—it no longer makes sense today to speak of this theosophical movement as containing only a New Buddhism.
[ 12 ] Nicht nur der Durchschnittsmensch ist abhängig von seiner Umgebung, von seinem Zeitalter und seiner Nation, sondern selbst der höchstentwickelte Mensch. Auch der, welcher eine hohe Stufe von Weisheit und göttlichem Willen erlangt hat, ist noch in gewisser Weise abhängig von seiner Umgebung. Das haben gleich im Anfang der Bewegung die großen Weisen der Bewegung betont. Die großen Weisen waren hervorgegangen aus orientalischem Wissen, aus der orientalischen Welt. Sie gehörten einer Bruderschaft an, die ihre Wurzel hatte in dem, was man den tiefen Buddhismus des Orients nennt. Diese Bruderschaft hat ihre Wurzel nicht in dem sogenannten südlichen Buddhismus, den Sie namentlich auf Ceylon finden können, sondern in dem nördlichen Buddhismus, der nicht nur die reine und edle Morallehre und die Gerechtigkeitslehre des südlichen Buddhismus in sich schließt, sondern auch eine erhabene Lehre von dem Geistigen, dem spirituellen Leben der Welt. Dieser nördliche Buddhismus kann in gewissem Sinne als eine Art esoterische Lehre, im Gegensatz zu dem südlichen Buddhismus, betrachtet werden.
[ 12 ] It is not only the average person who is dependent on their environment, their era, and their nation, but even the most highly developed person. Even those who have attained a high level of wisdom and divine will are still, in a certain sense, dependent on their environment. The great sages of the movement emphasized this right from the very beginning. The great sages had emerged from Eastern knowledge, from the Eastern world. They belonged to a brotherhood that had its roots in what is called the profound Buddhism of the East. This brotherhood has its roots not in so-called Southern Buddhism, which you can find specifically in Ceylon, but in Northern Buddhism, which encompasses not only the pure and noble moral teachings and the teachings of justice found in Southern Buddhism, but also a sublime teaching about the spiritual, the spiritual life of the world. This Northern Buddhism can, in a certain sense, be regarded as a kind of esoteric teaching, in contrast to Southern Buddhism.
[ 13 ] Warum mußte nun die Erneuerung des spirituellen Lebens angeregt werden von dieser Seite her? War das notwendig? Geben wir uns keiner Täuschung hin über die ganze Sachlage, die hier vorliegt, sondern sprechen wir sie so aus, wie sie sich dem unbefangenen Wissenden darstellt.
[ 13 ] Why, then, did the renewal of spiritual life have to be initiated from this direction? Was that necessary? Let us not delude ourselves about the full situation at hand, but let us state it as it appears to the impartial observer.
[ 14 ] Alle großen Weltreligionen und alle großen Weltanschauungen stammen von Abgesandten dieser großen Brüderschaften vorgerückter Menschen. Aber indem diese großen Bekenntnisse dann ihre Wanderung durch die Welt machen, müssen sie sich anpassen an die verschiedenen Volksauffassungen, dem Verstande, den Zeiten und den Nationen. Unsere materialistische Zeit, namentlich seit dem 15., 16. Jahrhundert, hat nicht nur die Wissenschaft, sondern auch die Religionsbekenntnisse des Westens materialisiert. Sie hat das Verständnis für das Esoterische, für das Spirituelle, für das eigentliche Geistesleben immer mehr und mehr zurückgedrängt; und so kam es denn, daß im 19. Jahrhundert nur noch sehr, sehr wenig Verständnis vorhanden war für eine tiefere Weisheit. Bezüglich dessen, woraus auch die europäische Religion entstanden ist, müssen wir uns doch gestatten zu sagen, daß die, welche ein spirituelles Gewissen haben, suchten nach dem Geistigen, daß sie aber sehr wenig Anregung mehr fanden in dem protestantischen Religionsbekenntnis des 19. Jahrhunderts, daß sie unbefriedigt waren von dem, was sie von den Religionsbekenntnissen und Theologen hören konnten. Gerade diejenigen, welche die tiefsten Religionsbedürfnisse hatten, waren es, welche die geringste Befriedigung in den Religionsbekenntnissen des 19. Jahrhunderts fanden. Diese Religionsbekenntnisse des 19. Jahrhunderts sind im Innersten wieder belebt worden von dem esoterischen Kern der universellen Weisheitslehren. Unzählige, die früher durch die interessanten naturwissenschaftlichen Tatsachen dem Christentum abwendig gemacht worden waren, führte die Theosophie wieder zurück zum Christentum. Es ist also so, daß die theosophische Bewegung dieses Christentum wieder vertieft hat, daß sie die wahre, echte Gestalt des Christentums wieder gezeigt hat, und auch viele derjenigen zum Christentum wieder hingeführt hat, welche ihre Seelen und Herzen durch es nicht mehr hatten befriedigen können. Das kommt daher, weil die Theosophie nichts anderes tut gegenüber dem Christentum, als seinen inneren Kern wieder zu erneuern, und es in seiner wahren Gestalt aufzuzeigen. Dazu war aber notwendig, daß in dem kleinen Kreise des Orients, in dem sich noch eine fortlaufende Strömung erhalten hatte aus den Zeiten eines hochentwikkelten spirituellen Lebens im Beginne unserer Wurzelrasse, daß von da die Anregung ausging.
