Spiritual Teachings
Concerning the Soul
GA 52
6 October 1904, Berlin
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Spiritual Teachings Concerning the Soul, tr. SOL
17. Ist die Theosophie Unwissenschaftlich?
17. Is Theosophy Unscientific?
[ 1 ] Vor acht Tagen versuchte ich Ihnen zu zeigen, was der moderne Mensch innerhalb der Theosophie heute finden kann. Bevor ich den Zyklus dieser Vorträge fortsetze, ist die spezielle Frage der Theosophie zu besprechen und ihr Verhältnis zu den großen Kulturaufgaben der Gegenwart, zu den bedeutenden Geistesströmungen unserer Zeit. Und so möchte ich heute noch die so wichtige Frage behandeln, ob denn die Theosophie unwissenschaftlich sei.
[ 1 ] Eight days ago, I tried to show you what modern people can find in Theosophy today. Before I continue this series of lectures, we must discuss the specific question of Theosophy and its relationship to the great cultural tasks of the present, to the significant spiritual currents of our time. And so today I would like to address the very important question of whether Theosophy is unscientific.
[ 2 ] Das ist ja derjenige Vorwurf, welcher die theosophische Bewegung am schwersten trifft in einer Zeit, in welcher die Wissenschaft die denkbar größte Autorität, ja vielleicht die einzig wirkliche Autorität innehat. In einer solchen Zeit wiegt dieses Mißverständnis allerdings sehr viel. Und so muß es den Theosophen besonders nahegehen, wenn von seiten der Wissenschaft, namentlich von seiten derjenigen, welche eine Welt- und Lebensgestaltung auf wissenschaftlicher Grundlage schaffen wollen, immer wieder der Vorwurf gemacht wird, daß die Theosophie unwissenschaftlich sei. Daß heute die Mehrheit der Menschen gerade nach dieser Autorität der Wissenschaft sucht, können wir an einer Erscheinung der letzten Jahre ermessen, die uns symptomatisch für die Interessen unserer Zeit sein muß. Genau allerdings wird die Frage, die ich jetzt nur berühren will, erst in dem Vortrage über die Wissenschaft besprochen werden. Dennoch aber möchte ich hinweisen auf das große Aufsehen, das Haeckels «Welträtsel» machten, um zu zeigen, daß gerade die Lehren dieses Buches dem, der ihren Wert so anerkennt wie ich selber, verraten, wo das Interesse liegt. Dieses Buch will auf der Grundlage der Naturwissenschaft ein ganzes Weltbild aufbauen. Über zehntausend Exemplare sind davon verkauft worden; dann ist eine billige Volksausgabe veranstaltet worden für eine Mark, und über hunderttausend Exemplare dieser Ausgabe sind in den wenigen Jahren seit ihrem Erscheinen abgesetzt worden. Fast in alle bedeutenden Kultursprachen ist das Buch übersetzt. Dies erscheint mir aber weniger bedeutend als das, was ich jetzt sagen werde. Haeckel hat mehr als fünftausend Briefe erhalten, die anknüpfen an naturwissenschaftliche Fragen. Die Briefe enthalten alle fast die gleichen Fragen, und so sehen wir, daß damit ein wichtiges zentrales Bedürfnis getroffen worden ist. Eine Ergänzung zu dem Buch «Die Welträtsel» ist das Buch «Die Lebenswunder». In der Einleitung dazu erzählt uns Haeckel das, was ich eben gesagt habe. In diesem Buche können Sie auch den Vorwurf lesen, der der Theosophie gemacht wird, den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit. Die Frage ist also eine brennende.
[ 2 ] This is, after all, the accusation that strikes the Theosophical Movement hardest at a time when science holds the greatest conceivable authority—perhaps even the only real authority. In such a time, however, this misunderstanding carries great weight. And so it must be particularly distressing to theosophists when science—namely those who seek to create a worldview and way of life based on scientific principles—repeatedly levels the accusation that theosophy is unscientific. That today the majority of people are seeking precisely this authority of science can be gauged from a phenomenon of recent years, which must be symptomatic of the interests of our time. However, the question I now wish only to touch upon will be discussed in detail in the lecture on science. Nevertheless, I would like to point out the great sensation caused by Haeckel’s *The Riddle of the Universe* to show that the very teachings of this book reveal to those who recognize its value as I do where the interest lies. This book aims to construct an entire worldview on the basis of natural science. Over ten thousand copies have been sold; then a cheap popular edition was published for one mark, and over one hundred thousand copies of this edition have been sold in the few years since its publication. The book has been translated into almost all major cultural languages. But this seems to me less significant than what I am about to say. Haeckel has received more than five thousand letters addressing questions of natural science. The letters all contain nearly the same questions, and so we see that an important, central need has been met. A supplement to the book *The Riddles of the Universe* is the book *The Wonders of Life*. In the introduction to it, Haeckel tells us what I have just said. In this book, you can also read the accusation leveled against theosophy—the accusation of unscientificness. The question is therefore a burning one.
[ 3 ] Wir müssen uns daher klarwerden, wie die ganze Stellung unserer theosophischen Geistesbewegung zu der Wissenschaft überhaupt ist. Wer nur die letzten Jahrhunderte überblickt, kann sich überhaupt nicht klarwerden darüber. Man muß viel weiter gehen, man muß an den Ursprung der menschlichen Erkenntnis zurückgehen, in eine Zeit, die unserer Zeitrechnung weit vorausliegt, in der Morgendämmerung der menschlichen Erkenntnis oder wenigstens dessen, was wir heute menschliche Erkenntnis nennen.
[ 3 ] We must therefore clarify for ourselves what the overall position of our theosophical spiritual movement is with regard to science in general. Anyone who looks only at the last few centuries cannot possibly gain a clear understanding of this. One must go much further back; one must return to the origins of human knowledge, to a time far before our current calendar, to the dawn of human knowledge—or at least what we today call human knowledge.
[ 4 ] Um vollständig zu verstehen, wie gewaltig der Gegensatz ist zwischen der Auffassung der wissenschaftlichen Probleme heute und in jener Morgendämmerung der menschlichen Erkenntnis, müssen wir uns klarmachen, daß die heutige Wissenschaft selbst sich völlig unfähig erklärt, die großen Fragen des Daseins zu beantworten. In dem Vorwort zu den «Lebenswundern» finden Sie wiederholt, was Haeckel schon oftmals gesagt hat: er vertrete den Standpunkt der Wissenschaft gegenüber dem mittelalterlichen Aberglauben und der Offenbarung. Zwischen Wahrheit und Aberglaube gebe es keine Vermittlung, da sei nur ein Entweder-Oder möglich. Damit behauptet er, daß dasjenige, was er auf der Grundlage seiner naturwissenschaftlichen Studien errungen hat, die einzige Wahrheit sei und daß alles, was andere Jahrtausende hervorgebracht haben, Irrtum, Aberglaube und unwissenschaftlich sei, schon aus dem Grunde, weil ja die Forscher der früheren Jahrhunderte nichts gewußt haben von den großen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts.
[ 4 ] To fully understand just how vast the contrast is between how scientific problems are viewed today and how they were viewed at that dawn of human knowledge, we must realize that modern science itself admits it is completely incapable of answering the great questions of existence. In the preface to *The Wonders of Life*, you will find repeated references to what Haeckel has often said: that he represents the standpoint of science in opposition to medieval superstition and revelation. There is no middle ground between truth and superstition; only an either-or is possible. In doing so, he claims that what he has attained on the basis of his scientific studies is the only truth, and that everything produced by other millennia is error, superstition, and unscientific, simply because the researchers of earlier centuries knew nothing of the great discoveries of the 19th century.
