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World-Riddles and Theosophy
GA 54

1 March 1906, Berlin

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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
  1. Die Welträtsel und die Anthroposophie

14. Die Kinder des Luzifer

14. The Children of Lucifer

[ 1 ] Vor acht Tagen durfte ich hier vor Ihnen über die Idee des Luzifer sprechen. Heute obliegt es mir, in Anknüpfung an jenen Vortrag, über diese selbe Idee und ihre Bedeutung für die menschliche Entwickelung einiges auszuführen, und ich darf dabei anknüpfen an ein hervorragendes Kunstwerk, an «Die Kinder des Lucifer» von Edouard Schuré.

[ 1 ] Eight days ago, I had the privilege of speaking to you here about the concept of Lucifer. Today, following up on that lecture, it falls to me to elaborate on this same idea and its significance for human development, and in doing so, I would like to draw on an outstanding work of art: “The Children of Lucifer” by Edouard Schuré.

[ 2 ] Wer in der Theosophie nur eine Summe von Lehren und Dogmen sieht oder in der Theosophischen Gesellschaft nur eine Sekte, die sich mit ganz bestimmten religionsphilosophischen oder sonstigen Ideen befaßt und eine dahingehende Lebensführung bezweckt, der wird sich vielleicht über das Thema des heutigen Vortrages etwas wundern können. Wer aber in der Theosophie etwas sieht, was wie eine Vertiefung unseres ganzen geistigen Lebens, ja noch mehr, wie eine Vertiefung unserer ganzen Kultur anzusehen ist, der wird es begreiflich finden, daß diese’Theosophie nicht nur in den engen Grenzen, die soeben angedeutet worden sind, gesucht wird, sondern in allen Gebieten, in allen Zweigen des Lebens und daher vor allen Dingen auch in der Kunst.

[ 2 ] Anyone who sees Theosophy merely as a collection of teachings and dogmas, or the Theosophical Society merely as a sect concerned with very specific religious-philosophical or other ideas and aiming to promote a corresponding way of life, may perhaps be somewhat surprised by the topic of today’s lecture. But anyone who sees in Theosophy something that can be regarded as a deepening of our entire spiritual life—and even more, as a deepening of our entire culture—will find it understandable that this “Theosophy” is sought not only within the narrow boundaries just mentioned, but in all fields, in all branches of life, and therefore, above all, in art.

[ 3 ] Gar viele stehen ja auf einem Standpunkt, der sie in dem Glauben läßt, daß die Theosophie etwas Weltfremdes, ja sogar etwas Lebensfeindliches sei. Diejenigen, die so glauben, haben wohl die eigentlichen Grundlagen der theosophischen Weltbewegung noch nicht zu den ihrigen gemacht. Und gerade ein Kunstwerk wie Edouard Schurés «Die Kinder des Lucifer» zeigt uns, daß das lebendige Schaffen und Wirken des Künstlers nicht nur nicht beeinträchtigt wird durch die theosophische Vertiefung, sondern daß die wahre Theosophie und das wahre theosophische Leben gerade der Kunst einen im eminentesten Sinn hohen Flug und außerordentlich kräftige Impulse zu geben in der Lage ist.

[ 3 ] Quite a few people hold a view that leads them to believe that Theosophy is something out of touch with reality, or even something hostile to life. Those who believe this have apparently not yet made the very foundations of the Theosophical World Movement their own. And it is precisely a work of art such as Edouard Schuré’s *The Children of Lucifer* that shows us that not only is the artist’s creative work and activity in no way impaired by theosophical study, but that true Theosophy and the true theosophical life are capable of giving art, in the most eminent sense, a soaring flight and extraordinarily powerful impulses.

[ 4 ] Zwar möchte ich nun anknüpfen an dieses Drama «Die Kinder des Lucifer», aber wenn wir uns ein wenig einlassen gerade auf die Entstehungsweise dieser dramatischen Dichtung in unserer Zeit und auf das eigenartige Gefüge des Geistes, aus dem dieses Kunstwerk hervorgegangen ist, so werden wir zu gleicher Zeit in der Lage sein, manchen tiefen Blick in dasjenige zu tun, was man im wahren Sinne des Wortes theosophisches Leben nennen kann.

[ 4 ] Although I would now like to pick up on this drama, *The Children of Lucifer*, but if we take a moment to delve into the very process by which this dramatic work came into being in our time—and into the unique structure of the spirit from which this work of art emerged—we will at the same time be able to gain some profound insight into what can be called, in the true sense of the word, theosophical life.

[ 5 ] Edouard Schuré hat wohl die besten Kräfte seines Wirkens gerade aus der theosophischen Weltanschauung gezogen, und er gehört zweifellos zu den auserlesensten Schriftstellern auf dem theosophischen Gebiete. Wer von irgendeinem weiteren Gesichtspunkte aus als demjenigen der bekannten Kompendien und kleineren Handbücher Eingang finden will in das theosophische Leben, der kann es vor allen Dingen durch die Werke Edouard Schurés, des bedeutenden französischen Schriftstellers. Schon die Eigenart, wie Schur& zu dem gekommen ist, was seinen Geist beflügeln sollte, künstlerisch zum Ausdruck zu bringen, was wir in den «Kindern des Lucifer» vor uns haben, ist theosophisch höchst interessant. In dem schönen Denkmal, das er einer Persönlichkeit gesetzt hat, die auf sein Seelenleben den denkbar tiefsten Einfluß genommen hat, wird uns das erzählt. Da kommen wir auf eine höchst interessante Tatsache des modernen Geisteslebens. Edouard Schuré hat ein Buch herausgegeben und mit einer Einleitung versehen, welches von einer Persönlichkeit ist, die tief in die Geheimnisse des Daseins hineingeschaut hat. Es ist ein Buch, dem man den Künstler ansieht. In diesem Buche atmet ein Geist, der sich unterscheidet von dem, welchen wir sonst in ähnlichen Schriften finden können, ein Geist, der unmittelbar wirkliche Theosophie in sich als Leben verarbeitet und aufgenommen hat. Die Persönlichkeit, die über Corregio geschrieben hat und Margherita Albana heißt, nennt Schuré seine Führerin zur Zeit ihres Lebens, er nennt sie den Geist seiner Seele nach ihrem Tod. Und man kann sich, wenn man in die Psychologie von Schurés Schaffen hineinsieht, nicht leicht treffender ausdrücken, als er es getan hat.

[ 5 ] Edouard Schuré undoubtedly drew the greatest inspiration for his work from the theosophical worldview, and he is undoubtedly one of the most distinguished writers in the field of theosophy. Anyone who wishes to gain an entry into theosophical life from a perspective other than that offered by the well-known compendia and shorter handbooks can do so, above all, through the works of Edouard Schuré, the eminent French writer. Even the unique way in which Schuré arrived at what would inspire his spirit to artistically express what we find in *The Children of Lucifer* is of great theosophical interest. This is recounted to us in the beautiful tribute he has paid to a figure who exerted the deepest conceivable influence on his inner life. Here we come to a highly interesting aspect of modern spiritual life. Edouard Schuré has published a book—and provided it with an introduction—that is the work of a figure who has gazed deeply into the mysteries of existence. It is a book in which the artist’s hand is clearly evident. In this book there breathes a spirit distinct from that which we might otherwise find in similar writings—a spirit that has directly assimilated and made real theosophy its very life. The individual who wrote about Corregio—whose name is Margherita Albana—is described by Schuré as his guide during her lifetime; after her death, he calls her the spirit of his soul. And when one looks into the psychology of Schuré’s work, one cannot express it more aptly than he has done.

[ 6 ] Es ist im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine solche Zeit gewesen, in der es einigen tiefer veranlagten Naturen gegönnt war, wieder einmal einenBlick hineinzutun in wahres Geistesleben, nachdem man lange Zeit unter Geist kaum etwas anderes verstanden hat als eine Summe von abstrakten Begriffen, nachdem man lange Zeit mit dem Worte Geist nicht eigentlich etwas Wirkliches verbunden hat. Wir werden, wenn wir uns vertiefen auf der einen Seite in Schurésches Schaffen und auf der andern Seite uns vertiefen in den Geist derjenigen Persönlichkeit, die er seine Führerin nennt, unmittelbar erinnert an dasjenige, was innerhalb der griechischen Mysterienanschauung in der Morgenröte unseres abendländischen Geisteslebens unter dem Begriff Gott und göttliches Leben verstanden worden ist. Das Wort Theosophie ist später erst entstanden. Zuerst wurde es gebraucht von dem Apostel Paulus. Es ist aber ein gemeinsames Eigentum aller tiefer Erkennenden gewesen, und wir brauchen uns nur einzulassen auf dasjenige, was innerhalb des vergeistigten Christentums als Theosophie vorhanden war, als göttlicher Begriff, als Begriff vom göttlichen Leben, und Sie werden die Tatsache des Geistes gleich in einer ganz andern Weise erfassen können, als das mit den heutigen Begriffen, wie sie noch gang und gäbe sind, möglich ist. Der Grieche verstand unter Gott, unter dem göttlichen Wesen noch nichts anderes als ein solches Wesen, das zwar hinsichtlich seiner Eigenschaften, hinsichtlich seiner Fähigkeiten weit über das Maß des Menschlichen hinausragt, das aber trotzdem gleichartig ist mit dem Menschen. Und er nennt den Menschen einen werdenden Gott, und einen jeglichen Gott faßt er so auf, daß er einst die Schule der Menschheit durchgemacht hat. Sah der Grieche zu seinem Gotte auf, so sagte er sich: Die Leiden und Freuden, die Erfahrungen des Lebens, die ich jetzt durchzumachen habe, die haben die Götter einst ebenso durchgemacht wie ich selbst. Sie sind früher durch diese Schule des Lebens durchgegangen, die ich jetzt absolviere, und ich werde später mich aufgeschwungen haben zu jenen Sphären des Schaffens, zu jenen Sphären des Wirkens, auf denen heute die Götter stehen. — Altere Brüder in der ganzen kosmischen Entwickelung nennt der Grieche seine Götter, und im Menschen selbst sah er eine Anlage, die einstmals dasselbe werden soll, was heute die Götter sind.

[ 6 ] The last third of the 19th century was a time when certain deeply sensitive souls were granted the opportunity to once again gain insight into true spiritual life, after a long period during which “spirit” had been understood as little more than a collection of abstract concepts, and after a long period during which the word “spirit” had not actually been associated with anything real. When we immerse ourselves, on the one hand, in Schuré’s work and, on the other hand, in the spirit of the personality he calls his guide, we are immediately reminded of what was understood by the terms “God” and “divine life” within the Greek view of the mysteries at the dawn of our Western spiritual life. The word “theosophy” did not emerge until later. It was first used by the Apostle Paul. But it has been the common heritage of all those with deep insight, and we need only engage with what existed within spiritualized Christianity as theosophy—as a divine concept, as a concept of divine life—and you will immediately be able to grasp the reality of the spirit in a completely different way than is possible with today’s concepts, as they are still commonly used. The Greeks understood God—the divine being—as nothing other than a being who, while far surpassing the human in terms of attributes and abilities, is nonetheless of the same nature as human beings. And they called human beings “gods-in-the-making,” and they conceived of every god as one who had once passed through the school of humanity. When the Greeks looked up to their god, they said to themselves: The sufferings and joys, the experiences of life that I must now endure—the gods once endured them just as I do. They have previously passed through this school of life that I am now completing, and I, too, will later have risen to those spheres of creation, to those spheres of activity, where the gods stand today. — The Greeks call their gods “elder brothers” throughout the entire course of cosmic evolution, and in human beings themselves they saw a potential that is destined to become one day what the gods are today.

