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World-Riddles and Theosophy
GA 54

5 October, Berlin

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1. Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie

1. Haeckel, the Mysteries of the Universe, and Theosophy

[ 1 ] Wenn ich heute über das Thema spreche: «Haeckel, die Welträtsel und die Theosophie», so weiß ich, daß dieses Thema dem Erforscher des geistigen Lebens außerordentliche Schwierigkeiten bereitet und daß ich vielleicht mit meinen Ausführungen nach links und nach rechts schwer Anstoß erregen werde. Dennoch aber scheint es mir eine Notwendigkeit zu sein, einmal vom theosophischen Standpunkte aus darüber zu sprechen, denn einerseits hat ja das Evangelium, das Haeckel aus seinen Forschungen gewonnen hat, durch sein Buch «Die Welträtsel», den Zugang zu Tausenden und aber Tausenden von Menschen gefunden. Zehntausend Exemplare der «Welträtsel» waren nach kurzer Zeit abgesetzt, und in viele Sprachen ist das Buch übersetzt worden. Selten hat ein so ernstes Buch eine so große Verbreitung gefunden.

[ 1 ] When I speak today on the topic, “Haeckel, the Mysteries of the Universe, and Theosophy,” I am aware that this subject presents extraordinary difficulties for those who explore spiritual life, and that my remarks may well cause considerable offense on both sides. Nevertheless, it seems to me necessary to speak about this once from a theosophical standpoint, for, on the one hand, the gospel that Haeckel derived from his research has, through his book *The Riddles of the Universe*, reached thousands upon thousands of people. Ten thousand copies of *The Riddles of the World* were sold within a short time, and the book has been translated into many languages. Rarely has such a serious book achieved such widespread circulation.

[ 2 ] Wenn die Theosophie oder Geisteswissenschaft klarmachen soll, welches ihre Ziele sind, dann muß sie sich mit einer so wichtigen Erscheinung, die sich auch mit den tiefsten Fragen des Daseins beschäftigt, auseinandersetzen und ihre Stellung dazu zum Ausdruck bringen. An sich ist ja die theosophische oder geisteswissenschaftliche Lebensbetrachtung nicht da zum Kampfe, sondern zur Versöhnung, zum Ausgleich der Gegensätze. Dann bin ich auch selbst in einer besonderen Lage gegenüber der Weltanschauung Ernst Hacekels. Denn ich kenne die Empfindungen und Gefühle, die heute den Menschen teilweise aus seinem wissenschaftlichen Gewissen, teilweise aus der allgemeinen Weltlage und Weltanschauung heraus, wie durch eine faszinierende Kraft hineinführen können in die einfachen, großen Gedankengänge, aus denen sich diese Weltanschauung Haeckels zusammensetzt. Ich würde wohl nicht wagen, heute so unbefangen zu sprechen, wenn ich in bezug auf Haeckel das wäre, was man einen Gegner nennt; wenn ich nicht genau bekannt wäre mit dem, was man durchmachen kann, wenn man sich hineinlebt in dieses wunderbare Gebäude seiner Ideen.

[ 2 ] If Theosophy or the Science of the Spirit is to clarify its goals, then it must address such an important phenomenon—one that also deals with the deepest questions of existence—and express its position on it. In and of itself, the theosophical or spiritual-scientific view of life is not meant for conflict, but for reconciliation, for the harmonization of opposites. I, too, find myself in a unique position with regard to Ernst Haeckel’s worldview. For I am familiar with the sentiments and feelings that today can draw people—partly out of their scientific conscience, partly out of the general state of the world and prevailing worldview—as if by a fascinating force, into the simple, grand lines of thought that make up Haeckel’s worldview. I would probably not dare to speak so freely today if, with regard to Haeckel, I were what one calls an opponent; if I were not intimately familiar with what one can experience when immersing oneself in this marvelous edifice of his ideas.

[ 3 ] Vor allem aber wird derjenige, der mit offenem Sinn die Entwickelung des Geisteslebens betrachtet, in Haeckels Wirken die moralische Kraft anerkennen müssen. Mit ungeheuerem Mut hat dieser Mann seit Jahrzehnten seine Weltanschauung durchgekämpft, schwer durchgekämpft und sich sehr gegen mannigfache Widerwärtigkeiten, die ihm entgegentraten, zu wehren gehabt. Auf der andern Seite dürfen wir nicht verkennen, daß in Haeckel eine große Kraft der zusammenfassenden Darstellung und des zusammenfassenden Denkens lebt. Was in dieser Beziehung so vielen Naturforschern fehlt, das hat er in hohem Maße. Er hat es gewagt, trotzdem in den letzten Jahrzehnten die eigentlich wissenschaftlichen Strömungen gegen ein solches Unternehmen gerichtet waren, die Resultate seiner Forschungen in einer Weltanschauung zusammenzufassen. Das muß als eine Tat besonderer Art anerkannt werden. Auch der theosophischen Weltanschauung gegenüber bin ich in einer eigentümJlichen Lage, wenn ich über Haeckel spreche. Wer sich mit dem Entwickelungsgang der theosophischen Bewegung befaßt hat, der weiß, welche scharfen Worte und Kämpfe von seiten der Theosophen und auch gerade von seiten der Begründerin der theosophischen Bewegung, von seiten der Frau Helena Petrowna Blavatsky, gegen die Konsequenzen geführt worden sind, die Ernst Haeckel aus seinen Forschungen gezogen hat. Gegen wenige Erscheinungen auf dem Gebiete der Weltanschauungen wird in der «Geheimlehre» mit solcher Leidenschaftlichkeit gekämpft, wie gerade gegen die Haeckelschen Auseinandersetzungen. Ich darf wohl behaupten, unbefangen zu sprechen, weil ich glaube, zum Teil in meiner Schrift «Haeckel und seine Gegner», wie auch in meinem Buch über die «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert», dem wirklichen Wahrheitsgehalt der Haeckelschen Weltanschauung in vollem Sinne gerecht geworden zu sein. Ich glaube das aus seinen Werken herausgesucht zu haben, was unvergänglich, was fruchtbar ist.

[ 3 ] Above all, however, anyone who observes the development of spiritual life with an open mind will have to acknowledge the moral strength in Haeckel’s work. With tremendous courage, this man has fought for his worldview for decades—a hard-fought struggle in which he has had to defend himself against manifold adversities that stood in his way. On the other hand, we must not overlook the fact that Haeckel possesses a great capacity for synthesizing ideas and presenting them coherently. What so many natural scientists lack in this regard, he possesses to a high degree. He has dared—despite the fact that, in recent decades, the prevailing scientific currents have been opposed to such an undertaking—to synthesize the results of his research into a worldview. This must be recognized as an achievement of a special kind. I also find myself in a peculiar position with regard to the theosophical worldview when I speak of Haeckel. Anyone who has studied the development of the Theosophical Movement knows what harsh words and struggles were waged by the Theosophists—and especially by the founder of the Theosophical Movement, Helena Petrovna Blavatsky—against the conclusions that Ernst Haeckel drew from his research. Few phenomena in the realm of worldviews are fought against with such passion in the “Esoteric Doctrine” as Haeckel’s arguments. I may well claim to speak impartially, for I believe that, in part, in my essay “Haeckel and His Opponents,” as well as in my book on “Worldviews and Philosophies of Life in the 19th Century,” I have done full justice to the true substance of Haeckel’s worldview. I believe I have extracted from his works that which is enduring and fruitful.

[ 4 ] Sehen Sie die ganze Lage der Weltanschauung an, insofern sie sich auf wissenschaftliche Gründe stützt. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Geistesrichtung eine ganz andere als in der zweiten. Und Haeckels Auftreten fiel in eine Zeit, in welcher es sehr nahe lag, dem jungen sogenannten Darwinismus eine materialistische Konsequenz zu geben. Wenn man versteht, wie nahe es damals Jag, als Haeckel in die Naturwissenschaft hineinkam als junger enthusiastischer Forscher, alle naturwissenschaftlichen Entdeckungen materialistisch zu deuten, dann wird man die materialistische Tendenz begreifen und den Weg der Friedensstiftung einschlagen und weniger den des Kampfes. Wenn Sie diejenigen betrachten, welche in der Mitte des 19. Jahrhunderts den Blick frei nach den großen Menschheitsrätseln gerichtet haben, so werden Sie zweierlei finden. Auf der einen Seite eine völlige Resignation gegenüber den höchsten Fragen des Daseins, ein Eingeständnis, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht durchdringen zu können zu den Fragen nach der göttlichen Weltordnung, nach der Unsterblichkeit, der Freiheit des Willens, dem Ursprung des Lebens, kurz zu den eigentlichen Welträtseln. Auf der andern Seite werden Sie außer dieser resignierenden Stimmung noch Überreste einer alten religiösen Tradition auch bei den Naturforschern finden. Kühnes Vordringen bei der Untersuchung dieser Fragen, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, finden Sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur bei den deutschen Philosophen, zum Beispiel bei Schelling, Fichte oder auch bei Oken, einem Freiheitsmann sondergleichen auch auf andern Gebieten des Lebens. Was heute bei den Naturforschern spukt, die Weltanschauungen begründen wollen, können Sie schon in größeren Zügen bei Oken finden. Aber es weht noch ein eigentümlicher Windhauch darüber hin, es lebt noch darin die Empfindung des alten Spiritualismus, der sich klar ist, daß hinter allem, was man durch die Sinne wahrnehmen und durch Instrumente erforschen kann, etwas Geistiges zu suchen ist.

[ 4 ] Consider the worldview as a whole, insofar as it is based on scientific grounds. In the first half of the 19th century, the intellectual climate was quite different from that of the second half. And Haeckel’s emergence coincided with a time when it was very natural to give the young, so-called Darwinism a materialistic interpretation. If one understands how close it was back then—when Haeckel entered the natural sciences as a young, enthusiastic researcher—to interpret all scientific discoveries in materialistic terms, then one will grasp the materialistic tendency and take the path of peacemaking rather than that of conflict. If you consider those who, in the mid-19th century, turned their gaze freely toward the great mysteries of humanity, you will find two distinct attitudes. On the one hand, there is complete resignation in the face of the highest questions of existence—an admission that, from a scientific standpoint, one cannot penetrate the questions concerning the divine order of the world, immortality, free will, the origin of life—in short, the true mysteries of the universe. On the other hand, beyond this mood of resignation, you will also find remnants of an ancient religious tradition even among natural scientists. In the first half of the 19th century, you will find bold advances in the investigation of these questions from a scientific standpoint only among German philosophers—for example, Schelling, Fichte, or even Oken, a man of unparalleled freedom in other areas of life as well. What haunts natural scientists today—those who seek to establish worldviews—can already be found in broad strokes in Oken’s work. But a peculiar breeze still blows over it; the sentiment of the old spiritualism still lives within it—a spiritualism that is clear that behind everything that can be perceived through the senses and explored through instruments, something spiritual is to be sought.