[ 5 ] Nun erklärt sich aber die Naturwissenschaft unserer Zeit ganz bestimmten Fragen gegenüber für unfähig, sie zu beantworten. Gewiß, wie ich das auch schon im vorigen Vortrage angedeutet habe, diese Naturwissenschaft versucht uns zurückzuführen in längst vergangene Zeiten, sie sucht die vorweltlichen Tiere und Pflanzen auf und führt uns zurück bis zu dem Zeitpunkte, wo wahrscheinlich das erste Leben auf der Erde aufgekeimt ist. Aber die Fragen, diese wichtigen Zentralfragen, die Dw Bois-Reymond aufgestellt und deren Beantwortung Haeckel in dem Buche «Die Welträtsel» versucht hat, die Fragen nach dem Ursprunge des Lebens finden in der Naturwissenschaft keine Antwort. Freilich versucht der Naturforscher heute eine Antwort auf diese Fragen zu geben, insbesondere versucht es Haeckel. Er zeigt, wie die Erde hervorgegangen ist aus einem feuerflüssigen Zustand, sich allmählich abgekühlt hat, fester geworden ist, wie dann Wasser sich bilden und sammeln konnte, und wie endlich die Bedingungen da waren, daß die Lebewesen entstanden. Er versucht zu zeigen, wie man sich vorstellen könnte, daß aus dem Leblosen Lebendiges hervorgesprossen ist. Das ist dasjenige, was er allen älteren Überzeugungen entgegenhalten wollte: daß das Lebendige einstmals aus dem Leblosen hervorgesprossen ist und daß alles das, was vom Leben abhängt — also auch der Mensch —, nichts anderes sei als ein Produkt der unorganischen Materie, daß es auf nichts anderem fuße als auf dem, was wir in der Physik und in der Chemie haben. Umsonst versucht aber Haeckel zu zeigen, daß der Mensch nichts anderes sei als das Ergebnis der wunderbaren Dynamik und Mechanik des menschlichen Organismus. Denn da kommt nun die große Frage. Da kommt der Naturforscher an den Zeitpunkt, wo auf unserer Erde die Bedingungen vorhanden gewesen sein sollen, daß das erste Lebewesen hervorgegangen ist aus der unlebendigen Materie. Und da findet sich bei den Forschern, selbst bei Haeckel, ein Zugeständnis: Wir können uns absolut keine Vorstellung machen von dem Zustand, in dem unsere Erde damals gewesen ist, als das erste Leben zuerst auf ihr auftrat. Wir wissen nicht, wie die äußere Naturbeschaffenheit damals war, und deshalb können wir unmöglich sagen, wie sich damals das Unlebendige in das Lebendige verwandelt hat.
[ 5 ] Yet modern science admits that it is unable to answer certain very specific questions. Certainly, as I already indicated in my previous lecture, this natural science attempts to take us back to times long past; it seeks out prehistoric animals and plants and leads us back to the point in time when life on Earth likely first emerged. But the questions—these important central questions—posed by de Bois-Reymond, and which Haeckel attempted to answer in his book *The Riddles of the Universe*—the questions regarding the origin of life—find no answer in modern science. Admittedly, the natural scientist today attempts to provide an answer to these questions; Haeckel, in particular, attempts to do so. He shows how the Earth emerged from a molten state, gradually cooled, became more solid, how water was then able to form and accumulate, and how the conditions were finally in place for living beings to arise. He attempts to show how one might imagine that life sprang forth from the non-living. This is what he sought to set against all older convictions: that the living once sprang from the non-living, and that everything that depends on life—including human beings—is nothing other than a product of inorganic matter, that it is based on nothing other than what we have in physics and chemistry. But Haeckel tries in vain to show that human beings are nothing other than the result of the marvelous dynamics and mechanics of the human organism. For here comes the big question. Here the natural scientist reaches the point in time when the conditions on our Earth are said to have existed for the first living being to emerge from inanimate matter. And here the researchers, even Haeckel himself, make a concession: We have absolutely no conception of the state in which our Earth was back then, when the first life first appeared on it. We do not know what the external natural conditions were like at that time, and therefore we cannot possibly say how the inanimate transformed into the living at that time.
[ 6 ] Das ist die eine Gruppe der Forscher. Sie hatten viele Anhänger im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, wie auch heute noch. Wäre zum Beispiel der große englische Forscher Darwin in der ersten Zeit, als man gesagt hat, daß man das Leben aus der Materie begreifen müsse, nach seiner Meinung gefragt worden, so hätte er selber zugestanden, daß es unmöglich sei, Lebendiges aus Leblosem zu begreifen. Huxley hat, durch sein Studium der vergleichenden Anatomie, in der letzten Zeit seines Lebens selbst den Satz ausgesprochen, daß wir ja gerade innerhalb der Weltentwickelung sind, und warum sollten wir nicht denken können, daß das, was wir um uns herum sehen, sich nicht höher entwickeln könnte, daß wir das Reich der Wesen nicht für abgeschlossen erklären können, daß wir hinaufblicken müssen von den niederen Wesen bis zu den höheren Wesen, die uns aber nicht zugänglich sind, weil wir dafür keine Sinnesorgane haben. Solche Gedanken und Einwände haben sich die Einsichtigen unter den Naturforschern selbst gemacht.
[ 6 ] This is one group of researchers. They had many followers in the first third of the 19th century, just as they do today. If, for example, the great English researcher Darwin had been asked for his opinion in the early days, when it was said that life must be understood in terms of matter, he himself would have admitted that it is impossible to understand the living from the non-living. Huxley, through his study of comparative anatomy, even uttered the statement in the latter part of his life that we are, in fact, in the midst of the world’s evolution, and why should we not be able to conceive that what we see around us might not develop further, that we cannot declare the realm of beings to be complete, that we must look upward from the lower beings to the higher beings, who are, however, inaccessible to us because we lack the sensory organs for this. Such thoughts and objections have been raised by the discerning among natural scientists themselves.
[ 7 ] Interessant ist es, daß der deutsche Biöloge Preyer auf Grund seiner Studien, die selbst auf dem Darwinismus fußten, zu ganz anderen Anschauungen über das Leben gekommen ist. Er war nicht der Anschauung, daß das Leben sich aus dem Toten entwickelt habe, sondern er kam zu dem Ergebnis, daß damals, als die Erde das erste Lebewesen unserer Art entwickelte, die Erde nicht ein Totes war, sondern ein einziges Lebewesen, und daß damals überhaupt nichts Lebloses auf unserer Erde vorhanden war. Das Leblose hat sich erst aus dem Lebendigen entwickelt. So sehen Sie,hat derDarwinist Preyer die Anschauung, die andere naturforschende Philosophen vertreten haben, ins gerade Gegenteil umgewandelt, indem er die Erde als ein ganz großes lebendiges Wesen ansah. Das war, meint Preyer, vor Jahrmillionen. Ein großes lebendiges Wesen war unsere Erde, zu vergleichen mit einem Menschen- oder Tierorganismus von heute. Auch der Mensch hat heute in sich Lebendiges und scheinbar Lebloses. Unser Knochensystem ist scheinbar etwas Lebloses. Es hat sich ausgesondert aus dem Lebendigen als ein unlebendiger Teil. So stellt sich Preyer ungefähr vor, daß die Erde einstmals ein großes Lebewesen war, und daß die lebendige Erde dann das Leblose, das Tote, das Gestein und die Felsmassen herausgesetzt habe, wie der Mensch das Knochengerüst. Das ist ein Schritt, ein wichtiger Schritt, den die Naturforscher und die Philosophen in der letzten Zeit getan haben. Und dieser Schritt muß notwendig zu einem weiteren führen; er muß zu dem Schritte führen, daß nicht nur das Leblose sich aus dem Lebendigen entwickelt hat, sondern daß auch alles Physische, das Lebendige und das Leblose, sich aus dem Höheren, aus dem Geistigen entwickelt hat. So müssen die Forscher, wenn sie die Bahn verfolgen, die sie heute und ganz im Anfange einschlugen, zu dem Satze kommen: Nicht nur Lebloses hat sich aus dem Lebendigen entwickelt, sondern das Lebendige selbst hat sich aus dem Geistigen entwickelt. Das Geistige war zuerst, es hat zunächst Lebendiges abgesondert, und das Lebendige hat wieder das Leblose, das Tote abgesondert. Dies aber ist nichts anderes als die Grundlage der theosophischen Weltanschauung.