[ 7 ] Das gibt ein anderes Verhältnis zu dem Göttlichen, als dasjenige ist, das nur aufblickt zu etwas Göttlichem, bloß erahnt etwas im Jenseits. So wie sich hier in der physischen Welt für den Griechen aufbaut die Welt der äußeren Naturreiche, der sinnlichen Naturreiche, vom Mineralischen durch das Pflanzliche und Tierische bis hinauf zum Menschlichen, so stand über dem Menschlichen die Hierarchie, die Reihenfolge der Götter. Tatsächliche, über dem Menschenreiche liegende Reiche waren ihm die Welten, welche die Götter ausmachten. Und dasjenige, was der Grieche erleben sollte in denjenigen Schulen, die zu gleicher Zeit Kultstätten waren, die man Mysterien nannte, das bezeichnete er nicht als ein abstraktes, bloß wissenschaftliches Erkennen irgendwelcher höherer Prinzipien, irgendwelcher Naturgewalten. Nicht in einem symbolischen Sinn, sondern in einem wirklichen Sinn verstand es der Grieche, um was es sich da handelte: daß der Mensch in den Schulen wirklich Umgang pflegte mit den Göttern. Nicht anders kam sich der Mysterienschüler den Göttern gegenüber vor, wie sich das Kind vorkommen muß, wenn es heute noch klein und unentwickelt hinaufsieht zu dem Erwachsenen, der das schon erreicht hat, was es selbst in einer künftigen Lebensepoche erreichen wird. Etwas ganz Reales und Wirkliches waren diese Erlebnisse für die Griechen. Daher war die Theosophie für diejenigen, die zuerst das Wort prägten, nicht ein Wissen von den Göttern, sondern ein Wissen, das auf diese eigentümliche Art gewonnen war durch den Umgang mit höheren geistigen Wesenheiten. Nicht bloß Kenntnisse gewann derjenige, der in die Mysterien eingeweiht wurde, sondern möglich wurde es ihm gemacht, umzugehen mit den Göttern, oder sagen wir mit den Geistern, so wie er hier auf unserer Erde mit Menschen umgeht. Und dasjenige Wissen, welches der Mensch erwirbt durch die Vermittlung der Sinne, das nannte man natürliches Wissen. Das Wissen aber, das man von den Göttern selbst empfing, das nannte man ein göttliches Wissen: Theosophie.

[ 7 ] This creates a different relationship to the divine than one that merely looks up to something divine or merely senses something in the afterlife. Just as the world of the outer natural realms—the sensory natural realms—unfolds here in the physical world for the Greeks, from the mineral through the plant and animal realms up to the human realm, so too did the hierarchy, the order of the gods, stand above the human realm. For the Greeks, the worlds constituted by the gods were actual realms lying above the human realm. And what the Greeks were to experience in those schools—which were at the same time places of worship known as the Mysteries—they did not regard as an abstract, merely scientific understanding of some higher principles or natural forces. The Greeks understood what was at stake not in a symbolic sense, but in a real sense: that in these schools, human beings truly interacted with the gods. The initiate in the Mysteries felt no differently toward the gods than a child must feel today when, still small and undeveloped, it looks up to the adult who has already attained what the child itself will achieve in a future phase of life. These experiences were something entirely real and genuine for the Greeks. Therefore, for those who first coined the term, theosophy was not knowledge about the gods, but knowledge gained in this unique way through communion with higher spiritual beings. Those who were initiated into the mysteries did not merely gain knowledge; rather, they were enabled to interact with the gods—or, let us say, with the spirits—just as they interact with human beings here on Earth. And the knowledge that human beings acquire through the senses was called natural knowledge. But the knowledge received directly from the gods themselves was called divine knowledge: theosophy.

[ 8 ] Ich weiß sehr gut, daß die meisten derjenigen, die aus der heutigen Anschauungsweise heraus denken, in einer solchen Redewendung, wie sie eben von mir gebraucht worden ist, nichts weiter sehen können als ein bloß poetisches Bild, als ein Sinnbild oder etwas höchst Phantastisches und Abergläubisches. Es ist nicht das eine, wie auch nicht das andere; es ist etwas, was der Mensch wirklich und wahrhaft erleben kann. Wirklich und wahrhaft kann es der Mensch dazu bringen, daß er, wie er den Blick auf die sinnliche Wesenheit richtet, ebenso den Blick hinaufrichten kann zu den über ihm stehenden geistigen Wesenheiten, die sich dem sinnlichen Auge, wie allen Sinnen, entziehen, aus dem Grunde, weil sie die Stufen der Geistigkeit durchgemacht haben und nicht mehr ein Dasein für die Sinne haben, Das war es, was in den Mysterien der Griechen angestrebt worden ist: eine Entwickelung des Menschen zum Umgang mit den höheren Wesenheiten.

[ 8 ] I am well aware that most people who think from today’s perspective can see nothing more in a turn of phrase such as the one I have just used than a mere poetic image, a symbol, or something highly fantastical and superstitious. It is neither one nor the other; it is something that a person can truly and genuinely experience. A person can truly and genuinely bring about a state in which, just as he directs his gaze toward the physical world, he can likewise direct his gaze upward toward the spiritual beings above him, who are hidden from the physical eye—as well as from all the senses—for the reason that they have passed through the stages of spirituality and no longer exist for the senses, This was what was sought in the Greek mysteries: a development of the human being toward communion with the higher beings.

[ 9 ] Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war es, wie ich sagte, wieder einigen tieferen Naturen gegönnt, etwas zu verstehen von dem, was eigentlich mit einer solchen Sache gemeint ist. Vor allem gehörte eine Persönlichkeit wie Margherita Albana dazu. Ich möchte aber sagen, eine solche Persönlichkeit war nicht durch jene große geistige Kunst eingeweiht, welche derjenige durchmachen mußte, welcher innerhalb der griechischen Mysterien den Umgang mit den Göttern pflegen wollte. Eine solche Persönlichkeit war eine Natureingeweihte, wie es Naturdichter gibt. Darauf kann ich mich aber nicht weiter einlassen, daß eine Seele, die auf natürliche Art eingeweiht ist in frühere Daseinsstufen, bereits Erlebnisse hinter sich hat, so daß das, was sie jetzt erlebt, nur Erinnerungen sind an frühere Daseinsstufen. Was aber vor allen Dingen einer so geistigen Persönlichkeit, wie sie Margherita Albana war, zugrunde liegt, das ist die Möglichkeit, durch Verwandlung ganz bestimmter niederer Kräfte unseres Daseins hineinzuschauen in die höhere Welt. Was heißt das?

[ 9 ] In the last third of the 19th century, as I said, a few individuals of deeper character were once again granted the ability to understand something of what such a matter actually entails. Above all, a figure like Margherita Albana was among them. I would like to point out, however, that such a personality was not initiated through that great spiritual art which had to be undergone by anyone who wished to cultivate a relationship with the gods within the Greek mysteries. Such a person was naturally initiated, just as there are poets of nature. I cannot go into further detail here, but a soul that is naturally initiated into earlier stages of existence has already had experiences, so that what it now experiences are merely memories of those earlier stages. But what underlies a spiritual personality such as Margherita Albana above all else is the ability to glimpse into the higher world through the transformation of very specific lower forces of our existence. What does that mean?

[ 10 ] Alle höheren Erkenntnismittel des Menschen sind im Grunde genommen Umwandlungen untergeordneter Kräfte. Dasjenige, was noch der unentwickelte Mensch in weit entlegener Vorzeit als unentwickelte dumpfe Sinne hatte, kann umgewandelt werden zu dem Auge, das uns die Herrlichkeit des Sonnenlichtes erschließt. Oder vergegenwärtigen Sie sich einmal, wie unvollkommen das Organ des Ohres ist auf den unteren Entwickelungsstufen! Alles was höhere Organe sind, alles was der Mensch in sich hat, auf daß ihm die herrliche Natur rings um ihn herum aufgeschlossen wird in der herrlichsten Weise, alles das sind Umgestaltungen, Metamorphosen niederer Kräfte. Ebensokönnen auch Kräfte, welche der Mensch heute hat, umgestaltet werden zu höheren Sinnesorganen.

[ 10 ] All of humanity’s higher means of cognition are, in essence, transformations of subordinate forces. What the undeveloped human being possessed in distant prehistory as undeveloped, dull senses can be transformed into the eye that reveals to us the splendor of sunlight. Or just imagine how imperfect the organ of hearing is at the lower stages of development! All higher organs, everything that human beings possess so that the magnificent nature surrounding them may be revealed to them in the most magnificent way—all of these are transformations, metamorphoses of lower forces. In the same way, the forces that human beings possess today can also be transformed into higher sensory organs.

[ 11 ] So sind einige Menschen eben mit höheren Sinnesorganen gerade im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ausgestattet gewesen. Dadurch öffnete sich für sie der Blick in die geistige Umwelt. Was andere Menschen nur in abstrakten Begriffen oder Ahnungen haben, die Wirklichkeit des göttlichen Daseins, war ihnen dadurch eine ebensolche Gewißheit, wie für die andern Menschen die sinnlichen Dinge eine wirkliche Gewißheit sind. Kunde und Mitteilung von höheren Welten konnten solche Persönlichkeiten geben. Und die empfängJiche Natur von Edouard Schur& konnte angeregt und inspiriert werden zu dem Schönsten und Größten gerade durch solche Menschen. Edouard Schur& vereinigte gerade in diesem Drama, das Sie in einer Übersetzung von Marie von Sivers hier erhalten können, Seele und Geist und tiefes esoterisches Wissen, wahrhafte geistige Erkenntnis mit einer wirklich Schillerschen Diktion und Kraft der Sprache. Und das macht das Drama der «Kinder des Lucifer» zu einem solchen, das nicht bloß etwa aus dem Geist der Gegenwart, wie er in wenigen sich jetzt verkörpert, sondern das geradezu aus dem Geist der nächsten Menschheitszukunft heraus geschaffen wurde, zu einem Werk, in dem sich diejenigen, die Anlage und Begabung dazu haben, für sich etwas hinaufentwickeln können zu den höchsten und bedeutsamsten theosophischen Ideen. Gerade das ging Edouard Schuré auf, was sich in den griechischen Mysterien und in jenen Weihekulten abspielte,

[ 11 ] Some people were indeed endowed with higher sensory faculties, particularly in the last third of the 19th century. This opened their eyes to the spiritual world. What others can only grasp in abstract concepts or intuitions—the reality of divine existence—was for them just as certain as sensory phenomena are for other people. Such individuals were able to convey knowledge and messages from higher worlds. And it was precisely through such people that Edouard Schur’s receptive nature could be stimulated and inspired to create the most beautiful and greatest works. In this very drama—which you can read here in a translation by Marie von Sivers—Edouard Schur’ united soul and spirit, profound esoteric knowledge, and true spiritual insight with a truly Schillerian diction and power of language. And this is what makes the drama *The Children of Lucifer* one that was created not merely from the spirit of the present—as embodied in a few today—but rather directly from the spirit of humanity’s immediate future; a work in which those who possess the aptitude and talent can develop themselves toward the highest and most significant theosophical ideas. This is precisely what struck Edouard Schuré—what took place in the Greek mysteries and in those initiation rites,

[ 12 ] Sie wissen alle, daß auch innerhalb des deutschen Geisteslebens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein Hauch zu verspüren war, der ausging von einer Art von Verständnis für das, was in den griechischen Mysterien vorliegt. Alles was sich um den Namen Richard Wagner auslebt, war in gewisser Weise inspiriert von dem Geist des griechischen Mysterienwesens. Wir werden in den nächsten Vorträgen noch manches über dieses Kapitel zu sprechen haben. Sie wissen ferner, daß einer derjenigen Geister, die mit Richard Wagner eng verbunden waren, Friedrich Nietzsche, sein erstes Werk über die griechische Tragödie verfaßt hat und daß er darin zeigen wollte, wie aus einem uralten GeistesJeben heraus diese griechische Tragödie erwachsen ist. Nicht so weit wie Edouard Schur6, nicht hinein in die Mysterien, wohl aber bis zu den Pforten, bis an die Tür der Mysterien führte Friedrich Nietzsche dazumal sein Weg, als er das Werk verfaßte: Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des griechischen Geisteslebens.

