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World-Riddles and Theosophy
GA 54

3 May 1906, Berlin

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World-Riddles and Theosophy, tr. SOL
  1. Die Welträtsel und die Anthroposophie

22. Jakob Böhme

22. Jakob Böhme

[ 1 ] Jakob Böhme ist wohl eine der merkwürdigsten Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte. In der Morgenröte einer ganz neuen Zeit, an der Wende des 16. zum 17. Jahrhundert steht er da mit einem Wissen und einer Weisheit, mit einer Weltanschauung, die wie ein Abschluß vieler Jahrhunderte erscheint. Er steht da als eine Persönlichkeit, die in der Folgezeit bis heute eigentlich recht wenig verstanden worden ist, wenn er auch als Philosophus teutonicus bezeichnet worden ist und es Gesellschaften gegeben hat in Holland, in England, in Deutschland, die Jakob Böhmes Anschauungen populär zu machen suchten. Es hat immer Menschen gegeben, die mit Jakob Böhme sich beschäftigten.

[ 1 ] Jakob Böhme is arguably one of the most remarkable figures of the past few centuries. At the dawn of a completely new era, at the turn of the 16th to the 17th century, he stands out with a knowledge and wisdom, and a worldview that seem to mark the culmination of many centuries. He stands out as a figure who, in the years that followed and up to the present day, has actually been quite poorly understood, even though he has been described as a *Philosophus teutonicus* and there have been societies in Holland, England, and Germany that sought to popularize Jakob Böhme’s views. There have always been people who have studied Jakob Böhme.

[ 2 ] In dem Jahre, in dem Giordano Bruno den Märtyrertod starb, 1600, gingen ungefähr auch Jakob Böhme seine großen, gewaltigen Ideen zum erstenmal durch die Seele. Wer beginnt, sich mit Jakob Böhme zu beschäftigen und dabei von den Anschauungen der jetzigen Zeit ausgeht, der wird sich in ihm wenig zurechtfinden. Daher kann man in den modernen Büchern über Jakob Böhme lesen, daß er seine Anschauung in Bildern gebracht habe, die unverständlich und dunkel seien. Wenn man das Zeug liest, was über Jakob Böhme in neueren Handbüchern gesagt worden ist, dann darf man sagen, es ist vollständig begreiflich, daß man Jakob Böhme unverständlich findet. Was in den Handbüchern der Philosophiegeschichte über ihn steht, ist allerdings das unverständlichste Zeug der Welt. Dies ist die eigentümliche Erscheinung, die man bei Jakob Böhme erlebt.

[ 2 ] In the year that Giordano Bruno died a martyr’s death, 1600, Jakob Böhme’s grand, powerful ideas also first began to take root in his soul. Anyone who begins to study Jakob Böhme while relying on the perspectives of our own time will find it difficult to make sense of him. That is why modern books on Jakob Böhme state that he expressed his views through images that are incomprehensible and obscure. When one reads what has been said about Jakob Böhme in recent handbooks, it is entirely understandable that one would find Jakob Böhme incomprehensible. What is written about him in handbooks on the history of philosophy is, indeed, the most incomprehensible stuff in the world. This is the peculiar phenomenon one encounters with Jakob Böhme.

[ 3 ] Wenn man das Geistesleben des 19. Jahrhunderts genau kennt, namentlich dasjenige deutsche Geistesleben, das beeinflußt ist von speziell philosophischen Kreisen, dann kann man begreifen, daß Jakob Böhme so wenig verstanden worden ist. Es gibt kaum größere Gegensätze als Jakob Böhme und Immanuel Kant. Was sonst die Bildung des 19. Jahrhunderts hervorgebracht hat, das liegt ziemlich fern dem Geiste dieses merkwürdigen Mannes. Alle, die vom Standpunkte der theosophischen Weltanschauung aus versuchen, an Jakob Böhme heranzukommen, werden verwundert sein, daß man bei dem Volke,.welches Jakob Böhme gehabt hat, noch eine theosophische Vertiefung brauchte. Man braucht, um Theosophie zu kennen, nur Paracelsus und Jakob Böhme zu kennen. Alles, was sie geschrieben haben, ist gegeben aus einer tiefen Quelle, mit einer ungeheuern Tiefgründigkeit und einer magischen Gewalt. Jakob Böhme war einer der größten Magier aller Zeiten, mit einer Größe, die heute noch nicht wieder erreicht worden ist.

[ 3 ] If one is thoroughly familiar with the intellectual life of the 19th century—particularly the German intellectual life influenced by specific philosophical circles—then one can understand why Jakob Böhme was so poorly understood. There are hardly any greater contrasts than those between Jakob Böhme and Immanuel Kant. Whatever else 19th-century culture produced lies quite far from the spirit of this remarkable man. All who attempt to approach Jakob Böhme from the standpoint of the theosophical worldview will be surprised that, given the kind of people Jakob Böhme had around him, a deeper theosophical understanding was still needed. To understand theosophy, one need only know Paracelsus and Jakob Böhme. Everything they wrote springs from a deep source, with immense profundity and magical power. Jakob Böhme was one of the greatest magicians of all time, with a greatness that has not yet been equaled.

[ 4 ] 1575 wurde Jakob Böhme geboren als Kind armer Leute. Er war zuerst Viehhirt und konnte kaum lesen und schreiben. Während er das Vieh hütete, gingen ihm schon manche merkwürdige Geistesblitze auf. Ihm kam es manchmal vor, wie wenn jedes Blatt an den Bäumen, wie wenn die Tiere des Waldes ihm etwas zu sagen hätten, wie wenn alle Wesen der Natur zu ihm sprächen. Dann trat er bei einem Schuhmacher als Lehrling ein. Während seiner Lehrzeit ist ein merkwürdiges Erlebnis zu verzeichnen, welches seiner eigentlichen Grundlage nach zu erörtern in der Offentlichkeit nicht möglich ist. Jakob Böhme war einmal vom Meister und der Meisterin beauftragt, den Laden zu hüten, während diese ausgegangen waren. Verkaufen sollte er aber nichts. Da trat zu ihm hinein eine Persönlichkeit, deren Augen einen ganz besonderen Eindruck auf ihn machten. Scheinbar wollte diese Persönlichkeit etwas kaufen. Jakob sagte ihm, er dürfe nichts verkaufen. DerBlick des Fremden war für ihn etwas ganz Außerordentliches. Der Fremde ging dann hinaus. Nach ein paar Minuten hörte Jakob seinen Namen rufen. Der Fremde sagte zu ihm: Jakob, du bist nun noch klein, aber zu etwas Großem bist du berufen! — Irgend etwas, das wußte Jakob Böhme, ging bleibend auf ihn über aus diesen Worten. Dann erzählt Jakob Böhme ein anderes Erlebnis, von einem Berge. Da sah er einmal hinein in eine Höhle, wo ihm etwas entgegenblitzte wie Gold. Wieder kam es ihm vor wie eine Offenbarung, wie etwas, was über die verborgenen Kräfte der Natur ihm etwas zu sagen haben würde. Wenn man dies alles anfassen würde, würde es jenen Zauber verlieren, den man nur mit okkulten Mitteln zu verstehen imstande ist.

