World-Riddles and Theosophy
GA 54
22 March 1906, Berlin
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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
17. Siegfried und die Götterdämmerung
17. Siegfried and The Twilight of the Gods
[ 1 ] Es war eine Art Überraschung, als im 18. Jahrhundert die deutschen Gebildeten die Sage der Vorzeit, die Nibelungensage entdeckten. In der Tat war diese Sage, welcher wir die Gedanken der europäischen Völker über ihre Herkunft, über ihren Ursprung verdanken, Jahrhunderte hindurch wie vergessen. Kaum wußte man, was sich die Deutschen in alten Zeiten über die Morgendämmerung ihres Daseins erzählten, kaum wußte man davon etwas vom i2. bis ins 18. Jahrhundert hinein, und Geister, die in der Lage waren, die ganze Bedeutung eines solchen Fundes für das Seelenleben des deutschen Volkes zu erkennen, wie Goethe, schrieben insbesondere der Nibelungendichtung die größte Bedeutung zu. Dann lernte man kennen, wie das, was aus Handschriften des 12., 13. Jahrhunderts herausgeholt wurde, nur spätere Gestaltungen einer noch viel älteren Volksdichtung waren. In den Eddaliedern fand man diese älteren Gestalten der deutschen Sage aus der Vorzeit, die sich gleichsam nach Norden hinaufgeflüchtet haben, dann aber wieder den Weg zurück — zunächst durch die Gelehrsamkeit — machten und nun in der zweiten Hälfte des i9. Jahrhunderts die Grundlage abgaben für die wirklich große Erneuerung der Kunst durch den Dichtermusiker Richard Wagner. Richard Wagner suchte die Erneuerung der Kunst dadurch herbeizuführen, daß er Gestalten, die er die tiefste Grundlage vom menschlichen Schicksal aussprechen ließ, oder die uns durch ein besonderes, über das alltägliche hinausreichende Schicksal Interesse abgewinnen könnten, nicht aus dem Alltagsleben nahm, sondern er nahm dafür die ins übermenschliche idealisierten Gestalten der Vorzeit. Er wußte wohl, daß, was das menschliche Herz, die menschliche Seele an Geheimnissen birgt, sich nicht mit Gestalten oder Ereignissen der Alltäglichkeit sagen läßt, er wußte, daß gerade der Mythos, die Sage, eine Widerspiegelung dessen sein kann, was im Inneren der Menschenseele vorgeht. Das alltägliche Leben schon zeigt uns, wie jeder Mensch eigentlich ein Rätsel ist und unendlich viel mehr birgt, als wir mit den gewöhnlichen Sinnen und dem Verstande wahrnehmen können. Wir wissen, daß wir die Verpflichtung haben — wenn wir solche ideale Verpflichtung anerkennen —, die Menschen wie ein solches Rätsel zu betrachten, niemals mit unserem Urteil ihnen gegenüber abzuschließen. Wenn wir in uns nachwirken lassen, was ein Mensch in uns angeregt hat, dann wächst in der Tat seine Gestalt ins Übermenschliche. Darstellen können wir sie nur dadurch, daß wir die Züge vergrößern, und zwar in der richtigen Weise vergrößern, daß wir das Charakteristische herausstellen, ohne es zur Karikatur zu verzerren. Darin besteht die richtige Kunst innerer Menschencharakteristik.
[ 1 ] It came as something of a surprise when, in the 18th century, German scholars discovered the ancient legend of the Nibelungs. In fact, this legend—to which we owe the European peoples’ reflections on their heritage and origins—had been all but forgotten for centuries. Hardly anyone knew what the Germans of old told each other about the dawn of their existence; hardly anything was known about it from the 12th through the 18th century, and minds capable of recognizing the full significance of such a discovery for the spiritual life of the German people—such as Goethe—attributed the greatest importance to the Nibelungen epic in particular. Then it became clear that what had been unearthed from 12th- and 13th-century manuscripts were merely later versions of an even much older folk epic. In the Eddaic poems, one found these older figures of German legend from antiquity, who had, as it were, fled northward, but then found their way back—initially through scholarship—and now, in the second half of the 19th century, provided the foundation for the truly great renewal of art by the poet-musician Richard Wagner. Richard Wagner sought to bring about this renewal of art not by drawing on figures from everyday life—figures whom he might have had express the deepest foundations of human destiny, or who might capture our interest through a special destiny transcending the ordinary—but rather by drawing on the superhuman, idealized figures of antiquity. He knew full well that the mysteries harbored by the human heart and soul cannot be expressed through everyday characters or events; he knew that it is precisely myth and legend that can reflect what goes on within the human soul. Everyday life itself shows us how every human being is, in fact, a mystery and holds infinitely more than we can perceive with our ordinary senses and intellect. We know that we have an obligation—if we acknowledge such an ideal obligation—to regard human beings as such a mystery, never to close the door on them with our judgment. When we allow what a person has stirred within us to resonate, their figure does indeed grow into something superhuman. We can depict this only by magnifying their features—and magnifying them in the right way—so that we highlight what is characteristic without distorting it into a caricature. This is the true art of inner human characterization.
[ 2 ] Wie Wagner sich klar war, daß die Menschheit einmal — heute allerdings noch nicht — imstande sein kann, durch die gewöhnliche Sprache das Allerhöchste auszudrücken, wie er sich klar war, daß man zum gehobenen Element des Ausdruckes, zur Musik greifen muß, um das Tiefste der Seele hervorzubringen, so war er sich auch klar, daß er über das Alltagsleben hinaussteigen muß zu dem Mythischen. Welche Kraft, inneres Fühlen und Realität in diesem Mythos lebt, tritt uns in diesem Erneuerer der Kunst in überraschender Weise entgegen. Gerade durch Wagners Kunst ist vieles für die Vertiefung dieser Sagenwelt geschehen. Auch heute werden wir versuchen, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt in die Wirklichkeit dieser scheinbar unwirklichen Welt einzudringen, und Sie werden sehen, daß die Theosophie oder Geisteswissenschaft manches über den tieferen Kern dieser Sagen zu sagen haben wird. Denn von Nietzsche angefangen bis zu den andern Wagner-Erklärern ist mancher in der symbolischen Auffassung der Sage steckengeblieben. Das rührt davon her, daß es in unserer Zeit des materialistischen Denkens eigentlich schon etwas recht Großes ist, in dem Mythos sinnbildliche Hindeutungen auf große innere menschliche Wahrheiten anzuerkennen. Es ist natürlich unmöglich, daß ich heute die ganze Frage des SiegfriedMythos vor Ihnen aufrolle; nur einige Gesichtspunkte werde ich angeben können, um zu zeigen, wie vom Standpunkte einer vertieften Geisteserkenntnis aus dieser Mythos Leben und Wirklichkeit gewinnt.
