World-Riddles and Theosophy
GA 54
8 March 1906, Berlin
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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
15. Germanische und Indische Geheimlehre
15. Germanic and Indian Esoteric Teachings
[ 1 ] Des öfteren habe ich schon an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß es ein Vorurteil ist, wenn man die gegenwärtige theosophische Bewegung im strengen Sinne des Wortes als eine buddhistische, oder wie man noch sagt, neubuddhistische bezeichnet. Nicht darum handelt es sich in der Theosophie oder Geisteswissenschaft, eine fremde, eine außerhalb unserer Kultur selbst liegende Weltanschauung nach Europa hereinzupflanzen, sondern darum, auch innerhalb unserer europäischen Kultur zu zeigen, wie dem suchenden Streben der Menschheit tiefere Weisheitslehren zugrunde liegen, die sich in der verschiedenartigsten Weise zum Ausdruck bringen. Das nächste Mal wird es mir gestattet sein zu zeigen, wie in einer neueren Epoche des deutschen Geisteslebens theosophisches Fühlen und Denken in einem ganz außerordentlichen Maße, ich möchte sagen, in seiner denkerischen Reinheit um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zum Ausdruck gekommen ist. Heute aber möchte ich, soweit es sich in einen einzigen Vortrag hineindrängen läßt, zeigen, wie innerhalb der germanisch-deutschen Volkskultur ein Einschlag vorhanden ist, der zu Anschauungen zurückführt, denen wir in der Theosophie begegnen. Ein vorsichtiger Vergleich zwischen dem, was den europäischen, den mitteleuropäischen Religions- und Weltanschauungsvorstellungen seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden zugrunde liegt, mit dem, was drüben im Morgenlande in einer so eigenartigen, spirituellen Weise zum Ausdruck gekommen ist, wird uns zeigen können, wie wenig das Mißverständnis berechtigt ist, als ob die theosophische Geistesströmung etwas ganz Fremdes dem europäischen Leben aufpfropfen wollte. Wir werden, wenn wir diesen Vergleich wirklich durchführen wollen, wenigstens mit ein paar Worten die Grundanschauung der sogenannten theosophischen Weltanschauung voraussenden müssen. Nur ganz flüchtig lassen Sie uns einmal die hier oft und oft besprochene Grundanschauung der theosophischen oder geisteswissenschaftlichen Weltanschauung vor unsere Seele hinstellen.
[ 1 ] I have often pointed out here that it is a misconception to describe the current Theosophical Movement, in the strict sense of the word, as a Buddhist movement—or, as some still say, a “New Buddhist” movement. Theosophy, or spiritual science, is not about transplanting a foreign worldview—one that lies outside our own culture—into Europe, but rather about demonstrating, even within our European culture, how humanity’s quest for truth is grounded in deeper teachings of wisdom that find expression in the most diverse ways. Next time, I will have the opportunity to show how, in a more recent epoch of German intellectual life, theosophical feeling and thinking found expression to an extraordinary degree—I would say, in its intellectual purity—at the turn of the 18th to the 19th century. Today, however, I would like—as far as it can be squeezed into a single lecture—to show how there is an element within Germanic-German folk culture that leads back to views we encounter in theosophy. A cautious comparison between what has perhaps for millennia perhaps for millennia, and what has been expressed over in the East in such a distinctive, spiritual way, will show us how unfounded the misunderstanding is that the theosophical spiritual movement seeks to graft something entirely foreign onto European life. If we truly wish to carry out this comparison, we will have to begin by outlining, at least in a few words, the fundamental tenets of the so-called theosophical worldview. Let us briefly bring to mind the fundamental tenets of the theosophical or spiritual-scientific worldview, which have been discussed here time and again.
[ 2 ] Der Mensch ist, nach dieser theosophischen Weltanschauung, zunächst ein Wesen, dem eine zweifache Natur zugrunde liegt, nämlich ein vergänglicher sogenannter Hüllenteil, ein äußeres Glied seiner Natur, und ein unvergänglicher ewiger Wesenskern. Der äußere Hüllenteil ist gleichsam die Umkleidung oder das Werkzeug des Menschen, mit dem sein unsterblicher Wesenskern in dieser Welt wirkt und sich betätigt. Diese Umhüllung gliedert sich deutlich in vier Unterabteilungen. Die erste Unterabteilung ist der sogenannte physische Leib, der Leib, den man mit den Augen sehen und mit den andern Sinnen wahrnehmen kann. Das zweite Glied ist der sogenannte Ätherleib. Das ist der Körper, in dem das Leben wohnt. Er ist ungefähr von derselben Gestalt wie der physische Leib, aber als Träger des Lebensprinzips ist er das, was dem physischen Körper zugrunde liegt. Das dritte Glied ist der Träger der Gefühle von Lust und Leid, von den Instinkten und Leidenschaften. Wir nennen ihn den Astralleib, und zwar deshalb, weil die Kräfte, die in ihm wirksam sind, für denjenigen, der tiefer in die Welt hineinzuschauen vermag, sich als die Kräfte erweisen, die draußen im Sternenraum, im Astralen, leben und wesenhaft sind. Das vierte Glied bezeichnen wir als das eigentliche menschliche Ich. Wir bezeichnen es so, weil die drei andern Glieder, physischen Leib, Ätherleib und Astralleib, der Mensch mit den übrigen Wesen, die um ihn herum sind, gemeinschaftlich hat. Jedes Mineral hat einen physischen Leib. Die Pflanzen haben physischen Leib und Ätherleib, die Tiere haben physischen Leib, Ätherleib und Astralleib. Der Mensch hat außerdem ein viertes Glied, um innerhalb dieser Welt zu leben, welches ihm ermöglicht, zu sich selbst «Ich» zu sagen. Nun ist dieses Ich das Endglied, der Schlußpunkt der Entwickelung der drei andern eben genannten Leiber, zu dem sie alle seit Urzeiten hingestrebt haben. Dieses Ich ist zugleich der Ausgangspunkt einer neuen göttlichen Entwickelung. Dieses Ich, das in den drei Hüllen wohnt, die es aber nicht wie Zwiebelschalen umgeben, sondern die gesetzmäßig ineinander wirken, kraftvoll sich durchdringen und sich gestalten, ist zu gleicher Zeit der Träger desjenigen, was heute nur als Anlage in der Mehrzahl der Menschen enthalten ist, der Träger einer höheren dreigliedrigen Natur, die wir deutsch am besten bezeichnen mit den Ausdrücken: Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmensch. Das Geistselbst des Menschen wird mit einem der morgenländischen Mystik entlehnten Wort bezeichnet als Manas. Das zweite ist der Lebensgeist, den bezeichnet man nach morgenländischer Ausdrucksweise als die Buddhi. Das höchste, das eigentlich innerste Glied des Menschen ist Atma. Es ist der eigentliche Geist des Menschen, der innerste Wesenskern, das Unsterbliche innerhalb der menschlichen Natur. Das gibt für uns, wie die sieben Töne oder wie die sieben Farben im Regenbogen, sieben Glieder der menschlichen Natur. Die drei unteren Glieder sind ein Zusammenfluß, ein Extrakt der drei Reiche, die uns umgeben: Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich. Die drei oberen Glieder: Manas, Buddhi und Atma sind drei Glieder, die nicht mit den Sinnen wahrzunehmen sind, drei Glieder, welche göttlicher Natur sind. Diese drei Glieder hat der Mensch ebenso mit höheren Reichen des Daseins gemeinschaftlich, wie er seine unteren Glieder, den physischen Leib, den Ätherleib und den Astralleib mit den drei in unserer irdischen Sphäre uns umgebenden Reichen gemeinschaftlich hat. Ragt er mit diesen drei unteren Leibern in das irdische Dasein hinein, so strebt er mit den höheren geistigen Gliedern seiner Natur hinauf in die Reiche des Göttlichen, das ebenso dreistufig ist, wie das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich hier unten dreistufig ist. So ist der Mensch mit seinen Wurzeln in das Irdische gesenkt und ragt hinauf mit seinen Zweigen in die geistig-göttliche Welt. Und wie er sich herausentwickelt hat aus niedrigen Anfängen aus der irdischen Welt, so entwickelt er sich geistig hinauf, indem er immer ähnlicher wird den höheren geistigen Wesenheiten. Deshalb können wir auch sagen, der Mensch gliedert sich im wesentlichen in drei Teile: Indem wir die drei unteren Glieder und die drei oberen verbinden, haben wir in der Mitte das Ich. Das Ich ist das, was an beiden, dem Irdischen und dem Göttlichen, Anteil hat. Das durchdringt den Ätherleib und den Astralleib. Dieses Ich bezeichnen wir als Seele. Das eigentliche unsterbliche Innere des Menschen, Atma, Buddhi, Manas, bezeichnen wir als Geist. Durch diese drei Glieder seiner Natur ist der Mensch ein Bürger von drei Welten zugleich. Er ist ein Bürger der gewöhnlichen physischen Welt hier. Wenn er die physische Welt hier verlassen hat, wenn also sein physischer Körper von ihm abgestreift ist, auch der Ätherleib, so betritt er eine andere Welt, eine Art Zwischenwelt, eine astrale Welt, wie wir sagen, die seelische Welt. In dieser hat er, zunächst unmittelbar nach dem Tode, eine Reihe von Jahren hindurch, sich zu reinigen, zu läutern von dem, was ihm noch anhaftet von dem Zusammenhang mit der irdisch-physischen Welt. Wir nennen diesen Zustand Kamaloka oder Aufenthalt in der Astralwelt. Das ist kein Ort, sondern ein Zustand. Der entkörperte Mensch, solange er noch gewisse Wirkungen seiner physischen Natur an sich hat, hält sich in der seelischen Welt auf und steigt dann hinauf in eine noch höhere Welt, die wir nennen das Devachan oder die Welt des Geistigen.