[ 7 ] It is interesting that the German biologist Preyer, based on his studies—which were themselves grounded in Darwinism—came to entirely different views on life. He did not hold the view that life had developed from the non-living, but rather he concluded that at the time when the Earth gave rise to the first living being of our kind, the Earth was not a lifeless entity but a single living being, and that at that time there was absolutely nothing non-living on our Earth. The non-living developed only from the living. So you see, the Darwinist Preyer has turned the view held by other natural-philosophers into its exact opposite by regarding the Earth as a very large living being. That was, according to Preyer, millions of years ago. Our Earth was a great living being, comparable to a human or animal organism of today. Even humans today have within them both living and seemingly lifeless elements. Our skeletal system is seemingly lifeless. It has separated itself from the living as a non-living part. This is roughly how Preyer imagines that the Earth was once a great living being, and that the living Earth then expelled the lifeless, the dead, the rock, and the masses of stone, just as a human expels the skeletal framework. This is a step—an important step—that natural scientists and philosophers have taken in recent times. And this step must necessarily lead to another; it must lead to the conclusion that not only has the inanimate developed from the living, but that all the physical—the living and the inanimate—has developed from the higher, from the spiritual. Thus, if researchers follow the path they have embarked upon today and at the very beginning, they must arrive at the proposition: Not only has the inanimate developed from the animate, but the animate itself has developed from the spiritual. The spiritual came first; it first separated out the animate, and the animate in turn separated out the inanimate, the dead. But this is nothing other than the foundation of the theosophical worldview.
[ 8 ] Die theosophische Weltanschauung unterscheidet sich von der gegenwärtigen, materialistisch-naturwissenschaftlichen Anschauung dadurch, daß sie den Geist zum Ersten und alles andere vom Geiste abhängig macht. Der Materialist macht die Materie zum Ersten und leitet alles von der Materie ab. Ich habe schon das letzte Mal angedeutet, daß die Lehre von den Sinnen im letzten Jahrhundert selbst hindeutet auf den Grund, warum der heutige Naturforscher bei seinem Satze beharren will, daß sich das Lebendige aus dem Unlebendigen, Geistlosen ableiten lasse. Ich habe hingedeutet auf den großen Satz, den zuerst der Physiologe Johannes Müller und andere bedeutende Physiologen ausgesprochen haben. Helmholtz und dann Lotze haben ihn in die Formel gebracht: Die Welt wäre um uns herum finster und stumm, wenn wir nicht Augen und Ohren hätten, welche die Schwingungen der Luft umwandeln in das, was für uns Farben und Töne sind. — So sagt uns die Naturwissenschaft selbst, daß alles, was wir in der physischen Welt um uns herum sehen, von uns abhängig ist. Hätten wir nicht in ganz bestimmter Weise eingerichtete Augen und Ohren, dann könnten wir die Welt nicht in dieser bestimmten Weise sehen und hören. Der Physiologe kann uns die Gründe angeben, warum das Auge und das Ohr sich in ganz bestimmter Weise bilden. Das rührt davon her, daß wir in unseren Sinnesorganen selbst teilnehmen an der physischen Welt. Die Theosophie zeigt uns nun die Grundbegriffe, von denen ich in acht Tagen sprechen werde. Wir sehen ein Ding dadurch, daß wir das Auge in die richtige Lage bringen zu dem Dinge, das wir sehen wollen. Wir verstehen ein Ding dadurch, daß wir Verstand haben und ihn dazu anwenden, die Bilder der Gegenstände zu einem Weltbilde auszugestalten. Dadurch sind wir imstande, uns ein Weltbild zu machen. Die Theosophie spricht dies so aus: Der Mensch ist sich bewußt der physischen Welt.
[ 8 ] The theosophical worldview differs from the current materialistic-scientific view in that it places the spirit first and regards everything else as dependent on the spirit. The materialist places matter first and derives everything from matter. I already hinted last time that the doctrine of the senses in the last century itself points to the reason why today’s natural scientist insists on his assertion that the living can be derived from the non-living, the spiritless. I referred to the great principle first articulated by the physiologist Johannes Müller and other prominent physiologists. Helmholtz and then Lotze formulated it as follows: The world around us would be dark and silent if we did not have eyes and ears that transform the vibrations of the air into what are for us colors and sounds. — Thus, natural science itself tells us that everything we see in the physical world around us depends on us. If we did not have eyes and ears structured in a very specific way, then we could not see and hear the world in this particular way. The physiologist can explain to us the reasons why the eye and the ear are formed in a very specific way. This stems from the fact that we participate in the physical world through our sensory organs themselves. Theosophy now shows us the basic concepts, which I will discuss in eight days. We see a thing by positioning the eye correctly in relation to the thing we wish to see. We understand a thing by having an intellect and applying it to shape the images of objects into a world picture. Through this, we are able to form a world picture. Theosophy expresses this as follows: Man is conscious of the physical world.
[ 9 ] Nun müssen wir aber die Frage stellen: Lebt der Mensch nur innerhalb der physischen Welt? Andeutungsweise können wir uns diese Fragestellung erläutern, wenn wir uns vorstellen, daß jemand keine Ohren hätte; er würde die Töne seiner Mitmenschen nicht hören. Sie könnten Töne und Worte hervorbringen, aber ohne die Einrichtung des Ohres würden Sie die tönenden Offenbarungen der äußeren physischen Welt nicht wahrnehmen. Sie müssen Ohren haben, um sich der physischen Welt bewußt zu werden. — Besteht nun aber der Mensch bloß aus solchen physischen Außerungen? Nein, Sie alle wissen, daß innerhalb des Leibes, in den der Mensch und auch das Tier eingeschlossen ist, nicht nur physische Tätigkeiten vorhanden sind, sondern daß in dem menschlichen Wesen auch Gefühle, Triebe, Leidenschaften, Begierden und Wünsche vorhanden sind. Diese Begierden, Wünsche, Triebe und Leidenschaften sind ebensolche Wirklichkeiten wie die physischen Funktionen, die physischen Tätigkeiten. Ebenso wie Sie verdauen und sprechen, fühlen, wünschen und begehren Sie. Das Verdauen und das Sprechen sind physische Außerungen, und wir können sie mit physischen Sinnen für unser physisches Bewußtsein wahrnehmen. Warum können wir die andere Wirklichkeit, die auch in uns ist, die Wünsche, Begierden, Gemütsbewegungen und Leidenschaften, nicht ebenso wahrnehmen? Ganz im Sinne der Naturwissenschaften ist es gesprochen, wenn wir sagen: wir können sie nicht wahrnehmen, weil wir keine Sinnesorgane dafür haben.
[ 9 ] But now we must ask the question: Does a person live only within the physical world? We can begin to understand this question by imagining someone who has no ears; they would not hear the sounds made by those around them. You could produce sounds and words, but without the faculty of hearing, you would not perceive the audible manifestations of the external physical world. You must have ears to become aware of the physical world. — But does human existence consist solely of such physical manifestations? No, you all know that within the body, in which both humans and animals are enclosed, there are not only physical activities, but that in the human being there are also feelings, instincts, passions, desires, and wishes. These desires, wishes, instincts, and passions are just as real as the physical functions, the physical activities. Just as you digest and speak, you feel, wish, and desire. Digestion and speech are physical manifestations, and we can perceive them with our physical senses for our physical consciousness. Why can we not perceive the other reality that is also within us—the wishes, desires, emotions, and passions—in the same way? It is entirely in the spirit of the natural sciences to say: we cannot perceive them because we have no sensory organs for them.