[ 5 ] Haeckel hat selbst immer wieder und wieder erzählt, wie durch das Gemüt seines großen Lehrers, des unvergeßlichen Naturforschers Johannes Müller, dieser eigentümliche Hauch wehte. Sie können es bei Haeckel nachlesen, wie ihm, als er auf der Berliner Universität bei Johannes Müller beschäftigt war und die Anatomie der Tiere und Menschen studierte, die große Ahnlichkeit, nicht nur in der äußeren Form, sondern in dem, was sich in der Form erst durchringt, in der Tendenz der Form, auffiel. Wie er dann dem Lehrer gegenüber äußerte, daß dies auf eine geheimnisvolle Verwandtschaft der Tiere und Menschen hindeute, worauf Johannes Müller, der so tief in die Natur hineingesehen hatte, erwiderte: Ja, wer einmal das Geheimnis der Arten ergründet, der wird das Höchste erreichen. — Man muß sich eben hineindenken in das Gemüt eines solchen Forschers, der sicher nicht Halt gemacht hätte, wenn für ihn eine Aussicht gewesen wäre, in das Geheimnis einzudringen. Ein anderes Mal, als Lehrer und Schüler auf einer Forschungsreise waren, da äußerte Haeckel wieder, welche große Verwandtschaft unter den Tieren bestehe; da sagte abermals Johannes Müller etwas ganz Ähnliches. Hiermit wollte ich nur eine Stimmung kennzeichnen. Lesen Sie bei irgendeinem bedeutenden Naturforscher der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach, zum Beispiel bei Burdach, so werden Sie, trotz sorgfältiger Herausarbeitung aller naturwissenschaftlichen Einzelheiten, da, wo vom Reiche des Lebens gesprochen wird, stets einen Hinweis darauf finden, daß da nicht bloß physische und chemische Kräfte wirken, sondern daß etwas Höheres in Betracht komme.

[ 5 ] Haeckel himself recounted time and again how this peculiar spirit permeated the character of his great teacher, the unforgettable naturalist Johannes Müller. You can read in Haeckel’s own words how, while he was studying under Johannes Müller at the University of Berlin and researching the anatomy of animals and humans, he noticed the great similarity—not only in external form, but in what first manifests itself through that form, in the form’s inherent tendency. When he later expressed to his teacher that this pointed to a mysterious kinship between animals and humans, Johannes Müller—who had looked so deeply into nature—replied: “Yes, whoever once fathoms the mystery of the species will attain the highest.” — One simply has to put oneself in the mind of such a researcher, who certainly would not have stopped if there had been a prospect for him to penetrate the mystery. On another occasion, when teacher and student were on a research expedition, Haeckel again remarked on the great kinship that exists among animals; and once more, Johannes Müller said something quite similar. I merely wanted to convey a certain mood here. If you consult any significant naturalist of the first half of the 19th century—for example, Burdach—you will find, despite the careful elaboration of all scientific details, that whenever the “realm of life” is discussed, there is always an indication that it is not merely physical and chemical forces at work, but that something higher is at play.

[ 6 ] Als dann aber die Ausbildung des Mikroskopes dem Menschen ermöglichte, hineinzuschauen in die eigentümliche Zusammensetzung des lebendigen Wesens und man beobachten konnte, daß man es mit einem feinen Gewebe kleinster Lebewesen zu tun hat, aus welchen sich der physische Leib der Wesen zusammensetzt, da wurde es anders. Dieser physische Körper, welcher Pflanzen und Tieren als Kleid dient, löst sich für den Naturforscher in Zellen auf. Die Entdeckungen über das Leben der Zellen wurden von den Naturforschern am Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts gemacht. Und weil man so viel von dem Leben der kleinsten Lebewesen in sinnlicher Weise durch das Mikroskop erforschen konnte, war es naheliegend, daß man das, was als organisierendes Prinzip in dem Lebewesen wirkt, vergaß und übersah, weil es durch keinen physischen Sinn, überhaupt durch nichts Außeres erkannt werden kann.

[ 6 ] But when the development of the microscope enabled humans to look into the unique composition of living beings and observe that they are made up of a fine tissue of minute organisms—from which the physical body of these beings is composed—things changed. This physical body, which serves as a “garment” for plants and animals, breaks down into cells for the naturalist. The discoveries concerning the life of cells were made by naturalists in the late 1830s. And because so much of the life of the smallest living beings could be explored sensually through the microscope, it was only natural that what acts as the organizing principle within the living being was forgotten and overlooked, since it cannot be perceived by any physical sense—or indeed by anything external at all.

[ 7 ] Damals gab es noch keinen Darwinismus, aber unter den Eindrücken dieser großen Erfolge, die auf dem Gebiete der Erforschung des Sinnenfälligen gemacht wurden, bildete sich in den vierziger, fünfziger Jahren eine materialistische Naturwissenschaft heraus. Da dachte man, daß man aus dem, was man sinnenfällig wahrnimmt und erklären kann, auch die ganze Welt begreifen könne. Was heute sehr vielen geradezu kindlich vorkommt, das machte damals ungeheures Aufsehen und bildete sozusagen ein Evangelium für die Menschheit. Kraft und Stoff, Büchner, Moleschott, das waren die Schlagworte und die tonangebenden Größen. Als ein Ausdruck kindlicher Phantasie früherer Menschheitsepochen galt es, wenn man bei dem, was man ins kleinste mit den Augen untersuchen kann, noch etwas vermutet, das über das Augenfällige, das sinnlich Wahrnehmbare hinausgeht.

[ 7 ] At that time, Darwinism did not yet exist, but under the influence of these great successes achieved in the field of research into the sensible world, a materialistic natural science began to take shape in the 1840s and 1850s. People believed then that they could understand the entire world based solely on what they could perceive and explain through their senses. What seems downright childish to many people today caused a tremendous sensation back then and became, so to speak, a gospel for humanity. Force and matter, Büchner, Moleschott—these were the buzzwords and the leading figures. It was considered an expression of childish fantasy from earlier epochs of human history to suspect, in what one can examine with the eyes down to the smallest detail, something that goes beyond what is visible to the eye and perceptible to the senses.

[ 8 ] Nun müssen Sie bedenken, daß neben aller Urteilskraft, neben aller Forschung, in der Entwickelung des Geisteslebens die Gefühle und Empfindungen eine große Rolle spielen. Derjenige, der da glaubt, daß Weltanschauungen nur nach den kühlen Erwägungen der Urteilskraft gebildet werden, der irrt sich sehr. Da spricht, wenn ich mich radikal aussprechen darf, immer auch das Herz mit. Da wirken auch geheime Erziehungsgründe mit. Die Menschheit hat in ihrer letzten Entwickelungsphase eine materialistische Erziehung durchgemacht. Diese reicht zwar in ihren Anfängen weit zurück, ist aber erst zu der Zeit, von der wir sprechen, an ihrem Höhepunkt angelangt. Wir nennen diese Epoche der materialistischen Erziehung das Zeitalter der Aufklärung. Der Mensch mußte sich — das war auch die letzte Konsequenz gerade der christlichen Weltanschauung — hier auf diesem festen Boden der Wirklichkeit zurechtfinden lernen. Den Gott, den er so lange jenseits der Wolken gesucht hatte, sollte er nun in seinem eigenen Innern suchen. Das wirkte tief auf die ganze Entwickelung des 19. Jahrhunderts ein; und der, welcher als Zeitpsychologe die Entwickelung der Menschheit im 19. Jahrhundert studieren will, der wird alle Erscheinungen, die darin auftreten, wie zum Beispiel die Freiheitsbewegung in den dreißiger und vierziger Jahren, nur als einzelne, gesetzmäßig verlaufende Stürme des sich herausentwickelnden.Gefühls von der Bedeutung physischer Wirklichkeit erfassen. Man hat es mit einer Erziehungsrichtung der Menschheit zu tun, die zunächst mit Gewalt allen Ausblick nach einem spirituellen, nach einem geistigen Leben aus dem menschlichen Herzen herausriß. Und nicht aus der Naturwissenschaft heraus ist die Konsequenz gezogen, daß die Welt aus sinnenfälligen Erscheinungen bestehe, sondern man zog, infolge der Menschheitserziehung jener Zeit, in die Erklärung naturwissenschaftlicher Tatsachen den Materialismus hinein. Wer wirklich die Dinge unbefangen studiert, wie sie sind, der wird finden, daß es so ist, wie ich sagen werde, obgleich ich in einer kurzen Stunde mich nicht darüber ausführlich aussprechen kann.

[ 8 ] Now you must bear in mind that, alongside all reasoning and all research, feelings and emotions play a major role in the development of spiritual life. Anyone who believes that worldviews are formed solely on the basis of the cool deliberations of reason is very much mistaken. To put it bluntly, the heart always has a say in the matter. Secret factors of upbringing also come into play. In its most recent phase of development, humanity has undergone a materialistic upbringing. Although this dates back a long way, it only reached its peak during the period we are discussing. We call this epoch of materialistic education the Age of Enlightenment. Human beings had to learn—and this was also the ultimate consequence of the Christian worldview in particular—to find their bearings here on this firm ground of reality. The God whom they had sought for so long beyond the clouds, they were now to seek within themselves. This had a profound effect on the entire development of the 19th century; and anyone who, as a psychologist of the age, wishes to study the development of humanity in the 19th century will understand all the phenomena that arise within it—such as the freedom movement of the 1830s and 1840s—only as individual, lawfully unfolding storms of the emerging sense of the significance of physical reality. We are dealing with a direction in the education of humanity that initially, by force, tore every prospect of a spiritual, intellectual life from the human heart. And the conclusion that the world consists of sensory phenomena was not drawn from the natural sciences; rather, as a result of the education of humanity at that time, materialism was introduced into the explanation of scientific facts. Anyone who truly studies things impartially, as they are, will find that it is as I am about to say, although I cannot speak about this in detail in just one short hour.

[ 9 ] Die ganz gewaltigen Fortschritte auf dem Gebiete der Naturerkenntnis, der Astronomie, der Physik und Chemie, durch die Spektralanalyse, durch die erweiterte theoretische Kenntnis der Wärme und durch die Lehre von der Entwickelung der Lebewesen, die man die Darwinsche Theorie nennt, fallen in diese Periode des Materialismus. Wenn diese Entdeckungen in eine Zeit gefallen wären, in der man noch so gedacht hätte wie um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, als man noch eine mehr spirituelle Empfindung hatte, dann hätte man in denselben noch ebenso viele Beweise für das Walten und Wirken des Geistes in der Natur gesehen. Gerade zum Beweise des Primats des Geistes würden die wunderbaren Entdeckungen der Naturwissenschaft geführt haben. Man sieht hieraus, daß die naturwissenschaftlichen Entdeckungen an sich nicht notwendig und unter allen Umständen zum Materialismus hinführen mußten; sondern nur, weil viele Träger des Geisteslebens in dieser Zeit materialistisch gesinnt waren, wurden diese Entdeckungen materialistisch gedeutet. Der Materialismus wurde in die Naturwissenschaft hineingetragen, und unbewußt haben Naturforscher, wie Ernst Haeckel, denselben angenommen. Darwins Entdeckung selbst hätte nicht zum Materialismus drängen müssen. In seinem ersten Werke finden Sie den Satz: «Ich halte dafür, daß alle Lebewesen, die je auf der Erde gewesen sind, von einer Urform abstammen, welcher das Leben vom Schöpfer eingehaucht wurde.» Diese Worte stehen in Darwins Buch «Über die Entstehung der Arten», jenem Werke, das der Materialismus zu seiner Stütze macht.

