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Knowledge of Soul and Spirit
GA 56

10 October 1907, Berlin

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Knowledge of Soul and Spirit, tr. SOL
  1. Die Erkenntnis der Seele und des Geistes

1. Die Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit

1. The Mission of Esoteric Science in Our Time

[ 1 ] Wer heute von Geheimwissenschaft spricht, oder gar, wie unser heutiges Thema lautet, von der Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit, der darf sich wohl darauf gefaßt machen, daß er den allerverschiedensten Stimmungen begegnet. Auf der einen Seite dürfen wir uns nicht verhehlen, daß das Wort «Geheimwissenschaft» nur ausgesprochen zu werden braucht, um bei einer großen Reihe unserer Zeitgenossen die Meinung hervorzurufen, es handle sich hier um etwas im höchsten Grade Dunkles, oder, wie man es gern ausdrückt, im schlimmsten Sinne Mystisches, um etwas, was nur entstehen oder Interesse er regen könne bei Menschen mit unklarem Denken, zumindest nur bei solchen, die keine Ahnung haben von dem, was man in unserer Zeit die großen Fortschritte auf dem Gebiete der Erkenntnis nennt. Wie viele werden Ihnen sagen, das Wort Geheimwissenschaft werde nur von denjenigen in den Mund genommen, die abseits stehen von den großen Fortschritten der Naturwissenschaft oder anderer Erkenntnisse in unserer Zeit. Wenn auf der einen Seite schon durch das Aussprechen des Wortes Geheimwissenschaft manche Gegnerschaft hervorgerufen wird, so dürfen wir uns doch auch durchaus nicht verhehlen, daß in solcher Gegnerschaft viel Berechtigtes liegt. Denn, so sonderbar es erscheinen kann — die ganze Serie der Vorträge wird Ihnen ja zeigen, wie das gemeint ist —, aber man kann nicht umhin, es auszusprechen: Der wirkliche Geheimwissenschafter, der sich bewußt ist, nicht Obskurant zu sein gegenüber den sogenannten Wissenschafts- oder Erkenntnisfortschritten in unserer Zeit, der ganz auf dem Boden unserer Zeitbildung stehen und nur über gewisse ihrer Oberflächlichkeiten hinausgehen will, der darf, ja er muß gemäß seiner Geistesrichtung und Einsicht in die Zeitverhältnisse sagen, daß diejenigen Gegner, die so sprechen, wie wir es eben jetzt charakterisiert haben, vielleicht die für ihn weniger gefährlichen Zeitgenossen sind, seiner Geistesströmung weniger schädlich sind als andere, die in gewisser Beziehung sich sogar zu den Anhängern, ja zu den Aposteln der sogenannten Geheimwissenschaft rechnen. Nicht wahr, es ist sonderbar, wenn so etwas ausgesprochen wird, doch es ist wahr.

[ 1 ] Anyone who speaks today of “esoteric science”—or even, as is the topic of our discussion today, of the mission of esoteric science in our time—must surely be prepared to encounter a wide variety of reactions. On the one hand, we must not ignore the fact that the mere utterance of the term “esoteric science” is enough to evoke the opinion among a large number of our contemporaries that that this is something extremely obscure, or—as people like to put it—mystical in the worst sense of the word; something that could only arise or arouse interest in people with unclear thinking, or at least only in those who have no idea of what is called in our time the great advances in the field of knowledge. How many will tell you that the term “esoteric science” is used only by those who stand apart from the great advances in the natural sciences or other fields of knowledge in our time. While, on the one hand, merely uttering the term “esoteric science” provokes some opposition, we must not fail to acknowledge that there is much validity to such opposition. For, as strange as it may seem—the entire series of lectures will show you what is meant by this—one cannot help but say it: The true occultist, who is conscious of not being an obscurantist in the face of the so-called scientific or intellectual advances of our time, who stands firmly on the ground of our contemporary culture and seeks only to go beyond certain of its superficialities, may— indeed, must—in accordance with his spiritual orientation and insight into contemporary conditions—say that those opponents who speak as we have just characterized them are perhaps the contemporaries who pose the least danger to him, who are less harmful to his spiritual current than others who, in a certain sense, even count themselves among the followers—indeed, the apostles—of so-called esoteric science. Isn’t it strange when something like this is said, yet it is true.

[ 2 ] Das Wort Geheimwissenschaft hat für viele heute etwas Verlockendes. Was dem Geheimwissenschafter so leicht vorgeworfen wird von seinen Gegnern, ist, daß die Menschen nur zu leicht zu bewegen sind, da, wo von irgend etwas Geheimnisvollem, von etwas Dunklem, Rätselhaftem gesprochen wird, herbeizulaufen, so daß die, welche unklaren Geistes oder zu bequem sind, um sich auf den Boden der Erkenntnis zu stellen, oder zu schwach, um Erkenntnisse auf sich wirken zu lassen, voller Interesse sind, wenn von etwas Dunklem, Geheimnisvollem die Rede ist. So habe der Geheimwissenschafter viel Zuspruch, und in gewissem Sinne rechne er auf diesen merkwürdigen Instinkt in der Menschennatur, auf den Zug in der Menschennatur nach dem Geistigen im schlimmsten Sinne des Wortes.

[ 2 ] For many people today, the term “esoteric science” holds a certain allure. What opponents so readily accuse practitioners of esoteric science of is that people are all too easily swayed whenever there is talk of something mysterious, something dark, or enigmatic is mentioned—so that those who are of an unclear mind, or too complacent to stand on the ground of knowledge, or too weak to allow insights to take effect upon them, are filled with interest whenever something dark or mysterious is discussed. Thus, the occultist enjoys great popularity, and in a certain sense, he counts on this peculiar instinct in human nature—on the tendency in human nature toward the spiritual in the worst sense of the word.

[ 3 ] Es soll nicht geleugnet werden, daß es in unserer so chaotischen Zeit wirklich viele Leute gibt, die nur durch diesen dunklen Instinkt der Menschennatur zu dem, was man Geheimwissenschaft nennt, getrieben werden. Und wenn dann die Gegner der Geheimwissenschaft sehen, was solche scheinbaren Anhänger anrichten, was sie oftmals für Behauptungen aufstellen und wie sie vielfach zu der Erkenntnis unserer Zeit stehen, dann braucht man sich ja nicht, aber auch gar nicht zu wundern, wenn unsere Gegner zu dem soeben charakterisierten Urteil kommen. Wenn der Geheimwissenschafter Furcht haben könnte, so könnte man vielleicht die groteske, aber wahre Behauptung aufstellen, daß er heute noch mehr Furcht haben müßte vor einer großen Zahl seiner Anhänger als vor seinen Gegnern. Denn diese Gegner werden eine solche Wendung machen müssen, wie wir sie vielleicht schon im Verlaufe des heutigen Vortrages charakterisieren werden, wie es aber namentlich im nächsten Vortrag, wenn von der «Naturwissenschaft am Scheideweg» geredet wird, klar herauskommen wird. Für heute soll es sich darum handeln, durch diese Charakteristik von links und rechts in rein erzählender Form die Aufgabe, den Sinn, die Bedeutung und die Mission der sogenannten Geheimwissenschaft in unserer Zeit klarzulegen.

[ 3 ] There is no denying that, in these chaotic times of ours, there are indeed many people who are driven to what is called “esoteric science” solely by this dark instinct of human nature. And when the opponents of occult science see what such apparent followers get up to, what claims they often make, and how they frequently view the insights of our time, then it is hardly surprising—indeed, not at all surprising—that our opponents arrive at the judgment just described. If the occultist were capable of fear, one might perhaps make the grotesque but true assertion that today he would have to fear a large number of his followers even more than his opponents. For these opponents will have to take a turn of events such as we may already characterize in the course of today’s lecture, but which will become particularly clear in the next lecture, when we speak of “Natural Science at a Crossroads.” For today, the aim is to use this characterization of the left and right—in a purely narrative form—to clarify the task, purpose, significance, and mission of so-called “esoteric science” in our time.

[ 4 ] Wenn Sie das Programm, das Ihnen für diese Wintervorträge vorgelegt worden ist, durchschauen, so werden Sie sehen, daß mit dem Wort gewechselt worden ist. Bei einigen Vorträgen steht Geheimwissenschaft, bei anderen Geisteswissenschaft. Das ist an jeder einzelnen Stelle mit vollem Bedacht geschehen, obwohl die Geisteswissenschaft, wie sie hier vertreten wird, ziemlich gleichbedeutend ist mit dem, was man Geheimwissenschaft nennt. Fassen Sie zunächst das Wort «geheim» in der Zusammensetzung von Geheimwissenschaft oder geheimwissenschaftlich nicht so auf, als ob damit etwas absolut Geheimes und Dunkles gemeint sei. Der Vortrag selbst soll Ihnen zeigen, warum gerade dieses Wort Geheimwissenschaft für die Summe von Wahrheiten und Erkenntnissen, von denen wir im Laufe des Winters sprechen wollen, gebraucht wird.

[ 4 ] If you look through the program that has been presented to you for these winter lectures, you will see that the wording has been changed. Some lectures are titled “Esoteric Science,” while others are titled “Spiritual Science.” This was done with full deliberation in each individual instance, although “Spiritual Science,” as it is presented here, is quite synonymous with what is called “Esoteric Science.” First of all, do not interpret the word “esoteric” in the compound terms “esoteric science” or “esoteric” as referring to something absolutely secret and obscure. The lecture itself is intended to show you why this particular term, “esoteric science,” is used to describe the body of truths and insights we intend to discuss over the course of the winter.

[ 5 ] Wenn wir sagen wollen, worauf die Geheimwissenschaft beruht, so müssen wir zunächst eine ganz einfache Antwort geben. Wir müssen sagen, die Geheimwissenschaft ruht auf zwei Überzeugungen: Erstens auf der Überzeugung, daß hinter dem, was unsere Sinne uns in der Außenwelt zeigen, was unser Verstand an Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen aufnehmen kann, hinter dem, was Augen sehen und Hände greifen können, es eine höhere, eine unsichtbare, eine übersinnliche Welt gibt. Dies ist die eine Überzeugung. Die andere Überzeugung ist die, daß der Mensch imstande ist, diese übersinnliche, unsichtbare Welt durch Entwickelung seiner eigenen Erkenntniskräfte und Fähigkeiten zu erfassen, zu schauen. Wenn wir diese beiden Dinge aussprechen, so haben wir das gesagt, worauf alle sogenannte Geheimwissenschaft beruht.

[ 5 ] If we want to explain what esoteric science is based on, we must first give a very simple answer. We must say that esoteric science rests on two convictions: First, the conviction that behind what our senses reveal to us in the external world—behind what our intellect can grasp from sensory perceptions and experiences, behind what our eyes can see and our hands can grasp—there exists a higher, invisible, supersensible world. This is the first conviction. The other conviction is that human beings are capable of comprehending and perceiving this supersensible, invisible world by developing their own powers of cognition and abilities. When we state these two things, we have expressed the foundation upon which all so-called esoteric science rests.

