World-Riddles and Theosophy
GA 54
2 March 1908, Hamburg
(in lieu of 26 October 1905, Berlin)
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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
4. Geisteswissenschaft und soziale Frage
4. Spiritual Science and the Social Question
[ 1 ] Wer heute das Wort «soziale Frage» hört, bei dem regen sich, je nach seiner Lebenslage und Erfahrung und nach dem Ernste, mit dem er das Leben zu nehmen in der Lage ist, die verschiedensten Empfindungen. Und so muß es sein gegenüber einer Frage, welche die heutige Zeit eigentlich tiefer beschäftigen sollte, als sie sie beschäftigt. Zwar scheint das paradox ausgesprochen. Diejenigen, welche unmittelbar berührt werden von dem, was das Wort soziale Frage einschließt, beschäftigen sich gewiß genug mit derselben. Jene aber, die heute noch davor bewahrt sind, in unmittelbare Berührung zu kommen mit dem, was der sozialen Frage als Ursache zugrunde liegt, sind noch immer nicht gründlich genug davon überzeugt, daß diese Frage in unserer Zeit etwas bedeutet, womit sich zu beschäftigen eines jeden denkenden Menschen unbedingte Pflicht ist. Und diejenigen, die in den Tag hineinleben, die Augen wohl auch zumachen vor den Anforderungen des Tages, könnten es erleben, daß entweder sie selbst oder ihre Nachkommen, gerade durch ihre Unkenntnis, üble Erfahrungen machen könnten. Man hört heute noch immer, wenn von sozialer Frage in dem Sinne gesprochen wird, daß unsere Zeit einen Ausweg finden muß aus der Lage, in die viele Menschen durch die Gestaltung unseres sozialen Zusammenlebens geraten sind, man hört oftmals die Worte: Reiche und Arme habe es immer gegeben, eine soziale Frage habe es immer gegeben, so lange die Menschheit lebt und strebt. Es sei daher nicht zu verwundern, wenn auch in unserer Zeit die, welche nicht mit Glücksgütern gesegnet sind, in einer mehr oder weniger deutlichen Weise dies zum Ausdruck bringen und im Kampfe sich das erobern wollen, was ihnen durch das Geschick nicht zukommt. Reiche und Arme, solche, die bedrückt sind und solche, die mehr oder weniger mit Glücksgütern gesegnet sind, habe es immer gegeben. — Mit diesen Worten will man wohl das ganz Eigenartige und Eigentümliche der sozialen Frage hinwegwischen, unklar machen. Man weist hin auf die Sklavenaufstände des Altertums, auf die Revolten im Mittelalter und auf andere Ereignisse, wo sich die Bedrückten ihr Recht zu verschaffen suchten und tröstet sich mit solchen Erscheinungen.
[ 1 ] When people today hear the term “social question,” it evokes a wide variety of feelings, depending on their life circumstances and experiences, as well as on the seriousness with which they are able to take life. And so it must be with an issue that should actually preoccupy our time more deeply than it does. Admittedly, this may sound paradoxical. Those who are directly affected by what the term “social question” encompasses certainly do give it their full attention. But those who are still spared today from coming into direct contact with the underlying causes of the social question are still not thoroughly convinced that this issue is something in our time that every thinking person has an absolute duty to address. And those who live from day to day, perhaps even turning a blind eye to the demands of the day, may find that either they themselves or their descendants could suffer adverse consequences precisely because of their ignorance. Even today, when people speak of the social question in the sense that our era must find a way out of the situation into which many people have fallen as a result of the structure of our social life, one often hears the words: “There have always been rich and poor; there has always been a social question, as long as humanity has lived and strived.” It is therefore not surprising that even in our time, those who are not blessed with the fruits of fortune express this in a more or less explicit manner and, through struggle, seek to seize what fate has not granted them. The rich and the poor—those who are oppressed and those who are more or less blessed with the fruits of fortune—have always existed. — With these words, one presumably seeks to brush aside or obscure the very peculiar and distinctive nature of the social question. One points to the slave revolts of antiquity, to the revolts of the Middle Ages, and to other events in which the oppressed sought to secure their rights, and takes comfort in such phenomena.
[ 2 ] Ein jeder sollte heute eigentlich wissen, daß das, was man gegenwärtig soziale Frage nennt, wirklich etwas Neues ist im Menschenleben, daß sie etwas ganz anderes ist als ähnliche Bewegungen in andern Zeiten des geschichtlichen Lebens. Denn jene, die heute eine Lösung der sozialen Frage suchen, sind vor allen Dingen Menschen innerhalb unserer gesellschaftlichen Ordnung, die es mit diesem Charakter, so wie sie heute vor uns stehen, erst seit einer kurzen Zeit gibt. Das Bedrückende ist ein Ergebnis höchstens der letzten hundertzwanzig bis hundertdreißig Jahre; das ist geschaffen durch die gegenwärtigen, unendlich bedeutungsvollen Fortschritte der Menschenkultur. Wir sehen diesen Fortschritt heraufkommen mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, als jene Maschinen und so weiter den Köpfen unserer Erfinder entsprangen. Seit jenen Zeiten, seit welchen das Leben immer mehr in den Industriezentren und Städten zusammenfließt, entsteht erst der Lohnarbeiter, der Proletarier im heutigen Sinne des Wortes. Was man heute soziale Frage nennt, ist nicht zu trennen von dieser eigentlich erst durch die gewaltigen Fortschritte der Menschenkultur geschaffenen Menschenklasse. Der Sklave des Altertums kämpfte eigentlich nur dann, wenn er sich besonders bedrückt fühlte, und er hatte nicht das Bewußtsein, daß durch irgendeine andere soziale Ordnung seinem Leben, seiner Bedrückung Abhilfe geschaffen werden konnte. Ähnlich war es auch im Mittelalter. Der moderne Proletarier kommt aber immer mehr mit der Forderung, daß nicht dieses oder jenes einzelne zu bekämpfen sei, sondern daß nur eine gründliche Reform, vielleicht auch Umwälzung der Verhältnisse überhaupt, seine Lage ändern könne. Und eine gewaltige Ausbreitung, eine viel größere Ausbreitung als diejenigen glauben, die sich die Augen verschließen, hat diese Überzeugung innerhalb der arbeitenden Menschheit gefunden. Es ist manchmal für den, der die Dinge durchschaut, ganz staunenswert, daß es immer doch noch Menschen gibt, die nicht den Ernst haben, auf alle diese Dinge einzugehen.
[ 2 ] Everyone today should really know that what is currently called the “social question” is truly something new in human life, that it is something entirely different from similar movements in other periods of history. For those who are seeking a solution to the social question today are, above all, people within our social order—an order that, in the form it takes before us today, has existed only for a short time. The oppressive conditions are, at most, a result of the last one hundred twenty to one hundred thirty years; they have been created by the current, infinitely significant advances in human civilization. We see this progress emerging at the end of the 18th century, when those machines and so on sprang from the minds of our inventors. It is only since those times—since life has increasingly converged in industrial centers and cities—that the wage laborer, the proletarian in the modern sense of the word, has come into being. What is today called the “social question” cannot be separated from this class of people, which was in fact only created by the tremendous progress of human civilization. The slave of antiquity actually fought only when he felt particularly oppressed, and he lacked the awareness that any other social order could provide a remedy for his life and his oppression. The situation was similar in the Middle Ages. The modern proletarian, however, is increasingly demanding not that this or that individual issue be addressed, but that only a thorough reform—perhaps even a complete upheaval of the existing conditions—can change his situation. And this conviction has found tremendous acceptance among the working class—a much greater acceptance than those who close their eyes to reality would believe. It is sometimes quite astonishing to those who see through these matters that there are still people who do not take all these issues seriously.
[ 3 ] Nun könnte es recht sonderbar erscheinen, wenn gegenüber einer so praktischen Anforderung des Tages, gegenüber einer solchen Lebensfrage jemand kommt, um sie vom Standpunkte der Geisteswissenschaft zu beleuchten. Haben doch die meisten Menschen von ihr die Vorstellung, daß sie etwas Unpraktisches, das unpraktischste Zeug der Welt sei, daß sie den Köpfen einiger Träumer entsprungen sei und sich mit allerlei Dingen befaßt, die nichts zu tun haben mit dem Wirklichen. Es hören wohl die Leute, daß es eine Weltenströmung gibt, die sich die geisteswissenschaftliche nennt, die von dem lehrt, was in der Welt als Übersinnliches vorhanden ist und den verschiedenen Wesen, die um uns herum sind, was dem Menschen selbst als sein Übersinnliches zugrunde liegt. Man hört wohl auch, daß diese Geistesforschung von vielen Tatsachen spricht, so zum Beispiel von den wiederholten Erdenleben und von dem großen Gesetz über die geistige Verursachung unserer Handlungen und Schicksale. Man hört davon, daß sie hinaufführt in allerlei höhere Welten und so weiter. Man kann nun leicht glauben: Was kann jemand, der sich mit solchen Dingen befaßt, Praktisches und Wissenswertes über eine Lebensfrage wie die soziale ausmachen!
[ 3 ] Now, it might seem quite strange for someone to approach such a practical, everyday need—such a vital question of life—and shed light on it from the perspective of spiritual science. After all, most people have the impression that it is something impractical—the most impractical thing in the world—that it sprang from the minds of a few dreamers and deals with all sorts of things that have nothing to do with reality. People probably hear that there is a global movement that calls itself spiritual science, which teaches about what exists in the world as the supersensible and about the various beings that surround us, as well as what underlies human beings themselves as their own supersensible nature. One also hears that this spiritual research speaks of many facts, such as repeated earthly lives and the great law of spiritual causation governing our actions and destinies. One hears that it leads up into all sorts of higher worlds and so on. One might easily think: What practical and worthwhile insights could someone who deals with such matters possibly offer on a vital issue like social matters!