[ 4 ] Jakob Böhme was born in 1575 to a poor family. He began his life as a shepherd and could barely read or write. While tending the livestock, he often experienced strange flashes of insight. It sometimes seemed to him as if every leaf on the trees, as if the animals of the forest, had something to say to him—as if all the beings of nature were speaking to him. He then became an apprentice to a shoemaker. During his apprenticeship, a strange experience occurred, the true nature of which cannot be discussed in public. Jakob Böhme was once asked by his master and mistress to mind the shop while they were out. However, he was not supposed to sell anything. Then a man walked in whose eyes made a very special impression on him. Apparently, this man wanted to buy something. Jakob told him he wasn’t allowed to sell anything. The stranger’s gaze was something quite extraordinary to him. The stranger then walked out. After a few minutes, Jakob heard his name being called. The stranger said to him: “Jakob, you are still young, but you are called to something great!” — Jakob Böhme knew that something, something lasting, had been imparted to him through these words. Then Jakob Böhme recounts another experience, this time on a mountain. There, he once looked into a cave where something glinted at him like gold. Again, it seemed to him like a revelation, like something that had a message for him about the hidden forces of nature. If one were to grasp all of this, it would lose that magic which one is only able to understand through occult means.

[ 5 ] Wie alle jungen Handwerker der damaligen Zeit trat Jakob Böhme nach der Lehrlingszeit eine Reise an und ließ sich dann als Schuhmachermeister in seiner Vaterstadt Görlitz nieder. Bald fing er an niederzuschreiben, was in seiner Seele lebte. Es ist dabei wichtig, ein wenig in die Empfindungen hineinzuleuchten, die in dieser Persönlichkeit waren. Er fühlte sich, wenn er zur Feder griff, um das niederzuschreiben, was ihm geoffenbart wurde, über sich selbst hinausgehoben. Es war da etwas in ihm wie eine höhere Natur. So stark war das in ihm, daß, wenn er wieder im Alltagsleben zurück war, und wenn er das Niedergeschriebene lesen wollte, er das nicht verstehen konnte. Er konnte dann nicht jenem Geiste folgen. Das, was er schrieb, waren von Anfang an Worte, die nur aus dem Mittelpunkt der Weisheit geschöpft waren. «Aurora oder die Morgenröte im Aufgang», war sein erstes Buch, das er schrieb. Aurora oder die Morgenröte war immer bei den Mystikern ein Sinnbild davon, wenn sich das höhere Selbst gebiert, wenn sich die Seele über das niedere Dasein erhebt. Die Vergeistigung des Menschen wurde immer versinnbildlicht als die Morgenröte. Jakob Böhme schrieb damals Worte, die bei ihm, weil sie den Stempel, das Siegel der Wahrheit tragen, wie selbstverständlich klingen. So sagte er einmal, daß er wisse, daß «der Sophist ihn tadeln» werde, wenn er vom Anfang der Welt und ihrer Schöpfung spricht, «dieweil ich nicht sei dabeigewesen und es selber gesehen. Dem sei gesagt, daß in meiner Seelen- und Leibesessenz, da ich noch nicht der Ich war, sondern da ich Adams Essenz war, bin ja dabei gewesen und meine Herrlichkeit in Adam selber verscherzet habe».

[ 5 ] Like all young craftsmen of that time, Jakob Böhme set out on a journey after completing his apprenticeship and then settled in his hometown of Görlitz as a master shoemaker. He soon began to write down what lived within his soul. It is important here to shed some light on the feelings that characterized this individual. Whenever he took up his pen to write down what had been revealed to him, he felt elevated above himself. There was something within him akin to a higher nature. This was so strong within him that, when he returned to everyday life and wanted to read what he had written, he could not understand it. He was then unable to follow that spirit. From the very beginning, what he wrote were words drawn solely from the center of wisdom. *Aurora, or the Dawn Rising* was the first book he wrote. For mystics, Aurora, or the dawn, has always been a symbol of the birth of the higher self, of the soul rising above the lower existence. The spiritualization of the human being has always been symbolized as the dawn. At that time, Jakob Böhme wrote words that, because they bear the stamp, the seal of truth, sound perfectly natural coming from him. He once said that he knew “the sophist would rebuke him” when he spoke of the beginning of the world and its creation, “since I was not there and did not see it myself. To that I say: in the essence of my soul and body, when I was not yet the “I,” but was rather the essence of Adam, I was indeed present and forfeited my glory in Adam himself.”

[ 6 ] Dieser einfache Mann, der wahrscheinlich das, was man Lesen nennt, keinem andern Schriftsteller als Paracelsus gegenüber geübt hatte, der hatte das Bewußtsein, daß die ewige Seele, die im Menschen lebt, nicht an Raum und Zeit gebunden ist, daß es eine Erweiterung des Bewußtseins dieser Seele gibt, durch die der Mensch imstande ist, sich über Raum und Zeit zu erheben. So war ihm klar die Einheit, die in allem lebt, die in jeder Menschenseele mitlebt, so daß man nur die engen Grenzen abzustreifen braucht, um ein Bild zu erhalten, ein Gesicht, das uns alles zeigt, was bis zum Anfang der Menschenschöpfung zurückgeht. Das alles steht gegründet bei Jakob Böhme auf einer tiefen Frömmigkeit. Er sagt von seinem Seelenzustand folgendes: «Als ich in Gottes Beistand rang und kämpfte, da ging meiner Seele ein wunderliches Licht auf, das der wilden Natur ganz fremd war, darin ich erst erkannte, was Gott und Mensch wäre, und was Gott mit den Menschen zu tun hätte.»

