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Knowledge of Soul and Spirit
GA 56

17 October 1907, Berlin

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Knowledge of Soul and Spirit, tr. SOL
  1. Die Erkenntnis der Seele und des Geistes

2. Die Naturwissenschaft am Scheidewege

2. Natural Science at a Crossroads

[ 1 ] In dem einleitenden Vortrage, den ich vor acht Tagen hier zu halten die Ehre hatte, machte ich schon darauf aufmerksam, welches die beiden Grundvoraussetzungen der sogenannten Geisteswissenschaft oder, wenn Sie wollen, Theosophie sind. Es wurde gesagt, daß die Geisteswissenschaft auf zwei Säulen ruht: erstens darauf, daß sich der Mensch klar ist, daß es hinter unserer Sinnenwelt, die man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann, eine geistige, übersinnliche Welt der Tatsachen, Begebenheiten und Wesenheiten gibt; zweitens, daß der Mensch fähig werden kann, in diese geistige Welt erkennend und auf einer höheren Stufe auch handelnd einzugreifen. Daß es eine geistige Welt gibt und daß diese dem Menschen zugänglich ist — so können wir kurz die Überzeugung der Geisteswissenschaft zum Ausdruck bringen.

[ 1 ] In the introductory lecture I had the honor of delivering here eight days ago, I already drew attention to the two fundamental prerequisites of what is known as spiritual science or, if you will, theosophy. It has been said that spiritual science rests on two pillars: first, that human beings are aware that behind our sensory world—which can be seen with the eyes and touched with the hands—there exists a spiritual, supersensory world of facts, events, and beings; second, that human beings can become capable of intervening in this spiritual world through cognition and, on a higher level, through action as well. That there is a spiritual world and that it is accessible to human beings—this is how we can briefly express the conviction of spiritual science.

[ 2 ] Von den verschiedensten Seiten her soll im Verlaufe dieser Wintervorträge diese Geisteswissenschaft beleuchtet werden. Heute soll ein Blick geworfen werden auf ihre Beziehung zu dem, was man Naturwissenschaft nennt. Zwar werden diejenigen unter Ihnen, welche zu diesen Vorträgen speziell aus dem Grunde kommen, um hier von den Ergebnissen der Geisteswissenschaft selbst und den Erlebnissen in den höheren Welten zu erfahren, vielleicht in dem heutigen Vortrage eine Art Abirrung von der regelmäßigen Strömung erblicken. Eigentliche Theosophen sind im allgemeinen der Auffassung, daß sie ihr Verhältnis zu den naturwissenschaftlichen Ergebnissen gefunden haben, und so erscheint ihnen manchmal die Erörterung solcher Dinge wie auch die der Beziehung der Geisteswissenschaft zu anderen, aus der Naturwissenschaft folgenden Ergebnissen, etwas langweilig. Allein, wir kommen in den nächsten Vorträgen zu so spezifisch geisteswissenschaftlichen Themen, daß das heutige Intermezzo wohl geduldet werden darf, namentlich mit Rücksicht darauf, daß die schärfsten Angriffe und auch die stärksten Mißverständnisse in bezug auf die Geisteswissenschaft gerade von denen kommen, die fest auf dem Boden der Naturwissenschaft zu stehen vorgeben. Vor allen Dingen seien Sie sich klar darüber, daß in dem heutigen Vortrage nicht von einer der Naturwissenschaft gegnerischen Seite aus gesprochen wird. Bei der großen Kraft, welche heute die naturwissenschaftlichen Vorstellungen auf unsere Zeitgenossen ausüben, wäre es wahrlich ein mißliches Unterfangen, in eine Gegensätzlichkeit zu der Naturwissenschaft hineinzugeraten. Denn immer und immer wieder kann man hören: Die Naturwissenschaft steht auf dem Boden der Tatsachen, der Erfahrung, und alles, was mit diesen Tatsachen und Erfahrungen nicht übereinstimmt, muß in das Gebiet der Phantastik verwiesen werden. Das ist die Auskunft, die von vielen Seiten gegenüber solchen Dingen gegeben wird, wie sie gerade in diesen Wintervorträgen über Geisteswissenschaft ausgeführt werden sollen.

[ 2 ] Over the course of these winter lectures, this spiritual science will be examined from a wide variety of perspectives. Today we will take a look at its relationship to what is called natural science. Admittedly, those among you who have come to these lectures specifically to learn about the findings of theosophy itself and experiences in the higher worlds may view today’s lecture as a sort of digression from the main theme. True Theosophists generally believe that they have already established their relationship to the findings of the natural sciences, and so the discussion of such matters—as well as that of the relationship between theosophy and other findings derived from the natural sciences—sometimes seems somewhat tedious to them. However, in the coming lectures we will be addressing topics so specific to spiritual science that today’s interlude may well be tolerated—especially in light of the fact that the sharpest attacks and also the greatest misunderstandings regarding spiritual science come precisely from those who claim to stand firmly on the ground of natural science. Above all, please be aware that today’s lecture is not being presented from a standpoint opposed to the natural sciences. Given the immense influence that natural-scientific ideas exert on our contemporaries today, it would truly be a perilous undertaking to fall into opposition to the natural sciences. For time and again one hears: Natural science is grounded in facts and experience, and anything that does not correspond to these facts and experiences must be relegated to the realm of fantasy. This is the response given by many to matters such as those that are to be discussed in these winter lectures on spiritual science.

[ 3 ] Es wird, angesichts der allgemeinen Bildungsverhältnisse in unserer Zeit, am angemessensten sein, wenn der heutige Vortrag so objektiv, so ohne Anteil in bezug auf das Für und Wider wie möglich, bloß das Verhältnis der Naturwissenschaft zur Geisteswissenschaft darlegt. Aber von vornherein sei bemerkt, daß die Geisteswissenschaft als solche gar kein Interesse daran haben kann, sich mit der Naturwissenschaft da besonders auseinanderzusetzen, wo es sich wirklich nur um die naturwissenschaftlichen Tatsachen handelt. Das könnte gar nicht ihre Aufgabe sein. Wem sollte es jemals einfallen, das Gebäude strenger Tatsachen irgendwie angreifen zu wollen? Wem sollte es einfallen, gegen das, was durch Experiment und Erfahrung auf naturwissenschaftlichem Gebiete feststeht, irgend etwas einzuwenden? Die Geisteswissenschaft fußt ja selbst durchaus auf der Erfahrung. Freilich auf Erfahrungen, wie sie das letzte Mal charakterisiert worden sind, auf Erfahrungen in den höheren, in den geistigen Welten. In bezug auf die methodischen Grundsätze ist sie aber durchaus im Einklang mit dem, was heute so oft gefordert wird in bezug auf die Naturwissenschaft. Sie geht ganz einig mit der Naturwissenschaft darin, daß allem Erkennen zuletzt die Erfahrung, das Erlebnis zugrunde liege. So wird es sich also in der Einleitung zu einer Reihe geisteswissenschaftlicher Vorträge weniger darum handeln, zu bestimmten naturwissenschaftlichen Ergebnissen der Gegenwart Stellung zu nehmen weil dies nicht notwendig ist —, als darauf hinzuweisen, wie man den Naturwissenschafter in seinem naturwissenschaftlichen Denken ansehen muß. Das ist wichtig: daß wir den naturwissenschaftlichen Denkprozeß, wie er uns geboten wird, verfolgen.

[ 3 ] Given the general state of education in our time, it will be most appropriate for today’s lecture to set forth, as objectively as possible and without taking sides regarding the pros and cons, merely the relationship between the natural sciences and the humanities. But let it be noted from the outset that the humanities, as such, have no interest whatsoever in engaging with the natural sciences, particularly where the focus is solely on scientific facts. That could not possibly be their task. Who would ever think of wanting to undermine the edifice of rigorous facts in any way? Who would think of objecting to anything that has been established through experiment and experience in the field of natural science? After all, the science of the spirit is itself based entirely on experience. Admittedly, on experiences as they were characterized last time—experiences in the higher, spiritual worlds. With regard to methodological principles, however, it is entirely in harmony with what is so often demanded today of the natural sciences. It is in complete agreement with the natural sciences in that all knowledge is ultimately grounded in experience, in lived experience. Thus, the introduction to a series of lectures on spiritual science will be less concerned with taking a position on specific contemporary findings in the natural sciences—since this is not necessary—than with pointing out how one must view the natural scientist in his scientific thinking. This is important: that we follow the scientific thought process as it is presented to us.

[ 4 ] Da wird es sehr gut sein, wenn wir eine kurze Weile den Blick zurückwerfen auf das deutsche Geistesleben, das ein Bild des ganzen Geisteslebens der letzten Jahrzehnte bietet. Da kommt vor allem eines in Betracht: Heute ist die Naturwissenschaft für viele etwas geworden, was sie früher niemals war. Langsam und allmählich, durch vier Jahrhunderte hindurch hat sich das vorbereitet. Aber im 19. Jahrhundert ist es erst zum Höhepunkt dessen gekommen, was sich da langsam vorbereitete. Die Naturwissenschaft ist etwas geworden, was man bezeichnen könnte als eine Art Religion, eine Art Bekenntnis, oder besser gesagt, einzelne Menschen haben geglaubt, aus den naturwissenschaftlichen Ergebnissen unserer Zeit eine Art Bekenntnis, eine Art Religion bilden zu können. Viel wichtiger als Auseinandersetzungen über die naturwissenschaftlichen Tatsachen ist es für die Geisteswissenschaft, einen Blick zu werfen auf die Art und Weise, wie eine Art neuer Religion, eine Art neuen Bekenntnisses zustande gekommen ist auf Grund vermeintlicher naturwissenschaftlicher Tatsachen. Wer unbefangen unser Geistesleben betrachtet, kann nicht verkennen, daß heute Menschen entgegentreten der Annahme der geistigen Welt, entgegentreten dem religiösen Gefühl, indem sie sich darauf berufen, daß jedes Hinweisen auf eine geistige Welt widerlegt sei durch die neuen Ergebnisse der Naturwissenschaft. Man glaubt geradezu in gewissen Kreisen, mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft jeden Hinweis auf eine geistige Welt beiseite geräumt zu haben. Vor hundert Jahren hätte noch niemand daran denken können, aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen eine solche Folgerung zu ziehen. Gewiß hat es auch früher schon materialistische Bekenntnisse radikalster Art gegeben; aber sie haben niemals die Behauptung aufgestellt, man könne gemäß der «wahren Wissenschaft» die Welt nur materialistisch erklären. Und das Wort «wahre Wissenschaft» hat eine unsägliche Zauberkraft für unsere Zeitgenossen!