[ 4 ] Aber mit der Lebenspraxis hat es eine eigene Bewandtnis. Wir wollen heute einmal über dieses Thema sprechen, gerade um zu zeigen, wie Geisteswissenschaft nur dann eine wirkliche Bedeutung hat, wenn sie fähig ist, in die praktischen Lebensfragen einzugreifen. Wir fragen uns dabei: Worauf haben wir unser Augenmerk zu richten, wenn von der sozialen Frage die Rede ist? — Nicht wahr, daß die soziale Frage vorhanden ist, davon kann uns der Augenschein überzeugen, und dieser Augenschein überzeugt den, der sich mit dem Leben befaßt, aufs eindringlichste. Wir könnten hinweisen, daß mit der Blüte unserer Industrie — gerade in England — soziale Verhältnisse furchtbarster Art eingetreten sind. Es war für diejenigen, welche die Industrie fruchtbar machen wollten für das, was sie ihre Welt nannten, einzig und allein die Frage: Wie ist am billigsten die Arbeitskraft herzustellen? — Und da sehen wir denn jene Ausschreitungen, die oft geschildert worden sind, wie die Industrie neben starkem Licht auch starken Schatten erzeugt und wie sich die Segnungen unserer Maschinen, Eisenbahn und Dampfschiffe durch das i9. Jahrhundert entwickeln. Wir sehen aber auch, wie im Gefolge davon der Mensch arbeiten muß, zuweilen eine Arbeitszeit hindurch, die zweifellos alles Menschenmögliche übersteigt. Wir wissen, daß nicht bloß Erwachsene im Laufe des 19. Jahrhunderts in den Industrien Englands gehalten worden sind in zwölf-, sechzehn-, achtzehn- und zwanzigstündiger Arbeitszeit, ja zuweilen noch länger. Die Menschen, die nicht unmittelbar berührt werden, wissen nur nichts von diesen Dingen. Wir wissen auch, daß Kinder im zartesten Alter in einer schier unglaublichen Weise in Fabriken beschäftigt worden sind. Wir wissen, wie die Menschen blind geworden sind gegen das Unmögliche einer solchen Sache.
[ 4 ] But there is a particular aspect to the practice of daily life. Let us discuss this topic today, precisely to show that spiritual science has real significance only when it is capable of addressing practical questions of life. In doing so, we ask ourselves: What should we focus our attention on when discussing the social question? — It is undeniable that the social question exists; appearances alone can convince us of this, and these appearances convince anyone who engages with life in the most compelling way. We could point out that, with the flourishing of our industry—especially in England—social conditions of the most appalling kind have arisen. For those who sought to make industry fruitful for what they called their world, the sole question was: What is the cheapest way to produce labor? — And there we see those excesses that have often been described, how industry casts deep shadows alongside its bright light, and how the blessings of our machines, railroads, and steamships developed throughout the 19th century. But we also see how, as a result, people are forced to work, sometimes for shifts that undoubtedly exceed all human limits. We know that, throughout the 19th century, it was not only adults who were made to work twelve-, sixteen-, eighteen-, and twenty-hour shifts in England’s factories—and sometimes even longer. People who are not directly affected simply know nothing of these things. We also know that children of the tenderest age were employed in factories in a manner that is almost unbelievable. We know how people have become blind to the impossibility of such a thing.
[ 5 ] Wir brauchen nur auf eine Tatsache hinzudeuten, auf die Tatsache, daß einmal in einem Parlament die Rede davon war, ob es nicht unerhört sei, daß Kinder achtzehn bis neunzehn Stunden, wie es der Fall war, in der Industrie beschäftigt werden und ein Arzt sich dagegen wandte damit, daß das unter Umständen eben nicht anders möglich sei! Und als man den Herrn fragte, ob er denn eine Arbeitszeit von vierundzwanzig Stunden nicht für etwas Unmögliches ansehen würde, da sagte der Mann: Ich habe mich durch tiefe Gründe überzeugt, daß die Gemeinplätze, die in solchen Dingen geredet werden, durchaus nicht immer ernst genommen werden dürfen, und ich bin nicht in der Lage, irgendeine Arbeitszeit anzugeben unterhalb vierundzwanzig Stunden, die irgendwie als der Gesundheit unzuträglich bezeichnet werden könnte. — Eine solche Sache charakterisiert viel mehr als die Tatsache selbst die Lage, in welche die Menschheit gebracht worden ist durch das, was für sie zu gleicher Zeit ein solcher Segen ist. Und wer hätte denn im Leben nicht selbst erfahren, wenn er die Augen aufzumachen versteht, wie zuweilen tatsächlich Menschen im zartesten Kindesalter, wenn sie zur Schule geschickt werden, nichts lernen können, wie alles von den Bestrebungen und Idealen, sie zu Menschen zu machen, nichts fruchtet, weil sie infolge der sozialen Not nicht ausgerüstet sind mit jenen Kräften, die einigermaßen hinreichend wirken zu einem menschenwürdigen Dasein.
[ 5 ] We need only point to one fact: the fact that there was once a debate in parliament about whether it was outrageous for children to work eighteen to nineteen hours a day—as was the case—in industry, and a doctor objected, arguing that under certain circumstances there was simply no other option! And when the gentleman was asked whether he would not consider a twenty-four-hour workday to be impossible, the man replied: “I am convinced, for profound reasons, that the platitudes spoken in such matters must by no means always be taken seriously, and I am not in a position to specify any working hours below twenty-four hours that could in any way be described as detrimental to health.” — Such a statement characterizes, far more than the fact itself, the situation into which humanity has been brought by what is at the same time such a blessing for it. And who among us has not experienced in life—if one knows how to open one’s eyes—how, at times, even children at the tenderest age, when they are sent to school, are unable to learn anything, and how all the efforts and ideals aimed at making them into human beings bear no fruit, because, as a result of social hardship, they are not equipped with the strengths necessary to lead a life worthy of human dignity.
[ 6 ] Es ist nicht möglich, die soziale Not zu schildern, in die vielfach die Menschheit gebracht worden ist; das würde eine zu große Zahl von Bildern aufzurollen nötig machen. Wir brauchen aber nur das, was gesagt ist, zu benutzen für anderes, nur das, was Sie gesehen haben, als Empfindungsgehalt in uns aufsteigen zu lassen, und wir werden nicht mehr leugnen können, daß eines sicher ist: Die großen Fortschritte des menschlichen Geistes, jene gewaltigen Fortschritte, welche die Maschinen und so weiter konstruiert haben, welche unsere ganze Erde umsponnen haben mit einem Verkehrsnetz sondergleichen, diese Entwickelung des menschlichen Geistes hat nicht, gar nicht Schritt gehalten mit einem andern Nachdenken, mit dem Nachdenken darüber, welches die bestmöglichste Art des menschlichen Zusammenlebens ist. Niemand würde heute glauben, daß eine Maschine sich von selber konstruiere, daß keine Verstandeskraft, keine Geisteskraft angewendet werden muß, um die Maschine ins Leben zu rufen und ein Verkehrssystem zu schaffen. Aber wie viele sind heute, die, wenn sie es auch nicht zugeben, in ihrem innersten Gefühle der Anschauung, daß das menschliche Zusammenleben sich ganz von selber machen müßte, daß nicht Geisteskraft dazu gehört, um in dieses Getriebe ebenso einzugreifen, wie man in das Getriebe einer Fabrik eingreift.
[ 6 ] It is impossible to describe the social distress into which humanity has often been plunged; that would require recounting far too many images. But we need only use what has been said for other purposes, only allow what you have seen to rise within us as a source of feeling, and we will no longer be able to deny that one thing is certain: The great advances of the human mind—those tremendous advances that have led to the invention of machines and so on, that have woven our entire Earth into an unparalleled network of transportation—this development of the human mind has not, not at all, kept pace with another line of thought: the reflection on what constitutes the best possible form of human coexistence. No one today would believe that a machine constructs itself, that no intellectual power, no mental power, needs to be applied to bring the machine to life and create a transportation system. But how many people today—even if they do not admit it—hold, in their innermost convictions, the view that human coexistence should take care of itself, that no intellectual effort is required to intervene in this machinery, just as one intervenes in the machinery of a factory.
[ 7 ] Zwar braucht man nicht so weit zu gehen, wie ein großer Naturforscher des 19. Jahrhunderts, der da gesagt hat: Oh, die Menschheit hat im Wissen und Verstehen der Welt Fortschritte ungeheuerlichster Art gemacht, aber in bezug auf Moral ist die Menschheit nicht einen Schritt weitergekommen! — Man braucht nicht so weit zu gehen, aber das, was eben gesagt worden ist, daß die wenigsten Menschen, die nicht unmittelbar vom sozialen Elend berührt werden, heute die Notwendigkeit empfinden, sich mit der sozialen Frage zu befassen, ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache.
[ 7 ] Admittedly, one need not go as far as a great 19th-century naturalist who said: “Oh, humanity has made tremendous progress in its knowledge and understanding of the world, but in terms of morality, humanity has not advanced a single step!” — One need not go that far, but what has just been said—that very few people who are not directly affected by social misery feel the need today to address social issues—is an undeniable fact.
[ 8 ] Wenn wir aber zu denjenigen hinschauen, die sich entweder mit der sozialen Frage befassen oder sich mit ihr befassen sollten, wie sieht es denn da aus? Da gibt es zum Beispiel ein vor nicht langer Zeit erschienenes Buch vom Regierungsrat Kolb: «Als Arbeiter in Amerika». Der Mann hat mit ungeheurer Selbstlosigkeit, mit einer wirklichen Hingabe eine Zeitlang sich herausgeschält aus seinem Bürokratenamt und ist nach Amerika gegangen. Um das soziale Leben kennenzulernen, hat er in einer Fahrradfabrik schwer gearbeitet. Ich muß vorausschicken — damit ich nicht etwa der Gefahr ausgesetzt werden könnte, daß man mir in die Schuhe schiebt, ich werde ungerecht in der Beurteilung —, daß diese Tat des Mannes eine außerordentlich anerkennenswerte ist, daß sie nicht hoch genug geschätzt werden kann. Aber schauen wir uns jetzt eine einzige Außerung dieses Buches an. Da steht ein Satz in diesem Buche, charakteristisch genug, der heißt: «Wie oft hatte ich früher, wenn ich einen gesunden Mann betteln sah, mit moralischer Entrüstung gefragt: warum arbeitet der Lump nicht? — Jetzt wußte ich’s.» So sagt der betreffende Regierungsrat. «In der Theorie», fügt er hinzu, «sieht sich’s eben anders an als in der Praxis, und selbst mit den unerfreulichsten Kategorien der Nationalökonomie hantiert sich’s am Studiertisch noch ganz erträglich.»