[ 10 ] Nun zeigt uns aber gerade die der theosophischen Bewegung zugrunde liegende Weltanschauung, daß sich der Mensch bewußt werden kann nicht nur einer physischen, sondern auch einer höheren Welt. Und wenn wir auf die Außerungen dieser höheren Welt sehen, dann sind die Wünsche, Begierden, Leidenschaften und Triebe ebenso wahrnehmbare Wirklichkeiten, wie es das physische Wahrnehmungsvermögen ist, wie die Sprache der physische Ausdruck ist für eine physische Tätigkeit. Man sagt dann, das Bewußtsein der sogenannten astralischen Welt ist erwacht. Dann steht der Mensch als Trieb-, Wunsch- und Leidenschaftswesen vor uns, wie er als physisches Wesen erwacht und die Lichteindrücke zurückwerfen kann für unser physisches Auge. Wie diese höheren Sinne erwachen, wie der Mensch das höhere Bewußtsein erwerben kann, das werden wir in dem Vortragszyklus über «Die Grundbegriffe der Theosophie» hören. Der Mensch lebt in dieser höheren Welt, aber sein Bewußtsein, insofern er Durchschnittsmensch der Gegenwart ist, ist nicht erwacht für diese höhere Welt.
[ 10 ] Yet the worldview underlying the Theosophical Movement shows us that human beings can become aware not only of the physical world, but also of a higher world. And when we look at the manifestations of this higher world, the desires, cravings, passions, and instincts are just as perceptible realities as physical perception is, just as language is the physical expression of physical activity. We then say that consciousness of the so-called astral world has awakened. Then the human being stands before us as a being of instincts, desires, and passions, just as he awakens as a physical being and can reflect light impressions for our physical eye. How these higher senses awaken, how the human being can acquire higher consciousness—we will hear about this in the lecture series on “The Basic Concepts of Theosophy.” Human beings live in this higher world, but their consciousness—insofar as they are average people of the present—has not awakened to this higher world.
[ 11 ] Dann gibt es noch eine dritte Welt, eine Welt des Denkens, eine Welt des höheren geistigen Lebens, die über den Leidenschaften, Begierden, Wünschen und Trieben liegt. Diese Welt der Gedanken, die Welt der Spiritualität, ist dem physischen Bewußtsein noch weniger zugänglich. Diese Welt des reinen Geistes sollte derjenige nicht ableugnen, der auf dem Standpunkte der modernen Philosophie steht, sondern bedenken, daß vielleicht dem heutigen Menschen dafür nur die Organe fehlen, um sie wahrzunehmen. Auch in dieser dritten Welt lebt der Mensch. Er denkt in dieser Welt, nur wahrnehmen kann er sie nicht.
[ 11 ] Then there is a third world, a world of thought, a world of higher spiritual life, which lies above the passions, desires, wishes, and instincts. This world of thought, the world of spirituality, is even less accessible to physical consciousness. Those who stand on the standpoint of modern philosophy should not deny this world of pure spirit, but rather consider that perhaps modern humans simply lack the faculties to perceive it. Humans live in this third world as well. They think in this world; they just cannot perceive it.
[ 12 ] So müssen wir sagen: Der Mensch lebt heute in drei Welten. Diese drei Welten nennen wir in deutscher Sprache: die physische Welt, die seelische Welt und die geistige Welt. In der gebräuchlichen theosophischen Ausdrucksweise werden sie benannt: die physische Welt, die astrale Welt und die mentale Welt. Bewußt aber ist sich der Mensch nur der ersten, der physischen Welt, und er kann daher wissenschaftlich nur etwas ausmachen über die physische Welt. Über die anderen Welten kann er erst dann etwas ausmachen, wenn er in ihnen ebenso sehend, ebenso wahrnehmend, ebenso bewußt wird, wie er es heute in der physischen Welt ist.
[ 12 ] We must therefore say: Human beings today live in three worlds. In German, we call these three worlds: the physical world, the soul world, and the spiritual world. In common theosophical terminology, they are referred to as: the physical world, the astral world, and the mental world. However, human beings are conscious only of the first, the physical world, and can therefore scientifically discern only the physical world. They can only discern the other worlds when they become just as seeing, just as perceiving, and just as conscious in them as they are today in the physical world.
[ 13 ] So haben wir in dem Menschen ein dreigeteiltes Lebewesen vor uns, das ein Ganzes bildet aus Physis, Seele und Geist, das aber nur in der Physis sich bewußt ist. Deshalb aber kann der heute innerhalb der Physis forschende Forscher nur so weit zurückblicken, als die physische Welt diesem Forscherblick sich eröffnet. Auch dem Forscherblick, der ausgerüstet ist mit allen Mitteln der Wissenschaft, bietet sich keine andere Welt als die, welche sich dem gewöhnlichen Sinnenleben bietet. Wenn er auch um Jahrmillionen zurückblickt auf den Werdegang der Erde, so sieht er zurück auf den Punkt, wo aus der astralen Morgendämmerung — die leuchtender ist als je ein physisches Licht — allmählich das Physische sich verdichtet hat. Dahin, wo aus Astralem das Physische, und noch früher aus dem Geistigen das Astrale hervorgegangen ist; dahin, wo der Geist sich allmählich zum Lebendigen und später zum Leblosen verdichtet hat, dahin kann nur das Auge dringen, das sehend geworden ist. Daher verläßt den physischen Forscher seine Forschungsmethode an dem Punkt, wo gleichsam das Physische aufblitzt, wo es sich herausgebildet hat aus dem Seelisch-Geistigen. So kommt es, daß der Physiologe sich bis zur Peripherie erhebt, bis dahin, wo das Lebendige zum Geistigen wird. In noch frühere Vergangenheit erhebt sich der Geistesforscher, und damit schafft er sich ein umfassenderes Weltbild, ein Weltbild, das weit hinausreicht über das, was der physische Forscher kennt.
[ 13 ] Thus, we have before us a threefold human being who forms a whole consisting of body, soul, and spirit, but who is conscious only of the physical aspect. For this reason, the researcher who today investigates the physical realm can look back only as far as the physical world reveals itself to his gaze. Even to the researcher’s gaze, equipped with all the tools of science, no other world presents itself than the one that presents itself to ordinary sensory life. Even if he looks back millions of years at the Earth’s development, he looks back to the point where, out of the astral dawn—which is brighter than any physical light—the physical gradually condensed. To the point where the physical emerged from the astral, and even earlier the astral from the spiritual; to the point where the spirit gradually condensed into the living and later into the inanimate—only the eye that has become seeing can penetrate there. Thus, the physical researcher’s method of inquiry ends at the point where, as it were, the physical flashes into view, where it has emerged from the soul-spiritual. Thus it is that the physiologist ascends to the periphery, to the point where the living becomes spiritual. The spiritual researcher ascends to an even earlier past, and in doing so creates a more comprehensive worldview, a worldview that extends far beyond what the physical researcher knows.