[ 6 ] Sogleich aber erheben sich hier aus den Reihen unserer Zeitgenossen heraus wichtige Einwände. Unsere Zeitbildung hat erstlich eine Richtung, die da sagt: Wir haben es durchaus nicht nötig, von irgendeiner übersinnlichen Welt, irgendeiner unsichtbaren Welt zu sprechen; das sind die Vorurteile einer — Gott sei Dank — verflossenen Vergangenheit. So sagen viele. Und es ist noch nicht lange her — heute werden zwar solche Stimmen schon seltener —, da sagten die, welche sich für die Aufgeklärtesten, die Fortgeschrittensten hielten: die Hinwendung zu unsichtbaren, zu übersinnlichen Hintergründen der Dinge gehöre einem kindlichen, naiven Zeitalter der Menschheitsentwickelung an, wo man noch nicht fest.auf dem Boden der wissenschaftlichen Erkenntnis gestanden hat, wo man noch durch allerlei Erdichtungen und Ausflüsse der Phantasie die Rätselfragen des Daseins zu lösen glaubte. Die neuere Zeit hat aber die Menschen gelehrt, daß die Forschung, welche sich der Erfahrung der äußeren Sinne bedient, nicht nötig hat, auf solche übersinnliche Kräfte oder Wesenheiten zurückzugreifen, sondern daß die Welt, wie wir sie sinnlich sehen, aus sich heraus erklärbar ist. Und wenn wir die Welt aus sich selbst erklären können — so sagen die Materialisten und auch die, welche sich Monisten nennen, und das sind viele unserer Zeitgenossen —, wenn wir innerhalb der sinnlichen Welt die sinnlichen Ursachen entdecken können, so haben wir keinenGrund, uns auf übersinnliche Wesenheiten zu berufen.

[ 6 ] But immediately, significant objections arise here from among our contemporaries. Our contemporary mindset has, first of all, a tendency that says: We have absolutely no need to speak of any supernatural world, any invisible world; these are the prejudices of a—thank God—by-now-past era. So say many. And it was not long ago—though such voices are already becoming rarer today—that those who considered themselves the most enlightened and advanced claimed: the turn toward invisible, supernatural backgrounds of things belonged to a childish, naive age of human development, when people had not yet firmly on the foundation of scientific knowledge, when people still believed they could solve the mysteries of existence through all manner of fabrications and flights of fancy. Modern times, however, have taught people that research relying on the experience of the external senses does not need to resort to such supernatural forces or entities, but that the world, as we perceive it through our senses, can be explained from within itself. And if we can explain the world from within itself—as the materialists and also those who call themselves monists, and these are many of our contemporaries, maintain—if we can discover sensory causes within the sensory world, then we have no reason to invoke supernatural entities.

[ 7 ] Das ist eine radikale Richtung, die überhaupt brechen will mit allen Anschauungen vom Übersinnlichen. Gewichtiges, das ist nicht zu leugnen, hat diese Anschauung für sich anzuführen. Wer wollte die unermeßlich großen Fortschritte der äußeren Naturwissenschaft im Verlaufe der letzten Jahrhunderte und namentlich des letzten Jahrhunderts verkennen? Wer wollte diese Forschungsergebnisse nicht bewundern, die auf der einen Seite hinaufgehen bis zu den Erscheinungen des gestirnten Himmels, und auf der anderen Seite hinabtauchen in die Geheimnisse der kleinsten Lebewesen, in die Geheimnisse der Stoffe und des sinnlichen Daseins? Wer würde nicht bewundernd stehen selbst vor gewagten Spekulationen, wie sie in der neueren Zeit durch solche schöne Entdeckungen, wie die des Radiums, von einzelnen Forschern ausgehen? Und wer wird nicht sehen, daß es etwas Blendendes hat, wenn jetzt derjenige, der auf dem Boden eines solchen radikalen Positivismus oder Materialismus — auf Namen kommt es da nicht an — steht, sagt: Der Forscher ist noch weit davon entfernt, durch die sinnliche Erforschung alle Rätsel des Daseins zu lösen; aber man habe Geduld, dieZeit wird kommen, wo das, was heute noch mit einem dichten Schleier bedeckt ist, klargelegt wird durch die Naturwissenschaft selber; die Zeit wird kommen, wo die Altertumsforscher die in den heute noch bedeckten Erdschichten liegende vergangene Welt, die Natur in ihrem Schaffen, enträtseln werden, wo die rein sinnliche Forschung hineinleuchten wird in die Vergangenheit. Kommen wird auch die Zeit — so wird mit Recht sagen, wer auf dem Boden der Forschung steht —, wo man im Laboratorium gewisse Stoffe zu unlebendigen Substanzen hinzumischen wird, so daß es gelingen wird, die lebendige Substanz im Laboratorium selber herzustellen. Vielleicht erscheint das heute noch als eine waghalsige Idee; aber die Entwickelung geht in dieser Richtung, und dann kannst du, Geheimwissenschafter, einpacken, weil du kein Recht mehr haben wirst, von übersinnlichen Dingen zu sprechen, wenn wir gezeigt haben werden, daß selbst das Leben durch eine Kombination von Stoffen und Kräften herzustellen ist.

[ 7 ] This is a radical movement that seeks to break completely with all conceptions of the supernatural. There is no denying that this view has compelling arguments in its favor. Who could fail to recognize the immeasurable progress made by the natural sciences over the course of the last few centuries, and especially during the last century? Who would not admire these research findings, which, on the one hand, reach up to the phenomena of the starry heavens, and on the other hand, delve down into the mysteries of the smallest living beings, into the mysteries of matter and sensory existence? Who would not stand in awe even before bold speculations, such as those put forward in recent times by individual researchers through such wonderful discoveries as that of radium? And who would not see that there is something dazzling about it when someone who stands on the ground of such radical positivism or materialism—the name is irrelevant here—now says: The researcher is still far from solving all the mysteries of existence through sensory investigation; but let us be patient; the time will come when what is still shrouded in a thick veil today will be elucidated by the natural sciences themselves; the time will come when archaeologists will unravel the past world lying in the earth’s strata that are still hidden today—nature in its creative process—and when purely sensory research will shed light on the past. The time will also come—as anyone grounded in research will rightly say—when certain materials will be mixed with non-living substances in the laboratory, so that it will be possible to produce living matter in the laboratory itself. Perhaps this still seems like a daring idea today; but development is moving in this direction, and then you, the occultist, can pack it in, because you will no longer have any right to speak of supersensible things once we have shown that even life can be produced through a combination of substances and forces.

[ 8 ] Die Antwort auf solche Einwendungen muß die ganze Serie der Vorträge geben. Es wäre leichtsinnig, heute schon eine Antwort geben zu wollen. Nur eines will ich sagen, was in typischer Weise zeigen soll, wie mißverständlich die Einwände sind, die gegen die scheinbar obskurantische Geheimwissenschaft geführt werden: Während die Naturwissenschaft heute mit einem gewissen Recht die Behauptung aufstellt, es werde einst die Zeit kommen, wo aus bloß unlebendigen Substanzen Lebendiges dargestellt werden wird, und diese Forschung, die sich zum Bekenntnis einer Art von Religion erhebt, dadurch etwas anzuführen glaubt, was die Geheimwissenschaft ohne weiteres in Grund und Boden bohrt, ist es in Wahrheit so, daß die Geheimwissenschaft das immer gewußt hat! Ja, weil sie das gewußt hat, konnte sie so fest und sicher stehen! Es ist ein völliges Verkennen des wahren Charakters der Geheimwissenschaft, wenn man solche Einwände gegen sie erhebt. Die vollständige Antwort wird sich im Verlaufe der Vorträge ergeben.

[ 8 ] The entire series of lectures must provide the answer to such objections. It would be reckless to attempt to give an answer today. I will say only one thing, which is intended to illustrate in a typical way just how misleading the objections are that are raised against this seemingly obscure, secret science: While modern science today asserts, with some justification, that a time will come when living beings will be produced from purely inanimate substances—and this research, which elevates itself to the status of a kind of religion, thereby believes it has presented an argument that the Esoteric Science readily refutes—the truth is that the Esoteric Science has always known this! Yes, precisely because it has known this, it has been able to stand so firmly and securely! To raise such objections against it is to completely misunderstand the true nature of Esoteric Science. The complete answer will become clear in the course of these lectures.

[ 9 ] Es gibt andere Zeitgenossen, die sagen: Es mag ganz gut sein, daß es hinter unserer Sinnenwelt ein Übersinnliches gibt; aber der Mensch kann mit seinen Kräften und Fähigkeiten von einer solchen übersinnlichen Welt nichts wissen und darf daher über sie nicht sprechen, wenn von Wissenschaft die Rede sein soll. — Das ist eine noch viel weiter verbreitete Meinung. Man möchte überhaupt die Frage nach dem Übersinnlichen nicht entscheiden, man möchte es ganz unbestimmt lassen, es zum Gegenstand eines rein subjektiven, willkürlichen Glaubens machen, ob es Sinne gibt, um das Übersinnliche wahrnehmen zu können. Der Mensch könne unmöglich hinter die äußere Natur schauen und er entferne sich von dem Boden des Wissens, bewege sich auf dem Gebiete willkürlichen Glaubens, wenn er die Schranken der äußeren Natur zu überschreiten suche.

[ 9 ] There are other contemporaries who say: It may well be that there is a supernatural realm beyond our sensory world; but human beings, with their powers and abilities, can know nothing of such a supernatural world and must therefore not speak of it if we are to be talking about science. — This is an even more widespread opinion. People would prefer not to settle the question of the supersensible at all; they would like to leave it entirely undefined, making it the subject of a purely subjective, arbitrary belief as to whether there are senses capable of perceiving the supersensible. Human beings cannot possibly look beyond external nature, and they stray from the ground of knowledge, venturing into the realm of arbitrary belief, when they attempt to cross the boundaries of external nature.

[ 10 ] Dieser Anschauung begegnet die Geheimwissenschaft in folgender Art. Sie sagt: Ihr habt das Erkenntnisvermögen untersucht, das den Menschen zur Verfügung steht. Ihr habt gezeigt, daß, wenn der Mensch dieses Erkenntnisvermögen anwendet, er unmöglich hinter die Natur kommen kann, wo das Übersinnliche beginnt. Und nun sagt ihr: Weil wir dieses bewiesen haben, ist die Geheimwissenschaft oder die Wissenschaft des Übersinnlichen unmöglich. — Wer so spricht, setzt voraus, daß ihm die Geheimwissenschaft unrecht gibt. Das ist aber nicht der Fall. Die Geheimwissenschaft gibt ihm ganz recht, sie steht akkurat auf dem gleichen Standpunkt. Die Geheimwissenschaft sagt: Ihr habt euer Erkenntnisvermögen untersucht, habt genau gezeigt, wie weit man damit kommen kann. Ihr habt gezeigt, daß man damit nicht ins Übersinnliche hineinkommen kann. Ihr habt vollkommen recht; aber ihr macht nur einen Fehler, den Fehler, daß ihr nicht beim Positiven bleibt, daß ihr nicht bloß dasjenige behauptet, was ihr wißt, sondern noch etwas dazu, was ihr nicht wissen könnt, indem ihr behauptet, daß es kein Mensch wissen kann.

[ 10 ] Esoteric science responds to this view in the following way. It says: You have examined the cognitive faculties available to human beings. You have shown that when a person applies these cognitive faculties, it is impossible for them to go beyond nature, into the realm where the supersensible begins. And now you say: Because we have proven this, esoteric science—or the science of the supersensible—is impossible. — Anyone who speaks this way assumes that esoteric science proves them wrong. But that is not the case. Esoteric science proves them entirely right; it stands precisely on the same standpoint. Esoteric science says: You have examined your cognitive faculties and have shown exactly how far one can go with them. You have shown that one cannot enter the supersensible realm with it. You are perfectly right; but you make only one mistake—the mistake of not sticking to the positive, of not merely asserting what you know, but adding something to it that you cannot know, by claiming that no human being can know it.