[ 8 ] But if we look at those who either deal with the social question or should be dealing with it, what is the situation there? For example, there is a book published not long ago by State Councilor Kolb: *As a Worker in America*. With tremendous selflessness and genuine dedication, this man temporarily stepped away from his bureaucratic post and went to America. To gain insight into social life, he worked hard in a bicycle factory. I must preface this—so that I do not run the risk of being accused of making an unfair judgment—by saying that this man’s act is extraordinarily commendable and cannot be praised highly enough. But let us now look at a single statement from this book. There is a sentence in this book, characteristic enough, that reads: “How often in the past, when I saw a healthy man begging, had I asked with moral indignation: Why isn’t that scoundrel working? — Now I knew.” So says the government councilor in question. “In theory,” he adds, “things look different than they do in practice, and even the most unpleasant categories of political economy are still quite bearable when dealt with at a desk.”
[ 9 ] Nun, man möchte sagen, eine ganze Welt von Menschenempfindungen und Menschenwirken spricht aus solchem Satze. Wir haben einen Mann vor uns, der es zu einer solchen Stellung gebracht hat, die man äußerlich als Regierungsrat bezeichnet. Der verrät, daß er das Leben so wenig gekannt hat, daß er jeden, der nicht arbeitete, als Lump bezeichnete, daß er sich erst hat aus seinem Amt herausschälen müssen und weit weg nach Amerika gehen, um das Leben, für das er Rat erteilen sollte, auf das sich seine Handlungen bezogen, kennenzulernen. Man kann also studieren, es zu einem hervorragenden Platz bringen und kann solches nötig haben! Man hat nicht Augen, um nach links und rechts zu sehen, man weiß nichts vom Leben. Das ist möglich!
[ 9 ] Well, one might say that such a statement speaks volumes about human feelings and human actions. We have before us a man who has risen to a position that is outwardly referred to as a government councilor. He reveals that he knew so little about life that he labeled anyone who didn’t work a scoundrel, that he first had to extricate himself from his office and go far away to America to get to know the very life for which he was supposed to offer advice—the life to which his actions pertained. So one can study, rise to a prominent position, and still be in such need! One lacks the eyes to look left and right; one knows nothing of life. That is possible!
[ 10 ] Wenn wir solches gewahr werden, dann dürfen wir die Frage aufwerfen, ob es denn nicht sein könnte, daß es in gewissen Dingen aus dem Grunde so arg steht, weil mancher, auf den es ankommt, es verschmäht, mit dem Leben bekanntzuwerden. Es wird viel geredet heute von allerlei Verbesserungen, Vorschlägen und Dingen, die eingerichtet werden sollen. Sie müssen von Menschen eingerichtet werden. Sollte nicht ein wenig Unterschied sein zwischen Dingen, die von Menschen eingerichtet sind, die vom Leben etwas verstehen, und von Menschen, die in einer solch grandiosen Weise zugeben, daß sie nichts verstehen? Was nützt alles Reden, wenn man nicht einsieht, daß es darauf ankommt, wer darüber redet und ob der, der darüber redet, etwas weiß. Wieviel könnte dann von dem, was durch das Leben schwirrt, vielleicht ganz leeres Geschwätz sein und wieviel könnte von dem, was leeres Geschwätz ist, gar in Wirklichkeit umgesetzt werden und Leben gewinnen? — Die Frage ist wohl berechtigt. Derjenigen aber, welche heute nachdenken über die soziale Frage, gibt es viele; viel zu viele, wenn wir die Frage ernster ins Auge fassen, wenn wir ins Auge fassen, was notwendig ist, um etwas von dieser Frage wirklich Nützliches zu verstehen. Es gibt heute eine ganze Reihe von Leuten, die sagen: In dem Augenblick, wo die Verhältnisse besser werden, wo die Verhältnisse geändert werden, da wird auch das Leben der Menschen und ihre Lage besser sein. — Wir wissen, daß vor allen Dingen die vielleicht verbreitetste, umfassendste soziale Theorie in der Gegenwart, der Sozialismus selber, sich auch auf diesen Standpunkt stellt. Wir wissen, daß er immer betont: Ach, kommt uns nicht mit allerlei Vorschlägen, wie die Menschen besser werden sollen, wie die Menschen sich verhalten sollen! Kommt uns nicht mit allerlei sittlichen Forderungen! Worauf es ankommt, ist lediglich — das betonen sie — die Zustände zu verbessern.
[ 10 ] When we become aware of such things, we may ask whether it might not be the case that the situation is so dire in certain areas precisely because some of those whose actions matter refuse to engage with life. There is a lot of talk today about all kinds of improvements, proposals, and things that are to be put in place. They must be put in place by people. Shouldn’t there be a slight difference between things put in place by people who understand something about life and those put in place by people who admit in such a grandiose way that they understand nothing? What good is all this talk if one fails to realize that what matters is who is speaking and whether the speaker actually knows anything? How much of what swirls through life might then be nothing but empty chatter, and how much of what is empty chatter could actually be put into practice and come to life? — The question is certainly valid. But there are many today who reflect on the social question—far too many, if we take the issue more seriously, if we consider what is necessary to truly understand something useful about this issue. There are a whole host of people today who say: The moment conditions improve, the moment conditions are changed, people’s lives and circumstances will also improve. — We know that, above all, perhaps the most widespread and comprehensive social theory of our time—socialism itself—also takes this position. We know that it always emphasizes: “Oh, don’t come to us with all sorts of suggestions about how people should improve themselves, how people should behave! Don’t come to us with all sorts of moral demands! What matters, they stress, is simply improving conditions.”
[ 11 ] Symptomatisch kann einem das entgegentreten an einem solchen Weltverbesserer,der an verschiedenenOrtenDeutschlands mit seinen sozialen Theorien auftritt, der immer erzählt: Ja, da behaupten die Leute, daß die Menschen erst besser werden müßten, wenn die Zustände besser werden sollen. Aber, sagt er, alles hängt davon ab, daß die Menschheit in die richtigen Zustände hineinversetzt werde. — Und er erzählt auch, wie man da und dort einmal die Wirtshäuser eingeschränkt hat und wie dann tatsächlich in einem solchen Orte weniger Betrunkene waren, und es dadurch einer Anzahl von Leuten besser gegangen sei. Er predigt dann dem Arbeiter, daß Menschenliebe, gegenseitige Brüderlichkeit leere Phrase sei. Alles käme darauf an, solche Arbeits- und Lebensbedingungen herbeizuführen, daß ein jeglicher seine auskömmliche Existenz habe, dann würde auch der moralische Zustand über die Erde schon von selber kommen.
[ 11 ] This is symptomatic of a certain do-gooder who travels to various places in Germany promoting his social theories, always saying: “Yes, people claim that human beings must first become better if conditions are to improve.” But, he says, everything depends on humanity being placed in the right circumstances. — And he also recounts how taverns were once restricted in certain places and how, as a result, there were indeed fewer drunkards in such places, and how this led to a better life for a number of people. He then preaches to the workers that love of humanity and mutual brotherhood are empty phrases. Everything, he argues, depends on creating working and living conditions in which everyone has a sufficient livelihood; then moral conditions across the earth would follow naturally.
[ 12 ] Nun, Sie wissen ja, daß der Sozialismus in der Ausgestaltung einer solchen Anschauung weitgehend ist. Das ist nichts anderes als eine Folge des Materialismus in unserer Zeit, des Materialismus, der nicht, wie die Geisteswissenschaft, in das Innere des Menschen zu blicken vermag und zu erkennen vermag, daß alles, was an Zuständen, insofern es für die soziale Ordnung in Betracht kommt, von Menschen geschaffen ist, die Folge ist von Menschengedanken und Menschenempfindungen, sondern der glaubt, daß der Mensch ein Produkt der äußeren Verhältnisse sei. Dieser Glaube ist im höchsten Grade lähmend für die gedeihliche Betrachtung des sozialen Lebens. Er ist lähmend, und wir wollen nicht irgendeinen theoretischen Beweis heute dafür anführen, sondern wir wollen einen geschichtlichen Beleg beibringen.
[ 12 ] Well, as you know, socialism is largely shaped by such a worldview. This is nothing other than a consequence of the materialism of our time—a materialism that, unlike spiritual science, is unable to look into the inner being of the human being and recognize that all social conditions, insofar as they are relevant to the social order, are created by human beings and are the result of human thoughts and feelings; rather, it believes that the human being is a product of external circumstances. This belief is extremely paralyzing for a fruitful consideration of social life. It is paralyzing, and we do not wish to present any theoretical proof of this today, but rather to provide historical evidence.