[ 14 ] All the major world religions and all the major worldviews originate from emissaries of these great brotherhoods of advanced human beings. But as these great creeds then make their way through the world, they must adapt to the various popular beliefs, the intellect, the times, and the nations. Our materialistic age, particularly since the 15th and 16th centuries, has materialized not only science but also the religious creeds of the West. It has increasingly pushed back understanding of the esoteric, the spiritual, and the true spiritual life; and so it came to pass that by the 19th century, there was very, very little understanding left for a deeper wisdom. Regarding the origins of European religion, we must allow ourselves to say that those with a spiritual conscience sought the spiritual, but found very little inspiration in the Protestant creeds of the 19th century; they were dissatisfied with what they heard from the creeds and theologians. It was precisely those who had the deepest religious needs who found the least satisfaction in the religious creeds of the 19th century. These religious creeds of the 19th century have been revitalized at their very core by the esoteric essence of the universal wisdom teachings. Countless people who had previously been turned away from Christianity by fascinating scientific facts were led back to Christianity by Theosophy. It is thus the case that the Theosophical Movement has deepened this Christianity once more, that it has revealed the true, authentic form of Christianity, and has also led back to Christianity many of those whose souls and hearts could no longer find satisfaction in it. This is because Theosophy does nothing other than renew the inner core of Christianity and reveal it in its true form. For this, however, it was necessary that the inspiration emanate from the small circle in the East where a continuous current had been preserved from the times of a highly developed spiritual life at the beginning of our root race.
[ 15 ] Vom Mittelalter bis in die neue Zeit herein hat es auch in Europa große Weise gegeben; und auch solche Brüderschaften hat es gegeben. Die Rosenkreuzer muß ich da immer wieder erwähnen; aber das materialistische Jahrhundert konnte wenig mehr annehmen von dieser Rosenkreuzergesellschaft. Und so kam es, daß die letzten Rosenkreuzer sich schon im Beginne des i9. Jahrhunderts vereinigt hatten mit den orientalischen Brüdern, von denen dann die Anregungen ausgegangen sind. Es war der europäischen Kultur die spirituelle Kraft verlorengegangen, und die großen Anregungen mußten daher zunächst vom Orient kommen. Daher das Wort: Ex oriente lux. — Dann aber, als dieses Licht gekommen war, fand man wiederum den Funken, so daß auch in Europa die religiösen Bekenntnisse angefacht werden konnten.
[ 15 ] From the Middle Ages right up to modern times, there have been great sages in Europe as well; and such brotherhoods have also existed. I must mention the Rosicrucians time and again; but the materialistic century could accept little more from this Rosicrucian society. And so it came to pass that the last Rosicrucians had already united with the Oriental brothers at the beginning of the 19th century, from whom the inspiration then emanated. European culture had lost its spiritual power, and the great inspirations therefore had to come from the East at first. Hence the saying: Ex oriente lux. — But then, once this light had come, the spark was found again, so that religious convictions could be rekindled in Europe as well.
[ 16 ] Heute haben wir es nicht mehr im Entferntesten nötig, noch fortzupflanzen die Anklänge an den Buddhismus. Heute sind wir imstande, durchaus aus unserer europäischen Kultur, ja aus der christlichen Kultur heraus, ohne irgendwelche Hinweise auf buddhistische Quellen oder Ursprünge oder andere orientalischen Einflüsse, die Sache darzustellen. Es ist bemerkenswert, was einer der bedeutendsten Theosophen Indiens auf dem Religionskongreß in Chicago über den Weltberuf der theosophischen Bewegung sagte. Chakravarti hat damals eine Rede gehalten und gesagt: Auch im indischen Volke ist das alte spirituelle Leben verlorengegangen. Der Materialismus des Westens hat auch in Indien seinen Einzug gehalten. Man ist auch in Indien hochmütig und ablehnend geworden gegenüber den Lehren der alten Rishis, und die theosophische Bewegung hat sich das Verdienst erworben, die spirituelle Lehre auch nach Indien zu bringen. — So wenig ist es richtig, daß wir indische Weltanschauung verbreiten, daß gerade das Umgekehrte zutrifft: daß vielmehr die theosophische Bewegung die Weltanschauung, die sie zu vertreten hat, erst wieder nach Indien brachte.
[ 16 ] Today we no longer have the slightest need to continue echoing the influences of Buddhism. Today we are able to present the matter entirely from within our European culture—indeed, from within Christian culture—without any reference to Buddhist sources or origins or other Eastern influences. It is remarkable what one of India’s most prominent theosophists said at the Religious Congress in Chicago regarding the global mission of the theosophical movement. Chakravarti gave a speech at the time and said: Even among the Indian people, the ancient spiritual life has been lost. Western materialism has also made its way into India. People in India, too, have become arrogant and dismissive of the teachings of the ancient Rishis, and the Theosophical Movement has earned the credit of bringing spiritual teaching back to India as well. — It is just as untrue that we are spreading an Indian worldview as it is that the opposite is true: rather, it is the Theosophical Movement that has brought the worldview it represents back to India.