[ 2 ] According to this theosophical worldview, human beings are, first and foremost, beings founded on a dual nature: namely, a transitory, so-called “outer shell”—an external aspect of their nature—and an imperishable, eternal core of being. The outer sheath is, as it were, the garment or instrument through which the human being’s immortal core acts and functions in this world. This sheath is clearly divided into four subdivisions. The first subdivision is the so-called physical body—the body that can be seen with the eyes and perceived by the other senses. The second component is the so-called etheric body. This is the body in which life resides. It has roughly the same form as the physical body, but as the bearer of the life principle, it is what underlies the physical body. The third component is the bearer of feelings of pleasure and pain, of instincts and passions. We call it the astral body, precisely because the forces at work within it, to those who are able to look more deeply into the world, reveal themselves to be the forces that live and are essentially present out there in the starry space, in the astral realm. We designate the fourth component as the actual human “I.” We call it this because the other three members—the physical body, the etheric body, and the astral body—are shared by human beings with the other beings around them. Every mineral has a physical body. Plants have a physical body and an etheric body; animals have a physical body, an etheric body, and an astral body. Human beings, however, possess a fourth component that enables them to live within this world and to say “I” to themselves. Now, this “I” is the final link, the culmination of the development of the three other bodies just mentioned, toward which they have all striven since time immemorial. This “I” is at the same time the starting point of a new divine development. This “I,” which dwells within the three bodies—which do not surround it like onion skins, but rather interact with one another according to certain laws, powerfully interpenetrate and shape one another—is at the same time the bearer of that which is today contained in the majority of people only as a potential; the bearer of a higher threefold nature, which we in German best describe with the terms: Spirit-Self, Life-Spirit, and Spirit-Human. The Spirit-Self of the human being is designated by the term “Manas,” borrowed from Eastern mysticism. The second is the Life-Spirit, which is referred to in Eastern terminology as “Buddhi.” The highest, the truly innermost member of the human being, is “Atma.” It is the true spirit of the human being, the innermost core of being, the immortal within human nature. This gives us, like the seven notes or the seven colors of the rainbow, seven aspects of human nature. The three lower aspects are a convergence, an essence of the three kingdoms that surround us: the mineral kingdom, the plant kingdom, and the animal kingdom. The three upper aspects—Manas, Buddhi, and Atma—are three aspects that cannot be perceived by the senses; they are three aspects of a divine nature. Human beings share these three aspects with the higher realms of existence just as they share their lower aspects—the physical body, the etheric body, and the astral body—with the three realms that surround us in our earthly sphere. Just as human beings extend into earthly existence with these three lower bodies, so do they aspire upward with the higher spiritual aspects of their nature into the realms of the Divine, which is just as threefold as the mineral, plant, and animal kingdoms are here below. Thus, the human being has its roots sunk into the earthly realm and reaches upward with its branches into the spiritual-divine world. And just as the human being has developed from humble beginnings in the earthly world, so does it develop spiritually upward by becoming ever more like the higher spiritual beings. Therefore, we can also say that the human being is essentially divided into three parts: By connecting the three lower members and the three upper ones, we have the “I” at the center. The “I” is that which shares in both the earthly and the divine. It permeates the etheric body and the astral body. We refer to this “I” as the soul. We refer to the actual immortal inner being of the human being—Atma, Buddhi, Manas—as the spirit. Through these three aspects of his nature, the human being is a citizen of three worlds at once. He is a citizen of the ordinary physical world here. When he has left the physical world here—that is, when his physical body has been shed, along with the etheric body—he enters another world, a kind of intermediate world, an astral world, as we say, the world of the soul. In this world, immediately after death and for a number of years thereafter, he must purify and refine himself of whatever still clings to him from his connection with the earthly-physical world. We call this state Kamaloka, or sojourn in the astral world. This is not a place, but a state. The disembodied human being, as long as certain effects of his physical nature still cling to him, remains in the soul world and then ascends to an even higher world, which we call Devachan, or the world of the spiritual.
[ 3 ] Nun wissen Sie, daß die theosophische oder geisteswissenschaftliche Weltanschauung nicht bloß einen einmaligen Aufenthalt des Menschen in dieser physischen Welt annimmt, sondern daß sie sich klar darüber ist, daß der Mensch wiederholte Erdenleben durchzumachen hat, daß sein unsterblicher Wesenskern sich nur dadurch immer mehr vergöttlichen kann, in geistige Regionen hinaufsteigen kann, daß er wiederholt Erfahrungen, wiederholte Lektionen im Erdenleben durchmacht. Und so kehrt der Mensch, wenn er durch das seelische und geistige Reich durchgegangen ist, zurück in die physische Welt, dann wieder zurück in die geistige und so weiter. Diese wiederholten Verkörperungen werden zusammengehalten nach dem sogenannten Gesetz von Karma, nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Wenn ein Mensch, nachdem er wiederholte Erdenleben durchgemacht hat, wieder erscheint, wird er geboren mit Anlagen und Fähigkeiten, die er in den früheren Leben durch Erfahrung sich angeeignet hat, auch mit der Schuld, die er in früheren Leben auf sich geladen hat. So erscheint der eine glücklich, der andere unglücklich und elend, weil er sich das selbst erarbeitet, zugearbeitet hat. Was wir Menschen hier erarbeitet haben, wird in den künftigen Erdenleben wieder auftreten. Der Mensch ist dadurch in einem Auf- und Abstieg, in einem Hin- und Hergang zwischen den drei Welten: Physische Welt, Astralwelt und Devachanwelt.
[ 3 ] Now you know that the theosophical or spiritual-scientific worldview does not merely assume a single sojourn of the human being in this physical world, but that it is clearly aware that the human being must undergo repeated earthly lives, that only through this can his immortal core of being become increasingly deified, ascend into spiritual realms, and that he undergoes repeated experiences and lessons in earthly life. And so, after passing through the soul and spiritual realms, a human being returns to the physical world, then back to the spiritual realm, and so on. These repeated incarnations are governed by the so-called law of karma, the law of cause and effect. When a human being reappears after having undergone repeated earthly lives, they are born with dispositions and abilities they have acquired through experience in previous lives, as well as with the guilt they have incurred in those previous lives. Thus, one person appears happy, while another appears unhappy and miserable, because they have brought this upon themselves through their own actions. What we humans have brought about here will reappear in future earthly lives. As a result, human beings are in a cycle of ascent and descent, moving back and forth between the three worlds: the physical world, the astral world, and the Devachan world.
[ 4 ] Der Mensch ist nicht nur selbst ein Wesen, das diesen drei Welten angehört, sondern er hat auch Genossen in diesen drei Welten. Derjenige, der im Sinne der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sich einen Einblick verschafft in die andern Welten, nicht nur in die physische Welt, die der Mensch mit seinen Sinnen wahrnehmen, mit Händen greifen kann, der weiß, daß es nicht nur solche Wesenheiten gibt, die die drei Glieder der menschlichen Natur: Leib, Seele und Geist haben, sondern daß es auch Wesen gibt, die tieferstehend als der Mensch, und Wesen, die höherstehend als der Mensch sind. Die Wesen, welche tieferstehend als der Mensch sind, wie haben wir sie uns vorzustellen? Wir haben sie uns so vorzustellen, daß sie nicht wie der Mensch als Höchstes einen geistigen Kern haben, sondern nur einen seelischen. So wie der Mensch Geist, Seele und Leib hat, so würden die tieferstehenden Wesen nur Seele, Körper und etwas, was tiefersteht als der Körper, haben. Nennen wir diese Welt, das Unbekannte, was das dritte ausmacht, meinetwillen die Unterwelt, so würden wir sagen können: Solche Wesenheiten haben ebenfalls eine dreigliedrige Natur, deren unterstes Glied die Unterwelt, deren mittleres Glied die physische Welt und deren oberstes Glied die Seelenwelt ist. Es gibt aber auch Wesen, welche zwei Glieder im Geistigen haben und deren drittes Glied über die Sphäre des Devachan, über die Sphäre des Geistigen hinaufragt. So sehen Sie, daß Sie eine ganze Reihe von Wesenheiten sich konstruieren können. Und solche Wesenheiten sind wirklich vorhanden, wie die Erfahrung zeigt. Der Mensch gehört drei Welten an. Solche Wesenheiten würden auch drei Welten angehören und so wie der Mensch in Entwickelung begriffen ist, sich selbst herausentwickelt hat von einer Stufe, auf welcher seine Seele seine oberste Wesenheit war, in die der geistige Kern gesenkt worden ist, so sind auch diese andern Wesenheiten in einer fortwährenden Entwickelung begriffen. Sie sehen, daß diejenigen, welche eine Erfahrung haben von solchen Dingen, sich sagen müssen, daß der Mensch, wenn er diesen physischen Leib abgelegt hat, da er aufsteigt in die seelisch-geistige Welt, eben der Genosse anderer Wesenheiten sein wird, von Wesenheiten, deren unterstes Glied die seelische Natur ist.
[ 4 ] Human beings are not only beings who belong to these three worlds themselves, but they also have companions in these three worlds. Anyone who, in accordance with the spiritual-scientific worldview, gains insight into the other worlds—not just the physical world that human beings can perceive with their senses and grasp with their hands—knows that there are not only beings who possess the three aspects of human nature: body, soul, and spirit, but that there are also beings who stand lower than human beings and beings who stand higher than human beings. How are we to conceive of the beings that are lower than human beings? We must conceive of them in such a way that, unlike human beings, their highest element is not a spiritual core but only a soul. Just as human beings have spirit, soul, and body, so these lower beings would have only soul, body, and something that is lower than the body. If, for the sake of argument, we were to call this world—the unknown entity that constitutes the third element—the underworld, we could say: Such beings also have a threefold nature, whose lowest member is the underworld, whose middle member is the physical world, and whose highest member is the soul world. But there are also beings who have two members in the spiritual realm and whose third member extends beyond the sphere of Devachan, beyond the sphere of the spiritual. So you see that you can construct a whole series of beings. And such beings truly exist, as experience shows. Human beings belong to three worlds. Such beings would also belong to three worlds, and just as human beings are in the process of evolution—having developed themselves from a stage in which their soul was their highest being, into which the spiritual core has been lowered—so, too, are these other beings in a state of continuous evolution. You can see that those who have experience with such matters must conclude that when a human being has shed this physical body and ascends into the soul-spiritual world, he will indeed be a companion of other entities—entities whose lowest level is the soul nature.
[ 5 ] Das ist so der Grundriß der Weltanschauung, die nun aber nicht bloß über irgendeinen Teil der Erdkultur verbreitet ist, sondern die allen tieferen Religionen zugrunde liegt und die durch die theosophische oder geisteswissenschaftliche Weltanschauung nur erneuert werden soll. Das ist aber auch zu gleicher Zeit eine Weltanschauung, die in fortwährender Entwickelung begriffen ist, nicht eine Weltanschauung, die man einmal als abstrakt festgelegt zu betrachten hat, sondern eine Weltanschauung, welche durch die verschiedenen Stufen der menschlichen Entwickelung sich hindurchgestaltet in der verschiedensten Weise. Wie der Mensch auf der Leiter der Entwickelung immer reifer wird, so zeigt sich diese auch in verschiedener Weise ausgestaltet. Nun nimmt aber der Mensch nicht nur teil an dieser Entwickelung, sondern die Grundlehre aller Weltkultur zeigt, daß bestimmte einzelne menschliche Individuen eine schnelJlere Entwickelung durchmachen können, daß sie rascher aufsteigen können zu höheren Stufen der Vollkommenheit, daß sie ihren Mitwesen sozusagen voraneilen können. Dann erlangen sie, während sie noch im sinnlichen Leibe sind, schon einen Einblick in diejenigen Welten, welche der Mensch betritt, wenn er sonst die Pforte des Todes überschritten hat. Alle Kulturen, alle Religionskulturen bewahren dies als Geheimnis, daß die Möglichkeit besteht, daß der Mensch hineinzuschauen vermag in die Welten, die ihm verschlossen liegen, wenn er im sinnlichen Leibe wohnt. Der Mensch kann aber schon in diesem Leben die Pforte des Todes überschreiten und eine Anschauung erhalten von denjenigen Welten, die er bei der Aufwärtsentwickelung später zu betreten hat. So wie der Mensch dem Tiere voraneilt, so eilen solche Individualitäten der übrigen Menschheit voran. Alle tieferen Lehren der Weltkultur haben solche Individualitäten, die der übrigen Menschheit vorangeeilt sind, angenommen und bezeichnen sie als Eingeweihte. Sie sehen, da bekommen wir ja wirklich die Stufenleiter, von der ich schon das letzte Mal bei dem Vortrage über Luzifer sprechen durfte. Wir bekommen eine ganze Stufenleiter von Wesenheiten, welche den Menschen wunderbar aber begreiflich in die ganz natürliche geistige Welt hineinstellt. So liegt einer jeden Religion und jeder größeren Weltanschauung das Prinzip zugrunde, daß es neben und über den Menschen göttliche Naturen gibt, daß aber diese göttlichen Naturen in längst vergangenen Zeiten selbst die Stufen durchgemacht haben, die die Menschen heute durchmachen, sie durchgemacht haben unter andern Bedingungen und auf andere Weise; denn nichts wird im Universum wiederholt.