[ 13 ] Wenn zu einem sozialen Reformer irgend jemand geeignet war, so war es um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert Robert Owen. Er hatte zweierlei Tugenden, die ihn befähigten, von seinem Gesichtspunkte aus in das soziale Leben einzugreifen: einen offenen Blick für den industriellen Fortschritt und für die Schäden, für Menschenwohl und Menschenglück, die dieser Fortschritt bringt. Einen offenen Blick und ein offenes Herz hatte er für menschliches Leid, und auf der andern Seite hatte er einen guten Willen und Initiative, um wenigstens einer Anzahl von Menschen ein würdiges Dasein zu verschaffen. Er lebte zunächst in einer materialistischen Zeit und war deshalb zunächst, wie so viele, abhängig von der Theorie, daß man nur entsprechende Zustände herbeizuführen brauchte, um darinnen eine gründlich moralische Menschheit zu entwickeln. Und so begründete er eine kleine Kolonie in Amerika, die in jeder Beziehung musterhaft genannt werden dürfte, wenn die Voraussetzung richtig gewesen wäre. Er hatte den Leuten ein menschenwürdiges Dasein durch äußere Einrichtungen garantiert. Er hatte unter arbeitsamen und strebsamen Leuten Verkommene, die durch das Beispiel der ersteren angeregt werden sollten, ordentliche Menschen zu werden. Dadurch gestaltete sich eine Musterwirtschaft heraus, die wiederum ihrem Urheber den Gedanken eingab, dasselbe in größerem Maßstabe zu versuchen. Es kam dann die zweite Kolonie, die ebenso praktisch und menschenfreundlich gestaltet war. Aber er, der nicht nur die Theorie aufgestellt hatte, daß die Anderung der Zustände die Verbesserung des Menschenloses herbeiführen müsse, er mußte die Enttäuschung erleben, die wir durch seine eigenen Worte charakterisieren. Dadurch, daß die Menschen nicht reif waren für die Zustände, schrieb er nieder: Was hilft alle Verbesserung der Zustände, wenn nicht vorher die allgemeine Sitte, das allgemeine Wissen gehoben wird? Zuerst kommt es darauf an, dem Menschen in seinem Inneren Aufklärung zu geben, vor allem über seine Seelenkräfte; dann ist erst daran zu denken, daß die soziale Frage einigermaßen würdig ihrer Lösung entgegengehen wird.
[ 13 ] If anyone was suited to be a social reformer, it was Robert Owen at the turn of the 18th to the 19th century. He possessed two virtues that enabled him to intervene in social life from his own perspective: an open-minded view of industrial progress and the harms it brings, as well as of human well-being and happiness. He had an open mind and an open heart toward human suffering, and on the other hand, he possessed the goodwill and initiative to secure a dignified existence for at least a number of people. He initially lived in a materialistic age and was therefore, like so many others, initially dependent on the theory that one need only bring about the appropriate conditions to foster a thoroughly moral humanity within them. And so he founded a small colony in America that could have been called exemplary in every respect, had the premise been correct. He had guaranteed the people a dignified existence through external arrangements. Among hardworking and ambitious people, he had those who had fallen on hard times, who were to be inspired by the example of the former to become decent people. This gave rise to a model economy, which in turn prompted its founder to attempt the same on a larger scale. Then came the second colony, which was organized in an equally practical and philanthropic manner. But he—who had not only formulated the theory that changing conditions must bring about an improvement in human circumstances—had to experience the disappointment that we can characterize through his own words. Because people were not ready for those conditions, he wrote: “What good is all improvement in conditions if general morals and general knowledge are not first raised?” First and foremost, it is essential to enlighten people from within, especially regarding the powers of their souls; only then can we hope that the social question will move toward a solution that is somewhat worthy of the name.
[ 14 ] So urteilt ein Praktiker, kein Theoretiker, und es ist in gewisser Beziehung charakteristisch dafür, wie wenig die Menschheit aus Tatsachen lernt, daß trotz dieser Enttäuschung immer wieder dieselben Theorien behauptet werden. Aber wer ein klein wenig tiefer in die Seelen der Menschen unserer Zeit zu sehen vermag, der wird wissen, daß eine solche Einzelerscheinung zusammenhängt mit der Entwickelung der Menschenseelen in der Gegenwart überhaupt. Ob es der eine oder andere zugesteht, es ist die Grundüberzeugung, daß heute alles gemacht werden kann, wenn man die äußeren Verhältnisse ändert, und bei Schäden, die die Menschheit bedrohen, schnell durch ein Gesetz Abhilfe schafft. Das sind so die Grundüberzeugungen in unserer Zeit. Und wenn wir zum Beispiel immer wieder sehen, daß Gesetze damit motiviert werden, daß man sagt: Die unerfahrene Menschheit darf nicht ausgeliefert werden diesen oder jenen Leuten —, dann merkt man gar nicht, daß man eine ganz andere Aufgabe hätte, als Gesetze zu machen, daß man die unerfahrene Menschheit belehren sollte, so daß sie selbstbestimmend sein könnte für ihre Taten.
[ 14 ] This is the judgment of a practitioner, not a theorist, and it is, in a certain sense, characteristic of how little humanity learns from facts—that despite this disappointment, the same theories are asserted time and again. But anyone who is able to look even a little deeper into the souls of the people of our time will know that such an isolated phenomenon is connected to the development of human souls in the present day as a whole. Whether one admits it or not, the fundamental conviction is that today anything can be achieved by changing external circumstances, and that harm threatening humanity can be quickly remedied by passing a law. These are the fundamental convictions of our time. And when, for example, we see time and again that laws are justified by the argument that “inexperienced humanity must not be left at the mercy of this or that group of people”—then we fail to realize that we have a completely different task than simply making laws; namely, that we should educate inexperienced humanity so that it can act with self-determination.
[ 15 ] Man lenkt nicht leicht den Blick von den Zuständen auf die Menschen. Dies ist aber die Aufgabe der Geisteswissenschaft. Sie lenkt ganz ab von den Zuständen und ganz und gar hin auf die Menschen. Fragen wir uns in bezug auf alle Dinge, die als Zustände und Verhältnisse um uns herum sind: Woher kommen diese Verhältnisse und diese Zustände? — Insofern sie nicht von der Natur verhängt sind, sind sie Ergebnisse des menschlichen Empfindens und Denkens. Das, was heute Zustände sind, waren Gedanken und Willensimpulse von Menschen, die vorher gelebt haben. Und die Verhältnisse sind so, weil Menschen sie so gemacht haben. Wollen wir bessere Zustände machen, dann müssen wir vor allenDingen mehr lernen, müssen bessere Gedanken und Empfindungen und Willensimpulse entwickeln. Wenn wir aber Umschau halten im Umkreise der Sozialtheoretiker, selbst der radikalsten, meinetwegen der Sozialdemokratie, dann sind diese Theorien zumeist gar nicht irgendwie hinausgehend über dasjenige, was die Menschen schon immer gedacht haben. Sie sind denselben Gedanken und Impulsen entsprungen, denen unsere Verhältnisse entsprungen sind und die zu unserer Lage geführt haben. Wir müssen imstande sein, Menschen zu haben, die das Leben kennen und wissen, um was es sich bei den Kräften, die hinter dem Leben stehen, handelt. Was hat Robert Owen gefehlt? Er mußte es selbst zugeben: Menschenkenntnis! — Man lernt niemals den Menschen kennen, wenn man eine Weltanschauung, die nur auf das Außere sich richtet, aufstellt. Sobald der materialistisch getrübte Blick, der sich nur auf den äußeren Menschen richtet, sobald der Mensch nicht weiß, was hinter dieser physischen Körperlichkeit sich verbirgt, und er dadurch nicht die Fähigkeit erlangt, sozusagen hinter die Kulissen zu schauen, ist er gar nicht imstande, wirklich nicht imstande, irgend etwas über die Kräfte zu verstehen, die das Leben lenken und leiten. Das ist aber gerade die Aufgabe der Geist-Erkenntnis. Zugegeben mag werden, daß sie ihre Aufgabe heute nicht überall im richtigen Maße erfüllt; zugegeben muß werden, daß innerhalb der sie suchenden Kreise mit den höchsten Fragen des Daseins vielfach gespielt wird. Darauf kommt es nicht an, sondern darauf, was die Geist-Erforschung uns sein kann. Und sie kann nicht nur etwas sein, was uns lehrt, was uns Dogmen gibt, sondern sie kann sein eine mächtige Erziehung unserer innersten Seelenkräfte. Das ist das Beste, was man aus der GeistErkenntnis gewinnen kann, wenn wir die geisteswissenschaftliche Weltanschauung von dem Gesichtspunkt aus betrachten, zu was sie die Menschen machen kann. Dann stellt sich das Bild so dar.
[ 15 ] It is not easy to shift one’s focus from circumstances to people. Yet this is the task of the science of the spirit. It shifts our focus entirely away from circumstances and entirely toward people. Let us ask ourselves, with regard to all the things around us that are circumstances and conditions: Where do these conditions and circumstances come from? — Insofar as they are not imposed by nature, they are the results of human feeling and thinking. What are conditions today were once thoughts and impulses of will from people who lived before us. And circumstances are the way they are because people have made them that way. If we want to create better conditions, then above all we must learn more; we must develop better thoughts, feelings, and impulses of will. But if we look around at social theorists—even the most radical ones, say, those of social democracy—we find that these theories, for the most part, do not go beyond what people have always thought. They spring from the same thoughts and impulses that gave rise to our circumstances and led to our current situation. We must be able to have people who know life and understand what the forces behind life are all about. What was Robert Owen lacking? He had to admit it himself: knowledge of human nature! — One never comes to know human beings if one adopts a worldview that focuses solely on the external. As soon as one’s view is clouded by materialism and focused solely on the outer human being—as soon as one does not know what lies hidden behind this physical form, and thereby fails to acquire the ability, so to speak, to look behind the scenes—one is utterly incapable, truly incapable, of understanding anything about the forces that direct and guide life. But that is precisely the task of spiritual knowledge. It may be admitted that today it does not fulfill its task to the proper extent everywhere; it must be admitted that within the circles seeking it, the highest questions of existence are often treated lightly. That is not what matters, but rather what spiritual research can be for us. And it can be more than just something that teaches us or provides us with dogmas; it can be a powerful education of our innermost soul forces. This is the greatest benefit one can gain from spiritual knowledge when we view the spiritual-scientific worldview from the perspective of what it can make of human beings. Then the picture presents itself as follows:
[ 16 ] Wir haben hier sprechen können von Anschauungen, welche die Geistesforschung über die mannigfachsten Gebiete des Lebens hat. Wir haben von ihren Lehren über dieses und jenes sprechen können. Davon soll aber nicht die Rede sein. Derjenige, der sich bekanntmacht mit der Geisteswissenschaft, wird aber eines merken: in bezug auf einen wichtigen Punkt unterscheidet sie sich von allem, was sonst heute Theorie ist. Und das ist wichtig. Heute wird der Mensch nämlich in den meisten Fällen recht bald fertig, wenn er sich eine Weltanschauung bilden soll, und am liebsten ist es ihm, wenn er möglichst bald ein abgerundetes Weltenbild haben kann. Für Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß manch einer Materialist oft nur aus dem einzigen Grunde ist, weil er mit seinen Gedanken gar nicht weit geht, weil er kurz denkt. Und der Materialismus macht es seinen Anhängern leicht, sehr leicht. Man kann den Aufbau der Welt aus rein materiellen Tatsachen leicht überschauen und einsehen, besonders wenn noch mit Lichtbildern illustriert wird, wie sich der Mensch entwickelt hat. Man braucht nur hinzustarren und kann aus den im gewöhnlichen Leben gewohnten Vorstellungen den ganzen Gang der Weltenentwicklung verfolgen. Es ist leicht, alldem zu folgen, was die Materialisten sagen über die Weltenrätsel, weil die Gedanken sich nicht verstricken, weil keine besonderen Anforderungen gestellt werden.