[ 14 ] Damit haben wir gezeigt, daß die theosophische Weltanschauung deshalb nicht unwissenschaftlich zu sein braucht, weil sie ein etwas anderes Weltbild entwirft als die physische Forschung. Es liegen da andere Erfahrungen — das Erwachtsein auf dem geistigen Plane — zugrunde. Wie Sie in einem Zimmer, das finster ist, sich tastend fortbewegen müssen und tastend wahrnehmen, und wie ein ganz anderer Eindruck entsteht, wenn das finstere Zimmer beleuchtet wird, so erscheint für den Geistesforscher, für den, dessen Augen geöffnet sind, alles neu, in neuer Tätigkeit, in einem anderen Licht. Nicht unwissenschaftlich ist dieser Forscher deshalb geworden, weil seine Erfahrung sich bereichert hat. Die Logik des Theosophen ist ebenso sicher wie die Logik des besten Naturforschers. Nur bewegt sich diese Logik auf einem anderen Gebiet. Es ist eine seltsame Unkenntnis, wenn man die Wissenschaft unserer Forschung ablehnen will, bevor man sie geprüft hat. Wir denken in derselben Weise auf den höheren Planen, wie der physische Forscher auf dem physischen Plane denkt; das harmonisiert die theosophische Forschungsmethode und die physikalische.
[ 14 ] We have thus shown that the theosophical worldview need not be unscientific simply because it presents a somewhat different picture of the world than that offered by physical research. It is based on different experiences—awareness on the spiritual plane. Just as you must move about by feel in a dark room and perceive by touch, and just as a completely different impression arises when the dark room is illuminated, so everything appears new to the spiritual researcher, to the one whose eyes are opened—in new activity, in a different light. This researcher has not become unscientific simply because his experience has been enriched. The logic of the theosophist is just as sound as the logic of the finest natural scientist. It is simply that this logic operates in a different realm. It is a strange ignorance to reject the science of our research before one has examined it. We think in the same way on the higher planes as the physical researcher thinks on the physical plane; this harmonizes the theosophical method of research with the physical one.
[ 15 ] Nun müssen wir eine Erklärung darüber haben, weshalb der moderne Forscher dieses harte Entweder-Oder ausspricht und alles ablehnt, was nicht physische Natur ist. Dem theosophischen Forscher wird es klar, warum es so sein muß: das hängt mit der Entwickelung der Menschheit zusammen. Weil der Theosoph die Entwickelung der Menschheit in einem höheren Lichte betrachtet und weil er sozusagen das Zubereiten auf dem geistigen Gebiete verfolgen kann, deshalb ist der Theosoph imstande, aus der EntwickeJlung heraus zu erkennen, warum der physischen Verstandeswissenschaft die alleinige Autorität zugesprochen wird. Was man heute Wissenschaft nennt, ist ja nicht immer dagewesen. Geradeso wie jede Pflanze, wie jedes Tier sich entwickelt hat, wie die Geschlechter und Menschenrassen sich entwickelt haben, genauso hat sich auch das geistige Leben entwickelt. Und selbst die Wissenschaft von heute ist nicht immer in demselben Stadium gewesen. Auch sie ist ein Entwickelungsprodukt. Es hat aber auch in den ältesten Zeiten eine Art und Weise des menschlichen Anschauens gegeben, wenn sie auch nicht wissenschaftlich in dem modernen Sinne war. Deshalb muß man zurückgehen in die Zeit, in der die Anfänge unseres menschlichen Lebens beginnen.
[ 15 ] Now we must have an explanation as to why the modern researcher makes this rigid either/or distinction and rejects everything that is not of a physical nature. It becomes clear to the theosophical researcher why this must be so: it is connected with the evolution of humanity. Because the theosophist views the evolution of humanity in a higher light and because he can, so to speak, observe the preparatory work in the spiritual realm, the theosophist is able to discern from this evolution why physical science is accorded sole authority. What we call science today has not always existed. Just as every plant and every animal has evolved, and just as the sexes and human races have evolved, so too has spiritual life evolved. And even today’s science has not always been at the same stage. It, too, is a product of evolution. Yet even in the most ancient times there was a way of human perception, even if it was not scientific in the modern sense. Therefore, one must go back to the time when the beginnings of our human life began.
[ 16 ] Alles ist in Entwickelung. Das Menschengeschlecht war vor Jahrmillionen verschiedener von dem heutigen, als man es sich vorstellt. Auch diese Verschiedenheit wird in den Vorträgen über die «Grundbegriffe der Theosophie» zur Sprache kommen. Dem Menschengeschlecht von heute ist ein anderes vorangegangen, das atlantische Menschengeschlecht. Von ihm erzählt Plato noch. Dieses Geschlecht ist für die Naturwissenschaft keine wegzuleugnende Tatsache. Es hat anders vorgestellt, anders gelebt, andere Kräfte ausgebildet als die heutige Menschheit. Wer sich davon näher unterrichten will, kann in meiner Zeitschrift «Luzifer» Weiteres über dieses Menschengeschlecht nachlesen. Nach dem Untergange dieses Menschengeschlechts, dieser «Wurzelrasse», entwickelte sich erst ein solches Vorstellen, ein solches Denken und Anschauen, wie es das heutige ist. Und auch innerhalb unserer gegenwärtigen Wurzelrasse unterscheiden wir nach theosophischer Auffassung wieder sieben Unterrassen, von denen unsere eigene die fünfte ist.
[ 16 ] Everything is in a state of evolution. Millions of years ago, the human race was far more different from what it is today than one might imagine. This difference will also be discussed in the lectures on the “Basic Concepts of Theosophy.” The human race of today was preceded by another, the Atlantean human race. Plato still speaks of it. This race is a fact that cannot be denied by natural science. It conceived differently, lived differently, and developed different powers than humanity today. Anyone who wishes to learn more about this can read further about this human race in my journal “Luzifer.” Only after the demise of this human race, this “root race,” did a mode of imagination, thinking, and perception such as ours today begin to develop. And even within our present root race, we distinguish, according to theosophical understanding, seven sub-races, of which our own is the fifth.
[ 17 ] Langsam hat sich die heutige Menschheit entwickelt, langsam hat sich das Geistesleben entwickelt. Gehen wir zurück zu dem geistigen Leben der ersten Unterrasse unserer Wurzelrasse, dann stellt sich dieses geistige Leben schon ganz anders dar als unser heutiges geistiges Leben. Das Denken dieser Menschen war anders. Es war ein solches, das sich mit unserem heutigen kombinierenden Verstandeswissen gar nicht vergleichen läßt. Dieses Denken war ein spirituelles, ein solches, das durch Intuition, durch eine Art geistigen Instinkt — aber auch das ist nicht das richtige Wort, es ist mehr eine vergeistigte Art des Denkens — zustande kam. Diese vergeistigte Art des Denkens hatte wie im Keime alle anderen heute nebeneinanderliegenden menschlichen geistigen Tätigkeiten harmonisch in sich beschlossen. Was heute getrennt sich äußert als Phantasie, als religiöse Frömmigkeit, als sittliches Gefühl und zu gleicher Zeit als Wissenschaftlichkeit, das war dazumal eins. So wie die ganze Pflanze eingeschlossen ist in den Samen, in einer Einheit, so war das, was heute ausgeprägt ist in vielen geistigen Tätigkeiten, in einer Einheit eingeschlossen. Die Phantasie war nicht diejenige Phantasie, die wir als eine unwirkliche ansprechen. Die Phantasie war befruchtet von dem geistigen Inhalt der Welt, so daß sie die Wahrheit hervorbrachte. Sie war nicht, was wir heute die künstlerische Phantasie nennen, sie war diejenige, die in ihren Vorstellungen zugleich Wahrheit enthielt. Das Gefühl und der ethische Wille waren innig verbunden mit dieser Phantasie. Der ganze Mensch war eine Einheit, eine geistige Zelle. Wir können uns äußerlich eine Vorstellung davon machen, wenn wir das prüfen, was uns noch geblieben ist. Wenn Sie die alten Geistesprodukte, wie zum Beispiel die Veden der alten Inder studieren, finden Sie da Kunst, Dichtung und Geist wie aus einem Borne fließen. Wahrheit, Dichtung und Pflichtgefühl flossen damals wie aus einem einzigen Zentrum des Menschen, aus der gemeinsamen Intuition. Wir können auch die Vorstellungen, die historisch geblieben sind aus der ältesten Druidenzeit und die den unsrigen zugrunde liegen, studieren — und wir werden finden, daß die Tempelbauten, die Steinsetzungen der Druiden nachgebildet sind den kosmischen Weltenmaßen. Alles das zeigt uns eine frühere Entwickelung.