[ 2 ] Just as Wagner was aware that humanity may one day—though not yet today—be capable of expressing the highest truths through ordinary language, and just as he was aware that one must turn to the elevated element of expression—to music—in order to bring forth the deepest depths of the soul, so too was he aware that he must rise above everyday life to the realm of the mythical. The power, inner feeling, and reality that live within this myth come to meet us in a surprising way through this innovator of art. It is precisely through Wagner’s art that much has been done to deepen our understanding of this world of legends. Today, too, we will attempt to penetrate the reality of this seemingly unreal world from the perspective of spiritual science, and you will see that theosophy, or spiritual science, has much to say about the deeper core of these legends. For, starting with Nietzsche and extending to the other interpreters of Wagner, many have become stuck in a symbolic understanding of the legend. This stems from the fact that, in our age of materialistic thinking, it is actually quite a significant achievement to recognize in the myth symbolic allusions to great inner human truths. It is, of course, impossible for me to cover the entire question of the Siegfried myth before you today; I will only be able to present a few points of view to show how, from the standpoint of a deeper spiritual understanding, this myth gains life and reality.
[ 3 ] Die Siegfried-Gestalt ist ja zunächst aus der deutschen Fassung des Nibelungenliedes bekannt. Sie wissen, Siegfried war imstande, sich unsichtbar zu machen. Er war im Besitze des Nibelungenhortes, des Goldes, an das viel gebunden ist: das äußere irdische Glück, aber zu gleicher Zeit auch ein gewisser Fluch, ein Verhängnis. Sie wissen auch, daß er sich Brünhilde anverlobt hat. Das ist ein Zug, der im deutschen Mythos nicht steht, ohne den aber der deutsche Mythos kaum verständlich wird. Sie wissen, daß er, indem er seinen Ehebund mit Kriemhilde eingegangen ist, er für Gunther gerade dann Brünhilde durch eine Täuschung erwirbt, nämlich dadurch, daß er in Gestalt eines andern erscheint, was dann zu seinem Verhängnis wird und zu seinem Tode führt. Sie wissen, daß Siegfried durch seine Gemahlin am Hunnenhofe bei Etzel oder Attila gerächt wird.
[ 3 ] The figure of Siegfried is, of course, primarily known from the German version of the *Nibelungenlied*. As you know, Siegfried was able to make himself invisible. He was in possession of the Nibelung hoard, the gold to which so much is tied: outward, earthly happiness, but at the same time also a certain curse, a fate. You also know that he became betrothed to Brünhilde. This is a plot point that does not appear in the German myth, but without which the German myth becomes almost incomprehensible. You know that by entering into his marriage covenant with Kriemhilde, he actually secures Brünhilde for Gunther through deception—namely, by appearing in the guise of another—which then becomes his doom and leads to his death. You know that Siegfried is avenged by his wife at the Hun court of Etzel or Attila.
[ 4 ] Das sind so die Hauptzüge der Siegfried-Gestalt. Die Züge in der deutschen Sage finden eine wesentliche Vertiefung in der nordischen, die uns noch etwas ganz anderes sagt. In der deutschen Sage finden wir Siegfried im Besitze der Tarnkappe, durch die es ihm möglich war, sich unsichtbar zu machen. In der nordischen werden wir von der Gestalt des Siegfried oder Sigurd hineingeführt in die Götterwelt. Dieser Göttermythos ist voll von Mysterien und Geheimnissen. Da erfahren wir — und ich kann nur die alleräußersten Umrisse andeuten —, daß die Götter selbst gezwungen waren, das Gold, das sie von den Nibelungen erworben haben, den Riesen zu übergeben als Entgelt für eine Schuld, die sie begangen haben. In Gestalt eines Lindwurms bewacht nun ein Riese diesen Schatz. Das ist ein bedeutsamer Zug, daß Siegfried, der Sprößling der alten Götter und sozusagen mit Wotan selbst verwandt, in seiner Jugend berufen ist, den Lindwurm, den Hüter des Goldes, zu überwinden. Dadurch wird ihm die Kraft, durch die er seine Macht erlangt. Durch wenige Tropfen vom Blute des Lindwurms, die er an seine Lippen bringt, ist er imstande, die Sprache der Vögel zu verstehen; er vermag also einen tiefen Blick in die Natur zu tun und verborgene Weisheit in sich aufzunehmen. Durch diese Vervollkommnung ist er imstande, sich der von Feuer und Flammen umgebenen Walküre Brünhilde zu nähern und sich ihr anzuverloben, er, der sich selbst den Nibelungenschatz im Kampfe gegen den Lindwurm erobert hat.
[ 4 ] These are the main characteristics of the figure of Siegfried. The traits found in the German legend are significantly expanded upon in the Norse legend, which tells us something quite different. In the German legend, we find Siegfried in possession of the cloak of invisibility, which enabled him to make himself invisible. In the Norse legend, the figure of Siegfried—or Sigurd—leads us into the world of the gods. This myth of the gods is full of mysteries and secrets. There we learn—and I can only hint at the very broadest outlines—that the gods themselves were forced to hand over the gold they had acquired from the Nibelungs to the giants as payment for a debt they had incurred. Now, in the form of a Lindworm, a giant guards this treasure. It is a significant motif that Siegfried, the scion of the ancient gods and, so to speak, related to Wotan himself, is called upon in his youth to overcome the Lindworm, the guardian of the gold. Through this, he gains the strength by which he attains his power. By bringing a few drops of the Lindwurm’s blood to his lips, he is able to understand the language of the birds; he is thus able to gain a deep insight into nature and absorb hidden wisdom. Through this transformation, he is able to approach the Valkyrie Brünhilde—surrounded by fire and flames—and become betrothed to her, he who has conquered the Nibelung treasure himself in battle against the Lindwurm.
[ 5 ] Dieser Siegfried ist ein Sagentypus, der uns vielfach in den Dichtungen der Weltliteratur entgegentritt. Er ist der Überwinder eines Drachen, der in das Blut des Drachen eingetaucht wird und dadurch besondere Vollkommenheiten erringt, der sich die Macht erwirbt, sich unsichtbar zu machen und sich einer Frauengestalt zu nähern, zu der man nur durch Feuer und Flammen dringt. In den einzelnen Abstammungsphasen von den Göttern liegen ganz bedeutsame uralte Anschauungen verborgen, die sich zum Teil sogar einer jeden öffentlichen Erörterung entziehen, weil sie in Gebiete hineinführen, die zu den allertiefsten des Okkultismus gehören.
[ 5 ] This Siegfried is a legendary archetype that appears frequently in the works of world literature. He is the slayer of a dragon, who is dipped in the dragon’s blood and thereby attains special powers, who gains the ability to render himself invisible and to approach a female figure whom one can reach only through fire and flames. Hidden within the various stages of descent from the gods are highly significant, ancient concepts, some of which are even beyond public discussion because they lead into realms that belong to the very depths of the occult.