[ 11 ] Hier begegnen wir einem Zug bei unseren auf sogenannter wissenschaftlicher Basis stehenden Zeitgenossen, der gar nicht aus der Wissenschaft, aus der Erkenntnis kommt, sondern aus einem allgemeinen Gefühl, einem unausgesprochenen Instinkt unserer Zeit. Freilich wird dieser Instinkt nur dann sichtbar, wenn man als ein ganz unbefangener, ruhiger Beobachter unser Zeitgeschehen ein wenig prüft. Versuchen Sie es einmal, ein Journal, eine Zeitung, irgendein populäres oder selbst ein gelehrtes Buch in die Hand zu nehmen, das sich heutzutage von irgendeiner Richtung her mit solchen Fragen, wie ich sie angeschlagen habe, beschäftigt. Sie werden nichts öfter finden als in irgendeiner Abwandlung das Wort, das von einem höheren geistigen Gesichtspunkt aus ein verhängnisvolles ist: Wir können nur das oder jenes wissen. Man kann über dies oder jenes kein Urteil fällen. — Überzeugen Sie sich selbst, ob, wenn von diesen Dingen die Rede ist, dieses «Man» oder «Wir» nicht immer zu finden ist! Recht unscheinbar ist es, aber aus einem tief eingenisteten Instinkt heraus geboren. Es ist der Glaube, daß jeder einzelne durch das, was er einsehen kann, durch das, was er weiß, für alles Erkennen eine gewisse Unfehlbarkeit habe, und daß ein jeder sagen könne, was nicht nur er, sondern die Menschen überhaupt, was «wir» wissen und nicht wissen können. Aus diesem Instinkt heraus können es unsere Zeitgenossen gar nicht über sich bringen, zu glauben, daß es eine wirkliche Entwickelung in bezug auf das Erkennen geben könne. Und doch, wie absurd ist diese Auffassung, wenn sie der Mensch nur in bezug auf sein eigenes Leben ins Auge faßt! Man denke nur einmal nach: Wann tritt für den einzelnen Menschen der Punkt ein, wo er entscheiden kann, wo die Grenze seines Unterscheidungsvermögens liegt? Kann er mit fünfundzwanzig, mit sechsunddreißig, sechzig oder gar schon mit zehn Jahren entscheiden, wo die Grenzen des Erkenntnisvermögens sind? Gibt es nicht in jedem Leben eine Entwickelung? Stellen wir nicht im Kindesalter andere Behauptungen auf als im späteren Leben? Dürfen wir den Gedanken hegen, wir könnten von niemandem in der Welt etwas lernen, niemand in der Welt könne mehr wissen als wir? Das aber liegt doch als Instinkt in der Natur unserer Zeitgenossen, daß jeder von sich aus die Grenzen des Erkenntnisvermögens bestimmt. Und aus diesem Instinkt geht nicht nur diese Behauptung hervor, sondern zahlreiche Werke, die sich auf Tausenden von Seiten damit beschäftigen. Sie gehen, wenn man hinter die Kulissen schaut, letztlich aus nichts anderem hervor, als daß der Mensch in diesem Instinkt lebt.

[ 11 ] Here we encounter a tendency among our contemporaries who claim to operate on a so-called scientific basis—a tendency that does not stem at all from science or from knowledge, but rather from a general sentiment, an unspoken instinct of our time. Of course, this instinct becomes apparent only when one examines the events of our time as a completely impartial, calm observer. Try picking up a magazine, a newspaper, any popular book, or even a scholarly work that deals today—from whatever perspective—with questions such as those I have raised. You will find nothing more frequently than, in one form or another, the phrase that—from a higher spiritual perspective—is a fateful one: “We can know only this or that.” “One cannot pass judgment on this or that.”—See for yourself whether, whenever these matters are discussed, this “one” or “we” is not always present! It is quite inconspicuous, yet born of a deeply ingrained instinct. It is the belief that every individual, through what he can comprehend, through what he knows, possesses a certain infallibility regarding all knowledge, and that everyone can say not only what he himself, but what people in general—what “we”—can and cannot know. Because of this instinct, our contemporaries simply cannot bring themselves to believe that there could be any real development with regard to knowledge. And yet, how absurd this view is when one considers it in relation to one’s own life! Just think about it for a moment: When does the point come for an individual when he can determine where the limits of his power of discernment lie? Can they determine at the age of twenty-five, thirty-six, sixty, or even as early as ten where the limits of their cognitive capacity lie? Is there not a process of development in every life? Do we not make different assertions in childhood than we do later in life? Can we entertain the thought that we have nothing to learn from anyone in the world, that no one in the world could know more than we do? Yet it is an instinct inherent in the nature of our contemporaries that each person determines the limits of cognitive capacity on his own. And from this instinct arises not only this assertion, but also numerous works that deal with it across thousands of pages. If one looks behind the scenes, they ultimately stem from nothing other than the fact that human beings live by this instinct.

[ 12 ] Der Geheimwissenschafter aber stellt dem das Folgende entgegen. Er sagt: Für diejenigen Erkenntnisse, von denen du meinst, daß sie dir klar sind, hast du vollständig recht, mehr kannst du da nicht erkennen. Aber es gibt eine Entwickelung des Erkenntnisvermögens. Willst du in die übersinnliche Welt eindringen, so mußt du übersinnliches Erkenntnisvermögen entwickeln. Und das ist möglich! — So widerspricht der Standpunkt, den die Geheimwissenschaft einnimmt, durchaus nicht dem, was diese Menschen sagen. Sie ist sogar mit ihnen einverstanden. Sie sagt nur, der Mensch hat noch ein anderes Erkenntnisvermögen in sich, das ohne diese Grenzen ist, und das er in sich entwickeln kann. Nun, hat irgend jemand in der Welt — betrachten wir es einmal vom Standpunkte eines klaren logischen Denkens — ein Recht zu sagen, daß es so etwas wie eine Entwickelung des Erkenntnisvermögens nicht gibt? Was kann er sagen? Er kann nur sagen, ich kenne es nicht, mir ist es unbekannt. Er kann sich selbst die Grenze ziehen, durch die er nicht hineinsehen kann in eine solche Entwickelung. Wenn er sagt, meine Grenze des Erkenntnisvermögens reicht nicht dazu aus, so ist er verbunden, zu sagen: Ich weiß nicht. — Dann darf er auch nichts entscheiden wollen über solche Tatsachen. Nicht derjenige, der nichts weiß über die übersinnliche Welt, kann sagen, ob es eine solche gibt oder nicht, sondern derjenige, der etwas darüber weiß. Die Geheimwissenschaft steht gerade auf dem Standpunkte des Positivismus in seiner ganzen Universalität. Der Geheimwissenschafter sagt: Niemand hat zu entscheiden, was man wissen oder nicht wissen kann, sondern jeder hat nur zu entscheiden über das, was er selbst weiß.

[ 12 ] The occultist, however, counters this with the following. He says: Regarding those insights that you believe are clear to you, you are entirely correct; you cannot perceive anything more than that. But there is a development of the faculty of knowledge. If you wish to penetrate the supersensible world, you must develop a supersensible faculty of cognition. And that is possible! — Thus, the position taken by esoteric science does not at all contradict what these people say. It even agrees with them. It merely states that human beings possess yet another faculty of cognition within themselves that is free from these limitations, and that they can develop it within themselves. Now, does anyone in the world—let us consider this from the standpoint of clear, logical thinking—have the right to say that there is no such thing as the development of cognitive faculties? What can they say? They can only say, “I do not know it; it is unknown to me.” They can set a limit for themselves beyond which they cannot see into such a development. If he says, “The limits of my cognitive faculties are not sufficient for this,” then he is bound to say, “I do not know.” — In that case, he must not presume to pass judgment on such facts. It is not the one who knows nothing about the supersensible world who can say whether such a world exists or not, but rather the one who knows something about it. Esoteric science stands precisely on the standpoint of positivism in its entirety. The esotericist says: No one has the right to decide what can or cannot be known; rather, each person has the right to decide only on what he or she knows.

[ 13 ] Damit ist ein Gefühlsmoment berührt, das nicht ohne Bedeutung ist in unserer Geheimwissenschaft. Man sagt, die Geheimwissenschaft führe zu geistigem Hochmut, weil die Geisteswissenschafter behaupten, sie könnten über die gewöhnliche Erkenntnis hinausdringen. Aber gerade das Umgekehrte ist der Fall. Es gibt keinen größeren Hochmut als den, der von sich aus entscheiden will nicht nur über das, was er nicht weiß, sondern sogar entscheiden will darüber, was der Mensch wissen darf oder nicht wissen darf. Das ist der Hochmut, der sich selbst als Norm hinstellt für alle Menschen. Dagegen ist es geistige Demut, wenn der, welcher auf dem Boden der Geheimwissenschaft steht, selbst über nichts anderes entscheiden will, als was er wissen kann. Über das, was jenseits unserer Grenzen der Erkenntnis liegt, reden wir nicht. Das ist die Gesinnung, die zur wahren Demut führt. Daher wird das, um was es sich in der Geheimwissenschaft handelt, immer einen persönlichen Charakter tragen müssen. Das ist kein Schaden. Das spricht auch nicht gegen die Gültigkeit der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten. Wir müssen uns darüber klar sein, daß der Mensch das, was er über höchste und übersinnliche Dinge finden will und finden soll, in seiner innersten Seele finden muß durch die Kraft, die er im geistigen Leben immer durch sich selbst entwickelt. Wenn das aber so ist, so muß im Grunde genommen jeder, der die Tatsachen der Geheimwissenschaft selber sehen will, auf sein eigenes Inneres hingewiesen werden. Hieraus leiten viele Gegner ihre Einwände ab, indem sie sagen, daß etwas, was nur im menschlichen Innern ergründet wird, nur dem Glauben anheimgestellt werden könne, keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen dürfe.

[ 13 ] This touches on an emotional aspect that is not without significance in our esoteric science. It is said that esoteric science leads to intellectual arrogance because esotericists claim they can go beyond ordinary knowledge. But the exact opposite is true. There is no greater arrogance than that which seeks to decide not only what one does not know, but even what human beings may or may not know. This is the arrogance that sets itself up as the standard for all people. In contrast, it is spiritual humility when one who stands on the ground of esoteric science seeks to decide nothing other than what one can know. We do not speak of what lies beyond the limits of our knowledge. This is the attitude that leads to true humility. Therefore, what esoteric science deals with will always have to be of a personal nature. This is no detriment. Nor does it undermine the validity of esoteric truths. We must be clear that what a person seeks and is meant to find regarding the highest and supersensible things must be found within the innermost soul through the power that he or she continually develops within themselves through spiritual life. But if this is the case, then essentially everyone who wishes to see the facts of esoteric science for themselves must be directed to their own inner being. Many opponents derive their objections from this, arguing that something which is fathomed only within the human being can be left solely to faith and may not claim universal validity.

[ 14 ] Dem unbefangenen Beobachter zeigt sich, wie engherzig dieser Schluß ist. Es gibt etwas, das freilich die wenigsten zum Vergleich heranziehen können, das aber für den, der in der Lage dazu ist, ein sehr gutes Beispiel bietet. Es ist etwas, was wir ebenso wie die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten in unserem Innern erleben müssen; jegliches ÄAußerliche kann uns dabei nichts anderes sein als ein Beispiel, eine Anregung: Das sind die mathematischen Wahrheiten. Diese sind zugleich die allgemeinsten Wahrheiten. Wer sie zum Vergleich heranziehen kann, der wird diesen Vergleich vollständig passend finden. Die mathematische Wahrheit ist etwas, was der Mensch niemals durch die äußeren Sinne finden kann. Sie können die drei Winkel eines Dreiecks noch so viel messen, niemals können Sie die unerschütterliche Wahrheit finden, daß diese drei Winkel zusammen i8o Grad sind. Das müssen Sie im Innern erkennen. So ist es mit allen geometrischen und allen mathematischen Wahrheiten.

