World-Riddles and Theosophy
GA 54
29 March 1906, Berlin
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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
18. Parzival und Lohengrin
18. Parzival and Lohengrin
[ 1 ] Heute vor acht Tagen durfte ich zu Ihnen sprechen über den esoterischen Kern, über den geistigen Inhalt jener großen Sagendichtungen, in denen sich ausdrückt deutsches oder überhaupt mitteleuropäisches Denken und Fühlen im ersten Drittel des Mittelalters, durch deren Erneuerung Richard Wagner zu gleicher Zeit etwas wie Prophetisches für unsere Kunst geleistet hat. Heute wird uns ein anderer Sagentypus zu beschäftigen haben, zwei Sagen, die ebenfalls durch Richard Wagner eine Erneuerung gefunden haben und der Kunst in unseren Tagen in bedeutungsvoller Weise erobert worden sind. Heute soll uns die Parzival- und die Lohengrin-Sage beschäftigen. Mit diesen beiden Sagen berühren wir ein etwas anderes Land, als dasjenige war, das uns vor acht Tagen beschäftigt hat. Ich will Ihnen in ein paar Worten noch einmal charakterisieren, was eigentlich an die Siegfried- und an die Nibelungen-Sage anknüpft und was in ihnen lebt. Es drückt sich darin aus das Bewußtsein der mitteleuropäischen Bevölkerung von einer alten geistigen Erfahrung der Vorfahren, die hinuntergesunken ist in das Dunkel der Zeit und die ersetzt worden ist in der Epoche, in der diese Sagen entstanden sind, eigentlich schon ersetzt war durch die gewöhnliche alltägliche Sinnesanschauung, eine alte geistige Erfahrung, die noch wie ein Nachklang lebte, eben als Götter- oder Sagenwelt.
[ 1 ] Eight days ago today, I had the privilege of speaking to you about the esoteric core, the spiritual content of those great epic poems that express German—or indeed Central European—thought and feeling in the first third of the Middle Ages, and through whose revival Richard Wagner, at the same time, accomplished something of a prophetic feat for our art. Today we will turn our attention to a different type of legend—two legends that were likewise revitalized by Richard Wagner and have been meaningfully reclaimed by art in our own time. Today we will focus on the legends of Parzival and Lohengrin. With these two legends, we are entering a somewhat different realm than the one we explored eight days ago. I would like to briefly characterize once more what actually ties into the Siegfried and Nibelungen sagas and what lives within them. They express the Central European people’s awareness of an ancient spiritual experience of their ancestors, one that has sunk into the mists of time and which, in the era when these sagas arose, had in fact already been replaced by ordinary, everyday sensory perception—an ancient spiritual experience that still lived on as an echo, precisely as a world of gods and legends.
[ 2 ] Ist so die Sage von den Nibelungen und von Siegfried ein Nachklang an die uralte Heidenzeit mit ihren Geheim 430 lehren, mit ihren Anschauungen von der Einweihung der alten Führer des Volkes, und haben wir in Siegfried selbst einen solchen großen Eingeweihten im Stile, sagen wir des alten Germanentums gefunden, so haben wir in Lohengrin und Parzival Individualitäten ganz anderer Art. Wir betreten mit ihnen diejenige Zeit, in welcher das Christentum, eine für die Gegend Mitteleuropas ganz und gar neue Weltanschauung, Verbreitung gefunden und Einfluß gewonnen hat. Das ganze Wesen des neu aufgehenden Christentums und alles dasjenige, was sich als Folge, als Konsequenz an dieses neu aufgehende Christentum anknüpft, lebt nun in diesen beiden Sagen, in der Parzival- und in der LohengrinSage. Wir wollen uns einmal vor die Seele rufen, wie das Wesen mittelalterlich-europäischer Entwickelung sich zunächst in dieser Sagenwelt zum Ausdruck bringt. Wir haben vor acht Tagen betont, daß uns die Siegfried- und die NibeJungen-Sage hinweisen auf eine uralte Vorzeit, in der eine Art natürlicher Bande der Liebe die einzelnen Stämme, die einzelnen Bevölkerungsteile verband. Es ist etwas wie ein Nachklang an diese Zeit vorhanden in dem, was Tacitus mitteilt, wenn er sagt, daß die Deutschen noch einen alten Stammesgott verehrt haben, zu dem sie aufblickten wie zu einem Vater, mit dem sie durch Familienbande, die sich bis zur Stammesgemeinschaft ausdehnten, verbunden waren. Die Liebe, die diese Bande knüpfte, war durch das Blut, durch die natürliche Verwandtschaft gegeben. Jeder einzelne Stamm hatte eine solche Stammesgottheit, die wiederum eine Art Ahnherrn hatte. Diese natürliche Liebe, die eine Folge der Blutsverwandtschaft ist, liegt wie ein Hauch über diesen alten Zeiten, und gerade die Erinnerung an diese alten Zeiten und Stammesgemeinschaften, an diese aus dem Blute stammende alte Liebe, ist es, die in dem Sagentypus von den Nibelungen zum Ausdruck kommt. Gesehen haben wir, daß das Charakteristische gerade das ist, daß dieses Nibelungenlied, dieser Sagentypus entstanden ist in einer Zeit, in der die Stammesliebe schon zurückgetreten war. Etwas anderes ist an deren Stelle getreten: die Sucht nach Besitz, alles das, was durch das Gold symbolisiert ist, was mit Egoismus zusammenhängt und darin begründer ist. Nicht mehr die alte, auf Blutsverwandtschaft begründete Liebe war maßgebend, sondern neue Zusammenhänge, die sich auf Satzungen, Verträge und Gesetze gründeten. Dieser Umschwung spiegelt sich ganz genau in dem ab, was in der Nibelungensage lebt.
[ 2 ] span>If the legend of the Nibelungs and Siegfried is an echo of the ancient pagan era with its secret teachings and its concepts of the initiation of the people’s ancient leaders, and if we have found in Siegfried himself such a great initiate in the tradition—let us say—of ancient Germanic culture, then in Lohengrin and Parzival we find characters of an entirely different kind. With them, we enter the era in which Christianity—a worldview entirely new to Central Europe—spread and gained influence. The very essence of the newly emerging Christianity—and everything that is linked to it as a result or consequence—now lives on in these two legends: the Parzival and the Lohengrin legends. Let us call to mind how the essence of medieval European development first finds expression in this world of legends. Eight days ago, we emphasized that the legends of Siegfried and the Nibelungs point to an ancient past in which a kind of natural bond of love united the individual tribes and segments of the population. There is something of an echo of this time in what Tacitus reports when he says that the Germans still worshipped an ancient tribal god, whom they looked up to as a father, to whom they were bound by family ties that extended to the tribal community. The love that forged these bonds was given through blood, through natural kinship. Each individual tribe had such a tribal deity, who in turn had a kind of ancestral lord. This natural love, which is a consequence of blood kinship, hovers like a breath over those ancient times, and it is precisely the memory of those ancient times and tribal communities—of that ancient love rooted in blood—that finds expression in the Nibelungen saga. We have seen that what is characteristic is precisely that this *Nibelungenlied*, this type of legend, arose at a time when tribal love had already receded. Something else had taken its place: the craving for possessions, everything symbolized by gold, which is connected to and rooted in selfishness. It was no longer the old love based on blood kinship that was decisive, but rather new relationships founded on statutes, treaties, and laws. This shift is reflected very precisely in what lives on in the Nibelungen saga.
[ 3 ] Es verging wiederum eine Zeit, da traten andere Ziele an die Stelle dieser alten Gemeinschaften, die, sagen wir auf Gold, Besitz und bloße kriegerische ritterliche Tapferkeit gebaut waren, die da mit dem Besitze rechneten. Da traten nach und nach andere Ziele, andere Ideale auf. Mit dem Christentum traten sie auf. Es ist vielleicht nirgends so gewaltig und grandios zum Ausdruck gekommen, was das innerste Wesen des Christentums ist, als in den Sagen, in die wir uns allmählich einleben und in denen sich die Aufgabe des Christentums innerhalb Mitteleuropas sinnbildlich abspielt: in der Lohengrin-Sage und in der Parzival-Sage.
[ 3 ] Some time passed, and other goals took the place of these old communities, which were, let’s say, built on gold, property, and mere martial, chivalrous valor—communities that counted on their possessions. Gradually, other goals and ideals emerged. They emerged with Christianity. Perhaps nowhere is the innermost essence of Christianity expressed as powerfully and magnificently as in the legends with which we are gradually becoming familiar—and in which the mission of Christianity within Central Europe is symbolically played out: in the legend of Lohengrin and in the legend of Parzival.