[ 4 ] It would be very helpful, then, if we were to take a brief look back at German intellectual life, which offers a picture of the entire intellectual landscape of the past decades. One thing stands out above all else: Today, for many people, the natural sciences have become something they never were before. Slowly and gradually, over the course of four centuries, the groundwork for this was laid. But it was not until the 19th century that what had been slowly taking shape reached its peak. Natural science has become something that could be described as a kind of religion, a kind of creed—or rather, individual people have believed that they could form a kind of creed, a kind of religion, out of the scientific findings of our time. Far more important for the spiritual sciences than debates over scientific facts is to examine the way in which a kind of new religion, a kind of new creed, has come into being on the basis of supposed scientific facts. Anyone who observes our spiritual life with an open mind cannot fail to recognize that today people oppose the belief in the spiritual world and oppose religious sentiment by claiming that any reference to a spiritual world has been refuted by the new findings of natural science. In certain circles, people actually believe that the findings of natural science have swept aside any reference to a spiritual world. A hundred years ago, no one could have imagined drawing such a conclusion from the facts of natural science. Certainly, there have been materialistic creeds of the most radical kind in the past as well; but they never asserted that, according to “true science,” the world could be explained only in materialistic terms. And the phrase “true science” holds an indescribable magical power for our contemporaries!

[ 5 ] Es wird viel gesprochen von früheren finsteren Zeiten der religiösen Wut, religiösen Streitigkeiten und religiösen Verfolgungen. Nicht im entferntesten soll beschönigt oder verteidigt werden, was damit getroffen wird. Aber wenn es in früheren Jahrhunderten zu diesen, die Menschheit in ihrem Denken und Fühlen wahrhaft erniedrigenden Dingen gekommen ist, bei einem unbefangenen Blick auf die Entwickelung der Menschenseele, bei einem Vergleich des Denkens und Fühlens unserer Zeit mit dem Denken und Fühlen früherer Zeiten ergibt sich doch etwas Eigentümliches. Wer unbefangen nachdenkt, wird das, was jetzt nur als Behauptung hingestellt werden soll, überall bestätigt finden können.

[ 5 ] Much is said about the dark times of the past—times of religious fury, religious strife, and religious persecution. There is absolutely no intention to gloss over or defend what is described here. But when we consider that these events—which truly debased humanity in its thinking and feeling—occurred in past centuries, and when we take an unbiased look at the development of the human soul and compare the thinking and feeling of our time with that of earlier times, something peculiar emerges. Anyone who reflects impartially will find confirmation everywhere for what is now merely presented as an assertion.

[ 6 ] Zwar sind viele Zeiten finster und intolerant gewesen, aber eine Intoleranz mit einem ungeheuren Unfehlbarkeitsdünkel ist unserer Zeit geblieben! Diese innere Intoleranz begeht keine äußeren Ausschreitungen und äußeren Verfolgungen, obwohl man es auch schon erleben kann, daß gegen den, der über die geistige Welt vorträgt, nach der Polizei und dem Staatsanwalt gerufen wird. Doch das sind Ausnahmen; äußerlich ist unsere Zeit tolerant. Nur in bezug auf das Denken gilt jeder als Dummkopf, als Phantast oder zumindest als unverständig, welcher nicht das Glaubensbekenntnis derer teilen kann, die da sagen: Auf Grund der naturwissenschaftlichen Tatsachen ergibt sich, daß unmöglich etwas über die geistige Seite der Welt auszusagen ist. — Langsam hat sich das vorbereitet. Im 19. Jahrhundert ist man damit auf den Höhepunkt gekommen. Es ist wohl begründet, daß es so gekommen ist. Und wenn wir nach dem Grund forschen, so müssen wir sagen, der Grund ist ein solcher, der mit großen und gewaltigen Fortschritten der Menschheit zusammenhängt. Da sehen wir, wie in der neueren Zeit die Menschen die äußere physische Welt mit allen erdenklichen Instrumenten und kunstvoll ausgebauten Methoden erforscht haben, die nach und nach in ihrer Art ans Wunderbare grenzen. Wir sehen, wie es begonnen hat mit der Astronomie und mit der Anschauung des astronomischen Weltgebäudes, wie dann Stück für Stück der physischen Welt erobert worden ist von dem, was sich mit dem bewaffneten Auge erforschen und mit dem Verstande begreifen läßt. Und im 19. Jahrhundert hat sich gezeigt, daß diese Art von Forschung nicht nur hineinzublicken vermag in die leblose Natur, sondern sie hat auch hineingeleuchtet, tief und bedeutsam, in die lebendige Natur.

[ 6 ] Although many eras have been dark and intolerant, our own time is still marked by a form of intolerance characterized by an immense delusion of infallibility! This inner intolerance does not manifest itself in outward outbursts or persecution, although one can already witness instances where the police and the district attorney are called upon against those who speak about the spiritual world. Yet these are exceptions; outwardly, our time is tolerant. Only when it comes to thinking is anyone who cannot share the creed of those who say, “Based on the facts of natural science, it is impossible to say anything about the spiritual side of the world,” regarded as a fool, a fantasist, or at least as lacking in understanding. — This has been slowly developing. It reached its peak in the 19th century. There are good reasons why this has come to pass. And if we seek the reason, we must say that it is one connected with the great and tremendous progress of humanity. There we see how, in recent times, people have explored the external physical world with every conceivable instrument and ingeniously developed methods, which, in their own way, gradually border on the miraculous. We see how it began with astronomy and the conception of the astronomical cosmos, and how, piece by piece, the physical world was conquered by what can be explored with the unaided eye and grasped by the intellect. And in the 19th century, it became apparent that this kind of research is not only capable of looking into inanimate nature, but has also shed light—deeply and significantly—onto living nature.

[ 7 ] Wer das Geistesleben mit objektivem Blick zu verfolgen vermag, der weiß, daß es einen ungeheuren Fortschritt bedeutete, als in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Schleiden für die Tier- und Pflanzenwelt den kleinsten Teil als ein gewissermaßen lebendiges Wesen entdeckte: die Zelle. Es war auf einmal klar, daß durch die Tatsachen, die man jetzt durch das Mikroskop und die neue Forschungsmethode entdeckte, eine große Reihe früherer Vermutungen hinwegfallen mußte. Man hat viel darüber nachgedacht, was dieser Organismus im Inneren eigentlich sei, der unsere Lebewesen zusammensetzt. Nun hatte man das entdeckt, was dem Denken und Fühlen des 19. Jahrhunderts so sehr entsprach: Man sah augenscheinlich, wie sich der Organismus aufbaut aus unzähligen und äußerst kleinen Lebewesen. Man sah jetzt, wie sie zusammenwirkten und den Menschenorganismus ergaben. Dasjenige, worüber man viel gemutmaßt und sich viele Gedanken gemacht hatte, lag für die tatsächliche Forschung jetzt vor.

[ 7 ] Anyone capable of observing intellectual life with an objective eye knows that it represented a tremendous advance when, in the 1830s, Schleiden discovered the smallest unit of the animal and plant worlds—the cell—which is, in a sense, a living entity. It suddenly became clear that the facts now being discovered through the microscope and new research methods meant that a great many earlier assumptions had to be discarded. Much thought was given to what this internal organism, which constitutes our living beings, actually was. Now what had been discovered was something that so closely corresponded to the thinking and sensibilities of the 19th century: it was evident how the organism was composed of countless and extremely small living beings. It was now clear how they interacted to form the human organism. What had been the subject of much speculation and deep reflection was now available to actual research.

[ 8 ] Hatte man so einen Blick in die Welt des Lebens getan, so war es ein großer Fortschritt, als durch Kirchhoff und Bunsen die Spektralanalyse bekannt wurde. Durch dieses wunderbare Instrument, das Spektroskop, konnte jetzt nachgewiesen werden, daß dieselben Stoffe, welche unsere irdische Welt hier zusammensetzen, auch in der übrigen Welt vorhanden sind. Man sah es an den Tatsachen, die das Spektroskop uns lieferte. Und als dann Darwin kam mit der großen, ja überreichen Fülle von Tatsachen, welche zeigen, wie die Lebewesen sich unter dem Einfluß äußerer Bedingungen verändern, abhängig sind von dem Ort, an dem sie leben, und es ihm gelang, die Reste uralter Lebewesen, welche in den Schichten unserer Erde sind, tatsächlich zu erforschen, und als dann noch hinzutrat die paläontologische Forschung, welche eine Brücke bildet zwischen der Geschichte und der Naturwissenschaft, da war für dieses Fühlen und Denken des 19. Jahrhunderts etwas außerordentlich Wesentliches gegeben. Es war das gegeben, was man eine feste, sichere Stütze nennen konnte.

[ 8 ] Once we had gained such a glimpse into the world of life, it was a major advance when spectral analysis was introduced by Kirchhoff and Bunsen. Thanks to this marvelous instrument, the spectroscope, it could now be demonstrated that the same substances that make up our earthly world are also present in the rest of the universe. This was evident from the facts provided by the spectroscope. And when Darwin then came along with his vast, indeed abundant, wealth of facts showing how living organisms change under the influence of external conditions and depend on the place where they live, and he succeeded in actually investigating the remains of ancient living beings found in the layers of our Earth, and when paleontological research—which forms a bridge between history and the natural sciences—was added to this, something extraordinarily essential was provided for the sensibilities and thinking of the 19th century. It was the foundation of what could be called a firm, secure support.

[ 9 ] Insbesondere in Deutschland empfand man den Segen einer solchen festen, sicheren Stütze. Man hatte gerade in Deutschland eine große, idealistisch-philosophische geistige Weltanschauung, die sich knüpfte an Namen wie Fichte, Schelling, Hegel. Man hatte hinter sich eine Reihe von kühnen, überragenden Denkversuchen. Man war nun der Meinung, diese Denkversuche hätten etwas SubjektivWillkürliches, etwas, was jeder andere mitmachen könne oder nicht. Was Hegel, was Fichte gedacht haben, das haben sie für sich gedacht; ein anderer mag anders denken. Damit kommen wir — so meinte man — in ein Gewirre von Weltanschauungen hinein. Aber das geschieht eben nur, wenn wir den sicherern Boden der Tatsachen verlassen, wenn wir zum Beispiel unterlassen, zu sehen, wie der kleinste Organismus aus kleinsten Lebewesen zusammengesetzt ist. Denn da würden wir feststellen, daß Tausende, die in das Mikroskop hineinsehen, das gleiche sehen und das gleiche beschreiben, Die Schichten der Erdbildung muß jeder, der sie kennt, in der gleichen Weise beschreiben. Das ist der sichere, feste Boden der Tatsachen.

[ 9 ] In Germany, in particular, people felt the blessing of such a firm, secure foundation. In Germany, specifically, there was a grand, idealistic-philosophical worldview that was linked to names such as Fichte, Schelling, and Hegel. They had behind them a series of bold, outstanding intellectual endeavors. People now believed that these intellectual endeavors had something subjective and arbitrary about them—something that anyone else might or might not share. What Hegel and Fichte had thought, they had thought for themselves; others might think differently. This, it was believed, would lead us into a tangle of worldviews. But that only happens when we leave the surer ground of facts, when, for example, we fail to see how the smallest organism is composed of the tiniest living beings. For then we would discover that thousands looking through a microscope see the same thing and describe it the same way; anyone familiar with the strata of the Earth’s formation must describe them in the same way. That is the secure, firm ground of facts.