[ 6 ] This simple man, who had probably never practiced what is called “reading” with any writer other than Paracelsus, was aware that the eternal soul that lives within human beings is not bound by space and time, and that there is an expansion of this soul’s consciousness through which human beings are able to rise above space and time. Thus, the unity that lives in all things—and that dwells within every human soul—was clear to him, so that one need only cast off the narrow boundaries to receive an image, a face that reveals to us everything that goes back to the beginning of human creation. All of this is grounded in Jakob Böhme’s profound piety. He says the following about his state of mind: “As I struggled and wrestled for God’s assistance, a wondrous light dawned upon my soul—one entirely foreign to the wildness of nature—in which I first recognized what God and humanity are, and what God’s purpose is with regard to humanity.”

[ 7 ] Es war für Jakob Böhme ein unmittelbares Erlebnis, das Auferstehen der Gottesseele in der gewöhnlichen Menschenseele. Dies Erlebnis, das war es, das seinen Enthusiasmus begründete, das sich bei ihm in ganz elementarer Weise aus der Seele loslöste. So sehen wir ihn des Menschen Natur, das geschichtliche Werden der ganzen Menschheit in einer Weise erfassen, die, wenn man nicht bis in die Quellen selbst eindringen kann, es einem recht schwer macht, diesen Geist zu begreifen.

[ 7 ] For Jakob Böhme, the resurrection of the divine soul within the ordinary human soul was a direct experience. It was this experience that gave rise to his enthusiasm, which welled up from his soul in a very fundamental way. Thus we see him grasping human nature—the historical development of all humanity—in a way that, unless one can penetrate to the very sources themselves, makes it quite difficult to comprehend this spirit.

[ 8 ] Was wir bei Paracelsus finden, das tritt uns in einer vergeistigten und verklärten Weise bei Jakob Böhme entgegen. Es tritt uns schon in seinem ersten Werk, in der «Aurora», entgegen. Dies Werk war zuerst nicht gedruckt worden, sondern ging nur als Manuskript bei seinen Freunden herum. Da kam es in die Hände eines zelotischen Predigers. Der predigte dagegen und erreichte es, daß der Magistrat der Stadt Görlitz dem Jakob Böhme verbot, zukünftig irgend etwas zu schreiben. So gefährlich hat man ihn dazumal schon gefunden. Jakob Böhme hat allerdings dann jahrelang nichts geschrieben. Alle seine andern Schriften rühren aus den letzten fünf bis sechs Jahren seines Lebens her, jenes Lebens, das man ihm fortgesetzt recht schwer gemacht hatte, weil man nichts verstand von dem, was in diesem Manne lebte, und weil die fanatische Priesterschaft erfüllt war von einem zelotischen Hasse gegen alles das, was sie nicht selbst geschrieben hatte. Seine Werke wurden, ehe sie in Deutschland gedruckt wurden, ins Englische, ins Holländische und so weiter übersetzt. Das Schicksal Jakob Böhmes und seiner Werke sind ein Beispiel dafür, wie die Wege wahren Geisteslebens von der offiziellen Bildung wenig abhängen und wie schwierig es ist, die Hindernisse zu überwinden, welche von allen möglichen Mächten dem Geistesleben entgegengebracht werden.

[ 8 ] What we find in Paracelsus is presented to us in a spiritualized and transfigured form in Jakob Böhme. We encounter it as early as his first work, the *Aurora*. This work was not initially printed but circulated among his friends only as a manuscript. Then it fell into the hands of a zealous preacher. He preached against it and succeeded in getting the magistrate of the city of Görlitz to forbid Jakob Böhme from writing anything in the future. That is how dangerous he was already considered at the time. Jakob Böhme, however, did not write anything for years afterward. All his other writings date from the last five to six years of his life—a life that had been made increasingly difficult for him because people understood nothing of what lived within this man, and because the fanatical clergy was filled with a zealous hatred for everything they had not written themselves. Before they were printed in Germany, his works were translated into English, Dutch, and other languages. The fate of Jakob Böhme and his works is an example of how the paths of true spiritual life depend little on official education and how difficult it is to overcome the obstacles that all manner of powers place in the way of spiritual life.

[ 9 ] Schon in der «Aurora» tritt uns entgegen, was in Jakob Böhme lebte. Davon war zunächst bei Jakob Böhme die Rede, daß im Menschen etwas lebt, das über sich selbst hinauswachsen kann, ein göttlicher Lebensfunke. Das blieb für ihn nichts Abstraktes, sondern gestaltete sich zu einem großen Welten- und Menschengebäude in seinen Gedanken, in seiner Empfindungswelt aus. Wer Jakob Böhme verstehen will, der muß erkennen, daß nur eine tiefgründige geisteswissenschaftliche Bildung in das eindringen kann, was in Jakob Böhme lebte. Vom Menschen selbst wußte er, daß der physische Mensch eine andere, mehr geistige, feinere Wesenheit zur Grundlage hat. Zwischen dem physischen Menschen und dem seelischen ist etwas, das nannte Jakob Böhme die «tinctura». Das ist ein oft mißverstandenes Wort. Es gab damals auch große Geister wie zum Beispiel Newton, die sich jahrelang bemühten, klarzuwerden darüber, was Jakob Böhme meint, wenn er von der Tinctura spricht.

[ 9 ] Even in *Aurora*, we encounter what lived within Jakob Böhme. Jakob Böhme first spoke of the fact that something lives within human beings that can transcend itself—a divine spark of life. For him, this was not an abstract concept, but took shape in his thoughts and in his world of feeling as a vast structure encompassing the world and humanity. Anyone who wishes to understand Jakob Böhme must recognize that only a profound education in spiritual science can penetrate what lived within him. He knew that the physical human being is founded upon another, more spiritual, and finer essence. Between the physical human being and the soul there is something that Jakob Böhme called the “tinctura.” This is a word that is often misunderstood. Even in his time, there were great minds—such as Newton—who spent years trying to understand what Jakob Böhme meant when he spoke of the “tinctura.”