[ 4 ] Was hatte denn das Christentum als sein Lebenselixier? Die absolute Gleichheit aller Menschen. So wurde wenigstens das Christentum in der damaligen Zeit empfunden. Freiheit, Gleichheit gegenüber dem Höchsten, das der Mensch sich denken kann, das empfand man als das Kleinod, als die eigentliche Sendung und Mission des Christentums. Auf den Namen der Vorfahren, auf den Namen eines Stammes oder auf einen Familiennamen waren in den alten Zeiten die Vorfahren der Germanen stolz. Darauf beriefen sie sich, wenn sie sich in der Welt einen Wert zuteilen wollten. Auf das Gesetz, auf Titel und Namen beriefen sie sich in der Zeit, welche die Stammesliebe abgelöst hat. Jetzt sollten beide nicht mehr gelten, sondern nur der Mensch schlechtweg, der in seinem Innersten sich wesenhaft fühlte. Der Mensch ohne Titel, ohne Name war das christliche Ideal. Etwas Großes war damit gesagt. Das drückt sich aus in der Lohengrin- und in der Parzival-Sage.
[ 4 ] What, then, was the lifeblood of Christianity? The absolute equality of all people. At least, that is how Christianity was perceived at the time. Freedom and equality before the Supreme Being—the highest concept a human being can conceive—were regarded as the jewel, as the true purpose and mission of Christianity. In ancient times, the ancestors of the Germanic peoples took pride in the names of their forebears, in the name of a tribe, or in a family name. They invoked these when they sought to assign themselves value in the world. They invoked the law, titles, and names in the era that succeeded tribal loyalty. Now neither was to apply anymore, but only the human being, pure and simple, who felt his essential nature in his innermost being. The human being without title, without name, was the Christian ideal. This expressed something profound. It is reflected in the legends of Lohengrin and Parzival.
[ 5 ] Inwiefern kommt das in diesen beiden Sagen zum Ausdruck? Wenn wir die Parzival-Sage nehmen, so brauchen wir uns nur die Struktur der Parzival-Sage vor Augen zu rücken, wie sie im Mittelalter gelebt hat, gelebt hat in Wolfram von Eschenbach. Wir haben es da zu tun mit einem jungen Menschen, der aufwächst, herausgerissen aus aller Gemeinschaft, herausgerissen aus dem, was in jener Zeit den Menschen Wert und Gewicht gegeben hat. Die Mutter Herzeloide hat es erfahren, daß Leiden, Schmerzen verbunden sein konnten mit der alten Ordnung, die auf Titel, Würden und Namen sich gründete, In der alten Ordnung wurde ihr Mann nach dem Orient hin geführt, wo er verunglückte. Sie will nun ihren Sohn aufziehen fern von allem, was gilt. Er sollte nichts wissen von dem Streben der weltlichen Ritter. Aber er sieht eines Tages solche weltlichen Ritter. Da beschließt er, selbst auszuziehen, und nun geht er auf seine Wanderung. Wir wissen, daß diese Wanderung ihn an zwei Orte bringt, die wir als erwas ganz besonders Wichtiges für die geistige Vorstellung in der Mitte des Mittelalters betrachten müssen.
[ 5 ] To what extent is this reflected in these two sagas? If we take the Parzival saga, we need only consider the structure of the Parzival saga as it existed in the Middle Ages, as it existed in the work of Wolfram von Eschenbach. We are dealing here with a young man who grows up torn away from all community, torn away from what gave people value and significance in that era. His mother, Herzeloide, had learned that suffering and pain could be linked to the old order, which was based on titles, dignities, and names. In the old order, her husband was led to the Orient, where he met with misfortune. She now wants to raise her son far from everything that matters. He was to know nothing of the aspirations of worldly knights. But one day he sees such worldly knights. So he decides to set out on his own, and now he embarks on his journey. We know that this journey takes him to two places that we must regard as something particularly important for the spiritual imagination in the heart of the Middle Ages.
[ 6 ] Der erste der Orte, in welche der Parzival kommt, ist die Tafelrunde des Königs Artus; der andere Ort ist die Burg des Heiligen Gral. Was sind diese beiden? Die Tafelrunde des Königs Artus bedeutet für das Vorstellungsleben des Mittelalters eine Gemeinschaft, von welcher alle geistige Kraft ausgeht für dasjenige, was eben im Mittelalter vor dem Einfluß des Christentums als weltliche Ritterschaft, überhaupt als alles Weltliche, vorhanden war. Wir werden zurückgeführt auf uralte Zeiten, auf jene Zeiten, auf die wir schon das letzte Mal im Vortrage über das Nibelungenlied hinweisen konnten. Wir wissen ja, daß die Germanen, die Vorfahren der deutschen und angelsächsischen Völkerschaften in Europa, ein Gebiet eingenommen haben, das in Urzeiten von andern Volksstämmen, von den Kelten bewohnt war. Die Kelten: Wenig wird historisch von ihnen gewußt; die Geschichte erzählt nur wenig von jenen fernen vergangenen Zeiten Europas, in welchen dieses merkwürdige Volk großen Einfluß hatte, das dann von den vordringenden Germanen nach dem Westen gedrängt worden ist, aber auch da als Volk zurückgedrängt worden ist. Als Volk sind die Kelten zurückgedrängt worden. Ihr Einfluß ist geblieben. Ein geistiger Bodensatz ist in Europa aus dieser alten Keltenzeit. Diese Keltenzeit, in der die Leute noch hellseherisch hineingesehen haben in die geistigen Gebiete, war es, von welcher die Vorstellungen über die geistige Welt geblieben sind.
[ 6 ] The first of the places Parzival visits is King Arthur’s Round Table; the other is the Castle of the Holy Grail. What are these two? In the medieval imagination, King Arthur’s Round Table represents a community from which all spiritual power emanates for that which existed in the Middle Ages—before the influence of Christianity—as secular knighthood, and indeed as everything secular. We are taken back to ancient times, to those times we were already able to refer to last time in the lecture on the *Nibelungenlied*. We know, of course, that the Germanic peoples—the ancestors of the German and Anglo-Saxon peoples in Europe—occupied a territory that in ancient times was inhabited by other tribes, namely the Celts. The Celts: Little is known about them historically; history tells us very little of those distant times in Europe when this remarkable people exerted great influence, only to be driven westward by the advancing Germanic tribes, where they too were pushed back as a people. As a people, the Celts were pushed back. Their influence remained. A spiritual legacy remains in Europe from this ancient Celtic era. It was during this Celtic era—when people could still perceive the spiritual realms through clairvoyance—that the conceptions of the spiritual world were formed.
[ 7 ] Unter den Kelten war es vorzugsweise, wo das alte Hellsehen heimisch war, das unmittelbare Bewußtsein, daß man Erfahrungen haben konnte in der göttlich-geistigen Welt. Die Erzählungen und dramatischen Handlungen sind im wesentlichen ein Nachklang der Unterweisung, welche die eingeweihten Keltenpriester ihren Schülern und durch die Schüler dem ganzen Volke gegeben haben. Da werden wir zurückgewiesen in jene Urzeiten Europas, wo es auf europäischem Boden wirkliche Eingeweihte gegeben hat, Eingeweihte des alten keltischen Heidentums.
[ 7 ] It was primarily among the Celts—where the ancient art of clairvoyance was at home—that there was a direct awareness that one could have experiences in the divine-spiritual world. The stories and dramatic narratives are essentially an echo of the teachings that the initiated Celtic priests imparted to their students and, through them, to the entire people. This takes us back to those primeval times in Europe when there were true initiates on European soil—initiates of the ancient Celtic paganism.
[ 8 ] Das, was ich Ihnen erzählt habe über die Einweihung des Siegfried, des Wotan und so weiter, das alles führt zurück auf die alten Initiationen oder Einweihungen durch die alten keltischen Priester. Diese alten keltischen Priester waren im wesentlichen dasselbe vom Geiste aus, wie im alten Ägypten, im alten Chaldäa oder alten Persien die Priesterweisen als Herrscher waren. Sie haben hier die Herrschaft ausgeübt. Alles was im Weltlichen geschah, was zur äußeren Organisation gehörte, das wurde unter den Angaben der Priesterweisen gemacht. Nichts Staatliches, nichts Gemeinschaftliches gab es, das nicht der Weisheit dieser Urgelehrten Europas unterstand.
[ 8 ] What I have told you about the initiation of Siegfried, Wotan, and so on—all of that traces back to the ancient initiations performed by the ancient Celtic priests. These ancient Celtic priests were essentially the same in spirit as the priest-sages who ruled in ancient Egypt, ancient Chaldea, or ancient Persia. They exercised authority here. Everything that took place in the secular realm—everything pertaining to external organization—was carried out under the guidance of the priest-sages. There was nothing in the state or in the community that was not subject to the wisdom of these primordial scholars of Europe.