[ 10 ] Es ist nicht dabei geblieben, daß man gesagt hat: Wer auf diesem Boden der Tatsachen steht, der geht sicher, und alles übrige wollen wir unberührt lassen. Wäre man auf dem Boden der Tatsachen stehengeblieben, niemals hätten daraus Bekenntnisse, ja religiöse Probleme entstehen können. Die wahre Naturwissenschaft, die sich auf Beobachtung stützt, mit Ausschluß der übersinnlichen Welt, wird immer sicher gehen, selbst wenn sie sich sinnlich begrenzt. Sie wird zu sicheren Tatsachen kommen. Aber diese Tatsachen haben suggestiv, ja hypnotisierend gewirkt! Aus diesen naturwissenschaftlichen Tatsachen heraus hat man eine Art auf Naturwissenschaft gegründeter atheistischer oder materialistischer Religion, eine Art Bekenntnis gemacht. Nun könnte man sagen, durch jedes Bekenntnis sei es möglich, daß der Mensch fest und stark sei im Leben, das Richtige werde sich finden im Laufe der Menschheitsentwickelung, es komme nicht darauf an, wie der Mensch zu den Fragen der übersinnlichen Welt stehe. Aber gerade das wird sich uns zeigen im Verlaufe der Vorträge, daß es nicht richtig ist, zu denken, es sei gleichgültig, wie der Mensch empfindet und vorstellt. Gerade das werden wir nachweisen, daß Empfindung und Vorstellung eine reale Welt sind, und daß die Zukunft nicht nur der Erde, sondern des ganzen Menschengeschlechts davon abhängt, wie der Mensch denkt.

[ 10 ] It did not stop at simply saying: “Whoever stands on this ground of facts walks safely, and let us leave everything else untouched.” Had one remained on the ground of facts, no creeds—indeed, no religious problems—could ever have arisen from it. True natural science, which is based on observation and excludes the supernatural world, will always proceed with certainty, even if it limits itself to the sensory realm. It will arrive at certain facts. But these facts have had a suggestive, even hypnotic effect! From these scientific facts, people have fashioned a kind of atheistic or materialistic religion grounded in science—a kind of creed. Now one might say that any creed can enable a person to be steadfast and strong in life, that the truth will emerge in the course of human development, and that it does not matter how a person stands on questions concerning the supernatural world. But it is precisely this that will become clear to us in the course of these lectures: that it is not correct to think it is irrelevant how a person feels and imagines. We will demonstrate precisely that feeling and imagination constitute a real world, and that the future—not only of the Earth but of the entire human race—depends on how people think.

[ 11 ] Wie tief und wahr dieser Satz ist, das werden wir im Laufe der Wintervorträge sehen. Nicht um theoretisches Gezänke ist es der Geisteswissenschaft zu tun, sondern darum, in nützlicher und der menschlichen Wesenheit entsprechender Weise zu wirken. Ob der einzelne materielle Körper aus Atomen besteht oder nicht, ob der einzelne materielle Organismus aus einzelnen Zellen zusammengesetzt ist oder nicht, ob in den übrigen Weltkörpern dieselben Stoffe sind wie auf der Erde oder nicht, das alles sind rein tatsächliche Fragen. Aber durch die Entscheidung dieser tatsächlichen Fragen wird niemals etwas ausgesagt über das Schicksal dessen, was wir im Menschen Seele oder Geist nennen. Und bleibt man dabei, die Tatsachen zu konstatieren und zu beschreiben, und überschreitet diese Grenze nicht ins Seelengebiet hinein, dann kann es keinen Zwiespalt geben zwischen Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft. Aber dabei ist es eben nicht geblieben. Es wurden Theorien aufgebaut, Vorstellungen konstruiert, mit denen sich überhaupt kein Seelenwesen, kein geistiges Dasein vereinen läßt.

[ 11 ] We will see just how profound and true this statement is in the course of the winter lectures. The spiritual science is not concerned with theoretical squabbling, but rather with working in a way that is beneficial and in harmony with human nature. Whether the individual physical body consists of atoms or not, whether the individual physical organism is composed of individual cells or not, whether the other celestial bodies contain the same substances as the Earth or not—these are all purely factual questions. But the resolution of these factual questions never says anything about the fate of what we call the soul or spirit in human beings. And if one confines oneself to stating and describing the facts, and does not cross this boundary into the realm of the soul, then there can be no conflict between the natural sciences and the spiritual sciences. But that is precisely not what has happened. Theories have been developed and concepts constructed with which no soul being, no spiritual existence, can be reconciled.

[ 12 ] Wir brauchen nur einen Blick auf einige Jahrzehnte der Entwickelung zurückzuwerfen. Heute ist es schon fast vergessen, wie im 19. Jahrhundert die sogenannte Kraft- und Stofflehre aufgetaucht ist; aber es würde gerade für den außerhalb der Geisteswissenschaft Stehenden gut sein, den eigentlichen Grund der Kraft- und Stofflehre ins Auge zu fassen.

[ 12 ] We need only look back at a few decades of development. Today, it has almost been forgotten how the so-called theory of force and matter emerged in the 19th century; but it would be particularly beneficial for those outside the realm of the humanities to consider the true basis of the theory of force and matter.

[ 13 ] Stellen wir uns das Bild der trockenen Kraft- und Stofflehre vor, wie sie damals war. Sie ging philosophisch hervor aus dem, was die naturwissenschaftlichen Tatsachen gebracht hatten. Man hatte gefunden, daß der Mensch aus einzelnen Zellen bestand. Man hatte chemische und physische Prozesse entdeckt und gesagt, alle unsere Körper bestünden aus Molekülen und Atomen, und durch das Spiel und die Bewegung der Atome entstünden die Erscheinungen um uns herum. Diejenigen, die so im vierzigsten, fünfzigsten Jahre stehen und die Gelehrtenbildung hinter sich haben, die wissen sich lebhaft zu erinnern an die Zeit, in der die sogenannte Wärmetheorie alles beherrschte. Da waren die großen Entdeckungen auf dem Gebiete der Wärmelehre zu einer solchen Gestalt gekommen, daß man sich irgendein Gas so vorgestellt hat, daß es aus Millionen kleinster Teile, Moleküle und Atome bestehe, die in einer unendlich komplizierten Bewegung sind, sich dabei stoßen und zurückprallen und dadurch die Erscheinungen der Wärme hervorbringen. Was war da Wärme? Nichts anderes als ein Ergebnis dessen, was draußen im Raum existiert als ein mannigfaltiges Spiel von durcheinander sich bewegenden und stoßenden Atomen. Man sagte es trocken heraus in der damaligen Zeit: Das, was du als Wärme empfindest, ist nichts als eine Bewegung, die die kleinsten Teile der Körper ausführen, und von der Stärke der Stöße, von der Heftigkeit der Bewegung hängt der Grad der Wärme ab. So war in der Außenwelt für die Wärmetheorie nichts vorhanden als die durcheinanderwirbelnden Atome, und was man mit dem Worte Wärme meinte, war eine subjektive Empfindung, eine Wirkung auf den menschlichen Organismus oder auf das Gehirn, die man sich auch materiell vorstellte. Aber nicht nur die Wärme, alles wurde vorgestellt als eine solche Bewegung der Atome! Das muß man festhalten. Denn kommt man einmal zu der materialistischen Vorstellung, dann ist sie wie ein Moloch: Sie verschlingt das Geistige, so wie die Moleküle und Atome es verschlungen haben.

[ 13 ] Let us imagine the picture of the dry science of forces and matter as it was back then. Philosophically, it emerged from what the facts of natural science had revealed. It had been discovered that human beings consisted of individual cells. Chemical and physical processes had been discovered, and it was said that all our bodies consisted of molecules and atoms, and that the phenomena around us arose from the interaction and movement of the atoms. Those who are now in their forties or fifties and have completed their academic training vividly remember the time when the so-called theory of heat dominated everything. At that time, the great discoveries in the field of thermodynamics had reached such a stage that people imagined any given gas to consist of millions of minute particles—molecules and atoms—engaged in an infinitely complex motion, colliding and rebounding off one another, thereby producing the phenomena of heat. What, then, was heat? Nothing other than a result of what exists out there in space as a manifold interplay of atoms moving chaotically and colliding with one another. People stated it bluntly back then: What you perceive as heat is nothing but a motion performed by the tiniest particles of matter, and the degree of heat depends on the force of the collisions and the intensity of the motion. Thus, in the external world, the theory of heat saw nothing but atoms swirling chaotically, and what was meant by the word “heat” was a subjective sensation—an effect on the human organism or on the brain—which was also conceived of in material terms. But it was not just heat—everything was conceived as such a movement of atoms! This must be noted. For once one arrives at the materialistic conception, it is like a Moloch: it devours the spiritual, just as the molecules and atoms have devoured it.

[ 14 ] Nehmen Sie Bücher jener Zeit über die Lichterscheinungen zur Hand, so können Sie trocken ausgesprochen finden: Das, was ihr rot oder blau nennt, ist nur eine Wirkung auf eure Nerven, ist nur in euch. Draußen in der Welt gibt es kein Licht und keine Farbe, da gibt es nur den die ganze Welt durchdringenden Äther, und die eigentümliche Bewegung dieses Äthers wirkt auf euch und bewirkt die Empfindung der Farbe. So ist objektiv draußen in der Welt das Licht vorhanden als Bewegung des Weltenäthers, und was ihr empfindet, ist eigentlich ein Nichts. — Kurz, die eigentliche Realität wurde der leere Raum, erfüllt von in Bewegung befindlichen Atomen. Aus diesem, so nahm man an, gingen alle Erscheinungen hervor. Jemand, der sich radikal hätte ausdrücken wollen, hätte folgendes sagen können: Man denke sich alle Gehirne der Menschen weg, was bleibt dann? Nichts als der leere Raum, ausgefüllt mit Atomen, meinetwillen mit Atomen des Äthers und der mit Gewicht behafteten Materie, die in bestimmter Bewegung sind. Aber alles das, was Wahrnehmung, Empfindung in euch ist, was Geruchs-, Geschmacks-, Wärmeempfindung ist, das ist nicht mehr da, das ist subjektiv und nicht objektiv.

[ 14 ] If you pick up books from that time about light phenomena, you will find them stating quite matter-of-factly: What you call red or blue is merely an effect on your nerves; it exists only within you. Out there in the world, there is no light and no color; there is only the ether that permeates the entire world, and the peculiar movement of this ether acts upon you and causes the sensation of color. Thus, objectively speaking, light exists out there in the world as the movement of the world’s ether, and what you perceive is actually nothing. — In short, the true reality became empty space, filled with atoms in motion. It was assumed that all phenomena arose from this. Someone who wanted to express themselves radically might have said the following: Imagine all human brains gone—what remains then? Nothing but empty space, filled with atoms—for my sake, atoms of the ether and of matter endowed with weight—which are in a certain state of motion. But everything that constitutes perception and sensation within you—every sensation of smell, taste, and warmth—is no longer there; it is subjective, not objective.