[ 10 ] Wenn wir einen Blick zurückwerfen in frühere Zeiten ferner Vergangenheit, so werden wir finden, daß da die Welt noch ganz anders war als jetzt. Jakob Böhme war ganz durchdrungen von einer gewaltigen Entwickelungslehre. So umfassend, so großartig, so anwendbar auf alles Geistige und Sinnliche zugleich, wie Jakob Böhme die Weltentwickelungslehre auffaßt, so hat keine naturwissenschaftliche Anschauung die Weltentwickelungslehre dargestellt. Er blickt zurück in weit hinter uns liegende Zeiträume, wo die Erde noch ganz anders ausgesehen hat als jetzt. Was einige Naturforscher stümperhaft von dem Urzustand der Erde gesagt haben, das hat Jakob Böhme in merkwürdiger Weise verstanden. Wenn wir zurückgehen in der Zeitenwende, so verfolgt der heutige Naturforscher die Lebewesen zurück zu immer unvollkommeneren Gestalten. Dann sagt er allenfalls noch: Alles, was auf der Erde ist, hat sich herausgebildet aus einem Weltennebel. Da drangen die Gestalten heraus durch die dem Weltennebel eingeborenen Gesetze. — Bei Jakob Böhme sehen wir diese Entwickelung in viel größerem Stil gedacht. Da geht sein Blick hin zu allen seelischen Wesen, zu allen tierischen Wesen, zu allen pflanzlichen, allen mineralischen Wesen. Da ist er imstande, die früheren Zustände herauszuschauen, die Gestalten, welche die Menschen in früheren Zeiten hatten, wo es noch nicht gegeben hat diese Wesen, wie sie heute sind, sondern wie sie dazumal enthalten waren in einer Art von ursprünglicher Materie, aus der erst die spätere Welt hervorgegangen ist. Die Erscheinungswelt und die Wesenheiten sieht er in einer Weise, wie sie damals vorhanden waren, in der Anlage vorhanden waren. Eine Erde sieht er, die nicht fest ist, nicht Luft, nicht Wasser, nicht Feuer, auf der nicht Tier und nicht Pflanze war, aber die alles enthält, was dann zum Vorschein gekommen ist. Nicht von einem phantastischen Urnebel redet Jakob Böhme, sondern er redet von der Tinctura, die einstmals wirklich war, als solche unseren Erdball bildete und die heute im Verborgenen auf dem Grunde der Wesenheiten ruht. Diese Tinctura ist im Menschen als ein geistig-seelischer Organismus hinter der physischen Wesenheit vorhanden. Die ist auch in allen andern Dingen. Aus der Tinctura leitet Jakob Böhme die Gestaltung aller Lebewesen ab, bei denen er sieben Grundeigenschaften unterscheidet. Damit kommt man bei ihm auf eine sehr tiefe Grundlage der Weltanschauung. Damit ausgerüstet, kann man einen Faden durch die Welt finden, der unzählige Weltenrätsel zu lösen vermag. Jakob Böhme hat dabei eine wunderbare Sprache, gegen die unsere heutige Sprache mit ihren Begriffen grau und ohne Leben erscheint.

[ 10 ] If we look back to earlier times in the distant past, we will find that the world was then quite different from what it is now. Jakob Böhme was thoroughly imbued with a powerful theory of evolution. No scientific perspective has ever presented a theory of the world’s evolution as comprehensive, as magnificent, and as applicable to both the spiritual and the sensory realms as Jakob Böhme’s conception of it. He looks back to periods far behind us, when the Earth still looked quite different from what it does now. What some natural scientists have said in a rather amateurish way about the Earth’s primordial state, Jakob Böhme understood in a remarkable way. When we go back to the dawn of time, today’s natural scientist traces living beings back to increasingly imperfect forms. At best, they might then say: Everything on Earth has emerged from a cosmic nebula. There, the forms emerged through the laws inherent in the cosmic nebula. — In Jakob Böhme, we see this evolution conceived on a much grander scale. His gaze extends to all spiritual beings, to all animal beings, to all plant beings, and to all mineral beings. There he is able to discern the earlier states, the forms that human beings had in earlier times, when these beings did not yet exist as they are today, but were contained back then in a kind of primordial matter from which the later world first emerged. He sees the world of phenomena and the beings as they existed back then, as they were present in their embryonic form. He sees an Earth that is neither solid nor air, nor water, nor fire; an Earth on which there were neither animals nor plants, but which contains everything that later came into being. Jakob Böhme is not speaking of a fanciful primordial nebula, but rather of the Tinctura, which once truly existed, formed our globe as such, and which today rests hidden at the foundation of all beings. This Tinctura is present in human beings as a spiritual-soul organism behind the physical being. It is also present in all other things. From the Tinctura, Jakob Böhme derives the formation of all living beings, in which he distinguishes seven fundamental qualities. This leads us, in his view, to a very profound foundation of worldview. Equipped with this, one can find a thread running through the world that is capable of solving countless mysteries of the universe. Jakob Böhme’s language in this regard is marvelous; in comparison, our modern language, with its concepts, appears dull and lifeless.

[ 11 ] Wir haben uns vorzustellen, daß die Tinctura in der Welt wie die Urmaterie lebt, daß darin alles wie in einem Mutterschoße ruht, daß dann die Gestalten sich herauslösen. Eine Art der Gestalten nennt er die Herbigkeit. Der menschliche Vorfahr war ein Wesen mit einem Knorpelgerüste, so wie es heute auch die Knorpelfische haben. Dann kristallisierte sich aus der ursprünglichen Tinctura heraus das Knochengerüst; mit Herbigkeit kristallisierte sich aus der ursprüngJichen Tinctura heraus das Knochengerüst der Erde, Das nennt Jakob Böhme alles Salzige in der Welt. Man muß sich nicht vorstellen, daß das ursprüngliche Herbe auch die Form eines Knochengerüstes haben mußte. Aber alles, was mit der Anlage, fest und erdig zu werden, sich aus der ursprünglichen Geistmaterie herauskristallisierte, das war für Jakob Böhme dieses Herbe, das Salzige.

[ 11 ] We must imagine that the Tinctura exists in the world like primordial matter, that everything within it rests as in a mother’s womb, and that forms then emerge from it. He calls one type of these forms “bitterness.” The human ancestor was a being with a cartilaginous skeleton, just as cartilaginous fish have today. Then the bony skeleton crystallized out of the original Tinctura; with “herbiness,” the bony skeleton of the Earth crystallized out of the original Tinctura. Jakob Böhme calls this all that is salty in the world. One need not imagine that the original “herbiness” necessarily had to take the form of a skeletal framework. But everything that crystallized out of the original spiritual matter with the potential to become solid and earthy—that, for Jakob Böhme, was this “herbiness,” this “saltiness.”