[ 6 ] Gelehrsamkeit hat vielfach in Siegfried das Symbol eines Sonnenhelden gesehen, und zwar so, wie die Gelehrsamkeit solche Symbole eben auffaßt: Die Sonne als Wolkenüberwinder und so weiter. Ich habe schon vor vierzehn Tagen darauf hingewiesen, wie wenig der Sache entsprechend eine solche äußere Symbolik sein kann, wie gerade durch die Forschungen Ludwig Laistners über das Rätsel der Sphinx klargeworden ist, daß das Volk in einer solchen Weise nicht symbolisiert. Wir verstehen die germanische Götterwelt und die Siegfried-Sage nur dann, wenn wir auch hier voraussetzen, daß in all diesen Beziehungen Erfahrungen der Götter zum Ausdruck kommen,
[ 6 ] Scholars have often seen Siegfried as a symbol of a solar hero, in the very way that scholars typically interpret such symbols: the sun as the conqueror of clouds, and so on. I pointed out fourteen days ago just how inadequate such external symbolism can be in this context, as Ludwig Laistner’s research on the riddle of the Sphinx has made clear: the people do not symbolize things in this way. We can understand the Germanic pantheon and the Siegfried saga only if we assume here as well that experiences of the gods are expressed in all these contexts,
[ 7 ] Vor vierzehn Tagen haben wir gesehen, daß in der deutschen Vorzeit etwas vorhanden war von einer Erfahrung höherer seelischer und geistiger Welten und wie gerade die Entwickelung der Menschen darin bestanden hat, daß sich der Mensch von dem astralen Sehen der Vorzeit, von dem Hineinschauen in die geistige Welt, entwickelt hat zu unseren gewöhnlichen Alltagsanschauungen, welche die Dinge mit den äußeren Sinnen betrachtet. Wie eine Erinnerung war es für unsere Vorfahren in Mitteleuropa, daß einstmals die Menschen hineingesehen haben in die geistige Welt, die aber jetzt in Dunkel und Finsternis eingetaucht ist, nachdem das äußere physische Sehen sich immer mehr in der Menschheit vervollkommnet hat. Was heute noch als Sage und Mythos lebt, ist der Rest einer solchen höheren geistigen Anschauung. Die Götter sind höhere Erfahrungen, sind wirkliche Gestalten derjenigen Welt, in welche der Mensch sich hineinlebt, wenn er höhere Sinne errungen hat. Eine gerade Linie geht vom Traum bis zu den höchsten astral-geistigen Erlebnissen der Seele. Damit uns das nicht zu unklar ist, wollen wir einen Blick werfen auf den Unterschied zwischen dem sogenannten Nacht- und Tagbewußtsein. Das Tagesbewußtsein des normalen Menschen, durch das die Kultur geschaffen worden ist, ist erworben. Es kommt dadurch zustande, daß die Seele durch die Sinne die Außenwelt wahrnimmt, sie mit dem Verstande und der Einbildungskraft verarbeitet. Wenn aber die Seele des Nachts sich von dem Körper freimacht, die Tore der Sinne geschlossen sind, die Seele in sich selbst ist, dann lebt sie zwar in einer andern geistigen Umgebung, aber sie kann nicht wahrnehmen, weil sie keine Sinne dafür hat, ebenso wie ein Mensch, der Augen, Ohren, überhaupt alle Sinne verloren hat, zwar noch leben könnte, aber nichts von der Umgebung wahrnehmen würde. Einstmals hatte die Seele die Fähigkeit, in die Welt hineinzuschauen, in welche der Mensch hinabrückt, wenn er sich dem Schlafe überläßt. Er sah in die geistige Welt, und die Abbilder der geistigen Welt liegen im Mythos, sind wirkliche Erfahrungen. Deshalb kam es den Menschen in Mitteleuropa so vor, daß sie einstmals ein Licht wahrgenommen hätten, das jetzt in das Dunkel der Nacht hinuntergesunken ist. Es gibt ein Licht, das die Nacht erhellen kann, ein Licht, das macht, daß man geistige und seelische Wesenheiten zu sehen vermag, jene Dinge also, die man in den mythologischen Sagen verzeichnet findet. Dieses Hinuntersinken des astralen Bewußtseins wird schön und gewaltig in der Gestalt des Baldur dargestellt. Es ist nur eine Phantastik der deutschen Gelehrsamkeit, wenn behauptet wird, daß Baldur die Sonne sei. Baldur ist das alte astrale Licht, das hineinschaut in die geistig-seelische Welt, das aber im Verlaufe der Entwickelung erstarb, als ein Geschlecht heraufkam, für das das Geisteslicht in Dunkel getaucht war. Dieses Geschlecht, von dem wirklich die alten Deutschen hätten sagen können: Die Lichter scheinen zwar in der Finsternis, aber die Finsternisse kennen die Lichter nicht —, ist das Geschlecht der Nibelungen, der Bewohner von Nifelheim. Was ist mit diesem Geschlecht, für das das Geistige finster und nur das Sinnliche hell ist, gemeint? Was hat sich mit ihm verwandelt?
[ 7 ] Fourteen days ago, we saw that in ancient Germany there was an experience of higher soul and spiritual worlds, and how human development consisted precisely in the fact that human beings evolved from the astral vision of antiquity—from looking into the spiritual world—to our ordinary everyday perceptions, which view things through the external senses. For our ancestors in Central Europe, it was like a memory that people once looked into the spiritual world, which has now, however, been plunged into darkness and gloom as external physical vision has become increasingly perfected in humanity. What still lives on today as legend and myth is the remnant of such a higher spiritual perception. The gods are higher experiences; they are real beings of that world into which a person enters when they have attained higher senses. A straight line runs from the dream to the soul’s highest astral-spiritual experiences. So that this is not too unclear to us, let us take a look at the difference between so-called night consciousness and day consciousness. The daytime consciousness of the normal human being—through which civilization has been created—is acquired. It arises when the soul perceives the external world through the senses and processes it with the intellect and the imagination. But when the soul frees itself from the body at night—when the gates of the senses are closed and the soul is within itself—it does indeed live in a different spiritual environment, yet it cannot perceive anything because it lacks the senses to do so, just as a person who has lost their eyes, ears, and indeed all their senses could still live but would perceive nothing of their surroundings. Once upon a time, the soul had the ability to look into the world into which a person drifts when they surrender to sleep. It saw into the spiritual world, and the images of the spiritual world found in mythology are based on real experiences. That is why it seemed to the people of Central Europe as though they had once perceived a light that has now sunk into the darkness of the night. There is a light that can illuminate the night, a light that enables one to see spiritual and soul beings—that is, those things recorded in mythological legends. This descent of astral consciousness is beautifully and powerfully depicted in the figure of Baldur. It is merely a fantasy of German scholarship to claim that Baldur is the sun. Baldur is the ancient astral light that gazes into the spiritual and soul world, but which died out in the course of evolution when a race arose for whom the light of the spirit was shrouded in darkness. This race—of whom the ancient Germans could truly have said, “The lights do indeed shine in the darkness, but the darkness does not know the lights”—is the race of the Nibelungs, the inhabitants of Nifelheim. What is meant by this race, for whom the spiritual is dark and only the sensory is bright? What has changed within it?