[ 9 ] The truly tremendous advances in the fields of natural science, astronomy, physics, and chemistry—brought about by spectral analysis, by expanded theoretical knowledge of heat, and by the theory of the evolution of living beings, known as Darwin’s theory—fall within this period of materialism. If these discoveries had occurred at a time when people still thought as they did at the turn of the 18th to the 19th century—when people still had a more spiritual sensibility—then they would have seen in them just as much evidence of the spirit’s rule and activity in nature. The marvelous discoveries of natural science would have been cited precisely as proof of the primacy of the spirit. It is evident from this that scientific discoveries did not in and of themselves necessarily lead to materialism under all circumstances; rather, it was only because many bearers of spiritual life at that time were of a materialistic disposition that these discoveries were interpreted in a materialistic manner. Materialism was introduced into the natural sciences, and naturalists such as Ernst Haeckel unconsciously adopted it. Darwin’s discovery itself need not have led to materialism. In his first work, you will find the following statement: “I hold that all living beings that have ever existed on Earth are descended from a primordial form into which life was breathed by the Creator.” These words appear in Darwin’s book *On the Origin of Species*, the very work that materialism uses as its foundation.

[ 10 ] Es ist klar, wer als materialistischer Denker an diese Entdeckungen herantrat, der mußte dem Darwinismus eine materialistische Färbung geben. Durch Haeckels materialistisch kühne Art des Denkens erhielt der Darwinismus seine jetzige materialistische Tendenz. Es war von großer Wirkung, als im Jahre 1868 Haeckel den Zusammenhang der Menschen mit den Herrentieren (Affen) verkündete. In jener Zeit konnte dies nichts anderes heißen, als der Mensch stamme von den Herrentieren ab. Bis heute hat aber das Denken einen eigentümlichen Entwickelungsgang durchgemacht. Haeckel ist dabei stehengeblieben, daß der Mensch von den Herrentieren abstamme, diese wieder von den niederen und diese niederen wieder von den allereinfachsten Lebewesen. So entwickelt er den ganzen Stammbaum des Menschen. Dadurch war für ihn aller Geist aus der Welt ausgeschaltet und nur als Erscheinungsform des Materiellen vorhanden. Haeckel sucht sich noch zu helfen, da er in seinem Innersten, neben seiner materialistischen Denkerseele, eine eigentümlich geartete, spiritualistische Gefühlsseele hat. Diese beiden haben sich in ihm nie so recht ausgleichen, nie so recht eine brüderliche Einigung finden können. Er kommt deshalb dazu, daß er dem kleinsten Lebewesen auch eine Art Bewußtsein zuschreibt; dabei bleibt aber unerklärt, wie sich das komplizierte menschliche Bewußtsein aus dem Bewußtsein der kleinsten Lebewesen entwickelt. Haeckel sagte einst bei Gelegenheit eines Gespräches: Da stoßen sich die Leute an meinem Materialismus; aber ich leugne ja gar nicht den Geist, ich leugne ja gar nicht das Leben; ich möchte doch nur, daß die Leute bedenken, daß, wenn sie Stoffe in eine Retorte hineinbringen, darinnen bald alles lebt und webt. — Das zeigt so recht deutlich, wie Haeckel neben der wissenschaftlichen Denkerseele eine spiritualistische Gefühlsseele hat.

[ 10 ] It is clear that anyone who approached these discoveries as a materialist thinker was bound to give Darwinism a materialist slant. It was through Haeckel’s bold, materialist way of thinking that Darwinism acquired its current materialist tendency. It had a profound impact when, in 1868, Haeckel announced the connection between humans and the “lordly animals” (apes). At that time, this could mean nothing other than that humans were descended from the great apes. To this day, however, thought has undergone a peculiar course of development. Haeckel remained fixed on the idea that humans are descended from the great apes, which in turn are descended from the lower animals, and these lower animals from the simplest of living beings. This is how he constructs the entire human family tree. As a result, for him, all spirit was eliminated from the world and existed only as a manifestation of the material. Haeckel still seeks to reconcile this, for deep within him, alongside his materialistic intellectual soul, he possesses a peculiar, spiritualistic emotional soul. These two have never quite balanced each other out within him, nor have they ever truly been able to reach a fraternal agreement. He therefore ends up attributing a kind of consciousness even to the smallest living beings; yet this leaves unexplained how the complex human consciousness develops from the consciousness of the smallest living beings. Haeckel once said during a conversation: “People take issue with my materialism; but I do not deny the spirit at all, nor do I deny life; I simply want people to consider that when they place substances into a retort, everything inside it soon comes to life and begins to thrive.” — This shows quite clearly how Haeckel possesses a spiritual, emotional side alongside his scientific, rational mind.

[ 11 ] Einer derjenigen, die damals, als Darwin auftrat, die Abstammung der Menschen vom höheren Tier ebenfalls behaupteten, war der englische Forscher Huxley. Er hat es ausgesprochen, daß eine so große Ahnlichkeit im äußeren Bau zwischen dem Menschen und den höheren Tieren besteht, daß diese Ähnlichkeit größer sei, als die Ahnlichkeit zwischen den höheren und niederen Affenarten. Man könne daraus nur schließen, daß eine Abstammung des Menschen von den höheren Tieren bestehe. In neuerer Zeit haben die Forscher neue Tatsachen gefunden; auch jene Empfindungen, die in jahrhundertelanger Erziehung des Menschen Herz und Seele herangebildet haben, formten sich um; und so kam es, daß Huxley in den neunziger Jahren, kurz vor seinem Tode, die für ihn merkwürdige Ansicht ausgesprochen hat: So sehen wir denn, daß wir in der Natur draußen eine Stufenfolge des Lebendigen finden, vom Einfachsten und Unvollkommensten bis zum Zusammengesetzten und Vollkommensten. Diese Reihenfolge können wir übersehen. Warum aber sollte sich diese Reihenfolge nicht fortsetzen in ein Gebiet, das wir nicht übersehen können? — In diesen Worten ist der Weg angedeutet, auf dem der Mensch aus der Naturforschung heraus sich emporschwingen kann zur Idee eines göttlichen Wesens, das hoch über dem Menschen steht, eines Wesens, das höher über diesem steht, als er selbst über einem einfachen Zellenwesen. Huxley sagte einst: Ich will lieber von solchen Vorfahren abstammen, die tierähnlich sind, als von solchen, welche die menschliche Vernunft leugnen.

[ 11 ] One of those who, at the time Darwin first appeared on the scene, also asserted that humans were descended from higher animals was the English researcher Huxley. He stated that there is such a great resemblance in external structure between humans and higher animals that this resemblance is greater than the resemblance between higher and lower species of apes. One could only conclude from this that humans are descended from higher animals. In more recent times, researchers have uncovered new facts; even those sensibilities that had shaped the human heart and soul through centuries of education underwent a transformation; and so it came to pass that in the 1890s, shortly before his death, Huxley expressed the view that was, for him, remarkable: We see, then, that in the natural world we find a gradation of living beings, from the simplest and most imperfect to the most complex and perfect. We can survey this sequence. But why should this sequence not continue into a realm that we cannot survey? — These words point to the path by which humanity, starting from the study of nature, can rise to the idea of a divine being that stands far above humankind—a being that stands higher above humankind than humankind itself stands above a simple single-celled organism. Huxley once said: “I would rather descend from ancestors who are animal-like than from those who deny human reason.”

[ 12 ] So haben sich die Begriffe und Empfindungen, das, was die Seele denkt und fühlt, verändert. Haeckel hat in seiner Art seine Forschungen fortgesetzt. Schon im Jahre 1868 hat er sein populäres Buch «Natürliche Schöpfungsgeschichte» veröffentlicht. Aus dieser kann man vieles lernen; man kann lernen, wie die Reiche des Lebendigen in der Natur gesetzmäßig zusammenhängen. Man kann hineinschauen in die grauen Zeiten der Vergangenheit und das Lebende in Zusammenhang mit dem Ausgestorbenen bringen, von dem nur noch die letzten Überreste auf der Erde vorhanden sind. Das hatte Haeckel genau eingesehen. Das Welthistorische, das sich im weiteren abspielt, kann ich nur durch einen Vergleich klarmachen. Derjenige, welcher den Willen hat, auf solche Dinge einzugehen, wird finden, daß dieser Vergleich nicht mehr hinkt, als alle Vergleiche hinken, die aber trotz alledem treffend sein können. Nehmen Sie an, es käme ein Kunsthistoriker und beschriebe das große Reich der Malerei von Leonardo da Vinci bis heute in einer schönen kunstgeschichtlichen Abhandlung. Alles was in dieser Zeit nach solcher Richtung hin geschaffen worden ist, träte vor Ihre Seele hin und Sie würden glauben, hineinzuschauen in dieses frei sich entwickelnde Weben und Wirken des Menschengeistes. Nehmen Sie ferner an, es käme jemand und sagte bezüglich dieser Beschreibung: Aber alles, was der Kunsthistoriker hier darstellt, ist ja nichts Wirkliches, das ist ja etwas, was gar nicht da ist, das ist ja nur eine Beschreibung von Phantasiegebilden, die es gar nicht gibt, und was gehen mich diese Phantasien an; man muß das Wirkliche untersuchen, um zu einer richtigen kunstgeschichtlichen Darstellung zu kommen. Ich will daher einmal die Gebeine des Leonardo da Vinci einer Prüfung unterziehen und versuchen, den Körper desselben wieder zusammenzustellen, untersuchen, was er für ein Gehirn gehabt und wie dieses gearbeitet hat. — Dieselben Dinge werden also sowohl von dem Kunsthistoriker, als auch von dem anatomischen Naturhistoriker beschrieben. Kein Fehler braucht zu unterlaufen, alles könnte richtig sein. Dann meinte der anatomische Historiker, wir müssen auf Tod und Leben bekämpfen, was die idealistischen Kunsthistoriker uns erzählen, wir müssen es als eine Phantasie bekämpfen, denn das sei ja fast so, als wäre über die Menschen ein Aberglaube gekommen, der uns glauben machen will, daß neben der Gestalt von Leonardo da Vinci noch so ein gasförmiger Wirbel als Seele bestanden habe.