[ 17 ] Die Gelehrten, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mit der Erforschung des Buddhismus befaßt haben, haben von ihrem Standpunkte aus etwas gegen das Wort «esoterischen Buddhismus» eingewendet. Sie haben gesagt: der Buddha hat niemals etwas gelehrt, was man mit Esoterik bezeichnen könnte. Er hat eine populäre Religion, die vorzugsweise auf das moralische Leben hinausging, gelehrt, und dabei Worte gesprochen, die von jedem verstanden werden können; von einer geheimen Lehre sei aber bei Buddha überhaupt nicht die Rede. Daher haben auch einige gesagt, einen Geheimbuddhismus könne es überhaupt nicht geben. Es ist viel Unzutreffendes über Buddha und den Buddhismus geschrieben worden. Das können Sie schon aus Stellen des Büchelchens, das bei Reclam erschienen ist, ersehen. Es heißt da: «So ist das viel mehr, was ich erkenne und nicht verkündige, als das, was ich euch verkündigt habe. Und wahrhaft habe ich euch dies nicht verkündigt, weil es euch keinen Gewinn bringt, weil es nicht den Wandel in Heiligkeit fördert, weil es nicht zur Abhärtung, nicht zu Unterdrückung der Lust, nicht zu Friede, Erkenntnis, Erleuchtung und Nirwana führt. Deshalb habe ich euch jenes nicht verkündigt. Und was habe ich euch verkündigt? Das ist das Leiden, das ist die Entstehung des Leidens, das ist die Aufhebung des Leidens, und das ist der Weg, der zur Aufhebung des Leidens führt. Das habe ich euch verkündigt.»
[ 17 ] Scholars who studied Buddhism during the 19th century objected, from their perspective, to the term “esoteric Buddhism.” They argued that the Buddha never taught anything that could be described as esoteric. He taught a popular religion that focused primarily on moral living, using words that anyone could understand; there is no mention whatsoever of a secret doctrine in the Buddha’s teachings. For this reason, some have even claimed that esoteric Buddhism could not possibly exist. Much that is inaccurate has been written about the Buddha and Buddhism. You can already see this from passages in the little book published by Reclam. It says there: “Thus, what I realize but do not proclaim is far greater than what I have proclaimed to you. And truly, I have not proclaimed this to you because it brings you no benefit, because it does not promote the transformation into holiness, because it does not lead to fortitude, not to the suppression of desire, not to peace, insight, enlightenment, and Nirvana. That is why I have not preached that to you. And what have I preached to you? That is suffering, that is the origin of suffering, that is the cessation of suffering, and that is the path leading to the cessation of suffering. That is what I have preached to you.”
[ 18 ] Eine solche Stelle zeigt uns sofort, daß wir es im Buddhismus auch mit einer Lehre zu tun haben, die nicht öffentlich verkündigt worden ist. Und aus welchem Grunde nicht öffentlich verkündigt worden ist? Weil eine esoterische Lehre überhaupt nicht öffentlich verkündigt werden kann! Was wollte Buddha anders als seinem Volke eine erhebende Sitten- und Morallehre verkündigen, durch die jeder einzelne reif werden kann, um in eine Schule der Weisheitswissenschaft aufgenommen zu werden, nachdem er sich die Tugend, das Temperament, die Charakteranlage herangebildet hat, die erforderlich sind, um in die Esoterik aufgenommen zu werden. Seinen intimsten Schülern hat Buddha verkündigt, was er über das Exoterische hinaus zu sagen hatte. Der nördliche Buddhismus hat nun in einer lebendigen Geistesströmung diese Geheimlehre des Buddhismus und aller großen Weisheitsreligionen bewahrt, und von ihnen konnte daher jener Einfluß ausgehen, welcher zur Begründung der Theosophischen Gesellschaft geführt hat.
[ 18 ] A passage like this immediately shows us that in Buddhism we are also dealing with a teaching that has not been publicly proclaimed. And why has it not been publicly proclaimed? Because an esoteric teaching cannot be publicly proclaimed at all! What did the Buddha wish to do other than proclaim to his people an uplifting teaching of ethics and morality through which every individual could mature to be admitted into a school of wisdom science, after having cultivated the virtue, temperament, and character necessary for admission into the esoteric? To his closest disciples, the Buddha proclaimed what he had to say beyond the exoteric. Northern Buddhism has now preserved this secret teaching of Buddhism and all the great wisdom religions within a living spiritual current, and it was from them that the influence emanated which led to the founding of the Theosophical Society.