[ 12 ] Die zweite Gestalt der Natur ist das, was die innere Beweglichkeit bewahrt, so daß die Teile untereinander in fortwährende Wechselwirkung treten können. Das nennt Jakob Böhme das Merkurialische.

[ 12 ] The second aspect of nature is that which preserves inner mobility, so that the parts can enter into constant interaction with one another. Jakob Böhme calls this the Mercurial.

[ 13 ] Das dritte ist das Schwefelige, dasjenige, was wie eine verborgene Kraft in sich die Gewalt des Feuers enthält.

[ 13 ] The third is sulfur, which, like a hidden force, contains within itself the power of fire.

[ 14 ] Jakob Böhme vereinigt im deutschen Volkstum tief urgründliche Vorstellungen mit einer wunderbar weisheitsvollen Sprache. Gerade hier können wir den Zusammenhang Jakob Böhmes mit der ursprünglichen deutschen Volksseele erkennen. Es gibt Mitte Juni das Johannesfeuerfest. Etwas Bedeutungsvolles in der Natur wird da vorausgesetzt. Gelehrte Spintisiererei spricht da von der Sommersonnenwende und astronomischen Zusammenhängen. Aber damit haben wir es dabei nicht zu tun. In der ursprünglichen Volksanschauung der Deutschen bedeutete das Feuer, das aus der Natur auferweckt werden kann, etwas ganz Besonderes. Das Johannisfeuer mußte entzündet werden durch Reiben von Hölzern aneinander. Man hatte die Vorstellung, daß, wenn ein solches Johannisfeuer entzündet worden war und eine Seuche im Anzuge war, dieses Johannisfeuer eine heilende Kraft hatte. Allen tiefen Volksanschauungen liegt zugrunde die Idee der Verwandtschaft des Feuers mit dem, was man beim Menschen die Triebe und Instinkte nennt. Man dachte sich das nicht als Sinnbild, denn das Volk hat niemals solche Symbole ausgeklügelt. Etwas anderes liegt dem zugrunde. Das kommt bei den Sagen vom Johannisfeuer und auch bei Jakob Böhme zum Vorschein. Was man heute aus der Materie als das Feuer quellen sieht, ist das eine, und die menschlichen und tierischen Leidenschaften sind das andere. Jetzt sind sie wie Nord- und Südpol voneinander entfernt. Nun blickte die Volksintuition, wie auch Jakob Böhme, zurück auf eine Zeit frühester Entwickelung. Da war etwas da, was nicht materielles Feuer war und auch nicht Leidenschaft, woraus sich aber differenzierte auf der einen Seite das Feuer, auf der andern Seite die Leidenschaft. Damals hatten diese eine gemeinsame Grundlage. Jakob Böhme findet im materiellen Feuer dieselbe geistige Grundlage wie in der menschlichen Leidenschaft. Es gibt eine Verwandtschaft für ihn zwischen dem, was in der Materie schlummert, was man herauslocken kann aus der Materie, und der menschlichen Leidenschaft. Darin ist etwas, was mit der geistigen Seite des Feuers verwandt ist.

[ 14 ] In German folklore, Jakob Böhme combines deeply primordial ideas with a wonderfully wise language. It is precisely here that we can recognize Jakob Böhme’s connection to the original German folk soul. In mid-June, there is the St. John’s Fire festival. This presupposes something significant in nature. Scholarly speculation refers to the summer solstice and astronomical connections. But that is not what we are dealing with here. In the original folk belief of the Germans, the fire that could be kindled from nature signified something very special. The St. John’s Fire had to be kindled by rubbing pieces of wood together. People believed that if such a St. John’s Fire had been kindled and a plague was on the horizon, this fire possessed a healing power. Underlying all profound folk beliefs is the idea of the kinship between fire and what we call human drives and instincts. This was not conceived as a symbol, for the people never devised such symbols. Something else lies at the root of it. This becomes evident in the legends of the St. John’s Fire and also in the writings of Jakob Böhme. What we see today as fire emanating from matter is one thing, and human and animal passions are another. Now they are as far apart as the North and South Poles. Now, popular intuition—as did Jakob Böhme—looked back to a time of earliest development. There was something there that was neither material fire nor passion, but from which, on the one hand, fire and, on the other, passion emerged. Back then, these shared a common foundation. Jakob Böhme finds the same spiritual foundation in material fire as in human passion. For him, there is a kinship between what lies dormant in matter—what can be drawn out of matter—and human passion. In this there is something related to the spiritual aspect of fire.

[ 15 ] Der Schwefel enthält in sich das Feuer verborgen, wie der Körper die tierische Leidenschaft enthält. So unterscheidet Jakob Böhme zunächst diese vier: Tinctura, Salz, Schwefel, Feuer.

[ 15 ] Sulfur contains fire hidden within it, just as the body contains animal passion. Thus, Jakob Böhme first distinguishes these four: Tinctura, salt, sulfur, and fire.

[ 16 ] Geradeso wie die alte deutsche Volksintuition auf eine Zeit zurückblickte, wo es weder Feuer noch Leidenschaft gab, so blickt Jakob Böhme auf einen solchen Zustand zurück, auf so etwas, das, wenn es sich vergeistigt, zu der fünften Urgestalt der Natur wird, die er das Wasser nennt. Es ist Wasser in dem Sinne, wie wir in der Bibel das Wasser finden, als äußeres Zeichen der Seele. Der Geist Gottes brütete über dem Wasser, über den in der Materie schlummernden Seelenkräften, damit sie auferweckt werden können.

[ 16 ] Just as the ancient German folk intuition looked back to a time when there was neither fire nor passion, so Jakob Böhme looks back to such a state—to something that, when spiritualized, becomes the fifth primordial form of nature, which he calls “water.” It is water in the sense that we find water in the Bible, as an outward sign of the soul. The Spirit of God hovered over the water—over the soul forces slumbering within matter—so that they might be awakened.