[ 14 ] To the impartial observer, it becomes clear just how narrow-minded this conclusion is. There is something—which, admittedly, very few people can use as a comparison—but which offers a very good example to those who are capable of doing so. It is something that, just like the truths of esoteric science, we must experience within ourselves; anything external can be nothing more to us than an example, a stimulus: these are mathematical truths. These are, at the same time, the most universal truths. Anyone who can use them for comparison will find this comparison entirely fitting. Mathematical truth is something that human beings can never discover through the external senses. No matter how many times you measure the three angles of a triangle, you can never discover the unshakable truth that these three angles together total 180 degrees. You must recognize this within yourself. So it is with all geometric and all mathematical truths.

[ 15 ] Zweierlei kommt gegenüber solchen Wahrheiten, die man im Inneren erkennt, in Betracht. Das erste ist etwas heute im strengsten Sinne Unpopuläres. Man sagt: Wie kann man bei etwas, was bloß im Innern des Menschen lebt, auf die Zustimmung der anderen rechnen? Wie können wir glauben, daß etwas wahr ist, was wir nur in uns erkennen? — Gerade

[ 15 ] There are two considerations regarding such truths that one recognizes within oneself. The first is something that is, in the strictest sense, unpopular today. People say: How can one expect the approval of others for something that exists only within a person? How can we believe that something is true that we recognize only within ourselves? — Precisely

[ 16 ] das Umgekehrte ist aber richtig. Für die wirkliche Wahrheit entscheidet die Mehrheit gar nichts. Wenn Sie irgendeinen mathematischen Satz kennengelernt, ihn eingesehen, sich von seiner Wahrheit innerlich überzeugt haben, dann gilt für Sie zweierlei: Erstens, wenn eine Million Menschen Ihnen widerspricht und nicht Ihrer Meinung ist, so erschüttert Sie das gar nicht. Das ist das eine. Das zweite ist, daß Sie sich klar darüber sind, daß jeder, der in sich selber die gleichen Bedingungen wie Sie herstellt, um zu erkennen, mit Ihnen, trotzdem Sie die Wahrheit im Innern gefunden haben, gleicher Meinung sein muß. So wahr es ist, daß Majorität gar nichts entscheidet über mathematische Wahrheiten, so wahr ist es, daß — wenn die Bedingungen richtig hergestellt werden, und jedem kann dies beigebracht werden — die Menge nichts entscheiden kann über die Ergebnisse der Geheimwissenschaft. Wir können sie in unserem Inneren finden, und nichts Äußeres kann uns davon abbringen, wenn wir sie einmal in unserem Inneren erkannt haben. In den alten Zeiten hießen die Anhänger der Geheimwissenschaft, die sich Gnostiker nannten, diese Geheimwissenschaft Mathesis; nicht um damit zu sagen, daß sie eine Mathematik sei, sondern weil diese Geheimwissenschaft den Charakter der mathematischen Wahrheiten hat. Es ist aber lange her, daß man den Charakter der Geheimwissenschaft in dieser Reinheit schaute. Es ist bedauerlich, daß vieles sich da hineingefunden hat, was den Blick trübt, so daß diejenigen, welche auf dem Standpunkte der Wissenschaft stehen, einen Horror bekommen, wenn ihnen so etwas wie Geheimwissenschaft begegnet.

[ 16 ] But the opposite is true. The majority has absolutely no bearing on the real truth. If you have learned a mathematical theorem, understood it, and become inwardly convinced of its truth, then two things apply to you: First, if a million people contradict you and disagree with you, it does not shake you at all. That is one thing. The second is that you are clear that anyone who creates within themselves the same conditions as you do for understanding must, despite the fact that you have found the truth within yourself, agree with you. Just as it is true that the majority has no say whatsoever regarding mathematical truths, so it is true that—if the conditions are properly established, and this can be taught to anyone—the masses have no say regarding the findings of the secret science. We can find it within ourselves, and nothing external can dissuade us from it once we have recognized it within ourselves. In ancient times, the followers of the esoteric science, who called themselves Gnostics, referred to this esoteric science as “Mathesis”; not to imply that it was a branch of mathematics, but because this esoteric science possesses the character of mathematical truths. However, it has been a long time since the character of the esoteric science was viewed with such purity. It is regrettable that much has crept in that clouds one’s vision, so that those who stand on the standpoint of science are horrified when they encounter something like esoteric science.

[ 17 ] So werden wir auf Fragen geführt, die uns hinweisen auf zwei Worte, die die Menschen in der Gegenwart nicht oft genug anwenden können: auf die Worte Wissen und Glauben. Man sagt: über die Dinge, über die sich die Wissenschaft verbreitet, könne man etwas wissen, über die anderen Dinge könne man nur etwas glauben, das sei dann eine persönliche Sache. Nur weil diejenigen, die das sagen, nicht einsehen, wie man die Bedingungen herstellt, damit ein jeglicher Glaube zu einem Wissen werden kann, nur deshalb können sie so sprechen. Wer nicht imstande ist, den mathematischen Beweis zu führen, daß die drei Winkel des Dreiecks 180 Grad betragen, der muß es glauben. Wer nicht imstande ist, den Beweis zu führen, der in der Geheimwissenschaft geführt ist für das Leben des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt, der wird diese Dinge glauben müssen. Aber er wird auch die Möglichkeit finden, für sich diesen Beweis zu führen, wie wir es im Verlaufe dieser Vorträge noch sehen werden.

[ 17 ] This leads us to questions that point to two words which people today do not use often enough: the words “knowledge” and “belief.” It is said that one can know something about the things science addresses, but regarding other things, one can only believe something—and that is then a personal matter. It is only because those who say this fail to understand how to create the conditions under which any belief can become knowledge that they can speak this way. Anyone who is unable to provide the mathematical proof that the three angles of a triangle total 180 degrees must believe it. Anyone who is unable to provide the proof—as is done in esoteric science—regarding human life between death and rebirth will have to believe these things. But they will also find the opportunity to provide this proof for themselves, as we shall see in the course of these lectures.

[ 18 ] Von anderer Seite wird gegen die Geheimwissenschaft eingewendet, daß sie, aus dem Chaos unserer Zeit herausgeboren, auch so etwas sei wie eine neue religiöse Sekte, entstanden im Gehirn einzelner Schwärmer und Träumer. Was von dieser Seite vorgebracht wird, beruht auf einer solchen Verkennung der Sache, daß es schwer ist, sich damit auseinanderzusetzen. Die Geheimwissenschaft hat nichts zu tun mit Dingen, die in irgendeinen Zwiespalt, in eine Kollision mit einer bestehenden Religion kommen könnten, auch nicht mit irgend etwas, was man an die Stelle einer neuen Religion setzen will. Diejenigen Gegenstände, die bis jetzt Gegenstand aller Religionen waren, sind auch die Gegenstände des Übersinnlichen, der Geheimwissenschaft. Daher gibt es manche Berührungspunkte zwischen beiden. Nur eines kann ein richtiges, tiefes Verständnis dessen geben, was in den Religionen gegeben wird, nur eines ermöglicht es, die Religionen zu verstehen, und das ist: das, was in der Religion Glaube ist, zum Wissen zu erheben. Diener dessen zu sein, was die Religion auf anderem Wege sucht, das gehört gerade zur Mission der Geheimwissenschaft.

[ 18 ] Another objection raised against esoteric science is that, having emerged from the chaos of our times, it is also something like a new religious sect, born in the minds of individual dreamers and visionaries. The arguments put forward by this camp are based on such a misunderstanding of the matter that it is difficult to engage with them. Esoteric science has nothing to do with matters that could come into conflict or collision with an existing religion, nor with anything intended to replace it with a new religion. The subjects that have been the focus of all religions to date are also the subjects of the supersensible, of esoteric science. Hence, there are many points of contact between the two. Only one thing can provide a true, deep understanding of what is presented in the religions; only one thing makes it possible to understand the religions, and that is: to elevate what is faith in religion to the level of knowledge. To be a servant of that which religion seeks by other means—this is precisely part of the mission of esoteric science.

[ 19 ] Wer hier den Einwand erhebt, es sei sündhaft, die Gegenstände der übersinnlichen Welt erforschen zu wollen, sie seien etwas, was nie aus der Menschennatur kommen könne, der Mensch müsse Vertrauen haben zu einer höheren Offenbarung und es sei vermessen, diese ergründen zu wollen —, dem kann entgegnet werden, daß es eine Sünde ist, dasjenige, was in der Welt im Keime vorhanden ist, brachliegen zu lassen. Denn die Keime hat der göttliche Weltengrund in die Welt gelegt, damit sie aufgehen, damit sie Blüten und Früchte tragen. Demjenigen, der die menschliche Erkenntniskraft beschränken will, indem er sagt, der Mensch solle sich nicht so vermessen, kann erwidert werden, daß es gerade eine Sünde wäre, die Erkenntniskraft veröden zu lassen. Nicht veröden lassen, sondern entwickeln sollen wir sie; dafür haben wir sie. Wer sich klarmachen kann, was es für eine Versündigung an der Menschennatur bedeutet, die Kräfte brachliegen zu lassen, sich abzusperren vor der übersinnlichen Welt, der wird diesen Einwand bald als ganz unmöglich aufgeben. So stellt sich die Geheimwissenschaft mit ihrer Gesinnung in die Strömungen der Zeit.

[ 19 ] To those who object here that it is sinful to seek to explore the objects of the supernatural world, that such things could never arise from human nature, that human beings must place their trust in a higher revelation, and that it is presumptuous to seek to fathom them—to such a person it can be replied that it is a sin to allow that which exists in the world in its embryonic form to lie fallow. For the divine source of the world has planted these seeds in the world so that they may sprout, so that they may bear blossoms and fruit. To those who wish to limit human cognitive power by saying that human beings should not be so presumptuous, it can be replied that it would be a sin precisely to allow that cognitive power to lie fallow. We should not let them lie fallow, but rather develop them; that is why we have them. Anyone who can realize what a sin against human nature it is to let these powers lie fallow, to shut oneself off from the supersensible world, will soon abandon this objection as entirely untenable. Thus, esoteric science, with its outlook, places itself within the currents of the times.

[ 20 ] Nicht beweisen will ich Ihnen heute, sondern erzählen, wie sich die Geheimwissenschaft in unserer Zeit darbietet. Dasjenige, was ihr Gegenstand ist, worauf sie ruht, ist in den weitesten Kreisen völlig unbekannt. Unbekannt ist es, daß es immer in der Menschheitsentwickelung einzelne Personen gegeben hat, welche sich in ernstester Art dieser Geheimwissenschaft hingegeben haben, welche aus eigener Erfahrung die Erlebnisse kannten, die man in der übersinnlichen Welt haben kann, für die persönliche Erfahrung war, was in solchen Vorträgen von uns dargelegt wird. Unbekannt ist es auch, daß es noch heute Menschen gibt, die in dieser Weise in die geistige Welt hineinschauen können.