[ 12 ] You all know that even within German intellectual life in the last third of the 19th century, there was a certain atmosphere that stemmed from a kind of understanding of what lies at the heart of the Greek mysteries. Everything associated with the name Richard Wagner was, in a certain sense, inspired by the spirit of the Greek mystery traditions. We will have much more to say about this topic in the coming lectures. You also know that one of the thinkers closely associated with Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, wrote his first work on Greek tragedy and that in it he sought to show how this Greek tragedy arose from an ancient spiritual life. Not as far as Edouard Schur⁶—not into the mysteries themselves, but certainly as far as their gates, to the very threshold of the mysteries—did Friedrich Nietzsche venture at the time he wrote *The Birth of Tragedy from the Spirit of Greek Life*.

[ 13 ] Zwei Worte sind es, die vor seinem Geiste gestanden haben: das Apollinische auf der einen, das Dionysische auf der andern Seite. Was meinte Nietzsche mit diesen beiden Worten? Er verstand darunter zwei Geistesströmungen. Das Dionysische, sagt er, ist dasjenige, was ganz und gar in jenem Element des menschlichen Geisteslebens lebt, das sich eins weiß mit dem ganzen kosmischen Geiste ringsum. — Das Dionysische ist für Friedrich Nietzsche ein Rausch, den der Mensch durchlebt, wenn er sich ganz und gar durchdringt, seinem Wesen nach durchsetzt mit jenem Kern des höchsten Geisteslebens, das den ganzen Kosmos durchflutet. Nietzsche ahnte so etwas von dem, was die Pythagoräer Sphärenmusik nannten, etwas von jenem Urchor, von dem auch Goethe spricht, indem er seinen «Faust» beginnen läßt mit den Worten:

[ 13 ] Two words stood before his mind: the Apollonian on one side, the Dionysian on the other. What did Nietzsche mean by these two words? He understood them to refer to two currents of thought. The Dionysian, he says, is that which lives entirely within that element of human spiritual life that knows itself to be one with the entire cosmic spirit all around. — For Friedrich Nietzsche, the Dionysian is an ecstasy that a person experiences when he is completely permeated, in his very essence, by that core of the highest spiritual life that floods the entire cosmos. Nietzsche sensed something of what the Pythagoreans called “sphere music,” something of that primordial chorus of which Goethe also speaks when he begins his *Faust* with the words:

Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschrieb’ne Reise
Vollendert sie mit Donnergang.

The sun resounds in the ancient way
A contest of song in the spheres of the brotherhood,
And its prescribed journey
It completes with a thunderous roar.

[ 14 ] Von jenem geheimnisvollen Hören und Hinhorchen auf das, was den Kosmos durchströmt, was die Planeten um ihre Sonne tanzen macht, was die Sphären belebt, von dem ahnte Nietzsche und er ahnte davon, daß in diesem Sphärentanz sich ein Göttliches auslebt und daß die Menschen sich durchdringen können mit dem Hauch des Göttlichen, und daß der Mensch dann sich eins fühlt mit dem ganzen Weltenall. Dann, meint Nietzsche, lebt der Mensch in einer Art von Rauschgefühl, dann lebt er nach, was das ganze Weltenall durchströmt, dann lebt in ihm ein Nachhall jenes Gottes, den der Grieche den Dionysos nennt.

[ 14 ] Nietzsche had a sense of that mysterious act of listening and attuning oneself to what flows through the cosmos—what makes the planets dance around their sun, what animates the spheres—and he sensed that within this dance of the spheres, something divine expresses itself, and that human beings can become imbued with the breath of the divine, and that human beings can then feel at one with the entire universe. Then, Nietzsche argues, human beings live in a kind of ecstatic state; then they live out what flows through the entire universe; then an echo of that god whom the Greeks call Dionysus lives within them.

[ 15 ] Das ist derjenige Gott für Nietzsche, der ausgeströmt ist in die ganze materielle Welt um uns herum, der in der materiellen Welt begraben liegt und der dann in dem menschlichen Geist, in der menschlichen Seele seine Auferstehung feiert. So daß der Dionysos-Jünger, der, welcher von dem Dionysos ergriffen wird, unter dem Einfluß dieses Gottes seine Gesänge, seine Inspirationen vollbringt und dasjenige ausfließen läßt, was man die unmittelbare, aus dem Göttlichen hervorgegangene dionysische Kunst nennt. So war der Dionysos-Tänzer und Dionysos-Sänger der Repräsentant des dionysischen Gottesprinzips in der Welt. Dieses Dionysos-Drama ist Nietzsche das Urdrama, und das spätere Drama ist nur dadurch entstanden, daß ein Abbild geschaffen worden ist, ein ruhiges, traumhaftes Abbild des ursprünglichen Dionysos-Rausches. Was der Dionysos-Jünger empfängt, was vor seinen Sinnen aufsteigt, das kann er in abgeklärter apollinischer Art wiedergeben. So ist die apollinische Kunst etwas, was hinterher geschaffen worden ist als Abbild der dionysischen Kunst. Es ist das Abbild, der Zugang, die Ahnung von etwas, was im alten Griechenland lebte. Nietzsche wies schon hin auf die Urzeit, in der tatsächlich die Dionysos-Jünger nicht bloß sprachen von dem Gott, sondern in ihren Bewegungen, in ihrer Stimme und in ihrem Wirken das Göttliche darlebten als die ursprünglichen Künstler. Alle spätere Kunst erschien Nietzsche nur wie ein später Nachklang dieser Urkunst. Alle Wissenschaft erschien ihm nur wie ein schattenhaftes Abbild jenes von den Menschen hervorgerufenen Darstellens der Kräfte selbst.

[ 15 ] For Nietzsche, this is the God who has poured out into the entire material world around us, who lies buried in the material world, and who then celebrates his resurrection in the human spirit, in the human soul. Thus, the disciple of Dionysus—the one who is seized by Dionysus—under the influence of this god performs his songs and his inspirations, giving free rein to what is called the immediate Dionysian art that springs from the divine. Thus, the Dionysian dancer and singer was the representative of the Dionysian divine principle in the world. For Nietzsche, this Dionysian drama is the primordial drama, and later drama arose only through the creation of an image—a calm, dreamlike image of the original Dionysian ecstasy. What the Dionysian disciple receives—what rises before his senses—he can render in a serene, Apollonian manner. Thus, Apollonian art is something that was created later as a reflection of Dionysian art. It is the image, the approach, the inkling of something that lived in ancient Greece. Nietzsche had already pointed to the primeval age in which the followers of Dionysus did not merely speak of the god, but—as the original artists—enacted the divine in their movements, their voices, and their actions. To Nietzsche, all later art appeared merely as a belated echo of this primal art. All science seemed to him merely a shadowy reflection of that human-evoked representation of the forces themselves.

[ 16 ] In Richard Wagners Kunst sah Nietzsche eine Erneuerung jener großen Kunst, die den Menschen wiederum verbindet mit dem Göttlichen. Deshalb war es für Nietzsche klar, daß Richard Wagner nicht menschliche Gestalten auf die Bühne bringen konnte, sondern daß er übermenschliche Gestalten brauchte, die nicht bloß dasjenige, was in dieser Welt geschieht, darstellten, sondern auch dasjenige, was hinter dieser Welt im Geiste wirkt. So wie im DionysosDrama der griechische Künstler es konnte, so mußten im Sinne Nietzsches auch Richard Wagners Gestalten, auf die Bühne heruntergestellt, hinausgewachsen sein über das gewöhnliche Menschliche, damit sie etwas verkörpern können, von dem der Mensch sagen kann, sie sind da zu dem, was einst kommen wird. In seinem Buche «Das musikalische Drama» hat Schuré ebenfalls aus diesem Geiste, der um Wagner herum war, geschaffen, und er hat in großartiger Weise die Idee des musikalischen Dramas hingestellt; denn er ist durch die im Jahre 1887 verstorbene Margherita Albana in die wahre geistige Welt, in die geistige Wirklichkeit eingeführt worden. Aus der Ahnung ist für ihn Realität geworden, und damit konnte er den Schlüssel finden zu dem Inneren der griechischen Mysterien. Besser als irgendeiner vermochte es Edouard Schuré, hineinzuleuchten in das, was innerhalb der heiligen Mysterien Griechenlands vorging. In seinem Werk «Die Heiligtümer des Orients» hat er mit großer Genialität das sogenannte griechische Urdrama wieder aufzubauen verstanden. Was war nun das eleusinische Urdrama? Nichts anderes als eine Wiedergabe eines Erlebnisses, das überhaupt nicht innerhalb der sinnlichen Welt erlebt werden kann, das nur dann erlebt werden kann, wenn der Mensch sich hinaufentwickelt dahin, wo höhere Sinne ihm erwachen, wo er sich klar darüber wird, daß alle Naturgesetze, die er kennenlernt, nicht abstrakte Begriffe sind, sondern wirkliche Gedanken von Wesenheiten, die eben die griechischen Götter genannt worden sind. So wie der Mensch heute mit seinen Gedanken schafft, und wie er in seine Werke seine Gedanken hineinlegt, so haben seine älteren Brüder, die Götter, ihre Gedanken hineingelegt in die Welt des Daseins.

[ 16 ] In Richard Wagner’s art, Nietzsche saw a renewal of that great art which once again connects humanity with the divine. Therefore, it was clear to Nietzsche that Richard Wagner could not bring human figures to the stage, but rather that he needed superhuman figures who did not merely depict what happens in this world, but also what works behind this world in the spirit. Just as the Greek artist was able to do in the Dionysian drama, so too, in Nietzsche’s view, Richard Wagner’s characters—when brought down to the stage—had to have transcended the ordinary human condition so that they could embody something of which one might say: they are here for what is yet to come. In his book *The Musical Drama*, Schuré likewise created out of this spirit that surrounded Wagner, and he presented the idea of the musical drama in a magnificent way; for he had been introduced to the true spiritual world, to spiritual reality, by Margherita Albana, who died in 1887. For him, intuition became reality, and through this he was able to find the key to the inner essence of the Greek mysteries. Better than anyone else, Edouard Schuré was able to shed light on what took place within the sacred mysteries of Greece. In his work *The Sanctuaries of the Orient*, he demonstrated great genius in reconstructing what is known as the primordial Greek drama. What, then, was the Eleusinian primordial drama? Nothing other than a reenactment of an experience that cannot be experienced at all within the sensory world—an experience that can only be experienced when a human being evolves to a level where higher senses awaken within them, where they become clearly aware that all the laws of nature they come to know are not abstract concepts, but actual thoughts of beings who have been called the Greek gods. Just as human beings today create with their thoughts, and just as they imbue their works with their thoughts, so too have their elder brothers, the gods, imbued the world of existence with their thoughts.

