Knowledge of Soul and Spirit
GA 56
28 November 1907, Berlin
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Knowledge of Soul and Spirit, tr. SOL
5. Initiation oder Einweihung
5. Initiation
[ 1 ] Manches in der Gegenwart unbeliebte und nur geduldete Thema mußte schon im Verlaufe unserer Wintervorträge über die Geisteswissenschaft berührt werden. Man kann aber sagen, daß kaum eines so wenig beliebt ist und so wenig toleriert wird wie dasjenige, was den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung bilden soll: die Einweihung oder Initiation.
[ 1 ] Some topics that are unpopular today and are merely tolerated had to be touched upon during our winter lectures on the science of the spirit. However, it can be said that hardly any topic is as unpopular and as little tolerated as the one that is to be the subject of our discussion today: initiation.
[ 2 ] Wenn man in dem Sinne, wie es durch die ganze Reihe von Vorträgen geschehen soll, von den geistigen, höheren Welten spricht, so wird selbstverständlich auch der Gedanke auftauchen: Wie kommt der Mensch zur Erkenntnis, zur Einsicht in bezug auf diese höheren Welten? Eine wenigstens vorläufige Antwort — eine volle Antwort können ja nur alle Vorträge dieses Winters geben — soll uns die heutige Betrachtung über die Einweihung geben. Voraussetzen müssen wir dabei die zwei Grundsätze aller Geisteswissenschaft, die wir schon im allerersten dieser Vorträge berührt haben: Der erste ist die Erkenntnis, daß es hinter und außer unserer durch die Sinne wahrnehmbaren, durch den gewöhnlichen Verstand begreifbaren Welt eine andere oder sogar eine Reihe von anderen Welten gibt, übersinnliche, überphysische Welten, wie wir sie genannt haben. Die zweite Erkenntnis ist, daß dem Menschen diese Welten, die außer unserer sinnlichen, sichtbaren Welt vorhanden sind, nach und nach zugänglich werden können, so daß es ihm möglich ist, sie durch seine eigene Entwickelung zu erkennen. Damit ruft natürlich die Geisteswissenschaft von vornherein die Gegnerschaft aller derjenigen hervor, die wir in den letzten Vorträgen genannt haben die «Wir»-Menschen und die «Man»-Menschen der Gegenwart. «Wir»-Menschen sind diejenigen, welche, wenn sie über diese Dinge reden, am häufigsten die Worte gebrauchen: «Man» kann oder «wir» können nicht erkennen. — Damit wird von vornherein eine Art Erkenntnis-Absolutismus, eine Art Unfehlbarkeit des betreffenden Sprechers hingestellt, der sich und das, was er erkennen kann, zum Normalmaß aller menschlichen Erkenntnis macht. Genau auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht die Geisteswissenschaft. Sie steht auf dem Standpunkt, daß der Mensch Fähigkeiten und Erkenntniskräfte hat, die keimhaft in ihm liegen und immer höher und höher entwickelt werden können. Wohl muß zugegeben werden, daß es ganz richtig ist, wenn jemand sagt, er könne gewisse höhere Welten nicht erkennen. Aber zu gleicher Zeit muß gesagt werden, daß diese höheren Welten eben nur mit denjenigen Erkenntniskräften nicht zu durchdringen sind, die er meint, und daß logischerweise niemand ein Recht hat zu sagen: Meine Erkenntniskräfte sind die absolut einzigen; was ich erkenne, bedeutet die Grenze aller möglichen Erkenntnis. — Denn damit lehnt man ja die menschliche Entwickelungsfähigkeit ab, leugnet von vornherein, daß der Mensch zu höheren und immer höheren Stufen aufsteigen könne. Daß er hierzu imstande sei, ist aber die Grundüberzeugung eines jeden Menschen, der die Welt unbefangen betrachtet, und besonders innerhalb unserer deutschen Bildung ist es ein leichtes, sich hinaufzuringen zu der Anerkennung dieses Prinzipes.
[ 2 ] When we speak of the spiritual, higher worlds—as we are to do throughout this series of lectures—the question will naturally arise: How does a person come to knowledge and understanding of these higher worlds? Today’s reflection on initiation is intended to provide at least a preliminary answer—for only the full series of lectures this winter can offer a complete answer. In doing so, we must take as a given the two fundamental principles of all spiritual science, which we have already touched upon in the very first of these lectures: The first is the realization that behind and beyond our world—which is perceptible through the senses and comprehensible by ordinary reason—there exists another world, or even a series of other worlds: supersensible, superphysical worlds, as we have called them. The second insight is that these worlds, which exist beyond our sensory, visible world, can gradually become accessible to human beings, so that it is possible for them to perceive them through their own development. Naturally, this means that spiritual science provokes opposition from the very outset from all those whom we have referred to in the previous lectures as the “we” people and the “one” people of the present. “We” people are those who, when speaking about these matters, most frequently use the phrases: “One” cannot or “we” cannot know. — This establishes from the outset a kind of epistemological absolutism, a kind of infallibility on the part of the speaker in question, who makes himself and what he can perceive the standard by which all human knowledge is measured. Spiritual science stands on the exact opposite point of view. It holds that human beings possess abilities and powers of perception that lie dormant within them and can be developed higher and higher. Admittedly, it is quite correct when someone says that they cannot perceive certain higher worlds. But at the same time, it must be said that these higher worlds cannot be penetrated precisely by the very powers of cognition that the speaker refers to, and that, logically, no one has the right to say: “My powers of cognition are the only ones that exist; what I perceive represents the limit of all possible knowledge.” — For in doing so, one rejects the human capacity for development and denies from the outset that human beings can ascend to higher and ever-higher levels. Yet the belief that they are capable of this is the fundamental conviction of every person who views the world with an open mind, and especially within our German educational tradition, it is easy to bring oneself to acknowledge this principle.
[ 3 ] Dasjenige, was eine Denkweise begründet, die zur Einweihung oder Initiation hinführt, hat in den verschiedensten, wunderschönen Sätzen und Wendungen Goethe immer wieder ausgesprochen und betont. Es sei — wir werden darauf im Verlaufe der heutigen Betrachtungen zurückkommen — an die Spitze dieses heutigen Vortrages jenes Wort gestellt, mit dem Goethe in dem tiefgedachten Fragment «Die Geheimnisse» hindeutet auf jene innere menschliche Kraft, die immer weiter und weiter, immer höher und höher strebt, die zwar eingeengt wird von dem, was uns umgibt, die gehemmt wird in jedem Augenblick von dem, was uns von außen, von allen Seiten als das Sinnliche, als die hemmende Kraft aufgedrängt wird, die aber dennoch ein Mittel hat, zur inneren, zur Welterkenntnis zu kommen. Goethe sagt in diesem Gedichte «Die Geheimnisse», in dem er von einer besonderen Einweihung der Rosenkreuzer spricht und damit das Prinzip der Einweihung in tiefsinnigen Worten andeutet:
[ 3 ] Goethe repeatedly expressed and emphasized, in a wide variety of beautiful sentences and turns of phrase, the very thing that forms the basis of a way of thinking that leads to initiation. Let us—we will return to this in the course of today’s reflections—place at the beginning of today’s lecture that phrase with which Goethe, in the deeply contemplative fragment “The Mysteries,” alludes to that inner human power that strives ever farther and farther, ever higher and higher—a power that is indeed constrained by our surroundings and hindered at every moment by what is imposed upon us from the outside, from all sides, as the sensory realm, as a restraining force—yet which nevertheless possesses a means of attaining inner knowledge and an understanding of the world. In this poem, “The Mysteries,” Goethe speaks of a special initiation of the Rosicrucians, thereby alluding to the principle of initiation in profound words:
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen hemmt und engt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort;
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
For all power surges forward into the vastness,
To live and act here and there;
Yet from every side, the current of the world
Holds us back and constricts us, sweeping us away;
Amid this inner storm and outer strife
The spirit hears a word that is hard to understand:
From the power that binds all beings,
The person who overcomes himself is set free.
[ 4 ] Es liegt ganz in Goethes Denkweise, diese Kraft des Menschen, die entwickelt werden kann zu höheren Erkenntniskräften, zu suchen, Mittel und Wege zu suchen zu einer wirklichen objektiven, in das Innere, das heißt Geistige der Dinge hineinschauenden Erkenntnisweisheit. Es liegt in seiner Denkweise, wenn wir ihn belauschen da, wo er am intimsten seinen Erkenntnisstandpunkt zum Ausdruck bringt. Da finden wir viele Hinweise, die uns das deutlich aussprechen.
[ 4 ] It is entirely in keeping with Goethe’s way of thinking to seek this human capacity—which can be developed into higher powers of cognition—and to seek ways and means to attain a truly objective wisdom that looks into the inner, that is, the spiritual essence of things. This is characteristic of his way of thinking when we listen to him as he most intimately expresses his perspective on knowledge. There we find many indications that clearly express this to us.
[ 5 ] Am Beginne seiner Farbenlehre, dieses vielverkannten Werkes — es ist heute überhaupt noch nicht die Zeit gekommen, um dieses Werk Goethes zu verstehen, vielleicht aber in einiger Zeit, wenn sich die Perspektiven, die ich in meinem Vortrage «Die Naturwissenschaft am Scheidewege» erwähnt habe, geltend machen —, sagt Goethe, das Auge sei «am Lichte für das Licht» gebildet. Er sagt, es sei ein gleichgültiges, nicht lichtempfindliches Organ gewesen. Durch das Licht sei es aufgerufen worden zu dem Organe, das jetzt das Licht sehen, die beleuchteten, lichterhellten Gegenstände wahrnehmen kann. So also ist im Sinne Goethes zu denken, was ich im Sinne der Geisteswissenschaft gesagt habe: daß in fernen Urzeiten das menschliche Wesen keine Augen gehabt habe, die Licht haben wahrnehmen können, daß die Augen hervorgegangen sind aus ganz anders gearteten Organen. Und welche Kraft war es, die diese Umwandlung vollbracht hat? Das Licht selber! Es hat hervorgezaubert das Auge, das lichtempfindlich geworden war. Und gleichzeitig deutet Goethe an, daß es vielleicht andere, unbekannte und verkannte Fähigkeiten im Menschen gibt, die, wenn sie entwickelt werden, geradeso eine neue Welt erschließen, wie das Auge, wenn es hervorgelockt wird, die Welt des Lichtes und der Farben erschließt. Und in keinem anderen Sinne sprechen wir in der Geisteswissenschaft von den höheren, übersinnlichen Welten.
[ 5 ] At the beginning of his Theory of Colors, this much-misunderstood work—the time has not yet come to understand this work by Goethe; perhaps it will come in time, when the perspectives I mentioned in my lecture “Natural Science at a Crossroads” gain traction—Goethe says that the eye is formed “by light for light.” He says that it was originally an indifferent organ, insensitive to light. Through light, it was transformed into the organ that can now see light and perceive illuminated, light-filled objects. Thus, in Goethe’s sense, we must think of what I have said in the context of spiritual science: that in distant primeval times, human beings did not have eyes capable of perceiving light, and that the eyes emerged from organs of an entirely different nature. And what force was it that brought about this transformation? Light itself! It conjured forth the eye, which had become light-sensitive. At the same time, Goethe suggests that there may be other, unknown, and unrecognized abilities within human beings which, when developed, open up a new world just as the eye, when awakened, opens up the world of light and color. And in no other sense do we speak in spiritual science of the higher, supersensible worlds.