[ 5 ] This, in essence, is the outline of the worldview, which is not merely widespread in some part of human civilization, but underlies all deeper religions and is intended to be renewed through the theosophical or spiritual-scientific worldview. At the same time, however, this is a worldview that is in a state of constant evolution—not one that should be regarded as having been fixed once and for all in the abstract, but rather one that takes shape in a wide variety of ways as it passes through the various stages of human development. Just as human beings become increasingly mature on the ladder of evolution, so too does this worldview manifest itself in diverse forms. Now, however, human beings do not merely participate in this development; rather, the fundamental teachings of all world culture show that certain individuals can undergo a more rapid development, that they can ascend more quickly to higher stages of perfection, that they can, so to speak, outpace their fellow beings. Then, while still in their physical bodies, they already gain insight into those worlds that human beings enter only after they have otherwise crossed the threshold of death. All cultures, all religious traditions, keep this as a secret: that it is possible for a human being to glimpse the worlds that remain closed to them while they dwell in their physical body. But a human being can already cross the threshold of death in this very life and gain a glimpse of those worlds that he will later enter as part of his upward development. Just as humans go ahead of animals, so do such individuals go ahead of the rest of humanity. All the deeper teachings of world culture have recognized such individuals, who have gone before the rest of humanity, and designate them as initiates. You see, here we truly have the ladder of stages that I was able to speak about last time in my lecture on Lucifer. We have an entire ladder of beings that places human beings, in a marvelous yet comprehensible way, into the entirely natural spiritual world. Thus, underlying every religion and every major worldview is the principle that there are divine beings alongside and above human beings, but that these divine beings themselves, in times long past, went through the same stages that human beings go through today—they went through them under different conditions and in a different way; for nothing in the universe is repeated.
[ 6 ] So können wir sagen: Diejenigen, welche heute Götter sind, waren einmal Menschen, und der Mensch wird in der Zukunft sich zu göttlicher Natur hinaufentwickeln. Der Mensch ist ein werdender Gott und die Götter sind nichts anderes als vervollkommnete Menschen. Das ist die GrundJage aller Geheimwissenschaft, wie man sie nennt. Und diesen Satz in seinem vollen Umfange verstehen, bedeutet eben «Eingeweihter» sein. Man muß das aber nicht bloß abstrakt mit dem Verstande verstehen, sondern in der Erfahrung. Dazu gehört die Erkenntnis des dem Menschen jetzt zugänglichen Strahles des Geistes. Dann erst weiß man, was für eine große, unendliche Bedeutung dieser Satz aller Geheimlehre hat, dieser Satz, der bis heute sozusagen als Leitmotiv durch alle Weltanschauungen hindurchgeht.
[ 6 ] Thus we can say: Those who are gods today were once human beings, and in the future, human beings will evolve to a divine nature. Human beings are gods in the making, and the gods are nothing other than perfected human beings. This is the fundamental principle of all so-called esoteric science. And to understand this statement in its full scope is precisely what it means to be an “initiate.” However, one must not merely understand this abstractly with the intellect, but through experience. This includes the recognition of the ray of the Spirit now accessible to human beings. Only then does one know what great, infinite significance this statement of all esoteric teaching holds—this statement that, to this day, runs like a leitmotif through all worldviews.
[ 7 ] Nun lassen Sie mich einen Blick werfen darauf, wie er durch die verschiedenen Vorstellungen der germanischen und deutschen Vorzeit durchgeht, zum Teil bis in die gegenwärtige Zeit herein erhalten, und wie wir ihn zu finden haben. Da darf ich wohl anknüpfen daran, daß von der Wissenschaft leider wenig berücksichtigt wird, wie diese Dinge sind, Es war am Ende der achtziger Jahre, da erschien von meinem lieben Freunde Ludwig Laistner ein Werk — es heißt «Das Rätsel der Sphinx» —, ein schönes, zweibändiges Werk. Es handelt nicht von irgendwelchen außerordentlich hohen Lehren, sondern geht vom Allereinfachsten aus. Es geht aus zunächst von einer ganz einfachen Tatsache, die sich innerhalb unseres gegenwärtigen Volkstums noch in zahlreichen Formen abspielt. Es lebt zum Beispiel bei den Wenden noch die Volkssage von der Mittagsfrau. Sie heißt ungefähr so: Wenn gewisse Leute, die auf dem Felde draußen arbeiten, zur Erntezeit nicht ordentlich Mittag machen, also zwischen zwölf und zwei draußen bleiben auf dem Felde, da kommt die Mittagsfrau, und die gibt ihnen Fragen auf. Sie frägt zum Beispiel den Flachsbauer über das Leinwandweben oder irgend etwas anderes. Diese Fragen müssen die Leute beantworten. Wenn sie bei einer Frage stocken, so ist es um sie geschehen. Bis zwei Uhr müssen sie mit der Antwort durchkommen. Wenn sie nicht richtig Antwort geben können, dann würgt sie die Mittagsfrau, oder sie schneidet ihnen den Kopf mit ihrer Sichel ab. Die Bauern benützen nun verschiedene Mittel dagegen. Der Betroffene muß das Vaterunser von rückwärts nach vorwärts beten können. Kann er das, dann läßt ihn die Frau, sonst aber tötet oder beleidigt sie ihn.
[ 7 ] Now let me take a look at how this theme runs through the various conceptions of Germanic and German antiquity—some of which have survived into the present day—and how we are to understand it. I might as well begin by noting that, unfortunately, scholarship pays little attention to how these things really are. It was at the end of the 1880s that a work by my dear friend Ludwig Laistner was published—it is called *The Riddle of the Sphinx*—a beautiful, two-volume work. It does not deal with any extraordinarily lofty teachings, but starts from the very simplest things. It begins with a very simple fact that still manifests itself in numerous forms within our contemporary folklore. For example, among the Wends, the folk legend of the Noon Woman still lives on. It goes something like this: If certain people working out in the fields fail to take a proper lunch break during harvest time—that is, if they remain out in the fields between noon and two—the Noon Woman comes and poses questions to them. For example, she asks the flax farmer about linen weaving or something else. The people must answer these questions. If they falter on a question, they’re doomed. They must come up with the answer by two o’clock. If they cannot give the correct answer, the Noon Woman strangles them or cuts off their heads with her sickle. The farmers now use various methods to counter this. The person in question must be able to recite the Lord’s Prayer backward and forward. If he can do that, the woman lets him go; otherwise, she kills or insults him.
[ 8 ] Sie sehen, hier geht ein Sagenforscher, Ludwig Laistner, von einfachen Sagen aus. Nun untersucht er ähnliche Sagen. Sie sind noch heute in unserer Volkskultur zu finden. Er sucht sie in den mannigfaltigsten Gegenden auf und findet zu gleicher Zeit, daß dies ein einfaches Beispiel ist von der sogenannten Fragepein, von der Verlegenheit, in die der Mensch kommt dadurch, daß ihm von geistigen Wesen Fragen aufgegeben werden, die er zu beantworten hat. Nun zeigt er, wie in andern Sagenformen dieselbe Sache immer komplizierter und komplizierter wird, bis man aufsteigt zu dem Rätsel, das die kadmeische Sphinx den Menschen aufgegeben hat und dazu, wie es Odipus gelöst hat. Das ist schön auseinandergesetzt bei Laistner, wo er zeigt, wie sich das verhält. Wie das Abc zur hohen Wissenschaft, so verhält sich die Sage von der Mittagsfrau zu der komplizierten Frage von dem Menschenrätsel, von der Sphinx.
[ 8 ] As you can see, a folklorist named Ludwig Laistner takes simple legends as his starting point. Now he is examining similar legends. They can still be found in our folk culture today. He seeks them out in the most diverse regions and at the same time finds that this is a simple example of what is known as “the torment of questions”—the predicament into which a person is placed when spiritual beings pose questions that he must answer. He then demonstrates how, in other forms of legend, the same theme becomes increasingly complex until it ascends to the riddle posed to humanity by the Cadmean Sphinx and to how Oedipus solved it. Laistner explains this beautifully, showing how it all fits together. Just as the ABCs relate to advanced scholarship, so does the legend of the Noon Woman relate to the complex question of the human riddle, the Sphinx.
[ 9 ] Dann zeigt Laistner aber noch etwas anderes. Ich muß dies erzählen, weil Sie daraus sehen werden, wie außerordentlich wichtig es ist für die Theosophie. Er ist ausgegangen, wie die meisten Sagenforscher, von den verschiedenen Gottesvorstellungen, und ist dazu gekommen, in ihnenSymbole zu sehen. Sie wissen, daß einige Göttergestalten aufgefaßt werden als symbolische Darstellung der Wolken, der Sonne, des Mondes und so weiter. Das ist eine weitverzweigte Anschauung, die Sie überall finden können. Aber sie ist von solchen aufgestellt — das hat Laistner dazumal an seiner eigenen Persönlichkeit genau kennengelernt —, welche nicht in Wirklichkeit wissen, wie die Phantasie des Volkes arbeitet, welche nicht wissen, daß es der Phantasie des Volkes fernliegt, aus Wind und Wetter, aus Blitz, Donner, Sonnenschein und Regen sich selbst Götter zu dichten. Laistner hat das auch schon eingesehen, als er noch abhängig war von der zünftigen Forschung, daß davon keine Rede sein kann. In dem Buche von der Sphinx hat er nun gefragt: Was liegt eigentlich vor, wenn die Mittagsfrau kommt und jeden in Fragepein versetzt? — Da liegt vor — und Ludwig Laistner hat es fast in exakter Weise bewiesen —, daß diese Dinge hervorgegangen sind aus einem andern Bewußtseinszustand, dem Traumzustand. Nachgewiesen hat er, daß die Mittagsfrau nichts anderes ist als das Produkt eines Traumerlebnisses, das diejenigen gehabt haben, welche während der Mittagsstunde auf dem Felde geschlafen haben. Nicht das Tagesbewußtsein phantasierte, sondern der Traum ist zum Symbol geworden. Laistner unterscheidet Schlafen in der Stube und Schlafen auf freiem Felde. So wie der Mensch träumen kann mit der Bettdecke in der Hand von einem Frosch, den er in der Hand hält, so symbolisiert sich die Außenwelt in der Mittagsfrau. Diese ist aus einem Traumerlebnis hervorgegangen. Laistner versuchte diesen Gedanken auszubauen. Er hat noch nicht die Geisteswissenschaft gekannt. Er mußte daher darauf hindeuten, wie wichtige Bestandteile unserer Sagendichtung aus wirklichen Traumerlebnissen hervorgegangen sind.