[ 16 ] We have been able to speak here about the perspectives that spiritual science holds on the most diverse areas of life. We have been able to speak about its teachings on this and that. But that is not what we are here to discuss. Anyone who familiarizes themselves with spiritual science, however, will notice one thing: in one important respect, it differs from everything else that is considered theory today. And that is important. For today, in most cases, people are quite quick to form a worldview, and they prefer to have a well-rounded picture of the world as soon as possible. To those familiar with the situation, it is clear that many a materialist is often a materialist for no other reason than that they do not think deeply enough—that their thinking is superficial. And materialism makes it easy—very easy—for its adherents. One can easily grasp the structure of the world from purely material facts, especially when photographs are used to illustrate how humanity has developed. One need only stare at them and can trace the entire course of the world’s development from the concepts familiar in everyday life. It is easy to follow everything the materialists say about the mysteries of the world, because one’s thoughts do not become entangled, and because no special demands are made.
[ 17 ] So leicht ist bei der Geisteswissenschaft die Sache nicht. Sie macht es den Menschen nicht leicht, denn sie geht von der wirklichen und wahren Voraussetzung aus, daß die Welt in ihren Geheimnissen tief ist und daß man sich anstrengen muß, tief hineinschürfen muß in den Grund der Dinge, wenn man die Welt verstehen will. Und so ist dasjenige, was die Geistesforschung über Menschenwerden und -wesen, über Weltenwerden und -wesen zu sagen hat, etwas, was die Gedanken in die mannigfaltigsten Verschlingungen bringt, was manchmal in Kleinigkeiten zu vertiefen zwingt, manchmal zu den größten Ausblicken den Menschen führt. Aber es hat dies eine gewisse Folge, und über diese Folge darf man einmal offen sprechen. Es schult das Denken und es bereitet vor, da wo dieses komplizierte Menschenleben uns im einzelnen Fall entgegentritt, dieses Leben auch da zu verstehen. Manch einer wird sagen: Die Welten, die uns die Geisteswissenschaft beschreibt, haben mich ganz schwindlig gemacht. — Ja, ist das denn ein schlechtes Zeichen für die Geisteswissenschaft? Es wäre besser, wenn diese Betrachtungsweise den Menschen nicht schwindlig machte, sondern ihn kräftigte und stärkte, dann wäre er bereit, das Leben mit starken Seelenkräften aufzufassen. So sind aber die praktischen Vorstellungen über Welt und Leben: Wenn ein Mensch über die Weltenrätsel in kurzen Gedanken denkt, dann denkt er auch über die soziale Ordnung in kurzen Gedanken. Und so sehen wir, daß das, was heute von den berühmten Leuten über soziale Fragen gedacht wird, ein recht genaues Bild ist von dem, was uns als materialistisches Weltenbild geboten wird, unvermögend, in die Tiefen des Lebens einzudringen. Dabei hat ein jeder das unbestimmte Gefühl, daß das, was ihm Schwierigkeiten macht, irgendein phantastisches, traumhaftes Zeug ist, und daß die Geist-Erkenntnis etwas Phantastisches, Traumhaftes, mindestens recht idealistisches Zeug sein müßte, jedenfalls ungeeignet für wirklich echt praktische Lebenszwecke. Zwar hat Fichte vor mehr als hundert Jahren vor seinen Jenenser Studenten gesagt: Jene praktischen Leute, denen umfassende Ideen immer unpraktisch erscheinen, weil Ideen und Ideale im Leben nicht immer anwendbar sind, beweisen nur, daß im Schöpfungsplane nicht auf sie gerechnet worden ist. Möge eine gütige Vorsehung ihnen Sonnenschein, Nahrungsmittel und kluge Gedanken geben. — Fichte hat auch über das Unvermögen mancher Leute, die Geistigkeit des Ich vorzustellen, gesprochen: «Die meisten Menschen würden leichter dazu zu bringen sein, sich für ein Stück Lava im Monde als für ein Ich zu halten.» Aber es ist Lebensnotwendigkeit, sich das Ich vorzustellen.
[ 17 ] In spiritual science, things are not that simple. It does not make things easy for people, for it proceeds from the real and true premise that the world is profound in its mysteries and that one must make an effort, must delve deeply into the very core of things, if one wishes to understand the world. And so what spiritual research has to say about human becoming and human beings, about the becoming of worlds and the nature of worlds, is something that entangles the mind in the most manifold ways—sometimes forcing one to delve into minute details, sometimes leading one to the broadest of perspectives. But this has a certain consequence, and we may speak openly about this consequence for once. It trains the mind and prepares us to understand human life—even in its most complex manifestations—when we encounter it in specific cases. Some will say: “The worlds that spiritual science describes have made me feel quite dizzy.” — Yes, but is that really a bad sign for spiritual science? It would be better if this way of looking at things did not make people feel dizzy, but rather invigorated and strengthened them; then they would be ready to grasp life with strong spiritual powers. But this is how practical conceptions of the world and life work: When a person thinks about the mysteries of the world in superficial terms, they also think about the social order in superficial terms. And so we see that what famous people think today about social issues is a fairly accurate reflection of the materialistic worldview presented to us—one incapable of penetrating the depths of life. At the same time, everyone has the vague feeling that what causes them difficulty is some kind of fantastical, dreamlike nonsense, and that spiritual knowledge must be something fantastical, dreamlike—or at least quite idealistic—and in any case unsuitable for truly practical purposes in life. It is true that more than a hundred years ago, Fichte said to his students in Jena: “Those practical people to whom comprehensive ideas always seem impractical—because ideas and ideals are not always applicable in life—only prove that they were not accounted for in the plan of creation.” May a benevolent providence grant them sunshine, food, and wise thoughts. — Fichte also spoke of the inability of some people to conceive of the spiritual nature of the self: “Most people would find it easier to imagine themselves as a piece of lava on the moon than as a self.” But it is a necessity of life to conceive of the self.
[ 18 ] Wenn wir das Leben und die soziale Frage von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, dann müssen wir sagen, wir betrachten die Geisteswissenschaft als die große Schule des Lebens, die es unmöglich macht, daß man durch das Leben geht, eine gewisse Stellung erhält, sogar Rat, Berater im Leben wird, und nachher weit, weit fortgehen muß, um einmal auf Urlaub das Leben kennenzulernen, um nicht mehr davon überzeugt zu sein, daß jeder, der nicht arbeitet, ein Lump ist. So etwas wird durch die Geisteswissenschaft unmöglich.
[ 18 ] If we view life and the social question from this perspective, then we must say, we regard the humanities as the great school of life, which makes it impossible to go through life, attain a certain position—even become an advisor or counselor—and then have to go far, far away just to get a taste of life on leave, so as to no longer be convinced that anyone who does not work is a scoundrel. The humanities make such a thing impossible.
[ 19 ] Daher reden wir nicht bloß von einem spirituellen Standpunkt aus, von irgendwelchen Anschauungen im Verhältnis der Geisteswissenschaft zum Sozialismus, sondern wir reden von etwas anderem. Wir betrachten die Geisteswissenschaft als eine reale Sache, nicht nur als eine Summe von Dogmen, sondern als etwas, was Erkenntnis, Weisheit gibt, und zwar solche, die in jedem Augenblick einfließt in das unmittelbare Leben und uns die Augen öffnet, so daß wir diesem Leben gewachsen sind. So ist die Geist-Erkenntnis die allgemeine Grundlage für jegliches Urteil, ob wir auf dem Gebiet des sozialen Lebens oder dem der Pädagogik urteilen. Unser Urteil wird gesünder, weil es aus der wahren Menschennatur entspringt, wenn wir von geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgehen. Wir sagen, erst sei man durchdrungen von dem, was Geistesforschung zu geben vermag, dann kommt man selber zu einem richtigen Urteil. Es könnte jemand fragen: Wie denkt ein Anhänger der Geisteswissenschaft, in welcher Weise der oder jener Parlamentarier über eine Frage urteilen solle, wenn er seiner Ansicht nach falsch geurteilt hat? — Dies ist vom spirituellen Gesichtspunkte nicht richtig gefragt, sondern es muß gesagt werden: Es handelt sich gar nicht darum, zu sagen, wie der oder jener denken soll, sondern man ist überzeugt, daß er, wenn er durchdrungen ist von den Grundwahrheiten, ein klares Urteil haben wird auf jedem Posten. Wir schreiben ihm sein Urteil nicht vor, sondern er wird das richtige Urteil finden. In dieser Beziehung ist Geisteswissenschaft das freiheitlichste Lebensprinzip, das es geben kann. Sie dogmatisiert nicht, sondern sie stellt den Menschen vor die Möglichkeit, überall immer das eigene, gesunde freie Urteil zu haben.