[ 6 ] Genau im Sinne des Ausspruches von Johann Gottlieb Fichte, des großen Denkers, sprechen wir von solchen übersinnlichen Wahrnehmungen. Fichte sagt: Wenn ein einziger Sehender unter die Leute geht, die alle blind sind, und ihnen von Licht und Farben erzählt, so werden sie ihn wahrscheinlich für einen Phantasten halten. Ebenso sei das, was er, Fichte, dazumal seinen Zuhörern zu sagen hatte, nur für ein Organ, das erst hervorgehen müsse, und das — nur auf einer höheren Stufe — zu vergleichen sei mit dem Organe des Blindgeborenen, der vor der Operation die Welt nur durch Tasten erkannt habe, danach aber sie in Farben und Licht aufleuchten sehe. So sei es möglich, durch die Entwickelung von im Menschen schlummernden Kräften auch Fähigkeiten hervorzulocken, um in der Umgebung neue Kräfte und Objekte wahrzunehmen, die nur für geistige Fähigkeiten wahrzunehmen sind. Nicht in einem unlogischen Sinne, sondern in diesem durchaus logischen Sinne spricht man in der Geisteswissenschaft von höheren Welten.
[ 6 ] It is precisely in the spirit of the statement by Johann Gottlieb Fichte, the great thinker, that we speak of such supersensory perceptions. Fichte says: If a single sighted person were to go among people who are all blind and tell them about light and colors, they would probably take him for a fantasist. Likewise, what he, Fichte, had to say to his listeners at that time was intended only for a faculty that had yet to emerge—and which, on a higher level, could be compared to the faculty of a person born blind who, before surgery, had known the world only through touch, but afterward saw it glow with colors and light. Thus, through the development of powers lying dormant within human beings, it is possible to awaken abilities to perceive new forces and objects in the environment that can be perceived only through spiritual faculties. It is not in an illogical sense, but in this thoroughly logical sense, that spiritual science speaks of higher worlds.
[ 7 ] Wer die höheren Welten bezweifelt, der steht auf derselben Stufe der Urteilskraft wie der, welcher blind geboren ist und sagt: Es gibt keine Welt des Lichtes und der Farben, weil ich sie nicht sehe. — Über die Möglichkeit vermag niemand ein wirkliches Urteil abzugeben. Über die Wirklichkeit aber kann derjenige entscheiden, der es weiß. Nicht derjenige hat über eine Sache zu entscheiden, der nichts über sie weiß, sondern nur der, welcher etwas von ihr weiß. So hat in der Tat nur das Prinzip der Erfahrung, des Erlebnisses über das zu entscheiden, was man die Einweihung nennt.
[ 7 ] Anyone who doubts the higher worlds stands on the same level of judgment as one who was born blind and says: “There is no world of light and colors because I cannot see it.” — No one can make a true judgment about its possibility. But as for its reality, only the one who knows it can decide. It is not the one who knows nothing about a matter who must decide on it, but only the one who knows something about it. Thus, in fact, only the principle of experience, of lived experience, can decide on what is called initiation.
[ 8 ] Ist es aber deshalb unnötig, über diese Dinge zu reden? Nein, es ist nicht unnötig; denn in welchem Sinne redet derjenige, der von solchen höheren Welten Mitteilung macht? Er redet über sie, weil er weiß, daß rein durch diese Mitteilungen, rein durch diese Kunde, die in allen Menschen schlummernden Fähigkeiten und Kräfte, um zu diesen Welten wirklich vorzudringen, geweckt werden können. Und derjenige, der sich sträubt, von diesen Welten Kunde zu erhalten, der gleicht einem, der sich einstmals gesträubt hätte, die Entwickelung mitzumachen von der Stufe der menschlichen Organisation, wo noch keine Augen herausentwickelt waren, zur Entstehung dieser Organe, mit denen der Mensch die Sonne sehen kann. Dieser hätte auch sagen können: Warum soll ich mir etwas entwickeln lassen, damit ich die Sonne und das Licht erkennen kann? Vorher hat er die Sonne und das Licht nicht gekannt. Erst durch eine fremde Gewalt, die an uns herantritt, kann sich die innere Keimanlage im Menschen entwickeln. Nur wenn wir die Seele frei öffnen können den Mitteilungen über die höheren Welten, bekommen wir den ersten Anstoß, die höheren Kräfte zu entwickeln, die uns zuletzt zu Sehenden, zu Eingeweihten machen.
[ 8 ] But does that mean it is unnecessary to talk about these things? No, it is not unnecessary; for in what sense does the one who communicates about such higher worlds speak? He speaks about them because he knows that purely through these communications, purely through this knowledge, the abilities and powers slumbering within all human beings—the abilities and powers to truly penetrate these worlds—can be awakened. And the one who resists receiving news of these worlds is like someone who would once have resisted participating in the evolution from the stage of human organization where eyes had not yet developed to the emergence of those organs with which human beings can see the sun. Such a person might also have said: Why should I allow something to develop within me so that I can perceive the sun and the light? Before that, he did not know the sun or the light. Only through an external force that approaches us can the inner seed within the human being develop. Only when we can freely open our souls to the messages about the higher worlds do we receive the initial impetus to develop the higher powers that ultimately make us seers, initiates.
[ 9 ] Von dem Prinzipe der Einweihung sprach man zu allen Zeiten der Menschenentwickelung. Nur war das Verhältnis zum Öffentlichen Wirken anders, als es in unserem Zeitalter sein muß. Ob wir nun zurückgehen in die alten indischen, chaldäischen, babylonischen, ägyptischen, griechisch-römischen Kulturen, ob wir die Zeit des Mittelalters heraufwandern, durch das i6., 17. Jahrhundert bis zu uns, immer gab es Eingeweihte und Schüler der Eingeweihten. Nur sprach man nicht öffentlich darüber. Eingeweiht! Was war es? Es ist ein Unterschied zwischen einem Eingeweihten, einem Hellseher, und solchen, die höhere Kräfte anwenden im Dienste der physischen Welt. Auf diese feineren Unterschiede wollen wir uns aber heute nicht einlassen. Hellseher ist derjenige, der hineinschauen kann in die übersinnlichen Welten, für den dasjenige, was für den gewöhnlichen Menschen verborgene Welten sind, offenbare, wahrnehmbare Welten sind. Warum wurde die Einführung in solche höheren Welten sozusagen im Geheimen betrieben? Warum sprach man in früheren Zeiten öffentlich nicht davon? Wir werden das nächste Mal von den Gefahren der Einweihung sprechen. Heute soll nur darauf aufmerksam gemacht werden, daß an der Grenze zwischen der sinnlichsichtbaren Welt und der unsichtbar-übersinnlichen Welt in der Tat eine gewisse Gefahr für den Menschen lauert, und daß derjenige, der ein Eingeweihter werden soll, diese Gefahr zunächst zu überwinden hat. Sie besteht darin, daß es an der Grenze der physischen und der überphysischen Welt außerordentlich schwer ist, Illusion von Wirklichkeit, Träume von Realität, Vision von wirklicher Anschauung zu unterscheiden. Hier auf diesem Gebiete ist es sehr leicht, die eigenen phantastischen Gebilde seiner Seele mit dem, was real, objektiv, wirklich ist, zu verwechseln. Es bedarf verschiedener Eigenschaften, die im folgenden auseinandergesetzt werden, um an der Grenze gerade kaltes Blut, Sicherheit der Seele, Mut, Ausdauer und Energie zu bewahren, denn, wenn der Mensch an dieser Grenze die Klarheit über das, was Schein und was Wirklichkeit ist, verlieren würde, dann hätte er den Verstand verloren, dann wäre er ein Narr statt eines Eingeweihten.
[ 9 ] The principle of initiation has been discussed throughout all periods of human development. However, the relationship to public activity was different from what it must be in our age. Whether we look back to the ancient Indian, Chaldean, Babylonian, Egyptian, and Greco-Roman cultures, or trace our way through the Middle Ages, through the 16th and 17th centuries up to our own time, there have always been initiates and disciples of the initiates. It was simply not discussed publicly. Initiated! What was that? There is a difference between an initiate, a clairvoyant, and those who apply higher powers in the service of the physical world. But we will not delve into these finer distinctions today. A clairvoyant is someone who can look into the supersensible worlds; for such a person, the worlds that are hidden from the ordinary person are revealed, perceptible worlds. Why was initiation into such higher worlds conducted, so to speak, in secret? Why was it not spoken of publicly in earlier times? Next time we will speak of the dangers of initiation. Today we shall merely point out that a certain danger indeed lurks for human beings at the boundary between the sensibly perceptible world and the invisible, supersensible world, and that the one who is to become an initiate must first overcome this danger. This danger consists in the fact that, at the boundary between the physical and the supersensible worlds, it is extraordinarily difficult to distinguish illusion from reality, dreams from reality, and visions from true perception. Here, in this realm, it is very easy to confuse one’s own fantastical creations of the soul with what is real, objective, and true. Various qualities—which will be discussed below—are required to maintain a cool head, inner security, courage, perseverance, and energy at this very boundary; for if a person were to lose clarity at this boundary regarding what is illusion and what is reality, then he would have lost his reason, and he would be a fool rather than an initiate.
[ 10 ] Nun besteht bei den meisten Menschen gewiß, wenn sie von solchen Dingen hören, eine ungeheure Gier, eine wahre Wut, doch etwas zu sehen von den höheren Welten. Es besteht aber nicht in gleicher Weise bei den meisten Menschen die Ausdauer und der Wille, und vor allen Dingen auch nicht die Kraft, alles dasjenige zu überwinden, was nötig ist, um die Gefahren, die angedeutet worden sind, zu beseitigen. Daher war es zu allen Zeiten notwendig, daß man sich die Leute, die man zugelassen hat zur Einweihung, erst anschaute in bezug auf ihren Intellekt, ihre geistigen und moralischen Fähigkeiten und auf ihre Empfindungen. Nur diejenigen, die vor dem sicheren Blick des Eingeweihten die Probe bestehen konnten, konnten zur Einweihung zugelassen werden. Das mußten solche sein, die vermöge ihrer ganzen Lebenslage imstande waren, sich wirklich dem zu unterwerfen, was sie fähig machte, an der Grenze zwischen der physischen und der geistigen Welt Schein und Wahrheit, Vision und Wirklichkeit zu unterscheiden.
[ 10 ] Now, when most people hear about such things, they certainly feel an immense longing, a veritable fervor, to catch even a glimpse of the higher worlds. However, most people do not possess the same level of perseverance and willpower—and above all, the strength—to overcome everything necessary to eliminate the dangers that have been alluded to. Therefore, it has always been necessary to first assess the people admitted to initiation in terms of their intellect, their spiritual and moral capacities, and their sensibilities. Only those who could pass the test before the discerning gaze of the initiate could be admitted to initiation. These had to be individuals who, by virtue of their entire life situation, were capable of truly submitting themselves to that which enabled them to distinguish between illusion and truth, vision and reality at the boundary between the physical and spiritual worlds.
[ 11 ] Die Frage kann nun entstehen: Warum schweigen denn, wenn man so lange hat schweigen können, diejenigen, die über diese Dinge etwas wissen, nicht auch heute? Warum wird nicht auch heute das Prinzip der strengen Abgeschlossenheit in bezug auf die Einführung in die höheren Welten durchgeführt? Warum wird es gebrochen? Das hat seine gute Begründung. Die Menschheit schreitet vorwärts. Sie ist in den verschiedenen Epochen ihrer Entwickelung verschieden geartet. Und auch die Geschichte ist viel verschiedener in ihrer Gestaltung und in ihren Entwickelungsstufen, als der Laie es glaubt. Wer die Dinge nicht kennt, stellt sich vor, daß die Menschen heute so seien, wie sie vor Jahrhunderten waren. Stillschweigend haben auch die, welche die Geschichte und die Anthropologie studierten, dieselbe Vorstellung. Tatsächlich unterscheiden sich die Menschen verschiedener Jahrhunderte, die für eine äußere Anatomie und für die Physiologie scheinbar gleich sind, recht sehr voneinander. In den groben Dingen liegen meistens die Unterschiede nicht, und von dem, worin sie liegen, weiß die äußere Anatomie und Physiologie gar nichts. Die Menschheit schreitet fort, und wir sind in unserer Epoche zu einer Gestaltung des Menschengeistes und der Menschenseele gelangt, in welcher man die Erkenntnisse über die Weltengeheimnisse, die Anschauungen, Begriffe und Ideen, die uns hineinführen in die Tiefe der Dinge, die sonst immer bewahrt waren in den sogenannten Geheimschulen, zum allgemeinen Besten und zum Fortschritt der Menschheit benötigt.