[ 19 ] Nun sträuben sich ja namentlich unsere Zeitgenossen auch dagegen, daß uns irgendein günstiger Einfluß hätte kommen können, sei es von dem Buddhismus, dem Hinduismus oder irgendeinem anderen orientalischen Religionsbekenntnis. Und wie wir da einem Vorurteil unglaublichster Art begegnen, so könnte man auch in bezug auf unzählige andere Punkte nachweisen, wie wenig die orientalischen Bekenntnisse in Europa verstanden worden sind, und wie über diese Bekenntnisse in Europa geredet wird von denjenigen, die niemals sich die Mühe gegeben haben, in dieselben einzudringen, und die sich so verhalten, als ob etwas für die abendländische Weisheit ganz Fremdes einfließen müßte in das Abendland. So wird gesagt, daß der Buddhismus zur Lebensflucht, zur Askese führe, daß er dazu führe, das Nichtsein höher zu schätzen als das Leben. Und man sagt ferner, daß eine solche Lebensflucht, eine solche Lebensfeindseligkeit etwas sei, was dem tätigen modernen Menschen nicht zieme. Was soll uns eine solche Lebensflucht, sagen sie. Man braucht nur eine einzige Stelle aus den buddhistischen Schriften mitzuteilen, um zu zeigen, wie wenig begründet der Vorwurf der Lebensfeindlichkeit ist, wenn man ihn dem Buddhismus macht. Der Ausdruck «Bikschu» bedeutet einen Schüler im Buddhismus. Wenn irgendein Bikschu ein menschliches Wesen des Lebens beraubt, eine Lobrede auf das Sterben hält oder andere zum Selbstmord aufstachelt und sagt: Was nützt dir dieses Leben? Sterben wäre besser als Leben! — Und wenn er das Leben nach dem Tode auf diese Weise begründet, dann ist er abgefallen und gehört nicht länger der Gemeinschaft an. — So lautet ein strenges Gebot des Buddhismus, und ein Verbot, jemandem davon zu sprechen, daß der Tod wertvoller sei als das Leben: das ist eine der größten Sünden in dem wahren Buddhismus. Wenn Sie so etwas nehmen, so werden Sie, von da ausgehend, ermessen können, wie wenig zutreffend die Vorstellungen sind, die immer wieder von denjenigen verkündigt werden, welche sich mit der Sache selbst ungenügend befaßt haben.
[ 19 ] Now, our contemporaries in particular are also resistant to the idea that any beneficial influence could have come to us, whether from Buddhism, Hinduism, or any other Eastern religious tradition. And just as we encounter a prejudice of the most incredible kind here, so too could one demonstrate, with regard to countless other points, how little the Eastern faiths have been understood in Europe, and how these faiths are discussed in Europe by those who have never taken the trouble to delve into them, and who behave as if something entirely foreign to Western wisdom must be flowing into the West. Thus it is said that Buddhism leads to an escape from life, to asceticism, that it leads to valuing non-being more highly than life. And it is further said that such an escape from life, such hostility toward life, is something unbecoming to the active modern person. What use is such an escape from life to us, they say. One need only cite a single passage from the Buddhist scriptures to show how unfounded the accusation of hostility toward life is when leveled against Buddhism. The term “bhikkhu” means a disciple in Buddhism. If any bhikkhu deprives a human being of life, delivers a eulogy on dying, or incites others to suicide, saying: “What good is this life to you? Death would be better than life!”—and if he justifies life after death in this way, then he has fallen away and no longer belongs to the community. — This is a strict precept of Buddhism, and a prohibition against telling anyone that death is more valuable than life: this is one of the greatest sins in true Buddhism. If you take this into account, you will be able to gauge, based on this, how inaccurate the ideas are that are repeatedly proclaimed by those who have not sufficiently studied the matter themselves.
[ 20 ] Es ist schwer, Vorurteile, die sich so eingenistet haben, wieder aus der Welt zu schaffen. Man kann nur immer wieder auf die wahre Gestalt dieser Dinge hinweisen. Man hat dann zwar gesprochen, aber bald kommen dann doch wieder dieselben und wieder dieselben Einwände. Man kann hundertmal davon sprechen, daß das Nirwana nicht das Nichtsein sei, sondern Fülle und Reichtum des Seins, daß es der höchste Gipfel des Bewußtseins und Seins ist, daß es keine einzige Stelle gibt — auch nicht in den exoterischen Schriften —, aus welcher hervorgeht, daß sich ein wahrer Kenner unter dem Nirwana das Nichtsein vorstellt: man kann das hundertmal wiederholen, aber immer wieder wird von der Lebensflucht gesprochen. Nirwana ist genau dasselbe, wovon auch das Christentum spricht. Aber nur diejenigen, welche eingeweiht waren in die tieferen Geheimnisse des Christentums, können darauf hinweisen.
[ 20 ] It is difficult to dispel prejudices that have become so deeply ingrained. One can only keep pointing out the true nature of these things. One may have spoken, but soon the same objections arise again and again. One can say a hundred times that Nirvana is not non-being, but the fullness and richness of being, that it is the highest summit of consciousness and being, that there is not a single passage—not even in the exoteric writings—from which it follows that a true connoisseur conceives of Nirvana as non-being: one can repeat this a hundred times, but time and again people speak of an escape from life. Nirvana is exactly the same thing that Christianity speaks of. But only those who were initiated into the deeper mysteries of Christianity can point this out.
[ 21 ] Es ist nicht zu bestreiten, daß die wahren Christen, daß die Scholastiker und Mystiker tief beeinflußt waren von dem Dionysios Areopagita. Bei ihm finden Sie, daß, wenn man von dem göttlichen Sein spricht, mit dem sich das Menschliche am Ende der Entwickelung vereinigen muß, so soll man diesem höchsten Sein kein Prädikat beilegen, das von unseren irdischen Vorstellungen hergenommen ist. Alles, was wir aussagen können von Eigenschaften, haben wir uns erworben in dieser Welt. Legen wir dem göttlichen Sein eine solche Eigenschaft bei — so sagt dieser christliche Esoteriker —, dann sagen wir von dem Göttlichen, daß es gleich sei dem Endlichen, gleich sei dem, was in der Welt ist. Dionysios Areopagita spricht daher in seinen Schriften davon, daß man nicht einmal Gott sagen solle, sondern Übergott, und daß man, um die ganze Heiligkeit dieses Begriffes anzudeuten, vor allen Dingen sich hüten soll, irgendein Merkmal, das aus der Welt geholt ist, diesem göttlichen Sein beizulegen; daß man sich also klar sein muß, daß die Eigenschaften, die wir in der Welt erfahren können, das göttliche Wesen nicht haben könne, sondern viel mehr.