[ 19 ] Therefore, we are not merely speaking from a spiritual standpoint, about some views regarding the relationship between spiritual science and socialism, but we are speaking of something else. We regard spiritual science as a real thing, not merely as a collection of dogmas, but as something that provides insight and wisdom—insight and wisdom that flow into our immediate lives at every moment and open our eyes, so that we are able to cope with this life. Thus, spiritual insight is the general foundation for every judgment, whether we are judging in the realm of social life or that of education. Our judgment becomes sounder—because it springs from true human nature—when we proceed from the perspectives of spiritual science. We say that one must first be imbued with what spiritual science has to offer; only then can one arrive at a correct judgment oneself. Someone might ask: How does a follower of spiritual science think that this or that member of parliament should judge a question if, in his view, the parliamentarian has judged it incorrectly? — From a spiritual point of view, this is not the right question to ask; rather, it must be said: It is not at all a matter of telling this or that person how to think, but rather we are convinced that, once they are imbued with the fundamental truths, they will form a clear judgment in any position. We do not dictate his judgment to him; rather, he will arrive at the correct judgment on his own. In this respect, spiritual science is the most liberating principle of life that can exist. It does not impose dogma, but rather offers people the opportunity to exercise their own sound and free judgment in every situation.
[ 20 ] Verhältnisse — davon sind wir ausgegangen — werden vielfach als dasjenige angesehen, was den Menschen anders machen könnte, und man denkt abstrakt nach, wie Verhältnisse geändert werden können. Die Geisteswissenschaft hat es einzig und allein zu tun mit der realen Menschenseele, mit Verhältnissen von Mensch zu Mensch. Nun würde es heute ganz unmöglich sein, auf einzelne konkrete Dinge in bezug auf die soziale Frage einzugehen. Es darf aber doch auf dies oder jenes hingewiesen werden, wollen wir die Bausteine finden, die uns den Weg weisen, da wo wir im Leben stehen, in richtiger Art einzugreifen. Denn an jedem von uns liegt es, einzugreifen. Wollen wir die Bausteine finden, dann fragen wir uns: Was ist denn eigentlich die Grundtatsache, gleichsam das Grundphänomen, von dem alies Elend, alles soziale Leid überhaupt in der Welt abhängen kann? — Diese Grundtatsache kann uns die Geist-Erkenntnis zeigen, indem sie uns vor eine, heute von der größten Zahl der Menschen gar nicht verstandene und gar nicht anerkannte Tatsache stellt. Diese Tatsache hängt zusammen mit einer Grunderscheinung aller Entwickelung. Man möchte sagen, trocken ausgesprochen, sie zeigt uns durch eine tiefere Lebensbetrachtung, daß Not, Leid und Elend nicht allein — und am allerwenigsten, wenn man auf den Grund geht — abhängt von äußeren Verhältnissen, sondern von einer gewissen Seelenverfassung und im Zusammenhang damit mit deren äußeren Wirkungen.
[ 20 ] Circumstances—as we have assumed—are often regarded as the very thing that could change human beings, and people reflect abstractly on how circumstances can be altered. The science of the spirit deals solely and exclusively with the real human soul and with relationships between human beings. Now, it would be quite impossible today to go into specific, concrete issues related to the social question. However, we may point out this or that if we wish to find the building blocks that will show us the way to intervene appropriately in our current life circumstances. For it is up to each of us to intervene. If we wish to find these building blocks, let us ask ourselves: What, in fact, is the fundamental fact—the fundamental phenomenon, so to speak—on which all misery, all social suffering in the world, may depend? — Spiritual knowledge can reveal this fundamental fact to us by presenting us with a reality that is today neither understood nor acknowledged by the vast majority of people. This fact is connected to a fundamental aspect of all development. To put it bluntly, it shows us—through a deeper contemplation of life—that hardship, suffering, and misery do not depend solely—and certainly not, when one gets to the root of the matter—on external circumstances, but rather on a certain state of mind and, in connection with this, on its external effects.
[ 21 ] Der Praktiker, der sich viel gescheiter dünkt, wird das lächerlich finden. Aber es ist das Praktischste im Leben, was man nur betonen kann. Es ist der Satz, von dem Sie sich mehr und mehr überzeugen werden, daß Not, Elend und Leid nichts anderes sind als eine Folge des Egoismus. Wie ein Naturgesetz haben wir diesen Satz aufzufassen, nicht so, daß etwa bei einem einzelnen Menschen, wenn er egoistisch ist, immer Not und Leid eintreten müssen, sondern daß das Leid — vielleicht an einem ganz andern Orte — doch mit diesem Egoismus zusammenhängt. Wie Ursache und Wirkung, hängt der Egoismus mit Not und Leid zusammen. Der Egoismus führt im Menschenleben, in der sozialen Menschenordnung, zum Kampf ums Dasein. Der Kampf ums Dasein ist der eigentliche Ausgangspunkt für Not und Leid, sofern sie sozial sind. Nun gibt es auf Grund unserer heutigen Denkweise eine Überzeugung, gegenüber welcher das, was jetzt behauptet ist, geradezu absurd erscheint. Warum? Weil man heute überzeugt ist, daß ein großer Teil, der weitaus größte Teil des menschlichen Lebens, auf Egoismus gebaut sein muß. Zwar mit Worten und Theorien will man es nicht zugeben, aber in der Praxis wird man es bald zugeben. Man gibt es in folgender Weise zu. Man sagt: Es ist ganz natürlich, daß der Mensch für seine Arbeit entlohnt wird, daß der Mensch den Ertrag seiner Arbeit persönlich erhält — und doch ist das nichts anderes als die Umsetzung des Egoismus in das nationalökonomische Leben. Wir leben unter Egoismus sobald wir dem Prinzip leben: Wir müßten persönlich entlohnt werden, was ich arbeite, muß mir bezahlt werden. — Die Wahrheit liegt von diesem Gedanken so weit ab, daß sie ganz unsinnig erscheint. Wer sich überzeugen will von der Wahrheit über den Egoismus, der müßte einmal intimer eingehen auf allerlei Weltengesetze. Er müßte sich einmal nachdenklich der Frage hingeben, ob denn die Arbeit, die als solche persönlich entlohnt wird, wirklich das Lebenerhaltende ist, ob es auf diese Arbeit ankommt? — Es ist sonderbar, diese Frage aufzuwerfen. Aber nicht eher, als man darüber nachdenken wird, wird man über die soziale Frage aufklären können.
[ 21 ] The practical person who thinks himself much wiser will find this ridiculous. But it is the most practical thing in life—one cannot emphasize this enough. It is the statement of which you will become increasingly convinced: that hardship, misery, and suffering are nothing other than a consequence of selfishness. We must understand this statement as a law of nature—not in the sense that hardship and suffering must always befall an individual simply because he is selfish, but rather that suffering—perhaps in a completely different place—is nonetheless connected to this selfishness. Like cause and effect, selfishness is linked to hardship and suffering. In human life, within the social order, selfishness leads to the struggle for existence. The struggle for existence is the actual starting point for hardship and suffering, insofar as they are social in nature. Now, based on our current way of thinking, there is a conviction in the face of which what has just been asserted seems downright absurd. Why? Because people today are convinced that a large part—by far the largest part—of human life must be built on selfishness. Although people do not want to admit this in words or theories, in practice they will soon admit it. They admit it in the following way. They say: It is perfectly natural that a person should be compensated for their work, that a person should personally receive the fruits of their labor—and yet this is nothing other than the application of selfishness to the life of the national economy. We live under the rule of selfishness as soon as we live by the principle: “We must be personally rewarded; what I work for must be paid to me.”—The truth is so far removed from this idea that it seems completely nonsensical. Anyone who wants to convince themselves of the truth about selfishness would have to take a closer look at all kinds of universal laws. They would have to thoughtfully consider the question of whether work, when personally rewarded as such, is truly what sustains life—whether this work is what really matters. — It is strange to raise this question. But only once we reflect on it will we be able to shed light on the social question.
[ 22 ] Denken Sie sich — es ist dies ein paradoxer Vergleich — einen Menschen auf eine Insel versetzt. Der sollte dort allein sich versorgen. Sie werden sagen: Er muß arbeiten! — Er muß aber nicht bloß arbeiten, das ist nicht das, worauf es ankommt, sondern es muß zu seiner Arbeit etwas hinzutreten. Und wenn die Arbeit bloß Arbeit ist, dann kann sie unter Umständen für sein Leben absolut nutzlos sein. Denken Sie einmal, der Mensch auf der Insel täte gar nichts, als vierzehn Tage lang Steine werfen. Das wäre eine anstrengende Arbeit, und nach gewöhnlichen menschlichen Begriffen könnte er damit recht viel Lohn verdienen. Dennoch steht diese Arbeit mit dem Leben nicht im geringsten Zusammenhang. Arbeit ist nur dann lebenfördernd und hat Wert, wenn etwas anderes hinzukommt. Wenn diese Arbeit auf das Bearbeiten der Erde geht und die Erde das Produkt gibt, dann hat Arbeit mit dem Leben etwas zu tun. Wir sehen sogar bei niedrigen Wesen, daß Arbeit getrennt ist von der Produktion. So sehen wir eine Möglichkeit, zu dem ungeheuer wichtigen Satze zu kommen, daß Arbeit als solche gar keine Bedeutung hat für das Leben, sondern nur diejenige, die weise geleitet ist. Durch von Menschen hineingelegte Weisheit ist dasjenige hervorzubringen und zu schaffen, was dem Menschen dient. Im Kleinsten nicht verstanden, sündigt das heutige soziale Denken gegen diesen Satz. Und es kommt nicht darauf an, daß irgend jemand schöne abstrakte Theorien ausdenkt, sondern der wirkliche Fortschritt hängt davon ab, daß jeder einzelne Mensch im sozialen Sinne denken lernt. Das heutige Denken ist vielfach unsozial. Unsozial ist es zum Beispiel, wenn jemand am Sonntagnachmittag draußen ist und sagt, angeregt durch Gelegenheit: Ich werde zwanzig Ansichtskarten schreiben, — Richtig ist es und sozial gedacht, zu wissen und zu empfinden, daß diese zwanzig Karten so und so viele Briefträger veranlassen, so und so viele Treppen zu steigen. Sozial gedacht ist es, zu wissen, daß jede Handlung, die man tut, im Leben eine Wirkung hat. Nun kommt aber jemand und sagt, er denke sozial insofern, als ihm klar sei, daß durch das Kartenschreiben mehr Briefträger angestellt werden müssen und Brot bekommen. — Das ist ebenso, wie wenn man bei einer Arbeitslosigkeit aussinnt, was man bauen will, um Arbeit zu schaffen. Aber es kommt nicht darauf an, Arbeit zu schaffen, sondern darauf, daß die Arbeit der Menschen einzig und allein verwendet wird, wertvolles Gut zu schaffen.