[ 9 ] Der König Artus, von dem man sagt, daß er sich mit seiner Tafelrunde nach Wales zurückgezogen hat und dort wohnte und thronte, war nichts anderes als der gelehrte Herr dieser Weisen, die einen geistigen Mittelpunkt, eine Art geistige Monarchie bildeten. Man empfand, daß dieser geistige Mittelpunkt, ich möchte sagen «Urgelehrter», mit seiner auserlesenen Schar, die man gewöhnlich als zwölf angab, sich wirklich da befand. Daß dies so ist, hat seine guten Gründe. So sagt man, daß König Artus in Wales nichts anderes gewesen ist als der Nachfolger jenes dirigierenden Gelehrten der alten Keltenpriester. Und damit stehen wir unmittelbar vor der Erkenntnis, daß es im alten Europa das gegeben hat, was wir in der geistigen Forschung eine sogenannte Große Loge nennen.
[ 9 ] King Arthur, who is said to have retired to Wales with his Round Table and to have lived and reigned there, was none other than the learned leader of these sages, who formed a spiritual center, a kind of spiritual monarchy. People sensed that this spiritual center—I would call him the “primordial scholar”—with his select group, usually said to number twelve, was truly present there. There are good reasons to believe this is so. Thus, it is said that King Arthur in Wales was nothing other than the successor to that guiding scholar of the ancient Celtic priests. And this brings us directly to the realization that what we call in spiritual research the so-called “Grand Lodge” did indeed exist in ancient Europe.
[ 10 ] Machen wir uns jetzt einmal den Begriff einer Großen Loge klar. Nicht wahr, Sie wissen — und da hier so oft über geisteswissenschaftliche Dinge gesprochen wird, so darf ich auch wohl hier über intimere Dinge sprechen —, Sie wissen, daß wir ganz im Ernst an Entwickelung denken und daß es Entwickelung gibt in der Menschheit, daß die Menschheit immer höher und höher steigen wird, daß jeder einzelne den Erkenntnispfad hinansteigen wird bis zu jenen Stufen, wo er selbst hineinschauen wird in die geistigen Welten, wo ihm das, was als Urgrund hinter der Welt steht, offenbar wird. Wenn wir also von der Möglichkeit der Entwickelung der Menschheit sprechen, so liegt es auch nicht fern, sich klar zu sein, daß es heute schon höherentwickelte Individualitäten in der Menschheit gibt, die der übrigen Menschheit vorausgeeilt sind und die durch ein entsagungsvolles Leben die Pfade der Erkenntnis und der Weisheit zurückgelegt haben, damit sie Führer sein können der heutigen Menschheit. Heute, wo man alles nivelliert, wo man alles nicht anerkennen will, wo man von Entwickelung redet, aber nicht an die Entwickelung glauben will, da läßt man das nicht gelten. Aber in den Zeiten, wo man davon etwas gewußt hat, sprach man tatsächlich von der vorhandenen Entwickelung.
[ 10 ] Let us now clarify the concept of a Grand Lodge. Surely you know—and since spiritual scientific matters are discussed here so often, I may well speak here about more intimate matters as well— you know that we are quite serious about evolution and that evolution exists within humanity, that humanity will rise higher and higher, that every individual will ascend the path of knowledge to those levels where he himself will look into the spiritual worlds, where what lies as the primordial source behind the world will be revealed to him. So when we speak of the possibility of humanity’s evolution, it is not far-fetched to realize that there are already highly evolved individuals among humanity today who have gone ahead of the rest of humanity and who, through a life of self-sacrifice, have traversed the paths of knowledge and wisdom so that they may serve as guides for humanity today. Today, when everything is being leveled, when people refuse to acknowledge anything, when they speak of evolution but do not want to believe in it, such ideas are not accepted. But in times when people knew something about this, they did indeed speak of the evolution that exists.
[ 11 ] Nach einem natürlichen Gesetz finden wir zwölf verschiedene Kräfte des Geistes. Ich habe von Goethe gesagt, daß er selbst von solch einer geheimen Bruderschaft redet, die er als Rosenkreuzer anspricht. Von einer solchen Großen Weißen Loge sprach man im Mittelalter. Von dieser gingen die Fäden aus, welche das Leben zusammenhielten und beherrschten. Und denjenigen, der das alles lenkte, erkannte man in dem König Artus, der verborgen in Wales lebte. Um ihn waren seine Ritter, die zwar nicht mehr ganz auf der Höhe standen wie einst die Priester der alten Keltenzeit, für die sich die Zeit der Liebe umgewandelt hat in eine Zeit des Egoismus, wo man mit dem Schwert in der Hand Länder zu erobern suchte. Sie waren aber noch unter der Führung der weißen Loge.
[ 11 ] According to a natural law, we find twelve different powers of the spirit. I have mentioned that Goethe himself speaks of such a secret brotherhood, which he refers to as the Rosicrucians. People spoke of such a Great White Lodge in the Middle Ages. From it emanated the threads that held life together and governed it. And the one who directed it all was recognized as King Arthur, who lived in hiding in Wales. Surrounding him were his knights, who, though no longer quite at the height they once were—like the priests of the ancient Celtic era—for whom the age of love had turned into an age of selfishness, where people sought to conquer lands with the sword in hand, were still under the guidance of the White Lodge.
[ 12 ] Gewiß liegt auch die Frage nahe: Wenn es solche Logen gibt — auch heute noch —, warum zeigen sie sich nicht? — Ich habe schon oft gesagt, daß es nicht allein davon abhängt, daß sich einer zeigt, sondern auch davon, daß er erkannt werden kann. Auch Jesus würde wahrscheinlich heute nicht erkannt werden können. Schwer ist es, einen Weisen innerhalb der eigenen Gegenwart anzuerkennen. Dazu gehört eben das, was die theosophische oder geisteswissenschaftliche Bewegung wieder in die Menschheit bringen will. Wenn das Eingang findet, dann wird man auch wieder so etwas verstehen wie die Tafelrunde des Königs Artus, die dirigierende weiße Loge.
[ 12 ] Of course, the question naturally arises: If such lodges exist—even today—why don’t they reveal themselves?—I have often said that it does not depend solely on one revealing oneself, but also on whether one can be recognized. Even Jesus would probably not be recognized today. It is difficult to recognize a wise person in one’s own time. This is precisely what the theosophical or spiritual science movement seeks to bring back to humanity. Once this takes hold, people will once again understand concepts such as King Arthur’s Round Table and the guiding White Lodge.
[ 13 ] Das war das eine: Artus. Das andere ist: die Burg des Heiligen Gral. Nur andeutungsweise können wir uns damit befassen. Gesagt wird, daß der Heilige Gral die Schale sei, in welcher einst der Christus Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl, den Wein, eingenommen habe und mit der später sein Blut aufgefaßt worden sei. Dann sei auch die Lanze nach Europa gebracht worden, mit der Jesu Seite durchbohrt worden war. Die Gralsschale befinde sich auf dem Montsalvatsch, wo eine heilige Burg aufgebaut wurde. Der Heilige Gral hat die Fähigkeit, dem, der mit seinen Wundern vertraut ist, der mit seiner Gnadensonne lebt, ewige Jugend, die Kraft des ewigen Lebens überhaupt zu erteilen.
[ 13 ] That was one thing: Arthur. The other is: the Castle of the Holy Grail. We can only touch on this briefly. It is said that the Holy Grail is the cup in which Jesus Christ once shared the Last Supper—the wine—with his disciples, and into which his blood was later collected. It is also said that the lance that pierced Jesus’ side was brought to Europe. The Grail cup is said to be located on Montsalvatsch, where a sacred castle was built. The Holy Grail has the power to bestow eternal youth—and indeed, the very power of eternal life—upon those who are familiar with its miracles and who live in the light of its grace.
[ 14 ] Wiederum sind es zwölf, aber jetzt christliche, geistliche Ritter. Die alten Tempelritter bewachen den Heiligen Gral, und die Kräfte, die sie aus dieser Wache saugen, benutzten sie, um das geistige Rittertum des Herzens, des Innenlebens, über Europa zu ergießen. So stellte man der weißen Loge des weltlichen Rittertums, die man nach Wales verlegte, das geistige Rittertum in der Burg des Heiligen Gral entgegen, die auf dem spanischen Berge Montsalvatsch liegt.
[ 14 ] Once again there are twelve, but this time they are Christian, spiritual knights. The ancient Knights Templar guard the Holy Grail, and they use the power they draw from this vigil to pour out the spiritual knighthood of the heart—of the inner life—across Europe. Thus, the spiritual knighthood in the Castle of the Holy Grail, situated on the Spanish mountain of Montsalvatsch, was set in contrast to the White Lodge of secular knighthood, which had been relocated to Wales.