[ 9 ] But Laistner goes on to show something else as well. I must share this because it will help you see just how extraordinarily important it is for theosophy. Like most folklorists, he started with the various conceptions of God and came to view them as symbols. You know that some divine figures are understood as symbolic representations of the clouds, the sun, the moon, and so on. This is a widespread view that you can find everywhere. But it has been put forward by those—as Laistner learned firsthand through his own experience at the time—who do not really know how the people’s imagination works, who do not know that it is far from the people’s imagination to invent gods for themselves out of wind and weather, out of lightning, thunder, sunshine, and rain. Laistner had already realized—even when he was still dependent on conventional research—that this could not possibly be the case. In his book on the Sphinx, he asked: What is actually happening when the Noon Lady appears and plunges everyone into the agony of doubt? — What is happening—and Ludwig Laistner has proven this almost exactly—is that these things have emerged from a different state of consciousness: the dream state. He has demonstrated that the “Noon Lady” is nothing other than the product of a dream experience had by those who slept in the fields during the midday hour. It was not waking consciousness that fantasized; rather, the dream has become a symbol. Laistner distinguishes between sleeping indoors and sleeping out in the open fields. Just as a person can dream—with the bedspread in hand—of a frog he is holding, so the outside world is symbolized in the Noon Woman. She has emerged from a dream experience. Laistner attempted to expand on this idea. He was not yet familiar with spiritual science. He therefore had to point out how important elements of our legendary poetry have emerged from actual dream experiences.
[ 10 ] Nun sind aber Traumerlebnisse nur Rudimente von einem andern Bewußtseinszustand. Diesen andern Bewußtseinszustand kann derjenige erreichen, der eine gewisse innere Entwickelung, über die wir noch sprechen werden im zwölften Vortrag am 19.April, durchmacht. Derjenige, welcher diese Vorträge besucht hat, weiß, daß, wenn er gewisse Übungen durchmacht, geistig sich schult, er dann die sonst chaotische, ungeordnete Traumwelt verwandeln kann in eine ganz regelmäßige Welt, die ihm dann nicht bloß Teile der gewöhnlichen Wirklichkeit als Reminiszenzen zeigt, sondern ihn auch einführt in die höhere geistige Welt, die er dann herübernehmen kann in die Wirklichkeit. Das ist der höhere Bewußtseinszustand, das ist das astrale oder imaginative Bewußtsein. Es beginnt damit, daß das Traumerlebnis regelmäßig wird und daß der Mensch sich eines Tages darüber klar wird, daß er eine neue seelische Wirklichkeit erlebt. Dann kann er sich zu einer noch höheren, einer geistigen Wirklichkeit erheben. Daß der Mensch voraneilt seinen Mitmenschen, heute schon erreichen kann, was allen in der Zukunft beschieden sein wird, daß er hineinsehen kann in die geistig-seelische Welt, das war in gewisser Weise schon vorhanden in den vergangenen Zeiten. Denn des Menschen Entwickelung besteht darin, daß er von Bewußtseinsstufe zu Bewußtseinsstufe sich entwickelt. Dieses Bewußtsein, das der Mensch jetzt hat, wo er mit äußeren Sinnen wahrnimmt und mit dem Verstande die Sinneseindrücke bearbeitet, dieses Bewußtsein ist erst entstanden aus einem Bewußtsein, das nicht gleich, aber ähnlich war dem Traumbewußtsein. Nur war dieses Bewußtsein, welches ich in «Lucifer-Gnosis» genannt habe das traumartige Bilderbewußtsein, etwas dunkler. Der Mensch nahm aber nicht unmittelbare Abdrücke, sondern Sinnbilder wahr, und auch das, was im Leben vorging, drückte sich für den Menschen in Bildern aus. Der Mensch hat dieses Bewußtsein verloren und dagegen das klare Tagesbewußtsein erkauft. Damals hatte er nicht das heutige klare Bewußtsein. Er konnte nicht mit den Sinnen wahrnehmen, auch nicht das Tageslicht schauen. Er hat dieses Bewußtsein in Finsternis hinuntersinken sehen müssen, um das heutige Bewußtsein des hellen Tages zu erreichen. In der Zukunft wird er ein Bewußtsein erreichen, wo er beides haben wird, das Bilderbewußtsein, das ihn in die seelische Welt hineinführt, und das helle, klare Tagesbewußtsein daneben. Das ist der Inhalt aller Geheimlehren, der allen Kulturen zugrunde liegt.
[ 10 ] However, dream experiences are merely rudiments of another state of consciousness. This other state of consciousness can be attained by anyone who undergoes a certain inner development, which we will discuss in the twelfth lecture on April 19. Anyone who has attended these lectures knows that by performing certain exercises and training themselves spiritually, they can transform the otherwise chaotic, disordered world of dreams into a completely orderly world—one that not only shows them fragments of ordinary reality as reminiscences but also introduces them to the higher spiritual world, which they can then bring over into reality. This is the higher state of consciousness; this is astral or imaginative consciousness. It begins with the dream experience becoming regular, and with the person one day realizing that they are experiencing a new spiritual reality. Then they can rise to an even higher, spiritual reality. The fact that a person can outpace their fellow human beings, can already achieve today what will be destined for everyone in the future, and can look into the spiritual-soul world—this was, in a certain sense, already present in times past. For human development consists in advancing from one level of consciousness to the next. This consciousness that humans now possess—in which they perceive through the external senses and process sensory impressions with the intellect—first arose from a consciousness that was not identical to, but similar to, dream consciousness. However, this consciousness—which I have called the “dream-like pictorial consciousness” in *Lucifer-Gnosis*—was somewhat darker. Human beings did not perceive direct impressions, but rather symbols; and even the events of life were expressed to them in images. Humanity has lost this consciousness and, in exchange, has gained clear waking consciousness. Back then, people did not possess the clear consciousness we have today. They could not perceive with their senses, nor could they see the light of day. They had to watch this consciousness sink into darkness in order to attain today’s consciousness of the bright day. In the future, humanity will attain a state of consciousness in which it will possess both: the pictorial consciousness that leads into the spiritual world, and the bright, clear daytime consciousness alongside it. This is the essence of all esoteric teachings, which underlies all cultures.
[ 11 ] So vermag der Mensch hineinzublicken in eine Zeit, in der er sich sagen kann, damals habe ich die Welt um mich gesehen als eine Welt des Seelischen. Sie bewirkte in mir ein bildhaftes Bewußtsein. Das war innerlich hell und klar. Keine äußere Sonne schien dem äußeren Auge, aber ein inneres Licht beleuchtete das Seelische ringsherum, und dieses innere Licht ist hinuntergestiegen in die Finsternis, und das äußere Licht, das der Mensch mit den äußeren Sinnen wahrnimmt, ist aufgestiegen. Wie von allen Dingen Reste, Rudimente zurückbleiben, so sind bei denjenigen Bevölkerungsschichten, die mehr zurückgeblieben sind, die nicht so sehr ihren Verstand geschärft haben, nicht so sehr das zurückgedrängt haben, was ihnen das Bilderbewußtsein geantwortet hat, die weniger kombinierend, weniger verständig sind, noch jetzt Reste jenes uralten Bewußtseins vorhanden. So ist ihr Traumbewußtsein viel heller. Da erleben sie nicht nur chaotische Träume, sondern sie erleben auch höhere Wahrheiten, über die sie sich vielleicht nicht richtig Rechenschaft geben können. Sie erleben genauso wie der Hellseher, und sie erleben, wenn das innere Bewußtsein erwacht ist, eine ganz andere seelische Welt. Sie lernen dort Wesenheiten kennen, die es hier nicht gibt und die eine gewisse Beziehung haben zu des Menschen innerer Natur. Dem gewöhnlichen Volk ist es mehr oder weniger klar, und es erlebt nur das Bild der Mittagsfrau. Andere dagegen haben ein ausgebildeteres Bilderbewußtsein. Sie erleben noch mehr. Auf diese Weise haben sich selbst in primitiven Sagen von heute Reste eines uralten astralischen Bewußtseins erhalten. Wir blicken zurück auf eine menschliche Vergangenheit, insbesondere hier in Mitteleuropa und in Westeuropa, auf eine Vergangenheit, in der, je weiter wir zurückgehen, immer mehr vorhanden ist von jenem Bewußtsein, das ersetzt worden ist durch das gegenwärtige helle Tagesbewußtsein. Alles was dem Volk als Erinnerung geblieben ist von größerer oder geringerer Deutlichkeit, ist dasHineinschwinden des astralen Bewußtseins in eine dunkle Vergangenheit, in eine dunkle Finsternis. Ich sage natürlich nicht: die Gedanken des Volkes, aber ich sage: etwas, was im Volke lebt und was ich nur in Gedanken fassen will. — Das ist das, was der Mensch im Volke sich sagt, ohne sich klar darüber zu werden: Heute muß man das Bewußtsein herausrücken aus der Tagesanschauung; ich muß schlafen, dann gewinne ich wiederum ein bißchen Einlaß in diejenige Welt, die meine Vorfahren erlebt haben, in eine Welt, die für die Menschen untergegangen ist. Ich erlebe sie nicht als eine deutliche Vorstellung, sondern als eine dunkel zusammengefügte Erinnerung. — So etwas lebt im Volke, und daher weiß das Volk auch, daß die astralen Erlebnisse reicher und immer reicher waren, je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht. Und was da das Volk erlebt hat, wovon es heute nur noch spärliche Reste hat wie das Fragen bei der Mittagsfrau, was ist das? Das ist die Erinnerung an Wesenheiten, welche die astrale Welt bewohnen, das ist die Erinnerung an die alten Götter. Da sind die alten Göttervorstellungen hervorgeholt. Nun erinnern Sie sich, daß ich als besonders bemerkenswert hervorgehoben habe, daß man das Vaterunser in umgekehrter Folge beten soll. Diejenigen, welche mich häufiger hier gehört haben, werden wissen, daß man im Astralen alles umgekehrt lesen muß. Die Zahl 341 muß man in der Welt des Bilderbewußtseins 143 lesen, also umgekehrt. So ist es auch mit unseren Leidenschaften. Leidenschaften, die von uns ausgehen, erscheinen, wenn uns die Astralwelt eröffnet wird, als Wesenheiten, die auf uns zueilen. Das ist sehr schmerzlich für diejenigen, welche nicht vorher vorbereitet worden sind. Alles, was von uns ausströmt, strömt scheinbar auf uns zu. Sie sehen daher Tiere und alle möglichen Wesenheiten auf sich zustürzen. Bei pathologischen Zuständen, zum Beispiel bei Wahnsinn, werden Sie gewahr, daß da plötzlich Wesenheiten auftreten in Gestalt von Tieren. Das sind Wesenheiten, die in dem Menschen leben, die von ihm ausströmen und wie gespiegelt in der Form der Tiere erscheinen. Was in der sinnlichen Welt sich von rückwärts nach vorn bewegt, das bewegt sich in der Astralwelt umgekehrt. Man muß also, um die Mittagsfrau zu befriedigen in der Welt, in der sie ist, das Vaterunser von hinten nach vorn beten. Sie können sehen, wie die Sage das festhält.