[ 11 ] The question may now arise: Why, if they have been able to remain silent for so long, do those who know something about these matters not remain silent today as well? Why is the principle of strict seclusion regarding initiation into the higher worlds not upheld today? Why is it being violated? There is a good reason for this. Humanity is moving forward. It has taken on different forms in the various epochs of its development. And history, too, is far more diverse in its structure and stages of development than the layperson believes. Those who are unfamiliar with these matters imagine that people today are the same as they were centuries ago. Even those who have studied history and anthropology tacitly hold the same view. In fact, people from different centuries—who appear to be the same in terms of external anatomy and physiology—differ quite greatly from one another. The differences usually do not lie in the gross aspects, and external anatomy and physiology know nothing at all about where they do lie. Humanity is advancing, and in our era we have arrived at a form of the human spirit and soul in which the knowledge of the world’s mysteries—the insights, concepts, and ideas that lead us into the depths of things, which were otherwise always preserved in the so-called secret schools—is needed for the common good and the progress of humanity.
[ 12 ] Das Genauere wird in den folgenden Vorträgen zur Darstellung kommen. Wir brauchen heute nur auf den gewaltigen Unterschied hinzuweisen, der sich im Verlaufe weniger Jahrhunderte in der Menschheit vollzogen hat. Nur eines brauchen wir zu erwähnen, was tief eingegriffen hat in die menschliche Entwickelung: die Buchdruckerkunst. Denken Sie einmal, wie die Menschen in bezug auf ihre Seele, in bezug auf ihre geistige Bildung gelebt haben vor der Buchdruckerkunst, wie die Mitteilung war zwischen denjenigen, die etwas wußten, und denen, die etwas lernen wollten, bevor es Bücher gab, und wie heute die Mitteilungen der Wissenschaft und der Gelehrsamkeit durch tausend und aber tausend Hilfsmittel, durch populäre Schriften und Zeitungsartikel zu jeder Seele dringen. Und wenn Sie sich das weiter ausmalen, dann werden Sie sich ein Bild machen können, daß es in den Seelen heute anders ausschaut, und nicht meinen, daß das, was an Empfindungen, Gedanken und Impulsen in den Seelen lebt, keinen Einfluß auf das Leben im ganzen hätte. Derjenige, der glaubt, daß alles Offenbare ein Abdruck des Geistigen ist, wird sich sagen, daß die Menschen heute andere körperliche und soziale Bedürfnisse haben als in den verflossenen Zeiten. Früher war es möglich, daß einzelne Menschen über gewisse Ereignisse, über die Wahrheit und über Weisheit etwas gewußt haben. Heute aber muß dasjenige, was das Prinzip der Einweihung war, jedermann zugänglich gemacht werden. Aus einer Pflicht gegenüber der Menschheit wurde die strenge Geheimhaltung und Abgeschlossenheit früherer Zeiten durchbrochen, so daß heute nicht nur über dasjenige gesprochen wird, was vom Standpunkte der Geistesforschung über die höheren Welten zu sagen ist, sondern auch in einer gewissen Weise wenigstens in den Elementen gesprochen wird über die Art, wie der Mensch selbst in diese Welten hinaufkommen, wie er die ersten Stufen zur Einweihung absolvieren kann. Von vornherein muß aber darauf aufmerksam gemacht werden, daß niemand glauben soll, daß deshalb das Prinzip der Einweihung leicht und mit geringem Ernst zu nehmen sei, weil heute im Grunde genommen die ersten Stufen der Einweihung einem jeden zugänglich sind. Diese ersten Stufen sind, wie Sie hören werden, verhältnismäßig für jeden und in jeder Lebenslage zu absolvieren. Aber dann beginnen immer höhere Stufen bis hinauf zu dem, was man überhaupt erst, im wahren Sinne des Wortes, einen Eingeweihten nennt.
[ 12 ] The details will be covered in the following lectures. Today, we need only point out the enormous change that has taken place in humanity over the course of a few centuries. We need mention just one thing that has had a profound impact on human development: the art of printing. Just think about how people lived—in terms of their souls and their spiritual education—before the invention of printing; how communication took place between those who knew something and those who wanted to learn, before books existed—and how today the messages of science and scholarship reach every soul through thousands upon thousands of resources, through popular writings and newspaper articles. And if you imagine this further, you will be able to picture that things look different in people’s souls today, and you will not think that the feelings, thoughts, and impulses alive within them have no influence on life as a whole. Anyone who believes that everything manifest is an imprint of the spiritual will realize that people today have different physical and social needs than in times past. In the past, it was possible for individual people to know something about certain events, about truth, and about wisdom. Today, however, what was once the principle of initiation must be made accessible to everyone. Out of a sense of duty toward humanity, the strict secrecy and isolation of earlier times have been broken, so that today we speak not only of what can be said about the higher worlds from the standpoint of spiritual research, but also, in a certain sense—at least in the basics—of how human beings themselves can ascend into these worlds and how they can complete the first stages of initiation. From the outset, however, it must be emphasized that no one should believe that the principle of initiation is to be taken lightly or with little seriousness simply because, in essence, the first stages of initiation are now accessible to everyone. These first stages, as you will hear, can be completed relatively easily by anyone in any situation in life. But then come ever higher stages, leading up to what is, in the true sense of the word, called an initiate.
[ 13 ] Es obliegt mir zuerst, diesen Begriff zu charakterisieren. Was ist ein Eingeweihter? Wenn ich voraussetze, daß es hinter unserer sinnlichen Welt immer höhere und höhere Welten gibt, so wäre ein Eingeweihter derjenige, der einen Einblick in diese höheren Welten hat. Die Schulung zur Einweihung besteht darin, daß der Mensch die Mittel und Anweisungen erhält, wie er seine geistigen Augen und Ohren entwickeln kann, um in diese geistige Welt hineinsehen zu können, wie er mit seinen physischen Organen in die physische Welt hineinsieht.
[ 13 ] It is my task first to define this term. What is an initiate? If I assume that there are ever higher and higher worlds beyond our sensory world, then an initiate would be someone who has insight into these higher worlds. The training for initiation consists of a person receiving the means and instructions for developing their spiritual eyes and ears so that they can see into this spiritual world, just as they see into the physical world with their physical organs.
[ 14 ] Im Grunde genommen ist das alles nur Vorbereitung zur eigentlichen Einweihung. Derjenige, der ein Schüler der Einweihung wird, erhält gewisse Anweisungen von seinem Lehrer, wie er die in ihm schlummernden Fähigkeiten entwickeln kann. Das alles zielt nach einem Punkte hin, der im höchsten Sinne des Wortes den Menschen in eine vorläufige Weltentiefe hineinführt, in ein Zentrum, von dem aus die Strahlen des Weltenschaffens und der Weltgesetzmäßigkeit ausgehen. So etwas gibt es. Dieses Geheimnis wäre sogar in Worten aussprechbar und wird doch nicht ausgesprochen. Gestatten Sie von vornherein diese Andeutung, denn, wenn sie auch scheinbar geheimnisvoll klingt, derjenige, der etwas darüber nachdenkt, wird finden, daß sogar die Art, wie so etwas ausgesprochen wird, sehr bedeutsam ist für die Empfindung, die man sich aneignen soll, um das Prinzip der Einweihung zu verstehen.
[ 14 ] Essentially, all of this is merely preparation for the actual initiation. The one who becomes a student of initiation receives certain instructions from his teacher on how to develop the abilities that lie dormant within him. All of this is aimed at a point that, in the highest sense of the word, leads a person into a provisional depth of the universe—into a center from which the rays of world-creation and universal law emanate. Such a thing exists. This mystery could even be expressed in words, and yet it is not spoken of. Please allow me to make this allusion from the outset, for although it may sound mysterious, anyone who reflects on it will find that even the way in which such a thing is expressed is very significant for the sensibility one must acquire in order to understand the principle of initiation.
[ 15 ] Man bereitet den Schüler vor zur Entgegennahme des Weltengeheimnisses, das aussprechbar wäre, wenn es ausgesprochen werden dürfte. Der Eingeweihte ist derjenige, der ein gewisses, für das Leben der Menschen im höchsten Grade wichtiges Geheimnis weiß. Ein Geheimnis deshalb, weil, wenn es der Alltäglichkeit gegenüber ausgesprochen würde, es närrisch, verrückt, töricht, paradox erscheinen würde. Nun, das wäre noch das Geringere. Aber es liegen andere Gründe vor, warum derjenige, der das Geheimnis aussprechen könnte, es doch nicht aussprechen darf. Der Grund ist ein so tiefer, daß dieses Geheimnis, welches den Abschluß gewisser Einweihungsstufen bildet, niemandem, aber auch gar niemandem, der es kennt, abgerungen werden könnte, selbst nicht, wenn man ihn quälen und foltern würde. Dies ist ein Geheimnis, das er sich niemals abringen lassen kann. Denn nicht so wird dieses Geheimnis von Mensch zu Mensch gebracht, daß es in Worten mitgeteilt wird, sondern das Wesentliche besteht darin, daß man den Schüler so weit bringt, daß er durch die angedeutete Entwickelung seiner eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu kommt, aus sich selbst sich das Rätsel, das hinter der Sache liegt, zu lösen, so daß sozusagen der Schüler dem Lehrer gegenübersteht mit jenem leuchtenden Auge, aus dem sich ankündigt: Ich habe es gefunden!
[ 15 ] The student is prepared to receive the mystery of the world, which could be spoken if it were permitted to be spoken. The initiate is the one who knows a certain mystery that is of the utmost importance for human life. It is a mystery because, if it were spoken of in the context of everyday life, it would appear foolish, crazy, absurd, or paradoxical. Well, that would be the least of it. But there are other reasons why the one who could speak the mystery is nevertheless not permitted to do so. The reason is so profound that this secret, which marks the completion of certain stages of initiation, could not be wrested from anyone—absolutely no one—who knows it, not even if they were tortured and tormented. This is a secret that can never be forced out of him. For this secret is not passed from person to person by being communicated in words; rather, the essence lies in bringing the student to the point where, through the guided development of his own abilities and powers, he is able to solve the riddle lying behind the matter from within himself, so that, as it were, the student stands before the teacher with that shining eye from which it is announced: “I have found it!”
[ 16 ] Schulung ist hier: Hinführung zu dem Selbstfinden. Ein großer Teil dessen, was sich der Mensch zu erringen hat zu einem Eindringen in die höheren Welten, liegt gerade in jener großen und gewaltigen Empfindung, die in der Seele Platz greift, wenn, nach dem Hinaufführen in die höheren Fähigkeiten und Stufen der Entwickelung, die Seele erwacht, sich wie neugeboren fühlt. Es ist so, wie auf einer niedrigeren Stufe der Blindgeborene sich fühlt, der bisher nur tasten konnte, und dem aus den dunklen Finsternissen nach der Operation nach und nach Licht und Farbe, Glanz und Formen erscheinen. Nur dann, wenn dieses Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler besteht, ist das Verhältnis ein gesundes. Es ist auf das Höchste gebaut, was es zwischen Mensch und Mensch geben kann: auf die Freiheit. Dasjenige Verhältnis muß da sein, in dem nichts, aber auch gar nichts von einem unberechtigten Einfluß von seiten des Lehrers da ist, weil alles, was entwickelt werden soll, aus dem Schüler selbst herausgeholt wird.
[ 16 ] Training here means: a path toward self-discovery. A large part of what a person must achieve in order to penetrate the higher worlds lies precisely in that great and powerful sensation that takes hold of the soul when, after being led upward into the higher abilities and stages of development, the soul awakens and feels as if reborn. It is like how, at a lower level, a person born blind—who until then could only grope around—gradually begins to perceive light and color, brilliance and forms emerging from the deep darkness after an operation. Only when this relationship between teacher and student exists is the relationship a healthy one. It is built upon the highest thing that can exist between human beings: freedom. There must be a relationship in which there is no—absolutely no—unwarranted influence on the part of the teacher, because everything that is to be developed is drawn out from within the student himself.