[ 12 ] Thus, concepts and perceptions—that is, what the soul thinks and feels—have changed. Haeckel continued his research in his own way. As early as 1868, he published his popular book *The Natural History of Creation*. Much can be learned from it; one can learn how the realms of life in nature are interconnected according to natural laws. One can look back into the distant past and relate living organisms to extinct ones, of which only the last remnants remain on Earth. Haeckel had understood this perfectly. I can only clarify the broader historical context that unfolds by drawing a comparison. Anyone willing to delve into such matters will find that this comparison is no more flawed than any other comparison—which, despite everything, can still be apt. Suppose an art historian were to come along and describe the vast realm of painting from Leonardo da Vinci to the present day in a beautiful treatise on art history. Everything created during this period in that vein would appear before your soul, and you would feel as though you were looking into this freely unfolding weaving and working of the human spirit. Suppose, furthermore, that someone were to come along and say, regarding this description: “But everything the art historian presents here is not real; it is something that does not actually exist; it is merely a description of figments of the imagination that do not exist at all—and what do these fantasies have to do with me? One must examine reality in order to arrive at a correct account of art history.” I therefore want to examine the skeletal remains of Leonardo da Vinci and attempt to reconstruct his body, investigate what kind of brain he had, and how it functioned. — The same things are thus described by both the art historian and the anatomical natural historian. No error need be made; everything could be correct. Then the anatomical historian said, “We must fight tooth and nail against what the idealistic art historians tell us; we must refute it as a fantasy, for it is almost as if a superstition had taken hold of people, one that seeks to make us believe that, alongside the form of Leonardo da Vinci, there also existed some gaseous vortex serving as a soul.”

[ 13 ] Dieser Vergleich ist treffend, obgleich er albern erscheinen mag. In solcher Lage befindert sich derjenige, welcher auf die alleinigeRichtigkeit der «Natürlichen Schöpfungsgeschichte» schwört. Auch er kann nicht so bekämpft werden, daß man ihm Fehler nachweist. Die mögen zwar vorhanden sein, aber darauf kommt es hier gar nicht an. Wichtig ist es, daß das Sinnenfällige einmal seinem inneren Zusammenhange nach dargestellt wurde. Das ist im Grunde genommen durch Haeckel in einer großen und umfassenden Weise geschehen. Es ist so geschehen, daß derjenige, der sehen will, auch sehen kann, wie gerade das Geistige bei der Bildung der Formen wirksam ist, wo scheinbar nur die Materie waltet und webt. Daraus kann man viel lernen; man kann ersehen, wie man geistig den materiellen Zusammenhang in der Welt mit Ernst, Würde und Ausdauer erfaßt. Derjenige, welcher die «Anitthropogenie» Haeckels durchnimmt, der sieht, wie die Gestalt sich aufbaut von den einfachsten Lebewesen bis zu den kompliziertesten, von den einfachsten Organismen bis hinauf zum Menschen. Wer zu dem, was der Materialist sagt, noch den Geist hinzuzufügen versteht, der studiert in diesem Haeckelismus die schönste elementare Theosophie.

[ 13 ] This comparison is apt, even though it may seem silly. Anyone who swears by the sole correctness of the “Natural History of Creation” finds himself in such a situation. Nor can he be refuted by pointing out his errors. There may indeed be errors, but that is not at all the point here. What is important is that the sensory world has finally been presented in terms of its inner coherence. This has, in essence, been accomplished by Haeckel in a grand and comprehensive manner. It has come to pass that anyone who wishes to see can indeed see how the spiritual is at work in the formation of forms, even where matter alone seems to reign and weave. Much can be learned from this; one can see how to grasp the material interrelationships in the world spiritually, with seriousness, dignity, and perseverance. Anyone who studies Haeckel’s *Anitthropogeny* will see how form develops from the simplest living beings to the most complex, from the simplest organisms all the way up to human beings. Whoever knows how to add the spirit to what the materialist says will find in this Haeckelianism the most beautiful elementary theosophy.

[ 14 ] Die Haeckelschen Forschungsresultate bilden sozusagen das erste Kapitel der Theosophie oder Geisteswissenschaft. Viel besser als durch irgend etwas anderes kann man sich in das Werden und Umgestalten der organischen Formen hineinfinden, wenn man seine Werke studiert. Allen Grund haben wir, zu zeigen, was durch den Fortschritt dieser vertieften Naturerkenntnis Großes geleistet wurde.

[ 14 ] Haeckel’s research findings constitute, so to speak, the first chapter of theosophy or spiritual science. Studying his works provides a far better way to gain insight into the development and transformation of organic forms than any other means. We have every reason to highlight the great achievements made through the progress of this in-depth understanding of nature.

[ 15 ] In den Zeiten, da Haeckel diesen Wunderbau aufgeführt hat, stand man den tieferen Rätseln der Menschheit als unlösbaren Problemen gegenüber. In einer rhetorisch glänzenden Rede hat Du Bois-Reymond im Jahre 1872 über die Grenzen der Naturforschung und des Naturerkennens gesprochen. Über weniges ist in den letzten Jahrzehnten mehr gesprochen worden als über diese Rede mit dem berühmten «Ignorabimus». Sie war eine wichtige Tat und stellt einen wichtigen Gegensatz zu Haeckels eigener Entwickelung und seiner Lehre von der Abstammung des Menschen dar. In einer andern Rede hat Du Bois-Reymond als die großen Rätselfragen des Daseins, die der Naturforscher nur teilweise oder gar nicht beantworten kann, «Sieben Welträtsel» aufgestellt, nämlich:

[ 15 ] In the days when Haeckel described this marvelous structure, the deeper mysteries of humanity were regarded as unsolvable problems. In a rhetorically brilliant speech in 1872, Du Bois-Reymond spoke about the limits of natural science and the understanding of nature. Few topics have been discussed more in recent decades than this speech with its famous “Ignorabimus.” It was a significant act and represents a major contrast to Haeckel’s own development and his theory of human descent. In another speech, Du Bois-Reymond identified the “Seven World Mysteries”—the great enigmas of existence that the natural scientist can answer only partially, if at all—namely:

[ 16 ] 1. Den Ursprung von Kraft und Materie.

[ 16 ] 1. The Origin of Force and Matter.

[ 17 ] 2. Wie ist in diese ruhende Materie die erste Bewegung hineingekommen?

[ 17 ] 2. How did the initial motion come about in this at rest matter?

[ 18 ] 3. Wie ist innerhalb der bewegten Materie Leben entstanden?

[ 18 ] 3. How did life arise within moving matter?

[ 19 ] 4. Wie erklärt es sich, daß in der Natur so vieles ist, das den Stempel der Zweckmäßigkeit an sich trägt, wie sie nur bei den von der menschlichen Vernunft ausgeführten Taten vorhanden zu sein pflegt?

[ 19 ] 4. How can we explain the fact that there is so much in nature that bears the mark of purposefulness, a quality that is usually found only in actions carried out by human reason?

[ 20 ] 5. Wie erklärt es sich, da, wenn wir unser Gehirn untersuchen könnten, wir doch nur durcheinanderwirbelnde kleine Kügelchen finden würden, daß diese Kügelchen es zustande bringen, daß ich «rot» sehe, Orgelton höre, Schmerz empfinde und so weiter? — Denken Sie sich wirbelnde Atome und es wird Ihnen sofort klar sein, daß nie die Empfindung daraus entstehen kann, die sich ausdrückt in den Worten, «ich sehe rot, ich rieche Rosenduft und so weiter».

[ 20 ] 5. How can it be that—since, if we could examine our brains, we would find nothing but tiny particles swirling about—these particles manage to make me see “red,” hear the organ’s sound, feel pain, and so on? — Imagine swirling atoms, and it will immediately become clear to you that the sensations expressed in the words “I see red, I smell the scent of roses, and so on” can never arise from them.

[ 21 ] 6. Wie entwickelt sich innerhalb der Lebewesen Verstand, Vernunft, das Denken und die Sprache?

[ 21 ] 6. How do intelligence, reason, thought, and language develop within living beings?

[ 22 ] 7. Wie kann ein freier Wille entstehen in einem Wesen, das so gebunden ist, daß jede Handlung hervorgerufen werden muß durch das Wirbeln der Atome?

[ 22 ] 7. How can free will arise in a being that is so bound that every action must be caused by the swirling of atoms?

[ 23 ] In Anknüpfung an diese «Welträtsel» von Du BoisReymond hat Haeckel eben sein Buch «Die Welträtsel» genannt. Er wollte die Antwort auf die Ausführungen Du Bois-Reymonds geben. Eine besonders wichtige Stelle ist in jener Rede Du Bois-Reymonds, die er über die Grenzen des Naturerkennens gehalten hat. Auf diese wichtige Stelle werden wir hingeführt und können durch sie zur Theosophie hinübergeleitet werden.

[ 23 ] Haeckel named his book *Die Welträtsel* (*The Riddles of the World*) in reference to Du Bois-Reymond’s “riddles of the world.” He sought to provide an answer to Du Bois-Reymond’s arguments. A particularly important passage can be found in Du Bois-Reymond’s speech on the limits of scientific knowledge. We are led to this important passage, and through it we can be guided toward theosophy.

[ 24 ] Als Du Bois-Reymond in Leipzig vor den Naturforschern und AÄrzten sprach, da schaute der Geist der Naturforschung aus nach einer reinen, freieren und höheren Luft, nach der Luft, welche in die theosophische Weltanschauung führte. Du Bois-Reymond sagte damals folgendes: Wenn wir den Menschen naturwissenschaftlich betrachten, so ist er für uns ein Zusammenwirken unbewußter Atome. Den Menschen naturwissenschaftlich erklären, heißt diese Atombewegungen bis ins letzte hinein verstehen. — Er meint, wenn man in der Lage ist, anzugeben, wie die Bewegung der Atome an irgendeiner Stelle des Gehirns ist, wenn man sagt, «ich denke», oder «gib mir einen Apfel», so hat man dieses Problem naturwissenschaftlich gelöst. Du Bois-Reymond nennt dieses die «astronomische» Erkenntnis des Menschen. Wie ein Sternenhimmel im kleinen würden sich die bewegten Gruppen von menschlichen Atomen ausnehmen. Was man da nicht begriffen hat, ist der Umstand, wie es kommt, daß in dem Bewußtsein des Menschen, von dem ich, sagen wir, ganz genau weiß, so und so bewegen sich seine Atome — Empfindung, Gefühl und Gedanke entstehen. Das kann keine Naturwissenschaft feststellen. Wie das Bewußtsein entsteht, kann keine Naturwissenschaft sagen. Du BoisReymond schloß nun wie folgt: Beim schlafenden Menschen, der sich der Empfindung nicht bewußt ist, die sich ausdrückt in den Worten: «ich sehe rot», haben wir die physische Gruppe der bewegten Körperteile vor uns. Bezüglich dieses schlafenden Körpers brauchen wir nicht zu sagen: «Wir werden nicht wissen», «Ignorabimus». Den schlafenden Menschen können wir verstehen. Der wache Mensch ist dagegen für keinen Naturforscher verständlich. Im schlafenden Menschen ist das nicht vorhanden, was beim wachenden vorhanden ist, nämlich das Bewußtsein, durch das er uns als Geisteswesen entgegentritt.