[ 17 ] Humanity today has developed slowly, and spiritual life has developed slowly. If we go back to the spiritual life of the first subrace of our root race, we find that this spiritual life was already quite different from our spiritual life today. The thinking of these people was different. It was a kind of thinking that cannot be compared at all to our present-day combinatory intellectual knowledge. This thinking was spiritual, a kind that arose through intuition, through a sort of spiritual instinct—though even that is not the right word; it is more of a spiritualized way of thinking. This spiritualized mode of thinking harmoniously encompassed within itself, as in a seed, all the other human spiritual activities that today exist side by side. What today manifests separately as imagination, as religious piety, as moral feeling, and at the same time as scientific thinking, was one and the same back then. Just as the entire plant is contained within the seed, in a unity, so too was that which is today expressed in many spiritual activities contained within a unity. Imagination was not the kind of imagination we speak of as unreal. Imagination was fertilized by the spiritual content of the world, so that it brought forth truth. It was not what we today call artistic imagination; it was the kind that contained truth within its images. Feeling and ethical will were intimately connected with this imagination. The whole human being was a unity, a spiritual cell. We can form an external conception of this by examining what has remained to us. If you study the ancient spiritual products, such as the Vedas of the ancient Indians, you will find art, poetry, and spirit flowing as from a single source. Truth, poetry, and a sense of duty flowed back then as if from a single center within the human being, from a shared intuition. We can also study the ideas that have survived historically from the earliest Druidic era and that underlie our own—and we will find that the temple structures and stone settings of the Druids are modeled on the cosmic dimensions of the world. All of this points to an earlier stage of development.
[ 18 ] Dann kommen wir herauf zu den nächsten Unterrassen. Da sehen wir, wie sich die geistigen Tätigkeiten trennen, wie sie sich im Anfange wie die Äste eines Baumes ausgebreitet haben. Wir sehen, wie später, in der chaldäischägyptischen Zeit, die Wissenschaft der Himmelskunde sich abtrennt von der rein praktischen Wissenschaft; wie Stück für Stück sich abtrennt von dem, was eine Einheitsanschauung war und zu Sonderbestrebungen wird. Und ein ganz bestimmtes Gesetz können wir dann verfolgen in unserer fünften Wurzelrasse: daß nämlich der Mensch dieser fünften Wurzelrasse sich allmählich gerade die physische Welt in allen ihren Gebieten erobert. Betrachten wir den eben geschilderten geistigen Menschen vom ersten Anfang unseres Zeitalters, so sehen wir, wie bei ihm noch alles Geist ist. Der alte Vedenpriester kennt noch nicht das Hängen am Physischen. Das Physische war ihm noch etwas Unwürdiges; sein Blick war nur gerichtet auf den ewigen Gang der Ereignisse; sein Blick war himmelwärts gerichtet, das Irdische berührte ihn kaum. In unserer Zeit nimmt sich diese Vedenanschauung wie ein Anachronismus aus; wir sehen, wie diese Anschauungen dem Physischen nicht mehr gewachsen sind, und wie gerade das indische Volk darunter leidet, daß sein innerer Blick zurückgedunkelt wird, zurückgedrängt wird von einer Welt, die diesen Blick nicht mehr verstehen kann. Der Mensch mußte sich mit seinem geistigen Blick die physische Welt erobern; der Mensch ist untergetaucht in die physische Welt und muß die physische Welt immer mehr bearbeiten. Erst war der Blick in das innere Selbst gerichtet, dann, bei den Chaldäern und Agyptern, war er gerichtet nach den Sternen. Und schreiten wir zu den Griechen fort, dann sehen wir, wie bei ihnen allmählich das, was früher vereint war, Philosophie, Religion und Kunst, als drei ganz getrennte Geistestätigkeiten uns entgegentreten. Im alten Vedentum ist der Priester zu gleicher Zeit Dichter, Forscher und religiöser Prophet; schreiten wir vor zum Griechentum, so sehen wir den Philosophen, den Künstler, den Priester getrennt auftreten. Und was ist geschehen, nach dem Entwickelungsgesetze im alten Griechenland? Die physische Welt wurde zunächst durch eine der Geistestätigkeiten, durch die Phantasie erobert. Die Eroberung der physischen Welt mit dem Mittel der Phantasie, das ist die gewaltige griechische Kunst.
[ 18 ] Then we move on to the next subraces. There we see how the spiritual activities diverge, how they spread out in the beginning like the branches of a tree. We see how later, in the Chaldean-Egyptian period, the science of astronomy separates from purely practical science; how, bit by bit, it breaks away from what was a unified worldview and becomes specialized endeavors. And we can then trace a very definite law in our fifth root race: namely, that the human being of this fifth root race gradually conquers the physical world in all its realms. If we consider the spiritual human being just described from the very beginning of our age, we see how everything is still spirit for him. The ancient Vedic priest does not yet know attachment to the physical. The physical was still something unworthy to him; his gaze was directed only toward the eternal course of events; his gaze was directed toward the heavens; the earthly scarcely touched him. In our time, this Vedic view seems like an anachronism; we see how these views are no longer a match for the physical, and how the Indian people in particular suffer from the fact that their inner gaze is being darkened, pushed back by a world that can no longer understand this gaze. Humanity had to conquer the physical world with its spiritual gaze; humanity has plunged into the physical world and must work on the physical world more and more. At first, the gaze was directed toward the inner self; then, among the Chaldeans and Egyptians, it was directed toward the stars. And as we move on to the Greeks, we see how, among them, what was once united—philosophy, religion, and art—gradually appears before us as three entirely separate spiritual activities. In ancient Vedic culture, the priest is at once poet, researcher, and religious prophet; moving on to Greek culture, we see the philosopher, the artist, and the priest appear separately. And what happened, according to the laws of development in ancient Greece? The physical world was first conquered by one of the spiritual activities, by the imagination. The conquest of the physical world by means of the imagination—that is the mighty Greek art.
[ 19 ] Gehen wir weiter in die erste christliche Zeit. Vorbereitet hat sich das schon im Alten Testament, im Altertum, aber das neue Gebiet ist erst erobert worden von der Spiritualität der christlichen Zeit. Es ist das Gebiet des ethischen, des sittlichen Lebens. Gehen Sie ins ältere Griechenland, so sehen Sie das Moralische nicht als gesondert erscheinen von der allgemeinen Weltanschauung. Erst bei Sokrates und Plato beginnt es, daß das sittliche Wesen sich heraussondert. Das Christentum erobert die sittliche Welt. So wie das alte Griechentum in der Kunst durch die Phantasie das Physische spirituell erobert hat, so hat das Christentum die physische Sittlichkeit, das sittliche Leben auf der Erde, spirituell erobert. Das ist eine zweite Phase der Entwickelung.
[ 19 ] Let us move on to the early Christian era. The groundwork for this had already been laid in the Old Testament, in antiquity, but this new realm was only conquered by the spirituality of the Christian era. It is the realm of ethical, moral life. If you look at ancient Greece, you will see that morality does not appear as something separate from the general worldview. It is only with Socrates and Plato that the moral essence begins to stand apart. Christianity conquers the moral world. Just as ancient Greek art, through the imagination, spiritually conquered the physical, so Christianity has spiritually conquered physical morality—moral life on earth. This is a second phase of development.