[ 17 ] Die sechste Gestalt der Natur entsteht dann, wenn das Innere nach außen dringt, wenn das innere Leben so lebendig wird, daß es wahrgenommen werden kann. Das nennt Jakob Böhme Hall oder Schall. Das ist eine jegliche seelische Außerung, die das Innere des Wesens so in sich trägt wie die Glocke den Glockenton. Der Hall oder Schall kann auch so hervordringen, daß er die einheitliche Gottesnatur zum Ausdrucke bringt. Dann entsteht die siebente Kraft, die Weisheit, die in der Welt enthaltene göttliche Kraft. Unter diesen sieben Gestalten sieht Jakob Böhme die ganze Natur beschlossen.

[ 17 ] The sixth form of nature arises when the inner world manifests itself outwardly, when inner life becomes so vivid that it can be perceived. Jakob Böhme calls this “resonance” or “sound.” This is any spiritual expression that carries the inner essence within itself, just as a bell carries its own sound. The resonance or sound can also emerge in such a way that it gives expression to the unified nature of God. Then the seventh power arises: wisdom, the divine power contained within the world. Jakob Böhme sees the whole of nature encompassed within these seven forms.

[ 18 ] Das niederste Glied der Menschennatur hat etwas zu tun mit der salzartigen Herbigkeit; dann steigt es immer höher hinauf bis zur Weisheit. Weiter haben die Naturgewalten und der Mensch Beziehung zum Sonnensystem. Überall drückt sich die Verwandtschaft aller Wesen aus. Alles, was wie das geistige Lebensblut durch alle Wesen zieht, das nennt Jakob Böhme auch die Tinctura. Sie liegt zwischen dem Weltgedanken und einer jeglichen Materie. Jakob Böhme stellt sich den großen Baumeister der Welt wie einen Künstler vor, der die Welt sinnlich-physisch ausgestaltet hat. Das Bindeglied zwischen dem Sinnlich-Physischen und dem Schöpfer der Welt nennt er wiederum die Tinctura. Sie sucht er auf in allen einzelnen Wesenheiten. Das macht das Schwierige in seinen Schriften aus, daß wir uns in seine Vorstellungen hineinarbeiten müssen. Der Mensch ist gewöhnlich froh, wenn er sich ein paar Begriffe hingepfahlt hat. Jakob Böhme macht sich nicht einzelne abstrakte Begriffe, die soldatenmäßig nebeneinanderstehen. Er kriecht gleichsam in alle Wesenheiten hinein. Er sieht alle Wesenheiten als verwandt, als miteinander verbunden an. Um Jakob Böhme zu verstehen, muß man den Geist selbst beweglich machen, wie die Natur selbst beweglich ist, so daß sich die Begriffe ebenso verwandeln können, wie die Dinge in der Natur sich verwandeln. Auch von Theosophen werden oft enge Begriffe hingestellt. Es handelt sich aber nicht darum, einen Begriff zu haben, sondern darum, daß man den Begriff gleich wieder auflösen kann. Hat man einen Begriff,so muß man ihn verwandeln können, wie sich dieDinge verwandeln. Nichts ist hinderlicher als abstrakte, test abgezirkelte Begriffe. Deshalb können diejenigen Jakob Böhme nicht begreifen, die ihn lesen, weil sie sich zuerst feste Begriffe bilden; er aber geht dem lebendigen Leben der Dinge nach. Es müssen die Begriffe auch sich ändern, so wie die Dinge selbst sich ändern. Da fühlen aber die Menschen sich gleichsam in der Luft schweben. Man hat tatsächlich den Boden unter den Füßen verloren, wenn man die Welt begreifen will. Nur muß man das Zentrum in sich selbst behalten.

[ 18 ] The lowest aspect of human nature is related to a salty, bitter quality; from there, it ascends ever higher toward wisdom. Furthermore, the forces of nature and human beings are related to the solar system. The kinship of all beings is expressed everywhere. Jakob Böhme also calls that which flows through all beings like the spiritual lifeblood the “Tinctura.” It lies between the World-Idea and all matter. Jakob Böhme envisions the great Architect of the world as an artist who has shaped the world in a sensory-physical way. He calls the link between the sensory-physical realm and the Creator of the world the “Tinctura.” He seeks it out in every individual being. This is what makes his writings challenging: we must work our way into his concepts. People are usually content once they have pinned down a few concepts. Jakob Böhme does not construct individual abstract concepts that stand side by side like soldiers. He, as it were, delves into all entities. He regards all entities as related, as interconnected. To understand Jakob Böhme, one must make the mind itself flexible, just as nature itself is flexible, so that concepts can transform just as things in nature transform. Even theosophists often put forward narrow concepts. But the point is not to have a concept, but rather to be able to dissolve the concept immediately. Once one has a concept, one must be able to transform it, just as things transform. Nothing is more obstructive than abstract, rigidly defined concepts. That is why those who read Jakob Böhme cannot understand him, because they first form fixed concepts; he, however, follows the living reality of things. Concepts, too, must change, just as things themselves change. But then people feel, as it were, as if they were floating in the air. One has indeed lost one’s footing when one seeks to understand the world. One must simply maintain one’s center within oneself.

[ 19 ] Das Seelengemälde Jakob Böhmes ist eine Nachbildung der Natur selbst. Im menschlichen Geiste findet Jakob Böhme das, was der Tinctura verwandt ist, die Imagination. Imagination ist eine Kraft der Seele, die mitten drinnen steht zwischen der Kraft des Gedankens und der Kraft des Willens. Wer seine Begriffe zuerst bildlich zu machen versteht und sie dann sich veranschaulicht im Geiste, so daß nicht vor ihm steht ein abstraktes Bild der Pflanze, sondern eine Pflanze wie mit sinnlicher Schaubarkeit, dem wird ein solcher anschaubarer Begriff wie durchtränkt mit wirklichem Leben von innen heraus. Wer das kann, der hat Imagination. Die kann so gesteigert werden, daß der Mensch schöpferisch wirkt und Einfluß gewinnt auf das, was in den Dingen als Tinctura lebt.

[ 19 ] Jakob Böhme’s “Portrait of the Soul” is a representation of nature itself. In the human mind, Jakob Böhme finds that which is akin to the *tinctura*: imagination. Imagination is a power of the soul that stands midway between the power of thought and the power of will. Whoever first knows how to make his concepts pictorial and then visualizes them in the mind—so that what stands before him is not an abstract image of the plant, but a plant with sensory visibility—will find such a visible concept as if imbued with real life from within. Whoever can do this possesses imagination. This can be heightened to such an extent that a person acts creatively and gains influence over what lives in things as the “tinctura.”