[ 8 ] Die alten Kräfte, welche den Raum durchglühten und in allem lebten, die Kräfte der Liebe, aus denen alles hervorgegangen ist, sie waren — so erinnerte man sich — der tiefere Lebensquell zu dieser Zeit, in der man noch in die geistige Welt hineinschauen konnte, in der man überhaupt ganz anders lebte. An die Stelle der Liebe, die alles regierte, die allen Verkehr zwischen den Wesen erhöhte, die Wesen zu Wesen führte und alle Verhältnisse zwischen ihnen begründete, trat mit dem Heraufkommen der äußeren Sinnenwelt der Egoismus. Ein Geschlecht, das noch hineingesehen hat in die geistige Welt, hing jetzt seinen Sinn an rein äußeres Physisches, physischen Besitz, physisches Eigentum: das Umfassenwollen irgendeines Stückes der Sinnenwelt. Das ist das «Gold», der äußere, physische Besitz. Es war im deutschen Volke selbst in kleinen Verhältnissen immer etwas Erinnerung daran vorhanden, an jene Zeit, in welcher der Grund und Boden noch der ganzen Dorfgemeinde gemeinschaftlich gehörte. Da waren noch die, welche auf einem solchen Besitze saßen, natürlich verbunden, das Blut begründete damals noch die Verwandtschaft. Nun kam eine andere Zeit. Der gemeinsame Besitz, der zu gleicher Zeit einen gewissen Gemeinsinn, eine gemeinsame Liebe erzeugte, ging über in Privatbesitz, in den Drang und Trieb zum Besitz. Diese Entwickelung, die fast alle Völker durchmachten, haben auch die alten Deutschen durchgemacht. So empfanden sie die neuen Verhältnisse als Gegensatz zu den alten, wie wenn an Stelle des Inneren das Außere getreten wäre, wie wenn man früher in seinem Tun dem Triebe, der im Inneren lebte, der Liebe, gefolgt wäre und jetzt dem Egoismus. Jetzt mußte auch das, was die Menschen zusammenführte, durch Verträge und gesetzliche Bestimmungen geregelt werden, anstatt wie früher durch natürliche Verwandtschaftsgrade. Da kam eine neue Weltordnung mit den neuen Göttern, die der äußeren sinnlichen Wirklichkeit angemessen sind. Das war unser Göttergeschlecht der alten Zeiten. Diese Götter erschienen aber auch wieder in neuer Gestalt, gleichsam als diejenigen, die den besseren Teil, den Extrakt aus dem alten noch herausgezogen haben, wie übersinnliche Mächte über der sinnlichen Zeit.
[ 8 ] The ancient forces that radiated throughout space and lived in all things—the forces of love from which everything arose—were, as people recalled, the deeper source of life in that era when one could still glimpse into the spiritual world, when life itself was lived in an entirely different way. With the emergence of the external sensory world, selfishness took the place of love—the love that governed everything, that elevated all interaction between beings, that led beings to one another, and that established all relationships between them. A generation that had still been able to look into the spiritual world now set its heart on purely external physical things—physical possessions, physical property: the desire to possess some part of the sensory world. This is the “gold,” the external, physical possession. Even on a small scale, there was always some remnant of this memory among the German people—a memory of that time when the land still belonged collectively to the entire village community. There were still those who lived on such property, naturally bound together; blood ties still formed the basis of kinship in those days. Now a different era dawned. Common ownership, which at the same time fostered a certain sense of community and a shared love, gave way to private ownership—to the urge and drive for possession. This development, which nearly all peoples underwent, was also experienced by the ancient Germans. Thus they perceived the new conditions as a contrast to the old ones, as if the external had taken the place of the internal, as if people had formerly followed in their actions the impulse that lived within—love—and now followed selfishness. Now even what brought people together had to be regulated by contracts and legal provisions, rather than, as before, by natural degrees of kinship. Thus a new world order emerged, with new gods appropriate to the external, sensory reality. That was our pantheon of the ancient times. But these gods also reappeared in a new form, as it were, as those who had extracted the better part—the essence—from the old, like supersensory powers above the sensory realm.
[ 9 ] Die Menschen erschienen verstrickt in die Sinnlichkeit. Der aber, der ein Führer, ein Lenker in der Menschheit sein wollte, der war auch innerhalb der germanischen Vorzeit ebenso wie sonst überall, ein Eingeweihter, der tiefer hineinsah in die Quellen des Daseins und bis zu den göttlichen, schöpferischen Kräften vorzudringen vermochte. Ein solcher Eingeweihter muß das überwunden haben, was den Menschen mit der Sinnlichkeit verbindet, er muß imstande sein, sein ganzes Sinnen und Trachten nur an das Bleibende zu hängen, an das, was hinter den sinnlichen Dingen ist. Er muß sich herausheben aus dem Kampfe des Alltags. Nun ist jeder Mensch in diesem Kampfe des Alltags drinnen mit Begierden und Alltagsvorstellungen. Alles das muß er überwinden; vorher ist eine wirkliche tiefere Einsicht in die Dinge nicht möglich. Weil man das heute sowenig einsieht, kann man nicht begreifen, was wirkliche und wahre Weisheit ist, sonst wüßte man auch, daß es notwendig ist, bevor man zu dem Wissen hinaufdringt, sich zuvor des Wissens würdig zu machen, zu fühlen, daß das, was Verstand und Vernunft erfassen können, was wir denken können, daß das Gottesgedanken sind, nach denen die Welt aufgebaut ist. Nicht darauf kommt es an, was die Eingeweihten wissen, sondern wie sie es wissen, und sie werden wissend, weil sie das Niedere im Menschen überwunden haben. Durch dieses Wissen, das mit der Verwandlung der ganzen Seele verknüpft ist, wird das Wissen zur Weisheit.
[ 9 ] People seemed entangled in sensuality. But the one who wished to be a leader, a guide for humanity—in Germanic prehistory as elsewhere—was an initiate who looked more deeply into the sources of existence and was able to penetrate to the divine, creative forces. Such an initiate must have overcome what binds human beings to sensuality; he must be able to direct all his thoughts and aspirations solely toward the enduring, toward that which lies beyond sensory things. He must rise above the struggles of everyday life. Now, every human being is caught up in these everyday struggles, with their desires and mundane notions. He must overcome all of this; until then, a true, deeper insight into things is not possible. Because people today have so little understanding of this, they cannot grasp what true and genuine wisdom is; otherwise, they would also know that, before ascending to knowledge, it is necessary first to make oneself worthy of that knowledge—to feel that what the intellect and reason can grasp, what we can think, are the thoughts of God upon which the world is built. What matters is not what the initiates know, but how they know it, and they become knowledgeable because they have overcome the lower aspects of the human being. Through this knowledge, which is linked to the transformation of the entire soul, knowledge becomes wisdom.