[ 17 ] Versetzen wir uns in den Geist eines solchen griechischen Mysterienschülers, der eingeweiht worden ist. Er sagte sich, wenn er mit unseren Worten hätte sprechen können: Seht euch ein Kunstwerk, eine Maschine an, was sind sie? Werke sind sie von Menschen, nach menschlichen Gedanken geformt. Steht ihr vor dem. Kunstwerk, vor der Maschine, so seht ihr durch das Werk auch den Künstler, den Mechaniker, und ich verstehe das Werk, wenn sich mir die Gesetze enthüllen. Und was sind diese Gesetze? Sie sind das, was zuerst gelebt hat im Kopfe, im Geiste eines Menschen. Wie kristallisiert sind die Gedanken des Mechanikers, des Künstlers in dem materiellen Werkzeug, in dem marmornen Kunstwerk. Und wie ich vom Kunstwerk und von der Maschine zum Künstler und zum Mechaniker hinschaue, so schaute der griechische Künstler von der Erde zu den höheren Wesen hin. Wenn er die Gesetze durchdringen wollte, durch die ein Tier aufgebaut war, dann sagte er sich, Gedanken von Wesenheiten göttlicher Natur sind dadrinnen. Wie in der Maschine der Gedanke des Mechanikers, so ist im Tier, im Kristall, im Sternenhimmel der Gedanke eines Schöpfers, eines Gottes. — Dieser Gott ist ihm ein Wesen, mit dem er sich selbst verwandt fühlt, ein Wesen ist er ihm, das auf einer Stufe steht, die der Mensch selbst einstmals erreichen wird. Ein Wesen, das hervorgegangen ist aus einer menschlichen Stufe, ist dem Griechen der Gott, und ein Wesen, das einst hinkommen wird zu einer göttlichen Stufe, ist ihm der Mensch. So verkehrte er in den Mysterien mit den Göttern. Er verkehrte mit den Göttern wie mit älteren Brüdern oder wie ein Kind mit Erwachsenen, und das Gefühl, das sich darin ausdrückt, ist etwas ganz Natürliches. Man muß sich erst hineinleben in eine solche Art des Denkens. Von einer solchen Art des Denkens blickt der Mysterienschüler auf zu jenen Wesen, die gleichsam schlummernd oder verkörpert sind in ihren Gedanken in der ganzen Natur, die uns umgibt. In aller Natur erblickten die Mysterienschüler die schlummernden Gottesgedanken. Da hinein ist ausgeflossen das Wesen der Gottheit, und der Mensch ist nur da, damit in ihm diese Gottgedanken wieder zu einem ureigenen Dasein gelangen können. Alle die Gedanken in der Seele des Menschen sind eine Auferweckung des Gottes in der Welt. So hineingestellt in den Kosmos, erscheint das eigene menschliche Leben als ein Nachbild des Heruntersteigens, des Leidens und Sterbens der Gottheit und des Begrabenwerdens der Gottheit in der Materie. Der Mensch ist dazu berufen, die Götter wieder zu erlösen aus der Materie. Das ist der Dionysos-Weg, der Weg, den alle Götter genommen haben. So leben die Götter in ihren Gedanken.

[ 17 ] Let us put ourselves in the mind of such a Greek mystery initiate who has been initiated. If he could have spoken in our words, he would have said to himself: Look at a work of art, a machine—what are they? They are works created by humans, shaped according to human thoughts. When you stand before the work of art, before the machine, you see through the work the artist and the mechanic, and I understand the work when its laws are revealed to me. And what are these laws? They are what first came to life in the mind, in the spirit of a human being. How crystallized are the thoughts of the mechanic and the artist in the material tool, in the marble work of art. And just as I look from the work of art and the machine toward the artist and the mechanic, so did the Greek artist look from the earth toward the higher beings. When he sought to penetrate the laws by which an animal was constructed, he told himself that thoughts of beings of a divine nature were contained within it. Just as the mechanic’s thought is present in the machine, so too is the thought of a Creator, of a God, present in the animal, in the crystal, and in the starry sky. — To him, this God is a being with whom he feels a kinship; to him, it is a being that stands on a level that humanity itself will one day attain. A being that has emerged from a human stage is, for the Greek, a god, and a being that will one day attain a divine stage is, for him, a human being. Thus he communed with the gods in the Mysteries. He communed with the gods as with older brothers or as a child does with adults, and the feeling expressed in this is something entirely natural. One must first immerse oneself in this kind of thinking. From this perspective, the initiate looks up to those beings who are, as it were, slumbering or embodied in their thoughts throughout the nature that surrounds us. In all of nature, the mystery students beheld the slumbering thoughts of God. Into this has flowed the essence of the deity, and the human being is there only so that these divine thoughts may once again attain a life of their own within him. All the thoughts in the human soul are a reawakening of the divine in the world. Placed within the cosmos in this way, one’s own human life appears as a reflection of the descent, the suffering, and the death of the divine, and of the divine being buried in matter. Humanity is called upon to redeem the gods from matter. This is the Dionysian path, the path that all the gods have taken. Thus do the gods live in their thoughts.

[ 18 ] Den Letztgeborenen der Götter nennt man in der Theosophie den Dionysos. Sie wissen, in der Sage wird von ihm gesprochen als von einem Sohne des Zeus mit einer sterblichen Mutter, der Semele. Es wird gesagt, daß er der Mutter entrissen wurde von seinem göttlichen Vater, als diese von dem Blitzstrahl des Zeus getroffen worden war. Dann aber entbrannte die Eifersucht der Göttermutter Hera auf dieses nicht von ihr stammende Kind. Sie hetzte die Titanen auf das Kind, die es zerrissen und die Stücke in alle Welt zerstreuten. Nur das Herz rettete Pallas Athene und brachte es dem Zeus, der von neuem den Dionysos daraus formte.

[ 18 ] In Theosophy, the youngest of the gods is called Dionysus. As you know, the legend speaks of him as a son of Zeus and a mortal mother, Semele. It is said that he was snatched from his mother by his divine father after she had been struck by Zeus’s thunderbolt. But then the jealousy of Hera, the mother of the gods, flared up against this child who was not her own. She incited the Titans to attack the child; they tore him apart and scattered his pieces throughout the world. Only his heart was saved by Pallas Athena, who brought it to Zeus, who fashioned Dionysus anew from it.

[ 19 ] Es wird uns klar, daß dieser Gott vorher schon da war, und es wird uns auch klar, daß diese Gottheit ein besonderes Verhältnis zur Welt hat. Was ist sie? Dargestellt wurde sie in den Mysterien als die Schöpferin desjenigen im Menschen, wozu es die Menschheit am spätesten gebracht hat. Nicht wahr, der Mensch ist, wenn er uns im Leben entgegentritt, teilweise wie aus der Hand der Götter selbst entstanden. In den ersten Jahren seines Lebens tritt er uns auch so entgegen, da er noch nicht ein eigenes Dasein selbst geformt, selbst gebildet hat. Allmählich reift er heran und wird selbständig. Dann arbeitet und formt er an seinem eigenen Dasein. Mehr und mehr erwacht in ihm die Kraft, die ihn zum Schöpfer seines innersten Wesens, zum Bildner seiner Seelen- und Geisteskraft macht. Nun sagt man innerhalb der Mysterienlehren, daß gleichsam der letzte Schritt ins Leben, das der Mensch von der Natur oder von Gott empfängt, zusammenhängt mit dem Gotte Dionysos. Und da berühren wir eines der tiefsten Geheimnisse des griechischen Mysterienwesens, nämlich dasjenige, was man die Geschlechtsreife des Menschen nennt. Der Zeitpunkt, wo er heraustritt aus dem undifferenzierten Geschlechtsleben zu dem differenzierten des Mannes und des Weibes, ist noch der letzte Schritt, den die Natur mit dem Menschen vollbringt, indem sie ihn zu dieser Reife führt, ihn bis dahin bringt, daß in ihm der Trieb erwacht zu dem andern Geschlecht. Was er dann aus diesem Trieb macht, wie er ihn veredelt, wie er ihn mit Seele durchdringt, und was in geistiger Beziehung aus der Liebe gemacht wird, das ist dann des Menschen eigenes Werk. Der letzte Schritt, den die Götter mit dem Menschen vollbringen, ist der, daß sie ihn zum Jüngling, zur Jungfrau in der Geschlechtsreife sich heranentwickeln lassen.Die Kraft, die nun sich für den Mysterienzögling ausdrückt in aller Natur, in aller Erkenntnis, in aller Sinnlichkeit und in allen seelischen Kräften auf den verschiedenen Stufen, die erkennt er nun auch in dieser Hinneigung des einen Geschlechtes zu dem andern.

[ 19 ] It becomes clear to us that this God was already there before, and it also becomes clear to us that this deity has a special relationship to the world. What is it? In the Mysteries, it was portrayed as the creator of that aspect within human beings which humanity has most recently attained. Isn’t it true that when a human being meets us in life, they seem, in part, to have emerged from the very hands of the gods? In the first years of their life, they do indeed appear this way to us, since they have not yet shaped or formed their own existence. Gradually, they mature and become independent. Then they work on and shape their own existence. More and more, the power awakens within him that makes him the creator of his innermost being, the shaper of his soul and spiritual powers. Now, within the mystery teachings, it is said that the final step, as it were, into the life that a human being receives from nature or from God is connected with the god Dionysus. And here we touch upon one of the deepest mysteries of the Greek mystery tradition, namely, what is called human sexual maturity. The moment when a person emerges from undifferentiated sexual life into the differentiated life of man and woman is still the final step that nature accomplishes in the human being, by leading him to this maturity, bringing him to the point where the instinct for the opposite sex awakens within him. What he then makes of this instinct, how he refines it, how he imbues it with soul, and what is made of love in a spiritual sense—that is then the human being’s own work. The final step that the gods accomplish with the human being is to allow him or her to develop into a young man or a young woman in sexual maturity. The power that now manifests itself to the initiate of the Mysteries in all of nature, in all knowledge, in all sensuality, and in all the soul’s powers at the various stages—he now recognizes this same power in the attraction of one sex toward the other.

[ 20 ] Wodurch, so sagt sich der griechische Mysterienschüler, nimmt der Mensch überhaupt wahr? Wodurch nimmt irgendein Wesen überhaupt wahr? Wenn wir uns ein Tier denken, wenn es instinktiv die Pflanzen frißt, die für sein Gedeihen notwendig und nützlich sind, so ist es eine Art von Wahrnehmung. Aber eine höhere Stufe des Wahrnehmens ist es, wenn unser Auge sich hinausrichtet auf das Licht und das Licht gleichsam einsaugt. Ein Wahrnehmen ist die Sinnlichkeit, ist das Sehen, und ein Wahrnehmen ist es auch noch, wenn das eine Geschlecht zu dem andern sich hinneigt. Dann kommt die Umwandlung der niederen Kräfte in höhere und immer höhere. Der letzte Schritt, den die Natur, oder Gott, im freieren Sinne gesprochen, mit dem Menschen unternommen hat, kann ebenfalls umgewandelt werden. Die Sinnlichkeit verwandelt sich in Liebe. Sie vergeistigt sich, sie beseelt sich. Und der Gott, der für den Griechen des Mysteriums nahe war dieser Kraft der Geschlechtsreife, das war ihm Dionysos. Dionysos hatte damit nicht nur diese eine Funktion, denn die Geschlechtsreife hängt noch mit etwas ganz anderem zusammen. Dionysos wird damit erst als der Letztgeborene der Götter verstanden.