[ 22 ] Imagine—and this is a paradoxical comparison—a person stranded on an island. He would have to fend for himself there. You might say: He must work! — But he must not merely work; that is not what matters. Rather, something must be added to his work. And if work is merely work, then under certain circumstances it can be absolutely useless for his life. Imagine, for a moment, that the person on the island did nothing but throw stones for fourteen days. That would be strenuous work, and by ordinary human standards, he could earn quite a lot of wages from it. Nevertheless, this work has not the slightest connection to life. Work is life-sustaining and has value only when something else is added to it. If this work involves tilling the earth and the earth yields a product, then work has something to do with life. We see even among lower beings that work is separate from production. Thus, we see a way to arrive at the immensely important proposition that work as such has no significance for life, but only that which is wisely directed. Through the wisdom that humans bring to it, we must produce and create that which serves humanity. Failing to grasp this even in the smallest detail, today’s social thinking violates this principle. And it does not matter whether anyone devises beautiful abstract theories; rather, real progress depends on every single person learning to think in a social sense. Today’s thinking is often antisocial. It is antisocial, for example, when someone is out on a Sunday afternoon and says, prompted by the occasion: “I’m going to write twenty postcards”—It is correct and socially minded to know and feel that these twenty cards will cause so many mail carriers to climb so many flights of stairs. It is socially minded to know that every action one takes has an effect in life. Now, however, someone comes along and says that he thinks socially insofar as he realizes that writing postcards means more mail carriers will have to be hired and will earn a living. — This is just like when, in the face of unemployment, one ponders what to build in order to create jobs. But what matters is not creating jobs, but ensuring that people’s labor is used solely to create valuable goods.
[ 23 ] Wenn man dies bis in die letzten Konsequenzen durchgeht, dann kommt es einem nicht mehr so absonderlich vor, wenn der uralte Satz der Geisteswissenschaft ausgesprochen wird, der heute so unverständlich wie möglich klingt: In einem sozialen Zusammenleben muß der Antrieb zur Arbeit niemals in der eigenen Persönlichkeit des Menschen liegen, sondern einzig und allein in der Hingabe für das Ganze. — Das wird auch öfter betont, aber niemals so verstanden, daß man sich klar ist, daß Elend und Not davon kommen, daß der einzelne das, was er erarbeitet, für sich entlohnt haben will. Wahr ist es aber, daß wirklicher sozialer Fortschritt nur möglich ist, wenn ich dasjenige, was ich erarbeite, im Dienste der Gesamtheit tue, und wenn die Gesamtheit mir selbst dasjenige gibt, was ich nötig habe, wenn, mit andern Worten, das, was ich arbeite, nicht für mich selber dient. Von der Anerkennung dieses Satzes, daß einer das Erträgnis seiner Arbeit nicht in Form einer persönlichen Entlohnung haben will, hängt allein der soziale Fortschritt ab. Zu ganz andern Zielen führt jemand eine Unternehmung, der da weiß, daß er nichts für sich haben soll von dem, was er erarbeitet, sondern daß er der sozialen Gemeinschaft Arbeit schuldet, und daß, umgekehrt, er nichts für sich beanspruchen soll, sondern seine Existenz einzig auf das beschränkt, was ihm die soziale Gemeinschaft schenkt. So absurd dies heute für viele ist, so wahr ist es. Unser Leben steht heute unter dem entgegengesetzten Zeichen: in dem Zeichen, daß der Mensch immer mehr beanspruchen will, wie man sagt, den vollen Ertrag seiner Arbeit. Solange das Denken sich in dieser Richtung bewegen wird, so lange wird man in immer üblere Lagen hineinkommen.
[ 23 ] If one thinks this through to its ultimate consequences, it no longer seems so strange when the age-old statement of spiritual science is uttered—a statement that sounds as incomprehensible as possible today: In social life, the motivation to work must never lie in a person’s own personality, but solely in devotion to the whole. — This is often emphasized, but never understood in such a way that one realizes that misery and hardship arise from the individual wanting to be rewarded for what he or she has earned. It is true, however, that real social progress is possible only if I do what I earn in the service of the whole, and if the whole provides me with what I need—in other words, if what I earn does not serve my own interests. Social progress depends entirely on the recognition of this principle: that one should not seek the fruits of one’s labor in the form of personal compensation. Someone who knows that he is not to keep for himself anything he produces—but that he owes his labor to the social community—and that, conversely, he is not to claim anything for himself, but is to limit his existence solely to what the social community provides him, pursues entirely different goals in running an enterprise. As absurd as this may seem to many today, it is nonetheless true. Our lives today are marked by the opposite trend: the tendency for people to demand, as they say, the full fruits of their labor. As long as thinking continues in this direction, we will find ourselves in increasingly dire circumstances.
[ 24 ] Dieses unsoziale Denken verleitet dazu, alle Begriffe zu verschieben. Denken Sie einmal, wie innerhalb des weitverbreiteten Sozialismus von Ausbeutern und Ausgebeuteten die Rede ist. Wer ist vor dem klaren Denken Ausbeuter und wer ist der Ausgebeutete? Sehen wir den Menschen an, der für einen Hungerlohn ein Kleidungsstück arbeitet. Wer ist sein Ausbeuter? Es könnte von jenem die Rede sein, der das Kleidungsstück kauft und dafür einen ganz geringen Preis bezahlt. Kauft etwa nur der Reiche dieses Kleidungsstück? Kauft nicht derselbe Arbeiter, der über Ausbeutung klagt, dieses selbe billige Kleidungsstück? Und verlangt er nicht heute, innerhalb der sozialen Ordnung, daß es so billig wie möglich sein soll? Sehen Sie, wie die Handarbeiterin, die mit blutigen Fingern die Woche arbeitet, am Sonntag das Kleid für einen billigen Preis deshalb tragen kann, weil die Arbeitskraft eines andern Menschen ausgebeutet wird! Nichts hat das vor dem klaren Denken mit Reichtum oder Armut zu tun, sondern einzig und allein mit dem, was in unserer Welt unsere Vorstellung von Mensch zum Menschen ist. Nun könnte leicht jemand sagen: Wenn du forderst, daß des Menschen Existenz unabhängig sein soll von seiner Leistung, dann ist das Ideal am schönsten erfüllt beim Beamten. Der heutige Beamte ist unabhängig. Das Maß seiner Existenz ist nicht abhängig von dem Produkte, das er hervorbringt, sondern von dem, was man für seine Existenz für notwendig hält. — Gewiß, nur hat ein solcher Einwand wirklich seinen sehr großen Fehler. Es kommt darauf an, daß jeder einzelne in voller Freiheit imstande ist, dieses Prinzip zu respektieren und in das Leben umzusetzen. Nicht kommt es darauf an, daß dieses Prinzip durch allgemeine Gewalt durchgeführt wird. Es muß sich dieses Prinzip, das persönlich Erworbene und zu Erwerbende unabhängig zu machen von dem, was man für die Gesamtheit arbeitet, bis ins einzelne Menschenleben durchsetzen. Und wie setzt es sich durch?
[ 24 ] This antisocial way of thinking leads to a shifting of all concepts. Just think about how, within widespread socialist ideology, people speak of exploiters and the exploited. From a clear-headed perspective, who is the exploiter and who is the exploited? Let’s look at the person who works to make a piece of clothing for a pittance. Who is his exploiter? It could be the person who buys the garment and pays a very low price for it. Is it only the rich who buy this garment? Doesn’t the very same worker who complains about exploitation buy this same cheap garment? And doesn’t he demand today, within the social order, that it be as cheap as possible? See how the manual laborer, who works all week with bloody fingers, can wear that dress on Sunday for a cheap price precisely because another person’s labor is being exploited! In the light of clear thinking, this has nothing to do with wealth or poverty, but solely with what, in our world, constitutes our conception of human dignity. Now, one might easily say: If you demand that a person’s livelihood be independent of their performance, then this ideal is most beautifully fulfilled by the civil servant. Today’s civil servant is independent. The measure of their livelihood does not depend on the product they produce, but on what is deemed necessary for their livelihood. — Certainly, but such an objection actually has a very serious flaw. What matters is that every individual, in complete freedom, is capable of respecting this principle and putting it into practice in their life. It does not matter that this principle is enforced by general authority. This principle—that what is personally acquired and to be acquired must be made independent of what one does for the collective—must prevail in every individual’s life. And how does it prevail?
[ 25 ] Es gibt nur eines, wie es sich durchsetzen kann, eines, was dem sogenannten Praktiker recht unpraktisch erscheinen wird. Es muß Gründe geben, warum der Mensch doch arbeitet, und zwar recht fleißig arbeitet und hingebungsvoll, wenn nicht mehr der Eigennutz der Antrieb zu seiner Arbeit ist. Derjenige schafft in Wahrheit nichts Wirkliches in bezug auf das soziale Leben, der sich irgendeine Leistung patentieren 1äßt und damit zeigt, daß er den Eigennutz für das Bedeutsame im Leben hält. Jener aber schafft wirklich für das Leben, der durch seine Kräfte zu richtigen Leistungen lediglich durch Liebe geführt wird, durch Liebe zur ganzen Menschheit, der er gern und willig seine Arbeit gibt. So muß der Impuls zur Arbeit in etwas ganz anderem liegen als in der Entlohnung. Und das ist die Lösung der sozialen Frage: Trennung der Entlohnung von der Arbeit. Denn das ist eine Weltanschauung, die auf den Geist geht, um im Menschen solche Impulse zu erwecken, daß er nicht mehr sagt: Wenn nur meine Existenz gesichert ist, dann kann ich auch faul sein. — Daß er das nicht sagt, das kann nur durch eine auf den Geist gehende Weltanschauung erzielt werden. Aller Materialismus wird auf die Dauer einzig und allein zu dem Entgegengesetzten führen.