[ 24 ] When Du Bois-Reymond spoke before the natural scientists and physicians in Leipzig, the spirit of natural science yearned for a purer, freer, and higher atmosphere—the atmosphere that led to the theosophical worldview. Du Bois-Reymond said the following at that time: When we view human beings from a scientific perspective, they appear to us as an interaction of unconscious atoms. To explain human beings scientifically means to understand these atomic movements down to the very last detail. — He believes that if one is able to specify the movement of atoms at any given point in the brain when one says, “I think,” or “Give me an apple,” then one has solved this problem from a scientific perspective. Du Bois-Reymond calls this the “astronomical” understanding of human beings. The moving groups of human atoms would look like a miniature starry sky. What has not been grasped here is how it is that, in the consciousness of a person—about whom I know, let’s say, with complete precision that his atoms move in such-and-such a way—sensations, feelings, and thoughts arise. No natural science can determine this. No natural science can say how consciousness arises. Du Bois-Reymond concluded as follows: In the case of a sleeping person, who is not aware of the sensation expressed in the words “I see red,” we have before us the physical group of moving body parts. With regard to this sleeping body, we need not say, “We will not know,” “Ignorabimus.” We can understand the sleeping person. The waking person, on the other hand, is incomprehensible to any natural scientist. What is present in the waking person—namely, the consciousness through which he confronts us as a spiritual being—is absent in the sleeping person.

[ 25 ] Damals war bei der Mutlosigkeit der Naturwissenschaft ein weiteres Vordringen nicht möglich; man konnte damals noch nicht an Theosophie oder Geisteswissenschaft denken, weil die Naturwissenschaft scharf dieGrenze bezeichnet, den Punkt hingesetzt hatte, bis wohin sie in ihrer Weise gehen will. Wegen dieser Selbstbeschränkung, die sich die Naturforschung hiermit auferlegt hat, hat die theosophische Weltanschauung in derselben Zeit ihren Anfang genommen. Niemand wird behaupten, daß der Mensch, wenn er abends einschläft und des Morgens wieder aufwacht, am Abend aufhöre zu sein und am nächsten Morgen von neuem entstehe. Dennoch sagt Du Bois-Reymond, daß in der Nacht beim Menschen dasjenige nicht da ist, was bei Tag in ihm vorhanden ist. Hier liegt für die theosophische Weltanschauung die Möglichkeit einzusetzen. Das Sinnesbewußtsein spricht nicht bei dem schlafenden Menschen. Indem aber der Naturforscher sich darauf stützt, was dieses Sinnesbewußtsein vermittelt, so kann er nichts über das, was darüber hinausgeht, über das Geistige, sagen, weil ihm dadurch gerade dasjenige fehlt, was den Menschen zum geistigen Wesen macht. Mit den Mitteln der Naturforschung können wir also in dasGeistige nicht hineindringen. Die Naturforschung stützt sich darauf, was sinnlich wahrnehmbar ist. Was nicht mehr wahrnehmbar ist, wenn der Mensch schläft, das kann nicht Objekt ihrer Forschung sein. In diesem, bei dem schlafenden Menschen nicht mehr wahrnehmbaren Etwas haben wir aber gerade die Wesenheit zu suchen, die den Menschen zum Geisteswesen macht. Nicht früher kann man über dasjenige etwas aussagen, was über das rein Materielle, das Sinnliche, hinausgeht, als bis — wovon der Naturforscher als solcher, wenn er nur auf das Sinnenfällige ausgeht, nichts wissen kann — Organe, geistige Augen geschaffen sind, die auch das sehen, was über das Sinnliche hinausgeht. Deshalb darf man nicht sagen, hier sind die Grenzen der Erkenntnis, sondern nur, hier sind die Grenzen der sinnlichen Erkenntnis. Der Naturforscher nimmt sinnlich wahr, ist aber nicht geistiger Seher. Seher muß er aber werden, um das schauen zu können, was der Mensch Geistiges in sich hat. Das ist es auch, was alle tiefere Weisheit in der Welt anstrebt, nicht eine bloße Erweiterung der sinnlichen Erkenntnis, dem Umkreise nach, sondern eine Erhöhung der menschlichen Fähigkeiten. Das ist auch der große Unterschied zwischen der heutigen Naturwissenschaft und dem, was die Theosophie lehrt. Der Naturforscher sagt sich: Der Mensch hat Sinne, mit denen er wahrnimmt, und einen Verstand, mit dem er die Sinneswahrnehmungen kombiniert. Was man damit nicht erreichen kann, das liegt außerhalb der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. — Die Theosophie hat eine andere Anschauung. Sie sagt: Du hast recht, Naturforscher, wenn du von deinem Standpunkte aus urteilst, du hast damit genau so recht, wie der Blinde von seinem Standpunkte aus recht hat zu sagen, die Welt sei licht- und farbenlos.

[ 25 ] At that time, given the despondency within the natural sciences, further progress was not possible; it was not yet possible to conceive of theosophy or spiritual science, because the natural sciences had sharply defined the boundary—they had set the limit beyond which they were willing to go in their own way. Because of this self-imposed limitation that natural science had thereby set for itself, the theosophical worldview took its first steps during the same period. No one would claim that when a person falls asleep at night and wakes up again in the morning, they cease to exist in the evening and are reborn the next morning. Nevertheless, Du Bois-Reymond states that at night, what is present in a person during the day is absent. Herein lies the opportunity for the theosophical worldview to take hold. Sensory consciousness is not active in the sleeping human being. But since the natural scientist relies on what this sensory consciousness conveys, he cannot say anything about what lies beyond it—about the spiritual—because he thereby lacks precisely that which makes the human being a spiritual being. We cannot, therefore, penetrate into the spiritual by the means of natural science. Natural science relies on what is perceptible through the senses. That which is no longer perceptible when a person is asleep cannot be the object of its research. Yet it is precisely in this aspect—which is no longer perceptible in a sleeping person—that we must seek the essence that makes a human being a spiritual being. We cannot speak of that which transcends the purely material, the sensory, until—and this is something the natural scientist, as such, cannot know if he relies solely on the sensory—organs, spiritual eyes, are created that can also see what lies beyond the sensory. Therefore, one must not say, “Here are the limits of knowledge,” but only, “Here are the limits of sensory knowledge.” The natural scientist perceives through the senses but is not a spiritual seer. Yet he must become a seer in order to be able to perceive what the human being possesses of the spiritual within himself. This is also what all deeper wisdom in the world strives for: not merely an expansion of sensory knowledge in terms of scope, but an elevation of human capacities. This is also the great difference between modern natural science and what Theosophy teaches. The natural scientist tells himself: Human beings have senses with which they perceive, and an intellect with which they synthesize sensory perceptions. Whatever cannot be achieved through these means lies beyond the scope of scientific knowledge. — Theosophy takes a different view. It says: “You are right, natural scientist, when you judge from your standpoint; you are just as right as the blind person is, from his standpoint, to say that the world is devoid of light and color.”

[ 26 ] Ich mache keine Einwendungen gegen den naturwissenschaftlichen Standpunkt; ich möchte ihm nur die Anschauung der Theosophie oder Geisteswissenschaft gegenüberstelJen, welche sagt: Es ist möglich, nein, es ist sicher, daß der Mensch nicht stehenzubleiben braucht auf demStandpunkte, auf welchem er heute steht. Es ist möglich, daß sich Organe, Geistesaugen entwickeln, in ähnlicher Weise, wie sich in diesem physischen Leibe Sinnesorgane, Augen und Ohren, entwickelt haben. Sind diese Organe entwickelt, dann treten höhere Fähigkeiten auf. Das muß man zunächst glauben — nein, man braucht es nicht einmal zu glauben, man nehme es nur unbefangen als eine Erzählung hin. So wahr aber, wie nicht alle Gläubigen der «Natürlichen Schöpfungsgeschichte» gesehen haben, was in ihr an Tatsachen angeführt ist — denn wie viele sind es, die diese Tatsachen wirklich gesehen haben —, ebensowenig kann man die Tatsache der Erkenntnis des Übersinnlichen hier jedermann vorweisen. Es gibt für den gewöhnlichen Sinnenmenschen keine Möglichkeit, in dieses Gebiet hineinzukommen. Wir können nur mit Hilfe der okkulten Forschungsmethoden in die geistigen Gebiete hineingelangen. Wenn der Mensch sich zu einem Werkzeug umwandelt für die höheren Kräfte, um hineinzuschauen in die dem Sinnenmenschen verborgenen Welten, dann treten in ihm — ich werde im neunten Vortrage über «Innere Entwickelung» noch ausführlich darüber sprechen — ganz besondere Erscheinungen auf. Der gewöhnliche Mensch ist nicht imstande, sich selbst zu schauen oder die Gegenstände in seiner Umgebung bewußt in sich aufzunehmen, wenn seine Sinne schlafen. Wenn aber der Mensch die okkulte Forschungsmethode anwendet, dann hört diese Unfähigkeit auf, und er fängt dann an, in einer bewußten Weise die Eindrücke in der astralen Welt wahrzunehmen.

[ 26 ] I have no objections to the scientific point of view; I merely wish to contrast it with the perspective of theosophy or spiritual science, which states: It is possible—no, it is certain—that human beings need not remain at the stage they are at today. It is possible that spiritual organs—spiritual eyes—will develop in much the same way that the sensory organs—eyes and ears—have developed in this physical body. Once these organs are developed, higher abilities will emerge. One must first believe this—no, one does not even need to believe it; one need only accept it with an open mind as a narrative. But just as not all believers in the “Natural History of Creation” have seen the facts cited therein—for how many are there who have truly seen these facts?—so too can the fact of knowledge of the supersensible not be demonstrated to everyone here. For the ordinary sensory human being, there is no way to enter this realm. We can only enter the spiritual realms with the help of occult research methods. When a person transforms himself into an instrument for the higher forces in order to look into the worlds hidden from the sensory human being, then very special phenomena occur within him—I will speak about this in detail in the ninth lecture on “Inner Development.” The ordinary person is incapable of observing themselves or consciously taking in the objects in their surroundings when their senses are asleep. But when a person applies the occult method of research, this inability ceases, and they then begin to perceive impressions in the astral world in a conscious manner.