[ 15 ] Was hatten die Ritter, die in der Burg des Heiligen Gral waren, für eine Aufgabe? Nicht Eroberungen zu machen, nicht äußeren Besitz zu erringen, nicht Ländereien sich anzueignen war die Aufgabe der Ritter vom Heiligen Gral; ihre Aufgabe war, die Eroberung des Seelenlebens zu machen. Wird uns von dem Nibelungenhort erzählt, dem Gold als Sinnbild des Besitzes, als Strebensziel der Nibelungen, so ist der Heilige Gral der vergeistigte Nibelungenhort, der Schatz der Seele. Was ist die Kraft, die von dem Heiligen Gral ausgeht, in Wirklichkeit? Was arbeiten jene zwölf Ritter, die in seiner Burg vereinigt sind? Es lebt, wie oft in der theosophischen Weltanschauung betont wird, in jedem Menschen ein Funke des Göttlichen. Die Mystiker des Mittelalters haben ihre großen Ideen in derselben Zeit gehabt, in der auch diese Sagen entstanden sind. Sie sprachen davon, daß der Mensch ein vierfaches Wesen sei. Da sei zunächst der äußere physische Mensch, der hier in dieser Welt lebt, der Besitz erstrebt, der in dieser Welt nach dem Golde jagt. Das zweite sei der seelische Mensch, der leidet und sich freut, der Triebe, Begierden und Empfindungen hat, die allmählich veredelt werden müssen. Der dritte Mensch ist ein noch innerlicherer. Er ist ein geistiger Mensch, der Mensch, der allmählich den Zugang erlangt zu der geistigen Welt. Der innerste Mensch ist der göttliche Mensch. Das ist derjenige, der heute — und das wurde insbesondere im Mittelalter empfunden — nur in den allerersten Anlagen vorhanden ist. Diese Anlage des göttlichen Funkens mehr und mehr zu entwickeln, um den Menschen hinaufzubringen in die höheren Welten, das hatte man in der Einweihung des alten Heidentums angestrebt. Das strebt man jetzt innerhalb der christlichen Welt in einer neuen Weise an. Auch die christliche Einweihung ist verinnerlicht worden.
[ 15 ] What was the mission of the knights who were in the Castle of the Holy Grail? The mission of the Knights of the Holy Grail was not to make conquests, not to acquire external possessions, and not to appropriate lands; their mission was to achieve spiritual fulfillment. While the Nibelungenhoard is described to us as gold—a symbol of possession and the goal of the Nibelungs’ striving—the Holy Grail is the spiritualized Nibelungenhoard, the treasure of the soul. What, in reality, is the power that emanates from the Holy Grail? What are those twelve knights, united in its castle, working on? As is often emphasized in the theosophical worldview, a spark of the Divine lives within every human being. The mystics of the Middle Ages had their great ideas during the same period in which these legends arose. They spoke of the human being as a fourfold being. First, there is the outer, physical human being, who lives here in this world, who strives for possessions, who pursues gold in this world. The second is the soul-human, who suffers and rejoices, who has instincts, desires, and feelings that must gradually be refined. The third human being is even more inner. He is a spiritual human being, the one who gradually gains access to the spiritual world. The innermost human being is the divine human being. This is the one who today—and this was felt particularly in the Middle Ages—exists only in the very earliest seeds. To develop this seed of the divine spark more and more, in order to raise the human being into the higher worlds—this was the goal sought in the initiations of ancient paganism. This is now being pursued in a new way within the Christian world. Christian initiation, too, has been internalized.
[ 16 ] Sie erinnern sich aus den früheren Vorträgen, wie die Einweihungszeremonien in den alten Zeiten waren, wie der Mensch Prozeduren durchmachen mußte, welche die innere Seele heraushoben aus dem physischen Leib, so daß der Mensch in die höhere Welt entrückt wurde und selbst Zeuge sein konnte von den Eigenschaften der höheren Welt. Dazu gehört eine äußere Prozedur, um das alles durchzumachen. Das Christentum sollte eine Einweihung bringen, die nur im tiefsten Inneren, im verhangenen Heiligtum der Seele sich abspielt. Da sollte der Gott gesucht werden, der Gott, der durch das Vergießen seines Blutes das Heil über die Christenheit gebracht hat; dieser Gott sollte von jedem einzelnen Menschen gefunden werden in der eigenen Seele. Wirklich sollte der einzelne Mensch das erreichen können, was später Angelus Silesius, der große christliche Mystiker, ausgedrückt hat mit den Worten: «Wenn du dich über dich erhebst und läßt Gott walten, so wird in deinem Geist die Himmelfahrt gehalten.» Dieses Sich-Hinaufentwickeln dessen, was als innerer Lebensfunke im Menschen veranlagt war, das war die Aufgabe der Ritter des Heiligen Gral. Der Heilige Gral war nichts anderes als das tiefste Innere der menschlichen Natur, und er war ein Einheitliches, weil die innere menschliche Natur eine einheitliche ist, weil ein in der Verfolgung der Weisheit zugebrachtes Leben die Hoffnung erweckt, daß man verstehen könnte, was gemeint ist mit der großen Einheit, mit dem großen göttlichen Funken.
[ 16 ] You will recall from earlier lectures what initiation ceremonies were like in ancient times, how a person had to undergo procedures that lifted the inner soul out of the physical body, so that the person was transported into the higher world and could witness the qualities of that world for themselves. This involves an external procedure to undergo all of this. Christianity was meant to bring about an initiation that takes place only in the deepest innermost part, in the veiled sanctuary of the soul. There, one was to seek God—the God who, through the shedding of His blood, brought salvation to Christendom; this God was to be found by each individual within their own soul. Indeed, the individual human being was to be able to achieve what Angelus Silesius, the great Christian mystic, later expressed with the words: “If you rise above yourself and let God reign, then the Ascension will take place in your spirit.” This upward development of what was inherent in human beings as an inner spark of life—that was the task of the Knights of the Holy Grail. The Holy Grail was nothing other than the deepest inner core of human nature, and it was a unified whole, because inner human nature is itself unified; for a life devoted to the pursuit of wisdom awakens the hope that one might understand what is meant by the great unity, by the great divine spark.
[ 17 ] Sie waren da als die Brüder des Heiligen Gral. Parzival wollte den Weg finden zu dem Heiligen Gral. Nun erzählt uns die Sage, daß, als er hinkam zum Heiligen Gral, er den damaligen König Amfortas blutend fand. Es war ihm gesagt worden, nicht viel und nichts Falsches zu fragen. Daher fragte er nicht nach den Wunden des Königs und nicht nach der Bedeutung vom Gral. Deswegen wird er verstoßen. Er sollte nach den Eigenschaften des Heiligen Gral und den Wunden des Königs fragen. Das gehört zu den Erfahrungen, die im göttlichen Leben zu machen sind, daß man danach fragen muß. Er muß die Sehnsucht danach haben. Da ist er, der Heilige Gral; zu finden ist er, einem jeden wird er zuteil werden, aber er drängt sich nicht auf. Er kommt nicht zu uns, wir müssen in der Seele den Trieb fühlen nach diesem Heiligen Gral, dem inneren Heiligtum, dem göttlichen Lebensfunken in der menschlichen Seele. Wir müssen den Trieb haben, nach ihm zu fragen. Hat die menschliche Seele sich heraufgefunden zu Gott, dann steigt der Gott zu ihr herab. Das ist das Geheimnis des Grales selbst, das Herabsteigen des Gottes, der heruntersteigt, wenn sich der Mensch bis zum Göttlichen hinaufentwickelt. Das wird so dargestellt, wie es sich an die Johannestaufe des Jesus knüpft: eine Taube stieg herab und ließ sich auf dem Haupte nieder, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe.» Der Heilige Gral wird in der Gestalt einer Taube sinnbildlich dargestellt.
[ 17 ] They were there as the Brothers of the Holy Grail. Parzival wanted to find the way to the Holy Grail. Now the legend tells us that when he arrived at the Holy Grail, he found Amfortas, the king at that time, bleeding. He had been told not to ask too many questions—and certainly not the wrong ones. Therefore, he did not ask about the king’s wounds or the meaning of the Grail. That is why he was cast out. He should have asked about the qualities of the Holy Grail and the king’s wounds. It is part of the experiences one must undergo in the divine life that one must ask about these things. One must have a longing for them. There it is, the Holy Grail; it can be found, and it will be granted to everyone, but it does not impose itself. It does not come to us; we must feel within our souls the urge for this Holy Grail, the inner sanctuary, the divine spark of life in the human soul. We must have the impulse to seek it. Once the human soul has found its way up to God, then God descends to it. This is the mystery of the Grail itself: the descent of God, who descends when the human being develops upward toward the divine. This is depicted in connection with the baptism of Jesus by John the Baptist: a dove descended and alighted upon his head, and a voice from heaven spoke: “This is my beloved Son, in whom I am well pleased.” The Holy Grail is symbolically represented in the form of a dove.