[ 20 ] Und wiederum, wenn wir einige Zeit übergehen, so sehen wir um die Wende des 15. zum 16. Jahrhundert, wie sich das, was früher vereinigt war, noch einmal spaltet. Wir sehen, wie der Weltanschauungsmensch, der Philosoph, und der Forscher sich trennen. Vorher gab es noch keine Trennung zwischen Philosophen und naturwissenschaftlich-physischen Forschern. Sehen Sie zurück in die erste Zeit des Mittelalters, betrachten Sie Scotus Erigena, Albertus Magnus, alle diejenigen, welche das Geistesleben in der Welt besorgt haben, Sie werden sehen, daß da alles Hand in Hand geht. Zwischen geistig-philosophischen Forschern und rein physischen Forschern war keine Trennung. Noch bei Cartesius und Spinoza können Sie Anklänge der Verbundenheit von Philosophie und Wissenschaft finden. Das philosophische Denken ging früher Hand in Hand mit der Naturwissenschaft. Mit dem 15., 16. Jahrhundert kommt dann diese Abzweigung: die Wissenschaft sondert sich von der Philosophie; die Wissenschaft wird selbständig. Ein neues Gebiet des physischen Lebens wird erobert: das Gebiet, welches durch Physik, Astronomie und so weiter, kurz, durch die rein physische Verstandeswissenschaft zu erobern ist. So sehen wir jetzt das, was früher vereint war: Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Religion, Ethik, getrennte Wege gehen.
[ 20 ] And again, if we fast-forward a bit, we see at the turn of the 15th to the 16th century how what was once united splits apart once more. We see how the man of worldview, the philosopher, and the researcher separate. Previously, there was no separation between philosophers and researchers in the natural sciences and physics. Look back to the early Middle Ages; consider Scotus Erigena, Albertus Magnus, and all those who nurtured intellectual life in the world—you will see that everything there goes hand in hand. There was no separation between spiritual-philosophical researchers and purely physical researchers. Even in Descartes and Spinoza, you can find echoes of the connection between philosophy and science. Philosophical thinking used to go hand in hand with the natural sciences. Then, in the 15th and 16th centuries, this divergence occurs: science separates itself from philosophy; science becomes independent. A new realm of physical life is being conquered: the realm that can be conquered through physics, astronomy, and so on—in short, through the purely physical sciences of the intellect. Thus we now see what was once united—science, art, philosophy, religion, and ethics—going their separate ways.
[ 21 ] Wiederholt sind später Versuche gemacht worden, das, was früher eine Einheit war, wieder zur Einheit zu bringen. Wir sehen dieses Bestreben auch bei Goethe. Wir sehen, wie er bemüht ist, eine geistige Naturwissenschaft zu schaffen und eine Brücke zu finden zwischen der Wissenschaft und der Kunst. Ein Wort von ihm zeigt das: «Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben.» So hat ferner Richard Wagner versucht, den Mythos der Religionen zu vereinigen in einer neuen Kunstform, die mehr sein sollte als die auf reine Phantasie gebaute Kunst. Diese Bestrebungen erinnern an etwas, was zu allen Zeiten vorhanden war. Neben den getrennten Wegen, die Religion, Kunst, Wissenschaft und Ethik gegangen sind, gab es immer das, was man die große Einheit nennt. Neben Wissenschaft, Kunst und Philosophie gab es das Mysterienwesen. Das ganze Weltbild wurde dem Eingeweihten der Mysterien vorgeführt. Da wurde ihm nicht in wissenschaftlicher Weise erzählt, was einstmals war und wie die Weltgesetze sind: ein Abbild des Lebens wurde da geschaffen. In dem Drama des Dionysos wurde ihm enthüllt, wie der Mensch, der Geistesmensch, eingetaucht ist in die physische Materie, wie das Geistige sich verdichtet hat zur Materie, um ‚sich in Zukunft wieder zu erheben zum Geistigen. In großen Bildern wurde dieses Kunstwerk, dieses Dionysosdrama, aufgeführt in den alten griechischen Mysterien. Es wurde gezeigt, wie Dionysos der Sohn ist von Zeus und Semele, wie er gerettet wird durch Pallas Athene und wie sein Herz gerettet wird von Zeus. Das ist die Aufführung eines großen menschlichen Dramas; es sollte nichts anderes darstellen als das Leben innerhalb unserer Erde. Gezeigt sollte werden, wie der Mensch untergetaucht ist in die physische Gestalt, wie er seine Seele gerettet hat durch das tiefste Geistige im Inneren und wie er sich selbst wieder hinaufentwickeln soll zu einem neuen göttlichen Dasein. — Außerlich in der griechischen Kultur erscheint dann das getrennt, was in den Tiefen der Mysterientempel eine Einheit darstellt. Was Sokrates erzählt und was Plato darstellt in der Philosophie, das ist nichts anderes als ein äußeres Abbild, eine Abspaltung dessen, was in den Mysterien sich fand. Lesen Sie Plato, so werden Sie die philosophische Ausgestaltung des Mysteriendramas sehen; lesen Sie die tragischen Geschicke der Helden, so haben Sie in diesen Heldendramen einen schwachen Abglanz des Mysteriendramas. Herausgebildet hat sich die Philosophie aus der alten Kunst. In unserer neuen Zeit ist, wie gesagt, die letzte Abspaltung geschehen: die Verstandeswissenschaft, die auf die physische Welt beschränkt ist, sie hat die Welt erobert; das Mikroskop und das Teleskop haben die Welt erobert. Wie die christliche Kunst die innere Gefühlswelt, so hat die physische Wissenschaft die äußere Natur erobert. Das ist die Aufgabe, die große Weltenmission gewesen: das, was früher eine Einheit war, in einzelnen Partien getrennt zu erobern.
[ 21 ] Repeated attempts were made later to reunite what had once been a single entity. We see this aspiration in Goethe as well. We see how he strives to create a spiritual science and to find a bridge between science and art. A quote from him illustrates this: “Beauty is a manifestation of secret laws of nature that would have remained forever hidden from us were it not for its appearance.” Richard Wagner, too, attempted to unite the myths of the religions in a new art form that was to be more than art built on pure imagination. These endeavors recall something that has existed throughout the ages. Alongside the separate paths taken by religion, art, science, and ethics, there has always been what is called the great unity. Alongside science, art, and philosophy, there was the world of the mysteries. The entire worldview was presented to the initiate of the mysteries. There, he was not told in a scientific manner what once was and what the laws of the world are: an image of life was created there. In the drama of Dionysus, it was revealed to him how the human being, the spiritual human being, is immersed in physical matter, how the spiritual has condensed into matter in order to ‘rise again to the spiritual in the future.’ This work of art, this Dionysus drama, was performed in grand scenes in the ancient Greek Mysteries. It was shown how Dionysus is the son of Zeus and Semele, how he is saved by Pallas Athena, and how his heart is saved by Zeus. This is the performance of a great human drama; it was meant to depict nothing other than life within our Earth. It was meant to show how humanity has become immersed in the physical form, how it has saved its soul through the deepest spiritual within, and how it is to develop itself upward again toward a new divine existence. — Externally, in Greek culture, what constitutes a unity in the depths of the mystery temples appears as separate. What Socrates recounts and what Plato portrays in philosophy is nothing other than an external reflection, a fragmentation of what was found in the Mysteries. If you read Plato, you will see the philosophical elaboration of the Mystery drama; if you read the tragic fates of the heroes, you will find in these heroic dramas a faint reflection of the Mystery drama. Philosophy has developed out of the ancient arts. In our modern age, as I said, the final separation has taken place: the science of the intellect, limited to the physical world, has conquered the world; the microscope and the telescope have conquered the world. Just as Christian art conquered the inner world of feeling, so has physical science conquered outer nature. That has been the task, the great mission of the world: to conquer what was once a unity by separating it into individual parts.