[ 15 ] Nur die Konsequenz aus dieser Voraussetzung zeigen Leute wie Bächner und Vogt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie finden in meiner Schrift «Welt- und Lebensanschauungen im 19. Jahrhundert» die Verdienste dieser Männer hervorgehoben, weil sie die eiserne Konsequenz gehabt haben, die Folgerungen einer solchen Anschauung zu ziehen. War draußen für die Farben- und Tonerscheinungen nichts anderes vorhanden als die bewegten Atome und Moleküle, dann war es selbstverständliche Folge, daß der Denker sagt: Dann ist auch im Menschen nichts anderes vorhanden als Materie, bestehend aus Atomen und Molekülen, die sich bewegen. — Es war nur die absolut eindeutige Konsequenz zu ziehen, die Vogt gezogen hat: Durch die Bewegung der Gehirnmoleküle werden Gedanken abgeschieden wie andere Dinge durch Leber und Nieren und so weiter. — Dieses Wort, das viel böses Blut gemacht hat, war im Grunde genommen nur eine Konsequenz von Voraussetzungen, die auch andere machten, die nur nicht so weit gingen. Damit war notwendig verknüpft, daß man diese Welt der Atome und Moleküle, die man als das Absolute betrachtete, aufteilte in Stoffe, die man entdecken konnte. Man war der Meinung, daß alle Materie nur Bewegung sei und sich teilen lasse in Atome und Moleküle. Auch das Lebendige, das Leben selbst galt nur als eine komplizierte Bewegung der Atome in den lebendigen Körpern. Man erkannte, daß einzelne Körper sich in ihre einfachen Teile zerlegen lassen, Wasser zum Beispiel in Wasserstoff und Sauerstoff, Schwefelsäure in Wasserstoff, Schwefel und Sauerstoff. — Nun kommt aber eine Grenze, wo die Forschungsmittel der Chemie keine weitere Zerlegung gestatten. Woher kommt das? Das kommt daher, daß unseren Stoffen einfache Elemente zugrunde liegen. Es gibt deren etwa siebzig und man sagt, alle unsere Stoffe seien Zusammenfügungen dieser siebzig Elemente, und diese bestünden wieder aus Atomen und Molekülen.

[ 15 ] It was only people like Bächner and Vogt in the mid-19th century who demonstrated the logical consequences of this premise. In my work *Worldviews and Philosophies of Life in the 19th Century*, I highlight the contributions of these men because they had the unwavering resolve to draw the conclusions of such a worldview. If, in the external world, there was nothing other than moving atoms and molecules behind the phenomena of color and sound, then it was a natural consequence for the thinker to say: Then there is nothing else in human beings either but matter, consisting of atoms and molecules in motion. — It was simply a matter of drawing the absolutely unambiguous conclusion that Vogt drew: Through the movement of brain molecules, thoughts are excreted just as other substances are excreted by the liver and kidneys, and so on. — This statement, which caused a great deal of ill will, was essentially just a consequence of assumptions that others had also made, though they did not take it that far. Necessarily linked to this was the division of this world of atoms and molecules—which was regarded as the Absolute—into substances that could be discovered. It was believed that all matter was merely motion and could be broken down into atoms and molecules. Even living things—life itself—were regarded merely as a complex motion of atoms within living bodies. It was recognized that individual bodies could be broken down into their simple components: water, for example, into hydrogen and oxygen; sulfuric acid into hydrogen, sulfur, and oxygen. — But now we reach a limit where the methods of chemical research do not allow for further decomposition. Why is that? It is because our substances are based on simple elements. There are about seventy of them, and it is said that all our substances are combinations of these seventy elements, which in turn consist of atoms and molecules.

[ 16 ] Wie entsteht das Wasser? Dadurch, daß seine Elemente Sauerstoff und Wasserstoff, die sonst auseinander-, nebeneinanderliegen, sich ineinanderschieben. Das war es, auf was die Materialisten des 19. Jahrhunderts sich hauptsächlich stützten, daß man eine ganz bestimmte Anzahl von Elementen annahm. In jedem Chemiebuch können Sie sie finden: Wasserstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor, Fluor, Chlor, Brom, Jod und so weiter. Alles Lebendige und Leblose entstehe durch mehr oder weniger komplizierte Aneinanderlegung der Moleküle, und den Komplex, den man Menschenseele nennt — alles, was der Mensch an Gefühlen, Empfindungen, Vorstellungen, Idealen und so weiter in sich habe —, betrachtete man auch als nichts anderes als das Ergebnis des Zusammenwirkens seiner kompliziert zusammengefügten Atome und Moleküle. Zwar haben einzelne wie Haeckel gesagt, daß es ein Unding sei, das, was man Seele nennt, als bloßes Ergebnis des Zusammenwirkens lebloser kleiner Atome zu erklären. Haeckel bildete sich daher die Anschauung, daß das Atom für sich schon eine Seele habe. Er ist der Meinung, daß alle diese Atome, die einen solchen Organismus aufbauen, eine kleine Seele haben und daß die vielen kleinen Seelen die Menschenseele ergeben.

[ 16 ] How is water formed? It is formed when its elements—oxygen and hydrogen, which would otherwise lie apart or side by side—interlock. This was the main premise on which the 19th-century materialists based their views: the assumption that there is a very specific number of elements. You can find them in any chemistry textbook: hydrogen, oxygen, carbon, sulfur, phosphorus, fluorine, chlorine, bromine, iodine, and so on. Everything living and non-living arises through more or less complex arrangements of molecules, and the complex entity called the human soul—everything a person possesses in terms of feelings, sensations, ideas, ideals, and so on—was also regarded as nothing more than the result of the interaction of their intricately assembled atoms and molecules. Admittedly, some individuals, such as Haeckel, have argued that it is absurd to explain what is called the soul as merely the result of the interaction of tiny, inanimate atoms. Haeckel therefore developed the view that the atom itself already possesses a soul. He believes that all these atoms, which make up such an organism, have a small soul and that the many small souls together constitute the human soul.

[ 17 ] Nun, es ist wohl der kühnste, allerabenteuerlichste Aberglaube, von einer solchen Atomseele zu sprechen! Hier beginnt ein Kapitel naturwissenschaftlichen Aberglaubens, das dann hineinläuft in das, was man Zellenseele, Seelenzelle und dergleichen nennt. Das weiter zu verfolgen, würde uns zu weit führen. Für uns handelt es sich darum, den Sinn und den Geist der Naturwissenschaft, wie er sich dargeboten hat, zu charakterisieren. Aber wir blicken zurück in die Zeit, wo sich an die naturwissenschaftliche Suggestion angeschlossen hat eine Art materialistisches Bekenntnis. Dieses hat wirklich gewaltige geistige Folgen. Wer die Sachen nicht ernst nimmt, kann leicht darüber hinweggehen. Aber wahr ist es, daß dieses naturwissenschaftliche Bekenntnis jede Selbständigkeit der Seele und des Geistes ausschließt, daß es ausschließt, von Geist und Seele zu sprechen. Für diese Anschauung beginnt das, was die menschliche Seele erlebt, mit der ersten Regsamkeit des Organismus und verschwindet mit dem Zerfall des Organismus. Da ist der Mensch nichts anderes als eine aufgebaute Maschine, die, während der sechzig bis achtzig Jahre ihres Bestehens, aus sich heraus Erscheinungen erzeuge, wie Gedanken, Empfindungen und Gefühle, und wenn sie zerfalle, sei es aus, denn alle diese Erscheinungen seien nichts als die Zusammenfügung der Moleküle.

[ 17 ] Well, it is surely the boldest, most fanciful superstition to speak of such an “atomic soul”! Here begins a chapter of scientific superstition that then leads into what is called the “cell soul,” the “soul cell,” and the like. To pursue this further would take us too far afield. For us, the task is to characterize the meaning and spirit of natural science as it has presented itself. But we look back to the time when a kind of materialistic creed became attached to the influence of natural science. This has truly enormous intellectual consequences. Those who do not take these matters seriously can easily overlook them. But it is true that this scientific creed excludes any independence of the soul and the spirit; it precludes speaking of spirit and soul. According to this view, what the human soul experiences begins with the organism’s first stirrings and disappears with the organism’s decay. From this perspective, the human being is nothing more than a constructed machine that, during the sixty to eighty years of its existence, generates phenomena such as thoughts, sensations, and feelings from within itself; and when it decays, that is the end of it, for all these phenomena are nothing but the arrangement of molecules.

[ 18 ] So hat Vogt gedacht und alle jene, welche den kühnen, radikalen Schluß aus den naturwissenschaftlichen Voraussetzungen gezogen haben. Dann kam eine andere Partei in die Naturwissenschaft hinein. Einer ihrer Leute ist der berühmte Du Bois-Reymond. Er hat einen bedeutungsvollen Vortrag in einer Leipziger Naturforscherversammlung gehalten, in dem er etwas ins Gespräch hineingeworfen hat, das im Grunde genommen bis heute den Gegenstand vieler Besprechungen bildet und noch bilden muß. Er hat gesagt: Wir sind in der Naturwissenschaft so weit, daß sich in uns ein naturwissenschaftliches Ideal herausgebildet hat, das darin besteht, alles, was es gibt, zum Beispiel die Licht-, Farben- und Tonerscheinungen, zurückzuführen auf das Wirken von Atomen und Molekülen. Alles übrige ist Erscheinung; das aber sind die Realitäten. Alles, was entsteht, entsteht und besteht dadurch, daß sich diese in der Welt vorhandenen Atome aneinanderlagern, aneinanderstoßen, in schwingende Bewegung geraten. Wenn es möglich wäre — so meint Du Bois-Reymond —, für jede Erscheinung die entsprechende Bewegung und Lage der Atome anzugeben, dann wäre die Welt naturwissenschaftlich erklärt. Aber mit dieser naturwissenschaftlichen Erklärung sei etwas nicht erklärt und könne damit nicht erklärt werden. Du BoisReymond wies dazumal auch hin auf Lehren des großen deutschen Philosophen Leibniz. — Nehmt einmal an — so führte Du Bois-Reymond etwa aus —, ihr könntet ein menschliches Gehirn in allen seinen Bewegungen klar zergliedern und beschreiben, und nun denkt es euch vergrößert, so daß ihr darin spazierengehen könnt wie in dem Räderwerk einer Fabrik. Schaut hinein in das Ganze: Ihr werdet ungeheuer komplizierte Bewegungen darin sehen, ihr werdet Kompliziertheiten darin finden, mit denen sich nichts in der Welt vergleichen läßt; aber ihr werdet nur Bewegungen sehen. Den Übergang, der macht, daß man sagen kann: Ich rieche Rosenduft — den wird die Naturwissenschaft niemals erklären können. Hier liegt eine unüberschreitbare Grenze der Erkenntnis. Wie die menschliche Natur bewußt wird, das kann nicht erklärt werden. Daher spricht er sein «ignorabimus»: Wir werden niemals erkennen. — Er sagt also: Niemals wird die Möglichkeit geboten sein, diese Grenzen zu überschreiten, niemals wird der Mensch wissen, wie das Bewußtsein aus der Bewegung entsteht.