[ 18 ] Noch nicht reif war Parzival bei seinem ersten Besuche in der Gralsburg, um das durchzumachen, was wir eben geschildert haben. Als er sich hinausgestoßen fühlte, da kam in seine Seele etwas, was in jede Seele einmal kommen muß, wenn sie in wahrhaftem Sinne reif werden soll zu den letzten Erkenntnisstufen. Es kommt in die Parzivalseele der Zweifel, der Unglaube, die innere seelische Finsternis. Gewiß, derjenige, welcher zur Erkenntnis hinansteigen will, muß einmal die harte Schule des Zweifels durchmachen. Erst wenn man gezweifelt hat und durchgegangen ist durch die Qualen und alles das, was durch die Zweifel gebracht werden kann, erst wenn man da durchgegangen ist, hat man jene Sicherheit in seinem Inneren gewonnen, daß einem die Erkenntnis niemals wieder verlorengehen wird. Es ist ein böser Bruder, der Zweifel, aber ein reinigender, ein läuternder Bruder. Diese Zweifel macht jetzt Parzival durch, und er ringt sich zu einer Erkenntnis durch, die in etwas anderem besteht als in dem, was man gewöhnlich Verstandes- oder Vernunfterkenntnis nennt. Zu einer Erkenntnis, die Richard Wagner mit einer grandiosen Richtigkeit zum Ausdruck gebracht hat, vielleicht nicht ganz philosophisch oder psychologisch richtig, aber sinngemäß, indem er Parzival den «Reinen Toren» nennt, der durch Mitleid wissend wird.
[ 18 ] Parzival was not yet mature enough during his first visit to the Grail Castle to go through what we have just described. When he felt cast out, something entered his soul—something that must enter every soul at some point if it is to truly mature and reach the final stages of knowledge. Doubt, disbelief, and inner spiritual darkness enter Parzival’s soul. Certainly, anyone who wishes to ascend toward knowledge must at some point undergo the harsh school of doubt. Only when one has doubted and gone through the torments and everything that doubt can bring—only when one has gone through all that—has one gained that inner certainty that one’s insight will never be lost again. Doubt is a wicked brother, but a purifying, a refining brother. Parzival is now going through these doubts, and he struggles his way to a realization that consists of something other than what is usually called intellectual or rational knowledge. It is a realization that Richard Wagner expressed with magnificent accuracy—perhaps not entirely philosophically or psychologically correct, but in essence—by calling Parzival the “Pure Fool” who gains knowledge through compassion.
[ 19 ] So kommen wir zur Beschreibung des Weges, den der durchzumachen hat, der sich zu den höheren Erkenntnisstufen noch durchzuarbeiten hat. Sie wissen, daß es der Schülerpfad ist und daß man da drei Stufen unterscheidet. Wenn jemand die Eigenschaften erworben hat, die den Vorbereitungspfad ausmachen, wenn er sich gereinigt hat von den unkontrollierten Vorstellungen und ein reines Leben führt, dann wird er reif zum Chela, dann wird er reif, den Guru zu bekommen, den geistigen Führer. Die erste Stufe des höheren Erkenntnispfades besteht darin, daß man begreifen lernt, sich der Welt gegenüber ganz objektiv zu verhalten, Liebe zu üben ohne die geringste Spur eines Vorurteils von innen heraus. Nicht wahr, warum lieben zunächst die Menschen im gewöhnlichen Leben? Nun, weil sie eine Blutsverwandtschaft haben, weil sie durch irgendwelche Bande lange zusammengeknüpft worden sind. Das ist richtig. Wer aber den Erkenntnispfad gehen will, der muß zu einer andern Liebe vordringen. Nichts, was mich in einer besonderen Weise mit einem Menschen verknüpft, darf ihm in meiner Liebe den Vorzug geben. Ich darf nur nach dem, was außer mir ist, fragen. Hat derjenige, der mein Bruder oder mein Schwager ist, einen Vorzug? Nein! Damit ist nichts gesagt gegen die Verwandtschaftsliebe; es soll sich nur um die Charaktereigenschaften des Menschen handeln. Auch wenn er uns ganz fremd ist, erkennen wir, daß er unserer Liebe wert ist, dann lieben wir ihn wie einen, der lange mit uns verbunden ist. Ein solcher Mensch steht auf der ersten Stufe der Chelaschaft. Wir nennen ihn den heimatlosen Menschen, weil er das verloren hat, im idealen Sinn, was man Heimat nennt. Das ist auch gemeint mit dem Satz, den Sie im Christentum finden: «Wer nicht um meinetwillen verläßt Weib und Kind, Mutter und Bruder, der kann nicht mein Jünger sein.» Dasselbe ist mit diesem Satz gemeint, und in dieser Weise empfand man auch in Mitteleuropa das Christentum. Kein Name und kein Titel sollte ein Anrecht geben auf Liebesbevorzugung. Der Mensch in seiner innersten Würdigkeit und Wertheit sollte Liebe begründen bei einem solchen, der sich auf dem Erkenntnispfad hinaufschwingt.
[ 19 ] This brings us to the description of the path that must be traversed by those who still have to work their way up to the higher levels of knowledge. You know that this is the path of the disciple and that three stages are distinguished along it. When someone has acquired the qualities that constitute the preparatory path, when they have purified themselves of uncontrolled thoughts and lead a pure life, then they are ready to become a chela; then they are ready to receive the Guru, the spiritual guide. The first stage of the higher path of knowledge consists in learning to relate to the world entirely objectively, to practice love from within without the slightest trace of prejudice. Isn’t it true that, in ordinary life, why do people love in the first place? Well, because they are related by blood, because they have long been bound together by some ties. That is correct. But whoever wishes to walk the path of knowledge must advance to a different kind of love. Nothing that connects me to a person in a special way may give that person preference in my love. I must look only to what lies outside of myself. Does the one who is my brother or my brother-in-law have any special privilege? No! This is not meant to speak against the love of kinship; it is only about the character traits of the individual. Even if he is a complete stranger to us, if we recognize that he is worthy of our love, then we love him as one who has long been connected to us. Such a person stands on the first step of discipleship. We call him the homeless person because, in the ideal sense, he has lost what is called a homeland. This is also the meaning of the saying found in Christianity: “Whoever does not leave wife and child, mother and brother for my sake cannot be my disciple.” The same is meant by this saying, and this is how Christianity was also understood in Central Europe. No name and no title should entitle one to preferential treatment in love. The human being, in his innermost dignity and worth, should be the basis of love for one who is ascending the path of knowledge.
[ 20 ] Wenn der Mensch die ersten Stufen des Erkenntnispfades hinangegangen ist, dann kommen die schweren Momente des Zweifels. Indem wir die Welt mehr und mehr kennenlernen und uns mehr und mehr in Liebe versenken, um so mehr lernen wir auch die schwarze und böse Seite der Welt kennen. Das sind die schweren Tage der Eingeweihten. Der Eingeweihte ringt sich allmählich hinauf. Dann erwacht jenes Seelenlicht, welches wie eine innere Sonne um ihn herum die geistigen Dinge und Wesen beleuchtet sein läßt. Wir sehen die Gegenstände um uns herum mit Augen, weil das Licht diese Gegenstände bescheint. Eigentlich sehen wir nur die Strahlen, welche von den Gegenständen zu uns zurückgeworfen werden. Wir sehen die geistigen Dinge nicht, weil kein geistiges Licht sie bescheint. Wer es aber dahin gebracht hat, daß ihm erstrahlt das sogenannte Kundalinilicht, der steht auf der zweiten Stufe des Erkenntnispfades. Auf der dritten Stufe ist derjenige angelangt, welcher es dahin gebracht hat, sein Ich ohne Bevorzugung zu empfinden, der sich nicht höher achtet wie andere Menschen, der in der Liebe zu allen Wesen sein höheres Ich findet. Wer nicht mehr auf sein eigenes egoistisches Ich hofft, sondern aus den Wesen ihre Eigenart sprechen hört und vernimmt, von dem sagen wir, daß er auf der dritten Stufe des Erkenntnispfades angelangt ist. Wir nennen ihn in der Geheimlehre einen Schwan, und das ist ein Ausdruck, der in der ganzen Welt üblich ist, wo es geistige Forschung gibt.
[ 20 ] Once a person has climbed the first steps of the path of knowledge, the difficult moments of doubt set in. As we come to know the world more and more and immerse ourselves more and more in love, we also come to know the dark and evil side of the world all the more. These are the difficult days of the initiates. The initiate gradually struggles upward. Then that light of the soul awakens, which, like an inner sun, illuminates the spiritual things and beings around him. We see the objects around us with our eyes because the light shines upon them. In reality, we see only the rays that are reflected back to us from those objects. We do not see spiritual things because no spiritual light shines upon them. But whoever has reached the point where the so-called Kundalini light shines upon them stands on the second step of the path of knowledge. The third step is reached by the one who has come to perceive their “I” without favoritism, who does not regard themselves as superior to other people, and who finds their higher “I” in love for all beings. Of the one who no longer places hope in his own selfish “I,” but hears and perceives the unique nature of beings speaking through them, we say that he has reached the third stage of the path of knowledge. In the Esoteric Teaching, we call him a swan, and this is a term commonly used throughout the world where spiritual research is practiced.