[ 20 ] “Through what means,” the Greek mystery school student asks himself, “does a human being perceive at all?” How does any being perceive at all? When we imagine an animal instinctively eating the plants that are necessary and useful for its well-being, that is a kind of perception. But a higher level of perception occurs when our eye turns toward the light and, as it were, absorbs it. One form of perception is sensuality, is seeing; and it is also a form of perception when one sex is drawn to the other. Then comes the transformation of the lower forces into higher and ever higher ones. The final step that nature—or God, in the broader sense—has taken with human beings can likewise be transformed. Sensuality is transformed into love. It becomes spiritualized; it becomes animated. And the god who, for the Greeks of the Mysteries, was closely associated with this force of sexual maturity was Dionysus. Dionysus did not have only this one function, for sexual maturity is connected to something entirely different. It is only in this context that Dionysus is understood as the last-born of the gods.

[ 21 ] Wenn wir den Menschen betrachten, wie er heute vor uns steht, so haben wir ein Wesen vor uns, in dem der Tieferblickende — und derjenige, der sich auf die theosophische Weltanschauung einläßt, wird zu diesem tieferen Blick nach und nach geführt — etwas sieht, was nach und nach zu dem Mann und zu dem Weib geworden ist. Sie brauchen nur, um die griechische Art der Anschauung zu verstehen, Plato zu lesen und ernst zu nehmen, und Sie werden finden, wie er auf eine Zeit hinweist, in der es noch nicht Mann und Weib gab, indem der Mensch noch Mann und Weib zugleich war. Es deutet ja auch die biblische Sage auf ein solches undifferenziertes Menschengeschlecht hin, und der Sündenfall ist im Grunde genommen nichts anderes als die symbolische Darstellung der Geschlechtsdifferenzierung. Wenn wir uns klarwerden, daß der Mensch, wie er vor uns steht, aus einem zweigeschlechtlichen Wesen heraus entstanden ist, so werden wir uns sagen: Im Laufe der Entwickelung hat sich der Mensch sein einseitiges Geschlecht erworben. Er hat sich von der Doppelgeschlechtlichkeit zur Eingeschlechtlichkeit hinentwickelt. Er hat die Hälfte seiner Produktionskraft verloren. Und diese Hälfte ist auf der andern Seite erwacht als die Kraft unserer Seele, als die Kraft unseres Geistes. Damit, daß der Mensch eingeschlechtlich geworden ist — das zeigt uns ein tieferer Blick in die Natur —, ist der Mensch geistig-seelisch produktiv geworden, weil er die Hälfte der physischen Produktionskraft hingegeben hat. Dadurch ist dem Menschen das möglich geworden, was wir im gegenwärtigen Sinne sein Selbstbewußtsein nennen, was wir die Fähigkeit nennen, daß er zu sich «Ich» sagen kann, daß er ein selbständiges Wesen ist, daß er, wenn wir uns bildlich ausdrücken dürfen, aus der Hand der Götter entlassen worden ist und sein eigener Bildner geworden ist. So hängt es in der Entwickelung zusammen, daß der Mensch diejenige Kraft fühlt, die zwar die Grundlage seines Egoismus bildet, die ihn aber zu einem freien, selbstbewußten Wesen macht. So wiederholt sich auf jeder Stufe, wo das Geschlechtliche in irgendeiner Weise seine weitere Entwickelung findet, dieses Selbständigwerden, Freiheitlicherwerden des Menschen.

[ 21 ] When we look at human beings as they stand before us today, we see a being in whom the person with deeper insight—and the one who embraces the theosophical worldview is gradually led to this deeper insight—sees something that has gradually become man and woman. To understand the Greek way of thinking, you need only read Plato and take him seriously, and you will find that he refers to a time when there were not yet men and women, for humanity was still both man and woman at the same time. The biblical narrative also points to such an undifferentiated human race, and the Fall is, in essence, nothing other than the symbolic representation of sexual differentiation. When we realize that human beings, as they stand before us, arose from a being of dual gender, we will say to ourselves: In the course of evolution, human beings have acquired their one-sided gender. They have evolved from dual-gendered to single-gendered. They have lost half of their productive power. And this half has awakened on the other side as the power of our soul, as the power of our spirit. By becoming unisex—as a deeper look into nature reveals to us—human beings have become spiritually and soulfully productive, because they have surrendered half of their physical productive power. This has made possible for human beings what we call, in the modern sense, self-consciousness—the ability to say “I” to oneself, to recognize oneself as an independent being, and, if we may speak figuratively, to have been released from the hand of the gods and to have become one’s own creator. Thus, in the course of development, there is a connection: human beings feel the very force that, while forming the basis of their egoism, also makes them free, self-conscious beings. Thus, at every stage where sexuality finds its further development in any way, this process of human beings becoming more independent and more free repeats itself.

[ 22 ] Der Gott Dionysos ist der Letztgeborene der Götter, das heißt, er ist derjenige, von dem sich die Griechen vorstellten, daß er denMenschen heraufgebracht hat bis zu seiner gegenwärtigen Selbständigkeit. Zeus, Kronos, die älteren Götter, haben den Menschen geschaffen bis dahin, wo er ein doppelgeschlechtliches Wesen war, das in einem dumpfen Bewußtsein lebte, nicht in der Lage war, zu sich Ich zu sagen, ohne Selbstbewußtsein und ohne Freiheit. Der Schöpfer der Selbständigkeit ist Dionysos. Damit war das göttliche Prinzip als ein einheitliches in die ganze Natur ausgeflossen bis zu dem Punkte, wo der Mensch selbständig geworden ist. Dann tritt es uns als Mensch in unzähligen Individuen entgegen.

[ 22 ] The god Dionysus is the youngest of the gods; that is to say, he is the one whom the Greeks imagined had raised humanity to its present state of independence. Zeus, Cronus, and the older gods created humankind up to the point where it was a hermaphroditic being living in a dull state of consciousness, unable to say “I” to itself, without self-awareness and without freedom. The creator of autonomy is Dionysus. Thus, the divine principle, as a unified whole, had flowed out into all of nature to the point where humanity became autonomous. Then it appears to us as humanity in countless individuals.

[ 23 ] Lassen Sie mich dies einmal recht anschaulich machen. Versetzen wir uns zurück in den Zeitpunkt, wo der Mensch noch nicht selbständig war, wo er noch ein doppelgeschlechtliches Wesen mit dämmerhaftem Bewußtsein war. Da könnte man sagen, so wie etwa meine Hand ein Glied meines eigenen Organismus ist, so war dazumal der Mensch ein Glied in der ganzen Gottheit. Sein Bewußtsein ruhte noch im Schoße des göttlichen Bewußtseins. Man konnte noch die Menschen durchschauen bis zur göttlichen Seele hin. Jetzt, wo der Mensch selbständig geworden ist, losgetrennt von dem göttlichen Bewußtsein, da ist diese Seele zerstückelt in ebenso viele Individuen, als es Menschen gibt. Das wurde in großartiger Weise symbolisiert in dem zerstückelten Gott Dionysos, der von den Titanen zerstückelt worden war. Die Weisheit des Menschen symbolisierte man in der Pallas Athene. Sie war wie ein rettendes, mit unserem höheren Geist, mit unserem Herzen gefühltes Einheitsbewußtsein der ganzen Menschheit. Indem wir uns wieder eins fühlen, einen gleichartigen Geist in der ganzen Menschheit entwickeln, wird das Herz des Gottes Dionysos gerettet und wieder hinaufgetragen zu der Wohnstätte der Götter selber. So stellte sich der Grieche vor, daß der Gott Dionysos die Menschen heraufgeführt hat bis zu der Geschlechtstrennung und endlich bis zur Geschlechtsreife. Und in dem Hinneigen des einen Geschlechtes zu dem andern sah man eine der vielen Kräfte, die aus dem Gotte Dionysos stammen. Da wirken dann auf den Menschen, der also in der Welt steht als Geschöpf des Gottes Dionysos, zwei geistige Strömungen, welche der Ausgangspunkt unserer eigenen Kultur sind.

[ 23 ] Let me illustrate this quite clearly. Let’s go back to the time when human beings were not yet independent, when they were still hermaphroditic beings with a dim consciousness. One could say that, just as my hand is a limb of my own organism, so too was the human being at that time a limb of the entire Divinity. His consciousness still rested in the bosom of divine consciousness. One could still see right through human beings to their divine soul. Now that human beings have become independent, separated from divine consciousness, this soul is fragmented into as many individuals as there are human beings. This was magnificently symbolized by the dismembered god Dionysus, who had been torn to pieces by the Titans. Human wisdom was symbolized by Pallas Athena. She was like a saving sense of unity for all humanity, felt through our higher spirit and our hearts. By feeling one again and developing a shared spirit throughout all humanity, the heart of the god Dionysus is saved and carried back up to the abode of the gods themselves. This is how the Greeks imagined that the god Dionysus had led humanity up to the separation of the sexes and finally to sexual maturity. And in the attraction of one sex toward the other, they saw one of the many forces originating from the god Dionysus. Thus, two spiritual currents act upon human beings—who stand in the world as creatures of the god Dionysus—and these are the starting point of our own culture.

[ 24 ] Die eine Strömung ist diejenige, wo in der äußeren, abgeklärten Form und in der Weisheit der Geist wirkt, um in dem sinnlichen Triebe die Schönheit der äußeren Form und der Ordnung zu entfalten. Nicht wild, stürmisch, ungeregelt und ordnungslos soll der Trieb wirken, durch den Dionysos den Menschen bis zur gegenwärtigen Stufe gebracht hat, sondern in Harmonie und Ordnung soll er sich fügen. Dieses Prinzip der äußeren formalen Gestaltung des Dionysos sieht man am besten in der hellenischen und römischen Kunst, in der griechischen Schönheit und in der römischen Staatskunst. Ordnung und Schönheit wurde durch sie hineingebracht in das Zusammenleben der von dem Gotte Dionysos zu selbständigen Wesen geschaffenen Menschen. Und die Seele, die diesen Trieb belebt, die diesen Trieb durchseelt, diese Seele ist zu einer Veredlung, zu einer Vergöttlichung dieses Triebes gebracht worden durch das Christentum; alles dieses, was den Menschen zum Menschen zieht, alles, was die menschliche Gemeinschaft so regelt, daß nicht blinde Begierde, sondern veredelte, vergeistigte, vergöttlichte Begierde waltet, alles dieses wird durch das richtig verstandene Christentum bewirkt. Geist und Liebe sind die zwei Strömungen in der Menschheitsentwickelung.