[ 20 ] Hier beginnt für Jakob Böhme die Alchimie, die auf die Materie, die Tinctura, zurückzuwirken vermag und von da auch auf die sinnlichen Dinge. So vermag der imaginative Mensch ein Magier zu werden. Weil Jakob Böhme dies verstanden hat, dürfen wir ihn den größten Magier der neuen Zeit nennen. Die Imagination nennt Jakob Böhme die große Jungfrau der Natur, die Jungfrau Weisheit. Nun geht er zurück bis zur Schöpfung des Adam und weiter hinauf zu der ursprünglichen göttlichen Imagination. Er sagt, die göttliche Imagination hat nach ihrem Spiegelbilde den ursprünglichen geistigen Menschen in die Materie eingeformt. Diesen Geistesmenschen nennt er den ursprünglichen Adam. Indem dieser geistige Mensch von Anfang an da ist,zeigt er,wie der geistige Mensch in der ursprünglichen Tinctura schon vorhanden war, wie dann aber eigentlich eine geistige vollständige Umwandlung in der Weltenschöpfung vor sich gegangen ist. Diese Umwandlung verlegt er auf den vierten Schöpfungstag. Dieser ursprüngliche Mensch, den er den Tincturamenschen nennt, der hat nicht mit eigentlichen Augen gesehen,aber im Innern war er hellseherisch, so daß er hellseherisch alles wahrnehmen konnte, was in ihm vorging. Dann trat für diesen Menschen die Selbstheit ein, die Selbständigkeit, die kam am vierten Tag und der hellseherische Mensch wurde sich selbst gewahr, fing an, seine eigene Wesenheit zu schauen. Ursprünglich war geistig-göttliche Schöpfung ringsherum. Das sah der Urmensch hellseherisch. Jetzt sah er sich. Das war sein Abfall von Gott. Nun wäre dieser Mensch ganz zur Verhärtung gekommen, aufgegangen in der Herbigkeit, wenn nicht etwas anderes möglich wäre. Nicht mehr sah der Mensch die Welt hellseherisch. Es trat der Zeitpunkt ein, wo der hellseherische Mensch äußerlich wahrnehmen konnte, was göttlich ist. Sonne, Mond und Sterne sind zunächst Bilder des Göttlichen, was er früher in sich gesehen hatte. So war der Mensch abgefallen von der Göttlichkeit, aber durch die Sinne war für ihn die Welt wahrnehmbar geworden. Die Vorstellung der sinnlichen Wahrnehmung ist es, welche den Menschen aus dem alten Tincturamenschen zum materiellen Menschen machte. Er wird ein materieller Mensch durch seine eigene, der materiellen Welt entnommene Vorstellung, so daß der Mensch von Innen heraus durch seine eigene Imagination des Sinnlichen selbst ein sinnlicher Mensch geworden ist.

[ 20 ] For Jakob Böhme, this is where alchemy begins—alchemy that is capable of acting back upon matter, the *tinctura*, and from there also upon sensory things. Thus, the imaginative person can become a magician. Because Jakob Böhme understood this, we may call him the greatest magician of the modern era. Jakob Böhme calls the imagination the great Virgin of Nature, the Virgin of Wisdom. He then traces back to the creation of Adam and further still to the original divine imagination. He says that the divine imagination fashioned the original spiritual human being out of matter according to its mirror image. He calls this spiritual human being the original Adam. Since this spiritual human being has existed from the very beginning, he demonstrates how the spiritual human being was already present in the original Tinctura, but also how a complete spiritual transformation actually took place during the creation of the world. He places this transformation on the fourth day of creation. This original human, whom he calls the “Tinctura human,” did not see with actual eyes, but inwardly he possessed clairvoyance, so that he could perceive through it everything that was taking place within him. Then selfhood—autonomy—came upon this human; it arrived on the fourth day, and the clairvoyant human became aware of himself and began to perceive his own being. Originally, spiritual-divine creation surrounded him on all sides. The primordial human being perceived this through clairvoyance. Now he saw himself. That was his fall from God. This human being would have become completely hardened, lost in bitterness, had something else not been possible. Man no longer perceived the world clairvoyantly. The moment arrived when the clairvoyant human being could perceive externally what is divine. The sun, moon, and stars are, at first, images of the divine, which he had previously seen within himself. Thus, man had fallen away from divinity, but through the senses the world had become perceptible to him. It is the concept of sensory perception that transformed human beings from the ancient “Tinctura” human into the material human. He becomes a material human through his own concept derived from the material world, so that human beings have become sensory beings from within through their own imagination of the sensory.

[ 21 ] Jakob Böhme sah bei allen Wesen eine tiefe Verwandtschaft, bei Tieren, Pflanzen und Mineralien. Er sagte, alles was in der Welt lebt an Haut und Knochen, an Fleisch und Blut und so weiter, das ist verwandt mit irgend etwas auf der Erde. Die ganze soziale, künstlerische, gesellschaftliche Struktur bringt Jakob Böhme auch in Beziehung zu den Konstellationen der Planeten. Er zeigt den Zusammenhang der Planeten mit dem menschlichen Leben. Alles das ist bei ihm so klar für den, der ihn verstehen will, aber so groß, daß allerdings eine kleine Zeit ihn nicht verstehen kann.

[ 21 ] Jakob Böhme saw a deep kinship among all beings—animals, plants, and minerals. He said that everything in the world that lives—flesh and blood, flesh and bone, and so on—is related to something on Earth. Jakob Böhme also relates the entire social, artistic, and societal structure to the constellations of the planets. He demonstrates the connection between the planets and human life. All of this is so clear in his work to those who wish to understand him, yet so vast that it certainly cannot be grasped in a short time.