[ 21 ] There is no denying that true Christians, that is, the Scholastics and Mystics, were deeply influenced by Dionysius the Areopagite. In his writings, you will find that when speaking of the divine Being with which the human must unite at the end of its development, one should not ascribe to this highest Being any attribute derived from our earthly concepts. Everything we can say about attributes, we have acquired in this world. If we ascribe such an attribute to the divine Being—so says this Christian esotericist—then we are saying of the Divine that it is equal to the finite, equal to what is in the world. Dionysius the Areopagite therefore states in his writings that one should not even speak of God, but rather of the Super-God, and that, in order to indicate the full sanctity of this concept, one must above all guard against attributing any characteristic derived from the world to this divine Being; that one must therefore be clear that the attributes we can experience in the world cannot possess the divine essence, but rather much more.
[ 22 ] Und wiederum hat diese Anschauung erneuert der große Kardinal Nikolaus Cusanus im 15. Jahrhundert, auch die christlichen Mystiker, Meister Eckhart, Tauler, Jakob Böhme, überhaupt alle Mystiker, welche aus unmittelbarer Erfahrung eine Einsicht bekommen haben in die großen Rätsel des Daseins. So sprachen von Nirwana auch die westlichen Buddhisten. Wir können uns vielleicht besser einen Begriff machen von Nirwana, wenn wir die europäischen, christlichen Worte dafür suchen.
[ 22 ] And this view was revived in the 15th century by the great Cardinal Nicholas of Cusa, as well as by the Christian mystics—Meister Eckhart, Tauler, Jakob Böhme—and indeed all mystics who have gained insight into the great mysteries of existence through direct experience. Western Buddhists also spoke of Nirvana in this way. We might be able to better grasp the concept of Nirvana if we seek European, Christian terms for it.
[ 23 ] Wer heute bei uns zurückgeht in das 16. Jahrhundert und die Worte der damaligen Zeit prüft, wird finden, daß es schwieriger ist, den Sinn derselben festzustellen. Daher ist es auch vollständig unzutreffend, was von philologischer Seite über Nirwana gesagt wird. Derjenige, welcher von der theosophischen Bewegung als von einer neubuddhistischen spricht, der wird vor allen Dingen von der buddhistischen Geistesrichtung nichts Zutreffendes sagen können. Diejenigen, welche das Vorurteil aufgebracht haben, wissen gewöhnlich gar nicht, von was sie reden. Denn es ist nicht nötig, zu den orientalischen Quellen Zuflucht zu nehmen. Nur die erste Anregung ist ausgegangen von dieser orientalischen Quelle. Was wir heute haben, strömt uns nicht zu aus dem Buddhismus heraus. Im Gegenteil, es ist seit den ersten Zeiten der theosophischen Bewegung das Leben, das unmittelbare spirituelle Leben in der theosophischen Geistesströmung immer reger und reger geworden. Und wenn heute derjenige, der die ursprüngliche theosophische Lehre verkündigen will, nur ein buddhistisches Bekenntnis verkündigen wollte, so wäre das gerade so, wie wenn jemand, der heute Mathematik lehren will, nicht dasjenige, was er selbst weiß, lehren würde, sondern den alten Euklid oder den alten Cartesius lehren wollte. Das ist ja das Bedeutungsvolle der theosophischen Bewegung, daß die ersten großen Lehrer nur die großen Anreger waren, und daß seitdem Männer und Frauen erstanden sind, die wirklich geistige Erfahrung haben, die das geistige Wissen mitzuteilen in der Lage sind. Was sind uns Zarathustra, Buddha, Hermes und so weiter? Sie sind uns die großen. Anreger, vor denen wir in Verehrung und Bewunderung stehen, weil, wenn wir sie anblicken, in uns die Kräfte angeregt werden, welche wir brauchen. Das Wissen kann auch von den größten Weisen nicht auf Autorität hin übermittelt werden. Wenn wir noch in einem anderen Verhältnis zu Buddha, Zarathustra, Christus stehen als zu den großen Mathematiklehrern oder Physiklehrern, so hat das seinen guten Grund. Das, was als Weisheitsprinzip verkündigt wird, wird unmittelbares äußeres Leben im Menschen. Nicht wie Mathematik oder Naturwissenschaft ist es äußeres Wissen, sondern es ist lebendiges Leben. Was die Weisheitswissenschaft übermittelt, spricht zum ganzen Menschen. Bis in die Fingerspitzen hinein durchrieselt es die ganze Persönlichkeit. Und wenn es der Persönlichkeit entströmt, so entströmt die Weisheit selbst, sie strömt über von einem Wesen in die anderen. Daher stehen wir allerdings zu Jesus, Hermes, Buddha nicht so, wie wir zur Wissenschaft stehen, sondern so, daß wir mit ihnen in einem gemeinschaftlichen Leben stehen, daß wir in ihnen leben und weben und sind. Aber in anderer Weise wieder sind sie doch nur die bloßen Anreger. Wenn die Weisheit unser eigen geworden ist, dann betrachten sie ihre Aufgabe als erfüllt. Daher kommt es nicht auf Dogmen, nicht auf Lehrsätze oder auf im Buche Stehendes an, sondern darauf, daß das lebendige Leben in Bewegung ist, pulsiert. Wer nicht im tiefsten Herzen weiß, daß ein lebendiges Leben jedes einzelne Glied, jede einzelne Persönlichkeit, die zur theosophischen Bewegung gehört, durchpulst, daß er durchströmt wird von lebendigen Geistesströmen, der faßt die theosophische Bewegung nicht in der richtigen Weise auf. Nicht ein Buch haben wir in der Hand und verkündigen die Lehrsätze des Buches, Leben sind wir, und Leben wollen wir mitteilen. Und soviel Leben wir mitteilen, soviel wird die Theosophie wirken.