[ 24 ] One current is that in which the spirit acts through the outward, serene form and through wisdom to unfold, within the sensual drive, the beauty of outward form and order. The impulse through which Dionysus has brought humanity to its present stage should not act in a wild, stormy, unregulated, and disorderly manner, but should conform to harmony and order. This principle of Dionysus’s external, formal shaping is best seen in Hellenic and Roman art, in Greek beauty, and in Roman statecraft. Through them, order and beauty were introduced into the communal life of human beings—who were created by the god Dionysus as independent beings. And the soul that animates this impulse, that permeates this impulse—this soul has been elevated, deified through Christianity; all that which draws human beings toward their humanity, all that which regulates human community in such a way that not blind desire but ennobled, spiritualized, and deified desire prevails—all this is brought about by Christianity, properly understood. Spirit and love are the two currents in human development.

[ 25 ] So etwa steht die gegenwärtige und die in den letzten Jahrtausenden verflossene menschliche Entwickelung vor dem Dichter der «Kinder des Lucifer». Er sieht in dem, was hellenischer Geist und römische Staatskunst geschaffen haben, das eine lebendige und erhebende Prinzip des dionysischen Menschen und auf der andern Seite im Christentum die Vertiefung des Prinzips der Liebe. Jetzt werden wir auch verstehen, wie Edouard Schur& dazu gekommen ist, diese Ideen in einem Kunstwerk zu verarbeiten, das er «Die Kinder des Lucifer» genannt hat.

[ 25 ] This is how the poet of *The Children of Lucifer* views human development—both present-day and that of the past millennia. He sees in what the Hellenic spirit and Roman statecraft have created, on the one hand, the living and uplifting principle of the Dionysian human being, and on the other hand, in Christianity, the deepening of the principle of love. Now we will also understand how Edouard Schur came to incorporate these ideas into a work of art that he called “The Children of Lucifer.”

[ 26 ] In einer Stadt Kleinasiens spielt sich das ganze ab. Dionysia hatte einen Kult, der dem Gotte Dionysos gewidmet war. Diese dionysischen Mysterien werden gefeiert in Dionysia und haben dort eine Mysterienstätte gehabt. Dann ist diese Dionysos-Strömung mit einer zweiten Strömung durchsetzt worden. Es war im 4. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Auf der einen Seite war die römische Weltherrschaft und machte diejenigen, die Dionysos-Verehrer waren, die gewußt haben, daß ein Funke einer göttlichen Seele in ihnen lebt, zu Gliedern der römischen Staatskunst. Und nun treten der griechische Geist und der römische Staatsgeist in Widerspruch. Der ursprüngliche Geist muß revoltieren. Und warum muß er revoltieren? Darum muß er revoltieren, weil die äußere Form das Selbständige eingliedern will. Das kann leicht zu einer äußeren Ordnung werden. Es wird leicht aus dem, was Ordnung, Harmonie und Einheit schaffen soll, zu dem, was die menschliche Freiheit und Selbständigkeit wieder unterdrückt und unterjocht. So ist es auch mit dem römischen Geist — der selbst aus dem dionysischen Geist herausgeboren war — im 4. Jahrhundert gewesen. Und so stehen uns in Dionysia die zwei Strömungen des Menschengeistes gegenüber: auf der einen Seite der Geist, auf der andern Seite der starr gewordene Staatsformalismus. Das sind die zwei Strömungen, die sich ausdehnen über die Dionysos-Mysterien in das Christentum, das vergeistigen sollte den Zug des Menschen zum Menschen, das die Taten des Dionysos veredeln und in ein höheres Licht hinaufrücken sollte, indem es den bloßen Trieb zur Reinheit umgestalten sollte. Es ist aber in jener Zeit, im 4. Jahrhundert, zu einem äußeren Formalismus ausgeartet, der dasjenige entwickelte, was er hätte veredeln sollen, und dasjenige, was er hätte entfalten sollen, unterjocht und unterdrückt hat. So steht auf der einen Seite der knechtende Cäsar und auf der andern Seite der knechtende christliche Priester, der die Liebe nicht herausholt, um sie zu veredeln, sondern sie herausholt, um sie zu ertöten. So sehen wir denn, wie uns in Edouard Schurés Drama zwei Individualitäten als Repräsentanten des hellenisch-römischen Geistes entgegengeführt werden, auf der einen Seite in dem Jüngling, der zuerst Theokles und dann Phosphorus genannt wird und dann in der Jungfrau, die im Dienste des Christentums als reine Opferjungfrau geweiht worden ist. Wir sehen, wie revoltiert Phosphorus, der dem Erstarrenden, dem Cäsarenprinzip gegenüber den dionysischen Menschen in höchster Veredelung zum Dasein rufen will, und auf der andern Seite die christliche Jungfrau, die nicht so vergeistigt ist, daß es sie der Welt entrückt, sondern so vergeistigt, daß sie selbst aufgerufen wird zum Wirken und Schaffen in dieser unmittelbaren Welt. Gegenseitig vertiefen sich diese zwei Individualitäten. Wie schön und groß und gewaltig ist das dargestellt, wie sich diese beiden Individualitäten entwickeln. Phosphorus wird geführt, nachdem er sieht, wie seine Vaterstadt auf der einen Seite vom Cäsarischen, auf der andern Seite vom Christlichen unterjocht wird — auf der einen Seite sieht er den göttlichen Cäsar, auf der andern Seite den aller Welt entrückten, bloß guten Hirten und jene, die ihn anbeten sollen —, er wird geführt vor einen andern Älteren, vor jenen Älteren, den man in der Sprache Griechenlands nennt den Alten des unbekannten, des unbestimmt sich offenbarenden Gottes.

[ 26 ] All of this takes place in a city in Asia Minor. Dionysia had a cult dedicated to the god Dionysus. These Dionysian mysteries were celebrated in Dionysia, where they had a sacred site. Then this Dionysian movement became intertwined with a second movement. It was in the 4th century of the Christian era. On the one hand, there was Roman world domination, which made those who were worshippers of Dionysus—who knew that a spark of a divine soul lived within them—members of the Roman state. And now the Greek spirit and the Roman state spirit came into conflict. The original spirit must revolt. And why must it revolt? It must revolt because the external form seeks to incorporate what is independent. This can easily become an external order. What is meant to create order, harmony, and unity can easily turn into something that once again suppresses and subjugates human freedom and independence. This is also how it was with the Roman spirit—which itself was born out of the Dionysian spirit—in the 4th century. And so, in the Dionysia, we are confronted with the two currents of the human spirit: on the one hand, the spirit; on the other, the now-rigid formalism of the state. These are the two currents that extend from the Dionysian Mysteries into Christianity, which was meant to spiritualize the human impulse toward fellow human beings, to ennoble the deeds of Dionysus and elevate them into a higher light by transforming the mere instinct into purity. But by that time, in the 4th century, it had degenerated into an external formalism that subjugated and suppressed precisely what it should have ennobled and what it should have allowed to unfold. Thus, on the one hand stands the enslaving Caesar, and on the other, the enslaving Christian priest, who does not bring love to the fore in order to ennoble it, but rather to kill it. Thus we see how, in Edouard Schuré’s drama, two individualities are presented to us as representatives of the Hellenic-Roman spirit: on the one hand, the young man who is first called Theokles and then Phosphorus, and on the other, the maiden who has been consecrated in the service of Christianity as a pure sacrificial virgin. We see how Phosphorus rebels—seeking to call the Dionysian human beings into existence in the highest form of ennoblement in opposition to the rigid, Caesar-like principle—and, on the other hand, the Christian maiden, who is not so spiritualized as to be removed from the world, but rather so spiritualized that she herself is called upon to act and create in this immediate world. These two individualities deepen one another. How beautiful, grand, and powerful is the depiction of how these two individualities develop. Phosphorus is led, after seeing how his hometown is subjugated on the one hand by the Caesarian and on the other by the Christian—on the one hand he sees the divine Caesar, on the other the Good Shepherd, detached from the whole world, and those who are to worship him— he is led before another Elder, before that Elder whom the Greek language calls the Elder of the unknown God, the God who reveals Himself in an indefinite manner.

[ 27 ] Es ist eine große Umwandlung, die da unser Phosphorus durchmacht. In einer fernen Bergschlucht sucht er nach einem Anhaltspunkt, und er trifft da auf einen der Tempel, die als Einweihungstempel gegolten haben. Er trifft da auch einen alten Priester, einen der Weisen des unbekannten Gottes. Welchen Gottes? Etwa desjenigen, den man nicht bekennt, nicht unter dieser oder jener Gestalt verehrt? Desjenigen, bei dem man, wenn man danach frägt, keine Antwort erhält, weil jeder sich selbst antworten muß, was nicht in Worte zu fassen ist, was aber als Funke in jedem Menschen lebt? So wahr es ist, daß der Mensch des göttlichen Funkens sich bewußt werden kann, so kann er auch sich bewußt werden, daß sein ganzes Leben ein Hingehen ist zu dem großen Gott, der zugrunde liegt dem, was in den Sternen lebt, was in der Menschenbrust ist, und was noch zugrunde liegen wird alledem, was der Mensch auf seiner höheren Stufe selbst leisten wird, weil er nicht ein Gott der Vergangenheit, sondern ein Gott der Zukunft ist, nicht ein Gott des Gedankens des Vergangenen oder des Gegenwärtigen, sondern ein Gott der Gedanken, die der Mensch einst wird denken können als das Höchste auf der jetzigen Entwickelungsstufe. Deshalb heißt er der unbekannte Gott, weil der Mensch nicht dienen kann einem Gott, der sein Dasein als ein fertiges in der Hand hält, sondern weil er einem Gotte dienen will, der erst in der Zukunft in vollendeter Gestalt dastehen kann. Deshalb hält sich der freie Mensch an den göttlichen Funken in seiner Brust, deshalb hält er sich an dasjenige, was als der zerstückelte Dionysos zunächst in der Welt draußen zerstreut ist. Dann kann er nicht aus irgend etwas anderem als aus diesem abgetrennten Gottesfunken die Kraft zur Aufwärtsentwickelung finden, dann weiß er aber auch, daß diese Aufwärtsentwickelung verbunden ist mit dem Durchgang durch Erkenntnis und Leiden, mit dem Durchgang durch das Böse, weil der Mensch abgelöst ist, seiner inneren Geistigkeit nach, vom Göttlichen. Deshalb müssen in ihm freie Kräfte aufsprießen, um diesen Funken zurückzuführen zur Göttlichkeit. Wären wir im Schoße der Götter geblieben, ohne zersplittert zu sein im Sinne der Dionysos-Sage, dann würde uns die Gottheit selbst hinführen zur Gottseligkeit. Aber so nehmen wir uns wie abgefallene Gottessöhne aus. Und diese Kraft in uns, die uns als Dionysos-Söhne hinführen soll zu dieser Gottseligkeit, diese Kraft in uns ist die Luziferkraft, das luziferische Prinzip, jenes Licht, das der Mensch in Freiheit in sich entzündet, um als ein Teil der göttlichen Wesenheit den ganzen Gott einst zu finden.