[ 22 ] Die Einheit von allen vier, von Wissenschaft, Philosophie, Ethik und Kunst, anzubahnen, ist die Mission einer neuen anbrechenden Zeit; die Mission einer neuen Menschheit will die Theosophie vorbereiten. Deshalb trat auch das erste bedeutsame Werk, die «Geheimlehre» von Helena Petrowna Blavatsky auf mit dem Untertitel: Vereinigung von Wissenschaft, Religion und Philosophie. — So verhält sich die theosophische Weltanschauung zu den einzelnen Zweigen, die heute das geistige Leben verschütten. Sie sehen, warum sie sich nicht trösten kann, wenn uns die Weltanschauung der naturwissenschaftlichen Welt ein EntwederOder entgegenruft. Sie sehen, warum der Theosoph, der auf das Ganze blickt, versöhnend hinsehen kann auf die Wissenschaft, und geradezu von der Weiterentwickelung der Wissenschaft erhoffen kann einen weiteren Aufstieg in der wissenschaftlichen Sphäre. Das ist das Ideal der Theosophie. Weil die Menschheit in jedem einzelnen Menschen ein Ganzes ist, deshalb ist dieses Ideal das große Menschheitsideal unserer Zeit. Auf getrennten Wegen mußten die Menschen innerhalb unserer Wurzelrasse ihr Ziel erreichen. Nur eine Weile aber, so lautet das große Weltengesetz, gehen die Wege getrennt; dann müssen sie sich wieder vereinigen. Jetzt ist die Zeit der Vereinigung.
[ 22 ] To initiate the unity of all four—science, philosophy, ethics, and art—is the mission of a new era dawning; Theosophy seeks to prepare the way for the mission of a new humanity. That is why the first significant work, Helena Petrovna Blavatsky’s *The Secret Doctrine*, appeared with the subtitle: The Union of Science, Religion, and Philosophy. — This is how the theosophical worldview relates to the individual branches that dominate spiritual life today. You see why it cannot be comforted when the worldview of the scientific world confronts us with an “either-or.” You see why the theosophist, who looks at the whole, can view science with a spirit of reconciliation and can even hope for a further ascent in the scientific sphere through the continued development of science. This is the ideal of Theosophy. Because humanity is a whole within every single human being, this ideal is the great human ideal of our time. People within our root race had to reach their goal by separate paths. But only for a while, according to the great law of the world, do the paths run separately; then they must unite again. Now is the time of union.
[ 23 ] Eine vereinigende Weltanschauung kann nur eine tolerante Weltanschauung sein. Deshalb steht der große Grundsatz der Toleranz an der Spitze der Bewegung. Ein Mißverständnis wäre es, wenn man die theosophische Bewegung auf irgendeine ausgesprochene Wahrheit hin beurteilen wollte. Nicht auf eine bestimmte einzelne Wahrheit hin, nicht auf ein Dogma, nicht auf dasjenige, was dieser oder jener Mensch erkannt hat oder zu erkennen glaubt, vereinigen wir uns. Derjenige, welcher in der theosophischen Bewegung, wenn auch noch so bestimmt und noch so energisch eine Wahrheit ausspricht, spricht sie nicht in dem Sinne aus, wie andere das verlangen, daß man sich zu ihr bekennen muß. Sehen Sie sich die einzelnen Bekenntnisse an, auch die wissenschaftlichen Richtungen, Materialismus, Monismus, Dualismus und so weiter, überall können Sie eines wahrnehmen: der Anhänger einer solchen Richtung glaubt einzig und allein die Wahrheit zu besitzen und schaltet alles andere aus. Entweder-Oder heißt es hier. Streit der Sekten, Streit in den Anschauungen ist die Folge. Die Theosophie unterscheidet sich ganz fundamental davon, In jedem einzelnen Menschen muß sich die Wahrheit entwickeln. Wer seine Erkenntnis ausspricht, spricht sie in keinem anderen Sinne aus als zur Anregung der übrigen. Zu nichts weiter. Der theosophische Lehrer ist sich bewußt, daß in jedem Menschen die Wahrheit herausgeholt werden muß. Dabei vereinigen sich gegenseitig völlig tolerante Menschen in Brüderlichkeit zu einem gemeinschaftlichen großen Ziel, sie vereinigen sich in der Theosophischen Gesellschaft, in der geisteswissenschaftlichen Bewegung. Die toleranteste Gesinnung, Toleranz bis ins Gefühl und in den Gedanken hinein, ist in dieser Bewegung zu finden. Der Theosoph ist, gerade wenn er in seinem Erkenntnisweg vorangeschritten ist, sich klar darüber, daß in jedes Menschen eigener Brust der Wahrheitskern ruht, daß er nur umgeben zu werden braucht mit einer geistigen Atmosphäre, um sich zu entwickeln. Die Gesamtheit, das Zusammenwirken ist es, worauf es ankommt. Wo Theosophen sich vereinigen, da schaffen sie um sich herum jene Atmosphäre, in welcher der einzelne Menschenkeim gedeihen kann. In diesem Zusammenwirken sehen sie ihre eigentliche Aufgabe. Das ist dasjenige, was die theosophische Bewegung grundsätzlich von allen anderen unterscheidet. Andere bekämpfen sich — wir aber vereinigen uns. Andere sind Monisten und betrachten den Dualismus als falsch, wir aber wissen, daß der Dualismus und der Monismus eine Einheit in einer noch höheren Harmonie finden werden, wenn man geistig in sich weiter sucht.
[ 23 ] A unifying worldview can only be a tolerant worldview. That is why the great principle of tolerance stands at the forefront of the movement. It would be a misunderstanding to judge the Theosophical Movement on the basis of any single, definitive truth. We do not unite around a specific single truth, nor around a dogma, nor around what this or that person has realized or believes they have realized. Anyone in the Theosophical Movement who expresses a truth, however firmly or energetically, does not do so in the sense that others demand one must profess it. Look at the various creeds, including the scientific schools of thought—materialism, monism, dualism, and so on—and you will see one thing everywhere: the adherent of such a school believes that they alone possess the truth and dismisses everything else. It is a matter of “either-or.” The result is conflict between sects and conflict in views. Theosophy differs from this in a very fundamental way: the truth must develop within each individual human being. Whoever expresses their insight does so for no other purpose than to inspire others. Nothing more. The theosophical teacher is aware that the truth must be drawn out of every human being. In doing so, people who are completely tolerant of one another unite in brotherhood toward a common, great goal; they unite in the Theosophical Society, in the spiritual science movement. The most tolerant attitude—tolerance extending into one’s feelings and thoughts—is to be found in this movement. The Theosophist, precisely when he has advanced on his path of knowledge, is clear that the core of truth rests within every human being’s own breast, that it merely needs to be surrounded by a spiritual atmosphere in order to develop. It is the whole, the interplay, that matters. Where Theosophists unite, they create around themselves that atmosphere in which the individual human seed can flourish. In this interplay they see their true task. This is what fundamentally distinguishes the Theosophical Movement from all others. Others fight one another—but we unite. Others are monists and regard dualism as false, but we know that dualism and monism will find unity in an even higher harmony if one continues to search within oneself spiritually.
[ 24 ] Das haben die großen Geister ausgesprochen, auch Goethe — mit seinen Worten an alte Meister anknüpfend —, wie in dem Menschen selbst sich entwickeln muß die göttliche Wahrheit, wie sie herausquellen muß aus dem einzelnen menschlichen Herzen. Das hat er, wie zum Motto unserer theosophischen Bewegung, an die Spitze eines seiner wissenschaftlichen Werke geschrieben. Dieses Motto heißt:
[ 24 ] This is what the great minds have declared—Goethe among them, echoing the words of the old masters—namely, that divine truth must develop within the human being himself, and that it must well up from the individual human heart. He wrote this at the beginning of one of his scientific works, as a kind of motto for our theosophical movement. This motto reads:
War nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?
If the eye were not like the sun,
How could we see the light?
If God’s own power did not dwell within us,
How could the divine delight us?