[ 10 ] Die Völker hatten nach ihrem jeweiligen Charakter verschiedene Eingeweihte. Das verstehen wir, wenn wir den Sinn der Einweihung begreifen. Was hat der Eingeweihte eigentlich für eine Aufgabe? Vor allem waren es die Eingeweihten, die den Völkern die Gewißheit von der Unsterblichkeit der Menschenseele gegeben haben. Zur Weisheit sich aufschwingen heißt, die Erfahrung machen, daß die Seele Wirklichkeit ist. Man lernt sie wirklich kennen, wenn man hineinsieht in die Welt, die von dem astralen Licht erhellt ist. Da erweist sich die Unsterblichkeit der Seele als eine Eigenschaft der Seele. Weil der Eingeweihte diese Welten, in denen es ein ewiges Leben gibt, schon in diesem Dasein betreten kann, deshalb kann er Kunde geben von dem Schicksal des Menschen vor der Geburt und nach dem Tode. Wie sich die Seele heraushebt aus dem vergänglichen sinnlichen Dasein, darüber Klarheit zu schaffen, ist die Aufgabe der Eingeweihten zu allen Zeiten gewesen. Überall, wo ein auf tiefer Erkenntnis und Erfahrung beruhender Glaube vorhanden ist, sagt man etwas Ähnliches wie das, was in neuerer Zeit zum erstenmal wieder durch die theosophische oder geisteswissenschaftliche Bewegung gesagt wird. Je mehr der Mensch durch Entwickelung der verschiedensten Tugenden und Fähigkeiten das sinnliche Dasein umgestaltet, desto mehr leitet er hinüber in ein anderes Dasein, das unvergänglich ist. Die Griechen haben die Seele eine Biene genannt, welche hinfliegt, Honig sammelt und dann wieder in den Bienenstock zurückkehrt. Ganz so ist es mit der Seele. Sie fliegt in der physischen Welt, sammelt Erfahrungen und bringt sie zurück in die geistige Welt, wo sie zu ihrem bleibenden Besitz werden. Überall, wo mystische Tatsachen zugrunde liegen, hat man sich die Seele als etwas Weibliches vorgestellt, so zum Beispiel Goethe als das «Ewig-Weibliche», die Seele, die immerfort aufnimmt von der Umgebung und von ihr befruchtet wird. Der Kosmos dagegen ist männlich, wenn man ihn mit Rücksicht auf die Seele betrachtet. Bei ihrem Umgang mit der Außenwelt ist für die Seele ein jedes Ereignis eine Befruchtung. Daher erscheint dem Menschen, der das anschauen kann, das Sich-Hinaufschwingen der Seele zur Unsterblichkeit wie eine Vereinigung, denn sie verbindet sich mit ihrer höheren Natur, die ihr gleichsam entgegenkommt, wenn sie sich zu dieser höheren Stufe hinaufgearbeitet hat. So erschien im germanischen Mythos, weil dem Germanen die Tapferkeit die höchste Tugend war, die Erwerbung der Unsterblichkeit, für den auf dem Schlachtfelde fallenden Krieger, in dem Entgegenkommen der Walküre; die Walküre ist nichts anderes als die unsterbliche Menschenseele. Wenn der Krieger die Tugend geübt hat, die zur Unsterblichkeit führt, dann vereinigt er sich mit der Walküre; wer nicht auf dem Schlachtfelde fiel, der starb den Strohtod und mußte hinunter in das Reich der Hel, wo nicht das geistige Licht schien.
[ 10 ] Each people had initiates who differed according to their respective character. We understand this when we grasp the meaning of initiation. What, in fact, is the initiate’s task? Above all, it was the initiates who gave the peoples the certainty of the immortality of the human soul. To ascend to wisdom means to experience that the soul is a reality. One truly comes to know it by looking into the world illuminated by astral light. There, the immortality of the soul reveals itself as an inherent quality of the soul. Because the initiate can already enter these worlds—where eternal life exists—during this present existence, he is able to bear witness to the destiny of the human being before birth and after death. It has always been the task of the initiates to shed light on how the soul transcends transitory, sensory existence. Wherever there is a faith grounded in deep insight and experience, people express ideas similar to those that have been articulated once again in recent times through the Theosophical or spiritual-scientific movement. The more a person transforms sensory existence by developing a wide variety of virtues and abilities, the more he or she is led into another existence that is imperishable. The Greeks likened the soul to a bee that flies out, gathers honey, and then returns to the hive. This is exactly how it is with the soul. It flies through the physical world, gathers experiences, and brings them back to the spiritual world, where they become its lasting possession. Wherever mystical realities underlie a concept, the soul has been imagined as something feminine; Goethe, for example, referred to it as the “Eternally Feminine”—the soul that ceaselessly absorbs from its surroundings and is fertilized by them. The cosmos, on the other hand, is masculine when viewed in relation to the soul. In its interaction with the external world, every event is a source of enrichment for the soul. Therefore, to the person who can perceive this, the soul’s ascent toward immortality appears as a union, for it unites with its higher nature, which, as it were, comes to meet it once the soul has worked its way up to this higher level. Thus, in Germanic mythology—because bravery was the highest virtue for the Germanic people—the attainment of immortality for the warrior who fell on the battlefield appeared in the form of the Valkyrie’s coming to meet him; the Valkyrie is nothing other than the immortal human soul. If the warrior has practiced the virtue that leads to immortality, then he unites with the Valkyrie; those who did not fall on the battlefield died a natural death and had to descend into the realm of Hel, where no spiritual light shone.
[ 11 ] Ein Eingeweihter ist nun ein solcher, der schon im Leben die Begegnung mit der Seele hat. So ist Siegfried der Eingeweihte der germanischen Vorzeit, der die niedere Natur, den Drachen überwindet, der hinaufsteigt und sich das Anrecht erwirbt, wie jeder Eingeweihte hineinzusehen in die Welt, welche die Menschen betreten werden, wenn sie die Pforte des Todes durchschreiten. Solche Eingeweihte waren immer für das physische Auge der Menschen unsichtbar; sie hatten immer eine Tarnkappe auf. Es ist für jeden ohne weiteres ersichtlich, daß wenn heute in irgendeiner modernen Stadt ein Eingeweihter wie zum Beispiel der Christus Jesus aufträte, er als solcher ziemlich verborgen bliebe. Denn würde man ihn auch nicht einsperren, so würde man doch das, was nur mit geistigem Auge wahrzunehmen ist, mindestens als etwas ganz Unerhörtes empfinden. So ist es mit allen Eingeweihten, auch mit Siegfried. Wer zu einer höheren Erkenntnis der Weisheit hinaufdringt, der muß nicht nur den Drachen überwinden, sondern auch zu einem höheren Bewußtsein durch mancherlei Gefahren hindurchschreiten. Die Flammen und die Feuer, von denen die Walküre umgeben ist, sind durchaus Wirklichkeiten. Bevor der Mensch in die höhere Welt zu schauen vermag, ist die höhere Natur immer mit der niederen gemischt, sie hält die niedere im Zaum und hütet das, was aus den niederen stürmischen Leidenschaften herauskommen will. Wenn aber die höhere Natur sich heraushebt, dann ist die niedere Natur zunächst allein gelassen. Daher sind die, welche vorher den Charakter nicht gründlich gestärkt haben, aber zu hellseherischem Vermögen gelangen und in die geistige Welt aufsteigen wollen, oft einer Verwandlung nach dem Schlechten hin ausgesetzt. Da fängt leicht das Feuer der Leidenschaften an zu brennen. Durch das höhere Bewußtsein entsteht die Flammenbildung, und durch diese Flammenbildung muß der Eingeweihte erst hindurch. Hier haben Sie die Einweihungszeremonien des Siegfried. Solche Eingeweihte gab es dazumal; es waren alte Priesterweise, welche die Tapferkeit und die Weisheit in sich vereinigten, Könige und Priester zugleich waren. Das war das Ideal des Menschen, das im Gedächtnis des alten Deutschen lebte und vor seiner Seele stand in dem Zeitpunkt, als gerade diese Dichtung wie eine Erinnerung entstand. Das hatte sich jetzt geändert. Die Tapferkeit ist nicht mehr der Einweihung unterstellt und die Weisheit ist einem weltlichen Stande zuerteilt; anstelle eines Kriegertums, das zu gleicher Zeit ein priesterliches Rittertum war, hat man nun eine Priesterschaft, der nichts mehr von Einweihungen bekannt ist.