[ 18 ] That was Vogt’s thinking, and that of all those who drew bold, radical conclusions from the premises of the natural sciences. Then another faction entered the realm of the natural sciences. One of its members is the famous Du Bois-Reymond. He delivered a significant lecture at a meeting of natural scientists in Leipzig, in which he introduced a topic that, in essence, remains the subject of much discussion to this day—and must continue to be so. He said: We have reached a point in the natural sciences where a scientific ideal has taken shape within us, consisting in attributing everything that exists—for example, the phenomena of light, color, and sound—to the action of atoms and molecules. Everything else is a phenomenon; but these are the realities. Everything that comes into being arises and exists because these atoms, which are present in the world, aggregate, collide, and enter into oscillatory motion. If it were possible—so Du Bois-Reymond argues—to specify the corresponding motion and position of the atoms for every phenomenon, then the world would be explained scientifically. But with this scientific explanation, something remains unexplained and cannot be explained by it. Du Bois-Reymond also referred at the time to the teachings of the great German philosopher Leibniz. — Suppose for a moment — as Du Bois-Reymond put it, for example — that you could clearly analyze and describe a human brain in all its movements, and now imagine it magnified so that you could walk through it as if through the machinery of a factory. Look into the whole: You will see immensely complex movements within it; you will find complexities there that nothing in the world can compare to; but you will see only movements. The transition that makes it possible to say, “I smell the scent of roses”—that is something natural science will never be able to explain. Here lies an insurmountable limit to knowledge. How human consciousness arises cannot be explained. That is why he utters his “ignorabimus”: We will never know. — He is thus saying: There will never be an opportunity to cross these boundaries; humanity will never know how consciousness arises from movement.

[ 19 ] Du Bois-Reymond hat nicht nur dieses eine Rätsel vor die Welt hingestellt, sondern noch sechs andere. In «Die sieben Welträtsel» finden Sie, daß er zugibt, nicht zu begreifen, wie das Leben entstanden ist und wie die erste Verteilung der Materie zustande kam. Er gibt zu, daß die Materie von Anfang an verteilt gewesen, ineinandergelagert gewesen sein muß. Auf die Frage, woher die Bewegung kommt, sagt er: Niemals kann man das wissen! — Das alles zählt Du Bois-Reymond zu den sieben Welträtseln, und in Haeckels Buch «Die Welträtsel» können Sie lesen, daß dieses als eine Art Erwiderung auf Du Bois-Reymonds «Sieben Welträtsel» geschrieben worden ist. Dann heißt es weiter: Es ist wahr, daß es siebzig Elemente gibt, die aus Stoffen bestehen, die durchaus verschieden sind in bezug auf die einzelnen Elemente; aber alles entsteht durch die Aneinanderlagerung der Atome und Moleküle. — Eines nahm man eben als feststehend an: die Unveränderlichkeit der Atome. Was Atom ist, bleibt ein Atom. Das ist ein Satz, den Büchner immer wieder und wieder betont: Die Bewegung der Atome ändert sich, aber was ein Atom Schwefel, ein Atom Sauerstoff und so weiter ist, das bleibt ein Atom Schwefel, ein Atom Sauerstoff. Das ist das, was nun verkündigt wurde als die Unveränderlichkeit der Stoffe in den Elementen, die Ewigkeit der Atome. In den « Welträtseln» betont Haeckel nichts stärker als die Ewigkeit des Stoffes. Das war die eine Sache, die man festlegte. Und das andere, was Du Bois-Reymond festlegte, war, daß der Naturwissenschaft Grenzen gesetzt sind: Niemals könne man erkennen, wie das Bewußtsein entsteht.

[ 19 ] Du Bois-Reymond has not only presented this one mystery to the world, but six others as well. In *The Seven World Riddles*, you will find that he admits to not understanding how life originated or how the initial distribution of matter came about. He admits that matter must have been distributed and interwoven from the very beginning. When asked where motion comes from, he says: “One can never know that!” — Du Bois-Reymond counts all of this among the seven world mysteries, and in Haeckel’s book *The World’s Mysteries*, you can read that it was written as a kind of response to Du Bois-Reymond’s *Seven World Mysteries*. It goes on to say: It is true that there are seventy elements, consisting of substances that are quite different with respect to the individual elements; but everything arises through the arrangement of atoms and molecules. — One thing was simply taken for granted: the immutability of atoms. What is an atom remains an atom. This is a statement that Büchner emphasizes again and again: The motion of atoms changes, but what is an atom of sulfur, an atom of oxygen, and so on, remains an atom of sulfur, an atom of oxygen. This is what was now proclaimed as the immutability of matter in the elements, the eternity of atoms. In *The Riddles of the Universe*, Haeckel emphasizes nothing more strongly than the eternity of matter. That was the one thing that was established. And the other thing that Du Bois-Reymond established was that there are limits to natural science: one could never understand how consciousness arises.

[ 20 ] Auf der Grundlage dieser Voraussetzungen bildeten sich verschiedene, man könnte sagen Gruppen. Die einen sagten: Wie die Dinge auch immer stehen mögen, wir bleiben bei unserer alten religiösen Überzeugung. Wir lassen die Forscher denken, was sie wollen, wir glauben; aber in bezug auf die Wissenschaft halten wir uns an die festgestellten Tatsachen. — Die anderen, kühneren, sagten: Gewiß, wenn das wahrhaft Wirkliche die in Bewegung begriffenen Atome, die siebzig Elemente und dazwischen die Ätheratome sind, so ist alles übrige eine Erscheinung, die nur so lange besteht, als eine Bewegungsform besteht. — Das ist nun nicht mehr Wissenschaft, das ist Bekenntnis! Das ist etwas, was übergreift auf alles, was die geistige Welt betrifft, die für ein solches Bekenntnis nichts anderes ist als eine Erscheinungsform der rein materiellen Tatsachen.

[ 20 ] Based on these premises, various groups—one might say—formed. Some said: Whatever the case may be, we will stick to our old religious convictions. “Let the researchers think what they will; we believe—but when it comes to science, we stick to the established facts.” — The others, the bolder ones, said: “Certainly, if what is truly real consists of atoms in motion, the seventy elements, and the ether atoms in between, then everything else is a phenomenon that exists only as long as a form of motion exists.” — That is no longer science; that is a creed! It is something that extends to everything pertaining to the spiritual world, which, for such a creed, is nothing more than a manifestation of purely material facts.

[ 21 ] Es war schon ein kühnes Wagnis, als auf der Lübecker Naturforscherversammlung, Ende der achtziger Jahre, der Chemiker Wilhelm Ostwald einen Vortrag hielt: «Die Überwindung des wissenschaftlihen Materialismus.» Ostwald zeigte, daß für das logische Denken der Stoffbegriff überhaupt in nichts zerfällt. Man kann ja sehr leicht dieses logisch-konsequente Denken entfalten: Was sehen Sie denn in der Welt? Sie sehen Körper! Was sind diese Körper? Sie sind etwas, was eine gewisse Farbe, einen gewissen Glanz, eine gewisse Wärme hat, etwas, was Sie hören können, was Sie riechen und schmecken können. Versuchen Sie, alles das, was Sie an solchen Körpern wahrnehmen, festzuhalten. Wenn Sie dann das, was Sie wahrnehmen als Geruch, Geschmack, Tastbares und so weiter wegnehmen, was bleibt Ihnen da? Rein gar nichts! Ein Körper ist vor dem logischen Denken nichts weiter als ein Konglomerat, die Summe seiner Eigenschaften.

[ 21 ] It was quite a bold move when, at the Lübeck Naturalists’ Conference in the late 1880s, the chemist Wilhelm Ostwald delivered a lecture titled “Overcoming Scientific Materialism.” Ostwald demonstrated that, for logical thinking, the concept of matter does not break down into anything at all. It is, after all, very easy to develop this logical and consistent line of thought: What do you see in the world? You see bodies! What are these bodies? They are things that have a certain color, a certain luster, a certain warmth—things you can hear, smell, and taste. Try to capture everything you perceive in such bodies. If you then remove what you perceive as smell, taste, touch, and so on, what is left? Absolutely nothing! To logical thinking, a body is nothing more than a conglomerate, the sum of its properties.

[ 22 ] Was war es, was man dem Licht, der Farbe zugrunde gelegt hat? Nichts als Ätherbewegung! Den ganzen Raum erfüllte man mit Äther. Wer mit der theoretischen Physik bekannt ist, weiß, wie man Ätherwellen und so weiter berechnet, und daß alles, was man da findet, Ergebnis von Rechnungen ist. Niemals kann der Äther Gegenstand der unmittelbaren Beobachtung sein. Wenn er die wahrnehmbaren Dinge hervorbringen soll, wie sollte man ihn selbst wahrnehmen? Der Äther war der phantastischste Gedanke, den man nur annehmen konnte. So fußt also die Naturwissenschaft auf etwas rein Ausgedachtem. Niemals ist etwas anderes als ein Rechnungsresultat dagewesen. Das Absolute und Sicherste, was für das naturwissenschaflliche Denken da sein sollte, war nichts anderes als etwas Errechnetes. In meiner «Philosophie der Freiheit» können Sie nachlesen, wie dieser Gedanke sich selbst aufhebt, so daß er zu vergleichen ist mit Münchhausen, der sich am eigenen Schopf in die Höhe zieht. Das ist dort klargemacht. Aber auf die Menschen, und wenn sie glauben noch so exakt zu sein, wirken niemals logische Gründe, niemals wirkliche Tatsachen, sondern Suggestionen. Es wirken alle möglichen Begriffe, die durch tausend und aber tausend Kanäle durch die Seelen ziehen. So waren die Elemente und Atome eine selbstverständliche Voraussetzung geworden auch bei denen, die keine Möglichkeit hatten, die Sache zu überschauen, und die gar nicht wußten, warum man solche Dinge annimmt. Es war eine allgemeine Suggestion.

[ 22 ] What was the basis for light and color? Nothing but the movement of the ether! The entire space was filled with ether. Anyone familiar with theoretical physics knows how to calculate ether waves and so on, and that everything one finds there is the result of calculations. The ether can never be the object of direct observation. If it is supposed to produce perceptible things, how could one perceive it itself? The ether was the most fantastical idea one could possibly conceive. Thus, natural science is based on something purely imaginary. It has never been anything other than the result of a calculation. The most absolute and certain thing that was supposed to exist for scientific thought was nothing other than something calculated. In my *Philosophy of Freedom*, you can read how this idea negates itself, so that it can be compared to Münchhausen pulling himself up by his own hair. This is made clear there. But what influences people—no matter how precise they believe themselves to be—are never logical reasons, never real facts, but rather suggestions. All manner of concepts, flowing through the soul via thousands upon thousands of channels, exert their influence. Thus, the elements and atoms had become a self-evident given even among those who had no way of grasping the matter as a whole and who did not even know why such things were assumed. It was a general suggestion.