[ 21 ] Und was bringt dieser Grad? Er bringt das Ausfließen über alle Wesenheiten. Da sind wir nicht mehr wie mit einer Haut abgeschlossen von der Welt. Fremder Schmerz ist unser Schmerz, fremde Freude ist unsere Freude, wir leben und weben in dem Dasein. Die ganze Erde gehört zu uns. Wir fühlen uns in allem. Dann weiß man nicht mehr, daß man die Gegenstände von außen anschaut, dann ist es, als ob man in ihnen steckt, als ob man durch die Liebe in sie gedrungen wäre und sie dadurch weiß. Durch Mitleid, durch das Sich-Eins-Fühlen ist alles Wissen geworden.
[ 21 ] And what does this level bring? It brings a flowing out over all beings. We are no longer separated from the world as if by a skin. Another’s pain is our pain; another’s joy is our joy; we live and weave within existence. The whole earth belongs to us. We feel ourselves in everything. Then one no longer knows that one is looking at objects from the outside; it is as if one were inside them, as if one had penetrated them through love and thereby knew them. Through compassion, through feeling at one with all things, everything has become knowledge.
[ 22 ] Durch einen Klausner, Trevrizent, wird Parzival in diese Weisheit eingeweiht. Daß es ein Klausner ist, ein Einsiedler, das ist bezeichnend. Es ist einer, der herausgehoben ist aus der übrigen Menschheit, der wirklich alles zurückgelassen hat: Vater, Mutter, Bruder, Schwester, und ein Jünger dessen geworden ist, der solche Unterschiede nicht kennt. Da wird Parzival in den höheren Tugenden unterrichtet, und da wird er reif, hineinzukommen in die Burg des Heiligen Gral und auch zu fragen, welches die Wunder des Heiligen Grals sind. Er wird aufgenommen, er befreit den wunden Amfortas und wird selbst Gralskönig. Es ist ein innerer, menschlicher Weg, der Weg, den die Geheimwissenschaft in aller Welt vorschreibt, ins Christliche umgesetzt, ein Weg, auf dem uns der Parzival geschildert wird. Lohengrin gehört zu der Runde des Gral. Er ist der Sohn des Parzival. Während uns im Parzival selbst geschildert wird der höhere Gang des Menschen zu dem höheren Selbst hinauf, wird uns in Lohengrin eine historisch-soziale Mission von der Mitte des Mittelalters geschildert. Das mittelalterliche Volksbewußtsein war geleitet von Eingeweihten, nicht blind, wie die Gelehrten es sich vorstellen. Dieses Volksbewußtsein hat in der Mitte des Mittelalters eine wichtige Epoche festgehalten. Was geschieht da? Kurz gesagt: ein wichtiges historisches Ereignis geschah, die sogenannte Städtekultur nimmt ihren Anfang. Die alte Feudalzeit erleidet eine mächtige Revolution. Während man früher es nur mit Landbesitz, nur mit Landbevölkerung zu tun hatte, sehen wir jetzt in Deutschland, Frankreich, Belgien, bis nach Rußland hinein überall einzelne Städte entstehen. Städte werden begründet; einen Ruck vorwärts in der Menschheitsentwickelung bemerkt man. Was war da geschehen in dieser mittelalterlichen Städtebegründung? Die Menschen wurden herausgerissen aus den Verbindungen, zu denen sie früher gehört haben. Alles, was sich geknechtet fühlte, ging in die Stadt. Da war man auf sich selbst gestellt. Da war man nur so viel wert, als man leisten konnte. Was man in der Mitte des Mittelalters als Bürgertum begründet hat, das kam herauf. Dieser mächtige Umschwung kommt in der Sage von Lohengrin zum Ausdruck.
[ 22 ] Parzival is initiated into this wisdom by a hermit named Trevrizent. The fact that he is a hermit is significant. He is one who has set himself apart from the rest of humanity, who has truly left everything behind—father, mother, brother, sister—and has become a disciple of the One who knows no such distinctions. There, Parzival is instructed in the higher virtues, and there he matures enough to enter the castle of the Holy Grail and also to ask what the miracles of the Holy Grail are. He is accepted, he frees the wounded Amfortas, and becomes the Grail King himself. It is an inner, human path—the path prescribed by esoteric science throughout the world, translated into Christian terms—a path along which Parzival is portrayed to us. Lohengrin belongs to the Grail Circle. He is the son of Parzival. While *Parzival* itself depicts humanity’s higher ascent toward the Higher Self, *Lohengrin* portrays a historical-social mission from the middle of the Middle Ages. Medieval popular consciousness was guided by initiates; it was not blind, as scholars imagine. This popular consciousness captured an important epoch in the middle of the Middle Ages. What happened there? In short: a significant historical event took place—the so-called urban culture began. The old feudal era underwent a powerful revolution. Whereas in the past one dealt only with land ownership and the rural population, we now see individual cities emerging everywhere—from Germany, France, and Belgium all the way to Russia. Cities are being founded; one can sense a leap forward in human development. What happened during this medieval urbanization? People were torn away from the communities to which they had previously belonged. Everyone who felt oppressed went to the city. There, one was on one’s own. There, one was worth only as much as one could contribute. What was established in the middle of the Middle Ages as the bourgeoisie was emerging. This powerful upheaval is expressed in the legend of Lohengrin.
[ 23 ] Zeigt uns Parzival, wie der Mensch in sich selbst ein höheres menschliches Ich findet, wie er sich der Pilgerschaft zu dem höheren Ich hingibt, so zeigt uns Lohengrin, wie das mittelalterliche Volk eine gewaltige Epoche der Menschheitsentwickelung durchmacht, nämlich die Befreiung des Menschen, das Heraustreten der Persönlichkeit aus den alten Verbänden. Wollen wir den Zusammenhang dieses historischen Ereignisses mit der Sage von Lohengrin verstehen, dann müssen wir wissen, daß in aller Mystik diese Stufe durch eine weibliche Persönlichkeit symbolisiert wird. Deshalb hat auch Goethe am Ende des zweiten Teiles seines «Faust» davon gesprochen, daß das Ewig-Weibliche uns hinanzieht. Das darf nicht in trivialer Weise gedeutet werden. In Wahrheit ist die menschliche Seele gemeint, die den Menschen hinaufzieht. Im allgemeinen ist die Seele als weiblich dargestellt und das, was von außen den Menschen umgibt, als das Männliche. Immer wird die strebende Seele als weiblich dargestellt.
[ 23 ] Just as *Parzival* shows us how a person finds a higher human self within themselves and how they devote themselves to the pilgrimage toward that higher self, so *Lohengrin* shows us how the people of the Middle Ages were undergoing a momentous epoch in human development—namely, the liberation of the individual and the emergence of the personality from the old social structures. If we wish to understand the connection between this historical event and the legend of Lohengrin, we must recognize that in all mysticism this stage is symbolized by a female figure. This is why Goethe, at the end of the second part of his *Faust*, spoke of the Eternal Feminine drawing us upward. This must not be interpreted in a trivial manner. In truth, it refers to the human soul, which draws the human being upward. Generally, the soul is portrayed as feminine, and that which surrounds the human being from the outside as the masculine. The striving soul is always depicted as feminine.
[ 24 ] In der Geheimlehre weiß man, daß die großen Führer der Menschheit, die Eingeweihten, es sind, die die Menschheit immer um eine Stufe weiterbringen. Lohengrin ist der Gesandte des Heiligen Gral. Er wird von dem mittelalterlichen Bewußtsein als der große eingeweihte Führer hingestellt, welcher in der Mitte des Mittelalters die Menschheit um eine Stufe weiterbringt. Er war der Bringer der Städtekultur, derjenige, der das Bürgertum bei seinem Entstehen inspiriert hat. Das ist die Individualität des Lohengrin. Und Elsa von Brabant ist nichts anderes als das Symbol für die mittelalterliche Volksseele, die unter dem Einflusse des Lohengrin wieder eine Stufe in der Entwickelung hinansteigen soll. Schön und gewaltig wird in der Sage dieser Fortschritt in der Menschheitsgeschichte dargestellt.
[ 24 ] In the Esoteric Teaching, it is known that it is the great leaders of humanity—the Initiates—who always advance humanity one step further. Lohengrin is the emissary of the Holy Grail. He is portrayed by medieval consciousness as the great initiated leader who, in the middle of the Middle Ages, takes humanity one step further. He was the bringer of urban culture, the one who inspired the bourgeoisie as it emerged. That is the individuality of Lohengrin. And Elsa of Brabant is nothing other than the symbol of the medieval national soul, which, under Lohengrin’s influence, is to ascend another step in its development. This progress in human history is depicted beautifully and powerfully in the legend.