[ 11 ] An initiate is one who has already encountered the soul during his lifetime. Thus, Siegfried is the initiate of Germanic antiquity who overcomes lower nature—the dragon—ascends, and earns the right, like every initiate, to look into the world that people will enter when they pass through the gate of death. Such initiates have always been invisible to the physical eye of human beings; they have always worn a cloak of invisibility. It is readily apparent to everyone that if an initiate—such as Jesus Christ, for example—were to appear today in any modern city, he would remain quite hidden as such. For even if he were not imprisoned, what can be perceived only with the spiritual eye would at the very least be regarded as something utterly unheard of. So it is with all initiates, including Siegfried. Whoever ascends to a higher knowledge of wisdom must not only overcome the dragon but also pass through various dangers to reach a higher consciousness. The flames and fires surrounding the Valkyrie are very real indeed. Before a person is able to gaze into the higher world, the higher nature is always mingled with the lower; it keeps the lower nature in check and guards against what seeks to emerge from the lower, stormy passions. But when the higher nature asserts itself, the lower nature is initially left to its own devices. Therefore, those who have not thoroughly strengthened their character beforehand but wish to attain clairvoyant abilities and ascend into the spiritual world are often exposed to a transformation for the worse. That is when the fire of the passions easily begins to burn. The formation of flames arises through higher consciousness, and the initiate must first pass through this formation of flames. Here you have the initiation ceremonies of Siegfried. Such initiates existed in those days; they were ancient priest-kings who united courage and wisdom within themselves, being kings and priests at the same time. That was the ideal of humanity that lived in the memory of the ancient German and stood before his soul at the very moment when this epic arose as a remembrance. That had now changed. Valor is no longer subject to initiation, and wisdom is assigned to a secular class; in place of a warrior class that was at the same time a priestly knighthood, there is now a priesthood that knows nothing of initiations.
[ 12 ] Die Erreichung dieses höheren Bewußtseins der eingeweihten Priesterweisen wird dargestellt in der Tatsache, daß Siegfried, der schon verbunden, verlobt war mit der Walküre Brünhilde, den Vergessenheitstrank trinkt, das heißt, selbst hineingestellt wird in die Welt, die nichts mehr weiß von den alten Zeiten, und daß er die Brünhilde für einen erwirbt, der nicht mehr ein Priesterweiser ist, der die eine Seite, die Tapferkeit, abgelegt hat, also das, mit was die höhere Seele erworben wird. Brünhilde sollte für den erworben werden, der nicht mehr ein alter Göttersprosse, das heißt, ein Eingeweihter war.
[ 12 ] The attainment of this higher consciousness by the initiated priestly sages is illustrated by the fact that Siegfried, who was already bound to and betrothed to the Valkyrie Brünnhilde, drinks the potion of forgetfulness—that is, he is himself placed into a world that knows nothing more of the old times, and that he wins Brünhilde for one who is no longer a priest-sage, who has cast aside one aspect—bravery—that is, the very quality through which the higher soul is attained. Brünhilde was to be won for one who was no longer a descendant of the gods—that is, an initiate.
[ 13 ] So ist die Entwickelung der geistigen Kultur in wunderbarer Weise in der Siegfried-Sage zum Ausdruck gekommen. Die Zeiten sind vorüber, in denen Tapferkeit und tiefste Weisheit in den Eingeweihten zusammen war. Die Vereinigung mit der Walküre ist nicht mehr an eine Einweihung gebunden; es sind in gewisser Weise von der Vorzeit Abgefallene, die jetzt durch die Tapferkeit Unsterblichkeit erreichen. So ging der Zusammenhang mit der alten Götterwelt verloren; bloß das sinnliche Leben, das an das Gold gebunden ist, war geblieben. Für eine solche Zeit — soviel ist wiederum für das mystische Denken in dieser Zeit doch klar gewesen — bedeutet das höhere Bewußtsein etwas Gefährliches. Bei dem Eingeweihten, der den Drachen besiegt hat, ist die Möglichkeit vorhanden, daß er sich mit dem höheren Bewußtsein vereinigt und sich von ihm erfüllen lassen kann. Die niedere Natur kann ihn nicht mißleiten, da er sie abgelegt hat. Bei dem aber, der das noch durchmachen muß und die niedere Natur nicht überwunden hat, kann dasselbe gefährlich werden. Das sollte den alten Deutschen vor die Augen geführt werden. Denn die Vereinigung mit der Walküre wirkt zerstörend, wenn sie nicht mit innerer Würdigkeit verknüpft ist. Sie wird zur verderblichen Macht, wenn sie für sich auftritt. So tritt Brünhilde für sich auf, indem sie dem Manne gehören mußte, der nicht durch die Einweihung durchgegangen war, dem sie unrechtmäßigerweise zugeteilt worden ist. Daher muß das höhere Bewußtsein verderblich wirken. Damit haben wir auch erklärt, was für Brünhilde zuletzt den Untergang herbeiführt. Brünhilde, das von den alten Göttern stammende höhere Bewußtsein, muß die alten Götter selbst mit sich ins Verderben hineinziehen. Der Göttersproß war ihr ein ebenbürtiger. In alter Zeit war es richtig, daß Walküren auf die Krieger herabkamen, weil Eingeweihte darunter waren, die durch ein siegvolles Leben das Recht auf die Vereinigung mit Brünhilde sich erworben hatten. Dieses Bewußtsein, die Gabe der alten Götter, die sie ursprünglich den Eingeweihten gegeben haben, war nachträglich aber auch auf die gekommen, die keine Eingeweihten waren, wo sie zerstörend, auflösend wirken konnte, und dann notwendig die alte Götterwelt selbst hinunterziehen mußte: die Götterdämmerung.