[ 11 ] Thus, a person can look back on a time when they can say to themselves, “Back then, I saw the world around me as a world of the soul.” It evoked a vivid, pictorial awareness within me. It was inwardly bright and clear. No external sun shone upon the outer eye, but an inner light illuminated the spiritual world all around, and this inner light has descended into darkness, while the external light that human beings perceive with their outer senses has risen. Just as remnants and vestiges remain of all things, so too, among those segments of the population who are more backward—who have not so greatly sharpened their intellect, who have not so greatly repressed what their pictorial consciousness has responded to, who are less analytical and less rational—remnants of that ancient consciousness still exist today. Thus, their dream consciousness is much clearer. There they experience not only chaotic dreams, but also higher truths of which they may not be able to give a proper account. They experience just as the clairvoyant does, and when their inner consciousness has awakened, they experience an entirely different spiritual world. There they encounter beings that do not exist here and that have a certain connection to the inner nature of human beings. To the average person, this is more or less clear, and they experience only the image of the “Noon Lady.” Others, however, possess a more developed visual consciousness. They experience even more. In this way, remnants of an ancient astral consciousness have been preserved even in the primitive legends of today. We look back on a human past—especially here in Central Europe and Western Europe—a past in which, the further back we go, the more of that consciousness is present, a consciousness that has been replaced by the present bright, daytime consciousness. All that has remained in the collective memory of the people, with greater or lesser clarity, is the fading of astral consciousness into a dark past, into deep darkness. I am not, of course, referring to the thoughts of the people, but rather to something that lives within the people and that I can only grasp in thought. — This is what people within the nation tell themselves without fully realizing it: Today I must withdraw my consciousness from the everyday perspective; I must sleep, so that I may once again gain a little access to the world my ancestors experienced, to a world that has vanished for humanity. I do not experience it as a clear image, but as a dimly pieced-together memory. — Something like this lives on among the people, and that is why the people also know that astral experiences were richer and ever richer the further back one goes into the past. And what the people experienced back then—of which only sparse remnants remain today, such as asking the woman serving lunch, “What is that?”— It is the memory of beings that inhabit the astral world; it is the memory of the ancient gods. Here the ancient conceptions of the gods are brought to the fore. Now recall that I have emphasized as particularly noteworthy that one should pray the Lord’s Prayer in reverse order. Those who have heard me speak here frequently will know that in the astral realm, everything must be read in reverse. The number 341 must be read as 143 in the world of pictorial consciousness—that is, in reverse. The same is true of our passions. Passions that emanate from us appear, when the astral world is revealed to us, as beings rushing toward us. This is very painful for those who have not been prepared in advance. Everything that flows out from us seems to be flowing toward us. Consequently, they see animals and all manner of beings rushing toward them. In pathological states—for example, in cases of insanity—they become aware that beings suddenly appear in the form of animals. These are beings that live within the person, that flow out from them, and appear as if mirrored in the form of animals. What moves from back to front in the physical world moves in the opposite direction in the astral world. Therefore, to satisfy the “Noon Lady” in the world in which she exists, one must pray the Lord’s Prayer from back to front. You can see how the legend records this.
[ 12 ] Nun könnten wir die ganze germanische Götterwelt durchgehen und wir würden finden, daß sich in ihr dasjenige spiegelt, was ich am Eingange des Vortrags als die Geheimwissenschaft aller Kulturen dargestellt habe. Das, was ich am Eingange des Vortrages, in großen Gedanken und Umrissen gesehen, dargestellt habe als Welten, die sich scheinbar übereinandertürmen — in Wahrheit sind sie ineinander —, das alles spiegelt sich volkstümlich ab in der germanischen Götterwelt. Als der Mensch einstmals in einer Welt gelebt hat, in der er noch ein Bilderbewußtsein hatte, in der er noch nicht vorgerückt war zu dem gegenwärtigen kombinierenden Verstande, da war sein Ich noch nicht von der Mächtigkeit wie heute. Er dachte und handelte zwar nicht wie ein Tier, aber es waren in ihm vorherrschend die drei unteren Glieder: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib. Das Ich war noch nicht sinnbegabt. Es lebte noch ein inneres Leben; dadurch hatte es noch Macht über das äußere. Es war eine ganz andere Form von Menschen, es waren Menschen, die noch nicht denken konnten in dem Bewußtsein, wie wir es heute haben. Viel unvollkommener waren die Menschen als die heutigen, aber sie waren in bezug auf die unteren Glieder vollkommener. Diese hatten sie mächtiger und mannigfaltiger ausgebildet. Sie gehörten daher noch nicht der geistigen Welt an. Es waren in gewisser Beziehung Seelenwesenheiten, deren höchstes Glied einer seelischen Welt angehörte, deren mittleres Glied auch seelisch war, und noch tiefer war das dritte Glied. Solchen Wesen begegnet das Bilderbewußtsein auf dem astralen Plan, dort entdeckt es ihren höchsten Wesenskern. Diese Wesenheiten, in gewisser Beziehung Vorfahren der Menschen, spiegeln sich in dem germanischen Volksbewußtsein als die Riesen. Sie sind nichts anderes als Vorgänger der Menschen. Dann entwickelte sich die Welt weiter. Die Menschen entwickelten sich hinauf in höhere Sphären. Sie erhielten ihr Denken und wurden dadurch Genossen von geistigen Wesenheiten, die in gewisser Beziehung feiner organisiert sind als die Riesen, weil sie teilnahmen an den höheren geistigen Welten. Diese Wesenheiten spiegeln sich im germanischen Volksbewußtsein als die Asen. Nichts Wunderbares sah die ursprüngliche germanische Mythologie in alledem, sondern sie sah in ihm dasjenige, was ein Ausdruck war des Satzes, den ich angeführt habe: Der Mensch ist ein werdender Gott und die Götter sind dasjenige, was man vollendete Menschen, Götter gewordene Menschen nennen kann. Götter sind Wesenheiten, die ihre Menschheitsstufe in längst verflossener Vergangenheit durchgemacht haben. So sehen Sie, daß sich die Stufenfolge der Wesenheiten auch in der germanischen Mythologie ausdrückt in dem Unterschied zwischen den Riesen und den Asen.
[ 12 ] Now, if we were to examine the entire pantheon of Germanic gods, we would find that it reflects what I described at the beginning of this lecture as the secret science of all cultures. What I described at the beginning of this lecture—in broad strokes and outlines—as worlds that appear to be piled one upon another—though in truth they are intertwined—is all reflected in the Germanic pantheon in a folk-like manner. When human beings once lived in a world in which they still possessed an imagery-based consciousness—a world in which they had not yet advanced to the present-day capacity for abstract thought—their “I” was not yet as powerful as it is today. Although they did not think or act like animals, the three lower bodies—the physical body, the etheric body, and the astral body—were predominant within them. The “I” was not yet endowed with the faculties of the senses. It still lived an inner life; through this, it still had power over the outer world. They were a completely different kind of human being—people who could not yet think with the kind of consciousness we possess today. These people were far more imperfect than those of today, but they were more perfect with regard to the lower members. They had developed these more powerfully and in a more varied way. Therefore, they did not yet belong to the spiritual world. In a certain sense, they were soul beings whose highest member belonged to a soul world, whose middle member was also soul-like, and whose third member lay even deeper. The pictorial consciousness encounters such beings on the astral plane, where it discovers their highest essential core. These beings, in a certain sense the ancestors of humankind, are reflected in the Germanic folk consciousness as the giants. They are nothing other than the predecessors of humankind. Then the world continued to evolve. Human beings developed upward into higher spheres. They acquired the faculty of thought and thereby became companions of spiritual beings who, in a certain sense, are more finely organized than the giants, because they participated in the higher spiritual worlds. These beings are reflected in the Germanic folk consciousness as the Aesir. The original Germanic mythology saw nothing miraculous in all this, but rather recognized in it an expression of the statement I have cited: Man is a god-in-the-making, and the gods are what one might call perfected human beings—human beings who have become gods. Gods are beings who have passed through the human stage in a long-gone past. Thus you see that the sequence of stages of these beings is also expressed in Germanic mythology through the distinction between the giants and the Aesir.
[ 13 ] Aber noch mehr drückt sich darin aus. Es drückt sich darin aus, daß die Entwickelung von solchen Wesenheiten durchaus in demselben Sinne geschieht wie die menschliche Entwickelung. Die heutigen Menschen — so faßt es die germanische Mythologie auf — haben das, was sie gelernt haben, von Wotan gelernt. Wer ist aber nun ursprünglich Wotan gewesen? Wir hören, daß unsere Vorfahren gelernt haben von Wotan die Kunst der Runenschrift, die Kunst der Dichtung und noch anderes. Das hat man aber von jeher den großen Eingeweihten zugeschrieben. So drückte sich in Wotan eine Individualität aus, die wir vorhin im Sinne der Geheimlehre nennen mußten einen großen Eingeweihten, eine Wesenheit, die der Menschheit vorangeeilt ist und die Stufen bereits durchgemacht hatte, welche die Menschheit erst jetzt durchmacht. Und wie wurde Wotan der große Lehrer der Vorzeit? Gar nicht anders als andere Eingeweihte in den andern Geheimlehren. In allen Geheimlehren gibt es Eingeweihte. Heute erleben diese genau dasselbe wie damals, indem sie über ihr niederes Ich hinauswachsen, den geistigen Wesenskern in sich entwickeln und in diesem Leben schon Bürger einer höheren Welt werden. Zu gleicher Zeit aber wird uns klargemacht, daß in einer gewissen Stunde die ganze niedere Natur vor sie hintritt. In jedem Menschen ist eine Summe von Leidenschaften, Begierden und Wünschen, die seiner niederen Natur anhängen. Aus alledem muß der Mensch erst heraus. Dann tritt es wie eine Wesenheit vor ihm auf. Steigt der Mensch hinauf in seine höhere Natur, dann ist seine niedere Natur wie etwas, was außer ihm ist, während er sonst drinnensteckt in den Trieben, Begierden und Leidenschaften. Ebensowenig wie jemand sein Gehirn auf einen Teller legen und es ansehen kann, ebensowenig kann man sein inneres Leben, seine innere niedere Natur sehen. Man nennt diese abgelöste Wesenheit den Hüter der Schwelle. Als eine Wesenheit steht neben dem Menschen seine niedere Natur, und er muß sich einmal sagen: Das bist du! Das mußt du ablegen! — Das nennt man bei allen Einweihungen die Höllenfahrt. Man hat da Genosse zu werden der höllischen Mächte, hinunterzusteigen in die Tiefen der Welt, weil der Mensch einfach drinnensteckt und seine höhere Natur nur halb in ihm lebt. Den Hüter der Schwelle nennt man diese Wesenheit, weil die Menschen, die sich nicht Mut und Geistesgegenwart aneignen, nicht darüber hinauskommen. Diejenigen, welche diese Schwelle überschritten haben, nennt man Eingeweihte. Stufenweise macht der Mensch die Entwickelung durch. Es wird zunächst eine Stufe überwunden, auf der der Mensch seine niedere Natur gewahr wird. Während er sonst drinnensteckt, sich mit ihr identifiziert, tritt sie jetzt wie etwas anderes ihm gegenüber, so wie der Tisch jetzt vor mir steht, Diese Stufe nennt man in allen Einweihungen die Kreuzigung oder das Hängen an dem Holz. Der Mensch wird gekreuzigt in seinem eigenen Leib, weil der ihm so gleichgültig ist wie ein äußeres Kreuz, an das er festgenagelt ist. Hat der Mensch diese Stufe überwunden, dann steigt er höher hinauf. Er ist dann weise geworden. Ihn nennt man mit einem sinnbildlichen Ausdruck «Schlange», aus demselben Grunde, weil überhaupt die Schlange das Symbol der Weisheit ist. Da trinkt er aus den Quellen der Weisheit in der Welt.