[ 23 ] In diese Zeit fiel nun einer der größten und schönsten Fortschritte der menschlichen Erforschung der Natur, nämlich die Erforschung des Lebendigen, wie sie durch Darwin so populär gemacht worden war. Jene schöne, unendliche Fülle von Tatsachen, die da der Welt bekannt geworden sind, sie war so, daß man sagen mußte: Wäre sie hineingefallen in eine geistige Zeit, wo man gewußt hätte, daß allen materiellen Erscheinungen Geist zugrunde liegt, dann hätte man gerade in diesen Tatsachen unzählige Gründe für das Wirken und Wesen des Geistes gefunden. In der Umwandlung und Umgestaltung der Organismen hätte man das Walten und Wirken des Geistes gefunden. Der Darwinismus hat niemals den Materialismus erzeugt. Der Materialismus, der aus den Vorstellungen, wie ich sie eben charakterisiert habe, kommt, hat den Darwinismus materialistisch gemacht. Er hat auch einen so hochsinnigen Denker und Forscher wie Ernst Haeckel materialistisch gemacht. Während Haeckel durch seine schönen Forschungen Großartiges hätte leisten können für die Geisteswissenschaft, ist er durch die suggestiven Einflüsse seiner Zeit in das materialistische Fahrwasser gekommen.

[ 23 ] It was during this period that one of the greatest and most beautiful advances in humanity’s exploration of nature took place—namely, the study of living organisms, as popularized by Darwin. That beautiful, infinite wealth of facts that had become known to the world was such that one had to say: Had it come into a spiritual age, when it had been known that all material phenomena are based on spirit, then one would have found in these very facts countless reasons for the workings and nature of the spirit. In the transformation and reshaping of organisms, one would have found the reign and workings of the spirit. Darwinism never gave rise to materialism. Materialism, which arises from the ideas I have just characterized, has made Darwinism materialistic. It has also turned even a thinker and researcher as profound as Ernst Haeckel into a materialist. While Haeckel could have made a magnificent contribution to spiritual science through his beautiful research, he was led into the materialistic current by the suggestive influences of his time.

[ 24 ] Wenn die Sache heute noch so stünde, dann könnte man gar nicht daran denken, von Geisteswissenschaft zu reden, und vorläufig ist es auch noch unmöglich, diejenigen, welche auf dem Boden der naturwissenschaftlichen Erklärungen stehen, zu überzeugen. Man muß sie ihre eigenen Wege gehen lassen, und der Geistesforscher muß auch seine Wege gehen. Wenn das heute noch so wäre wie damals, dann müßte man sagen: Die Geistesforschung kann sich in sich selbst zufrieden geben. — Aber die Dinge haben sich geändert. Gerade die, welche alles, was als Naturwissenschaft gilt, mitgemacht haben, haben auch mitansehen können, wie sich, wenn auch nur langsam, der größte Umschwung gerade auf dem Gebiete des naturwissenschaftlichen Denkens vollzieht. Es werden Zeiten kommen, wo man nicht wird begreifen können, daß man jemals so etwas hat denken können, wie es heute noch populär ist. Wohl kann es scheinen, als ob die Naturwissenschaft in unserer Gegenwart siegreich vordringen würde mit dieser materialistischen Weltanschauung, als ob es durch wohlvorbereitete Untersuchungen gelingen würde, Lebendiges aus dem Eiweiß im Laboratorium zu erzeugen. Dann würden sie sagen, wir können den lebendigen Stoff erzeugen, aus dem sich ganze Lebewesen zusammensetzen, und es gibt ja da für den Naturforscher geradezu entzückende Tatsachen, die zeigen, daß man leblose Substanz mit gewissen Giftsubstanzen behandeln kann, wodurch Wirkungen sich ergeben, die ähnlich einer Vergiftungserscheinung auftreten. Die daraus resultierenden Stoffe sehen aus wie lebendige Kristalle: durch ihre Form machen sie den Eindruck, lebendig zu sein, obgleich sie es noch nicht sind. So kann man denken, daß man dahin kommen wird, zu zeigen, wie aus Molekülen und Atomen das Leben und auf der anderen Seite der Geist hervorgeht.

[ 24 ] If things were still that way today, one could not even think of speaking of spiritual science, and for the time being it is still impossible to convince those who stand on the ground of scientific explanations. One must let them go their own way, and the spiritual researcher must also go his own way. If things were still the same today as they were back then, one would have to say: Spiritual research can be content with itself. — But things have changed. Precisely those who have been involved in everything considered to be natural science have also been able to witness how, albeit slowly, the greatest upheaval is taking place precisely in the realm of scientific thinking. There will come a time when people will not be able to comprehend how anyone could ever have thought the way that is still popular today. It may well seem as though natural science is currently making triumphant strides with this materialistic worldview, as though well-prepared experiments were succeeding in creating living organisms from protein in the laboratory. Then they would say, “We can produce the living substance from which entire living beings are composed,” and indeed there are facts that are downright delightful for the natural scientist, showing that inanimate matter can be treated with certain toxic substances, resulting in effects that resemble symptoms of poisoning. The resulting substances look like living crystals: their form gives the impression that they are alive, even though they are not yet. Thus, one might imagine that we will eventually be able to demonstrate how life—and, on the other hand, the mind—arises from molecules and atoms.

[ 25 ] Das scheint auf der einen Seite vorzuliegen. Und auf der anderen Seite, was liegt da vor? Etwas, was stärker wirken wird als alles, was Ostwald vom Standpunkte einer naturwissenschaftlichen Logik gegen den Materialismus gesagt hat. Da sehen wir, wie sich langsam vorbereitet eine andere naturwissenschaftliche Denkart und wie dies eine Notwendigkeit wird. In der Mitte der neunziger Jahre war es, daß Becquerel, der große physikalische Forscher, an gewissen Substanzen, die Uran enthielten, das Vorhandensein gewisser Ausstrahlungen entdeckte. Diese haben ganz bestimmte Wirkungen, die sich dadurch äußern, daß sie die Luft elektrisch leitend machen oder eine gewisse Veränderung der photographischen Platte hervorrufen, wie zum Beispiel die X-Strahlen. Sie wissen, daß man in der neuesten Zeit auch dazu gekommen ist, solche Strahlen im Zusammenhang mit dem, was man das Element des Radiums nennt, zu finden. Aber so interessant es ist, daß es etwas gibt, was man früher nicht gekannt hat, die ganze Art und Wirkensweise dieser Strahlen war so fremd, so ganz anders als die Vorstellungen, die man bisher hatte, daß viele heute bereits dazu gekommen sind, sich erschüttern zu lassen in ihrer Anschauung, daß die Atome etwas Absolutes seien, ewig dauern und nur sich in- und aneinanderlagern. Wir haben da Substanzen, welche sich ganz sonderbar benehmen im Weltzusammenhang, eben wie das Radium und das Uran. Sie strahlen aus, besonders das Radium, aber ihre Strahlungen sind schier unerschöpflich. Das alles würde sich mit der alten Anschauung vertragen; aber das Wichtigste ist, daß man einen solchen Stoff wie das Radium ausstrahlen lassen kann, daß man gewisse Teile abtrennen und einen Teil zurückbehalten kann; daß es zum Beispiel solche Ausstrahlungen gibt, welche die Luft elektrisch machen, und die man dann so abtrennen kann, daß man ihre Wirkung auf der photographischen Platte hat. Es ist so, daß man die verschiedenen Eigenschaften abtrennen kann, so daß man Substanzen hat, die nicht mehr die ersten Eigenschaften haben. Eine Eigenschaft wird der einen Substanz weggenommen und die andere bekommt sie. In jeder Buchhandlung können Sie heute Abhandlungen darüber bekommen.

[ 25 ] On the one hand, that seems to be the case. And on the other hand, what do we have here? Something that will have a greater impact than anything Ostwald ever said against materialism from the standpoint of scientific logic. Here we see how a different scientific way of thinking is slowly taking shape and how this is becoming a necessity. It was in the mid-1890s that Becquerel, the great physicist, discovered the presence of certain types of radiation in certain substances containing uranium. These have very specific effects, which manifest themselves by making the air electrically conductive or by causing a certain change in a photographic plate, such as X-rays. As you know, it has recently been discovered that such rays are also associated with what is called the element radium. But as interesting as it is that there is something previously unknown, the entire nature and mode of action of these rays were so strange—so completely different from the ideas held until now—that many have already begun to question their belief that atoms are something absolute, eternal, and merely arranged within and alongside one another. We have substances here that behave quite strangely in the context of the universe, just like radium and uranium. They emit radiation—especially radium—but their radiation is virtually inexhaustible. All of this would be consistent with the old view; but the most important point is that a substance like radium can be made to emit radiation, that certain components can be separated and one component retained; that, for example, there are such emissions that electrify the air, and which can then be separated in such a way that their effect is captured on a photographic plate. The fact is that one can separate the various properties, so that one ends up with substances that no longer possess their original properties. A property is taken away from one substance and given to another. You can find treatises on this subject in any bookstore today.

[ 26 ] Das ist aber noch nicht das Bedeutsame. Bedeutsam ist, daß endlos immer wieder Strahlen sich lostrennen und wieder hinaus nach dem Weltenraum gehen. Allerdings zwingen gewisse Gründe dazu, anzunehmen, daß sich diese Strahlen doch einmal erschöpfen. Man kann heute schon nachweisen, daß gewisse Substanzen in kurzer Zeit, in einer kaum auszusprechenden Zeit sich mindern, daß aber die Substanzen, welche sich loslösen können, merkwürdigerweise sich umwandeln in ganz andere Substanzen, so daß für eine große Anzahl von Forschern die Tatsache vorliegt, daß Ausstrahlungen des Radiums sich umwandeln in das sogenannte Helium.

[ 26 ] But that is not the most significant point. What is significant is that rays are constantly breaking away and traveling out into outer space. However, certain reasons compel us to assume that these rays will eventually be exhausted. It can already be demonstrated today that certain substances diminish within a short time—a time that is almost impossible to express—but that the substances capable of being released are, strangely enough, transformed into entirely different substances, so that for a large number of researchers, the fact remains that radium emissions are transformed into what is known as helium.

[ 27 ] Wir sehen, daß das Radium in den Weltenraum hinaus seine Ausstrahlungen sendet. Nach der alten Theorie, was müßte da geschehen? Es könnten sich doch höchstens die Atome loslösen, trennen, wenn sie etwas Unveränderliches sind. Da sehen wir aber, daß sie fortwährend Ausstrahlungen aussenden, und wir können nun nichts anderes annehmen, als daß die Atome bis ins kleinste hinein zerfallen, zersplittern. Andere zeigen uns wieder klar, daß für eine große Anzahl von Stoffen dieser Zerfall der Atome möglich ist. So sehen wir, daß dasjenige, was man für das Dauerhafteste gehalten hat, für das Absolute — während alles andere nur als ein Ergebnis davon galt —, heute auch zerfällt. Das zerstäubt heute. Und es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß es mit allen Atomen so geht. Was wird also das Atom in der Zukunft sein? Es wird etwas sein, was entsteht und sich bildet. Jedes Atom bildet sich, hat eine bestimmte Lebenszeit und löst sich nach einer bestimmten Zeit wieder auf. Da haben Sie das, was für den Materialismus das Festeste war, das Atom, in ein Wesen verwandelt, das entsteht und vergeht. Wenn man sieht, daß das Radium übergeht in das Heliumelement, so sieht man eben, daß da Stoff sich in Stoff verwandelt. Da kommt man darauf, daß der alte Alchimistentraum, daß sich Stoffe in andere Stoffe verwandeln lassen, doch Wirklichkeit hat.