[ 13 ] Thus, the development of spiritual culture has found marvelous expression in the Siegfried legend. The times are past when bravery and the deepest wisdom were united in the initiates. Union with the Valkyrie is no longer bound to an initiation; in a certain sense, these are those who have fallen away from ancient times, who now attain immortality through bravery. Thus, the connection with the old world of the gods was lost; only the sensual life, bound to gold, remained. For such a time—and this much, at least, was clear to mystical thinking in that era—the higher consciousness represents a danger. For the initiate who has vanquished the dragon, there is the possibility of uniting with the higher consciousness and allowing himself to be filled by it. The lower nature cannot lead him astray, since he has cast it off. But for the one who still has to go through this and has not overcome the lower nature, the same thing can become dangerous. This was to be brought home to the ancient Germans. For union with the Valkyrie has a destructive effect if it is not linked to inner dignity. It becomes a corrupting power when it acts on its own. Thus, Brünnhilde acts on her own by having to belong to the man who had not undergone the initiation, to whom she was unlawfully assigned. Therefore, the higher consciousness must have a corrupting effect. This also explains what ultimately brings about Brünnhilde’s downfall. Brünhilde, the higher consciousness originating from the ancient gods, must drag the ancient gods themselves down into ruin with her. The offspring of the gods was her equal. In ancient times, it was right that the Valkyries descended upon the warriors because there were initiates among them who, through a victorious life, had earned the right to union with Brünhilde. This consciousness, the gift of the old gods, which they had originally bestowed upon the initiates, had subsequently, however, also come to those who were not initiates, where it could have a destructive, dissolving effect, and then necessarily had to drag down the old world of the gods itself: the twilight of the gods.
[ 14 ] Nicht zufällig, sondern aus tiefster Weisheit heraus, taucht auch in der deutschen Gestalt des Nibelungenliedes, da, wo das Volk hinunterzieht an den Hof des Königs Etzel, um dem Untergang entgegenzugehen, das neue Christentum auf. Es scheint das Christentum hinein in die alte Welt, Ausgegangen ist die Welt von der Liebe. Man erinnerte sich symbolisch an eine alte Liebe, die ersetzt worden ist durch die Satzungen, die im Golde begründet worden sind. Die Zeit des Goldes hat es dahin gebracht, daß das höhere Bewußtsein der Brünhilde zerstörend gewirkt hat. Und der Zeitpunkt, wo die alten Götter hinuntergesunken sind, ist kosmisch mit der Zeit dargestellt, wo das astrale Schauen dem physischen Schauen gewichen ist, das dadurch ein Abbild des kosmischen Vorganges wird.
[ 14 ] It is no coincidence, but rather a manifestation of profound wisdom, that the new Christianity also emerges in the German version of the *Nibelungenlied*—specifically, at the point where the people march down to King Etzel’s court to meet their doom. Christianity seems to have entered the old world; the world has departed from love. People symbolically recalled an old love that had been replaced by statutes founded on gold. The Age of Gold led to a situation in which Brünnhilde’s higher consciousness had a destructive effect. And the moment when the old gods sank into the underworld is cosmically represented by the time when astral vision gave way to physical vision, which thereby became a reflection of the cosmic process.
[ 15 ] Die Liebe statt der Satzungen soll als neues Element auferstehen. Sogar das deutet der Mythos sinnbildlich an, und in dieser Tatsache tritt er noch intimer hervor: Als Siegfried verraten werden sollte, bezeichnete sein Weib die Stelle, wo er verwundet werden konnte, mit einem Kreuz. Seelisch unverwundbar durch das irdische Sinnliche ist jeder Eingeweihte, wenn auch sein Körper in Stücken von ihm gerissen wird. Die Seele hat sich in das höhere Leben hineingelebt. Eines hat aber der Eingeweihte noch nicht erreichen können. Siegfried ist an der Stelle verwundbar geblieben, wo die ins Göttliche geläuterte moralische Gesetzlichkeit in Liebe aufflammen soll. Dieses Aufflammen der sich vergöttlichenden Moral in Liebe ist das Wesen des Christentums., Das gehörte noch nicht zur Einweihung des Siegfried. Nachdem die Götterdämmerung vorbei ist, tritt unter die alten Kämpfenden ein anderer Held hinein, der höher steht als Siegfried, der unverwundbar ist an der Stelle, wo Siegfried noch verwundbar war. Das Kreuz, das Kriemhilde nur hinzeichnen kann, das hat der Große auf seinem Rücken getragen. — Sie sehen, welch tiefer Untergrund, welch geistiges Lebensbild in dieser Sage der Vorzeit vorhanden ist. Das Rätsel der Menschheit tönt uns da überall entgegen.
[ 15 ] Love, rather than statutes, is to rise as a new element. Even the myth symbolically alludes to this, and in this fact it reveals itself even more intimately: When Siegfried was to be betrayed, his wife marked the spot where he could be wounded with a cross. Every initiate is spiritually invulnerable to earthly sensuality, even if his body is torn to pieces. The soul has immersed itself in the higher life. But there is one thing the initiate has not yet been able to achieve. Siegfried remained vulnerable at the very point where moral law, purified into the divine, is to blaze forth in love. This blazing forth of deified morality in love is the essence of Christianity. This was not yet part of Siegfried’s initiation. After the twilight of the gods has passed, another hero steps among the old warriors—one who stands higher than Siegfried, who is invulnerable precisely where Siegfried was still vulnerable. The cross, which Kriemhilde can only sketch, was borne on the back of the Great One. — You see what deep foundation, what spiritual portrait of life is present in this ancient legend. The riddle of humanity resounds to us from every corner of it.
[ 16 ] Sie wissen alle, daß sich Richard Wagner nicht begnügt hat mit der Siegfried-Gestalt des Nibelungenliedes, sondern daß er zur nordischen Sage zurückgriff, wenn er auch die einzelnen Motive und Persönlichkeiten etwas änderte. Er stellt Siegfried dar als die Seele, die durch die Tötung des Lindwurms durch die Einweihung hindurchgegangen ist, als eine Wesenheit, die die Sprache der Vögel versteht, die also nicht allein durch die Tore der Sinnenwelt sieht und hört. Und in der Götterdämmerung läßt er uns den Zusammenhang erschauen, der in Brünhilde symbolisiert ist als die alte Götterwelt, die hinuntertaucht in die Tiefen, aus der dann die christliche Liebe sich erhebt, die an die Stelle der alten Götterwelt getreten ist.
[ 16 ] You all know that Richard Wagner did not content himself with the figure of Siegfried from the *Nibelungenlied*, but that he drew upon Norse mythology, even if he did alter the individual motifs and characters somewhat. He portrays Siegfried as the soul who, through the slaying of the Lindwurm, has undergone initiation—as a being who understands the language of the birds, and who thus sees and hears not only through the gates of the sensory world. And in *Götterdämmerung*, he allows us to perceive the connection symbolized by Brünnhilde as the old world of the gods, which plunges into the depths, from which Christian love then rises, having taken the place of the old world of the gods.