[ 20 ] I do not intend to prove anything to you today, but rather to describe how this secret science presents itself in our time. Its subject matter—the very foundation upon which it rests—is completely unknown to the vast majority of people. It is unknown that, throughout human development, there have always been individuals who have devoted themselves most earnestly to this esoteric science, who knew from their own experience the kinds of experiences one can have in the supersensible world—for whom what we present in such lectures was personal experience. It is also unknown that even today there are people who can glimpse into the spiritual world in this way.

[ 21 ] Nun kann da die Frage aufgeworfen werden: Warum wurde so etwas vor der Menge verborgen, warum ist da etwas, was nicht allgemein bekanntgemacht worden ist? Wir werden sehen, wenn wir von den Gefahren der Geheimwissenschaft sprechen, warum für die, welche sich mit Recht Geheimforscher genannt haben, der Grundsatz bestand, nur solche mit der Geheimwissenschaft bekanntzumachen, die sich durch gewisse Eigenschaften ihres Lebens dazu reif gemacht haben. Heute hat man allerdings ganz andere Anschauungen über die Verbreitung des Wissens, als sie in der Geheimwissenschaft von jeher üblich waren. Wenn heute jemand etwas weiß, kann er nicht schnell genug sehen, daß das, was er weiß, als schwarze Tinktur aus seiner Feder fließt und mit Druckerschwärze in Buchstabenform hinausfliegt in alle Welt. Die Geheimforscher hatten aber ihre Gründe, ihr Wissen nur denen zu übergeben, die vorbereitet waren.

[ 21 ] Now the question may be raised: Why was something like this kept hidden from the public? Why is there something that has not been made widely known? We will see, when we speak of the dangers of esoteric science, why those who have rightly called themselves esoteric researchers adhered to the principle of revealing esoteric science only to those who, through certain qualities of their lives, had matured sufficiently to receive it. Today, however, people hold views on the dissemination of knowledge that are quite different from those that have always been customary in esoteric science. If someone knows something today, they cannot realize quickly enough that what they know flows from their pen like black tincture and flies out into the world in the form of letters, printed in ink. The esoteric researchers, however, had their reasons for imparting their knowledge only to those who were prepared.

[ 22 ] Warum treten dann aber heute einzelne auf und berichten über die Ergebnisse der Geheimwissenschaft? Auch das hat seine guten Gründe. Es hängt zusammen mit dem ganzen geistigen Fortschritt der Menschheit. Was heute jeder wissen kann durch populäre Schriften, die auf unserer ganz gewöhnlichen Sinneserkenntnis beruhen, das ist, richtig angewendet, eine gute Vorbereitung für die Geheimwissenschaft. Auf der anderen Seite ist es eine völlige Verkennung der Tatsachen, zu glauben, daß unsere Naturwissenschaft zur Leugnung des Übersinnlichen führen muß. Vielmehr führt diese Naturwissenschaft, richtig verstanden, zur vollen Anerkennung des Übersinnlichen! Wer die naturwissenschaftlichen Tatsachen, die heute jedem zugänglich sind, in richtiger Weise aufnimmt und weiterverfolgt, der kommt direkt in die Sphäre des Übersinnlichen und Unsichtbaren. Wer aber diese naturwissenschaftlichen Wahrheiten in falscher, irrtümlicher Weise weiterführt, der kommt zu der die heutige Menschheit vielleicht noch nicht so sehr, aber die zukünftige Menschheit sicher entnervenden, materialistischen Welt. Deshalb besteht heute die Notwendigkeit, jedem den Weg zu zeigen, um von diesen naturwissenschaftlichen Wahrheiten, soweit sie zugänglich sind, auch den geeigneten Gebrauch zu machen. In früheren Jahrhunderten war es nicht so. Jeder mußte eine lange Vorbereitung durchmachen, in der sein Denkvermögen, seine Logik, sein Charakter geschult wurden. Heute ist das naturwissenschaftliche Denken, richtig angewendet, schon eine Schulung dafür, um das, was aus der Geheimwissenschaft veröffentlicht wird, zu verstehen. Dieses naturwissenschaftliche Denken kann zur Wohltat für die Menschheit werden.

[ 22 ] Why, then, do some individuals today come forward and report on the findings of esoteric science? There are good reasons for this as well. It is connected to the overall spiritual progress of humanity. What anyone can learn today through popular writings based on our ordinary sensory perception is, when applied correctly, a good preparation for esoteric science. On the other hand, it is a complete misjudgment of the facts to believe that our natural science must lead to the denial of the supersensible. Rather, when properly understood, this natural science leads to the full recognition of the supersensible! Anyone who correctly assimilates and pursues the scientific facts accessible to everyone today enters directly into the sphere of the supersensible and the invisible. But anyone who applies these scientific truths in a false or erroneous way will arrive at a materialistic worldview—one that may not yet be so unnerving to humanity today, but will certainly be so for future generations. That is why it is necessary today to show everyone the path to making proper use of these scientific truths, insofar as they are accessible. In earlier centuries, this was not the case. Everyone had to undergo a long period of preparation during which their powers of thought, logic, and character were trained. Today, scientific thinking—when applied correctly—already serves as training for understanding what is published from the secret science. This scientific thinking can become a blessing for humanity.

[ 23 ] Dasjenige, was die Menschen in die übersinnliche Welt hinaufführt, werden wir nach und nach als auf drei Wegen erreichbar kennenlernen. Wenn man von diesen drei Wegen spricht, setzt man sich der Gefahr aus, bei manchem als Träumer, und namentlich wenn man den dritten Weg schildert, als vollständiger Narr angesehen zu werden, obwohl diejenigen, die so urteilen, gar nichts wissen über das, worum es sich handelt. Drei Wege werden uns gezeigt: Die Imagination oder das Hellsehen, die Inspiration und die Intuition. Diese drei Wege bestehen seit Jahrtausenden in der Menschheitsentwickelung und sind von jeher gegangen worden. Es hat immer Menschen gegeben, welche durch die Methoden, die gelehrt werden, den Weg beschreiten durften in die übersinnliche Welt.

[ 23 ] We will gradually come to understand that there are three paths leading human beings into the supersensible world. When one speaks of these three paths, one runs the risk of being regarded by some as a dreamer—and, especially when describing the third path, as a complete fool—even though those who judge in this way know absolutely nothing about what is actually involved. Three paths are shown to us: imagination or clairvoyance, inspiration, and intuition. These three paths have existed for millennia in the course of human development and have been followed since time immemorial. There have always been people who, through the methods taught, have been able to tread the path into the supersensible world.

[ 24 ] Was sind nun solche Eingeweihte? Denken Sie sich, es gäbe Menschen, die in einer fernen Gegend wohnen, wo keine Eisenbahnen und keine Maschinen sind. Nun macht sich einer auf den Weg nach Europa und sieht, daß es Eisenbahnen und Maschinen gibt. Er geht nach Hause und erzählt seine Erfahrungen, dasjenige, was er selbst gesehen hat. Das ist dann ein in solche Dinge Eingeweihter. Solche Eingeweihte gibt es nun auch in bezug auf übersinnliche Dinge. Sie werden in den Geheimschulen zu einem Einblick in die übersinnliche, unsichtbare Welt geführt und können erzählen von dem, was sie dort erfahren haben.

[ 24 ] What, then, are such initiates? Imagine there are people who live in a distant region where there are no railroads and no machines. Now one of them sets out for Europe and sees that there are railroads and machines. He returns home and recounts his experiences—what he himself has seen. That person is then an initiate into such matters. Such initiates also exist with regard to supersensible things. In the secret schools, they are guided to gain insight into the supersensible, invisible world and can recount what they have experienced there.

[ 25 ] Die auf diese Weise Eingeweihten teilt man wiederum in zwei Klassen: in eigentliche Eingeweihte und in hellsichtige Menschen. Was ist nun ein Eingeweihter im engeren Sinne? Da müssen wir uns bekanntmachen mit einer Eigenschaft der Geheimwissenschaft, die nicht allgemein anerkannt werden wird, die aber doch vorhanden ist. Es ist nämlich so, daß, wenn die geheimwissenschaftlichen Wahrheiten einmal verkündigt, wenn sie vor den Menschen ausgesprochen worden sind, man nicht Hellseher zu sein braucht, um sie einzusehen und zu begreifen. Denn das Hellsehen ist wohl für das Auffinden, nicht aber zum Begreifen der geheimwissenschaftlichen Wahrheiten notwendig. Alles, was im Laufe dieses Winters als Ergebnis der Forschung in der höheren Welt gesagt werden wird, konnte nicht ohne hellseherische Gabe gefunden werden, nicht ohne daß die in jedem Menschen schlummernden geistigen Augen und geistigen Ohren entwickelt wurden. Hierüber wird im Zusammenhang mit der Einweihung Näheres besprochen werden. Werden diese Ergebnisse aber einmal ausgesprochen und in solche Formen gekleidet, daß sie dem heutigen Denken entsprechen, dann kann sie jeder begreifen. Niemals kann der Einwand gelten, daß man hellsichtig sein müßte, um die Dinge zu begreifen, die aus der Geheimwissenschaft heraus mitgeteilt werden. Nicht demjenigen sind sie unverständlich, der nicht hellsichtig ist, sondern demjenigen, der seinen logischen Verstand nicht im ganzen Umfange anwenden will. Einsehen kann man alles, wenn es einmal ausgesprochen ist, bis in die höchsten Gebiete hinauf.

[ 25 ] Those initiated in this way are in turn divided into two classes: true initiates and clairvoyant individuals. What, then, is an initiate in the strict sense? Here we must familiarize ourselves with a characteristic of esoteric science that is not generally recognized, but which nevertheless exists. The fact is that once the truths of esoteric science have been proclaimed—once they have been spoken before people—one does not need to be a clairvoyant to perceive and comprehend them. For clairvoyance is indeed necessary for discovering these truths, but not for comprehending them. Everything that will be said in the course of this winter as a result of research into the higher world could not have been discovered without the gift of clairvoyance, without the development of the spiritual eyes and ears that lie dormant within every human being. This will be discussed in more detail in connection with initiation. But once these findings have been articulated and clothed in forms that correspond to contemporary thinking, then anyone can understand them. The objection that one must be clairvoyant to understand the things communicated from esoteric science can never hold true. They are not incomprehensible to those who are not clairvoyant, but rather to those who are unwilling to apply their logical intellect to its fullest extent. Once expressed, everything can be understood, even in the highest realms.

[ 26 ] Derjenige nun, der, ohne selbst hellsichtig zu sein, alles einsieht, was die Geheimwissenschaft zu sagen hat, ist ein Eingeweihter. Wer aber selbst eintreten kann in diese Welten, die wir die unsichtbaren nennen, der ist ein Hellseher. In alten Zeiten, die noch gar nicht so lange hinter uns liegen, bestand in den Geheimschulen eine strenge Trennung zwischen Hellsehern und Eingeweihten. Man konnte als Eingeweihter, ohne Hellseher zu sein, hinaufsteigen zu den Erkenntnissen der höheren Welten, wenn man nur in richtiger Weise den Verstand anwendete. Auf der anderen Seite konnte man Hellseher sein, ohne in besonders hohem Grade eingeweiht zu sein. Es wird Ihnen schon klar werden, wie das gemeint ist. Denken Sie sich zwei Menschen, einen sehr gelehrten Herrn, der alles mögliche weiß, was die Physik und die Physiologie über das Licht und die Lichterscheinungen zu sagen haben, jedoch so kurzsichtig ist, daß er kaum zehn Zentimeter weit sehen kann: er sieht nicht viel, ist aber eingeweiht in die Gesetze des Lichtwirkens. So kann jemand eingeweiht sein in die übersinnliche Welt und schlecht darin sehen. Ein anderer kann ausgezeichnet in der äußeren sinnlichen Welt sehen, aber so gut wie nichts wissen von dem, was der gelehrte Herr weiß. So kann es auch Hellseher geben, vor deren geistigen Augen die geistigen Welten offen daliegen. Sie können hineinschauen in die geistige Welt, haben aber keine Wissenschaft, keine Erkenntnis von derselben. Daher hat man eine lange Zeit hindurch den Unterschied gemacht zwischen dem Hellseher und dem Eingeweihten. Um die Fülle des Lebens zu umfangen, brauchte man oft nicht einen, sondern viele Menschen. Die einen wurden, um weiterzukommen, nicht hellsichtig gemacht. Anderen wurden die geistigen Augen und Ohren geschaffen. Das, was in der Geheimwissenschaft vorhanden war, ist durch Mitteilung und Gedankenaustausch zwischen Geheimwissenschaftern und Hellsehern zustande gekommen.