[ 25 ] Wir haben gesehen, daß der im dritten Grade eingeweihte Schüler ein Schwan genannt wird. Der Meister, der tief eingeweiht ist, steigt höher, er steigt in die jenseitige Welt, in die Welten, zu denen das Menschheitsbewußtsein nicht hinanreicht. Er kennt alles, was durch die Menschheit spricht, lediglich in seinem Inneren. Ihn kann man nicht fragen: Woher bist du, welchen Namen hast du? — Der Schwan ist es, der ihn bringt aus noch höheren Sphären. Daher wird Lohengrin durch den Schwan in die Städteepoche gebracht. Sehen Sie den Fortschritt an, der im alten Griechentum gemacht worden ist. Die Götter in Griechenland sind nichts anderes als vergottete Eingeweihte. Nehmen Sie Zeus, der sich verbindet mit Semele; aus dieser Verbindung wird Dionysos. Die griechische Kultur geht daraus hervor. Alle großen Fortschritte der Menschheit werden in dieser Weise dargestellt. Nicht fragen soll Elsa nach Name und Herkunft dessen, der sie führt und ihr Gatte wird. So ist es mit allen großen Meistern, sie gehen unerkannt und unbemerkt durch die Menschheit hindurch. Würde man sie fragen, so würde sie das aus der Menschheit wegscheuchen. Notwendig ist es, daß sie das Heiligtum vor profanen Blicken und Fragen bewahren. So ist es auch, wenn dem menschlichen Verständnis nahegebracht würde das Wesen eines solchen Eingeweihten. In einem solchen Augenblicke würde ein solches Wesen auch verschwinden, wie das Lohengrin auch tat. Und daß die Befreiung des mittelalterlichen Bürgertums unter dem Einflusse des Christentums geschehen ist, selbst das wird dargestellt dadurch, daß uns Lohengrin als Sohn des Parzival genannt wird.
[ 25 ] We have seen that the disciple initiated into the third degree is called a swan. The Master, who is deeply initiated, ascends higher; he ascends into the world beyond, into the worlds beyond the reach of human consciousness. He knows everything that speaks through humanity solely within himself. One cannot ask him: Where do you come from, what is your name? — It is the swan that brings him from even higher spheres. That is why Lohengrin is brought into the City Epoch by the swan. Consider the progress that was made in ancient Greece. The gods of Greece are nothing other than deified initiates. Take Zeus, who unites with Semele; from this union comes Dionysus. Greek culture springs from this. All of humanity’s great advances are depicted in this way. Elsa must not ask for the name and origin of the one who guides her and becomes her husband. So it is with all great masters; they pass through humanity unrecognized and unnoticed. If they were asked, it would drive them away from humanity. It is necessary that they protect the sanctuary from profane gazes and questions. The same would be true if the nature of such an initiate were made known to human understanding. At such a moment, such a being would also vanish, just as Lohengrin did. And the fact that the liberation of the medieval bourgeoisie took place under the influence of Christianity is itself illustrated by the fact that Lohengrin is named to us as the son of Parzival.
[ 26 ] So blicken wir in die Sagen des Mittelalters hinein und sehen, wie die Tatsachen des geistigen Lebens in den beiden Sagen schön zum Ausdrucke kommen. Die Mission des Christentums für die mittelalterliche Kultur wurde damit die Mission der Befreiung des Menschen von dem irdischen Menschenleib. Diese Mission wurde in den beiden Sagen dargestellt. Sie wirkte besonders auf Richard Wagner. Er hat es immer versucht darzustellen: die reine Liebe, die den Menschen hellsehend macht. Schon im Jahre 1856 hat er ein Drama angefangen, «Die Sieger» genannt: Ananda, ein Brahmanenjüngling, wird geliebt von einem Tschandalamädchen. Ananda aber ist durch das Kastenvorurteil weit getrennt von der Liebe des Tschandalamädchens. Er darf der Liebe des Tschandalamädchens nicht nachgehen. Er wird Sieger über die eigene Natur dadurch, daß er ein Zögling des Buddha wird. In der Anhängerschaft des Buddha findet er den Sieg, da findet er sich zurück, da überwindet er die menschliche Neigung, und dem Tschandalamädchen wird eröffnet, daß es in einem früheren Leben ein Brahmanenmädchen war und die Liebe eines Tschandalajünglings ausgeschlagen hat. Sie wird dann auch Siegerin und ist vereinigt im Geiste mit dem Ananda, dem Brahmanenjüngling. Später wollte Wagner die Figur des Jesus von Nazareth dramatisch verwenden. Er hat das ganze innere Wesen des Christentums und die Lehre von dem freien Menschen, die nicht an Titel und an irgend etwas anderes gebunden sind, im Auge gehabt. Der Heilige Gral sucht lediglich im Inneren der Menschenseele. Im Jahre 1857, an einem Karfreitag — so erzählt Wagner —, stand er einer wunderbaren Natur gegenüber in Zürich. Da strömte ihm einen Augenblick aus der Welt etwas entgegen, was in ihm die ganze Stimmung, welche durch das ganze Rittertum und durch das christliche Rittertum ging, zum Ausdruck brachte. Er sagt sich, wie durch innere Inspiration: An dem Tage, wo der Christus Jesus starb, da darf kein Mensch Waffen tragen. — Die ganze Größe der Figur des Parzival, der durch die Versenkung in die Menschheit und in alle Wesen Wissen erlangte, ging ihm damals auf. Er nimmt nun sein begonnenes Stück «Die Sieger» in einer christlichmodernen Weise auf. In Parzival stellt er denjenigen dar, der von der Heimat weggeht, der nichts weiß von Namen und Titeln, nichts weiß von Banden und nichts von Vater und Mutter, der zusammentrifft auf der einen Seite mit dem Zauberschloß des Klingsor und der Zauberin Kundry, der da in einem Augenblick, als Kundry ihm entgegentritt, das ganze Bedeutungsvolle des irdischen Sinneslebens erlebt und das, was das sinnliche Leben bedeutet, wenn der Mensch allein durch Begierden es kennenlernt; und auf der andern Seite wird ihm in dem Augenblicke, wo es ihm nahetritt durch den Kuß der Kundry, klar, daß dieses Sinnliche in seiner wahrsten Bedeutung erst in dem Menschen auftritt, wenn es begierdenfrei ist. Groß und schön stellt nun Richard Wagner die begierdenfreie Sinnlichkeit dar, wie sie errungen wird durch die innere Kraft des Geistes, den ParzivalGeist, den er den christlichen nennt. So stellt er sie dar, wie sie errungen wird auf der einen Seite durch den Heiligen Gral und auf der andern Seite im Zauberschloß. Also auf der einen Seite durch ihre Bezwingung, auf der andern Seite durch ihre Abtötung. Das sind die zwei Seiten, die benützt werden, um hinaufzukommen zum Geist. Die einen töten das Sinnliche ab, sie treiben Askese, sie nehmen sich die Organe, um nicht der Schwäche zu verfallen. Die andern bleiben Menschen, sie wollen nicht dadurch hinansteigen zu der höheren Erkenntnis, sondern dadurch, daß sie das Höhere zu einer noch größeren Stärke in sich entwickeln. Das ist der Weg, den Parzival als den richtigen erkannt hat. Stärker werden, wie stark auch die Versuchungen an uns herantreten mögen, das ist es. Und jetzt ist es Zeit, in den Gral aufgenommen zu werden. Er fragt jetzt in richtiger Weise und wird eingeweiht in die Geheimnisse des Heiligen Gal, er ist reif, selbst König des Heiligen Grals zu werden.
[ 26 ] Thus, we look into the legends of the Middle Ages and see how the realities of spiritual life are beautifully expressed in both legends. Christianity’s mission for medieval culture thus became the mission of liberating humanity from the earthly human body. This mission was portrayed in both legends. It had a particular influence on Richard Wagner. He always sought to portray it: the pure love that makes a person clairvoyant. As early as 1856, he began work on a drama titled *Die Sieger* (*The Victors*): Ananda, a young Brahmin, is loved by a Chandala girl. But Ananda is kept far apart from the Chandala girl’s love by caste prejudice. He is not allowed to pursue her love. He triumphs over his own nature by becoming a disciple of the Buddha. In the Buddha’s community he finds victory; there he finds himself again; there he overcomes human inclination; and it is revealed to the Chandala girl that in a previous life she was a Brahmin girl who had rejected the love of a Chandala youth. She, too, then becomes a victor and is united in spirit with Ananda, the Brahmin youth. Later, Wagner wanted to use the figure of Jesus of Nazareth in a dramatic context. He had in mind the entire inner essence of Christianity and the teaching of the free human being, who is not bound by titles or anything else. *The Holy Grail* seeks only within the human soul. In 1857, on Good Friday—as Wagner recounts—he encountered a wondrous aspect of nature in Zurich. For a moment, something flowed toward him from the world that expressed within him the entire spirit that pervaded the entire era of chivalry and Christian chivalry. He told himself, as if through inner inspiration: On the day that Jesus Christ died, no human being may bear arms. — The full grandeur of the figure of Parzival, who attained knowledge through immersion in humanity and in all beings, dawned on him at that moment. He now took up his unfinished play *Die Sieger* (*The Victors*) in a modern Christian spirit. In Parzival, he portrays the one who leaves his homeland, who knows nothing of names and titles, nothing of ties, and nothing of father or mother; who, on the one hand, encounters Klingsor’s enchanted castle and the sorceress Kundry, and who, in that very moment when Kundry steps before him, experiences the full significance of earthly sensory life and what sensory life means when a person comes to know it solely through desire; and on the other hand, at the very moment it draws near to him through Kundry’s kiss, it becomes clear to him that this sensuality, in its truest sense, only arises in a person when it is free from desire. Richard Wagner now portrays desire-free sensuality—as it is attained through the inner power of the spirit, the Parzival spirit, which he calls the Christian spirit—in a grand and beautiful way. Thus he portrays it as being attained, on the one hand, through the Holy Grail and, on the other hand, in the enchanted castle. Thus, on the one hand, through its conquest; on the other hand, through its mortification. These are the two paths used to ascend to the spirit. Some mortify the sensual; they practice asceticism; they deny themselves the use of their senses so as not to succumb to weakness. Others remain human; they do not seek to ascend to higher knowledge through self-denial, but rather by developing the Higher within themselves into an even greater strength. This is the path that Parzival recognized as the right one. To become stronger, no matter how powerful the temptations that come our way—that is what it is. And now it is time to be received into the Grail. He now asks in the proper way and is initiated into the mysteries of the Holy Grail; he is ripe to become the King of the Holy Grail himself.