[ 13 ] But there is even more to it than that. It shows that the development of such beings takes place in exactly the same way as human development. Modern humans—as Germanic mythology understands it—learned what they know from Wotan. But who, then, was Wotan originally? We hear that our ancestors learned from Wotan the art of runic writing, the art of poetry, and other things as well. Yet this has always been attributed to the great Initiates. Thus, Wotan embodied an individuality that, in the context of the Esoteric Doctrine, we had to describe earlier as a great initiate—a being who had gone before humanity and had already passed through the stages that humanity is only now undergoing. And how did Wotan become the great teacher of antiquity? In no other way than other initiates in the other esoteric teachings. In all secret teachings there are initiates. Today they experience exactly the same thing as in those days, in that they grow beyond their lower ego, develop the spiritual core of their being within themselves, and already in this life become citizens of a higher world. At the same time, however, it is made clear to us that at a certain hour the entire lower nature stands before them. Within every human being there is a sum of passions, desires, and longings attached to their lower nature. The human being must first break free from all of this. Then it appears before them as a separate entity. When the human being ascends into their higher nature, their lower nature is like something outside of them, whereas otherwise they are entangled within their instincts, desires, and passions. Just as no one can place their brain on a plate and look at it, so too can one not see one’s inner life, one’s inner lower nature. This detached entity is called the Keeper of the Threshold. One’s lower nature stands beside the person as an entity, and the person must eventually say to themselves: “This is you! You must cast this off!” — In all initiations, this is called the descent into hell. One must become a companion of the hellish powers, descending into the depths of the world, because human beings are simply trapped within it and their higher nature lives only partially within them. This being is called the Keeper of the Threshold because those who do not acquire courage and presence of mind cannot get beyond it. Those who have crossed this threshold are called initiates. Human beings go through this development step by step. First, a stage is overcome in which a person becomes aware of their lower nature. Whereas he is otherwise trapped within it and identifies with it, it now stands before him as something separate, just as the table now stands before me. In all initiations, this stage is called the crucifixion or hanging on the wood. Man is crucified in his own body, because it is as indifferent to him as an external cross to which he is nailed. Once a person has overcome this stage, he ascends higher. He has then become wise. He is symbolically called a “serpent,” for the same reason that the serpent is the symbol of wisdom in general. There he drinks from the springs of wisdom in the world.
[ 14 ] Dann macht er noch eine dritte Stufe durch. Diese Stufe wird in den verschiedenen Religionen in der verschiedensten Weise zu durchlaufen sein. Betrachten wir Wotan. Was wird uns von ihm dargestellt? Es werden uns dargestellt diese drei Stufen der Einweihung. Es wird uns da zuerst erzählt, Wotan hätte einmal hängen müssen an dem heiligen Holz. Neun Tage lang hat er da gelitten und die Leiden der Welt auf sich genommen. Da kam der Riese Mimir zu ihm und hat ihm einen Trunk gereicht aus dem Becher der Weisheit. Da wurde er befreit von dem heiligen Holz. Das war die erste Einweihung des Wotan. Nachdem er diese durchgemacht hatte, bekam er die Sehnsucht, selbst den Becher zu finden, aus dem der Trank fließen kann, den ihm sein Oheim Mimir gereicht hatte am Galgenholz. Dann heißt es aber weiter, daß dieser Weisheitsbecher gehütet wird in den Klüften der Berge und daß sich Wotan in der Gestalt einer Schlange durch die Klüfte zu Gunnlod schlich, um sich den Weisheitsbecher zu erobern. Das war die zweiteEinweihung. Und die dritte ist die, wo uns erzählt wird — und das ist etwas sehr Bedeutsames —, daß Wotan sich hinbegeben hat zu der Quelle derjenigen Weisheit, die die Weisheit der Gegenwart ist und die zu finden ist bei derjenigen Quelle, die an der Wurzel der Weltesche Yggdrasil ist. Da hauste selbst der Riese Mimir. Hier erlangte Wotan die Einweihung, die ihn fähig machte, der Lehrer der Vorzeit zu sein, nämlich die Gegenwartsweisheit. Früher hatte er die Weisheit erlangt aus den Klüften der Berge, von den höheren Welten. Aber er soll derjenige werden, der in unserer Weisheit Lehrer werden kann, in der Weisheit, die durch die Sinne erobert und durch den Verstand gewonnen wird. Die Macht dazu erwirbt er sich hier. Das ist in einem schönen Sinnbild zum Ausdruck gekommen. Es wird erzählt, daß er hier ein Auge lassen mußte. Was ist das Auge, das er zurücklassen muß, zurücklassen muß, um die gegenwärtige Weisheit zu finden? Das ist das astrale Auge. Jetzt, da er die Weisheit der Runen, die Weisheit der Gegenwart aufnehmen soll, jetzt muß er das astralische Auge lassen, damit er Führer sein kann auf dem sinnlichen Plan, zu dem sich die Menschheit hinentwickelt hat. Das sind Dinge, die Ihnen klar und deutlich zeigen, wie in den drei aufeinanderfolgendenBildern, dieGeheimlehre, die allen Religionen zugrunde liegt, auch in der germanischen Mythologie zum Ausdruck kommt.
[ 14 ] Then he goes through a third stage. This stage will have to be traversed in a wide variety of ways in the different religions. Let us consider Wotan. What is presented to us about him? These three stages of initiation are presented to us. We are first told that Wotan once had to hang from the sacred tree. For nine days he suffered there, taking upon himself the sufferings of the world. Then the giant Mimir came to him and offered him a drink from the cup of wisdom. Then he was freed from the sacred tree. That was Wotan’s first initiation. After he had undergone this, he was seized by a longing to find for himself the cup from which the drink could flow—the one his uncle Mimir had offered him at the gallows tree. But the story goes on to say that this cup of wisdom is guarded in the crevices of the mountains, and that Wotan, in the form of a serpent, crept through the crevices to Gunnlod in order to seize the cup of wisdom. That was the second initiation. And the third is the one in which we are told—and this is something very significant—that Wotan went to the source of that wisdom which is the wisdom of the present and which is to be found at the source that lies at the root of the world-ash Yggdrasil. There dwelt the giant Mimir himself. Here Wotan attained the initiation that enabled him to be the teacher of antiquity, namely, the wisdom of the present. Previously, he had attained wisdom from the crevices of the mountains, from the higher worlds. But he is to become the one who can be a teacher in our wisdom—the wisdom that is attained through the senses and gained through the intellect. He acquires the power to do so here. This is expressed in a beautiful symbol. It is told that he had to leave one eye behind here. What is the eye that he must leave behind, must leave behind, in order to find the wisdom of the present? It is the astral eye. Now that he is to absorb the wisdom of the runes, the wisdom of the present, he must now leave behind the astral eye so that he can be a guide on the sensory plane toward which humanity has evolved. These are things that clearly and distinctly show you, as in the three successive images, how the Esoteric Doctrine underlying all religions is also expressed in Germanic mythology.
[ 15 ] In anderer Weise kommen tiefe Wahrheiten zum Ausdruck, wenn wir zum Beispiel die Sage von Baldur betrachten, der auf die Veranlassung seines Gegners Loki erschlagen wird mit dem Mistelzweig von dem blinden Hödur. Wenn wir diese Sage betrachten, so bemerken wir, daß viele sagen, Baldur bedeute die Sonne, die untergehende Sonne. Sie sagen das, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß kein Volk so dichtet. Das Volk erlebte in den Urzeiten auf dem astralen Plan in Bildern dasjenige, was wir als die Grundlage der Geheimlehre kennengelernt haben am Eingange des Vortrages. Was erlebte das Volk in dieser Beziehung? Ich habe schon hingewiesen auf die Vorstellungen, welche wie dunkle Erinnerungen, aber nicht im klaren Bewußtsein, aufsprießen, hingewiesen auf das Hinabsinken des Astrallichtes in die Finsternis, damit das gegenwärtige Sinnenleben heraufkommen kann. Von dem, was gegenwärtig Finsternis, seelische Finsternis ist, von dem gegenwärtigen sinnJlichen Anschauen, das unter Hödur verbildlicht wird, wird das ehemalige astralische Bewußtsein, der Baldur, getötet, und zwar auf Anstiften des Loki. Und wer ist Loki?
[ 15 ] Profound truths are expressed in other ways as well; for example, when we consider the legend of Baldur, who is slain—at the instigation of his adversary Loki—by the blind Hödur with a mistletoe branch. When we examine this legend, we notice that many say Baldur represents the sun, the setting sun. They say this without having the slightest idea that no people compose poetry in this way. In primeval times, the people experienced on the astral plane, in images, what we learned about as the foundation of the Esoteric Doctrine at the beginning of this lecture. What did the people experience in this regard? I have already pointed out the images that spring up like dark memories—though not in clear consciousness—and I have pointed out the sinking of the astral light into darkness so that the present life of the senses can emerge. Out of what is now darkness—spiritual darkness—and out of the present sensory perception, which is symbolized by Hödur, the former astral consciousness, Baldur, is slain—at the instigation of Loki. And who is Loki?