[ 25 ] There is only one way for this to prevail—one that will seem quite impractical to the so-called “practitioner.” There must be reasons why people still work—and indeed work quite diligently and devotedly—if self-interest is no longer the driving force behind their work. In truth, the person who has some achievement patented—and thereby demonstrates that he regards self-interest as what is significant in life—creates nothing of real value in terms of social life. But the person who is truly creating for life is the one who is guided in his efforts toward genuine achievements solely by love—love for all of humanity, to whom he gladly and willingly offers his work. Thus, the impulse to work must lie in something entirely different from remuneration. And that is the solution to the social question: the separation of remuneration from work. For this is a worldview that appeals to the spirit, awakening such impulses in human beings that they no longer say: “As long as my existence is secure, I can afford to be lazy.” — The only way to prevent people from saying this is through a worldview that appeals to the spirit. In the long run, all materialism will lead solely to the opposite.
[ 26 ] Nun könnte jemand sagen: Das ist ein schönes Pröbchen auf die soziale Frage; das ist recht niedlich! Haben wir das nicht immer gepredigt, könnte der eine sagen, daß die Menschen einmal egoistisch sind, und daß man auf ihren Egoismus rechnen müsse? Und da kommt jetzt die spirituelle Weltanschauung und sagt, das könne anders werden. — Nun, gewiß ist das immer gepredigt worden, daß das nicht anders sein konnte und man hat sich darauf etwas zugute getan und gesagt: Der ist wahrer Praktiker, der auf den menschlichen Egoismus rechnet. — Gewiß, aber hier kehrt sich leider im Denken der Menschen der Spieß nicht um. Denn diejenigen, die alles auf Verhältnisse schieben, die alles auf Einrichtungen schieben, die müssen doch wenigstens zugeben, daß, weil eben die Verhältnisse so waren, wie sie sich bis jetzt gestaltet haben, auch dieser Trieb und Impuls in den Menschen hineingekommen ist. Da aber wird das Denken zu kurz. Denn sonst müßten sie sagen: Ja, es wird unter allen Umständen dadurch eine ganz andere Umgebung geschaffen, wenn sich die Vorstellung einbürgert, daß es unanständig ist, alles auf persönlichen Eigennutz zu bauen. — Da wird der Materialismus inkonsequent selbst seinen eigenen Voraussetzungen gegenüber.
[ 26 ] Now someone might say: That’s a nice little example of the social question; it’s quite charming! Haven’t we always preached, one might say, that people are, after all, selfish, and that one must reckon with their selfishness? And now along comes the spiritual worldview and says that things could be different. — Well, it’s certainly always been preached that things couldn’t be any other way, and people have taken credit for that, saying: “He’s a true practitioner who counts on human selfishness.” — Certainly, but unfortunately, this does not reverse the situation in people’s thinking. For those who blame everything on circumstances, who blame everything on institutions, must at least admit that, precisely because circumstances have been the way they have been up to now, this drive and impulse have also taken root in people. But that line of thinking falls short. Otherwise, they would have to say: Yes, under all circumstances, a completely different environment is created when the idea takes hold that it is improper to base everything on personal self-interest. — Here, materialism becomes inconsistent even with its own premises.
[ 27 ] Wir müssen uns klarwerden, daß diejenigen Impulse, die durch die Geisteswissenschaft gegeben werden können, bisher niemals in der Menschheitsentwickelung zu geben versucht worden sind. Insofern ist sie eine neue Geistesbewegung, und sie wird die Kraft haben, bis ins Innerste der Seele zu wirken, weil sie bis ins Innerste der Welt geht. Nur eine Weltanschauung, die bis ins Innerste geht und dort die Wahrheit herholt, kann uns das wahre Antlitz der Welt zeigen. Es ist nimmer richtig, daß wir durch wahre Erkenntnis, wenn wir das wahre Antlitz der Welt sehen, schlecht werden können. Wahr ist es doch, daß das Schlechte im Menschen nur vom Irrtum, nur vom Irren kommen kann. Daher baut die Geisteswissenschaft aus der Erkenntnis der Menschennatur heraus darauf, daß durch sie erreicht werden wird dasjenige, worüber sich gerade der edle Owen so getäuscht hat. Er sagt: Es ist notwendig, daß die Menschen zuerst aufgeklärt werden, daß die Sitten verbessert werden. — Die Geist-Erkenntnis aber sagt: Die Betonung dieses Grundsatzes tut es nicht allein, sondern die Mittel müssen herbeigeschafft werden, wodurch die Seele veredelt werden kann. Denn wenn durch eine ins Geistige gehende Weltanschauung die Seelen veredelt und geschärft sind, dann werden die Zustände und äußeren Verhältnisse, die immerdar ein Spiegelbild sind dessen, was der Mensch denkt, nachfolgen. Nicht durch Verhältnisse werden die Menschen bestimmt, sondern, insofern die Verhältnisse soziale sind, werden diese Verhältnisse durch Menschen gemacht. Leidet der Mensch unter Verhältnissen, so leidet er in Wahrheit unter dem, was ihm seine Mitmenschen zufügen. Und alles Elend, das durch die industrielle Entwickelung gekommen ist — das muß der, der die Wahrheit sucht, zugeben —, das kam lediglich davon her, daß die Menschen dieselbe Kraft des Geistes, die sie angewendet haben auf den segensreichen äußeren Fortschritt, nicht für nötig befunden haben anzuwenden auf die Verbesserung des Loses derjenigen Menschen, die gebraucht werden zur Umgestaltung dieses Fortschrittes.
[ 27 ] We must realize that the impulses which can be provided by spiritual science have never before been attempted in the course of human development. In this respect, it is a new spiritual movement, and it will have the power to work into the very depths of the soul, because it reaches into the very depths of the world. Only a worldview that penetrates to the very core and draws the truth from there can show us the true face of the world. It is by no means true that true knowledge—when we see the true face of the world—can make us evil. It is true, after all, that evil in human beings can arise only from error, only from being led astray. Therefore, based on its understanding of human nature, spiritual science builds upon the conviction that through it we will attain precisely that which the noble Owen was so mistaken about. He says: It is necessary that people first be enlightened, that morals be improved. — Spiritual knowledge, however, says: Emphasizing this principle alone is not enough; rather, the means must be provided through which the soul can be ennobled. For when souls are ennobled and refined through a worldview that reaches into the spiritual, then the conditions and external circumstances—which are always a reflection of what human beings think—will follow. People are not determined by circumstances; rather, insofar as these circumstances are social, they are created by people. If a person suffers from circumstances, he is in truth suffering from what his fellow human beings inflict upon him. And all the misery that has come about through industrial development—as anyone seeking the truth must admit—stemmed solely from the fact that people did not deem it necessary to apply the very same spiritual power they had used for beneficial external progress to improving the lot of those people who are needed to reshape that progress.
[ 28 ] Was Sie auch studiert haben im äußeren Leben, studieren Sie ebenso emsig die Gesetze des menschlichen ZusammenJebens! Wenn aber Menschen zusammenleben, leben nicht bloß Körper, sondern auch Seelen, Geister zusammen. Daher kann nur die Geisteswissenschaft die Grundlage für irgendeine soziale Weltanschauung sein. Und so sehen wir, daß in der Tat dasjenige, was die Vertiefung des Geistes uns bietet, für jeden von uns das bringen kann, was uns befähigt, von unserem geringen Posten aus innerhalb unserer Sphäre mitzuwirken an dem großen sozialen Fortschritt. Denn dieser Fortschritt wird nicht durch eine abstrakte Maßregel erreicht werden, sondern ist eine Summe dessen, was die einzelne Seele macht. Und an die einzelne Seele geht einzig und allein eine Weltanschauung wie die der Geisteswissenschaft so heran, daß sie wirklich diese Seele über sich erhebt. Hat unser soziales Elend seinen Grund im persönlichen Eigennutz, in der Stellung in unseren sozialen Ordnungen, so kann nur eine Weltanschauung, die das Ich hinaushebt über den persönlichen Eigennutz, helfen. So sonderbar es erscheint, Nahrung kommt nicht allein von unserer Arbeit, Nahrung, statt Not, Leid und Elend, kommt von der geisteswissenschaftlichen Vertiefung. Geisteswissenschaft ist ein Mittel, dem Menschen Nahrung und Wohlstand zu geben, im wahren Sinne des Wortes.
[ 28 ] Whatever you may have studied in your outer life, study the laws of human coexistence just as diligently! For when people live together, it is not merely bodies but also souls and spirits that live together. Therefore, only spiritual science can serve as the foundation for any social worldview. And so we see that, in fact, what the deepening of the spirit offers us can provide each of us with what enables us, from our humble position within our own sphere, to contribute to great social progress. For this progress will not be achieved through an abstract measure, but is the sum of what each individual soul does. And a worldview such as that of spiritual science is the only one that approaches the individual soul in such a way that it truly elevates that soul above itself. If the root of our social misery lies in personal self-interest and in our position within our social orders, then only a worldview that elevates the “I” above personal self-interest can help. As strange as it may seem, sustenance does not come solely from our work; sustenance—rather than hardship, suffering, and misery—comes from deepening our understanding of spiritual science. Spiritual science is a means of providing people with sustenance and prosperity in the true sense of the word.
[ 29 ] Und so bleibt es, selbst für unsere geänderten Verhältnisse, wirklich berechtigt, was Goethe gesagt hat über das wahre Befreien von allen Hemmnissen und Unglücken des Lebens. Goethe sagt im Gedichte «Die Geheimnisse»:
[ 29 ] And so, even given our changed circumstances, what Goethe said about true liberation from all of life’s obstacles and misfortunes remains truly valid. In his poem “Die Geheimnisse,” Goethe says:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
From the force that binds all beings,
The person who overcomes themselves is set free.
[ 30 ] Und dieser Satz, den Goethe vom einzelnen Menschen gesagt hat, gilt auch für die Menschheit insofern, als dieser Mensch ein soziales Wesen ist: Und von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreien diejenigen Menschen die Welt, die sich überwinden.
[ 30 ] And this statement, which Goethe made about the individual human being, also applies to humanity insofar as human beings are social beings: And those who overcome themselves free the world from the force that binds all beings.