[ 27 ] Our Phosphorus is undergoing a great transformation. In a remote mountain gorge, he searches for a point of reference, and there he comes upon one of the temples that were once considered temples of initiation. There he also meets an old priest, one of the sages of the unknown God. Which god’s? Perhaps the one whom one does not profess, whom one does not worship in this or that form? The one from whom, when one asks, one receives no answer, because each person must answer for themselves what cannot be put into words, but which lives as a spark within every human being? Just as it is true that a person can become aware of the divine spark, so too can he become aware that his entire life is a journey toward the great God who underlies what lives in the stars, what is in the human heart, and what will yet underlie all that man himself will accomplish at his higher level—for He is not a God of the past, but a God of the future; not a God of thoughts of the past or the present, but a God of the thoughts that man will one day be able to conceive as the highest at the present stage of development. That is why he is called the unknown God—not because humanity cannot serve a God who holds its existence as a finished whole in his hand, but because humanity wishes to serve a God who can only appear in perfect form in the future. That is why the free human being clings to the divine spark in his breast; that is why he clings to that which, like the dismembered Dionysus, is initially scattered throughout the outside world. Then he can find the power for upward development from nothing other than this severed divine spark; but he also knows that this upward development is linked to the passage through knowledge and suffering, through evil, because man is separated—in terms of his inner spirituality—from the Divine. That is why free forces must spring forth within him to lead this spark back to divinity. Had we remained in the bosom of the gods, without being fragmented in the sense of the Dionysus myth, then the divinity itself would lead us to godliness. But as it is, we appear to be like fallen sons of God. And this power within us—which, as sons of Dionysus, is meant to lead us to this godlikeness—this power within us is the Luciferic power, the Luciferic principle, that light which human beings kindle within themselves in freedom in order to one day find the whole God as a part of the divine essence.

[ 28 ] Diese Kraft, die in ihm arbeitet, ist das Licht. Und was in ihm dieses Licht trägt, und was in der ganzen Menschheit dieses Licht trägt, der Lehrer und Führer, das ist Luzifer, der Lichtträger. Alle diejenigen, die eine solche Gesinnung entwickeln wie Phosphorus, sind die Kinder des Luzifer. Sie sind deshalb nicht antichristlich. Sie sind so gesinnt, daß sie sagen: In Christus erschien der menschgewordene Gott, der heruntergestiegen ist und sich auslebte in dem menschlichen Leibe. Aber der Mensch muß sich hinaufentwickeln, so daß er den Gott in sich selber so entfalten wird, daß der gottgewordene Mensch sich begegnet mit dem menschgewordenen Gott, daß der Mensch, der von unten aufsteigt, ein ihm gleichgeartetes Wesen findet. Ist Christus nun der, welcher am tiefsten heruntergestiegen ist von oben als der sich offenbarende Gott, so ist der Gott, dem der gottgewordene Mensch begegnen wird, Luzifer. Christus und Luzifer gehören, im richtigen Sinne verstanden, zusammen. So finden wir Phosphorus, indem er durch keinen Cäsarismus, durch keine Weltunterdrückung des freien Dionysos-Prinzips sich abhalten läßt, hineilen zu dem Tempel des unbekannten Gottes, um dort das Licht zu empfangen, das ihn hinaufträgt, um so selbst zu einem Sohne des Luzifer zu werden.

[ 28 ] This power at work within him is the light. And that which carries this light within him—and that which carries this light within all of humanity—the teacher and guide—is Lucifer, the bearer of light. All those who develop a mindset like that of Phosphorus are the children of Lucifer. They are therefore not anti-Christian. They are of such a mindset that they say: In Christ, God incarnate appeared, having descended and lived out His life in the human body. But human beings must develop upward so that they may unfold the God within themselves in such a way that the human being who has become divine encounters the God who has become human, so that the human being ascending from below finds a being of the same nature. If Christ is the one who has descended the farthest from above as the revealing God, then the God whom the God-become-human will encounter is Lucifer. Christ and Lucifer, understood in the proper sense, belong together. Thus we find Phosphorus, who, undeterred by any Caesarism or any worldly suppression of the free Dionysian principle, rushes into the temple of the unknown God to receive there the light that carries him upward, thereby becoming himself a son of Lucifer.

[ 29 ] Wie Phosphorus diesen Weg verfolgt und dabei seinen Geist hinaufhebt zu derjenigen Anschauung, die Luzifer als das Entwickelungsprinzip anerkennt, so entwickelt sich Kleonis von einer christlichen Jungfrau zu einem universellen Prinzip. Ihre Liebe soll einzig und allein dem menschgewordenen Gotte gelten. Sie entwickelt sich dahin, wo ihr die Ahnung aufsteigt, daß sich die Liebe im Menschen so veredeln kann, daß die göttliche Liebe im menschgewordenen Gotte sich verbindet mit der menschlichen Liebe in der menschlichen Natur selbst. So schwingt sich die christliche Jungfrau hinauf bis zu dem Punkte, wo sie sich treffen kann mit dem unbekannten Gott. Der Christus ist in der christlichen Jungfrau lebendig geworden dadurch, daß sie sich nicht nur in der Anschauung und Verehrung mit dem Göttlichen vereint, sondern dahin kommt, daß sie sich zur christlichen Liebe emporhebt. Phosphorus ist hinaufgestiegen bis zu dem Punkte, wo ihm der Geist im Lichte entgegenstrahlt. So ist der Geist im Mann und die Seele im Weibe auf einer und derselben Stufe. Und nun wirken sie zusammen auf derselben Stufe, und zwar so, daß immer statt Dionysos zunächst das freie Menschenpaar steht, welches die Ahnung einer Zukunft verkörpert, die erst noch erstehen soll. Das Christentum und der Cäsarismus haben sich zu dem entwickelt, was in Dionysia sich entfaltet hat: dieses unterjochte und knechtete die Menschen. Aufrecht und frei stehen die beiden aber da. Vertrieben werden sie. Sie können das alte Dionysia nicht retten. Der alte Dionysos, der im Romanismus und im äußeren christlichen Formalismus zunächst untergeht, kann auch diese beiden, die sich befreit haben, nicht beherbergen; sie werden hinausgetrieben. Indem sie in der Gegenwart das Leben einer Zukunft darstellen, müssen sie in der Gegenwart leben. Sie finden wieder den Weg zu dem unbekannten Tempel hin. Da wo Phosphorus geweiht worden, da wo ihm der Stern des Luzifer erschienen ist, da erscheint ihnen in der Todesstunde, beide Wege vereinend, der lichtvolle Stern des Luzifer, der die Menschen in Freiheit hinaufführt zur höchsten Entwickelung, und das Kreuz Christi, das Symbol der Erlösung, das wir erringen, wenn sich der menschgewordene Gott mit dem gottgewordenen Menschen berührt.

[ 29 ] Just as Phosphorus follows this path, thereby elevating his spirit to that vision which recognizes Lucifer as the principle of evolution, so Kleonis evolves from a Christian virgin into a universal principle. Her love is to be directed solely and exclusively toward God incarnate. She evolves toward the point where the intuition arises within her that love in human beings can be so ennobled that the divine love in God incarnate unites with human love within human nature itself. Thus, the Christian virgin ascends to the point where she can meet the unknown God. Christ has come to life within the Christian Virgin not only because she unites herself with the Divine in contemplation and veneration, but also because she reaches the point where she elevates herself to Christian love. Phosphorus has ascended to the point where the Spirit shines forth to meet him in the light. Thus, the Spirit in the man and the soul in the woman are on one and the same level. And now they work together on the same level, in such a way that, instead of Dionysus, the free human couple always stands first, embodying the vision of a future that is yet to come into being. Christianity and Caesarism have developed into what unfolded in the Dionysia: the latter subjugated and enslaved humanity. But the two stand there upright and free. They are driven out. They cannot save the old Dionysia. The old Dionysus, who first perishes in Romanism and in outward Christian formalism, cannot harbor even these two who have liberated themselves; they are driven out. By representing the life of a future in the present, they must live in the present. They find their way back to the unknown temple. There where Phosphorus was consecrated, there where the star of Lucifer appeared to him, there—in the hour of death, uniting both paths—the luminous star of Lucifer appears to them, leading humanity in freedom upward to the highest evolution, and the cross of Christ, the symbol of redemption, which we attain when the God who became man touches the man who became God.

[ 30 ] So müssen die beiden, die sich befreit haben, mit dem Tode dasjenige, was sie errungen haben, retten. Dionysia können sie nicht retten. So geht es in der menschlichen Entwickelung. Das war im Grunde genommen etwas, was so in den griechischen Mysterien in einem höheren Leben schon erlebt worden ist, daß das Leben immerdar den Sieg über den Tod davonträgt, daß der Tod nur etwas Scheinbares beim einzelnen Menschen ist und auch etwas Scheinbares in der ganzen menschlichen Kultur. So geht uns am Schluß des Schuréschen Dramas die Ahnung davon auf, daß das, was die beiden, hinsterbend, in sich errungen, in sich entfaltet haben, über den Tod herüber eine ewige Bedeutung hat. In grandioser Weise tönt das ganze Drama aus, in der sicheren Gewißheit, daß der Geist über die Materie siegen muß.

[ 30 ] Thus, the two who have liberated themselves must, through death, preserve what they have achieved. They cannot save the Dionysia. Such is the course of human development. This was, in essence, something that had already been experienced in the Greek mysteries within a higher form of life: that life always triumphs over death, that death is only an illusion in the individual human being and also an illusion in human culture as a whole. Thus, at the end of Schuré’s drama, we are given a glimpse of the fact that what the two have achieved and unfolded within themselves as they pass away has an eternal significance that transcends death. The entire drama resounds in a magnificent way, in the firm certainty that the spirit must triumph over matter.

[ 31 ] So wie hier der Tod als Sieger über das Leben dasteht, so kann man es nur hinstellen, wenn man etwas weiß von dem wahren und wirklichen Leben des Geistes und weiß, daß aller Tod nur etwas Scheinbares ist. Derjenige, der nicht weiß, daß alles Tote etwas Scheinbares ist, der nicht anerkennen will, daß der Geist etwas Wirkliches ist, der muß sich sagen: Wenn dem edlen Paar, das sich die Freiheit dadurch errungen hat, daß es zuletzt verstoßen und hinausgejagt worden ist von dem versklavten Dionysia, der Tod etwas Wirkliches wäre, so ginge das, was die beiden mitgenommen haben, zugrunde. Denn alle diejenigen, welche in Dionysia geblieben sind, verfallen einer hinsterbenden Menschheitsepoche. Scheinbar bleibt also nichts übrig. Wäre dieser Schein eine Wirklichkeit, nimmermehr könnten wir irgendwie daran glauben, daß es eine Bedeutung hat, wenn jemand mit dem Tode ein höheres Leben erkauft hat. Denn dann wäre es ein Nichts, womit dieses Drama schließt. Einzig und allein der Glaube und die Erkenntnis, daß das Geistige eine Wirklichkeit ist, trägt dieses Drama, und daß aus dem Tod des befreiten Paares heraus eine wirkliche geistige Blüte sprießt, die später in der Menschheit, die geblieben ist, wirkt und lebt, die eingesenkt worden ist in die ganze geistige Menschheitsentwickelung. Aus dem Tode von Kleonis und Phosphorus ersprießt eine geistige Menschheitsblume, die dann da ist.

[ 31 ] Just as death is portrayed here as triumphant over life, so one can only view it this way if one knows something of the true and real life of the spirit and knows that all death is merely an illusion. Anyone who does not know that all that is dead is merely an illusion, who refuses to acknowledge that the spirit is something real, must say to himself: If death were something real for the noble couple—who won their freedom by ultimately being cast out and driven away from enslaved Dionysia—then what the two of them took with them would perish. For all those who remained in Dionysia are succumbing to a dying epoch of humanity. Apparently, then, nothing remains. If this illusion were reality, we could never in any way believe that it has any meaning when someone has purchased a higher life through death. For then this drama would end in nothingness. Solely the belief and the realization that the spiritual is a reality sustain this drama—and that from the death of the liberated couple a true spiritual blossom springs forth, which later works and lives within the humanity that has remained, having been incorporated into the entire spiritual development of humanity. From the death of Kleonis and Phosphorus springs a spiritual flower of humanity, which then comes into being.