[ 27 ] Zunächst gibt es einen Übergang, den jeder kennt, zwischen dem äußerlichen Leben der Sinneswahrnehmung und jenem Leben, das selbst im tiefsten Schlafe nicht erstirbt. Dieser Übergang ist das Chaos der Träume. Jeder kennt es, meist nur als Nachklang dessen, was er am Tage erlebt hat. Wie sollte er auch im Schlafe etwas Neues aufnehmen können? Der innere Mensch hat ja noch keine Wahrnehmungsorgane. Aber etwas ist doch vorhanden. Leben ist da. Was aus dem Körper beim Schlafe herausgetreten ist, das erinnert sich, und diese Erinnerung steigt in mehr oder weniger verworrenen Bildern in dem Schlafenden auf. Wenn Sie sich weiter über diese Dinge informieren wollen, so nehmen Sie die Aufsätze «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zur Hand. An Stelle des Chaos beginnt dann nach und nach Ordnung und Harmonie in das Reich der Träume zu kommen. Dies ist ein Zeichen dafür, daß der Mensch anfängt, sich geistig zu entwickeln; und dann sieht er im Traume nicht bloß die Nachklänge der Wirklichkeit in chaotischer Weise, sondern auch Dinge, die es für das gewöhnliche Leben gar nicht gibt. Gewiß werden die Leute sagen, welche auf dem Gebiete des Tastbaren, auf dem Gebiete des Sinnlichen bleiben wollen: Das sind ja nur Träume.— Wenn Sie aber dabei Einsicht in die höchsten Weltgeheimnisse erlangen, so kann es Ihnen eigentlich ganz gleichgültig sein, ob Sie sie im Traume oder auf sinnliche Weise erhalten haben. Denken Sie, Graham Bell hätte das Telephon im Traume erfunden. Darauf käme es doch heute gar nicht an, wenn das Telephon auf jeden Fall zu einer bedeutsamen und nützlichen Einrichtung geworden wäre. Das klare und geordnete Träumen ist also der Anfang.

[ 27 ] First of all, there is a transition—one that everyone is familiar with—between the external life of sensory perception and that life which does not cease even in the deepest sleep. This transition is the chaos of dreams. Everyone is familiar with it, though usually only as an echo of what they have experienced during the day. How could they possibly take in anything new while asleep? After all, the inner self does not yet possess any organs of perception. But something is present nonetheless. Life is there. That which has stepped out of the body during sleep remembers, and this memory rises up in the sleeper in more or less confused images. If you wish to learn more about these matters, please consult the essays “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” Gradually, order and harmony begin to replace the chaos in the realm of dreams. This is a sign that a person is beginning to develop spiritually; and then, in dreams, they see not only the chaotic echoes of reality but also things that do not exist at all in ordinary life. Certainly, those who wish to remain in the realm of the tangible, in the realm of the sensory, will say: “These are just dreams.”—But if, in the process, you gain insight into the highest mysteries of the world, it really makes no difference to you whether you received them in a dream or through the senses. Do you think Graham Bell invented the telephone in a dream? That would be completely irrelevant today, since the telephone has in any case become a significant and useful invention. Clear and orderly dreaming is therefore the beginning.

[ 28 ] Wenn der Mensch in der Stille des Nachtlebens in die Träume sich einlebt, wenn er eine Weile sich gewöhnt hat, ganz andere Welten wahrzunehmen, dann kommt auch bald die Zeit, da er auch mit diesen neuen Wahrnehmungen in die Wirklichkeit hinauszutreten lernt. Dann bekommt diese ganze Welt ein neues Aussehen für ihn, und er ist sich dieses Neuen so bewußt, wie wir des Sinnlichen uns bewußt sind, wenn wir durch diese Stuhlreihen, durch alles, was Sie hier sehen, hindurchschreiten. Dann ist er in einem neuen Bewußtseinszustand; es eröffnet sich etwas Neues, Wesenhaftes in ihm. Der Mensch kommt dann dadurch auch weiter in der Entwickelung, zuletzt zu dem Standpunkte, wo er nicht nur die eigentümlichen Erscheinungen der höheren Welten wie Lichterscheinungen mit geistigem Auge wahrnimmt, sondern auch Töne der höheren Welten erklingen hört, so daß ihm die Dinge ihre geistigen Namen sagen und in neuer Bedeutung ihm entgegentreten. In der Sprache der Mysterien wird das ausgedrückt mit den Worten: Der Mensch sieht die Sonne um Mitternacht, das heißt, für ihn sind keine räumlichen Hindernisse mehr da, um die Sonne auf der andern Seite der Erde zu sehen. Dann wird ihm auch das, was die Sonne im Weltenraume tut, offenbar, dann wird er auch das, was die Pythagoräer als eine Wahrheit vertreten haben, die Sphärenharmonie, wahrnehmen. Dieses Klingen und Tönen, diese Sphärenharmonie, wird für ihn etwas Wirkliches. Dichter, die zugleich Seher waren, wußten, daß es so etwas wie Sphärenharmonie gibt. Nur der, welcher Goethe von diesem Standpunkt aus faßt, kann ihn verstehen. Die Worte im «Prolog im Himmel» zum Beispiel kann man entweder nur als Phrase hinnehmen oder als höhere Wahrheit. Da, wo Faust im zweiten Teile in die Geisterwelt eingeführt wird, spricht er wieder von diesem Tönen: «Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren.»

[ 28 ] When a person, in the stillness of the night, immerses himself in dreams, and when he has grown accustomed for a while to perceiving entirely different worlds, the time soon comes when he learns to step out into reality with these new perceptions as well. Then this entire world takes on a new appearance for them, and they are as aware of this newness as we are of the physical world when we walk through these rows of chairs, through everything you see here. Then they are in a new state of consciousness; something new and essential opens up within them. Through this, the human being also progresses further in their development, ultimately reaching the point where they not only perceive the distinctive phenomena of the higher worlds—such as light phenomena—with the spiritual eye, but also hear the sounds of the higher worlds resounding, so that things reveal their spiritual names to them and appear before them in a new significance. In the language of the Mysteries, this is expressed with the words: “Man sees the sun at midnight”—that is, for him there are no longer any spatial obstacles preventing him from seeing the sun on the other side of the Earth. Then what the sun does in the cosmos also becomes apparent to him; then he will also perceive what the Pythagoreans held to be a truth: the harmony of the spheres. This ringing and sounding, this harmony of the spheres, becomes something real for him. Poets who were also seers knew that such a thing as the harmony of the spheres exists. Only those who view Goethe from this perspective can understand him. The words in the “Prologue in Heaven,” for example, can be taken either merely as a phrase or as a higher truth. When Faust is introduced to the spirit world in the second part, he speaks again of this sound: “Resounding, the new day is already born for spiritual ears.”

[ 29 ] Da haben wir den Zusammenhang zwischen der Naturforschung und der Theosophie oder Geisteswissenschaft. Du Bois-Reymond hat darauf hingewiesen, daß nur der schlafende Mensch Gegenstand für die Naturforschung sein kann. Wenn nun aber der Mensch anfängt, seine inneren Sinne zu eröffnen, wenn er anfängt, zu hören und zu schauen, daß es auch eine geistige Wirklichkeit gibt, dann beginnt das ganze Gebäude elementarer Theosophie, das Haeckel so wunderbar aufgebaut hat, und das keiner mehr bewundern kann als ich, einen ganz neuen Glanz, eine ganz neue Bedeutung zu bekommen. Nach diesem Wunderbau sehen wir als Urwesen ein einfaches Lebewesen, aber ebenso können wir unser Wesen geistig zurückverfolgen bis zu einem früheren Zustand des Bewußtseins.

[ 29 ] Here we have the connection between natural science and theosophy, or spiritual science. Du Bois-Reymond has pointed out that only the sleeping human being can be the subject of natural science. But when a person begins to open their inner senses, when they begin to hear and see that there is also a spiritual reality, then the entire edifice of elementary theosophy—which Haeckel so wonderfully constructed, and which no one can admire more than I—begins to take on a whole new luster, a whole new meaning. According to this marvelous structure, we see ourselves as primordial beings—simple living creatures—but we can also trace our being spiritually back to an earlier state of consciousness.

[ 30 ] Ich werde nun die theosophisch oder geisteswissenschaftlich gehaltene Abstammungslehre auseinandersetzen. Von «Beweisen» für dieselbe muß natürlich in einem einzelnen Vortrage ganz abgesehen werden. Es ist natürlich, daß für alle diejenigen, welche nur die heute üblichen Vorstellungen über die Abstammung des Menschen kennen, alles unwahrscheinlich und phantastisch klingen wird, was ich werde sagen müssen. Aber alle diese Vorstellungen sind ja den herrschenden materialistischen Gedankenkreisen entsprungen. Und viele, welche vielleicht gegenwärtig den Vorwurf des Materialismus weit von sich weisen wollen, sind doch nur in einer — allerdings begreiflichen — Selbsttäuschung befangen. Die wahre theosophische oder geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre ist heute kaum bekannt. Und wenn Gegner von ihr sprechen, so sieht derjenige, der sie kennt, aus den Einwürfen sofort, daß sie von einer Karikatur dieser Entwickelungslehre sprechen. Für alle diejenigen, welche eine Seele oder einen Geist nur anerkennen, die innerhalb der menschlichen oder tierischen Organisation zum Ausdruck kommen, ist die theosophische Vorstellungsart ganz unverständlich. Mit solchen Personen ist jede Diskussion über diesen Gegenstand unfruchtbar. Sie müßten sich erst frei machen von den materialistischen Suggestionen, in denen sie leben, und müßten sich mit der Grundlage geisteswissenschaftlicher Denkrichtung bekanntmachen.

[ 30 ] I will now examine the theory of human origins from a theosophical or spiritual-scientific perspective. Of course, any “evidence” for this theory must be entirely set aside in a single lecture. It is only natural that to all those who are familiar only with the currently accepted ideas about human evolution, everything I am about to say will sound improbable and fanciful. But all these ideas have, after all, sprung from the prevailing materialistic schools of thought. And many who may currently wish to reject the accusation of materialism are, in fact, merely caught up in a—albeit understandable—self-deception. The true theosophical or spiritual-scientific theory of evolution is scarcely known today. And when its opponents speak of it, those who are familiar with it can immediately see from their objections that they are speaking of a caricature of this theory of evolution. For all those who recognize a soul or spirit only insofar as it finds expression within the human or animal organism, the theosophical way of thinking is completely incomprehensible. Any discussion on this subject with such people is fruitless. They would first have to free themselves from the materialistic influences in which they live and familiarize themselves with the foundations of the spiritual-scientific school of thought.