[ 22 ] Eine andere Frage noch trat in seinen Gesichtskreis, die Frage nach dem Ursprung des Übels, des Bösen in der Welt, die Frage: Wie kommt das Übel in die Welt? Ist das Übel in dem Urgrund der Welt enthalten? Dann ist der Urgrund nicht ein guter. — Er findet Antwort darauf, indem er vergleicht das ursprüngliche Gute mit dem Licht, dem reinen, lauteren Licht. Darin ist keine Finsternis enthalten. Indem das Licht aber erscheint, wahrnehmbar wird, erscheint es durch die Gegenstände mit dem Schatten. Können wir uns sagen, daß Finsternis im Licht enthalten ist? Gewiß nicht. Vom Quell des Lichts geht nur reines, lauteres Licht aus. Aber von den Gegenständen geht das Gegenteil des Lichtes aus. Es tritt uns in der Welt das Licht entgegen als der Urgrund ... nicht von dem Urgrund herzuleiten. So wahr der Schatten bei dem Lichte dabei sein muß, so wahr muß auch das Böse in dem Guten darinnen sein. Wir können die göttliche Harmonie vergleichen mit der menschlichen Seele. Sie durchstrahlt den Organismus. Die Glieder des menschlichen Organismus werden in Bewegung gebracht durch die Seele. Die Weltharmonie der Gottheit lebt sich so in der Seele aus, daß die Glieder Selbständigkeit haben. Trotzdem aber die Harmonie der Seele zugrunde liegt, können sich die Glieder gegeneinander kehren. Soll Freiheit in der Welt sein, dann müssen die Glieder sich gegeneinander wenden können. Freiheit und die Möglichkeit des Bösen gehören zusammen, Harmonie und die Möglichkeit der Disharmonie. Gerade dieser Gedanke Jakob Böhmes hat Schelling begeistert, und man findet bei ihm eine wunderbare Darstellung von dem, was in der Freiheit des Menschen lebt. Diese Schrift Schellings über die Freiheit des Menschen ist wie eine Opfergabe für Jakob Böhme. Schelling hat etwas begriffen von Jakob Böhme. Er hat auch fortgelebt bei Goethe und anderen großen Geistern des 19. Jahrhunderts. Erst als der Materialismus aufkam, wurde das Geistesleben dem Jakob Böhme entfremdet. Dann verstand man ihn immer weniger. Es wird wieder eine Zeit kommen, in der man ihn nicht nur verstehen wird, sondern in der man von ihm wird lernen wollen. Dann wird für das, was man heute Theosophie nennt, eine neue Ära heranrücken. Es wird dann eine Zeit kommen, wo man solche tiefe Geistestaten wie die Schriften Jakob Böhmes, wie die germanische Mythologie wieder verstehen wird, wo diese einer neuen Verklärung entgegengehen werden. Dann wird eine Vergeistigung aller Weisheit, aller menschlichen Energie herbeigeführt werden können. Wenn das Zeitalter zu Ende geht, das in der äußeren Beherrschung aller Naturkräfte seine Aufgabe hat, dann wird auch Jakob Böhme wieder verstanden werden. Demselben Zeitalter, dem Jakob Böhme angehört, gehörten auch Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno an. Sie haben die Welt hinübergeführt zur Betrachtung der sinnlichen Welt, der äußeren Welt. Jakob Böhme erscheint gerade in jenem Zeitalter, und seine Werke sind wie eine große Zusammenfassung aller seelischen Errungenschaften der Menschheit. Das alles stellt er hin für die Welt in der Morgenröte eines Zeitalters, das die materialistische Epoche einleitet. Hat man das materialistische Zeitalter überschritten, so wird auch Jakob Böhme wiedergefunden werden und alles, was in seinen Werken liegt. Alles liegt in seinen Werken, was die Welt an Geistesschätzen zusammengebracht hat.

[ 22 ] Another question came to his attention: the question of the origin of evil in the world—the question: How does evil come into the world? Is evil inherent in the very foundation of the world? If so, then that foundation is not a good one. — He finds the answer to this by comparing the original good to light—pure, unadulterated light. There is no darkness contained within it. But as the light appears and becomes perceptible, it manifests through objects along with shadows. Can we say that darkness is contained within the light? Certainly not. Only pure, unadulterated light emanates from the source of light. But the opposite of light emanates from objects. In the world, light confronts us as the primordial source… not to be derived from that source. Just as the shadow must be present with the light, so too must evil be present within the good. We can compare divine harmony to the human soul. It permeates the organism. The limbs of the human organism are set in motion by the soul. The world harmony of the Divine manifests itself in the soul in such a way that the limbs possess autonomy. Yet even though the harmony of the soul underlies them, the limbs can turn against one another. If there is to be freedom in the world, then the limbs must be able to turn against one another. Freedom and the possibility of evil belong together, just as harmony and the possibility of disharmony do. It was precisely this idea of Jakob Böhme that inspired Schelling, and in his work one finds a wonderful depiction of what lives within human freedom. Schelling’s treatise on human freedom is like an offering to Jakob Böhme. Schelling grasped something of Jakob Böhme. His ideas also lived on in Goethe and other great minds of the 19th century. It was only with the rise of materialism that spiritual life became estranged from Jakob Böhme. From then on, people understood him less and less. A time will come again when people will not only understand him but will also want to learn from him. Then a new era will dawn for what is today called theosophy. A time will then come when such profound spiritual works as the writings of Jakob Böhme and Germanic mythology will once again be understood, and when these will be transformed into a new glory. Then a spiritualization of all wisdom and all human energy will be brought about. When the age that has made its mission the external mastery of all natural forces comes to an end, Jakob Böhme will also be understood once more. Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno also belonged to the same era as Jakob Böhme. They led the world toward contemplation of the sensory world, the external world. Jakob Böhme appeared precisely in that era, and his works are like a great synthesis of all humanity’s spiritual achievements. He presents all of this to the world at the dawn of an era that ushers in the materialistic epoch. Once the materialistic age has been left behind, Jakob Böhme will be rediscovered, along with everything contained in his works. Everything that the world has gathered in terms of spiritual treasures is contained in his works.

[ 23 ] Was die Theosophie bisher geleistet hat, dürfen wir nicht als etwas Besonderes betrachten. Die theosophische Weltbewegung muß etwas sein, was lebendig ist, was Leben und Wachstum bedeutet. Wird sie das, wird die Theosophische Gesellschaft das vertreten, so wird sie verstehen im Sinne der großen Geister früherer Zeiten, im Sinne Jakob Böhmes zu wirken, dann erst wird sie in wahrem Sinne des Wortes theosophisch wirken.

[ 23 ] We must not regard what Theosophy has achieved so far as anything extraordinary. The Theosophical World Movement must be something that is alive, something that embodies life and growth. If it becomes that, and if the Theosophical Society upholds these principles, then it will understand how to work in the spirit of the great minds of earlier times, in the spirit of Jakob Böhme; only then will it act in the true sense of the word “theosophically.”