[ 17 ] Nachdem wir auf diese Weise die Stimmung, wie sie das Prinzip der Einweihung beherrschen soll, charakterisiert haben, wollen wir ein wenig genauer auf das eingehen, was man die Entwickelung der im Menschen schlummernden Fähigkeiten nennt. Wir werden da von dem Naheliegenden ausgehen und zu dem Fernerliegenden vorwärtsschreiten. Drei Fähigkeiten sind für die gewöhnliche Beobachtung schon da: Denken, Fühlen und Wollen, Gedanke, Gefühl und Wille. Das ist das, was Sie in des Menschen Seele finden. So ist die Stufe des Durchschnittsmenschen. Alle drei Fähigkeiten sind der Entwickelung fähig. Zunächst das Denken: Dieses Denken kann den Menschen, auch wenn es noch so fein, noch so intim entwickelt wird, allerdings nicht über diese physische Welt hinausführen. Dennoch aber ist das Denken die erste Stufe der Entwickelung, wenn es gilt, hinauszukommen über die physische Welt. Das ist ein scheinbarer Widerspruch, der sich uns aber sogleich auflösen wird. Ich werde gleich zu sprechen haben von denjenigen Einweihungsprinzipien, die im Laufe der letzten Jahrhunderte in den Geheimschulen üblich waren und welche heute von denen, die etwas davon wissen, in ihren Anfangsgründen der Öffentlichkeit mitgeteilt werden dürfen.
[ 17 ] Now that we have characterized in this way the state of mind that should govern the principle of initiation, let us examine in a little more detail what is called the development of the faculties that lie dormant within the human being. We will begin with what is most obvious and proceed to what is more remote. Three faculties are already present to the ordinary observer: thinking, feeling, and willing—thought, feeling, and will. This is what you find in the human soul. Such is the level of the average person. All three faculties are capable of development. First, thinking: even if this thinking is developed to the finest and most intimate degree, it cannot, of course, lead a person beyond this physical world. Nevertheless, thinking is the first stage of development when it comes to transcending the physical world. This is an apparent contradiction, but one that will resolve itself for us immediately. I will shortly speak of those principles of initiation that were customary in the secret schools over the course of the last few centuries and which, today, may be communicated to the public in their most basic form by those who know something of them.
[ 18 ] Dasjenige, was der Schüler zuerst zu entwickeln hat, ist: sinnlichkeitsfreies Denken. Was heißt sinnlichkeitsfreies Denken? Wenn der Mensch durch seine Sinne die Welt um sich betrachtet, so macht er sich in seinen Vorstellungen Bilder der Welt, Ideen der Welt. Diese Vorstellungen und Ideen machen ihm die Welt begreiflich. Das alles ist aber kein sinnlichkeitsfreies Denken. Wenn auch die heutige Wissenschaft, aus einer gewissen inneren Schwäche heraus, ein anderes Denken vielfach nicht gelten lassen will, so gibt es doch ein anderes Denken, das seinen Quell einzig und allein im menschlichen Inneren, in des Menschen Seele hat. Nur ist von dem weitaus größten Umkreis dieses sinnlichkeitsfreien Denkens dem heutigen Menschen noch sehr wenig bekannt, und wenn einmal etwas zu ihm dringt, dann weist er es ab, dann will er es nicht gelten lassen.
[ 18 ] The first thing the student must develop is thinking free from the senses. What does thinking free from the senses mean? When a person observes the world around them through their senses, they form mental images of the world—ideas of the world—in their mind. These mental images and ideas make the world comprehensible to them. But none of this constitutes thinking free from the senses. Even though modern science, out of a certain inner weakness, often refuses to acknowledge a different kind of thinking, there is indeed another kind of thinking that has its source solely within the human being, in the human soul. It is just that modern people know very little about the vast majority of this non-sensory thinking, and when something of it does reach them, they reject it and refuse to accept it.
[ 19 ] Der Mensch kann nämlich Gedanken nicht nur haben in Anlehnung an die Sinneswelt, an das, was er sieht und hört, riecht und schmeckt; er kann auch Gedanken haben, die aus einer inneren Kraft selbst entspringen, die niemals durch ein Äußeres angeregt sein können. Selbst Philosophen sehen das heute noch nicht ein. Den Beweis kann ich erbringen. Eine Wissenschaft, die wenig im Publikum verbreitet ist, die Mathematik, die Geometrie, kann ihn liefern. Niemand kann in der Wirklichkeit draußen einen wirklichen Kreis sehen, niemand kann draußen dasjenige sehen, was ihm die Gesetzmäßigkeit eingibt: 2 x 2 = 4. Man kann aber durch reine innere Meditation, ohne daß man Bohnen zusammenlegt, herausbekommen, daß 2 x 2 = 4 ist, oder man kann sich den Kreis durch innere Anschauung konstruieren, so daß die Kreislinie von dem Mittelpunkte immer gleich weit entfernt ist. Was schrieb der große Plato über seine Schule? Er sagte, daß keiner ohne Kenntnis der Geometrie aufgenommen werden könnte. Damit war nicht gesagt, daß er die ganze Geometrie kennen müßte, sondern daß er einen entsprechenden Sinn dafür hatte. Würden wir in Begriffen nur den äußeren Kreis nachbilden, so würden wir nie einen wahren Kreis bilden können. Wir können aber im Geiste einen Kreis bilden und so die Gesetze des Kreises uns bilden. So müssen wir den Kreis aus dem eigenen Geist herausarbeiten. Das ist es, was man in den Geheimschulen sinnlichkeitsfreies Denken genannt hat. Die Mathematik ist nicht beliebt, und doch ist sie das einzige sinnlichkeitsfreie Denken, das in unseren Schulen getrieben wird. Die meisten werden einen aber auslachen, wenn man sagt, daß es noch andere Begriffe gibt, die rein geistig gefunden werden können, als die über Raum und Zahl und Figuren. Man mißachtet und verachtet die Philosophen und Denker, die behauptet haben, daß der Mensch ein Ideengebäude aufstellen könne, das mit der Welt im Einklange steht.
[ 19 ] For human beings can have thoughts not only based on the sensory world—on what they see, hear, smell, and taste—but they can also have thoughts that spring from an inner force within themselves, which can never be stimulated by anything external. Even philosophers still do not recognize this today. I can provide the proof. A branch of science that is not widely known to the general public—mathematics, specifically geometry—can provide it. No one can see a real circle in the external world; no one can see in the external world what the law of nature dictates: 2 × 2 = 4. But through pure inner meditation, without counting beans, one can discover that 2 × 2 = 4, or one can construct the circle through inner intuition, such that the circumference is always the same distance from the center. What did the great Plato write about his school? He said that no one could be admitted without knowledge of geometry. This did not mean that one had to know all of geometry, but rather that one possessed a corresponding sense for it. If we were to reproduce only the outer circle in our concepts, we would never be able to form a true circle. But we can form a circle in our minds, and in this way the laws of the circle shape us. Thus, we must work out the circle from within our own minds. This is what was called “sensory-free thinking” in the secret schools. Mathematics is not popular, and yet it is the only form of sensory-free thinking practiced in our schools. Most people, however, will laugh at you if you say that there are other concepts—besides those of space, number, and figures—that can be discovered purely through the mind. People disregard and despise the philosophers and thinkers who have claimed that human beings can construct a system of ideas that is in harmony with the world.
[ 20 ] Derjenige, der innerhalb unserer deutschen Bildung und Kultur für andere Gebiete als für Raumgebilde in der Geometrie solche sinnlichkeitsfreien Ideen aufgestellt hat, ist wiederum Goethe, und es ist eine wunderbare, eine gewaltige Errungenschaft des Geisteslebens der Menschheit, was Goethe geleistet hat mit dem Typus der Pflanzen, mit der Urpflanze, und dem Typus der Tiere, dem Urtier. Was sind das für Gedanken? Goethe selbst sucht sie in seiner Weise klarzumachen. Viele haben darüber geschrieben. Aber das meiste ist Unsinn, weil die meisten nicht die Möglichkeit haben, zu verstehen, wie sich ein geistig konstruierter Kreis, dessen Gesetze wir einsehen können, verhält zu dem auf der Tafel gezeichneten Kreis, der nichts ist als eine Anzahl Kreidepartikelchen. So aber verhält sich dasjenige, was Goethe die Urpflanze nennt, zu der äußerlich-sinnlich wahrnehmbaren Pflanze. Draußen sind die verschiedenen Pflanzen — so dachte Goethe —, die eine sieht so, die andere so aus. Aber in uns lebt eine innere geistige Kraft, durch die wir imstande sind, aus innerer Produktion heraus den Begriff der Urpflanze zu finden. Die Botaniker haben gedacht, Goethe habe eine unvollkommene Pflanze gemeint. Unsinn ist das! Er meinte die geistig geschaute Pflanze! Das ist es, was ich in einem meiner Bücher versucht habe nachzukonstruieren als diese Urpflanze, so wie man auch den Kreis im Geiste konstruiert. Goethes Urpflanze enthält, wenn man im Geiste in der Lage ist, alle Möglichkeiten aus ihr hervorzuzaubern, alle möglichen Pflanzen; sein Urtier enthält alle möglichen Tiere. Es ist eine geistige Organik, was Goethe da geschaffen hat. Sie gibt uns die Möglichkeit, das, was nicht unseren Sinnen erscheinen kann, im Geiste zu erschaffen. Da gehen wir allerdings von einer tiefen, bedeutsamen geistigen Tatsache aus. Und Goethe ging von dieser Tatsache aus, von welcher ihm das, was er als Urpflanze fand, zuteil wurde. Das war für ihn nicht eine bloße Idee, sondern es war das Schaffende in allen Pflanzen. Das Urtier war für ihn das Schöpferische in jedem Tier.
[ 20 ] The one who, within our German education and culture, has established such ideas—devoid of sensuality—for realms other than spatial structures in geometry is, once again, Goethe; and what Goethe accomplished with the archetype of plants, the primordial plant, and the archetype of animals, the primordial animal, is a marvelous, a monumental achievement of humanity’s spiritual life. What kind of thoughts are these? Goethe himself seeks to clarify them in his own way. Many have written about them. But most of it is nonsense, because most people lack the capacity to understand how a mentally constructed circle—whose laws we can grasp—relates to the circle drawn on a blackboard, which is nothing more than a collection of chalk particles. Yet this is precisely how what Goethe calls the “primordial plant” relates to the plant that is perceptible to the external senses. Out there are the various plants—so Goethe thought—one looks one way, another looks another. But within us lives an inner spiritual power through which we are able, from within ourselves, to arrive at the concept of the primordial plant. Botanists have thought that Goethe meant an imperfect plant. That is nonsense! He meant the plant as perceived spiritually! That is what I have attempted to reconstruct in one of my books as this “primordial plant,” just as one constructs the circle in the mind. Goethe’s primordial plant contains—if one is able, in the mind, to conjure up all possibilities from it—all possible plants; his primordial animal contains all possible animals. What Goethe created there is a spiritual organic whole. It gives us the ability to create in the mind that which cannot appear to our senses. Here, however, we are proceeding from a profound, significant spiritual fact. And Goethe proceeded from this fact, from which what he found as the “primordial plant” was bestowed upon him. For him, this was not a mere idea, but rather the creative force within all plants. The “primordial animal” was, for him, the creative force within every animal.