[ 27 ] Wagner bemüht sich, den Heiligen Gral zu zeigen. Jahrelang hat er Studien gemacht, nicht gelehrtenhaft, aber von künstlerischen und seherischen Gaben erfüllt. Er hat Studien gemacht, indem er sich im wesentlichen an den Geist der mittelalterlichen Sagen gehalten hat, so daß bei ihm wirklich zum Ausdruck kommt jene durch einen Eingeweihten bewirkte Führung des Mittelalters, wo die alte Ordnung repräsentiert wird durch Ortrud, die neue Ordnung durch das sich emporringende Bewußtsein des Volkes, das sich frei machen will. Dieses Bewußtsein, das durch die Schwane, die Schüler im dritten Grade, hineingebracht wird in ganz sachgemäßer Weise, ist symbolisiert durch Elsa von Brabant und Lohengrin. So zeigt Wagner in sachgemäßer Weise das Große, das darin liegt. Wagner war es zu tun um eine wirkliche Erneuerung der Kunst. Er war es, der aus der Kunst wieder etwas machen wollte, was der Religion nahekam, der mit seinen Kunstwerken Stimmungen verkörpern wollte, die die Menschen wieder zum Göttlichen hinführen, wodurch er die Künstler zu religiösen Führern machen wollte. Wagner brauchte Stoffe, die über das gewöhnliche Leben hinausführten. Er wollte auch den Geist des Christentums, den Geist der Liebe hinstellen vor die Menschheit in künstlerischer Weise. Er hat es tief und ernst empfunden, wie in der neueren Zeit der Geist der Liebe ersetzt wurde durch den Geist des Egoismus, durch den Geist des äußeren Besitzes. Das, was als soziale Ordnung sich herausentwickelt hat und mit dem er in intensiver und radikaler Weise mitgegangen ist, schildert er als ein Hinstreben nach dem Golde, als eine Zeit, die wieder abgelöst werden muß von dem echten christlichen Geiste der Liebe. Er wollte in seinen Musikdramen mit den Mitteln des Übermenschlichen und Göttlichen, das im Menschen lebt, in eine Welt, wo das Gold herrscht, wieder etwas hinstellen wie ein Einströmen der Liebe. Daher greift er auch bei diesen Fragen zu den großen Sagen des Mittelalters. Das war es, was in Richard Wagner lebte.
[ 27 ] Wagner strives to depict the Holy Grail. For years he conducted research—not in a scholarly manner, but imbued with artistic and visionary gifts. He conducted his research by adhering essentially to the spirit of medieval legends, so that his work truly expresses that guidance of the Middle Ages brought about by an initiate, in which the old order is represented by Ortrud, and the new order by the rising consciousness of the people who wish to free themselves. This consciousness, which is introduced in a most appropriate manner through the swans—the third-degree disciples—is symbolized by Elsa of Brabant and Lohengrin. Thus Wagner aptly reveals the greatness that lies within. Wagner was concerned with a true renewal of art. It was he who wanted to make art once again something akin to religion; who, through his works of art, sought to embody moods that would lead people back to the divine, thereby transforming artists into religious leaders. Wagner needed subject matter that transcended ordinary life. He also wanted to present the spirit of Christianity—the spirit of love—to humanity in an artistic way. He felt deeply and earnestly how, in modern times, the spirit of love had been replaced by the spirit of selfishness, by the spirit of external possessions. He describes the social order that has developed—and with which he has engaged in an intense and radical way—as a pursuit of gold, as an era that must once again be superseded by the genuine Christian spirit of love. In his music dramas, he sought to use the superhuman and divine elements that live within human beings to reintroduce, into a world ruled by gold, something akin to an outpouring of love. That is why he also draws upon the great legends of the Middle Ages when addressing these issues. This was what lived within Richard Wagner.
[ 28 ] Daran können Sie sehen, wie die Theosophie oder Geisteswissenschaft mit ihrer Auffassung der Mythen der Kunst Wagners näherkommen muß. Es ist vor allen Dingen dem Theosophen klar, daß wir in den Sagen nichts anderes zu sehen haben als Bilder und Ausdrücke für große Wahrheiten. Den alten Völkern wurden dadurch gegeben die Bilder der Entwickelung des äußeren Lebens und der Seele. An der Lohengrin-Sage wird etwas klargemacht, damit der Mensch wüßte, was mit ihm geschieht, wenn er an gewissen Stufen angelangt ist. Den Völkern wird die Wahrheit in der Weise verkündigt, daß sie es fassen können. Stämme und Völker gab es und gibt es, die nur in Sagenform die großen Wahrheiten fassen können. Heute reden wir nicht mehr in bildlichen Formen. Die Geisteswissenschaft enthält dieselben Wahrheiten, die in grandiosen Sagen vor das alte Volk hingebracht worden sind und die Wagner zu erneuern sucht. Die Geisteswissenschaft redet in einer andern Weise, aber was sie als Geist einströmen lassen will in die Welt, ist dasselbe. Und so fühlen wir, daß nicht nur das wahr ist, was Schopenhauer sagt, daß die großen Geister sich über die Jahrhunderte hin verstehen, daß Plato und Spinoza, Buddha und Goethe, Giordano Bruno und Sokrates, Hermes und Pythagoras, über Jahrhunderte hin sich verstehen, miteinander reden, in einem geistigen Verkehr sind. Nicht bloß das ist wahr, nicht bloß die auserlesenen Individualitäten verstehen sich, sondern auch das, was als Wahrheit in dem Volksgeiste lebt. Das klingt zusammen zu einem großen geschichtlichen Sphärenklang, und das verspüren wir, wenn wir uns heute klarmachen, was in den Sagen und Mythen lebt, wenn wir es auferstehen lassen für die höhere Seele der Gegenwart. Eine Wahrheit lebt zu allen Zeiten und drückt sich in den verschiedensten Formen aus. Dringen wir ein in diese Wahrheiten und wir werden verstehen, wie die Völker und Zeiten in diesen einzelnen Formen sprechen, und wir werden es nachklingen hören, wie in den mannigfaltigsten Tönen die eine Wahrheit allen Völkern, allen Menschen sich kündet.
[ 28 ] From this you can see how theosophy, or spiritual science, must align itself more closely with Wagner’s art through its interpretation of myths. Above all, it is clear to the theosophist that we must see in the legends nothing other than images and expressions of great truths. Through them, the ancient peoples were given images of the development of outer life and the soul. The legend of Lohengrin serves to make something clear, so that people might know what happens to them when they reach certain stages. The truth is proclaimed to peoples in a way they can grasp. There were—and still are—tribes and peoples who can comprehend the great truths only in the form of legends. Today we no longer speak in symbolic forms. Spiritual science contains the same truths that were presented to the ancient peoples in magnificent legends and that Wagner sought to revive. Spiritual science speaks in a different way, but what it seeks to infuse into the world as spirit is the same. And so we feel that it is not only true, as Schopenhauer says, that great minds understand one another across the centuries—that Plato and Spinoza, Buddha and Goethe, Giordano Bruno and Socrates, Hermes and Pythagoras understand one another across the centuries, converse with one another, and are in spiritual communion. Not only is that true—not only do these exceptional individuals understand one another—but so, too, does what lives as truth in the collective consciousness of a people. This resonates together into a great historical harmony, and we sense this when we bring to light today what lives in the legends and myths, when we allow it to rise anew for the higher soul of the present. A truth lives in all ages and expresses itself in the most diverse forms. Let us delve into these truths, and we will understand how peoples and eras speak through these individual forms, and we will hear it resonating—how, in the most varied tones, the one truth reveals itself to all peoples, to all human beings.