[ 23 ] Anyone today who goes back to the 16th century and examines the language of that time will find that it is more difficult to determine its meaning. Therefore, what is said about Nirvana from a philological perspective is completely inaccurate. Anyone who speaks of the Theosophical Movement as a form of Neo-Buddhism will, above all, be unable to say anything accurate about the Buddhist school of thought. Those who have raised this prejudice usually have no idea what they are talking about. For it is not necessary to resort to Oriental sources. Only the initial inspiration originated from this Eastern source. What we have today does not flow to us from Buddhism. On the contrary, since the earliest days of the Theosophical Movement, life—the immediate spiritual life within the Theosophical spiritual current—has become ever more vibrant. And if today someone who wishes to proclaim the original theosophical teaching were to proclaim only a Buddhist creed, it would be just as if someone who wishes to teach mathematics today were not to teach what he himself knows, but were to teach the ancient Euclid or the ancient Descartes. That is, after all, the significance of the Theosophical Movement: that the first great teachers were merely the great inspirers, and that since then men and women have arisen who possess genuine spiritual experience and are capable of imparting spiritual knowledge. What are Zarathustra, Buddha, Hermes, and so on to us? They are the great ones to us. Inspirers before whom we stand in reverence and admiration, because when we look upon them, the powers we need are stirred within us. Knowledge cannot be transmitted on authority, not even by the greatest sages. If we stand in a different relationship to Buddha, Zarathustra, and Christ than to the great teachers of mathematics or physics, there is a good reason for this. What is proclaimed as the principle of wisdom becomes immediate outer life within the human being. Unlike mathematics or natural science, it is not mere external knowledge, but living life itself. What the science of wisdom conveys speaks to the whole human being. It permeates the entire personality right down to the fingertips. And when it flows out of the personality, wisdom itself flows out; it overflows from one being into another. Therefore, we do not relate to Jesus, Hermes, and Buddha in the same way we relate to science, but rather in such a way that we share a communal life with them, that we live, weave, and are within them. Yet in another sense, they are merely the inspirers. Once wisdom has become our own, they consider their task fulfilled. Therefore, what matters is not dogma, not doctrinal principles, or what is written in books, but that living life is in motion, pulsating. Whoever does not know in the depths of their heart that a living life pulses through every single member, every single personality belonging to the Theosophical Movement, that they are permeated by living streams of spirit, does not understand the Theosophical Movement in the right way. We do not hold a book in our hands and proclaim the doctrines of the book; we are life, and we wish to share life. And to the extent that we share life, to that extent will Theosophy work.
[ 24 ] Wenn wir das verstehen, dann werden wir uns auch darüber klar sein, daß es nicht auf den Wortlaut der Lehre ankommt, sondern auf die unmittelbare geistige Erfahrung, die jemand zu verkündigen hat, die er selbst zu sagen hat. Das ist das große Mißverständnis, daß man glaubt, man müsse nun wieder in der Theosophie auf irgendwelches Meisterwort schwören, oder man müsse diese oder jene Dogmen oder Lehrsätze, die von höheren Individualitäten herrühren, immer wiederholen, und das sei dann Theosophie. Man glaubt, man sei Theosoph, wenn man von der astralen Welt und von Devachan spricht, und das, was in den Büchern steht, verbreitet. Das macht jemand noch nicht zum Theosophen. Nicht darauf kommt es an, was verkündigt wird, sondern darauf, wie es verkündigt wird: daß es verkündigt wird als unmittelbares Leben. Daher wird derjenige, der das Leben, das aus diesen Büchern stammt, die Frau Blavatsky oder jemand anders geschrieben hat, in der richtigen Weise lebt, dieses Leben so leben, daß er es individuell lebt. Und das wird die beste Anregung sein, die jemand empfangen kann, die man auch von Blavatsky erlangen kann, wenn er in sich selbst Spirituelles zu empfangen und wiederum zu entsenden vermag. Wir brauchen Persönlichkeiten, die aus sich selbst heraus zu verkündigen wissen, was sie erfahren haben in den höheren Welten. Und dann ist es gleichgültig, ob es geschieht in Worten des Orients, in Worten des Christentums, oder mit den neugeprägten Worten. Im wahren Theosophen leben nicht Worte und nicht Begriffe, in ihm lebt der Geist. Und der Geist hat nicht Worte und nicht Begriffe, der hat unmittelbares Leben. Alle Begriffe und Worte sind nur äußere Form für diesen im Menschen lebenden Geist. Das wird der Fortschritt der theosophischen Bewegung sein. Und sie wird um so theosophischer werden, je mehr wir Männer und Frauen haben werden, die das theosophische Leben begreifen werden, die verstehen werden, daß es nicht darauf ankommt, über Karma zu sprechen und über Reinkarnation, sondern darauf: den Geist, der in ihnen lebt, zum Former, zum Gestalter der Worte zu machen. Dann werden wir vielleicht gar nicht in den Worten sprechen, die gültig waren in der theosophischen Bewegung, und wir sind doch bessere Theosophen. Rechtgläubige und Ketzer werden wir nicht wiederum haben in der theosophischen Bewegung. Wenn wir Rechtgläubige und Ketzer unterscheiden würden, so würden wir in demselben Augenblick die theosophische Bewegung nicht mehr begriffen haben. Und aus keinem anderen Grunde können wir weder ein hinduistisches noch ein buddhistisches Religionsbekenntnis haben. Wir sprechen zu jedem Menschen so, wie er es, durch seinen Fortschritt und durch die Zeitverhältnisse bedingt, verstehen kann.