[ 21 ] Berühmt geworden ist das von mir oft angeführte Gespräch, das gleich im Anfange ihrer Bekanntschaft Goethe und Schiller miteinander über die Pflanzen führten, als sie aus einem Vortrag der Naturforschenden Gesellschaft in Jena kamen. Da sagte Schiller, es sei unbefriedigend, die Wesen so zu betrachten, daß man nicht ihren Zusammenhang sehen könne. Goethe antwortete, daß es ja auch eine andere Art geben könne, wo man das Gemeinsame, das geistige Band, das alle zusammenhält, sehen könne. Goethe schildert uns das Gespräch, und wie er dann seinen Bleistift nahm und mit einigen charakteristischen Strichen das Bild seiner Urpflanze hinzeichnete. Da sagte Schiller, der spekulative Dichter: Das ist aber keine Tatsache, das ist eine Idee, keine Wirklichkeit. — Dann, sagte Goethe, wenn das eine Idee ist, sehe ich die Ideen draußen mit den Augen! — In der Pflanze ist die das Leben schaffende Kraft. Wegen der tiefen Anschauung, die der Goethesche Geist von einem solchen Sein hatte, war es möglich, daß in seinem Geiste dasjenige auferweckt wurde, was in allen Tieren und Pflanzen schafft. Es besteht ein geheimes Band zwischen dem menschlichen Innern und dem, was in der ganzen Tier- und Pflanzenwelt ausgebreitet ist. Wenn der Mensch in sich hervorzaubert die Urpflanze, so zaubert er jene Form hervor, nach der die Pflanzen geschaffen worden sind. Wir empfinden uns auf diese Weise als geistige Teilnehmer an den Produktionen der Natur. Es ist für Goethe ein Untertauchen in die Dinge und ein Hervorzaubern des Geistes, der in den Dingen lebt, in seinem Geiste. Das stellt Goethe vor den Menschen hin.
[ 21 ] The conversation I have often cited—the one Goethe and Schiller had about plants right at the beginning of their acquaintance, as they were leaving a lecture by the Natural History Society in Jena—has become famous. Schiller said then that it was unsatisfying to view living things in such a way that one could not see their interconnectedness. Goethe replied that there could indeed be another way, one in which one could see the commonality—the spiritual bond that holds everything together. Goethe describes the conversation to us, and how he then took his pencil and, with a few characteristic strokes, sketched the image of his “primordial plant.” Schiller, the speculative poet, then said: “But that is not a fact; it is an idea, not reality.” — “Then,” said Goethe, “if that is an idea, I see ideas out there with my own eyes!” — “In the plant lies the life-creating force.” Because of the profound insight that Goethe’s spirit had into such a being, it was possible for that which creates in all animals and plants to be awakened within his spirit. There is a secret bond between the human inner being and that which is spread throughout the entire animal and plant world. When a human conjures up the primordial plant within himself, he conjures up that form according to which the plants were created. In this way, we perceive ourselves as spiritual participants in the creations of nature. For Goethe, this is an immersion into things and a conjuring forth into his own spirit of the spirit that lives within them. This is what Goethe presents to humanity.
[ 22 ] Man kann auch in höheren Gebieten dasselbe versuchen. Ein deutscher Philosoph hat es getan, nicht in ausreichender Weise, aber in prinzipieller und in ungeheuer tiefer Weise, die nicht verstanden worden ist. Wenn eine Anekdote, die erzählt wird, wahr wäre, sie würde diese Tatsache in ihrer Tiefe bezeugen! Der vielgeschmähte Hegel soll nämlich gesagt haben: «Nur einer hat mich verstanden, und auch der hat mich mißverstanden.» Hegel hat versucht, in sinnlichkeitsfreie Begriffe zu schaffen, was in des Menschen Umgebung und in der menschlichen Geschichte lebt. Jetzt ist in der Reclamschen Universalbibliothek Hegels «Philosophie der Geschichte» erschienen, worin er einen großen Überblick gibt über die ganze Weltgeschichte, Vieles darin ist nicht richtig, vieles ist leider so einseitig, wie eben nur Hegel einseitig sein konnte, so daß das Buch nur zur Anregung dienen kann. Es wird aber gut dazu dienen können, um das Prinzip zu finden. Hegel hat sich bemüht um sinnlichkeitsfreies Denken, so daß er im eigenen Geiste, der derselbe Geist ist wie der, welcher die Menschheit geleitet hat, alles auftreten läßt. Wer das tun will, der braucht eine intimere Kenntnis des Geistes des Menschen und der Völker, als sie Hegel besitzen konnte. Es erscheint daher alles abstrakt, grau, im schlechten Sinne logisch; aber die Dinge sind geistreich und anregend. Und da muß man sagen: Was da falsch ist, kann der Menschheit noch viel mehr nützen, als noch so viel Richtiges, das trivial ist.
[ 22 ] One can also attempt the same thing in higher realms. A German philosopher did so—not sufficiently, but in a principled and immensely profound way that has not been understood. If a certain anecdote that is told were true, it would bear witness to this fact in all its depth! The much-maligned Hegel is said to have remarked: “Only one person has understood me, and even he misunderstood me.” Hegel attempted to create concepts free from sensuality that capture what lives in the human environment and in human history. Hegel’s *Philosophy of History* has now been published in Reclam’s Universal Library, in which he provides a broad overview of the entire history of the world. Much of it is incorrect; much of it is, unfortunately, as one-sided as only Hegel could be, so that the book can serve only as a point of departure. However, it will serve well as a means of discovering the principle. Hegel strove for thinking free from sensibility, so that he allows everything to unfold within his own spirit—which is the same spirit that has guided humanity. Anyone who wishes to do this needs a more intimate knowledge of the spirit of humanity and of peoples than Hegel could possess. Consequently, everything appears abstract, gray, and logical in the negative sense; yet the ideas are spirited and stimulating. And here one must say: What is wrong there can be of far greater benefit to humanity than even the greatest amount of truth that is trivial.
[ 23 ] Ebenso wie man in der Mathematik sinnlichkeitsfrei denken und schaffen kann, wie man es auch in der Geschichte machen kann, so soll meine «Philosophie der Freiheit» für die innere Entwickelung des Menschen mit seinem ganzen Erkenntnisvermögen ein Bild geben, wie dieses aus dem sinnlichkeitsfreien Denken heraus erfaßt werden kann. Das ist ein Buch wie ein Organismus, wo ein Satz dem anderen folgt, ein Buch von einem in sich sich fortbewegenden und in sich geschlossenen Denken. Ich habe darin zeigen wollen, wie der Mensch, der allmählich aus der Sinnlichkeit in das Übersinnliche hineingehen will, sein Denken kultivieren muß. Heute gibt es allerdings leichtere Mittel, und zwar diejenigen, welche die Geisteswissenschaft mitteilt. Was wir in den geisteswissenschaftlichen Werken über die verschiedenen Wesensglieder des Menschen, über Wiederverkörperung und Karma, das Leben nach dem Tode, über die Entwickelung der Menschenrassen und Kulturen lesen können, und von dem wir noch sprechen werden, ist etwas, was Sie nicht mit Sinnen sehen können, sondern es ist etwas, was Sie begreifen können, wenn Sie sich überhaupt auf menschliches Begreifen einlassen. Das, was die Geisteswissenschaft gibt, ist für die Menschen sinnlichkeitsfreies Denken, wie es in den Geheimschulen früher gegeben wurde, und wie der Mensch es haben muß, bevor er hineinschauen kann in die geistigen Welten. Zum Aufsuchen dessen, was in den geistigen Welten ist, gehört Hellsehen, Einweihung. Wer sich aber in gewisser Weise die Möglichkeit verschafft hat, Mitteilungen zu geben, der kann eine Brücke bilden. So kann dann jeder durch umfassendes logisches Denken und eine gesunde Urteilskraft sich davon überzeugen, daß die Dinge richtig sind. Zum Aufsuchen gehört Hellsehen, zum Begreifen der höheren Weisheiten gehört nur gesunder Verstand und Logik.
[ 23 ] Just as one can think and create in mathematics without relying on the senses, and just as one can do so in history, so my *Philosophy of Freedom* is intended to provide, for the inner development of the human being with his or her full cognitive capacity, a picture of how this can be grasped through thinking that is free from the senses. This is a book like an organism, in which one sentence follows another—a book of thought that moves forward within itself and is self-contained. In it, I have sought to show how a person who wishes to gradually move from the sensory realm into the supersensory realm must cultivate their thinking. Today, however, there are easier means—namely, those provided by spiritual science. What we can read in the works of spiritual science about the various constitutional elements of the human being, about reincarnation and karma, life after death, and the development of human races and cultures—and which we will discuss further—is something you cannot perceive with your senses, but rather something you can grasp if you are at all open to human understanding. What spiritual science offers is thinking free from the influence of the senses, as was once taught in the mystery schools, and as a person must possess before they can look into the spiritual worlds. Exploring what exists in the spiritual worlds requires clairvoyance and initiation. But anyone who has, in a certain sense, acquired the ability to convey these messages can serve as a bridge. In this way, anyone can convince themselves through comprehensive logical thinking and sound judgment that these things are true. The exploration of the spiritual worlds requires clairvoyance, while the comprehension of higher wisdom requires only sound reason and logic.
[ 24 ] Allerdings sind heute viele von einem mehr oder weniger materialistischen Denken oder von jenem Unfehlbarkeitsdünkel wie besessen, der von der positivistischen Wissenschaft herrührt. Diese ist ja die reine Phantasterei. Wenn die Leute nur wüßten, daß sie im Grunde genommen nur unter Suggestionen leben, daß sie nicht wissen, was wirklich und was nicht wirklich ist! Die Unfehlbarkeit des Papstes wollen sie zwar nicht anerkennen, sich selbst aber halten sie für unfehlbar. Der, welcher auf dem Standpunkte der Wissenschaft steht, ist heute am alleruntolerantesten. Den Geisteswissenschafter betrachtet er als einen Toren, und sich? Nun, als einen unfehlbaren Menschen! Über die den Sinnen nicht zugängliche Welt kann nur in sinnlichkeitsfreiem Denken etwas mitgeteilt werden. Daher ist die erste Schulung die Schulung des Denkens, die es erst ermöglicht, das Denken auszubilden und zu einem eigentlichen Hineinblicken in die geistigen Welten zu führen.
[ 24 ] However, many people today are more or less obsessed with materialistic thinking or with that delusion of infallibility stemming from positivist science. This is, after all, pure fantasy. If only people knew that, deep down, they live solely under the influence of suggestion, that they do not know what is real and what is not! Although they refuse to acknowledge the infallibility of the Pope, they consider themselves to be infallible. Those who take the standpoint of science are the most intolerant of all today. He regards the scholar of the spiritual sciences as a fool, and himself? Well, as an infallible human being! The world inaccessible to the senses can be communicated only through thinking free from sensuality. Therefore, the first training is the training of thought, which alone makes it possible to develop thinking and lead it to a true insight into the spiritual worlds.
[ 25 ] Das zweite ist die Ausbildung des Fühlens. Niemand sollte das Fühlen ausbilden, bevor er das sinnlichkeitsfreie Denken nicht bis zu einer gewissen Stufe gebracht hat. Derjenige, der weiß, wie es in diesen höheren Welten aussieht, der sagt Ihnen eines: Wenn Sie hinaufkommen in die höheren Welten, die über unseren physischen liegen, so kommen Sie in die astralische und dann in die geistige oder devachanische Welt. Da sind die Eindrücke ganz anders, als der Mensch sie sich vorstellen kann, der nur die physische Welt kennt. Wenn auch alle Erlebnisse, alle Erfahrungen anders sind, eines bleibt: Die Logik, das gesunde Denken. Der Mensch, der sich das gesunde Denken aneignet, der ein vernünfliger, sicher auf seinen Beinen stehender Mensch ist, der wird nicht entgleisen können, wenn er in die Welten, die hinter der physischen Welt liegen, die für ihn Überraschungen über Überraschungen bieten, hinaufsteigt. Derjenige, der dieses aus dem inneren Quell der Seele schaffende, seiner selbst gewisse Denken bei sich ausbildet, der hat einen sicheren Führer auch über jene Grenze hinüber, wo zwischen dem Physischen und Überphysischen schwer zu unterscheiden ist. Mit gesundem Denken kommt man über den Abgrund, der sich da auftut, hinweg. Segelt man ohne gesundes Denken und sagt: Ihr gebt mir nur Gedanken; in mir aber lebt die Kraft eines Gottes, warum soll ich nicht in die höheren Welten aufsteigen können? — so kann ich nur erwidern: Die so sprechen, haben keine Ahnung, wie es sich ausnimmt in den höheren Welten, wo wir nicht zurechtgerückt werden durch die äußere Welt, wo wir den Führer in uns haben müssen, wenn wir nicht entgleisen sollen.