[ 26 ] Now, anyone who, without being clairvoyant himself, understands everything that esoteric science has to say is an initiate. But whoever can enter these worlds—which we call the invisible worlds—is a clairvoyant. In ancient times, which are not so long past, there was a strict distinction in the secret schools between clairvoyants and initiates. As an initiate, one could ascend to the knowledge of the higher worlds without being a clairvoyant, provided one applied one’s intellect correctly. On the other hand, one could be a clairvoyant without being particularly highly initiated. You will surely understand what is meant by this. Imagine two people: a highly learned gentleman who knows everything there is to know about what physics and physiology have to say regarding light and light phenomena, yet is so nearsighted that he can barely see ten centimeters ahead—he does not see much, but is initiated into the laws governing the workings of light. In the same way, someone can be initiated into the supersensible world yet see poorly within it. Another person may see the outer sensory world perfectly well but know virtually nothing of what the learned gentleman knows. Similarly, there may be clairvoyants before whose spiritual eyes the spiritual worlds lie open. They can look into the spiritual world but have no scientific understanding or knowledge of it. For this reason, a distinction has long been made between the clairvoyant and the initiate. To encompass the fullness of life, it was often necessary to have not one, but many people. Some were not made clairvoyant in order to progress. Others were endowed with spiritual eyes and ears. What existed in esoteric science came about through communication and the exchange of ideas between esotericists and clairvoyants.

[ 27 ] In unserer Zeit kann diese strenge Trennung zwischen Hellsehern und Eingeweihten gar nicht durchgeführt werden. Heute ist es notwendig, daß jedem, der einen bestimmten Grad der Einweihung erreicht hat, wenigstens auch die Möglichkeit gegeben wird, einen bestimmten Grad des Hellsehens zu erlangen. Der Grund dafür ist, daß in unserer Zeit das große restlose Vertrauen von Mensch zu Mensch nicht herzustellen ist. Heute will ein jeder selbst wissen und selbst sehen. Jener tiefe, hingebungsvolle Glaube, wie er früher von Mensch zu Mensch geherrscht hat, machte es möglich, daß es eine besondere Art von Hellsehern gab, von denen man vernahm, was sie in den höheren Welten wahrnahmen. Andere ordneten dann systematisch, was diese wahrgenommen hatten. Heute ist eine Art Harmonie in der Entwickelung der Fähigkeiten zum Eingeweihten und zum Hellseher geschaffen. Daher kann ein Drittes, das Adeptentum, heute sehr stark zurücktreten. Unsere Zeit ist dieser Adeptenschaft im höchsten Grade feindlich. Sie können sich ein Bild machen von dem Unterschied zwischen einem Adepten und einem Eingeweihten, wenn Sie sich folgendes vorstellen: Denken Sie sich eine Gegend, wo es Eisenbahnen gibt, und Sie haben diese gesehen. Ich frage nun, werden Sie, der Sie durch eigenes Schauen die positive Überzeugung bekommen haben, daß es so etwas gibt wie eine Eisenbahn, auch schon eine bauen können? Um sie bauen zu können, ist Übung und noch manches andere notwendig. Derjenige nun, der sich durch Übungen, von denen der Mensch heute kaum eine Vorstellung hat, nicht nur anschauende Kenntnisse in der geistigen Welt, sondern auch Übung erworben hat im Handhaben der geistigen Kräfte, die der äußeren sinnlichen Welt zugrunde liegen, der ist im Gegensatz zum Hellseher ein Adept. Dazu gehört eine viel längere Vorbereitung als selbst zum Hellseher. Außerdem ist unsere gegenwärtige Kulturentwickelung dem Unterricht in der Handhabung der geistigen Kräfte noch viel feindlicher als dem Bestreben, durch die Erkenntnis in die geistige Welt einzudringen.

[ 27 ] In our time, this strict distinction between clairvoyants and initiates cannot be maintained at all. Today, it is necessary that anyone who has attained a certain degree of initiation be given at least the opportunity to attain a certain degree of clairvoyance as well. The reason for this is that in our time, it is impossible to establish that deep, unquestioning trust between people. Today, everyone wants to know and see for themselves. That deep, devoted faith, as it once prevailed between people, made it possible for there to be a special kind of clairvoyant from whom one could learn what they perceived in the higher worlds. Others then systematically organized what these individuals had perceived. Today, a kind of harmony has been established in the development of the abilities of the initiate and the clairvoyant. Consequently, a third stage—adeptship—has receded significantly in our time. Our age is highly hostile to this adeptship. You can get a sense of the difference between an adept and an initiate by imagining the following: Picture a region where there are railroads, and you have seen them. Now I ask: Can you—having gained the positive conviction through your own observation that such a thing as a railroad exists—actually build one? To be able to build one, practice and many other things are necessary. Now, the person who, through exercises of which people today can scarcely conceive, has acquired not only observational knowledge of the spiritual world but also practice in handling the spiritual forces that underlie the external sensory world—that person, in contrast to the clairvoyant, is an adept. This requires much longer preparation than even that required to become a clairvoyant. Furthermore, our current cultural development is far more hostile to instruction in the use of spiritual forces than it is to the endeavor to penetrate the spiritual world through knowledge.

[ 28 ] Daß es die Möglichkeit gibt, auf diesen drei Wegen in die höheren Welten einzudringen, daß es die Möglichkeit gibt, eine tiefere Erkenntnis zu erlangen als die gewöhnliche und sie zu erweitern, das der Menschheit zum Bewußtsein zu bringen, ist die Mission der Geheimwissenschaft. Und wenn wir uns fragen: Ist es Neugierde, ist es bloßer Erkenntnistrieb, die uns der Geheimwissenschaft zuführen, dann müssen wir darauf antworten: Nein, es handelt sich um etwas durchaus anderes! Um was es sich handelt — was viele, die heute zur Geheimwissenschaft kommen, auch wenn sie es nicht klar wissen, wenigstens dunkel ahnen —, das ist etwas, was tief in der sinnlichen Wissenschaft unserer Zeit schlummert, was aber in ihr niemals herauskommen kann und worüber wir im Vortrag über die Naturwissenschaft sprechen können. Es handelt sich nicht um das Erkennen, sondern um das Leben, um die Fortführung und die Steigerung des Lebens. Für viele ist es ja eine Sorge, daß die Geheimwissenschaft sie abwende vom unmittelbaren Leben. Aber gerade das Gegenteil ist richtig. Sie macht die Menschen tüchtig und stellt sie in das Leben hinein. Nur müssen sie die Fähigkeit und Stärke haben, sich in das geheimwissenschaftliche Gebiet hineinzubegeben.

[ 28 ] The mission of the secret science is to make humanity aware that it is possible to penetrate the higher worlds through these three paths, that it is possible to attain a deeper understanding than the ordinary one and to expand it. And when we ask ourselves: Is it curiosity, is it merely a thirst for knowledge that leads us to the occult science? Then we must answer: No, it is something entirely different! What it is—which many who come to the occult science today, even if they do not know it clearly, at least dimly sense—is something that lies dormant deep within the sensory science of our time, but which can never emerge from it, and about which we can speak in a lecture on the natural sciences. It is not a matter of knowledge, but of life, of the continuation and elevation of life. For many, it is a concern that the occult science might turn them away from immediate life. But the exact opposite is true. It makes people capable and places them firmly within life. They must simply have the ability and strength to enter into the realm of occult science.

[ 29 ] Schon seit Jahren sind hier Vorträge über die mannigfaltigsten Gegenstände gehalten worden. An diese Vorträge schlossen sich Diskussionen an. Auf diese Diskussionen soll hier nicht näher eingegangen werden. Aber wenn wir von der Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit sprechen, soll eine Erscheinung berührt werden, weil sie als besonders charakteristisch gelten muß. Sie trat uns besonders lebensvoll entgegen, als wir über «Bibel und Weisheit» sprachen. Da war es nicht nur eine, sondern es waren zahlreiche Persönlichkeiten, die gegen diese Dinge aus der Tiefe ihres Herzens heraus etwas eingewendet haben, Einwände wurden gemacht, die aus tiefer Empfindung kamen, und darunter war einer, der ungefähr so lautete: Da wird in der Geheimwissenschaft vieles gesagt über die siebengliedrige Menschennatur, über Reinkarnation und Karma, den Aufenthalt der Menschen in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, die Entwickelung des Menschen durch die verschiedenen planetarischen Zustände und so weiter; Anforderungen werden gestellt an unseren Geist, an unser Denken. Was wir suchen, ist aber nicht so sehr Befriedigung des Geistes, sondern Vertiefung der Seele, inneres Leben. Das Göttliche im Gefühl, das Göttliche in der Empfindung wollen wir finden.

[ 29 ] For years now, lectures on a wide variety of subjects have been held here. These lectures were followed by discussions. We will not go into these discussions in detail here. But when we speak of the mission of esoteric science in our time, one phenomenon must be mentioned, because it must be regarded as particularly characteristic. It came across to us with particular vitality when we spoke about “The Bible and Wisdom.” There was not just one, but numerous individuals who raised objections to these matters from the depths of their hearts; objections were raised that sprang from deep feeling, and among them was one that went something like this: In Esoteric Science, much is said about the sevenfold nature of the human being, about reincarnation and karma, about the human being’s sojourn in the supersensible world between death and a new birth, about the human being’s evolution through the various planetary states, and so on; demands are placed on our spirit, on our thinking. What we seek, however, is not so much the satisfaction of the mind as the deepening of the soul, inner life. We want to find the divine in feeling, the divine in sensation.

[ 30 ] Dieser Einwand wird aus der Tiefe der Empfindung heraus gemacht, und gerade Menschen, die fest in der Geheimwissenschaft stehen, können die Bedeutung eines solchen Einwandes voll würdigen, der da sagt: Gib uns Seele! Wir wissen, das Göttliche, das in uns lebt, führt uns in unsere eigenen Herzen hinein, bringt uns aber nicht Vorstellungen über Menschenwesen und Welt, über Geburt und Tod; es ist nicht das Geistige, was wir suchen.

[ 30 ] This objection arises from the depths of feeling, and it is precisely those who are firmly grounded in esoteric science who can fully appreciate the significance of such an objection, which says: Give us a soul! We know that the Divine, which lives within us, leads us into our own hearts, but does not provide us with concepts about human beings and the world, about birth and death; it is not the spiritual that we seek.