[ 31 ] Wie die sinnlich-naturwissenschaftliche Forschungsmethode die physisch-körperliche Organisation zurückverfolgt bis in ferne unbestimmte Urzeiten, so tut es die geisteswissenschaftliche Denkweise in bezug auf Seele und Geist. Die letztere kommt dabei mit den bekannten naturwissenschaftlichen Tatsachen nicht in den geringsten Widerspruch; nur mit der materialistischen Ausdeutung dieser Tatsachen kann sie nichts zu tun haben. Die Naturwissenschaft verfolgt die physischen Lebewesen ihrer Abstammung nach rückwärts. Sie wird auf immer einfachere Organismen geführt. Nun sagt sie, die vollkommenen Lebewesen stammen von diesen einfachen, unvollkommenen ab. Das ist, soweit die physische Körperlichkeit in Betracht kommt, eine Wahrheit, obgleich die hypothetischen Formen der Urzeit, von denen die materialistische Wissenschaft spricht, nicht ganz mit jenen übereinstimmen, von denen die theosophische oder geisteswissenschaftliche Forschung weiß. Doch das mag uns für unseren jetzigen Zweck nicht weiter berühren.

[ 31 ] Just as the sensory-scientific method of research traces the physical organization back to distant, indeterminate primeval times, so does the spiritual-scientific way of thinking do the same with regard to the soul and the spirit. The latter does not contradict the well-known scientific facts in the slightest; it simply has nothing to do with the materialistic interpretation of these facts. Natural science traces the ancestry of physical living beings backward. It is led to ever simpler organisms. It thus concludes that perfect living beings are descended from these simple, imperfect ones. This is a truth as far as physical embodiment is concerned, although the hypothetical forms of primeval times referred to by materialistic science do not entirely correspond to those known to theosophical or spiritual scientific research. But that need not concern us further for our present purpose.

[ 32 ] In sinnlich-physischer Beziehung erkennt auch die Geisteswissenschaft die Verwandtschaft des Menschen mit den höheren Säugetieren, also mit den menschenähnlichen Affen, an. Von einer Abstammung aber des heutigen Menschen von einem an seelischem Wert dem heutigen Affen gleichen Wesen kann nicht die Rede sein. Die Sache verhält sich ganz anders. Alles, was der Materialismus in dieser Beziehung vorbringt, beruht auf einem einfachen Denkfehler. Dieser Fehler möge durch einen trivialen Vergleich klar gemacht werden, der aber trotzdem nicht unzutreffend ist, obgleich er trivial ist. Man nehme zwei Personen. Die eine sittlich minderwertig, intellektuell unbedeutend; die andere sittlich hochstehend, intellektuell bedeutend. Man könne, sagen wir, durch irgendeine Tatsache die Verwandtschaft der beiden feststellen. Wird man nun schließen dürfen, daß die höherstehende von einer solchen abstammt, die der niedrigstehenden gleichwertig ist? Nimmermehr. Man könnte durch die andere Tatsache überrascht werden, welche da besagt: die beiden Personen sind verwandt; sie sind Brüder. Aber der gemeinsame Vater war weder dem einen noch dem andern Bruder ganz gleichwertig. Der eine der Brüder ist herabgekommen; der andere hat sich emporgearbeitet.

[ 32 ] In terms of sensory and physical characteristics, spiritual science also acknowledges the kinship between humans and higher mammals—that is, the apes similar to humans. However, there can be no question of modern humans descending from a being whose spiritual value is comparable to that of today’s apes. The situation is quite different. Everything that materialism puts forward in this regard is based on a simple error in reasoning. Let this error be clarified by a trivial comparison, which is nonetheless not inaccurate, even though it is trivial. Consider two people. One is morally inferior and intellectually insignificant; the other is morally superior and intellectually significant. Suppose, for example, that some fact establishes a kinship between the two. Can we then conclude that the superior one is descended from someone who is the equal of the inferior one? By no means. One might be surprised by another fact, which states: the two individuals are related; they are brothers. But their common father was not entirely the equal of either brother. One of the brothers has fallen from grace; the other has worked his way up.

[ 33 ] Den in diesem Vergleich angedeuteten Fehler macht die materialistische Naturwissenschaft. Sie muß, nach den ihr bekannten Tatsachen, eine Verwandtschaft annehmen zwischen Affe und Mensch. Aber sie dürfte nun nicht folgern: der Mensch stammt von einem affengleichen Tiere ab. Sie müßte vielmehr ein Urwesen — einen gemeinsamen physischen Stammvater — annehmen; aber der Affe ist der herabgekommene, der Mensch der höher hinaufgestiegene Bruder.

[ 33 ] Materialist natural science makes the mistake implied in this comparison. Based on the facts known to it, it must assume a kinship between apes and humans. But it should not conclude that humans are descended from an ape-like animal. Rather, it would have to assume the existence of a primordial being—a common physical progenitor—but the ape is the brother who has fallen, and humans are the brother who has risen higher.

[ 34 ] Was hat nun jenes Urwesen auf der einen Seite zum Menschen emporgehoben, auf der andern ins Affentum hinabgestoßen? Die Theosophie oder Geisteswissenschaft sagt: Das hat die Menschenseele selbst getan. Diese Menschenseele war auch schon zu jener Zeit vorhanden, als da auf dem physisch-sichtbaren Erdboden als höchste sinnliche Wesen nur jene gemeinsamen Urväter des Menschen und des Affen herumwandelten. Aus der Schar dieser Urväter waren die besten imstande, sich dem Höherbildungsprozeß der Seele zu unterwerfen; die minderwertigen waren es nicht. So hat die heutige Menschenseele einen Seelenvorfahren, wie der Körper einen körperlichen Vorfahren hat. Für die sinnliche Wahrnehmung wäre zur Zeit jener «Urväter» die Seele allerdings nicht im heutigen Sinne innerhalb des Körpers nachweisbar gewesen. Sie gehörte in einer gewissen Beziehung noch den «höheren Welten» an. Sie hatte auch andere Fähigkeiten und Kräfte als die gegenwärtige Menschenseele. Die heutige Verstandestätigkeit und Moralgesinnung fehlte ihr. Sie baute sich nicht aus den Dingen der Außenwelt Werkzeuge und errichtete nicht Staaten. Ihre Tätigkeit war noch in erheblichem Maße auf die Umarbeitung, die Umbildung der «Urväter-Leiber» selbst gerichtet. Sie gestaltete das unvollkommene Gehirn um, so daß dieses später Träger der Gedankentätigkeit werden konnte. Wie die heute nach außen gerichtete Seele Maschinen baut, so baute die Vorfahrenseele noch an dem menschlichen Vorfahrenkörper selbst. Man kann natürlich einwerfen: Ja, warum kann denn die Seele heute nicht mehr in dem Maße am eigenen Körper bauen? — Das kommt eben daher, daß die Kraft, die früher aufgebracht worden ist zur Organumbildung, später sich nach außen auf die Beherrschung und Regelung der Naturkräfte richtete.

[ 34 ] What, then, was it that elevated that primordial being to the level of humanity on the one hand, and cast it down into the realm of the apes on the other? Theosophy, or spiritual science, says: It was the human soul itself that did this. This human soul already existed at that time, when only those common ancestors of humans and apes roamed the physically visible earth as the highest sensory beings. Among the multitude of these ancestors, the best were capable of submitting to the soul’s process of higher development; the inferior ones were not. Thus, the human soul of today has a spiritual ancestor, just as the body has a physical ancestor. To sensory perception, however, the soul would not have been detectable within the body in the modern sense during the time of those “ancestors.” In a certain sense, it still belonged to the “higher worlds.” It also possessed different abilities and powers than the present-day human soul. It lacked the intellectual activity and moral sensibility of today. It did not construct tools from the objects of the external world, nor did it establish states. Its activity was still directed to a considerable extent toward the reshaping and transformation of the “ancestral bodies” themselves. It reshaped the imperfect brain so that it could later become the vehicle for thought activity. Just as the soul of today, which is directed outward, builds machines, so the ancestral soul still worked on the human ancestral body itself. One might naturally object: Yes, but why can’t the soul today build on its own body to that same extent? — This is precisely because the power that was formerly expended on the formation of organs was later directed outward toward the mastery and regulation of the forces of nature.

[ 35 ] So kommt man in der Urzeit auf einen zweifachen Ursprung des Menschen. Dieser ist geistig-seelisch nicht erst durch die Vervollkommnung der sinnlichen Organe entstanden. Sondern die «Seele» des Menschen war schon da, als die «Urväter» noch auf Erden wandelten. Sie hat sich —dies natürlich nur vergleichsweise gesprochen — selbst einen Teil aus der «Urväter-Schar» ausgewählt, dem sie einen äußerlich körperlichen Ausdruck verliehen hat, der ihn zum heutigen Menschen machte. Der andere Teil aus dieser Schar ist verkümmert, herabgekommen, und bilder die heutigen menschenähnlichen Affen. Diese haben sich aiso — im wahren Sinne des Wortes — aus dem Menschenvorfahren als dessen Abzweigung gebildet. Jene «Urväter» sind die physischen Menschenvorfahren; aber sie konnten es nur dadurch sein, daß sie die Fähigkeit der Umbildung durch die Menschenseelen in sich trugen. So stammt der Mensch physisch von diesem «Urvater» ab; seelisch aber von seinem «Seelenvorfahren». Nun kann man wieder weiter in bezug auf den Stammbaum der Wesen zurückgehen. Da kommt man zu einem physisch noch unvollkommeneren «Urvater». Aber auch zu dessen Zeit war der «Seelenvorfahr» des Menschen schon vorhanden. Dieser hat selbst diesen «Urvater» zum Affendasein emporgehoben, wieder die nicht entwickelungsfähigen Brüder auf der betreffenden Stufe zurücklassend. Aus diesen sind dann Wesen geworden, deren Nachkommen heute noch unter den Affen in der Säugetierreihe stehen. Und so kann man hinaufgehen in jene urferne Vergangenheit, in der auf der damals ganz anders als heute aussehenden Erde nur jene einfachsten Lebewesen vorhanden waren, aus denen Haeckel alle höheren entstehen läßt. Auch ihr Zeitgenosse war schon der «Seelenvorfahr» des Menschen. Er hat die brauchbaren umgestaltet und die unbrauchbaren auf jeder besonderen Stufe zurückgelassen. Die ganze Summe der irdischen Lebewesen stammt also in Wahrheit vom Menschen ab. Was heute als «Seele» in ihm denkt und handelt, hat die Entwickelung der Lebewesen bewirkt. Als unsere Erde im Anfang war, war er selbst noch ein ganz seelisches Wesen. Er begann seine Laufbahn, indem er einen einfachsten Körper sich bildete. Und die ganze Reihe der Lebewesen bedeutet nichts anderes als die zurückgebliebenen Stufen, durch die er seinen Körperbau heraufentwickelt hat bis zur heutigen Vollkommenheit. Die heutigen Lebewesen geben natürlich nicht mehr diejenige Gestalt wieder, welche ihre Vorfahren auf einer bestimmten Stufe hatten, als sie sich vom Menschenstammbaum abzweigten. Sie sind nicht stehengeblieben, sondern nach einem bestimmten Gesetze, das hier wegen der notwendigen Kürze der Darstellung nicht weiter berücksichtigt werden kann, verkümmert. Das Interessante ist nun, daß man äußerlich auch durch die Geisteswissenschaft auf einen Stammbaum des Menschen kommt, der dem von Haeckel konstruierten gar nicht so unähnlich ist. Doch macht Haeckel aus den physischen «Urvätern» des Menschen überall — hypothetische — Tiere. In Wahrheit sind aber an alle die Stellen, an die Haeckel Tiernamen setzt, die noch unvollkommenen Vorfahren des Menschen zu setzen, und die Tiere — ja sogar alle Wesen — sind nur die verkümmerten, herabgekommenen Formen, welche jene Stufen beibehalten haben, durch die hindurch sich die Menschenseele gebildet hat. Außerlich besteht also eine Ahnlichkeit zwischen den Haeckelschen und den theosophischen oder geisteswissenschaftlichen Stammbäumen; innerlich — dem Sinne nach — sind sie himmelweit verschieden.,