[ 32 ] Was der Mensch durch das Licht erlebt und was der Mensch erkennt, lebt weiter. Daß er diese Gewißheit hatte, verdankt Schur& der Tatsache, daß in ihm durch Margherita Albana auferstanden war die frühere griechische Welt. Und dem Christlichen verdankt er, daß er nicht bloß ein äußerer Künstler war, sondern auch einen tiefen Blick in den geistigen Entwickelungsgang der Menschheit tun kann. Diesen Blick hat er gezeigt in seinem Buche «Die großen Eingeweihten», das demnächst auch in deutscher Übersetzung zu haben sein wird. Da hat er das ganze geschichtliche Tableau der Menschheit von Rama, Krishna, Hermes, Plato und weiter über die andern Eingeweihten bis zum Christus Jesus ausgebreitet. Dieses Menschheitstableau, diesen geistigen Entwickelungsgang hat er dargestellt. Damit hat er eine Geschichtsbetrachtung geliefert, die im eminentesten Sinne theosophisch ist und die Unzählige in Europa zur theosophischen Weltanschauung hingeleitet hat. Aus dem Geiste seiner Betrachtung sind dann «Die Kinder des Lucifer» heraus geschaffen, dieses herrliche dramatische Werkchen, in dem in jeder Zeile und in jeder Szene theosophischer Geist lebt. So wird die theosophische Weltanschauung zum Leben, so wird die Kunst zum Ausdruck des theosophischen Geistes, wenn die Wahrheit des Geistes uns in der Schönheit widerstrahlt.

[ 32 ] What a person experiences through the light and what a person comes to know lives on. Schur owed this certainty to the fact that, through Margherita Albana, the ancient Greek world had been reborn within him. And he owes it to Christianity that he was not merely an outward artist, but was also able to cast a deep gaze into the spiritual course of humanity’s development. He demonstrated this insight in his book *The Great Initiates*, which will soon be available in German translation. There he has unfolded the entire historical panorama of humanity, from Rama, Krishna, Hermes, and Plato, through the other Initiates, all the way to Christ Jesus. He has depicted this panorama of humanity, this spiritual evolutionary process. In doing so, he has provided a historical perspective that is theosophical in the most eminent sense and that has guided countless people in Europe toward the theosophical worldview. From the spirit of his reflection came *The Children of Lucifer*, this magnificent little dramatic work in which the theosophical spirit lives in every line and every scene. Thus the theosophical worldview comes to life, and art becomes an expression of the theosophical spirit when the truth of the spirit shines forth through beauty.

[ 33 ] Dreierlei, sagt Edouard Schuré, ist es, was die Menschen zunächst schaffen können. Zunächst haben wir es zu tun mit der Ontologie. Die führt uns zu den großen Gesetzen der Welt, aber wir sehen sie nun, wenn wir theosophisch vertieft sind, nicht als tot an, sondern als abstrakte Gottesgedanken. Dann haben wir es zu tun mit der Mystik, die uns hinführt zu den Göttern und höheren Wesenheiten, die wir als unsere älteren Brüder erkennen. Und dann haben wir es noch zu tun mit der Symbolik, die uns die Gottheit im äußeren sinnlichen Abbild zeigt und als schattenhaften Abglanz in der Kunst. So ist Edouard Schur& ein echter Theosoph und ein echter Künstler und zeigt daher mehr als alle theosophische Dogmatik, was theosophische Weltaufgabe ist.

[ 33 ] According to Edouard Schuré, there are three things that human beings are initially capable of creating. First, we are concerned with ontology. This leads us to the great laws of the world, but when we are deeply immersed in theosophy, we no longer view them as lifeless, but rather as abstract concepts of God. Then we are concerned with mysticism, which leads us to the gods and higher beings whom we recognize as our elder brothers. And then we are also concerned with symbolism, which reveals the divinity to us in its external, sensory image and as a shadowy reflection in art. Thus, Edouard Schuré is a true theosophist and a true artist, and therefore demonstrates—more than any theosophical dogma—what theosophy’s mission in the world is.

[ 34 ] Es ist charakteristisch, daß unter dem Titel «Luzifer» das erste theosophische Journal erschienen ist, das wir erneuert haben in unserer deutschen Zeitschrift «Lucifer-Gnosis», wo die ganze Denkweise, die ganze Zukunftsaufgabe der theosophischen Weltauffassung klar zum Ausdruck gekommen ist, wie sie künstlerisch lebt in dem Drama, das den Titel trägt «Die Kinder des Lucifer». Nur diejenigen, welche in der Kunst etwas Außerliches sehen, werden verkennen, daß in diesem Kunstwerk etwas im höchsten Grade Lebendiges lebt, das durch die Tiefe in der Gestaltungskraft keineswegs zu kurz gekommen ist. Wird so der Künstler durch dieses Drama vollständig befriedigt, so fließt aus diesem Drama auch noch etwas ein von jenem Aufschwung zu dem unbekannten Gott, der in uns allen wirkt und von dessen allgemeiner werdenden Erkenntnis die Theosophie gerade ihren Namen trägt. So ist denn dieses Drama der Ausdruck jener theosophischen Gesinnung, die aus der wahren Vertiefung und der menschlichen Freiheit Ernst macht.

[ 34 ] It is significant that the first Theosophical Journal was published under the title “Luzifer,” which we have revived in our German journal “Lucifer-Gnosis,” where the entire way of thinking and the future mission of the Theosophical worldview are clearly expressed, just as they are artistically embodied in the drama titled “The Children of Lucifer.” Only those who see art as something merely external will fail to recognize that within this work of art there lives something of the highest vitality, which has by no means been neglected in terms of the depth of its creative power. If the artist is thus fully satisfied by this drama, then something of that ascent toward the unknown God—who works within us all and whose increasingly widespread recognition gives theosophy its very name—also flows from this drama. Thus, this drama is the expression of that theosophical spirit that takes true contemplation and human freedom seriously.

[ 35 ] Frei kann kein Mensch im höchsten Sinne des Wortes sein, der nicht das Göttliche in sich selbst findet, der nicht ein Bundesgenosse, nicht ein Bruder der göttlichen Wesenheit ist. Wenn der Mensch das wird, dann wird er selbst zu einem Teil von jener Kraft, die ein Träger des Lichtes ist, die ein Luzifer ist. Dann wird er zu einem Kinde des Luzifer. Diejenigen, welche etwas verstehen von der geheimnisvollen Kraft, die im Weltenall wirkt, die nicht bloß mit Augen gesehen und mit Instrumenten wahrgenommen werden kann, von den Kräften, die das moralisch-sittliche und religiöse Leben durchfluten und in unserem ganzen Kosmos wirken, diejenigen, welche erwas davon wissen, sprechen von den Kräften, die man das Astrallicht nennt. Die Kundigen beschreiben es so, daß es wie andere Kräfte, etwa wie die Schwere, den Raum durchströmt und auf die Wesen wirkt. Es durchströmt das Astrallicht alle Wesenheiten, es lebt in den höheren Tieren und im Menschen überhaupt. Wenn der Mensch etwas tut und sagt, ich handle, oder ich werde durch den Instinkt getrieben — so ist es in Wahrheit das Astrallicht, das in ihm wirkt und lebt. Er kann sich diesem Astrallicht hingeben, unbewußt, mit dämmerndem Bewußtsein, und das geschieht immer, wenn der Mensch sich niederdrücken läßt von Leidenschaften und Instinkten. Das geschieht aber nicht, wenn der Mensch sich zum Träger des eigenen Lichtes macht, wenn er sich verbindet mit der Luziferkraft. Dann macht er dieses Astrallicht, diese schöpferische Kraft in der Welt, zu einer bewußten, schöpferischen Kraft in sich selbst. Dann wird er Bürger in höheren geistigen Welten. Überläßt er sich dem Astrallicht mit herabgedämpftem Bewußtsein, dann kann er sagen: Gewiß leben die Götter, und sie durchströmen und durchfluten mich, aber ich bin dazu berufen, herauszutreten aus der Unbewußtheit, das Licht als etwas Freies erscheinen zu lassen, selbst zu beleuchten meine Taten mit göttlicher Kraft. — Alles, was aus dem Dämmerdunkel des Bewußtseins entsteht, was nicht vom Träger des Lichtes bewirkt wird, ist dasjenige, was unsere Entwickelung hemmt. Was zum Ziel und zum wahren Menschenideal hinführt, ist das, was aus dem Licht, aus der wirklichen Erkenntnis heraus stammt. Deshalb darf der Mensch erst dann sich wirklich hineinwerfen in den Strom des Lebens, wenn er den Gott in sich selbst erfaßt hat, wenn der Gott in ihm sein Führer ist. Gottesbewußtsein in sich selbst erwecken und dann Erdenbürger werden an Hand der Kräfte, die in der eigenen Brust ersprießen, das ist theosophische Gesinnung. Diese Gesinnung drückt Margherita Albana, die Edouard Schuré seine Führerin nennt, in einem kurzen Spruch aus, der als Motto gelten könnte für die theosophische Lebensführung und der auch unsere Betrachtungen heute beschließen soll:

[ 35 ] No human being can be free in the highest sense of the word unless they find the divine within themselves, unless they are an ally, a brother, of the divine essence. When a human being becomes this, they themselves become a part of that force which is a bearer of light, which is a Lucifer. Then they become a child of Lucifer. Those who understand something of the mysterious force at work in the universe—a force that cannot be seen merely with the eyes or perceived with instruments—of the forces that permeate moral, ethical, and religious life and are at work throughout our entire cosmos—those who know something of this speak of the forces known as astral light. Those in the know describe it as flowing through space—much like other forces, such as gravity—and acting upon beings. Astral light flows through all beings; it lives in higher animals and in human beings in general. When a human being does something and says, “I am acting,” or “I am driven by instinct”—in truth, it is the astral light that is at work and alive within him. He can surrender to this astral light—unconsciously, with a drowsy consciousness—and this always happens when a human being allows himself to be overwhelmed by passions and instincts. But this does not happen when a person makes himself the bearer of his own light, when he connects with the Luciferic force. Then he transforms this astral light—this creative force in the world—into a conscious, creative force within himself. Then he becomes a citizen of higher spiritual worlds. If they surrender to the astral light with a subdued consciousness, they can say: “Certainly the gods live, and they flow through and permeate me, but I am called to step out of unconsciousness, to let the light appear as something free, to illuminate my own deeds with divine power.” — Everything that arises from the twilight of consciousness, everything that is not brought about by the bearer of the light, is that which hinders our development. What leads to the goal and to the true human ideal is that which springs from the light, from true knowledge. Therefore, a person may only truly throw themselves into the stream of life once they have grasped the God within themselves, once the God within them is their guide. To awaken the consciousness of God within oneself and then to become a citizen of the earth through the powers that spring forth from one’s own heart—that is the theosophical attitude. Margherita Albana, whom Edouard Schuré calls his guide, expresses this attitude in a brief saying that could serve as a motto for the theosophical way of life and which is also to conclude our reflections today:

[ 36 ] Vertraue auf den Gott in deiner Brust, und dann überlasse alles, was in dir ist, dem Strom des Lebens.

[ 36 ] Trust in the God within your heart, and then surrender everything within you to the flow of life.