[ 25 ] The second is the cultivation of feeling. No one should cultivate feeling until they have developed thinking free from sensuality to a certain level. Anyone who knows what these higher worlds are like will tell you this: When you ascend to the higher worlds that lie above our physical world, you enter the astral world and then the spiritual, or devachanic, world. There, the impressions are entirely different from what a person who knows only the physical world can imagine. Even though all experiences are different, one thing remains constant: logic, sound thinking. A person who cultivates sound thinking—who is a reasonable, well-grounded individual—will not lose their way when they ascend into the worlds beyond the physical world, which hold surprise after surprise for them. The one who cultivates within themselves this way of thinking—which springs from the inner wellspring of the soul and is self-assured—has a sure guide even across that boundary where it is difficult to distinguish between the physical and the superphysical. With sound thinking, one can cross the abyss that opens up there. If one sets out without sound thinking and says: “You give me only thoughts; but within me lives the power of a god—why should I not be able to ascend into the higher worlds?”—then I can only reply: Those who speak this way have no idea what it is like in the higher worlds, where we are not guided by the external world, where we must have the guide within us if we are not to go astray.
[ 26 ] Die Ausbildung des Fühlens geschieht mit Hilfe der Imagination in der Schule der Einzuweihenden. Der Schüler schafft sich zunächst eine bildliche Vorstellung der Welt; dann muß er so recht still seine Weltbetrachtung vornehmen unter dem Goetheschen Spruch: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.» Ich möchte Ihnen an einem Beispiel, das ich schon mehrfach gegeben habe, zeigen, wie man den, der eine geistige Entwickelung anstrebt, hineinführt in die Tiefen der Dinge, wie man ihm durch Imagination eine Schulung des Gefühls beibringt. Wenn Sie mit Ihrem Denken die Entwickelung der Wesen erfassen wollen und beim Denken stehenbleiben, so können Sie niemals aus dieser Sinneswelt einen ordentlichen Schritt hinausmachen. Sie können sich die verschiedensten Begriffe aneignen, wie sich untergeordnete Wesen immer höher bis zum Menschen entwickeln, Sie können sogar die geisteswissenschaftliche Entwickelungslehre nehmen, wie sich der Logos ergossen hat und immer kompliziertere Formen und Welten gebildet hat: Pflanzen, Tiere, Menschen und Menschenreiche, wie alle Differenzierungen sich gebildet haben, Evolutionen und Involutionen und so weiter. Das sind Lehren, die Sie in theosophischen Büchern finden, schöne und interessante Begriffe. Aber in die höheren Welten hineingelangen können Sie auf diesem Wege nicht. Sie können sich dadurch Vorstellungen bilden, die Analogien sind von höheren Welten, niemals aber können Sie damit in diese Welten hineinkommen. Dazu brauchen Sie Imagination. Es ist das nicht etwas Eingebildetes. Es ist etwas, was mit einer produktiven Kraft hervorgebracht wird und nicht bloß in Begriffen sich ausgestaltet, so daß diese Begriffe, wie Goethes Urpflanze und Urtier, den äußeren Wirklichkeiten entsprechen; sondern es werden Bilder ausgestaltet, die viel Tieferem entsprechen, die dem Geist entsprechen, der hinter diesen Dingen schafft.
[ 26 ] The development of feeling takes place with the help of imagination in the school for initiates. The student first creates a pictorial conception of the world; then he must contemplate the world in quiet reflection, guided by Goethe’s maxim: “All that is transitory is but a parable.” I would like to show you, using an example I have given several times before, how one guides those who strive for spiritual development into the depths of things, and how one teaches them to cultivate their feelings through imagination. If you wish to grasp the development of beings with your thinking and remain at the level of thought, you will never be able to take a proper step beyond this sensory world. You can acquire the most diverse concepts—such as how lower beings evolve ever higher toward humanity; you can even take the theosophical doctrine of evolution, describing how the Logos poured forth and formed increasingly complex forms and worlds: plants, animals, humans, and human kingdoms—and how all these differentiations came into being, through evolution and involution, and so on. These are teachings you find in theosophical books—beautiful and interesting concepts. But you cannot enter the higher worlds by this path. You can form ideas through them—the analogies are drawn from higher worlds—but you can never actually enter those worlds with them. For that, you need imagination. This is not something imagined. It is something brought forth by a creative power and does not merely take shape in concepts—so that these concepts, like Goethe’s “primordial plant” and “primordial animal,” correspond to external realities—but rather, images are formed that correspond to something much deeper, that correspond to the Spirit which creates behind these things.
[ 27 ] Ich möchte in der Form eines Dialoges darstellen, was in solchen Geheimschulen immer den Geheimschülern gesagt worden ist. Das sage ich Ihnen, um das Prinzip, die Methode der Einweihung klarzumachen. Was ich in ein paar Worten ausspreche, nimmt bei der Schulung einen langen Zeitraum ein. Der Dialog, den ich schildere, hat auch nie stattgefunden; aber das, was er darstellt, hat in jeder Geistesschule immer stattgefunden. Man sagt zum Schüler: Sieh dir die Pflanze an, die mit der Wurzel in die Erde hineinweist, die ihren Stengel, ihre Blätter und Blüten nach oben wachsen läßt, und vergleiche sie mit dem Menschen. Du würdest falsch den Vergleich anstellen, wenn du den Kopf mit der Blüte und den Fuß mit der Wurzel vergleichen wolltest. — Als Einschaltung möchte ich sagen, daß auch derjenige, der die neuere Naturwissenschaft in so großartiger Weise begründet hat, auf diese Anschauung kommt. Er vergleicht die Wurzel mit dem Kopf des Menschen und sieht in der Pflanze den umgekehrten Menschen und im Menschen die umgekehrte Pflanze. — Die Wurzel ist der Kopf, den die Pflanze zum Mittelpunkte der Erde hinstreckt, ebenso wie der Mensch seinen Kopf, den er in der entgegengesetzten Richtung hält, der Sonne oder den Himmelskräften des Universums entgegenstrecken kann. Dasjenige, was die Pflanze als ihr Fortpflanzungsorgan hat, die Blüte, aus der hervorgeht der Keim zu einer neuen Pflanze, dreht sie keusch dem Sonnenstrahl entgegen, den man in den mittelalterlichen Geheimschulen nennt «die heilige Liebeslanze», der den Fruchtknoten berührt und nach der Befruchtung den neuen Pflanzenkeim herauszaubert, der überhaupt die Pflanze nach dieser Richtung wachsen macht. Genau umgekehrt ist der Mensch. Er streckt dem Mittelpunkte der Erde seine Befruchtungsorgane zu, den Kopf hinaus in den Raum. Dazwischen, so sagt man dem Schüler, ist das Tier, das eine halbeWendung macht, so daß das Rückgrat horizontal ist. Sieh dir an Pflanze, Tier, Mensch, und du begreifst den Ausspruch Platons, daß die Weltseele an das Kreuz der Welt geschlagen sei. Unter der Welt versteht Platon Pflanze, Tier und Mensch. Die Pflanze ist es, die senkrecht steht, umgekehrt zu ihr ist der Mensch, der den Blick mit dem Haupte in den freien Weltenäther hinauswendet, und der Querbalken ist das Tier. Das ist die Urform des Kreuzes, die in den alten Zeiten und in allen Geheimschulen bekannt war.
[ 27 ] I would like to present, in the form of a dialogue, what has always been taught to initiates in such secret schools. I am telling you this to clarify the principle and method of initiation. What I am expressing in just a few words takes a long time to cover during the training. The dialogue I am describing never actually took place; but what it represents has always taken place in every school of the spirit. The student is told: Look at the plant whose root points into the earth, whose stem, leaves, and flowers grow upward, and compare it to the human being. You would be making the wrong comparison if you were to equate the head with the flower and the foot with the root.” — As an aside, I would like to say that even the man who laid the foundations for modern natural science in such a magnificent way arrives at this view. He compares the root to the human head and sees in the plant an inverted human and in the human an inverted plant. — The root is the head that the plant extends toward the center of the Earth, just as a human being can extend his head—which he holds in the opposite direction—toward the sun or the celestial forces of the universe. That which the plant possesses as its reproductive organ—the flower, from which the seed of a new plant emerges—it turns chastely toward the sunbeam, which in the medieval secret schools is called “the holy lance of love,” which touches the ovary and, after fertilization, conjures forth the new plant seed, causing the plant to grow in that direction. The human being is exactly the opposite. He extends his reproductive organs toward the center of the Earth, while his head reaches out into space. In between, the student is told, is the animal, which makes a half-turn so that its spine is horizontal. Look at the plant, the animal, and the human, and you will understand Plato’s statement that the World Soul is nailed to the cross of the world. By “world,” Plato means plant, animal, and human. It is the plant that stands vertically; opposite it is the human being, who turns his gaze with his head out into the free ether of the world; and the crossbeam is the animal. This is the archetypal form of the cross, which was known in ancient times and in all the mystery schools.
[ 28 ] Nun sagt man dem Schüler folgendes: Stelle dir vor die Pflanze in ihrer reinen, keuschen Substanz. Der Mensch steht auf einer höheren Stufe als die Pflanze. Sie können das Weitere entnehmen aus den Vorträgen, die ich in der verflossenen Zeit gehalten habe. Die Pflanze gleicht dem schlafenden Menschen. Sie hat, so wie sie vor uns steht, physischen Leib und Ätherleib oder Lebensleib. Beim schlafenden Menschen liegen im Bette auch nur der physische Leib und der Äther- oder Lebensleib. Der Mensch ist als Schlafender eigentlich außerhalb des physischen und Ätherleibes. Das, was in ihm denkt und fühlt, Lust und Schmerz erlebt, ist im Schlafzustande ausgeschaltet. Die Pflanze hat also ein Bewußtsein, das wir kennen als Schlafbewußtsein und auch so bezeichnen können.
[ 28 ] Now tell the student the following: Imagine the plant in its pure, chaste substance. Human beings stand on a higher level than plants. You can learn more from the lectures I have given in the past. The plant resembles a sleeping human being. As it stands before us, it has a physical body and an etheric body, or life body. In the case of a sleeping human being, only the physical body and the etheric—or life—body lie in bed. As a sleeper, the human being is actually outside the physical and etheric bodies. That which thinks and feels within them, and experiences pleasure and pain, is switched off during sleep. The plant, therefore, possesses a consciousness that we recognize as “sleep consciousness” and can also describe as such.
[ 29 ] Was bedeutet die Entwickelung durch die Horizontallinie bis zur vollständigen Umdrehung? Sie bedeutet, daß der Mensch sein gegenwärtiges helles Tagesbewußtsein erlangt hat. Durch den Durchgang durch die Tiere ist der Mensch ein Wesen mit hellem Tagesbewußtsein geworden. Dafür hat er etwas anderes einbüßen müssen. Sehen Sie die Pflanze an: Sie ist nicht durchdrungen von dem Begierdenleib, von dem Astralleib. Die Pflanzensubstanz hat physischen Leib und Ätherleib. Der Mensch muß durch das Tier gehen und sich eingliedern Instinkte, Begierden und Leidenschaften. Der Mensch ist höher gestiegen, indem er in den Pflanzenleib die Begierdennatur eingegliedert hat.