[ 16 ] Loki hängt schon dem Namen nach mit dem Feuer zusammen. Was aber ist das Feuer in der Geheimwissenschaft? Es ist nicht dasjenige, was im physischen Leben das Feuer ist. Das physische Feuer ist nur der äußere Ausdruck eines inneren, für dasjenige, was die Geheimlehre als die Seele des Feuers kennt. Das lebt auch im Menschen in gewisser Weise als seine Triebe, Begierden und Leidenschaften. Nur hat sich bei der weiteren Entwickelung dasjenige, was im Menschen lebt als Triebe, Begierden und Leidenschaften, abgetrennt. Es ist nicht mehr mit dem äußeren Feuer in Verknüpfung, aber die Geheimlehre weist darauf hin. Sie werden das immer mehr und mehr kennenlernen, wenn Sie sich auf die okkulte Seite der Theosophie oder Geisteswissenschaft einJassen. Sie zeigt, wie Leidenschaften und Begierden in ähnlicher Weise mit dem Feuer zusammenhängen wie der positive und der negative Pol eines Magneten: die Leidenschaften sind der eine Pol und das physische Feuer der andere, sie gehören aber zusammen. Bei dem Eisen haben Sie die beiden Pole ungetrennt. Das erscheint grotesk für die materialistische Weltanschauung, das weiß ich wohl. Aber so erscheint alles für denjenigen, der sich nicht einlassen will auf die Tiefen der okkulten Wissenschaft. Auf jene Zeiten geht der Blick zurück, wenn von Gestalten gesprochen wird, wie Loki eine ist. Das ist eine Wesenheit, die ein ursprüngliches Dasein und eine gewaltige Kraft gehabt hat, als die Leidenschaft und das Feuer noch nicht getrennt waren, als die Leidenschaft noch das brodelnde Feuer durchströmt hat. Ein solches Feuerwesen war Loki. Und dann hat sich die Welt weiter so entwickelt, daß sich aus Loki, dem Feuer, die niedere Natur bildete und aus den Asen die höhere Natur. Aus Lokis Natur ist beides hervorgegangen. Das liegt der germanischen Sage zugrunde. Das ist das Geheimnis der germanischen Götterlehre, daß, indem sich die Wesen hinaufentwickelten, die Götterwelt hervorging, die auch ihren Ursprung in den leidenschaftlichen Urgründen hat wie auch in dem Geistigen. Da wird uns gesagt, wie diese drei die Kinder des Loki sind. Das erste Kind ist der Fenriswolf, das zweite die Midgardschlange und das dritte die Totengöttin Hel, die auf der einen Seite hell ist und auf der andern Seite einen schwarzen Leib hat. Was stellt sie dar? Sie stellt die untere menschliche Natur dar, die Geburt und Tod bewirkt. Daher erscheint die Hel schwarz und weiß. Die Midgardschlange, die in der gegenwärtigen Welt um die Kontinente herumgeschlungen ist, stellt den Ätherleib dar, der an die gegenwärtige niedere Menschennatur gefesselt ist. Das dritte Glied stellt das vor, was aus den niederen Leidenschaften hervorgegangen ist. Loki ist aus einer früheren Entwickelung übriggeblieben. Er mußte seine Kinder abgeben, damit die gegenwärtige Welt entstehen konnte, die dadurch zum Widerstand getrieben wird und dem zum Opfer fällt, was die Anschauung der früheren Welt war.
[ 16 ] The very name “Loki” is associated with fire. But what is fire in esoteric science? It is not the same as what fire is in physical life. Physical fire is merely the outward expression of an inner reality—that which esoteric teaching recognizes as the soul of fire. This also lives within the human being in a certain way as his instincts, desires, and passions. However, in the course of further evolution, that which lives within the human being as instincts, desires, and passions has become separated. It is no longer connected to external fire, but the Esoteric Doctrine points this out. You will come to understand this more and more as you delve into the occult side of theosophy or spiritual science. It shows how passions and desires are related to fire in much the same way as the positive and negative poles of a magnet: the passions are one pole and physical fire the other, yet they belong together. In the case of iron, the two poles are inseparable. This seems grotesque to the materialistic worldview; I am well aware of that. But that is how everything appears to those who do not wish to delve into the depths of occult science. When we speak of figures such as Loki, our gaze turns back to those times. This is a being who possessed a primordial existence and a mighty power when passion and fire were not yet separated, when passion still coursed through the seething fire. Loki was such a fire being. And then the world developed further in such a way that the lower nature arose from Loki, the fire, and the higher nature from the Aesir. Both emerged from Loki’s nature. This lies at the heart of Germanic mythology. This is the secret of the Germanic pantheon: that as these beings evolved upward, the world of the gods emerged, which has its origin in the passionate primal depths as well as in the spiritual realm. We are told how these three are the children of Loki. The first child is the Fenris Wolf, the second is the Midgard Serpent, and the third is Hel, the goddess of the dead, who is light on one side and has a black body on the other. What does she represent? She represents the lower human nature, which brings about birth and death. That is why Hel appears black and white. The Midgard Serpent, which is coiled around the continents in the present world, represents the etheric body, which is bound to the present lower human nature. The third element represents that which has emerged from the lower passions. Loki is a remnant of an earlier stage of development. He had to give up his children so that the present world could come into being; as a result, the present world is driven to resistance and falls victim to what was the worldview of the earlier world.
[ 17 ] Baldur muß hinunter zur Hel, in die Tiefe. Die Tiefe symbolisiert die gewöhnliche körperliche Menschennatur. Was ist Baldur? Baldur ist als Unterbewußtsein vorhanden, wenn zum Beispiel im Trance das gewöhnliche Oberflächenbewußtsein ausgelöscht und das alte Bewußtsein wieder auferweckt wird. Für uns ist Baldur jetzt getötet. Aber bei der Hel ist er noch wie die Kraft, die an die Natur des Feuers gebundene Leidenschaftskraft, vorhanden.
[ 17 ] Baldur must descend to Hel, into the depths. The depths symbolize ordinary, physical human nature. What is Baldur? Baldur exists as the subconscious when, for example, during a trance, ordinary surface consciousness is extinguished and the ancient consciousness is reawakened. For us, Baldur is now slain. But with Hel, he still exists as the force—the passionate force bound to the nature of fire.
[ 18 ] So könnten wir jedes Glied der germanischen Götterwelt als äußeren Ausdruck dieser Geheimlehre bezeichnen und Sie würden sehen, wenn wir fünfzig Vorträge statt einen hätten, daß das alles bis in die Einzelheiten hinein in wunderbarer Weise stimmt, daß wir es wirklich zu tun haben mit einer Geheimlehre, welche den bildlichen Vorstellungen der germanischen Mythologie zugrunde liegt. Auch hier waren es Eingeweihte, Weise, die das gewußt haben, was wir an die Spitze des Vortrages stellten. Das Volk aber hat erfahren in seinen verschiedenen Bewußtseinsresten von Wesenheiten aus andern Welten, und diese Volksgeister, Volkswesenheiten, haben sie in eine Ordnung eingereiht, in die Welt der alten Götter. So erscheint die germanische Mythologie wie aus dem Volksbewußtsein herausgeboren. Wie nun Siegfried, der überwunden wird, sein höheres Selbst findet, das stellt sich uns allen dar als ein Ausdruck tiefer Geheimlehren. Nicht gekünstelt ist das, sondern in dem, der in solcher Weise zurückzugehen vermag in die geistigen Tiefen der Vorzeit, wird es zur vollständigen Gewißheit, daß es so ist. Wenn wir also die germanische Mythologie durchgehen, bekommen wir einen bildhaften Eindruck.
[ 18 ] Thus, we could describe every member of the Germanic pantheon as an outward expression of this secret doctrine, and you would see—if we had fifty lectures instead of just one—that everything, down to the finest details, fits together in a marvelous way, and that we are indeed dealing with a secret doctrine that underlies the symbolic imagery of Germanic mythology. Here, too, it was the initiates, the sages, who knew what we placed at the beginning of this lecture. The people, however, had experienced, in the remnants of their collective consciousness, beings from other worlds, and they arranged these folk spirits and folk beings into an order—the world of the ancient gods. Thus, Germanic mythology appears to have been born out of the collective consciousness of the people. The way Siegfried, after being overcome, finds his higher self presents itself to all of us as an expression of profound esoteric teachings. This is not contrived; rather, for anyone capable of delving in this way into the spiritual depths of antiquity, it becomes a complete certainty that this is indeed the case. Thus, as we explore Germanic mythology, we gain a vivid impression.
[ 19 ] Blicken wir nach dem Orient, so sehen wir dieselbe Geheimlehre, wie sie an die Spitze des Vortrages gestellt wurde, wir sehen sie aber dort etwas anders ausgebildet. Mit wenigen Sätzen können wir sie kennzeichnen. Nicht auf den Buddhismus und nicht auf den Hinduismus wollen wir uns einlassen. Wir brauchen nur zu wissen, daß sie das Brahma als geistiges Urwesen verehren, das allem zugrunde liegt. Die Hauptfähigkeit von Brahma ist das schaffende Wissen. Vidya heißt schaffendes Wissen. Denken Sie sich einen Menschen neben einer Maschine stehend, der die Maschine studiert, der hat ein empfangendes Wissen. Denken Sie sich aber den Erfinder, der die Maschine ursprünglich gemacht hat, sie aus einzelnen Teilen zusammengesetzt hat, bei dem war das Wissen zuerst ein schaffendes Wissen. Ein solches schaffendes Wissen, ausgedehnt auf die uns umgebende Welt, das ist Vidya, und das empfangende Wissen, das ist Avidya. So gibt es verschiedene Abstufungen von Vidya und Avidya. Brahma ist aber der Besitzer von allem, was in Vidya und Avidya zusammengefaßt ist. Aus dem Gedanken ist alles herausgeboren und der Mensch selbst ist daraus herausgeboren. Aber er soll sich wieder zurückentwickeln zu Vidya, zu dem schaffenden Wissen. Das ist der Sinn der menschlichen Entwickelung. Und wiederum wird der Mensch durch drei Orte geführt, welche die indische Lehre Loka nennt. Wenn der Mensch gestorben ist, muß er eine Zeitlang in Bhurloka sein, dasselbe wie Kamaloka. Die höchste Welt ist die geistige Welt, Svargaloka, das ist Devachan. Von da geht er wieder zurück in die Bhurloka und zurück zur physischen Welt. So sieht man, wie er in der physischen Welt die verschiedensten Kräfte und Stoffe aufnimmt. Diese sind aus dem Vidya des umfassenden Brahma hervorgegangen. Da haben wir oben die feinste stoffliche Welt, die Welt des Akasha. Akasha ist nur ein stofflicher Ausdruck für Indra, der die Seele dieser Welt ist. Dann kommen wir zur Welt des Feuers, zu Agni. Das ist der stoffliche Ausdruck für den Gott Agni, und dieser ist für die indische Geheimlehre dasselbe wie der Gott Loki in der germanischen, nur in etwas anderer Abschattierung. Dann kommen wir herunter zur Luft, Vayu, dann zum Wasser und endlich bis zum Festen. So denkt sich die indische Lehre den Aufbau der äußeren Welt. Und dasjenige, was wir indischen Kultus nennen, das sind äußere symbolische Ausdrücke für diese geheimen Wahrheiten. Wenn wir uns nun fragen, welche Eigentümlichkeit hat denn die indische Geheimlehre, daß sie sich ausbildet in andern Bildern, so können wir sagen, daß sie weniger einen symbolischen Charakter, sondern einen mehr begrifflichen trägt. Das ist überhaupt der Unterschied zwischen der indischen und der germanischen Geheimlehre. Innerlich sind sie gleich, äußerlich aber ist ein Unterschied, weil die äußeren Religionen in Europa einen bildhaften, mehr von den Wesenheiten des astralen Planes sprechenden Charakter angenommen haben, während das indische Volk eine Stufe weitergekommen ist und ihnen einen mehr schon an äußere sinnliche Eindrücke anknüpfenden Charakter gab. Das müssen wir als Unterschied der germanischen und indischen Lehre angeben, daß die germanische Lehre dem Astralen nähersteht, die indische aber dem Denken. Daher ist es auch klar, daß die indische Lehre demjenigen, was die Menschen heute als innerstes Eigentum betrachten, nähersteht, daß man sie leichter versteht als die in das Nichtmehr-Bekannte hinabgesunkene Welt der germanischen Götter.