[ 27 ] We see that radium emits its radiation out into space. According to the old theory, what would have to happen there? At most, the atoms could break away or separate, if they were unchanging. But we see that they are constantly emitting radiation, and we can now assume nothing else but that the atoms disintegrate and shatter down to the smallest particles. Others clearly show us that this disintegration of atoms is possible for a large number of substances. Thus we see that what was once considered the most enduring—the Absolute—while everything else was regarded merely as a result of it—is now also disintegrating. It is disintegrating today. And there is well-founded hope that this is the case with all atoms. So what will the atom be in the future? It will be something that comes into being and takes shape. Every atom forms, has a specific lifespan, and dissolves again after a certain time. There you have it: what was the most solid thing for materialism—the atom—transformed into an entity that comes into being and passes away. When one observes that radium transforms into the element helium, one sees precisely that matter is transforming into matter. This leads one to conclude that the old alchemist’s dream—that substances can be transformed into other substances—is, after all, a reality.

[ 28 ] In manchen Büchern finden wir schon Andeutungen, daß die modernen naturwissenschaftlichen Forschungen uns etwas nahelegen, was die Alchimisten geträumt haben. Es gibt schon Naturforscher, die interessante Betrachtungen angestellt haben über gewisse Vorgänge. Früher hat man gesagt, es gibt Kupfersalze, die zum Beispiel zusammengefügt sind aus Kupfer und Chlor. Wenn man diese trennt, so hat man wieder Kupfer und Chlor. Daran sehe man, daß die Atome zusammenliegen, und wenn man sie wieder auseinandertreibt, dann ist es Chlor und Kupfer. Allerdings ist einigen Menschen, die angefangen haben zu denken, eines aufgefallen, was wesentlich ist, und was der Geisteswissenschafter immer wieder betonen muß: Wenn Sie die Stoffe, die Sie als Kupfer und Chlor getrennt haben, wieder vereinigen, so ist dies nicht anders möglich, als daß dabei Wärme entsteht. Wenn sich diese zwei Substanzen vereinigen, so wird Wärme verbreitet. Daß da Wärme erscheint, ist doch etwas ebenso Reales und Wirkliches wie das durch Kupfer und Chlor Zusammengefügte. Wenn man diese beiden wieder trennen will, so muß man die Wärme wieder hinzufügen. Die Wärme nehmen wir wahr. Atome und Moleküle hat nie jemand wahrgenommen. Sehen wir es aber der Erscheinung nicht gleichsam an, was da vorliegt? Wenn Sie Kupfer und Chlor zusammenbringen, so ist das, wie wenn Sie die Wärme herauspreßten, gleichsam wie Mehl aus den Mehlsäcken. Wenn man die Mehlsäcke dann wieder voll haben will, so muß man eben wieder Mehl hineintun. Die Wärme würde also eine Füllung sein. — Damit haben wir der Wärme eine Wirklichkeit zugeschrieben und klargelegt, daß man nicht nur mit molekularer Wirkung zu rechnen hat, sondern daß diese Stoffe selbst nur durch diese Wärme möglich sind.

[ 28 ] In some books, we already find hints that modern scientific research suggests something that the alchemists had dreamed of. There are already natural scientists who have made interesting observations about certain processes. In the past, it was said that there are copper salts composed, for example, of copper and chlorine. If you separate them, you end up with copper and chlorine again. This shows that the atoms are bound together, and when you drive them apart again, you get chlorine and copper. However, some people who have begun to think have noticed something essential—something that the spiritual scientist must emphasize time and again: When you recombine the substances you have separated as copper and chlorine, this cannot happen without heat being generated. When these two substances combine, heat is released. The fact that heat appears is just as real and tangible as the compound formed by copper and chlorine. If you want to separate these two again, you must add the heat back in. We perceive heat. No one has ever perceived atoms or molecules. But don’t we, as it were, see from the phenomenon itself what is actually happening? When you bring copper and chlorine together, it is as if you were squeezing out the heat, much like flour from sacks of flour. If you then want the sacks of flour to be full again, you simply have to put flour back into them. Heat, then, would be a filling. — With this, we have attributed a reality to heat and made it clear that we must account not only for molecular action, but that these substances themselves are only possible through this heat.

[ 29 ] Wenn wir nun in Betracht ziehen, daß die Atome unter unseren Händen zerfallen, so müssen wir uns fragen: Führt diese Naturwissenschaft auf ihrem Scheidewege, wo die Atome — das bis jetzt Sicherste — zerstäuben, dahin, dasjenige anzuerkennen, was sie früher nur als äußeren Ausdruck, als Erscheinung betrachtet hat? Das ist es, wozu die Naturwissenschaft heute führt! Die ganze atomistische Theorie, die lange Zeit die Unterlage der Naturwissenschaft gewesen ist, wankt heute. Heute sind die Tatsachen so, daß die Theorien, die nicht auf Tatsachen beruhen, fallen müssen. Atome und Moleküle sind nichts Tatsächliches, sondern Erdachtes. Wenn das fällt, weil es selbst. eine Wirkung ist, so müssen wir fragen: Wovon ist es eine Wirkung? Zunächst werden die Menschen versuchen, wieder dahin zu kommen, daß etwas anderes zugrunde liegt. Heute sind sie schon dabei, von einer flüssigen Elektrizität zu sprechen. Sehr schön ist das, was der englische Minister Balfour gesagt hat: Wenn wir uns heute Atome vorstellen, so können wir nur sagen, es flutet etwas durch die Welt wie eine Flüssigkeit, und die Atome sind darin wie Eisklumpen im Wasser. — Das ist eine schöne Vorstellung. Aber wohin führt sie? Versuchen Sie einmal, sie weiterzuführen. Sie führt dahin, daß die Naturwissenschaft dazu kommt, dasjenige, was sie früher geleugnet hat, was früher nur Erscheinung für sie war, als das eigentlich Wirkliche und Reale zu erkennen. Das war ein sonderbarer Glaube, daß das, was Farbe ist und was ich Rot nenne, nur in meinem Kopfe existiert, daß draußen nur kleine Kügelchen existieren, die sich stoßen und pressen und dadurch die Licht-, Farben- und Schallempfindungen hervorbringen. Diese Vorstellungen werden bald verschwinden müssen durch die Macht der Tatsachen. Klar wird es werden, daß das, was wir sehen und hören, Wirklichkeit ist, und daß es eine tolle Phantastik war, hinter dieser Welt eine materielle Welt zu denken. Diese materielle Welt wird zerstäuben und zerfallen. Anerkannt wird werden, was dahinter ist. Dann wird nachrücken müssen, was man erlebt und erleben kann. Dann wird man erkennen, daß das Atom nichts anderes sein kann als gefrorene Elektrizität, gefrorene Wärme, gefrorenes Licht. Und dann wird man noch weitergehen müssen, daß man in allem verdichteten und gebildeten Geist zu sehen hat. Materie gibt es nicht! Was Materie ist, verhält sich zum Geist wie Eis zum Wasser. Lösen Sie das Eis auf, so gibt es Wasser. Lösen Sie Materie auf, so verschwindet sie als Materie und wird Geist. Alles, was Materie ist, ist Geist, ist die äußere Erscheinungsform des Geistes.

[ 29 ] If we now consider that atoms are disintegrating right before our eyes, we must ask ourselves: At this crossroads—where atoms, which until now were considered the most certain reality, are disintegrating—is natural science leading us to acknowledge that which it previously regarded only as an external expression, as a phenomenon? That is precisely where natural science is leading us today! The entire atomistic theory, which has long been the foundation of natural science, is now faltering. Today, the facts are such that theories not based on facts must fall. Atoms and molecules are not real; they are mere constructs. If this falls because it is itself an effect, then we must ask: Of what is it an effect? At first, people will try to return to the idea that something else underlies it all. Today they are already talking about a “fluid electricity.” What the British Minister Balfour said is very beautiful: When we imagine atoms today, we can only say that something is flowing through the world like a fluid, and the atoms are in it like chunks of ice in water. — That’s a beautiful idea. But where does it lead? Try to take it a step further. It leads to the point where natural science comes to recognize as the truly real and actual that which it previously denied—that which was once merely an appearance to it. It was a strange belief that what is color—and what I call red—exists only in my mind, that out there there are only tiny particles colliding and pressing against one another, thereby producing sensations of light, color, and sound. These notions will soon have to disappear under the weight of the facts. It will become clear that what we see and hear is reality, and that it was a wild fantasy to imagine a material world lying behind this one. This material world will disintegrate and crumble. What lies beyond it will be recognized. Then what one experiences and is capable of experiencing will have to take its place. Then one will realize that the atom can be nothing other than frozen electricity, frozen heat, frozen light. And then one will have to go even further, to see that in everything there is condensed and formed spirit. Matter does not exist! Matter relates to spirit as ice relates to water. Dissolve the ice, and you have water. Dissolve matter, and it disappears as matter and becomes spirit. Everything that is matter is spirit; it is the outer manifestation of spirit.

[ 30 ] Es wird noch lange dauern, bis man diese letzte Konsequenz ziehen muß, daß nicht das Auge das Licht, sondern das Licht das Auge gebildet hat, und die Töne, die wir hören, das Ohr. Dann wird man dahin kommen, einzusehen, daß alle Materie aus dem Geist heraus geboren ist, und man wird die wahren naturwissenschaftlichen Tatsachen, ohne logische Unterbrechung, in die Geisteswissenschaft herüberleiten. Die schönste Grundlage für die Geisteswissenschaft werden die naturwissenschaftlichen Tatsachen sein. Wer auf dem geistesforscherischen Standpunkt steht, betrachtet bewundernd die Naturwissenschaft am Scheideweg. Die Suggestionen haben sie zu dem Glauben verführt, daß die Materie das einzige ist. Sie haben sich nicht damit begnügt, die materielle Welt zu untersuchen, sondern sie haben noch eine andere Welt dazu erdacht. Das war die Tragik, das Unmögliche. Die vorliegende natürliche Welt erkennt der Geistesforscher voll an. Die erdachte und phantasierte Welt von unveränderlichen Atomen und Schwingungen des erdachten Äthers, diese erträumte und phantastische Welt des Materialismus kann der Geisteswissenschafter niemals zu der seinigen machen. Er weist sie als Aberglauben zurück. Und Aberglaube war der Glaube an materielle Atome hinter unseren Wahrnehmungen. Jedes Atom würde sich wahrnehmen lassen, wenn man die Instrumente dazu hätte, so hieß es. — Nichts steckt hinter dem, was wir wahrnehmen, als nur der Geist und die geistige Welt, in die wir eindringen! Das ist es, was wir suchen hinter den Erscheinungen. Nicht eine durcheinanderwogende Atomwelt, sondern die Welt des Geistes suchen wir in der Welt der sinnlichen Erscheinungen. Auf dem Holzwege ist, wer hinter den äußeren Erscheinungen eine andere materielle Welt zu finden glaubt. Diejenigen, die heute noch darauf bauen wie auf Tatsachen, werden sich berichtigen lassen müssen. Es wird die Zeit kommen, wo dieser phantastische Aberglaube als solcher erkannt werden wird und wo vieles von dem, was man heute von dieser Seite als Aberglauben ansieht, sich als richtig erweisen wird.