[ 29 ] What does the development along the horizontal line toward a complete reversal signify? It signifies that human beings have attained their present clear daytime consciousness. Through their passage through the animal kingdom, human beings have become beings with clear daytime consciousness. In exchange, they have had to forfeit something else. Look at the plant: it is not permeated by the body of desire, by the astral body. The plant substance has a physical body and an etheric body. Human beings must pass through the animal realm and incorporate instincts, desires, and passions. Human beings have ascended to a higher level by incorporating the nature of desire into the plant body.
[ 30 ] Nun stellt ihm die Geisteswissenschaft ein großes Ideal hin, ein reales Ideal. Diese Geisteswissenschaft zeigt dem Menschen, wie er in sich nach und nach die Kraft entwickeln kann, die wieder zurückführt zur Läuterung und Reinigung der Begierdennatur, die ihn dahin führt, wo er unter Beibehaltung seines jetzigen Bewußtseinszustandes wieder im reinen, keuschen Leibe auf höheren Entwickelungsstufen leben wird, auf Zukunftsstufen der Entwickelung, wo er das überwunden haben wird, was er notwendigerweise in sich hineinnehmen mußte beim Durchgang zu den höheren Stufen. Was da der Lehrer dem Schüler hinstellte, das war ein reales Zukunftsideal: Du wirst die Pflanzennatur wieder haben! Und man gab ihm die Mittel an, es zu erlangen. Man sagte ihm, die ganze Menschheit wird einstmals wieder auf dieser Stufe ankommen, wo der Mensch die rein geistige Kraft aus sich heraus entwickelt haben wird. Dann wird er nicht mehr an die Begierdennatur gebunden sein, kein begierdenhaftes Befruchtungsorgan mehr dem geistigen Sonnenstrahl entgegenhalten. Man nennt dieses Organ, das der Mensch dann erlangt haben wird, und das man als reales Organ hinstellte, obwohl es ein geistiges Organ ist, das in der Zukunft dem geistigen Sonnenstrahl entgegengehalten werden wird, in der Einweihungsschulung den Heiligen Gral.
[ 30 ] Now, spiritual science presents him with a great ideal—a real ideal. This spiritual science shows human beings how they can gradually develop within themselves the power that leads back to the purification and cleansing of their desire-driven nature—a power that will guide them to a place where, while retaining their present state of consciousness, they will once again live in pure, chaste body, on higher stages of development—stages of future development—where he will have overcome what he necessarily had to take into himself during the passage to the higher stages. What the teacher presented to the student was a real ideal for the future: You will regain your plant nature! And he was given the means to attain it. He was told that all of humanity will one day return to this stage, where human beings will have developed the purely spiritual power from within themselves. Then they will no longer be bound to the nature of desire, nor will they hold up a desire-driven reproductive organ against the spiritual ray of the sun. This organ, which humankind will then have attained—and which was presented as a real organ, even though it is a spiritual organ that will be held up to the spiritual sunbeam in the future—is called the Holy Grail in the initiatory training.
[ 31 ] Und nun denken Sie sich den Unterschied zwischen den trockenen abstrakten Begriffen, die man in der Mathematik oder in idealistischen Schriften Ihnen hinstellt, und dieser Imagination, wo wir heraufgehen durch das Tier zum Menschen und wieder herauf zu weiteren Zukunftsstufen der Menschheit. Wenn wir ein solches Zukunftsbild vor die Seele hinstellen, dann werden wir, wenn wir überhaupt dazu fähig sind, den Geist nicht nur zu denken, sondern zu fühlen und zu empfinden, mit unseren Gefühlen und Empfindungen diese Imagination begleiten. Wir werden diese Entwickelung nicht nur im Geiste sehen, wir werden sie fühlen und empfinden. Groß und gewaltig wird uns die Entwickelung im Weltenall erscheinen, wenn wir sie so im Bilde erfassen, nicht in abstrakten Begriffen. So wurde den Geheimschülern das ganze Weltall ringsherum, mit allen Welträtseln, vorgeführt. Das nahm nicht nur sein Denken, sondern auch sein Fühlen und Empfinden in Anspruch. Es war ihm, wie wenn seine ganze Seele herausginge und sich hineinlebte in alles, was um ihn herum ist. Wie beim Goetheschen Urtypus etwas in uns geschaffen wird, was in allen Pflanzen und Tieren lebt, so ist es auch, wenn sich das entwickelte Fühlen aus uns heraushebt, als ob wir die Weltseele fühlten, die als Kraft durch alle Wesen strömt.
[ 31 ] And now imagine the difference between the dry, abstract concepts presented to you in mathematics or in idealistic writings, and this imagination, in which we ascend through the animal realm to humanity and on up to further future stages of humanity. When we hold such a vision of the future before our soul, then—if we are at all capable of it—we will not only think about the spirit but also feel and sense it, accompanying this vision with our feelings and sensations. We will not only see this development in our minds; we will feel and sense it. This development in the universe will appear vast and mighty to us when we grasp it in this way through imagery, rather than through abstract concepts. In this way, the entire universe all around them, with all its mysteries, was revealed to the initiates. This engaged not only their thinking but also their feelings and sensibilities. It was as if their entire soul were stepping out and immersing itself in everything around them. Just as Goethe’s “archetype” creates within us something that lives in all plants and animals, so too is it when our developed feeling rises up from within us, as if we were sensing the world soul that flows as a force through all beings.
[ 32 ] So wurde alles, was rings um den Schüler war, lebendig für ihn, es wurde Imagination. Wo er ging durch Flur und Feld, überall wirkten die Bilder in seiner Seele. Das löste in ihm die innere Kraft und er blickte allmählich hinter die Wesen und hinter die Dinge. Wenn man das so erzählt, so erscheint es einem schier unglaublich. Wenn der Schüler unter der Anleitung des Lehrers hineingeführt wurde in das Imaginative der Welt, dann wurde er nicht nur an das Denken herangeführt, sondern in das Gefühl und die Impulse hineingeführt, die hervorgequollen sind aus der Seele des Weltenschöpfers. Er wurde eingeführt in eine wesenhafte Welt. Und weiter geht es dann von der Entwickelung des Fühlens zu der Entwickelung des Wollens.
[ 32 ] Thus, everything around the student came alive for him; it became imagination. Wherever he walked—through hallways and fields—the images worked upon his soul. This unleashed an inner strength within him, and he gradually began to see beyond the beings and beyond the things. When one tells the story this way, it seems almost unbelievable. When the student was guided by the teacher into the imaginative realm of the world, he was not only introduced to thinking but also led into the feelings and impulses that welled up from the soul of the Creator of the World. He was introduced to a world of essences. And the journey then continues from the development of feeling to the development of will.
[ 33 ] Wie das Fühlen durch die Bilder, so wird das Wollen durch die Zeichen der okkulten Schrift entwickelt. Dieses Wollen ist das Tiefste der verborgenen Kraft. Es wird dieses Wollen wie zu einem Knochengerüst, das der Mensch durch dieses Wollen hinausdrängt in die äußere Welt. Wenn Sie sich an die Bilder des Münchener Kongresses erinnern, an die Säulen und Siegel: diese sind dazu da, den Willen zu schulen. In der Mappe, die wir als «Bilder okkulter Siegel und Säulen» haben erscheinen lassen, haben Sie dieses wiedergegeben. Ich will Ihnen das Prinzip dieser okkulten Siegel und Säulen einmal erörtern und ihre Bedeutung für die Einweihung angeben. Da stellt jedes der Siegel dar, was Sie in der «Apokalypse» oder der «Geheimen Offenbarung des Johannes» finden können. In dieser Mappe finden Sie Zeichen. Jedes Zeichen ist von einer gewaltigen, impulsierenden Wirkung auf den Menschen. Da finden Sie auf dem ersten Siegel eine menschliche Figur; die Füße sind wie aus flüssigem Messing, aus dem Munde heraus geht ein feuriges Schwert. Alles übrige will ich nicht weiter beschreiben. Wer sich in dieses Siegel vertieft, der wird sehen, daß ihm gerade dieses Siegel, namentlich durch diesen Kontrast, etwas Wunderbares gibt. Wir werden in dem letzten Vortrage dieser Winterreihe über «Sonne, Mond und Sterne» hören, daß wir durch die Geisteswissenschaft auch in Zustände der Erde zurückgeführt werden, wo die Erde in einem feuerflüssigen Zustande war und daß — dies im Gegensatz zu der materialistischen Wissenschaft — der Mensch schon da war. Den Einwand, daß der Mensch nicht in einem Feuerflüssigen leben könnte, kann sich die Geisteswissenschaft selber machen. Der Mensch war damals selber geformt aus feuerflüssiger Masse. Dieser Erdenanfang wird uns dargestellt in den feuerflüssigen Metallfüßen. Ein späterer Zukunftszustand wird uns dargestellt durch das feurige Schwert, das aus dem Munde kommt, das in allen Mythen wiedererscheint. Ich kann nur andeuten, um was es sich hier handelt. Sie werden sehen, wie die Geisteswissenschaft tief zusammenhängt mit dem innersten Wesenskern der Welt.
[ 33 ] Just as feeling is developed through images, so is the will developed through the symbols of occult writing. This will is the deepest aspect of the hidden power. This will becomes, as it were, a skeletal framework through which the human being projects himself into the outer world. If you recall the images from the Munich Congress—the pillars and seals—they serve to train the will. You have reproduced this in the portfolio we published as “Images of Occult Seals and Pillars.” I would like to explain the principle behind these occult seals and pillars and describe their significance for initiation. Each of the seals represents what you can find in the “Apocalypse” or the “Revelation of St. John.” In this portfolio, you will find symbols. Each symbol has a powerful, impelling effect on the human being. On the first seal, you will find a human figure; the feet are as if made of molten brass, and a fiery sword emerges from the mouth. I will not describe the rest in further detail. Anyone who delves deeply into this seal will see that this very seal, particularly through this contrast, bestows something wondrous upon them. In the final lecture of this winter series on “The Sun, Moon, and Stars,” we will hear that spiritual science also takes us back to states of the Earth when it was in a molten state, and that—in contrast to materialistic science—humanity already existed at that time. Spiritual science itself can raise the objection that human beings could not have lived in a molten state. Human beings themselves were formed from molten mass at that time. This beginning of the Earth is represented to us by the molten metal feet. A later future state is represented to us by the fiery sword that comes out of the mouth, which reappears in all myths. I can only hint at what is at stake here. You will see how spiritual science is deeply connected to the innermost core of the world.
[ 34 ] Wenn wir heute sprechen: Wie geschieht die Vermittlung, wenn ich zu Ihnen spreche? Was ich spreche, sind zunächst meine Gedanken. Diese nehmen Töne an, die die Luft in Schwingungen versetzen. Dadurch wird in diesem Saale die Luft in Bewegung gesetzt. Die Schwingungen der Luft kommen an Ihr Ohr, kommen an Ihre Seele, teilen sich Ihrer Seele mit. Meine Worte leben hier in dem Raume in bestimmten Schwingungsformen. Könnten Sie sie sehen, so würden Sie, wenn ich das Wort Seele ausspreche, ganz bestimmte Schwingungen sehen. So wie der Mensch heute imstande ist, die Luft zu formen und das, was in seiner Seele lebt, in schwingender Luft erstehen zu lassen, so wird er imstande sein, auch Organe zu formen. Es gibt Organe im Menschen, die am Anfang, und Organe, die am Ende der Entwickelung stehen. Am Anfang der Entwickelung stehen der Kehlkopf und das Herz des Menschen. Ich weiß, daß ich damit etwas Ungeheuerliches sage für die positive Wissenschaft, denn diese beiden werden ja hingestellt wie mechanische Apparate, das Herz wie eine Pumpe. Gerade die Theorien des Herzens und der Blutzirkulation werden aber in nicht zu ferner Zukunft gehörige Umbildungen erfahren. Man wird finden, daß die Zirkulation des Blutes von ganz etwas anderem herrührt als vom Herzen, und daß das Herz sich nur durch die Blutzirkulation bewegt. Wenn der Mensch Schamgefühl hat, so wird er rot, er errötet. Das ist ein Einfluß des Blutes. Das Herz wird in Zukunft ein willkürlicher Muskel sein, und es bereitet sich vor, ein willkürlicher Muskel zu werden.