[ 31 ] Menschen, die das sagen, ahnen nicht, daß sie selbst das größte Hindernis für die Lösung ihrer Herzensfrage sind. Sie ahnen nicht, daß durch das, was ihrem Geist gegeben werden soll, gerade ihre Seele das erhält, was sie verlangt. Sie ahnen nicht, daß wenn sie so reden, sie gerade das verwerfen, wessen ihre Seele bedarf. Es gibt nichts, was der Seele so sehr das Göttliche einträufelt, als die Erkenntnis der Weltenentwickelung. Wenn wir wissen, daß so, wie der Regenbogen in die sieben Farben des Regenbogenlichtes zerfällt, das Menschenwesen in sieben Glieder zerfällt, und uns nicht gegen diese Ideen verhärten, dann sind gerade diese Ideen das Lebensvolle für unsere Seele, um zu überwinden, was sich der Versenkung in das Geistige entgegenstellt. Einwände dieser Art begegnen Ihnen vor allem bei solchen Naturen, die es gerade so tief meinen, als der Wunsch, auf bequeme Weise die Vertiefung der Seele zu finden, es zuläßt, und die sich scheuen, in die wirkliche Tiefe der Seele einzudringen. Der Geheimforscher kann nicht die Empfindung aus der Seele der Menschen herausholen, sondern er muß die Menschen durch Erkenntnis in die geistige Welt hineinführen, muß ihnen zeigen, wie durch Erkenntnis die höchste Vertiefung zu erlangen ist, die man nur irgendwie anstreben kann. Eine Sehnsucht nach Befriedigung der Seele ist für den strebenden Menschen der größte Feind. Aber das ist es gerade, was viele von der Theosophie und von der Geistesforschung abhält: sie wollen nicht hinein in diese energische Geistesarbeit, die zu gleicher Zeit eine Labsal der Seele ist. Nichts gibt es, was die Seele in dieser Weise hinaufheben könnte zum Göttlichen, als die Erkenntnis, die selbsteigene Vertiefung in die geistige Welt.

[ 31 ] People who say this do not realize that they themselves are the greatest obstacle to resolving the question of their hearts. They do not realize that through what is to be given to their spirit, their soul receives precisely what it desires. They do not realize that when they speak this way, they are rejecting precisely what their soul needs. There is nothing that instills the divine into the soul as much as the knowledge of the evolution of the worlds. If we know that, just as the rainbow breaks into the seven colors of rainbow light, the human being is divided into seven members, and if we do not harden our hearts against these ideas, then it is precisely these ideas that provide the vitality our soul needs to overcome whatever stands in the way of immersion in the spiritual. Objections of this kind are encountered above all among those who take things only as seriously as their desire to find spiritual depth in a comfortable way allows, and who shy away from penetrating to the true depths of the soul. The esoteric researcher cannot extract this feeling from people’s souls; rather, he must lead people into the spiritual world through knowledge, must show them how, through knowledge, the highest depth of spiritual immersion—the kind one can only strive for in any way—is to be attained. A longing for the soul’s satisfaction is the greatest enemy of the striving human being. But this is precisely what deters many from theosophy and spiritual research: they do not want to engage in this vigorous spiritual work, which is at the same time a refreshment for the soul. There is nothing that could lift the soul up to the Divine in this way other than knowledge—the soul’s own immersion into the spiritual world.

[ 32 ] Damit stehen wir an dem Punkte, wo die Erkenntnis unmittelbar in das Leben eingreift, wo sich das eröffnet, was wir das Gemütsmäßige, das Herzensmäßige der Geheimwissenschaft nennen können. Wie viele sind in unserer Zeit geplagt von Zweifeln, von allen möglichen Qualen in bezug auf Daseinsfragen und Weltenrätsel. Und dann wird in materialistischen Schriften gesagt, daß ein Gehirn nicht ohne krankhafte Veränderung zu solchen Anschauungen kommen kann, wie die Geisteswissenschaft sie darbietet. Man wird vom Standpunkte des Psychiaters aus die Geisteskrankheit ziemlich genau angeben können, die zu solchen Ausführungen führt, wie sie hier gegeben werden. Wenn wir uns die Freude machen wollten, zu arbeiten, wie die Psychiater es tun, so könnten wir uns auch so klassifizieren, daß der Gelehrte, welcher das sonst tut, seine helle Freude an uns haben würde. Es gibt eine kleine Schrift, die Sie ganz billig kaufen können, wo etwas berichtet wird, was absolut wahr ist. Es handelt sich um folgendes: In einer Reihe von Zeitungsartikeln wurde die Arterienverkalkung behandelt und die Symptome angegeben, an denen man diese Krankheit an sich selber beobachten kann. Da hat der Verfasser der Schrift, ein Arzt, erleben müssen, daß eine ganze Menge Menschen zu ihm gekommen sind, die sich einbildeten, die Symptome der Arterienverkalkung zu haben. Und was wird nun daraus abgeleitet? Daß sehr viele Menschen durch das Chaotische unserer Kultur selbst wenn sie sich einbilden, Nerven wie Stränge zu haben — in einem Zustand sind, daß, wenn sie von einer solchen Krankheit hören, sie sogleich von Furcht befallen und tatsächlich krank werden, wenn auch in einer psychischen Form. — Es wird auch gesagt, daß es eine Menge Menschen gibt, die nur Vorträge von Professor Soundso oder dem Naturheilkundigen Soundso zu hören brauchen, um die Krankheit zu haben, über die gesprochen wird. Was aber dabei nicht bedacht wird, ist, daß schon eine gewisse Form von geistiger Erkrankung dazugehört, um überhaupt so zu denken! Und das ist ein pathologischer Zug, der heute noch verhältnismäßig unschädlich auftritt, der aber immer schädlicher und schädlicher werden wird. Wir werden über solche Fragen und Tatsachen im Vortrag über «Krankheitswahn und Gesundheitsfieber» noch sprechen.

[ 32 ] This brings us to the point where knowledge directly intervenes in life, where what we might call the emotional and heartfelt aspects of esoteric science begin to unfold. How many people in our time are plagued by doubts and all manner of anguish regarding questions of existence and the mysteries of the world. And yet materialistic writings claim that a brain cannot arrive at such views as spiritual science presents without undergoing pathological changes. From a psychiatrist’s standpoint, one could quite precisely identify the mental illness that leads to the kind of explanations given here. If we were to take the liberty of working as psychiatrists do, we could classify ourselves in such a way that the scholar who usually does so would take great delight in us. There is a small pamphlet that you can buy quite cheaply, which reports something that is absolutely true. It goes as follows: A series of newspaper articles discussed arteriosclerosis and listed the symptoms by which one can observe this disease in oneself. The author of the pamphlet, a doctor, found that a great many people came to him who imagined they had the symptoms of arteriosclerosis. And what conclusion can be drawn from this? That, due to the chaotic nature of our culture, a great many people—even if they merely imagine that their nerves are as taut as strings—are in such a state that, when they hear about such a disease, they are immediately seized by fear and actually become ill, albeit in a psychological sense. — It is also said that there are many people who need only to hear lectures by Professor So-and-so or naturopath So-and-so to develop the illness being discussed. But what is not taken into account here is that a certain form of mental illness is already required to think that way in the first place! And this is a pathological trait that, while still relatively harmless today, will become increasingly harmful. We will discuss such questions and facts further in the lecture on “Illness Delusion and Health Fever.”

[ 33 ] Die Gründe der Gewißheit, auf denen der Mensch fußen kann, müssen immer aus dem Inneren kommen. Da muß aber der Geist stärker sein. Er muß die Fähigkeit haben, die Gewißheit im eigenen Inneren zu finden. Schwäche des Geistes ist es, nicht an sich zu glauben, nicht zu glauben, daß man in sich die Gründe finden kann. Schwäche des Geistes ist es, nur das zu glauben, was Augen sehen und Hände tasten, und nur mit der Hand die Wahrheit greifen zu wollen. Der Materialismus ist ein Zeichen geistiger Dekadenz, eine Aushöhlung des Inneren. Und wäre es nur eine theoretische Aushöhlung, so wäre es noch verhältnismäßig unschädlich. Aber diese theoretische Aushöhlung führt zur praktischen Untergrabung zuerst der seelischen und dann der physischen Gesundheit. Was wahr ist an dem Beispiel, das ist, daß kranke, unrichtige Gedanken wirklich Krankheiten hervorbringen. Wir werden in dem Vortrage über «Krankheitswahn und Gesundheitsfieber» aber hören, wie Gesundheit und physisches Wohl von den wahren oder unwahren Gedanken, die wir hegen, abhängen. Wir werden hören, wie in der Theosophie etwas verbreitet werden soll mit gesunden Gedanken, wie die Theosophie Verbreiter sein soll von gesundem Leben und brauchbaren Menschen für die Welt.

[ 33 ] The grounds for certainty on which a person can stand must always come from within. But the spirit must be stronger. It must have the ability to find certainty within oneself. It is a weakness of the spirit not to believe in oneself, not to believe that one can find the grounds within oneself. It is a weakness of the spirit to believe only what the eyes see and the hands touch, and to want to grasp the truth only with the hand. Materialism is a sign of spiritual decadence, a hollowing out of the inner self. And if it were merely a theoretical hollowing out, it would still be relatively harmless. But this theoretical hollowing out leads to the practical undermining first of mental and then of physical health. What is true about this example is that sick, erroneous thoughts actually cause illnesses. However, in the lecture on “Illness Delusion and Health Fever,” we will hear how health and physical well-being depend on the true or false thoughts we harbor. We will hear how, in Theosophy, healthy thoughts are to be spread, and how Theosophy is to be a promoter of healthy living and useful people for the world.

[ 34 ] Schon wenn wir innerhalb des Seelenlebens selber bleiben, sehen wir, wie derjenige, der stündlich von Zweifeln gequält wird, der kein Wissen erringen kann über die Fragen, die seine tiefsten Seelenbedürfnisse betreffen, untauglich ist zur Arbeit, und eine solche Seele wird zuletzt unfähig sein, den Körper gesund zu erhalten. Im Grunde genommen macht die Geheimwissenschaft nur das zur Tat, zur Wirklichkeit, was auch die Naturwissenschaft geahnt hat. Wenn zum Beispiel ein Naturwissenschafter wie Karl von Baer, dem Ernst Haeckel sein Werk «Ziele und Wege der heutigen Entwickelungsgeschichte» gewidmet hat, sagt: Ein Gedanke ist es, der die ganze Welt durchzieht, der die Planeten ordnet, der aus der Materie die lebendigen Wesen hervorgerufen hat, der in seinen Buchstaben und in seinem Sinn in den mannigfaltigen Lebensformen erscheint und im Grunde genommen das Leben selber ist — dann darf man wohl hinzufügen: Und wenn dieser Gedanke, der in der übersinnlichen Welt allein gefunden werden kann, gehegt und gepflegt wird, wenn er bewußt Eingang findet in die Menschennatur, dann wird er die Menschen gesund, stark und tüchtig machen. Wird er dann nicht zuerst die Zweifel zerstreuen, die Gemüter beruhigen, die Herzen erheben und die Menschennatur gesund machen? Das ist eine tiefere Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit. — Einer Wissenschaft, die an der Oberfläche des Sinnlichen bleibt, ist es zuzuschreiben, daß der Mensch innerlich ausgehöhlt ist, und daß das Zeitalter des Materialismus auch das Zeitalter der Nervosität und der Dekonzentriertheit ist. Diese Zustände würden sich noch verschlimmern, wenn diejenigen die Oberhand behielten, die nur am Äußeren hängen.