[ 19 ] If we turn our gaze to the East, we see the same esoteric teaching that was presented at the beginning of this lecture, though we see it developed somewhat differently there. We can summarize it in just a few sentences. We do not wish to delve into Buddhism or Hinduism. We need only know that they revere Brahma as the primordial spiritual being that underlies everything. Brahma’s primary faculty is creative knowledge. Vidya means creative knowledge. Imagine a person standing next to a machine, studying it; that person possesses receptive knowledge. But imagine the inventor who originally created the machine, who assembled it from individual parts—for him, knowledge was initially creative knowledge. Such creative knowledge, extended to the world around us, is Vidya, and receptive knowledge is Avidya. Thus, there are various degrees of Vidya and Avidya. Brahma, however, is the owner of everything encompassed by Vidya and Avidya. Everything was born from thought, and human beings themselves were born from it. But they are meant to evolve back toward Vidya, toward creative knowledge. That is the purpose of human evolution. And once again, human beings are guided through three realms, which Indian teachings call lokas. When a person dies, they must spend some time in Bhurloka, which is the same as Kamaloka. The highest realm is the spiritual world, Svargaloka—that is Devachan. From there, they return to Bhurloka and back to the physical world. Thus we see how, in the physical world, the human being absorbs the most diverse forces and substances. These have emerged from the Vidya of the all-encompassing Brahma. Above, we have the finest material world, the world of Akasha. Akasha is merely a material expression of Indra, who is the soul of this world. Then we come to the world of fire, to Agni. This is the material expression of the god Agni, and in Indian esoteric teaching, he is the same as the god Loki in Germanic mythology, though with a slightly different nuance. Then we descend to air, Vayu, then to water, and finally to the solid realm. This is how Indian teaching conceives of the structure of the external world. And what we call Indian ritual consists of external symbolic expressions of these secret truths. If we now ask ourselves what distinctive feature the Indian esoteric teaching has that causes it to take shape in different images, we can say that it has less of a symbolic character and more of a conceptual one. This is, in general, the difference between the Indian and the Germanic esoteric teachings. Inwardly they are the same, but outwardly there is a difference, because the external religions in Europe have taken on a pictorial character that speaks more of the beings of the astral plane, whereas the Indian people have advanced a step further and given them a character more closely linked to external sensory impressions. We must point out this as the difference between the Germanic and Indian teachings: that the Germanic teaching is closer to the astral, while the Indian teaching is closer to thought. Therefore, it is also clear that the Indian teaching is closer to what people today regard as their innermost essence, and that it is easier to understand than the world of the Germanic gods, which has sunk into the realm of the no longer known.
[ 20 ] Diese Lehren haben eine verschiedene Ausgestaltung erhalten. Wie wir zwei Ausgestaltungen in Europa und Indien sehen, so sehen wir noch eine andere, in der Mitte sozusagen, in Griechenland. Wir können sehen, daß durch zwei ganz verschiedene Kräfte in der Natur die indische und die germanische Eigenart bedingt ist. Die indische Eigenart ist eine mehr nach dem heutigen Ich hingehende, nach dem Ich des Menschen hingehende. Der Inder hat daher sein höheres Bewußtsein gesucht in der Versenkung in das eigene Innere. Er hat gesucht hinaufzukommen von Avidya zum Vidya, von dem empfangenden Wissen zu dem schaffenden Wissen. Eine Wissenslehre, eine höhere Lehre als eine astrale Bilderlehre ist die indische Anschauung, und eine astrale Bilderlehre ist dasjenige, was in der germanischen Mythologie zum Ausdruck gekommen ist. Und warum ist das so? Darauf gibt uns die germanische Mythologie selbst eine große und schöne Antwort. Immer wird in allen Geheimlehren das höhere Bewußtsein, das der Mensch erlangen soll, dargestellt als das Weibliche, als die Seele. Dasjenige, was von außen aufgenommen wird, was die Seele befruchtet, das wird als das Männliche dargestellt. Wir haben da also die weibliche Seele, die befruchtet wird von der Weisheit, von dem Geist der Außenwelt. So rückt der Mensch auf, wenn er sich geistig entwickelt, bildlich gesprochen, zu dem höheren Weiblichen in seiner Natur. Das ist das, was Goethe meint, wenn er sagt: «Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan». Das darf nicht in kleinlicher Weise aufgefaßt werden, denn es steht im «Chorus mysticus». Wenn wir das so auffassen, dann werden wir verstehen, was der Germane meint, wenn er sagt: Wenn der Krieger auf dem Schlachtfeld fällt, dann kommt ihm die Walküre entgegen, da erreicht er das höhere Seelische, — Das Seelische eines kriegerischen Volkes und das, was man nennt: durch die Pforte des Todes schreiten und ein höheres Bewußtsein erlangen, das wird bezeichnet und symbolisiert durch das Entgegenkommen der Walküre, das Aufnehmen der Seele in Walhall, die Verbindung mit dem höheren Bewußtsein, mit der Walküre. Der höchste Gott ist im Urgermanischen der Gott Ziu, von dem der Dienstag seinen Namen hat. Das ist derselbe Gott, der in der römischen Mythologie Mars und in der griechischen Ares heißt. Mardi ist der Tag, der dem Kriegsgotte Mars geweiht ist. Eine Kriegsreligion war dies und die unterscheidet sich von der inneren Religion des Inders. Wer in der inneren Welt lebt, entwickelt weniger die Leidenschaften, die in der Astralwelt leben und in ihr zum Ausdruck gelangen. So spiegelt sich das Bewußtsein, die eigene kriegerische Natur der Germanen in ihrer Götterwelt. In natürlicher Weise ist die Walküre das höhere Bewußtsein. Weil die Leidenschaft des Krieges hier der Schöpfer der Mythologie war, deshalb kam dieGötterwelt in astralen Bildern zum Ausdruck; weil drüben in Asien, in Indien, der nach dem Inneren gewandte Sinn der Schöpfer war, deshalb kam eine mehr geistige Religion zum Ausdruck. Ihre höhere Einheit, ihre Harmonie haben diese beiden Weltanschauungen gefunden, als durch das Christentum dem Germanischen zum Außeren das Innere gegeben worden ist.
[ 20 ] These teachings have taken on various forms. Just as we see two forms in Europe and India, we see yet another—in the middle, so to speak—in Greece. We can see that the Indian and Germanic characteristics are shaped by two entirely different forces in nature. The Indian character is one that is more oriented toward the present-day “I,” toward the human “I.” The Indian has therefore sought his higher consciousness through immersion in his own inner self. He has sought to ascend from avidya to vidya, from receptive knowledge to creative knowledge. The Indian worldview is a doctrine of knowledge—a higher teaching than an astral imagery-based doctrine—whereas what has found expression in Germanic mythology is precisely such an astral imagery-based doctrine. And why is this so? Germanic mythology itself provides us with a profound and beautiful answer to this question. In all esoteric teachings, the higher consciousness that human beings are meant to attain is always represented as the feminine, as the soul. That which is received from the outside, that which fertilizes the soul, is represented as the masculine. So here we have the feminine soul, which is fertilized by wisdom, by the spirit of the outer world. Thus, as a person develops spiritually, figuratively speaking, they ascend toward the higher feminine within their nature. This is what Goethe means when he says: “The eternal feminine draws us upward.” This must not be interpreted in a petty way, for it is found in the “Chorus mysticus.” If we understand it this way, then we will grasp what the Germanic people mean when they say: When the warrior falls on the battlefield, the Valkyrie comes to meet him; there he attains the higher spiritual realm, — The spiritual essence of a warrior people and what is called “passing through the gate of death” to attain a higher consciousness—this is signified and symbolized by the Valkyrie’s coming to meet him, the soul’s reception into Valhalla, and the union with the higher consciousness, with the Valkyrie. In Proto-Germanic mythology, the supreme god is Ziu, from whom Tuesday takes its name. This is the same god who is called Mars in Roman mythology and Ares in Greek mythology. Tuesday is the day consecrated to Mars, the god of war. This was a religion of war, which differs from the inner religion of the Indian. Those who live in the inner world develop fewer of the passions that dwell in the astral world and find expression there. Thus, the consciousness—the Germanic peoples’ own warlike nature—is reflected in their pantheon. Naturally, the Valkyrie represents the higher consciousness. Because the passion for war was the creator of mythology here, the pantheon was expressed in astral images; because over in Asia, in India, the mind turned toward the inner world was the creator, a more spiritual religion came to expression. These two worldviews found their higher unity and harmony when Christianity gave the Germanic world the inner dimension to complement its outer dimension.
[ 21 ] So sehen Sie, daß der Menschheitsentwickelung ein tiefer innerer Sinn zugrunde liegt, und daß man diesen tiefen inneren Sinn suchen muß. Dann kommt man auf die Weisheiten in der Weltentwickelung, und dann wird man auch nicht bei abstrakten Begriffen stehenbleiben so, als ob eine einzige Gestalt der Menschheit zugrunde läge, sondern man wird sehen, daß es eine Weisheit ist, die vielgestaltig ist. Anders mußte in Indien und anders in Europa, anders bei dem sinnenden, anders bei dem kriegerischen Volke und anders in Griechenland, bei dem kunstbegabten Volke, die Geheimlehre sein. So entwickelt sich die Menschheit durch die verschiedensten Formen des Kulturdaseins, der Gang immer nach vorwärts in dieser Weltentwickelung und zu gleicher Zeit immer nach aufwärts.
[ 21 ] So you see that there is a deep inner meaning underlying human development, and that one must seek out this deep inner meaning. Then one arrives at the wisdom inherent in the development of the world, and one will not remain stuck at abstract concepts, as if a single form of humanity were the foundation, but will see that this wisdom is multifaceted. The Esoteric Teaching had to be different in India than in Europe, different among contemplative peoples than among warlike ones, and different in Greece, among the artistically gifted people. Thus humanity develops through the most diverse forms of cultural existence, always moving forward in this world development and, at the same time, always moving upward.