[ 30 ] It will be a long time before we are forced to draw this ultimate conclusion: that it is not the eye that created light, but light that created the eye, and the sounds we hear that created the ear. Then we will come to realize that all matter is born of the spirit, and we will be able to carry the true scientific facts over into spiritual science without any logical break. The scientific facts will form the most beautiful foundation for spiritual science. Anyone who stands on the spiritual-scientific standpoint looks with admiration upon natural science at this crossroads. Suggestions have led them to believe that matter is the only reality. They have not been content merely to investigate the material world; rather, they have conceived of yet another world alongside it. That was the tragedy, the impossibility. The spiritual scientist fully acknowledges the natural world as it is. The imagined and fantasized world of unchanging atoms and vibrations of the imagined ether—this dreamt-up and fantastical world of materialism—the spiritual scientist can never make his own. He rejects it as superstition. And superstition was the belief in material atoms lying beyond our perceptions. It was said that every atom could be perceived if we had the instruments to do so. — There is nothing behind what we perceive but the spirit and the spiritual world into which we penetrate! That is what we seek behind appearances. We seek not a world of atoms in chaotic motion, but the world of the spirit within the world of sensory appearances. Anyone who believes they can find another material world behind external appearances is on the wrong track. Those who still rely on this as fact today will have to be corrected. The time will come when this fanciful superstition will be recognized as such, and when much of what is today regarded as superstition from this perspective will prove to be true.

[ 31 ] Das richtige Grundprinzip der Naturwissenschaft, das Stehenbleiben auf dem Boden der Tatsachen, führt die Naturwissenschaft selbst an den Scheideweg, wo sich herausstellt, ob die Tatsachen den Theorien recht geben. Und die Tatsachen geben ihnen nicht recht, die Theorien zerstäuben wie nichts! Das, was als die festeste Grundlage angesehen worden ist, das, woraus man den Geist und das Bewußtsein hat erklären wollen: das Element und das Atom, das zerfällt. Was wir wollen, ist Gewißheit, und die können wir nur dadurch bekommen, daß wir in uns den Geist wahrnehmen.

[ 31 ] The true fundamental principle of natural science—sticking to the facts—leads natural science itself to a crossroads where it becomes clear whether the facts support the theories. And the facts do not vindicate them; the theories vanish into thin air! That which has been regarded as the firmest foundation—that from which one has sought to explain the spirit and consciousness—the element and the atom—is disintegrating. What we want is certainty, and we can obtain it only by perceiving the spirit within ourselves.

[ 32 ] So wird die Naturwissenschaft in die Geisteswissenschaft einmünden. Heute steht sie am Scheidewege. Mancher erkennt ihn noch nicht, andere können ihn sehen. Es wird die Zeit kommen, wo eine wunderbare Harmonie bestehen wird zwischen der Erkenntnis naturwissenschaftlicher Tatsachen und dem, was die Geisteswissenschaft behauptet. Nie wird sie etwas behaupten, was dem widerspricht, was die Naturwissenschaft gefunden hat. Die Geisteswissenschaft bewundert auch heute die Werke des Geistes im Materialismus; aber sie errichtet sich kein Wolkenkuckucksheim. Die Geisteswissenschaft will die Welt verstehen, um in ihr zu wirken. Vor ungefähr hundert Jahren hatte man in Deutschland eine Naturwissenschaft, die mit vollen Segeln in den Materialismus des 19. Jahrhunderts hineinführte, eine Naturwissenschaft, die anfing, nichts anderes anzuerkennen als das, was man mit Augen sehen und mit Händen greifen kann. Die Folge davon war, daß auch das, was erdacht wurde, ein Materielles, ein Konkretes wurde. Die großen Philosophien, die in Ausdrücken und Begriffen, die nicht jedermanns Sache waren, sich bewegten, wurden beiseite geschoben. Die Leute, die über Hegel und Schelling den Stab brechen, verstehen aber in der Regel gar nichts von diesen Geistern, die so tief hineingesehen haben in die Welt, wie kaum einer von denen, die heute über sie hinaus zu sein glauben, es ahnt. Es waren allerdings stark sublimierte Begriffe, dünne Begriffe, in denen sie sich bewegten.

[ 32 ] Thus, natural science will merge with spiritual science. Today it stands at a crossroads. Some do not yet recognize it, while others can see it. The time will come when there will be a wonderful harmony between the knowledge of scientific facts and what spiritual science asserts. It will never assert anything that contradicts what the natural sciences have discovered. Even today, the spiritual sciences admire the works of the spirit within materialism; but they do not build castles in the air. The spiritual sciences seek to understand the world in order to work within it. About a hundred years ago, Germany had a natural science that was sailing full steam ahead into 19th-century materialism—a natural science that began to recognize nothing other than what could be seen with the eyes and grasped with the hands. The consequence of this was that even what was conceived in the mind became something material, something concrete. The great philosophies, which operated in terms and concepts that were not to everyone’s taste, were pushed aside. However, the people who pass judgment on Hegel and Schelling generally understand nothing at all of these minds, which looked so deeply into the world in a way that hardly any of those who today believe themselves to have moved beyond them can even imagine. Admittedly, they operated within highly sublimated concepts—abstract concepts.

[ 33 ] Goethe stand zwischen diesen zwei Parteien mitten drinnen. Er konnte daher ahnen, wie die Naturwissenschaft in den Materialismus hineinsegeln würde, und er fand auf der anderen Seite Gelegenheit, hineinzudringen in die Probleme und die Verbindungsbrücke zu schlagen zwischen Religion und Naturwissenschaft. Deshalb konnte er so schön sagen, daß einmal die Zeit kommen würde, wo die Philosophie und die Naturwissenschaft sich vereinigen werden. Aber, so fügte er hinzu, eine Weile müssen sie noch getrennte Wege gehen. — Sie sind getrennte Wege gegangen, ohne Verständnis der einen Strömung für die andere. Heute haben wir auch zwei Strömungen, den Materialismus, der sich selbst überlebt hat, der durch seine eigene Methode seine festeste, absoluteste Grundlage in der Hand zerfallen sieht, der sich selbst zerstört, und eine Philosophie, die in die Theosophie oder Geisteswissenschaft einmündet; die nicht das Abstrakt-Geistige, sondern das Konkret-Geistige, die Tatsachen der höheren Welt der Menschheit vorzuführen sucht, die nicht mehr als abstrakte, sondern als konkrete Geisteswissenschaft da sein wird.

[ 33 ] Goethe stood right in the middle between these two camps. He was therefore able to foresee how the natural sciences would drift toward materialism, and, on the other hand, he found an opportunity to delve into the issues and build a bridge between religion and the natural sciences. That is why he was able to say so beautifully that a time would come when philosophy and natural science would unite. But, he added, for a while they must still go their separate ways. — They have gone their separate ways, with neither current understanding the other. Today we also have two currents: materialism, which has outlived its usefulness, which sees its most solid, most absolute foundation crumble in its own hands due to its own method, and which is destroying itself; and a philosophy that flows into theosophy or spiritual science; which seeks not to present the abstract spiritual, but the concrete spiritual—the facts of humanity’s higher world—and which will no longer exist as an abstract but as a concrete spiritual science.

[ 34 ] Wir werden in nicht zu ferner Zeit jenes schöne Bündnis erleben zwischen der naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen Anschauung. Wir werden sehen, wie die naturwissenschaftlichen Tatsachen brauchbar sein werden für die Geistesanschauung und die Geistesanschauung brauchbar sein wird für die Naturwissenschaft. Deshalb wird die Brücke geschaffen. Der menschliche Geist kann nur gedeihen, wenn seine Tätigkeitsweisen in Harmonie miteinander stehen. Verkrüppeln müßte der Geist, wenn die Naturwissenschaft ohne Geisteswissenschaft bliebe und die Geisteswissenschaft sich begnügen müßte mit dem Gedanken: Du kannst ja doch die Naturwissenschaft nicht auf das Geistige hinüberbringen. — Aber der Gang der Weltenentwickelung wird den Frieden bringen. Er wird die Brücke schaffen zwischen Glaube und Erkenntnis. Sie wird einen unendlichen Fortschritt und Harmonie bringen zwischen Glauben und Wissen.

[ 34 ] In the not-too-distant future, we will witness that beautiful alliance between the perspectives of the natural sciences and the humanities. We will see how the facts of the natural sciences will be useful to the humanities, and how the humanities will be useful to the natural sciences. That is why this bridge is being built. The human spirit can only flourish when its modes of activity are in harmony with one another. The spirit would be crippled if the natural sciences were left without the humanities, and if the humanities had to content themselves with the thought: “After all, you cannot bring the natural sciences over into the realm of the spiritual.” — But the course of world development will bring peace. It will build the bridge between faith and knowledge. It will bring infinite progress and harmony between faith and knowledge.

[ 35 ] Wie viele ersehnen heute äußeren Frieden, äußere Harmonie und äußeres Glück der Menschen! Aber alles Äußere ist ja Erscheinung des Inneren, und das äußere Menschenleben kann nur eine Folge des inneren sein. Ein glückliches äußeres Menschenleben wird entstehen, wenn es hoffnungsfrohe, zukunftssichere Seelen gibt. Die werden den richtigen sozialen Frieden zu gründen wissen, und aus dem inneren Frieden wird der äußere Frieden kommen. Deshalb scheint es nicht ohne Bedeutung zu sein, diese Naturwissenschaft am Scheideweg zu betrachten und zu zeigen, wie das eine in eine Sackgasse gehen wird, das andere aber ganz klar hineinführen muß in die Gebiete, die auch die der Geisteswissenschaft sind. So werden sie künftig zusammenwirken und das Weltgebäude wird von zwei Seiten bereichert sein. Es wird eine große, vollkommene Harmonie sein, und das wird im Menschen die innere Harmonie der Seele sein, die das letzte Ziel der Geisteswissenschaft ist.

[ 35 ] How many people today long for external peace, external harmony, and external happiness! But everything external is, after all, a manifestation of the internal, and external human life can only be a consequence of the internal. A happy external human life will arise when there are souls full of hope and confidence in the future. They will know how to establish true social peace, and from inner peace will come outer peace. Therefore, it seems significant to examine these natural sciences at this crossroads and to show how one path will lead to a dead end, while the other must quite clearly lead into the realms that are also those of spiritual science. In this way, they will work together in the future, and the structure of the world will be enriched from two sides. It will be a great, perfect harmony, and in the human being this will be the inner harmony of the soul, which is the ultimate goal of spiritual science.