[ 34 ] Even if we remain within the realm of the soul itself, we see how someone who is tormented by doubts hour after hour—who cannot gain knowledge about the questions concerning his deepest spiritual needs—is unfit for work, and such a soul will ultimately be unable to keep the body healthy. Essentially, esoteric science merely puts into action and makes real what natural science has also intuited. For example, when a natural scientist like Karl von Baer—to whom Ernst Haeckel dedicated his work *Goals and Paths of Modern Evolutionary History*—says: “There is a thought that pervades the entire world, that orders the planets, that has brought forth living beings from matter, that appears in its letters and in its meaning in the manifold forms of life, and that, in essence, is life itself”—then one may well add: And if this thought—which can be found only in the supersensible world—is cherished and nurtured, if it consciously finds its way into human nature, then it will make people healthy, strong, and capable. Will it not then first dispel doubts, calm the minds, uplift the hearts, and restore human nature to health? This is a deeper mission of esoteric science in our time. — It is to the credit of a science that remains on the surface of the sensory world that human beings are hollowed out within, and that the age of materialism is also the age of nervousness and lack of concentration. These conditions would worsen still further if those who cling only to the external were to gain the upper hand.

[ 35 ] Die Geheimwissenschaft wird Gewißheit schaffen über die größten Rätsel des Daseins. Daher heißt sie Geheimwissenschaft, nicht weil sie etwas verbirgt, sondern weil ihre Lehren im Innersten gefunden werden müssen. Sie ist Geheimwissenschaft genau so, wie die Mathematik Geheimwissenschaft ist.

[ 35 ] Esoteric science will provide certainty regarding the greatest mysteries of existence. That is why it is called esoteric science—not because it conceals anything, but because its teachings must be found within one’s innermost being. It is esoteric science in exactly the same way that mathematics is esoteric science.

[ 36 ] Nur was als Gesinnung, als Aufforderung dem zugrunde liegt, was Geheimwissenschaft ist und was als Geheimlehre ihre Mission ausmacht, konnten wir in dem heutigen einleitenden Vortrag ausführen. Die Geheimwissenschaft gibt sich, wie Sie gesehen haben, keiner Illusion hin, weder über ihre Anhänger noch über ihre Gegner. Über alle Illusionen muß sie hinweg. Dadurch gibt sie dem Menschen die große harmonische Gesundheit nach allen Seiten. Das ist es, was als Gesinnung den einzelnen Wahrheiten, um die es sich handelt, zugrunde liegt. Auf diese Gesinnung kommt es im Grunde genommen an. Wozu kommt diese Gesinnung, wenn sie sich verbindet mit wirklichem Geheimforschen? Das sollen die Wintervorträge zeigen, dazu sollte der heutige Vortrag nur eine Art Ankündigung, eine Art Programm sein.

[ 36 ] In today’s introductory lecture, we were able to explain only what underlies—as a mindset, as a call—what esoteric science is and what constitutes its mission as an esoteric teaching. As you have seen, esoteric science does not succumb to any illusions, neither about its followers nor about its opponents. It must rise above all illusions. In doing so, it bestows upon human beings a profound, harmonious well-being in every respect. This is the attitude that underlies the individual truths at hand. Ultimately, it is this attitude that matters most. What does this attitude achieve when it is combined with genuine esoteric research? The winter lectures are intended to demonstrate this; today’s lecture was meant to serve merely as a kind of announcement, a kind of program.

[ 37 ] Nun wird gegen das heute Gesagte vielleicht gerade von denen, die sich für sehr gescheit halten, viel eingewendet werden. Es wird vielleicht gesagt: Seht euch einmal eure Anhänger an! Das sind doch nicht Leute, die auf der Höhe der heutigen Wissenschaft stehen! Erst wenn ihr Leute haben werdet, die auf der Höhe der heutigen Wissenschaft stehen, werden wir an eine Zukunft, an eine Mission der Geheimwissenschaft glauben. — Wer so spricht, kennt nicht die geheimen und intimen Wege, welche der Geist der Menschheit geht. Wer fest auf dem Boden steht, den wir als den Boden der Geheimwissenschaft charakterisiert haben, wer sich bewußt ist, daß die Wahrheit in der Seele gefunden werden muß und daß die Zustimmung nichts ausmacht, der bekennt sich im weitesten Umfange zu einem Satz, den ein großer Wahrheitsfreund und Wahrheitsforscher ausgesprochen hat. Ein solcher Wahrheitsforscher war Leonardo da Vinci, der ein ebenso großer Forscher wie Maler und Künstler war, und der bekannt war mit den geheimnisvollen Strömen und Gesetzen, die die Welt durchfluten. Kein denkender Kopf wird glauben, daß in seinem Herzen nicht die wirkliche geheimwissenschaftliche Gesinnung gewaltet hat. An einer Stelle gibt er sein Bekenntnis zur einsam gefundenen Wahrheit, die ihre Mission gefunden hat in der Welt. Sie enthält das Bekenntnis: «Es ist von solcher Verächtlichkeit die Lüge, daß, wenn sie von Gott große Dinge sagte, sie seiner Göttlichkeit die Gnade raubte, und es ist von solcher Vortrefflichkeit die Wahrheit, daß, wenn sie ganz geringe Dinge lobte, dieselbigen edel werden.» — Machen wir uns einen solchen Grundsatz zum innersten Beweggrund unseres Seelenlebens, dann werden wir begreifen, wie der, welcher in der Geheimwissenschaft steht, über die Mission der Geheimwissenschaft unseres Zeitalters denkt.

[ 37 ] Now, there will likely be many objections to what has been said today, particularly from those who consider themselves very intelligent. They might say: Just look at your followers! These are not people who are up to date with modern science! Only when you have people who are up to date with modern science will we believe in a future, in a mission of esoteric science. — Anyone who speaks this way does not know the secret and intimate paths that the spirit of humanity travels. Anyone who stands firmly on the ground we have characterized as the foundation of esoteric science, anyone who is aware that truth must be found in the soul and that approval is irrelevant, fully embraces a statement made by a great lover of truth and seeker of truth. One such seeker of truth was Leonardo da Vinci, who was as great a researcher as he was a painter and artist, and who was familiar with the mysterious currents and laws that permeate the world. No thinking person would believe that the true spirit of esoteric science did not reign in his heart. In one passage, he professes his commitment to the truth discovered in solitude, which has found its mission in the world. It contains the following declaration: “The lie is of such contemptibility that, even if it spoke of great things concerning God, it would rob His divinity of grace; and the truth is of such excellence that, even if it praised the most insignificant things, it would make them noble.” — If we make such a principle the innermost motive of our spiritual life, then we will understand how one who is versed in esoteric science thinks about the mission of esoteric science in our age.

[ 38 ] Zwei Bilder stehen vor der Seele des Geheimwissenschafters. Wer heute die große Kulturschöpfung des Christentums überblickt, wer das, was das Christentum in der Welt getan hat, ermessen will, der stelle sich zwei Bilder vor die Seele: Zuerst das alte kaiserliche Rom in der Zeit der ersten christlichen Jahrhunderte. Er sehe hin auf die Trümmer des alten Roms, die heute noch künden von dem, was damals in der gebildeten Welt vorgegangen ist. Aus diesem Bild wird er Trost und Sicherheit schöpfen können, wenn gesagt wird, die Gelehrten und Gebildeten wollen nichts wissen von Theosophie oder Geisteswissenschaft. Was wollten diejenigen, die da oben in diesen verfallenen Prachtgebäuden waren? Sie wollten — die Schaustellungen des Kolosseums! Und was hielten sie vom Christentum? Sie haben die Christen zu Pechfackeln gemacht und verbrannt! Rufen wir uns das so recht ins Gedächtnis.

[ 38 ] Two images stand before the soul of the esoteric scholar. Anyone who today surveys the great cultural achievements of Christianity, anyone who wishes to gauge what Christianity has done in the world, should conjure up two images in their mind: First, ancient imperial Rome during the early Christian centuries. Let them look upon the ruins of ancient Rome, which still bear witness today to what took place in the civilized world back then. From this image, they will be able to draw comfort and assurance when it is said that scholars and the educated want nothing to do with theosophy or spiritual science. What did those who were up there in those dilapidated, magnificent buildings want? They wanted—the spectacles of the Colosseum! And what did they think of Christianity? They turned the Christians into human torches and burned them! Let us truly bring this to mind.

[ 39 ] Und dann wenden wir den Blick zu einem anderen Bild. Dieses müssen wir allerdings an einem ganz anderen Orte suchen. Unter der Erde müssen wir es suchen, in den weit ausgedehnten Katakomben Roms, wo Mühselige und Beladene waren, die abseits standen von der Bildung und der tonangebenden Welt. Dahin, wo diese ihre Altäre aufrichteten, wo sie ihre Toten begruben und ihre heiligen Opfer darbrachten, dahin wenden wir unseren Blick.

[ 39 ] And then we turn our attention to another image. We must, however, look for this one in a completely different place. We must look for it underground, in the vast catacombs of Rome, where the weary and the burdened stood apart from the educated elite and the influential world. There, where they erected their altars, where they buried their dead and offered their sacred sacrifices—there we turn our gaze.

[ 40 ] Und nachdem wir diese Bilder in unserer Seele hervorgerufen haben, fragen wir uns: Wie änderte sich das Bild im Laufe der Jahrhunderte? — Die unten waren, trugen in der Seele dasjenige, was die Welt eroberte, und das, was sich oben abspielte, ging zugrunde. Es mußte zurückweichen vor dem, was aus den verborgenen Stätten heraufdrang. So war der Gang der Dinge, und das ist für uns Trost und Hoffnung. Wir wissen es ganz genau, daß wir durch die eigentümlichen Zeitverhältnisse nur Spott und Hohn finden können. Wir finden, daß wir in ähnlicher Weise still und schlicht wirken müssen gerade bei denen, die vielleicht verachtet werden von den sogenannten Aufgeklärten. Wir wissen aber auch, daß das Bild ein ähnliches sein wird wie damals. Wir wissen, daß das, was früher verachtet wurde, entweder die anderen ergreifen und mitziehen wird, oder daß es über sie hinweggeht. Verwandeln wird ein richtiger Gesichtspunkt gegenüber der Geheimwissenschaft unsere Gesinnung, unsere Gefühle und Empfindungen. So gibt uns schon diese erste Betrachtung etwas von geistiger Gesundheit, die hervorgeht aus dem Willen zur Arbeit in der Welt, im Sinne der Aufwärtsentwickelung der Menschheit. Und diese Arbeit im Sinne unserer Gegenwart zu leisten, ist die Mission der Geheimwissenschaft in unserer Zeit.

[ 40 ] And after we have evoked these images in our souls, we ask ourselves: How has this image changed over the centuries? — Those below carried within their souls that which conquered the world, while that which unfolded above perished. It had to give way to what surged up from the hidden realms. Such was the course of events, and this is a source of comfort and hope for us. We know full well that, given the peculiar circumstances of our time, we can expect nothing but scorn and derision. We find that we must work quietly and simply in a similar way, especially among those who may be despised by the so-called enlightened. But we also know that the picture will be similar to what it was back then. We know that what was once despised will either capture the others and draw them along, or it will pass them by. A correct perspective on the Esoteric Science will transform our attitude, our feelings, and our sensibilities. Thus, even this initial reflection gives us a measure of spiritual health that arises from the will to work in the world, in the spirit of humanity’s upward development. And to carry out this work in keeping with our present time is the mission of the Esoteric Science in our era.