[ 24 ] If we understand this, then we will also realize that what matters is not the wording of the teaching, but the direct spiritual experience that someone has to proclaim—the message they themselves have to convey. The great misunderstanding is the belief that one must now, in Theosophy, swear allegiance to some word of a Master, or that one must constantly repeat this or that dogma or doctrine derived from higher individualities, and that this, then, is Theosophy. People believe they are Theosophists if they speak of the astral world and Devachan, and disseminate what is written in the books. That does not make someone a Theosophist. What matters is not what is proclaimed, but how it is proclaimed: that it is proclaimed as immediate life. Therefore, the one who lives the life that comes from these books—whether written by Madame Blavatsky or someone else—in the right way will live this life in such a way that they live it individually. And that will be the best inspiration anyone can receive, which one can also gain from Blavatsky if they are able to receive the spiritual within themselves and in turn send it forth. We need personalities who know how to proclaim from within themselves what they have experienced in the higher worlds. And then it does not matter whether it happens in the words of the East, in the words of Christianity, or with newly coined words. In the true Theosophist, it is not words and not concepts that live; in him, the Spirit lives. And the Spirit has not words and not concepts; it has immediate life. All concepts and words are merely the outer form of this Spirit living within the human being. This will be the progress of the Theosophical Movement. And it will become all the more theosophical the more we have men and women who will grasp theosophical life, who will understand that what matters is not speaking of karma and reincarnation, but rather: making the Spirit that lives within them the shaper, the creator of words. Then perhaps we will not even speak in the words that were valid in the Theosophical Movement, and yet we will be better Theosophists. We will no longer have orthodox believers and heretics in the Theosophical Movement. If we were to distinguish between orthodox believers and heretics, we would, at that very moment, no longer have understood the Theosophical Movement. And for no other reason can we have neither a Hindu nor a Buddhist creed. We speak to every person in a way that they can understand, as determined by their progress and the circumstances of the times.
[ 25 ] Es ist also nicht richtig, wenn wir in buddhistischen Phrasen zu unseren Europäern sprechen, weil für unsere europäischen Herzen und Gemüter der Buddhismus in seiner Form etwas Fremdartiges ist. Wir haben uns wirklich hineinzuleben in die Gemüter, nicht aber ihnen etwas Fremdes aufzuoktroyieren. Es heißt geradezu dem Sinne der theosophischen Bewegung ins Gesicht schlagen, wenn wir ein fremdes Bekenntnis aufoktroyieren wollten, welches nicht im lebendigen Volksleben wurzelt. Das war gerade das Geheimnis der Weisheitslehrer, daß sie Worte und Begriffe fanden, um zu jedem zu sprechen, so daß er sie verstand. Unter den Weisheitslehrern zeigen uns dies Hermes, Moses, Pythagoras, Buddha, Jesus Christus. Sie verkündigten den Völkern das, was sie an ihren Orten und zu ihren Zeiten verstehen konnten. Niemals hätte Hermes etwas anderes gelehrt, als was für das ägyptische Herz geeignet war. Buddha hätte niemals etwas anderes gelehrt, als was für das indische Herz war. Und wir müssen das lehren, was für das abendländische Herz ist. Wir müssen uns anschmiegen an das, was schon im Volke lebt. Das war das Geheimnis der großen Lehrer aller Zeiten. Und so werden wir wiederum den Weisheitskern der großen Religionsbekenntnisse vertiefen, und vor allen Dingen den Zugang finden zu einem jeden Herzen. Wir müssen verlernen, auf Dogmen zu schwören, verlernen, in der Anerkennung eines Lehrsatzes das Richtige zu suchen. Wir müssen allein auf das Leben sehen. Dann werden wir nicht mehr Anlaß geben zu solchen Vorurteilen, als ob wir einen neuen Buddhismus verkündigen wollten, als ob wir buddhistische Propaganda machen wollten. Diejenigen, welche die Theosophie als eine neuzeitliche spirituelle Bewegung verstehen, werden zu dem Christen in christlichen Vorstellungen, zu dem Wissenschafter in wissenschaftlichen Formen sprechen. Der Mensch kann ja im einzelnen irren, aber in seinem tiefsten Inneren muß er die Wahrheit finden, in welcher Form sie sich auch ausspricht. Aber man redet, als ob man dem, der Brot sucht, Steine geben will, wenn man zu ihm in fremden Formen spricht.