[ 34 ] When we speak today: How does communication take place when I speak to you? What I speak are, first and foremost, my thoughts. These take on sounds that cause the air to vibrate. This sets the air in this hall in motion. The vibrations of the air reach your ear, reach your soul, and communicate with your soul. My words live here in this room in specific forms of vibration. If you could see them, you would see very specific vibrations whenever I utter the word “soul.” Just as human beings today are capable of shaping the air and bringing what lives in their souls into being through vibrating air, so too will they be capable of forming organs. There are organs in the human being that are at the beginning of their development, and organs that are at the end. At the beginning of their development are the larynx and the human heart. I know that what I am saying here is something monstrous to positive science, for these two are, after all, regarded as mechanical devices—the heart as a pump. Yet it is precisely the theories of the heart and blood circulation that will undergo significant transformations in the not-too-distant future. It will be discovered that blood circulation originates from something entirely different than the heart, and that the heart moves only as a result of blood circulation. When a person feels shame, they turn red; they blush. This is an effect of the blood. In the future, the heart will be a voluntary muscle, and it is preparing to become one.
[ 35 ] Es ist hier etwas gegeben, was die Zukunft des Menschen äußerlich-physisch geradezu ausprägen wird. Für die gewöhnliche Anatomie und Physik ist das Herz eine Crux. Es hat die Konfiguration wie ein willkürlicher Muskel, während es heute noch kein willkürlicher Muskel ist. Ein willkürlicher Muskel hat quergestreifte Muskelfasern. Das Herz hat solche quergestreiften Fasern, obwohl es heute noch nicht willkürlich ist. Es ist aber auf dem Wege dazu, ein willkürlicher Muskel zu werden.
[ 35 ] There is something here that will literally shape the future of humankind in an external, physical sense. For conventional anatomy and physics, the heart is a crux. It has the configuration of a voluntary muscle, even though it is not yet a voluntary muscle. A voluntary muscle has striated muscle fibers. The heart has such striated fibers, even though it is not yet voluntary. However, it is on its way to becoming a voluntary muscle.
[ 36 ] Auch der Kehlkopf wird in der Zukunft eine andere Funktion haben. Er wird das Fortpflanzungsorgan des Menschen sein. Der Kehlkopf, der heute Worte der Seele hervorbringt, wird später die Fortpflanzung auf sich nehmen. Das Feuerprinzip ist die Rede, und das Feuerprinzip der Rede wird ein schöpferisches Prinzip sein; daher das Schwert im Munde. Dieses Feuerschwert steht in inniger Beziehung zu den Weltenkräften. Wenn der Mensch sich in dessen Bild vertieft, so stärkt das seine Willenskraft. Das alles kann nur so gesagt werden. Wer es tut, wird es erfahren. Er wird dann nicht nur ahnen, denken und fühlen, sondern mit seinen Willenskräften hineindringen in die Dinge. Dies ist der Weg durch die okkulte Schrift.
[ 36 ] The larynx, too, will have a different function in the future. It will be the human reproductive organ. The larynx, which today produces the words of the soul, will later take on the task of reproduction. The fire principle is speech, and the fire principle of speech will be a creative principle; hence the sword in the mouth. This fiery sword stands in an intimate relationship with the world forces. When a person immerses themselves in its image, it strengthens their willpower. All this can only be expressed in this way. Whoever does so will experience it. He will then not only intuit, think, and feel, but will penetrate into things with the powers of his will. This is the path through the occult scriptures.
[ 37 ] Man kann also ganz konkret angeben, in welcher Weise man Denken, Fühlen und Wollen entwickeln soll. Hat man die im Menschen schlummernden Kräfte erweckt, dann werden Denken, Fühlen und Wollen ganz bestimmte Organe, diejenigen Organe, die man heute Gottesaugen, Geistesaugen nennt. Aus ihnen werden die geistigen Augen, die uns die Welt des flutenden geistigen Lichtes und seiner Farben zeigen und die geistigen Kräfte hinter unserer physischen Welt. Die geschulten Willenskräfte werden die geistigen Ohren, von denen auch Goethe spricht, der tief in diese Dinge eingeweiht war:
[ 37 ] One can therefore specify quite concretely how one should develop thinking, feeling, and willing. Once the powers lying dormant within the human being have been awakened, thinking, feeling, and willing become very specific organs—those organs that are today called the eyes of God, the spiritual eyes. From these arise the spiritual eyes that reveal to us the world of flowing spiritual light and its colors, as well as the spiritual forces behind our physical world. The trained powers of the will become the spiritual ears of which Goethe, who was deeply initiated into these matters, also speaks:
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
The sun resounds in the ancient way
A contest of song in the spheres of the brotherhood,
And its prescribed journey
It completes with a thunderous roar.
[ 38 ] Und Goethe bleibt im richtigen Bilde. Wenn man eingeführt wird in die höhere geistige Welt, so wird man eingeführt durch das Ohr. Wenn man in das geistige Gebiet hineinkommt, wird gleich gesagt: «Tönend wird für Geistesohren schon der neue Tag geboren.» Denjenigen, die glauben, Goethe zu verstehen und zu kennen, die aber sagen, das sei Unsinn, und dafür eine Erklärung brauchen, die man dem Dichter nicht zumuten kann, ist zu antworten: Nein, man kann einem Dichter wie Goethe nicht zumuten, daß er Unsinn schrieb: «Die Sonne tönt... .» ist nur dann ein Unsinn, wenn man es auf die physische Welt anwendet.
[ 38 ] And Goethe captures the essence of it. When one is introduced to the higher spiritual world, it is through the ear. Upon entering the spiritual realm, one is immediately told: “The new day is already born in sound for spiritual ears.” To those who believe they understand and know Goethe, but who say this is nonsense and demand an explanation that cannot reasonably be expected of the poet, the answer is: No, one cannot expect a poet like Goethe to have written nonsense: “The sun resounds...” is nonsense only if applied to the physical world.
[ 39 ] So haben wir gesehen, daß das Prinzip der Einweihung darauf beruht, daß man ganz bestimmte Kräfte, die im Inneren des Menschen schlummern, herausholt, so daß diese Kräfte den Menschen hineinführen in die ihn umgebende geistige Welt. Was ist es denn, was diese Kräfte aus dem Menschen herausholt? Ganz im Sinne Goethes müssen wir uns die Sache erklären. Einstmals gab es ein sinnliches Organ, ein gleichgültiges Organ in seinem sinnlichen Leibe, das vom Licht umflutet war. Das Licht machte es zum Auge, so daß der Mensch durch das Auge die Farben und Formen um sich herum sehen konnte. So entstand das Auge. Unbekannte und unerkannte Organe, die man nicht anerkennen will, schlummern in dem Menschen. Aber auch andere Welten sind um uns herum, außer der Welt des Lichtes und der Farben. So wie bei dem Blinden das Auge erweckt wurde zum Sehen, so werden beim Hellsehen und Hellhören die geistigen Ohren und Augen herangebildet, so daß der Mensch hineinschauen kann in die umliegende geistige Welt.
[ 39 ] We have seen, then, that the principle of initiation is based on bringing forth very specific forces that lie dormant within the human being, so that these forces may lead the person into the spiritual world that surrounds them. What, then, is it that brings these forces out of the human being? We must explain this in the spirit of Goethe. Once upon a time, there was a sensory organ—an indifferent organ within the human body—that was bathed in light. The light transformed it into an eye, so that the human being could see the colors and forms around them through the eye. This is how the eye came into being. Unknown and unrecognized organs, which people are unwilling to acknowledge, lie dormant within human beings. But there are other worlds around us as well, besides the world of light and colors. Just as the eye of a blind person was awakened to sight, so too are the spiritual ears and eyes developed through clairvoyance and clairaudience, enabling human beings to look into the surrounding spiritual world.
[ 40 ] Heute hat der Mensch in sich selber das Selbstbewußtsein errungen. Er ist so geworden, daß er imstande ist, alles auf sich zu beziehen. Aber dadurch, daß er die geistigen Augen und Ohren entwickelt, daß er dem Prinzip der Einweihung folgt, taucht er wieder unter in die äußere Welt. Sein höheres Selbst findet er in dieser Welt. Wir dürfen nicht sagen, daß wir in uns das Göttliche und Geistige finden. Das ist ein unrichtiger Ausdruck. «Erkenne dich selbst!» ist ein altes Wort. Aber man muß es so fassen, wie der alte Adam erkannt hat sein Weib. Das hat er befruchtet. So ist es auch mit den Organen. Befruchte dich selbst, laß dich von der Welt befruchten. — So ist dasjenige, was der Mensch erreichen soll, die Entwickelung der in ihm schlummernden Kräfte... Wahr ist, was Goethe sagt:
[ 40 ] Today, human beings have attained self-awareness within themselves. They have become capable of relating everything back to themselves. But by developing their spiritual eyes and ears, by following the principle of initiation, they plunge back into the outer world. They find their higher self in this world. We must not say that we find the divine and the spiritual within ourselves. That is an incorrect expression. “Know thyself!” is an ancient saying. But one must understand it in the same way that the ancient Adam knew his wife. He impregnated her. So it is with the organs as well. Impregnate yourself; let yourself be impregnated by the world. — Thus, what human beings are meant to achieve is the development of the powers slumbering within them... What Goethe says is true:
Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken;
läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken!
Were it not for the sun-like eye,
it could never behold the sun;
were God’s own power not within us,
how could the divine delight us!
[ 41 ] Gewiß liegt in uns die Sonnenkraft, und das Auge erschafft nicht das göttliche Wesen, erschafft nicht die Sonne, sondern es sieht sie, nachdem es selbst geschaffen worden ist.
[ 41 ] Certainly, the power of the sun lies within us, and the eye does not create the divine being, nor does it create the sun; rather, it sees them after it itself has been created.
[ 42 ] Das ist der Weg, wie wir höhere Kräfte entwickeln und immer tiefer in die Welt eindringen können. Dann erscheint uns die äußere Welt nicht mehr als etwas, was uns hemmt und einengt, sondern als das, was uns wahre, echte und geistige Wirklichkeit vorführt. Dann wird der Einklang geschaffen zu der Kraft, die vorwärts und immer vorwärts will. Harmonie wird geschaffen zwischen Mensch und Welt. Dadurch überwinden wir das niedere Selbst, das hinausschaut in die sinnliche Welt. Wir erlangen das höhere Selbst, das höhere Ich des Menschen, das in dem ganzen Universum ausgebreitet ist. Das meint Goethe, indem er in dem Gedichte «Die Geheimnisse» das Prinzip der Einweihung andeutet mit dem Worte, mit dem wir schließen wollen, und das zeigt, wie der Mensch durch Selbstüberwindung ausfließt und hineinfließt in das durch die Welt strömende Fühlen, in das Geistige der Welt, in den durch die Welt pulsierenden Willen der Weltengeister:
[ 42 ] This is the way in which we can develop higher powers and penetrate ever more deeply into the world. Then the outer world no longer appears to us as something that hinders and constrains us, but as that which reveals true, genuine, and spiritual reality to us. Then harmony is established with the force that strives forward and ever forward. Harmony is established between the human being and the world. Through this, we overcome the lower self that looks out into the sensory world. We attain the higher self, the higher “I” of the human being, which is spread throughout the entire universe. This is what Goethe means when, in the poem “The Mysteries,” he alludes to the principle of initiation with the words with which we wish to conclude—words that show how, through self-overcoming, the human being flows out of and into the feeling that surges through the world, into the spiritual essence of the world, into the will of the world spirits pulsing through the world:
Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort;
In diesem innern Sturm und äußern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.
For all power surges forward into the vastness,
To live and act here and there;
Yet from every side, the current of the world
Restricts and hinders us, sweeping us along;
Amid this inner storm and outer strife,
The spirit hears a word that is hard to understand:
From the power that binds all beings,
The person who overcomes himself is set free.