[ 17 ] Ich möchte nicht behaupten, daß Richard Wagner in abstrakter Weise diese Gedanken gehabt hat; aber das braucht ja beim Künstler gar nicht der Fall zu sein. Man spricht so leichthin von dem «unbewußten» Schaffen des Künstlers. Das ist kein gutes Wort. Denkt der Mensch in abstrakten Begriffen, in schattenhaften Vorstellungen, so wirkt der Künstler im Gestalten. Es ist mehr eine höhere Ungezogenheit der Eitelkeit des Gelehrtentums und des Verstandes, wenn man dieses Leben und Weben in der Imagination und im Gestalten mit «unbewußt» bezeichnet. Hier liegt vielmehr etwas anderes zugrunde. Was ist die Kunst mit ihrem schaffenden Gestalten, mit ihrem Hereinleuchtenlassen einer höheren Welt? Es ist tief bedeutsam, daß gerade durch die Erneuerung des Mythos auch wieder eine Erneuerung der Kunst herbeigeführt worden ist. Wenn für den gewöhnlichen Menschen der Mythos nur Symbol ist, so ist er für den Eingeweihten geistige Wirklichkeit, der Ausdruck der Erfahrung einer höheren geistigen Welt. Es ist ein so volles Bewußtsein, daß das gewöhnliche helle Tagesbewußtsein es nicht zu erfassen vermag. Ein schattenhafter Abglanz davon ist im Mythos geblieben, und ein Ahnliches haben wir auch, wenn wir uns vorstellen, wie ein Eingeweihter seine Schüler in die alten Mysterien einführte, seien es griechische, persische, ägyptische, oder die, von denen uns eine deutsche Urgeschichte erzählt. Da haben wir den Eingeweihten, der die Macht hat, die Augen seiner Schüler für diese höhere Welt zu öffnen. Da schauen sie hinein in diese geistige Welt; es spielen sich vor ihnen Szenen einer höheren Erfahrung ab, nicht zwischen Menschen, sondern zwischen Göttern. Eine spätere Zeit hat die Form dieses Abspielens von Szenen wie in einem Schattenbilde festgehalten, und zwar in der Kunst. Die Kunst ist wie ein Traum oder wie ein Schattenbild als Erinnerung an ein früheres Hellsehen und eine Prophetie für ein späteres Hellsehen der ganzen Menschheit.
[ 17 ] I do not wish to claim that Richard Wagner held these thoughts in an abstract sense; but that need not necessarily be the case with an artist. People speak so casually of the artist’s “unconscious” creation. That is not a good term. While human beings think in abstract concepts and shadowy ideas, the artist works through form. It is more a form of high-minded arrogance on the part of scholarly vanity and the intellect to describe this life and weaving within the imagination and in form as “unconscious.” Rather, something else underlies this. What is art, with its creative shaping, with its bringing to light a higher world? It is deeply significant that it is precisely through the renewal of myth that a renewal of art has also been brought about. While for the ordinary person myth is merely a symbol, for the initiate it is spiritual reality—the expression of the experience of a higher spiritual world. It is such a profound consciousness that ordinary, clear-day consciousness is unable to grasp it. A shadowy reflection of this has remained in myth, and we have something similar when we imagine how an initiate introduced his students to the ancient mysteries—be they Greek, Persian, Egyptian, or those recounted in German prehistory. There we have the initiate who has the power to open his students’ eyes to this higher world. There they gaze into this spiritual world; scenes of a higher experience unfold before them—not between human beings, but between gods. A later era captured the form of this unfolding of scenes, as in a shadow play, in art. Art is like a dream or a shadow play—a remembrance of an earlier clairvoyance and a prophecy of a later clairvoyance for all of humanity.
[ 18 ] Eine große Epoche war es, als das letzte Nachklingen jener alten Zeit im deutschen Mythos durch Richard Wagner wieder herausgeholt wurde, um wieder den Zusammenschluß zwischen Kunst und Schauen zu finden. So haben die Erzeugnisse der Kunst Richard Wagners eine prophetische Bedeutung. Sie sind ein großes, eminentes Erziehungsmittel der neuesten Zeit, sie werden dem Menschen durch den Klang der Musik und durch das vor seinen Augen sich abspielende Übermenschliche den Mythos erneuern und die Seelenkräfte wachrufen helfen. Und die theosophische oder geisteswissenschaftliche Weltanschauung, die auf jene Zukunft der Menschheit hinarbeitet, darf diese aus dem Mythos heraus wiedergeborene Kunst als eine echte Schwester betrachten. So ist es in gewisser Weise möglich, aus der Geisteswissenschaft eine weitere Vertiefung der Kunst Richard Wagners zu gewinnen. Das Lebendige des geistigen Eindringens, das die Geisteswissenschaft anstrebt, wird an die Stelle der bloßen abstrakten Gelehrsamkeit, die sich der alten Sagen und Mythen bemächtigt hat, treten müssen. Der Mythos ist eine Darstellung von tiefen Wahrheiten, von hohen geistigen Erlebnissen, und indem die Geistesforschung, die eine andere Forschung ist als die gewöhnliche, das Bewußtsein dieser geistigen Erlebnisse erweckt, wird sie auch den Mythos in seinen Tiefen wieder verständlich machen. Dann werden die Sagen von der Morgendämmerung der Menschheit in ihrem Wesenskern wieder lebendig werden können. In den verschiedensten Formen haben die Menschen die Wahrheit zum Ausdruck gebracht. Der aber versteht die Form der Wahrheit, wer einen Sinn hat für den Kern und den lebendigen Quell der Wahrheit. Den Kern dieser Wahrheit zu suchen, ist die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung, und durch diese Gesinnung, die das Wesentliche auf dem geisteswissenschaftlichen Gebiete ausmacht, wird uns gerade von den vergangenen geistigen Schätzen der Menschheit das Beste an die Oberfläche des heutigen Bildungslebens treten können.
[ 18 ] It was a great era when Richard Wagner brought back the last echoes of that ancient time in German mythology, in order to restore the union between art and vision. Thus, Richard Wagner’s artistic works have a prophetic significance. They are a great and eminent educational tool of our time; through the sound of music and the superhuman events unfolding before the eyes of the audience, they will help renew the myth and awaken the powers of the soul. And the theosophical or spiritual-scientific worldview, which works toward that future of humanity, may regard this art—reborn from the myth—as a true sister. Thus, in a certain sense, it is possible to gain a deeper understanding of Richard Wagner’s art through spiritual science. The vitality of spiritual insight, which spiritual science strives for, must take the place of the mere abstract scholarship that has taken possession of the old legends and myths. Myth is a representation of profound truths, of lofty spiritual experiences, and as spiritual research—which is a different kind of research than the ordinary kind—awakens awareness of these spiritual experiences, it will also make the myth comprehensible once more in its depths. Then the legends of humanity’s dawn will be able to come alive again in their very essence. People have expressed the truth in the most diverse forms. But those who have a sense for the core and the living source of truth are the ones who understand the form of truth. Seeking the core of this truth is the task of the spiritual-scientific worldview, and through this attitude—which constitutes the essence of the spiritual-scientific field—the very best of humanity’s past spiritual treasures will be able to rise to the surface of today’s educational life.