[ 35 ] Thus, in prehistoric times, we arrive at a dual origin of humankind. This origin did not arise spiritually and psychologically only through the perfection of the sensory organs. Rather, the “soul” of humankind was already present when the “primordial fathers” still walked the earth. It chose—this is, of course, only a figure of speech—a portion of the “host of forefathers” for itself, to which it gave an outward, physical form that made them into modern humans. The other portion of this host has atrophied and degenerated, and constitutes today’s human-like apes. These, too—in the true sense of the word—arose from the human ancestor as a branch off from it. Those “primordial fathers” are the physical ancestors of humankind; but they could only be so because they possessed within themselves the capacity for transformation through human souls. Thus, physically, humankind descends from this “primordial father”; spiritually, however, from its “soul ancestor.” Now one can go back even further in the lineage of beings. There one arrives at an even more physically imperfect “ancestor.” But even in his time, the “soul ancestor” of humankind already existed. It was this soul ancestor who elevated even this “ancestor” to the level of an ape, once again leaving behind the brothers incapable of further development at that particular stage. From these, beings emerged whose descendants still stand today among the apes in the mammalian lineage. And so one can trace back to that distant past, when the Earth—which looked quite different then than it does today—was inhabited only by those simplest life forms from which Haeckel posits that all higher forms arise. Even their contemporary was already the “spiritual ancestor” of humankind. It transformed the useful ones and left the useless ones behind at each particular stage. The entire sum of earthly living beings thus truly descends from humankind. What today thinks and acts within him as the “soul” is the result of the evolution of living beings. When our Earth was in its infancy, he himself was still an entirely spiritual being. He began his journey by forming the simplest of bodies. And the entire series of living beings represents nothing other than the stages left behind as he developed his physical form up to its present perfection. Of course, today’s living beings no longer reflect the form their ancestors had at a certain stage when they branched off from the human family tree. They have not remained static, but have atrophied according to a certain law, which cannot be discussed further here due to the necessary brevity of this presentation. What is interesting, however, is that one can also arrive at a human family tree through spiritual science, one that is not at all dissimilar to the one constructed by Haeckel. Yet Haeckel consistently portrays the physical “ancestors” of humankind as—hypothetical—animals. In truth, however, in all the places where Haeckel assigns animal names, one must place the still-imperfect ancestors of humankind, and the animals—indeed, all beings—are merely the atrophied, degenerate forms that have retained those stages through which the human soul was formed. Externally, then, there is a resemblance between Haeckel’s family trees and those of theosophy or spiritual science; internally—in terms of meaning—they are worlds apart.,

[ 36 ] Daher kommt es, daß man aus Haeckels Ausführungen so gut elementare Geisteswissenschaft lernen kann. Man braucht nur die von ihm bearbeiteten Tatsachen theosophisch oder geisteswissenschaftlich zu durchdringen und seine eigene naive Philosophie zu einer höheren zu erheben. Wenn Haeckel solche «höhere» Philosophie abkanzelt und kritisiert, so ist er eben selbst naiv; wie etwa, wenn jemand, der es nur bis zum Einmaleins gebracht hat, sagen wollte: Was ich weiß, ist wahr, und die ganze höhere Mathematik ist nur ein phantastisches Zeug. — Die Sache liegt doch gar nicht so, daß jemand, der Theosoph ist, das widerlegen will, was elementare Tatsache der Naturwissenschaft ist; sondern nur so, daß der von materialistischen Suggestionen eingenommene Forscher gar nicht weiß, wovon die Theosophie redet.

[ 36 ] This is why Haeckel’s writings are such a good source for learning the basics of spiritual science. One need only examine the facts he presents from a theosophical or spiritual-scientific perspective and elevate one’s own naive philosophy to a higher level. When Haeckel dismisses and criticizes such “higher” philosophy, he himself is being naive—just as if someone who has only mastered the multiplication tables were to say: “What I know is true, and all of higher mathematics is just a bunch of fantasy.” — The matter is not at all that a theosophist seeks to refute what is an elementary fact of natural science; rather, it is simply that the researcher, influenced by materialistic suggestions, does not even know what theosophy is talking about.

[ 37 ] Es hängt von dem Menschen ab, was er für eine Philosophie hat. Das hat Fichte gesagt mit den Worten: Wer kein wahrnehmendes Auge hat, kann die Farben nicht sehen, wer keine aufnahmefähige Seele besitzt, der kann den Geist nicht sehen. — AuchGoethe hat denselben Gedanken in dem bekannten Spruche zum Ausdruck gebracht: «Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt’ es nie erblicken; läg’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft, wie könnt’ uns Göttliches entzücken?» Und einen Ausspruch Feuerbachs ins rechte Licht setzend, kann man sagen: Jeder sieht das Bild von Gott so, wie er selbst ist. Der Sinnliche macht sich einen sinnlichen Gott, derjenige, welcher dasSeelische wahrnimmt, weiß auch das Seelische in seinem Gott zu finden. — Wenn Löwen, Stiere und Ochsen sich Götter machen könnten, so würden sie Löwen, Stieren und Ochsen ähnlich sein, bemerkte schon ein Philosoph im alten Griechenland. In dem Fetischanbeter lebt auch etwas als höchstes geistiges Prinzip, er hat es aber noch nicht in sich gefunden; er ist daher auch noch nicht dazu gekommen, in seinem Gott mehr zu sehen als den Holzklotz. Der Fetischanbeter kann nicht mehr anbeten, als er in sich selbst fühlt. Er erachtet sich selbst noch gleich dem Holzklotz. Wer nicht mehr sieht als wirbelnde Atome, wer das Höchste nur in den kleinen, bloß materiellen Pünktchen sieht, der hat eben in sich selber nichts von dem Höheren erkannt.

[ 37 ] It depends on the individual what kind of philosophy he holds. Fichte expressed this in the following words: “Whoever lacks a perceptive eye cannot see colors; whoever lacks a receptive soul cannot see the spirit.” — Goethe, too, expressed the same idea in his famous saying: “Were the eye not sun-like, it could never behold the sun; were God’s own power not within us, how could the divine delight us?” And putting a saying by Feuerbach into proper perspective, one might say: Everyone sees the image of God as he himself is. The sensual person creates a sensual god for himself; the one who perceives the spiritual also knows how to find the spiritual in his god. — If lions, bulls, and oxen could make gods for themselves, they would be similar to lions, bulls, and oxen, as a philosopher in ancient Greece once observed. Something also lives within the fetish worshipper as the highest spiritual principle, but he has not yet found it within himself; therefore, he has not yet come to see in his god anything more than a block of wood. The fetish worshipper cannot worship more than he feels within himself. He still regards himself as no different from the block of wood. Whoever sees nothing more than swirling atoms, whoever sees the Supreme only in the tiny, purely material specks, has simply not recognized anything of the Higher within himself.

[ 38 ] Haeckel hat sich zwar das, was er uns in seinen Schriften darbietet, ehrlich erworben, und ihm mußte es daher gestattet sein, auch die Fehler seiner Tugenden zu haben. Das Positive seiner Arbeit wird wirken, das Negative wird verschwinden. Von einem höheren Gesichtspunkte aus gesehen, kann man sagen: Der Fetischanbeter betet den Fetisch, ein lebloses Wesen an, und der materialistische Atomist betet nicht nur ein kleines Götzchen an, sondern eine Menge kleiner Götzchen, die er Atome nennt. Das Wort «anbeten» ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen, denn der «materialistische» Denker hat sich zwar nicht den Fetischismus, wohl aber das «Beten» abgewöhnt. So groß der Aberglaube des Fetischanbeters ist, so groß ist der des Materialisten. Das materialistische Atom ist nichts anderes als ein Fetisch. In dem Holzklotz sind nämlich auch nur Atome. Haeckel sagt nun an einer Stelle: «Gott sehen wir im Stein, in der Pflanze, im Tier, im Menschen. Überall ist Gott.» Er sieht aber nur den Gott, den er begreift. Goethe läßt doch so bezeichnend den Erdgeist zu Faust sprechen: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.» So sieht der Materialist die wirbelnden Atome im Stein, in der Pflanze, im Tier und in dem Menschen und vielleicht auch im Kunstwerk, und beruft sich darauf, daß er eine einheitliche Weltanschauung besitze und den alten Aberglauben überwunden habe. Eine einheitliche Weltanschauung haben aber auch die Theosophen, und wir können dieselben Worte gebrauchen wie Haeckel: Wir sehen Gott im Stein, in der Pflanze und im Menschen, aber wir sehen nicht einen Wirbel von Atomen, sondern den lebendigen Gott, den geistigen Gott, den wir in der Natur draußen zu finden trachten, weil wir ihn in uns selbst auch suchen.

[ 38 ] Haeckel did, after all, earn honestly what he presents to us in his writings, and he must therefore be allowed to have the flaws that accompany his virtues. The positive aspects of his work will endure; the negative ones will fade away. Viewed from a higher perspective, one can say: The fetish worshipper worships the fetish, a lifeless object, and the materialist atomist worships not just one little idol, but a multitude of little idols, which he calls atoms. The word “worship” is, of course, not to be taken literally, for the “materialist” thinker has indeed abandoned fetishism, but not the act of “worship.” As great as the superstition of the fetish worshipper is, so too is that of the materialist. The materialist atom is nothing other than a fetish. For the block of wood, too, consists of nothing but atoms. Haeckel says at one point: “We see God in the stone, in the plant, in the animal, in man. God is everywhere.” But he sees only the God he can comprehend. Goethe, after all, has the Earth Spirit speak so tellingly to Faust: “You resemble the spirit you comprehend, not me.” Thus the materialist sees the swirling atoms in the stone, in the plant, in the animal, and in human beings—and perhaps also in a work of art—and claims that he possesses a unified worldview and has overcome the old superstitions. But the Theosophists, too, have a unified worldview, and we can use the same words as Haeckel: We see God in stone, in plants, and in human beings, but we do not see a swirl of atoms; rather, we see the living God, the spiritual God, whom we seek to find in nature outside ourselves because we also seek Him within ourselves.