[ 25 ] It is therefore not right for us to speak to our European friends using Buddhist phrases, because Buddhism, in its current form, is something foreign to our European hearts and minds. We must truly put ourselves in their shoes, not impose something foreign upon them. It would be tantamount to slapping the very spirit of the Theosophical Movement in the face if we were to impose a foreign creed that is not rooted in the living life of the people. That was precisely the secret of the wisdom teachers: they found words and concepts to speak to everyone in a way that they could understand. Among the wisdom teachers, Hermes, Moses, Pythagoras, Buddha, and Jesus Christ show us this. They proclaimed to the peoples what they could understand in their own places and times. Hermes would never have taught anything other than what was suited to the Egyptian heart. Buddha would never have taught anything other than what was suited to the Indian heart. And we must teach what is suited to the Western heart. We must attune ourselves to what already lives within the people. That was the secret of the great teachers of all times. And so we will in turn deepen the core of wisdom in the great religious creeds, and above all find access to every heart. We must unlearn swearing by dogmas, unlearn seeking the truth in the acceptance of a doctrine. We must look solely to life. Then we will no longer give cause for such prejudices, as if we were trying to proclaim a new Buddhism, as if we were engaging in Buddhist propaganda. Those who understand Theosophy as a modern spiritual movement will speak to the Christian in Christian terms, to the scientist in scientific terms. For a person may indeed err in details, but in his innermost being he must find the truth, in whatever form it may express itself. Yet people speak as if they were giving stones to one who seeks bread when they address him in unfamiliar forms.
[ 26 ] Das gibt zu gleicher Zeit einen Fingerzeig dahin, wie falsch und unrichtig es ist, wenn wir irgendeine Dogmatik im Sinne einer alten Kirche wieder zu dem machen, worauf wir fußen. Wir haben keine solche Dogmatik. Diejenigen, welche wissen, wie es wirklich steht mit der theosophischen Bewegung, die schauen auf keine Dogmen. Das, was wir zu lehren haben, steht tief geschrieben in eines jeglichen Gemüt. Was der Theosoph zu verkündigen hat, das hat er nicht zu suchen in einem Buche oder in einer Überlieferung, das entspringt keinem Dogma, das entspringt lediglich seinem Herzen. Er hat nichts zu tun, als seine Zuhörer zum Lesen dessen zu bringen, was in ihrer eigenen Seele geschrieben steht. Der, welcher helfen will, muß Anreger sein.
[ 26 ] This also serves as a reminder of how wrong and misguided it is to make any kind of dogma, in the sense of an ancient church, the foundation upon which we stand. We have no such dogma. Those who know the true nature of the Theosophical Movement do not look to dogmas. What we have to teach is deeply inscribed in every heart. What the theosophist has to proclaim, he does not have to seek in a book or in a tradition; it does not spring from any dogma, but springs solely from his heart. He has nothing to do but to lead his listeners to read what is written in their own souls. He who wishes to help must be an inspirer.
[ 27 ] So steht der Theosoph vor dem Leben jeder einzelnen Seele, und will nichts sein als der Anreger, der zur Selbsterkenntnis verhilft. Immer mehr und mehr Menschen werden die theosophische Bewegung so auffassen und dann durch positive Arbeit es dahin bringen, daß solch ein Vorurteil wie das, daß wir buddhistische Propaganda machen wollen, als ob wir dem Christentum etwas Fremdes einimpfen wollten, nicht mehr Platz greifen kann. Nein, tot ist das Vergangene, wenn es nicht zu neuem Leben erweckt wird, Nicht dasjenige hat Leben, was wir in den Büchern und Urkunden lesen, sondern das, was in unseren Herzen jeden Tag aufs neue entsteht. Wenn wir das verstehen, dann sind wir erst richtige Theosophen. Dann gibt es in unserer Gesellschaft theosophische Freiheit, theosophisches Selbststreben eines jeglichen, nicht einen Schwur auf irgendein Dogma, lediglich Forschung, lediglich Streben, lediglich Sehnsucht nach eigener Erkenntnis. Dann gibt es auch nicht irgendwelche Ketzerei, auch nicht irgend etwas, was als nicht erreichbar anerkannt werden könnte, nicht Kampf, sondern vereintes Streben zu immer vereintem spirituellem Leben! So haben es die Großen immer gehalten. So hat es auch Goethe gehalten und schön ausgedrückt in den Worten:
[ 27 ] Thus, the Theosophist stands before the life of each individual soul, desiring nothing more than to be a catalyst who helps bring about self-knowledge. More and more people will come to understand the Theosophical Movement in this way and, through positive work, will ensure that prejudices such as the notion that we seek to engage in Buddhist propaganda—as if we were trying to introduce something foreign into Christianity—can no longer take hold. No, the past is dead unless it is brought back to life. It is not what we read in books and documents that has life, but what is born anew in our hearts every day. When we understand this, only then are we true Theosophists. Then there is theosophical freedom in our society, theosophical self-seeking on the part of everyone, not an oath to any dogma, merely research, merely striving, merely a longing for one’s own knowledge. Then there is also no heresy of any kind, nor anything that could be recognized as unattainable—not struggle, but a united striving toward an ever-united spiritual life! This is how the great ones have always held it. This is also how Goethe held it and beautifully expressed it in the words:
Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß.
Only those who must win it anew each day,
like life itself,
